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BERNHARD RÜTHLING
GEBR. 18. APR. 1834
GEST. 22. APR. 1881
Sockel
ANNA RÜTHLING
GEB. FRANK
GEBR. 23. MÄRZ 1840
GEST. 16. APRIL 1900
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* 18.4.1834 (Meiningen/Thüringen)
† 22.4.1881 (München)
Schauspieler
München, 22. April
Soeben unmittelbar vor Schluß unseres Blattes erhalten wir die erschütternde Nachricht, daß Herr Hofschauspieler Rüthling heute Vormittag ½9 Uhr nach längerer Krankheit gestorben ist. Das kgl. Hoftheater verliert mit ihm eines seiner hervorragendsten Mitglieder, dessen Freunde einen liebenswürdigen Gesellschafter, die Stadt einen ehrenhaften hochangesehenen Mitbürger. Möge ihm die Erde leicht sein.
Neueste Nachrichten Nr. 113. München; Samstag, den 23. April 1881.
München, 23. April
Die Beerdigung des königl. Hofschauspielers Herrn Rüthling findet morgen Sonntag Nachmittags 4 Uhr auf dem südlichen alten Gottesacker statt. Als Todesursache erfahren wir, daß Herr Rüthling sich vor einigen Tagen eine Morphiumeinspritzung beibrachte, hiebei brach die Spitze der Injektionsnadel ab, die im Fleische stecken blieb. Bei der durch Herrn Professor Dr. v. Nußbaum sofort vorgenommenen Operation wurde die Nadelspitze nicht gefunden. Es trat Blutvergiftung ein, welcher der Künstler erlag.
Neueste Nachrichten Nr. 114 & 115. München; Sonntag, den 24. April 1881.
München, 25. April.
Welcher Beliebtheit sich Bernhard Rüthling in allen Schichten des kunstliebenden Publikums Münchens erfreut hatte und wie allgemeine Trauer daher das unglückselige Verhängniß wachrief, das ihn der Kunst so früh entriß, davon sprach beredter als jedes andere Zeugniß die nach Tausenden zählende Schaar, welche am gestrigen Nachmittage die Gräberreihen des Campo santo besetzte, in dem des Künstlers Ueberreste zur Ruhe bestattet werden sollten, davon sprachen die reichen Lorbeer- und Blumengewinde, die den Sarg bedeckten und ihm nachgetragen wurden, wie der große Zug der Leidtragenden, die ihm folgten, davon sprach vor allem aber die weihevolle ernste Stimmung, die über der ganzen Trauerversammlung lag, und die tiefe Ergriffenheit, die jeder Einzelne in der weiten Menge unbewußt zur Schau trug. Dadurch blieb der Mangel des kirchlichen Prunkes unbemerkt, der dem Begräbnisse eines Mannes fehlte, der in seinem ganzen Leben, wie wenig andere, die Gebote der echten Christenliebe hochhielt und erfüllte. Um 4 Uhr bewegte sich der Zug vom Leichenhause nach dem Grabe. Hinter dem mit Blumen und Lorbeerkränzen ungemein reich geschmückten Sarge schritten die leidtragenden Verwandten und Freunde des Verlebten, dann der Minister des Innern, v. Pfeufer, Generalintendant Freiherr v. Perfall, zahlreiche Beamte, Offiziere, Mitglieder der städtischen Collegien, Collegendes Verstorbenen, Deputirte auswärtiger Bühnen, dann der endlose Zug anderweitiger Personen der Münchener Bevölkerung. Als der Sarg der Erde unter den Klängen eines Trauermarsches übergeben war, betrat Hr. Schauspieldirector Possart den Erd-Hügel am offenen Grabe, dem geschiedenen Freunde die letzten Grüße mit folgenden Worten zu widmen:
Es will einsam werden in den Hallen des Münchener Schauspiels. Sieben Jahre sind verflossen, seit wir unsere Johanna Mayer zur großen Ruhe geleiteten. Als wir die letzte Scholle Erde auf das Grab geworfen, verließen wir zu Dritt — der Wissende dort unten, Emil Rohde und ich — wie wir es seit langen Jahren bei gleich schmerzlichen Anlässen zu thun gewohnt waren — die Stätte des Friedens. Dort am Portal kehrte der nun Dahingeschiedene sich um: »Bald ist die Reihe an uns«, sprach er, wie von trüber Ahnung erfaßt. »Nur noch kurze Zeit und es treten nur zwei von uns den Heimweg an, der Dritte bleibt hier und ich — ich bin der Aelteste.« Wir wehrten ab. Da brach sein göttlicher Humor durch die Wolken der Schwermut; lächelnd faßte er unsere Hände und sein Lieblingswort: »Reden wir nicht mehr darüber«, klang von seinen Lippen. Er sollte Recht behalten. Wir werden uns am Thore nicht mehr die Hände schütteln. Ja. Es will Abend werden in den Räumen des Münchener Schauspiels. Was Alter und Kränklichkeit unserm Berufe nicht entzogen, das riß der Tod erbarmungslos hinweg. Noch ein Decennium, wie das letzt verflossene und — wie wir nun am offenen Grabe Bernhard Rüthlings stehen, so stehen wir am offenen Grabe des alten großen Münchener Schauspiels. »Reden wir nicht mehr darüber!« Wahrlich, wenn dieser Friedhof seine unbarmherzigen ehernen Kiefer noch ein Jahrzehnt mit gleicher Unerbitterlichkeit öffnet, dann würden wir der schmerzlichen Pflicht des Redens überhoben sein! — Als dieser Todte, ein lebensfrischer Jüngling, in den Künstlerkreis der Münchener Bühne trat, wie reich war sie da noch an eigenartig schauspielerischen Kräften, die in gleicher Fülle und Bedeutung kein zweites Theater aufzuweisen hatte. Noch lebte Sophie Schröder, die hohe Meisterin des Wortes. Sie sank dahin — dahin der alte Jost, dahin Heinrich Büttgen — Elise Seebach — Johanna Mayer; jeder Name ein Edelstein in der Krone des Münchener Schauspiels — heute Bernhard Rüthling, eines der strahlendsten Juwelen dieser Krone, denn von allen künstlerischen Vorzügen vertrat er den höchsten, die Wahrheit; die siegende Wahrheit auf der Bühne, so eindringlich im Ernst, so anmuthig im Humor. Wir füllen diese noch offene Gruft mit dem gewaltigsten Lob, das einem dahingeschiedenen Darsteller gespendet werden kann. Er war ein Mensch, ein warmer, lebensvoller, ganzer Mensch auf jenen Brettern, die die Welt bedeuten! Das war er, und was wäre er geworden, wenn er Hamlets Philosophie über Sein und Nichtsein nicht in so bejammernswerther Weise zur That gemacht hätte, Hamlets Wort: »Daß er sich selbst in Ruhestand setzen könnte mit einer Nadel bloß.« Dennoch hatte er die volle Größe seiner Erfolge nicht durchmessen. Ein geborner Heldenvater traf er vor wenigen Jahren erst den eigentlichen Kernpunkt seines Talentes, das Feld, welches er mit dem Wallenstein so glänzend inaugurirte, und besten Beherrschung ihn dazu berief, in Deutschland der einzige ächte Ersatz des unerreichten Münchener Todten zu sein; der Nachfolger des unsterblichen Eßlair. Eßlairs Erbe konnte Rüthling werden, wer aber wird Rüthlings Erbe sein?
Und Rüthling der Mensch? Es bedarf keines besondern Wortes zu seinem Lobe. Ein ächter Künstler von der Herzenswärme des Verstorbenen mußte auch zugleich ein warmfühlender Mensch sein. Die höchsten reichsten Wirkungen auf das Gemüth erringt man nur durch eigenen Herzensreichthum.
Wenn Ihrs nicht fühlt, Ihr werdets nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt!
Und er zwang sie, denn er hats gefühlt und tiefer, als manches andere gleichbesaitete Gemüth, denn ein schmerzliches, läuterndes Moment erhöhte seine Naturanlage: Er hatte die Schule des Elends durchlaufen, wie kaum ein zweiter seiner Berufsgenossen. Ein Neffe jenes berühmten Komikers Rüthling, einst jahrelang die Zierde der Berliner Hofbühne und der Sohn des nicht minder begabten, aber weniger glücklichen Bruders des ersteren, hatte er, von der Pike auf dienend, sich von jenen Wanderbühnen, die um das tägliche Brod in des Wortes verwegendster Bedeutung spielend kämpfen, emporgeschwungen bis zu jener hohen Stellung, die ihn endlich reifen ließ in der Sonne königlicher Gunst. Ihm war des Lebens Noth nicht fremd geblieben, darum hatte er auch bis zu seinem Tode ein Herz für fremde Noth! Sein ganzes Leben war eine Sorge für seine Geschwister denen er Bruder und Vater zugleich war. Confessionslos starb er; seiner Liebe brachte er endlich auch noch das Opfer, auf die letzten Segnungen seiner Religion verzichten zu müssen; aber sicherlich, Niemand wird ihm das Zeugniß versagen können, daß er des Christen höchste Pflicht: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« sein Lebenlang treu geübt!
Er ist dahin! Eine kurze, aber hohe Freude verklärte aufflackernd noch einmal seine letzten Lebenstage. Das kunstsinnige München ehrte seinen Liebling, der nach langer Krankheit noch einmal auf der Bühne erschien, mit einer Innigkeit und Begeisterung, die den Münchnern in gleicher Weise zu unauslöschlichem Ruhme gereicht, wie dem Gefeierten. Von diesem Abend an trat er nur noch wenige Male vor die Lampen. »Ein Erfolg« war das letzte Stück, dem er seine Kräfte lieh. Aber der Titel dieses Werkes bezeichnet vollauf seine künstlerische Größe; sein gesammtes siebzehnjähriges Wirken an der Münchner Hofbühne war in der That nur ein Erfolg! Und dieser Erfolg wird sein, wird unsere Zeit überdauern. Wenn Kind dem Kindeskind dereinst von großen Darstellern erzählt, welche das Menschenherz durch ihre Kunst erhoben und gerührt, dann wird der Name Bernhard Rüthling unter den Gepriesenen ertönen. Mit diesem erhebenden Bewußtsein scheiden wir.
Fahre wohl, Bernhard Rüthling! Nicht auf immer! Du Wissender weißt es, wir haben oft zusammen gesungen: »Wenn Menschen auseinandergehn, so sagen sie auf Wiedersehn!«
Auf Wiedersehen — dort oben! Bis dahin — Friede deiner Asche!
Tiefergriffen und in andachtsvollem Schweigen lauschte die Menge den mit tiefer und schmerzlicher Bewegung gesprochenen Worten. Ein Grablied, vom Hoftheatersingchor mit zarter Empfindung vorgetragen, und eine Blechmusikpiece beschlossen sodann die erschütternde Feier.
Neueste Nachrichten Nr. 116. München; Dienstag, den 26. April 1881.
Als der große Eßlair 1840 für immer das Auge schloß, blieb sein Fach verwaist oder doch unausgefüllt; es fand sich kein Repräsentant mehr, der an den unsterblichen Heldenspieler herangereicht hätte und eines Zeitraumes von vierundzwanzig Jahren bedurfte es, bis in dieses Dunkel des Münchener Schauspiels ein Lichtstrahl fiel: das Engagement Bernhard Rüthlings.
Der Künstler 1834 in Berlin geboren, ein Neffe des berühmten Komikers Rüthling, welcher jahrelang die Zierde der Berliner Hofbühne war, hatte, von der Picke auf dienend, sich von jenen Wanderbühnen, die um das tägliche Brod in des Wortes verwegenster Bedeutung spielend kämpfen, emporgeschwungen bis zu jener hohen Stellung, die ihn endlich reifen ließ in der Sonne königlicher Gunst. Mit Rüthling brach eine Glanzepoche für das Münchener Schauspiel an, und wenn wir als Juwelen die Namen Sophie Schröder, Büttgen, Elise Seebach und Karl Jost nennen, so trägt auch Rüthling neben jenen Gewaltigen die unvergängliche Krone der Kunst; denn er vertrat das höchste Künstlerthum: die Wahrheit — die siegende Wahrheit der Bühne, so eindringlich im Ernst, so anmuthig im Humor. Ein geborner Heldenvater traf er erst Ende der 70er Jahre den eigentlichen Kernpunkt seines Talentes, das Feld, welches er mit dem Wallenstein so glänzend inaugurirte und dessen Beherrschung ihn dazu berief, in Deutschland der einzige, ächte Ersatz des unerreichten Münchener Todten zu sein, der Nachfolger des großen Eßlair. Aber ein neidisches Geschick ließ ihn die volle Größe seiner Erfolge nicht durchmessen; eine erst unbedeutende Ritzung mit einer Nadel führte eine Blutvergiftung herbei, an der er am 22. April 1881 plötzlich starb. Welcher Beliebtheit sich Bernhard Rüthling in allen Schichten des kunstliebenden Publikums Münchens erfreut hatte, davon sprach beredter als jedes andere Zeugniß die nach Tausenden zählende trauernde Schaar, welche am Begräbnißtag den Friedhof besetzte. Possart, als ein Freund des Verstorbenen, hielt eine tiefergreifende Ansprache, in der er außer den ächten Künstler von herrlichster Herzenswärme, auch den fühlenden Menschen hervorhob. Ihm war ja des Lebens Noth nicht fremd geblieben, darum hatte er auch bis zu seinem Tode ein Herz für fremde Noth.
Die Scheinwelt und ihre Schicksale. Eine 127jährige Historie der Münchener kgl. Theater im populärer Form und als Jubiläums-Ausgabe. Zu Ehren des fünf und zwanzigjährigen Dienst-Jubiläums Seiner Excellenz des Herrn General-Intendanten Freiherrn von Perfall von Max Leythäuser. München; 1893.
Rüthling Bernhard, geboren 18. April 1834 in Berlin, entstammte der bekannten Schauspielerfamilie Rüthling. Es war ihm nicht leicht geworden, sich der Kunst, für die er seit seinen Jünglingsjahren erglühte, zuzuwenden und nur mühsam brachte er sich vorwärts. Endlich gelang es ihm, nach einigen unbedeutenden Engagements 1858 Mitglied des Augsburger Theaters zu werden, und dort fing ihm das Glück zu lächeln an. R. nahm dort sowohl auf wie außer der Bühne eine erste Stellung ein und versetzte die Augsburger in tiefe Betrübnis, als er 1864 einem schmeichelhaften Antrage ans Hoftheater in München Folge leistete. Er debütierte daselbst am 1. Oktober als »Rochester« in »Waise von Lowood«. Auch dort dauerte es nicht lange und er beherrschte das ganze Fach der ersten Helden und Liebhaber mit souveräner Meisterschaft und war es nur natürlich, daß ein so großes Talent auch weit und breit bekannt wurde. Gar manche erste Hofbühne Deutschlands bewarb sich um seinen Besitz, allein da sich seine Stellung von Rolle zu Rolle immer mehr und mehr befestigte und er immer höher in der Gunst des Publikums stieg, lehnte er alle Anträge ab und wirkte verehrt und geliebt bis zu seinem Ableben in München. Die Münchner Schauspielkunst wußte am besten, was sie an ihm besessen, und fühlte auch am schmerzlichsten, was sie an ihm verlor. In München erschien er auch als erster »Siegfried« in den »Nibelungen« (12. März 1870), als »Mellefont« in »Miß Sarah Sampson« (29. November 1875) und »Fritz« in »Freund Fritz« (am 28. Mai 1877). Das letzte Stück, in dem er sich auf den Brettern zeigte, und dem er, schon ein kranker Mann, noch seine besten Kräfte lieh, war das Schauspiel »Ein Erfolg« von Lindau. Welche Bedeutung R. als Schauspieler besaß, spricht wohl am besten aus den Worten Ernst von Possarts, der am offenen Grabe des Künstlers klagend ausrief: »Es will Abend werden in den Räumen des Münchner Schauspiels!«
Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert. Leipzig, 1903.
Rüthling Bernhard, 1834 (Meiningen/Thüringen) – 1881, Hofschauspieler; aus einer alten Schauspielerfamilie entstammend und Sohn eines Schauspielers, fand R. in Bromberg sein erstes Engagement, kam dann nach Memel und wanderte nach dem Brand des dortigen Theaters hin und her, bis er in seiner Heimatstadt unterkam; der 25jährige trat dann in Augsburg als Sänger auf (Gouverneur im Don Juan und Eremit im Freischütz); 1863 trat R. in das Münchner Schauspiel ein, dem er als einer seiner schönsten Zierden angehörte, bis ihn eine Krankheit früh aus seinem Wirkungskreis entriß; durch seine Rollen des Arkas hat R. die Gunst König Ludwigs II. gewonnen; seine Hauptrollen in München waren Posa, Karl Moor, Egmont, Uriel Acosta und Essex; Einfachheit und Kraft, Naturwahrheit und Herzenswärme waren die Eigenschaften, die die Helden und ersten Liebhaber in Rs. Darstellung auszeichneten; er hatte wohl das größte Leichenbegängnis, das der Südliche Friedhof erlebte, über 10 000 gingen hinter seinem Sarg, und E. von Possart hielt die Grabrede.
© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.