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Hier ruhen in Gott
Herr Dr. Jakob Ignaz Sendtner
k. Universitäts-Professor
geb. 31. Juli 1784, gest. 11. Juni 1833.
vereint mit ihrem Gatten
Frau Anna Barbara Sendtner, geb. Wolf
geb. 3. Dezember 1792, gest. 3. October 1840.
Mathilde Sendtner
geb. 23. October 1820, gest. 18. November 1846.
Dr. Otto Sendtner,
kgl. Universitäts-Professor.
geb. 27. Juni 1813, gest. 21. April 1859.
dessen Gattin
Frau Veronica Sendtner. geb. Schlosser
geb. 19. April 1830, gest. 8. Juni 1860.
Fräulein Ottilie Sendtner
k. Universitäts-Professorstochter.
geb. 3. Juli 1816. gest. 14. November 1894.
Oskar Sendtner, k. Ober-Reg.-Rat
geb. 11. März 1861, gest. 6. Februar 1917.
FAMILIE SENDTNER
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Sendtner, Anna Barbara/Betty (vw) / Wolf (gb); 3.12.1792 (Zürich) – 3.10.1840 (München); Schriftstellerin
Sendtner, Jakob Ignaz, Dr.; 31.7.1784 (München) – 11.6.1833 (München); Schriftsteller und Universitätsprofessor
Sendtner, Mathilde; 23.10.1820 – 18.11.1846 (München); Universitätsprofessors-Tochter
Sendtner, Oskar; 11.3.1861 – 6.2.1917; Oberregierungsrat
Sendtner, Ottilie; 3.7.1816 – 14.11.1894; Professors-Tochter
Sendtner, Therese (vh); – 1891
Sendtner, Veronika (vw) / Schlosser (gb); 19.4.1830 – 8.6.1860 (München); Gerichtshalterstochter aus Greifenberg / Professors-Witwe
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Wolf (gb)
* 3.12.1792 (Zürich)
† 3.10.1840 (München)
Schriftstellerin
Sendtner (Barbara), geb. Wolf, geb. im Jahr 1792 in Zürich in der Schweiz, wo ihr Vater Peter Philipp Wolf aus seinem Vaterlande Baiern, durch den fanatischen Eifer der damals alle, deren Geistesschwung eine freiere Ansicht der Dinge vermuthen ließ, verfolgenden Obscuranten, vertrieben, einen Zufluchtsort und nothdürftiges Auskommen gefunden hatte, welches er mit rastlosem Eifer so weit zu vermehren wußte, daß er sich häuslich niederlassen und ihre Mutter Elisabeth Sytz heirathen konnte. Diese pflegte Barbara’s zarte Jugend mit aller den Frauen ihres Landes eignen Sorgsamkeit, und nur ihrer treuen Liebe hatte sie, bei ihrem übrigens schwächlichen Körperbaue, eine ziemlich dauerhafte Gesundheit, die sie viele im Verfolge ihres Lebens eintretende Leiden überstehen ließ, zu verdanken.
Ihr Vater arbeitete in der Orell’schen Buchhandlung, besorgte die Herausgabe der Züricher Zeitung, spater noch eine Geschichte der Jesuiten, an welche sich später noch eine Geschichte der römisch-katholischen Kirche reihte. Die erstere erlebte mehrere Auflagen und verschaffte ihm einen ausgezeichneten Namen unter den deutschen Gelehrten, und auch die letztere ist, selbst unvollendet (der 7te Bd. erschien 1802), dennoch ein geschätztes Werk. Sein ungünstiges Geschick vertrieb ihn auch hier aus seinem stillen Asyle. Die französische Revolution bereitete auch in der Schweiz jene verheerenden Ereignisse vor, die die Theilnahme aller denkenden Menschen später in Anspruch nahmen. Barbara’s Vater, Geschichtsforscher und Herausgeber einer bei dem Schweizervolke sehr beliebten politischen Zeitschrift, mußte gar bald den Gewalthabern ein Stein des Anstoßes werden, zumal da sie bei seiner bekannten Offenherzigkeit und edlen Freimüthigkeit nie hoffen durften, ihn durch irgend ein Mittel dafür zu gewinnen, gegen seine Ueberzeugung zu schreiben. Er erhielt die Weisung, die Schweiz zu verlassen; durch Unterstützung edler Freunde, die er überall fand, wurde es ihm möglich, in Leipzig, wohin er sich im Jahr 1794 wendete, eine Buchhandlung einzurichten, die anfangs und bis zum Jahr 1801 guten Fortgang hatte; später aber kam sie durch die dem Buchhandel damals überhaupt nicht günstigen Zeitumstände in Verfall, so daß Wolf sich genöthigt sah, im Jahr 1803 sich von diesem Geschäft zurückzuziehen und einer erhaltenen Einladung in sein Vaterland zu folgen, wo Maximilian Joseph indeß zur Regierung gelangt war und in allen Handlungen seiner Verwaltung die edle Absicht, seinen Unterthanen die Wohlthaten einer vernünftigem Aufklärung angedeihen zu lassen, ausgesprochen hatte. Wolfen wurde der ehrenvolle Auftrag zu Theil, unter Begünstigung der Regierung, die ihm alle Archive öffnen ließ, eine Geschichte Maximilians I. zu schreiben. Er unterzog sich dieser Arbeit mit großer Liebe und ungemeßner Thätigkeit, denn er unterlag der Anstrengung; und als er im Jahr 1807 zum Mitglied der neu eingerichteten Akademie der Wissenschaften ernannt und ihm zugleich das Privilegium zur Herausgabe der Münchner Staats-Zeitung ertheilt wurde, genoß er die Vortheile, die seine verbesserte Lage ihm darbot, kaum ein Jahr. Eine Geisteszerrüttung, in die er im August 1808 verfiel, entriß ihn seiner trostlosen Familie, die sein Tod,, den er am 6. August ged. Jahres in den Wellen der Isar unter den traurigsten Umständen gefunden, in der betrübtesten Lage, ohne Freund und Rathgeber zurückließ. Die Regierung nahm sich jedoch großmüthig der unglücklichen Witwe an, und das Privilegium der Herausgabe der Zeitung wurde ihr gelassen, so daß sie, bei alle dem nicht ohne Anfechtungen widriger Schicksale, dieses Geschäft noch immer fortführt und hinreichendes Auskommen für sich und die Ihrigen findet.
Von den angegebenen Verhältnissen läßt sich schließen, welche Richtung der lebhafte Geist der unter sorgfältiger Pflege liebender Aeltern heranwachsenden Tochter Barbara nehmen mußte. In Leipzig, in schönen Umgebungen gebildeter geistreicher Freunde lebend, fanden die Aeltern Gelegenheit, für die Bildung ihres Kindes mehr zu thun, als ihnen vielleicht in jeder andern Stadt, bei beschränkten Mitteln, möglich gewesen wäre. Am meisten hatte sie der Leitung eines Lehrers, August Ferdinand Nitsche (seitdem Lehrer an der Klosterschule in Roßleben), der mit seltner Unverdrossenheit und vieler Einsicht ihre Gaben außzubilden und das schlummernde Gefühl zu wecken wußte, zu verdanken. Der hohe Beruf eines Erziehers wurde würdig von ihm aufgefaßt, und seltne Früchte lohnten seine edlen Bemühungen. Das junge Kind, kaum 6 Jahr alt, versuchte schon zu dichten, und faßte mit Begierde aus freiem Antriebe alles auf, was zu seinem Unterricht dienen konnte. Im Einklange mit dieser Fortbildung auf dem Wege der Lehre stand das Leben, welches im Kreise edler Freunde sich heiter fortbewegend, in seiner Abwechselung selbst nicht minder förderlich wirkte.
Wolf hatte im Jahr 1799 den Plan, in Gemeinschaft mit seinem Freunde Heinrich Gesner eine Buchhandlung in der Schweiz zu errichten, wohin ihn seine Neigung noch immer hinlenkte. Alle Anstalten waren schon getroffen, die Familie und mit ihr der Lehrer und Freund Nitsche auf dem Wege nach dem geliebten Lande, als eine plötzliche Krankheit des Vaters die Familie in Offenbach bei Frankfurt a. M. aufhielt. Als er wieder genaß, bewogen ihn die aus der Schweiz eingegangenen Nachrichten von den dort vorgefallenen Kriegsereignissen, sein Vorhaben aufzugeben und nach Leipzig zurückzukehren; die Mutter aber ging mit den Kindern, der Gefahren des von Kriegs- und Revolutionsstürmen erschütterten Landes nicht achtend, mitten durch die Armee nach Zürich, wo gerade die Franzosen und Oesterreicher sich gegenüberstanden, und sie daher ihre Absicht, die Ihrigen, die jenseits der Berge am Zürichersee wohnten, wiederzusehen, vereitelt fand, da die Stellung der Armee sie hinderte, den kurzen Weg, der sie von ihnen trennte, ohne Lebensgefahr zurückzulegen. Nach 6 Wochen vergeblichen Wartens auf eine günstige Wendung der Dinge reiste die entschlossene Frau wieder allein mit ihren Kindern und einer unverheiratheten Schwester ab, nicht wenig betrübt über die fehlgeschlagene Hoffnung.
Alle diese wechselnden Zustände, die Menge von Menschen, Dingen, Gegenden, die vor dem aufgeweckten Sinne der jungen Barbara vorübergingen, mußten ihren Geist mit Begriffen bereichern, die über ihr Alter hinausreichten. Auch gereichte es ihrer fernern Ausbildung kaum zum Nachtheil, als die eingetretenen Zeitumstände und hinzugekommene bedeutende Unglücksfälle im Handel den Vater zur Aufgebung seines Geschäfts nöthigten und veranlaßten, von dem Ertrage seiner Schriftstellerarbeiten mit einer Familie von drei Kindern in München zu leben, welches damals noch der Bildungsanstalten für die erwachsene weibliche Jugend gänzlich ermangelte. Ohne äußere Anregung, abgeschnitten sogar vom Umgang mit Freunden, die mit ihr auf gleicher Bildungsstufe standen, gewann dennoch ihr Geist durch fortgesetzte Lecture und den Umstand, daß der Vater nach und nach anfing ihre Talente bei seinen literarischen Arbeiten zu benutzen, wobei sie ihm bald als Amanuensis an die Hand gehen konnte.
Als er starb, war ihre Ausbildung schon so weit gediehen, daß sie unter den damaligen sehr einschreitenden, aber auch das Geschäft um so mehr erleichternden Zeitumständen, einen großen Theil seiner Correspondenz, die, da er zugleich die von Hübner in Salzburg begonnene Oberdeutsche allgemeine Literatur-Zeitung fortsetzte, von bedeutendem Umfange war, fortführen, und die politische Zeitung selbst einige Zeit redigiren konnte, bis von Seiten der Regierung selbst Schritte zur Anstellung eines Redacteurs für diese Zeitschrift geschehen konnten. Gelegenheiten, die sich darboten, ihre Sprachkenntnisse zu erweitern, benutzte sie eifrigst, so daß sie, außer der französischen und italienischen Sprache, sogar die griechische zu erlernen sich sehr bemühte und überhaupt kein Mittel versäumte, welches zur Erweiterung ihrer Kenntnisse dienen konnte. Bei diesen Bestrebungen wurde sie sehr von ihrem nachmaligen Gatten, Joseph Sendtner, einem sehr gebildeten, kenntnißreichen Mann, der sich durch mehrere Schriften, auch als Dichter vorteilhaft bekannt gemacht hat, unterstützt. Er war als Professor am Lyceo in München und als Redacteur der politischen Zeitung mit der Familie in nähere Bekanntschaft gekommen. Mit ihm besorgte Barbara Wolf seit 1811 die Herausgabe eines belletristischen Journals in München, welches 6 Jahre lang einen ungetheilten Beifall genoß, aber dennoch in Stocken gerieth, weil wegen des nicht eben sehr großen literarischen Verkehrs in München die Abnahme doch zu geringe war, um die Kosten zu decken. Sie gab Sendtnern im Jahr 1812 ihre Hand und hat seitdem in den Jahren 1812 bis 1815 nur an der von Bertuch in Weimar herausgegebenen Zeitschrift für Literatur, Kunst und Mode mitgearbeitet, da sie, als Gattin und Mutter von 6 Kindern höhern Pflichten ihres Berufs folgend, von literarischen Beschäftigungen abgezogen ist und neben ihren vielen häuslichen Geschäften kaum Zeit gewinnt, ihrem Geist die so nöthige Erholung durch eine gewählte Lecture zu geben; vielleicht darf man künftig, wenn jene Pflichten der sorgenden Hausfrau und Mutter ihre Zeit nicht mehr so sehr in Anspruch nehmen, von ihr gewiß schätzbare Mittheilungen ihrer Ansichten aus dem Schatze ihrer gesammelten vielen eignen und fremden Lebenserfahrungen, besonders über die Mittel weiblicher Bildung, nach ihrem scharfen Beobachtungsgeist hoffen. Die Gedichte, die von ihrer Hand von Zeit zu Zeit erschienen sind, zeugen von tiefem Gefühle und einer durch ungünstige Schicksale und widrige Erfahrungen hervorgebrachten vorherrschenden Neigung zur Schwermuth. Sie lebt im glücklichen häuslichen Kreis in München.
Karl Wilhelm Otto August von Schindel: Die deutschen Schriftstellerinnen des neunzehnten Jahrhunderts. Leipzig, 1825.
Barbara (Betty) Sendtner, geb. Wolf, wurde geboren 1792 zu Zürich, Tochter des am 6. August 1808 in der Isar ertrunkenen antikirchlichen Historikers und Publicisten Pet. Phil. Wolf, 1812 verheirathet mit dem Lycealprofessor Jakob Ignaz Sendtner in München, mit welchem sie 1811–15 das »Gesellschaftsblatt«, ein belletristisches Journal herausgab. – Schindel 2, 307. Brühl S. 664.
Gedichte, Aufsätze etc. in dem gen. bell. Journal; in Bertuchs Journal für Literatur, Kunst und Mode. Weimar 1812–15; im Taschenb. Cölestina 1838. 1839.
Joseph Kehrein: Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks-, und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhundert. Zweiter Band. Zürich, Stuttgart und Würzburg, 1871.
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* 31.7.1784 (München)
† 11.6.1833 (München)
Schriftsteller und Universitätsprofessor
Dr. Jakob Ignaz Sendtner wurde geboren den 31. Juli 1784 zu München von bürgerlichen Eltern, besuchte daselbst das Gymnasium und Lyceum und studirte dann 1805–1810 in Landshut und Heidelberg, übernahm am 1. Sept. 1810 die Redaktion der »Münchener politischen Zeitung«, die er bis zum Ende seines Lebens besorgte; desgleichen auch die Redaktion der »Oberdeutschen allgemeinen Literaturzeitung«. »Seine Vorlesungen über Archäologie und Aesthetik am Gymnasium und Lyceum zu München von 1818–1821 und dann an der Universität allda über Aesthetik und Geschichte der schönen Literatur waren sehr interessant. Vorzüglichen Antheil nahm er auch an der Reorganisation der k. Hof- und Staatsbibliothek vom Jahr 1813–1818. Er starb im Juli 1833 leider für die Wissenschaft zu früh als patriotische Bürger.« Greger: Sonette von bayrischen Dichtern. 4, 167. – N. Nekrolog 11, 939 (darnach gest. am 11. Juni). Meusel 20, 439.
Abschied von Heidelberg. Mannheim 1810. – Religiöse Betrachtungen am Grabe der Fräulein Fanny von Moshann. München 1812. – Gesellschaftsblatt für gebildete Stände. München 1811 – 15. – Gedichte. Nürnberg 1812. – Die Schlacht bei St. Jacob an der Virs im Jahre 1444. Ein historisches Gedciht in 4 Gesängen. Basel 1817. – Bavaria, oder Vaterlandslieder und Gedichte vaterländischen Inhalts. München 1817–19. 2 Hefte. – Londondery und Buonaparte. Ein Gespräch im reiche der Unterwelt. München 1822. – Ueber Lehre und Zucht in den Schulen. München 1826.
Joseph Kehrein: Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks-, und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhundert. Zweiter Band. Zürich, Stuttgart und Würzburg, 1871.
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* 27.6.1813 (München)
† 21.4.1859 (Erlangen)
Botaniker
Otto Sendtner.
Der Verein hat in diesem Jahre den Tod eines Mannes zu beklagen, der durch die Erfolge seiner Wirksamkeit auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, sich ein bleibendes Anrecht auf die Achtung der Nachwelt erworben hat.
Unser Ehrenmitglied Dr. Otto Sendtner, königl. Professor der Botanik und Conservator der botanischen Sammlungen in München verschied nach längerem Leiden den 21. April ds. Js. noch nicht ganz 46 Jahre alt.
Die Wissenschaft hat an ihm eine ihrer Zierden verloren, einen Mann, gleich ausgezeichnet durch hohe Gaben des Geistes wie durch eine edle, uneigennützige Gesinnung und einen männlich offenen Charakter. Wir verlieren an ihm einen warmen Freund und Förderer unserer Bestrebungen. Fast seit der Gründung unseres Vereines, hatte er nicht nur jeden Fortschritt desselben mit Freude begrüsst, sondern auch zu dessen Förderung mit der grössten Liberalität beigetragen. Unsere Sammlungen enthalten sprechende Beweise.
Sendtner wurde am 27. Juni 1813 zu München geboren. Sein Vater, Professor der Aesthetik an der Universität daselbst, gab ihm eine Erziehung, die seinen Sinn schon früh auf die Betrachtung der Natur richtete. Die Liebe zur Plaanzenwelt führte ihn bald zum wissenschaftlichen Studium derselben, so dass er sich schon als Gymnasialschüler durch seine Kenntnisse in der Botanik auszeichnete. Auf der Universität hörte er vorzugsweise naturwissenschaftliche Collegien. Vom grössten Einflusse auf die Richtung seiner Studien war die Bekanntschaft mit Karl Schimper, der damals durch seine geistreichen Vorträge über Morphologie, namentlich über seine Entdeckung in Beziehung auf Blattstellung Aufsehen erregte. Sendtner wurde sein eifrigster Schüler und Begleiter und im Umgange mit ihm bildete er sein eigenes Beobachtungstalent.
Als er nach dem früh erfolgten Tode seines Vaters ein Fachstudium ergreifen sollte, wählte er sich die Medicin. Aber seine reizbaren Nerven konnten die Beschäftigung mit dem Seciermesser nicht ertragen. Er wandte sich daher auf’s Neue ausschliesslich der Botanik zu und fand hiebei von Hofrath Martius freundliche Aufmunterung und Unterstützung. Eine Stellung als Privatsekretär in dem Hause eines schlesischen Freiherrn, gab ihm Gelegenheit die anregende Bekanntschaft Nees von Esenbecks zu machen, und zugleich von hier aus mit Unterstützung der preussischen Regierung die Sudeten zu botanischen Zweckei zu bereisen. Von dem Eifer, mit dem er die Kryptogamenflora dieser Gegend untersuchte, zeugt u. A. das Vereinsherbar, in welchem der grösste Theil seiner dortigen Ausbeute niedergelegt ist.
Nach München zurückgekehrt, erhielt er eine Anstellung am herzogl. Leuchtenberg’schen Naturalienkabinet in Eichstädt. Von hier aus wurde es ihm möglich, unterstützt durch Tomassini, den Podesta von Triest, botanische Auflüge in das Littorale und nach Montenegro zu machen. Im Jahre 1847 unternahm er eine wissenschaftliche Reise nach Bosnien, wo er von einem fanatischen Türken angefallen und schwer verwundet wurde. Die Darstellungen, welche er nach seiner Rückkehr über die Ergebnisse der angestellten Untersuchungen veröffentlichte , erwarben ihm den Beifall aller Sachkenner and dokumentirten seinen entschiedenen Beruf für einen Zweig der Wissenschaft, dessen Ausbildung er fortan die ganze Kraft seines Geistes zuwandte — die Pflanzengeographie.
Eine Stellung als Privatdocent der Universität und Adjunkt an der Akademie der Wissenschaften in München setzte ihn in den Stand, sich seinen Lieblingsstudien ungestört zu wiedmen. Im Aufträge der königl. Akademie der Wissenschaften bereiste er acht Sommer hindurch das bayerische Alpengebiet und die angrenzende Hochebene. Die Resultate seiner Forschungen veröffentlichte er im Jahre 1854 in dem von der Akademie herausgegebenen Werke: »Die Vegetations-Verhältnisse Südbayerns nach den Grundsätzen der Pflanzengeographie und mit Bezugnahme auf Landes-Cultur. München. Literarisch-artistische Anstalt.« Dieses Werk, das Bedeutendste, was bis jetzt über die phytogeographischen Verhältnisse Bayerns erschien, wird nicht nur für lange Zeit die Grundlage weiterer Forschungen auf diesem Areale bilden, sondern es wird auch durch die principielle Behandlung, die eingehende Erörterung der wichtigsten Fragen der Pflanzengeographie weit über die Grenzen unseres engeren Vaterlandes hinaus anregend und fortbildend wirken. Die ungetheilte Anerkennung, mit welcher es von allen Männern vom Fach beurtheilt wurde, war dem Verfasser der schönste Lohn für seine unermüdlichen Bestrebungen.
Aber auch höhern Orts wurden seine Verdienste gewürdigt. Im Jahre 1857 wurde Sendtner ausserordentlicher, drei Jahre später ordentlicher Professor der Botanik an der Universität München. Der Bau seines Glückes schien nun nach so manchen Schwierigkeiten, mit denen er bisher zu ringen hatte, fest begründet. Ein glücklicher Gatte, umgeben von zärtlich geliebten Kindern, durch seinen Beruf auf Arbeiten hingewiesen, an denen er leidenschaftlich hing, geachtet von seinen Fachgenossen und geliebt und verehrt von Freunden und Schülern, blieb ihm kaum noch etwas zu wünschen übrig.
Rastlos war er bemüht, seine Kenntnisse in Physik und Chemie zu erweitern, um durch die genauere Kenntniss dieser Disciplinen in seinen Untersuchungen unterstützt und in den Stand gesetzt zu werden, bei einer beabsichtigten Reise nach der Türkei einen umfassendem Beitrag zur Pflanzengeographie liefern zu können. Leider sollte es ihm nicht gegönnt sein, diese Absichten sich verwirklichen zu sehen. Krankheit und Tod überraschten ihn, ehe er ein zweites grösseres Werk »über den bayerischen Wald« zum Abschlusse brachte, dessen Herausgabe jedoch durch die Bemühungen seiner Freunde noch zu erwarten steht. Da dasselbe voraussichtlich nicht nur eine Reihe neuer Thatsachen liefern, sondern wohl auch einen Fortschritt in Beziehung auf die Grundlehren der Pflanzengeographie bezeichnen dürfte, so behalten wir es uns vor, in unserm nächsten Berichte einen Rückblick auf die Werke Sendtners zu werfen, um dadurch einen nähern Nachweis für das zu liefern, was die Wissenschaft seinen edlen und angestrengten Bemühungen verdankt.
Zwölfter Bericht des Naturhistorischen Vereins in Augsburg. 1859.
Biographische Notiz.
Otto Sendtner †.
Am 31. April d. J. starb Otto Sendtner, Dr. phil., ord. öffentl. Professor der Botanik an der Ludwigs-Maximilians-Universität und Conservator des k. Herbariums in München, nach dem ihn im November des vorigen Jahres plötzlich eine Erkrankung der Centralorgane des Nervensystems ergriffen hatte. Deutschland verliert an ihm einen seiner thätigsten botanischen Forscher. Mitten im fruchbringendsten Streben, im kräftigsten Mannesalter ward er ihm entrissen.
Otto Sendtner wurde zu München geboren am 13. Juni 1813 als ältester Sohn des Professors der Aesthetik J. J. Sendtner. Schon als zarter Knabe wurde er während eines Landaufenthaltes, den sein Gesundheitszustand nothwendig gemacht hatte, durch seine Grosstante, eine Schweizerin, der Botanik zugeführt. Auf der Hochschule (1830) wurde er Schüler Carl Schimper's, welcher damals in Privatvorträgen eine zahlreiche Zuhörerschaft um sich versammelte. Als im Jahre 1833 sein Vater starb widmete er sich dem Studium der Medicin, musste dasselbe aber aus Gesundheitsrücksichten alsbald wieder unterbrechen. Nach manchen Wechselfällen eines hinsichtlich seiner Subsistenz grösstentheils auf die eigenen Kräfte angewiesenen Lebens erhielt er durch die Verwendung Ness von Essenbeck's von der preussischen Regierung die Mittel zur Untersuchung der Cryptogamenflora der Sudeten (1838–1840) – seiner (im Verkehr mit Bruch angefeuerten) Vorliebe für Bryologie, welche ihm vielfache Bereicherungen verdankt und als Denkmal seiner Thätigkeit den Gattungsnamen »Sendtnera« Endlicher in ihren Registern aufweist, ein willkommenes Terrain. Im Winter 1840–41 erwarb er sich in München den philosophischen Doctorgrad. Seine mineralogischen Kenntnisse, während der Universitätsjahre unter der Leitung des unvergesslichen Fuchs erworben, befähigten ihn, die Ordnung des herzogl. Leuchtenbergischen Museums zu übernehmen; zugleich kam er in drei folgenden Sommern einem Rufe des Podesta Tommasini in Triest zur botanischen Untersuchung der julischen Alpen und der österreichischen Küstenländer nach. Diese Reisen führten ihn für immer der Pflanzengeographie zu. In den Jahren 1844–1846 gewann ihn v. Martius für die Bearbeitung der brasilianischen Solaneen und der Palmen-Inflorescenzen. 1847 unternahm er eine Reise nach Bosnien, welcher ein mörderischer Anfall von Seite eines fanatischen Türken ein Zielsetzte. Schwer verwundet kehrte er mit reichen wissenschaftlichen Resultaten nach München zurück, habilitirte sich an der dortigen Universität, erhielt eine Anstellung als Adjunct an der kgl. bayer. Akademie der Wissenschaften und erbot sich zu einer pflanzengeogr. Untersuchung Bayerns, deren Ergebnisse zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Zustände auszubeuten von nun an seine Lebensaufgabe bildete. Die Resultate wiederholter Reisen zu diesem Behufe sind in seinem klassischen Buche: »Die Vegetationsverhältnisse Südbayerns, München 1854« niedergelegt. Seit dessen Herausgabe waren seine Untersuchungen dem bayer. Walde zugewendet. Ueber ihrer Veröffentlichung ereilte ihn Krankheit und Tod. Seine Freunde werden es versuchen, das mühevoll Gewonnene der Wissenschaft zu erhalten.
Ausser durch seine Forschungen wirkte Sendtner aufs erfolgreichste als Lehrer der Botanik. Er wurde im Jahre 1854 zum ausserordentlichen und 1857 zum ordentlichen Professor und Conservator des kgl. Herbariums in München ernannt.
Als Denkmal seiner rastlosen Thätigkeit folge hier ein Verzeichniss seiner Arbeiten:
A. Originalabhandlungen.
Ueber die Flora des mährisch-schlesischen Gesenkes. Regensb. botan. Ztg. 1840. S. 17.
Bemerkungen über die im Gesenke vorkommenden Laubmoose. Regensb. bot. Ztg. 1840. S. 49.
Musci quidam frondosi recentius detecti. Denkschrift der Regensburger botan. Gesellsch. 1841. p. 49.
Besteigung des Moresch in den julischen Alpen. Regensb. bot. Ztg. 1842. p. 442.
Monographia Cyphomandrae, novi Solanacearum generis. Regensb. bot. Ztg. 1845, p. 161. (Dissert. inaug.)
Beschreibung einer neuen Gattung der Solanaceen. Regensb. bot. Ztg. 1846. p. 193.
Laubmoosflora von Oberbayern. München. Gelehrte Anzeig. 1866. p. 547.
Solanaceae et Cestrineae in Martius Flora Brasiliensis. 1846.
Kritische Vergleichung der Lehren über die Blattstellung von C. Schimper und Bravais. Regensb. bot. Ztg. 1847. p. 201.
Reise nach Bosnien. Von einem botanischen Reisenden. Ausland 1848. p. 85.
Ueber ein neues Hypnum. Regensb. bot. Ztg. 1848. p. 65.
Beobachtungen über die klimatische Verbreitung der Laubmoose durch das österreichische Küstenland und Dalmatien. Regensb. bot. Ztg. 1848. p. 189. (Dissert. pro ven. leg.)
Die Naturverhältnlsse von Bosnien. Ausland 1848. p. 643.
Enumeratio plantarum in itinere Sendtneriano in Bosnia lectarum, cum definitionibus novarum specierum et adumbrationibus obscurarum varietatumque. Scripserunt Kummer et Sendtner. Sectio prima et secunda. Regensb. bot. Ztg. 1849. S. 1. 753.
Beobachtungen von Höhengrenzen solcher phanerogamischer Pflanzen, welche in den Hochebenen Münchens vorkommend, in den Allgäuer Alpen die Grenze der Buche erreichen oder übersteigen. Ein Beitrag zur Pflanzengeographie. Regensb. bot. Ztg. 1849. p. 113.
Zwei neue Orthotricha aus Grönland. Regensb. bot. Ztg. 1849. p. 273.
Beobachtungen über Carex Gaudiniana. Regensb. bot. Ztg. 1850. p. 737.
Die Pflanzenwelt des Blomberges. In »Tölz und Krankenheil, eine Brunnenschrift.« Leipzig. 1851. p. 39.
Bemerkungen über die Methode, die periodischen Erscheinungen an den Pflanzen zu beobachten. München. Gelehrt. Anzeig. Nro. 44. ff.
Das Allgäuer Alpenland. Augsburg. Allgem. Ztg. 1853. Jul. 13. Beilag. August. 29. ff.
Naturbetrachtungen am Wege nach der Zugspitze. Beilage zur Neuen Münch. Ztg. 1853. Sept. 1 ff.
Die Vegetationsverhältnisse Südbayerns nach den Grundsätzen der Pflanzengeographie und mit Bezugnahme auf die Landescultur geschildert. (Als dritter Beitrag zur naturwissenschaftlichen Erforschung der bayer. Lande herausgegeben von der kgl. bayer. Akademie der Wissensch.) München 1854.
Beiträge und Berichtigungen zur Bodenfrage der Pflanzen, gesammelt im bayer. Walde des Sommers 1854. Regensb. bot. Ztg. 1854. Nr. 32.
Die südbayerischen Hieracien. Regensb. bot. Ztg. 1854. p. 321.
Die Polemik des Hrn. Direct. Dr. Fraas, beleuchtet von O. Sendtner. Regensb. bot. Ztg. 1854. p. 546.
Ansichten vom bayerischen Walde. Beilage zur neuen Münch. Ztg. 1855. Sept. 22. ff.
Zur Bodenfrage der Pflanzen dienende chemische Analysen, ausgeführt von Dr. C. Voit, erläutert von Dr. Sendtner. Regensb. bot. Ztg. 1855. Nr. 32.
Beziehungen von Pflanzenaschen und Bodenarten zu Vegetationsverhältnissen, von Johnson und Sendtner; in Liebig's Annal. d. Chemie und Pharmacie XCV. Heft 2. p. 229.
Zur Kenntniss der Brombeersträucher. Regensb. bot. Ztg. 1856. p. 193.
Ueber die Entwicklungsgeschichte des Pflanzenreichs. Ein Vortrag gehalten bei der naturf. Versammlung in Wien. Regensb. bot. Ztg. 1856. p. 657.
Berichtigungen einiger Vegetationslinien. Regensb. bot. Ztg. 1858. p. 52.
Berichtigungen und Beiträge zur Flora Südbayerns. Regensb. bot. Ztg. 1858. p. 118.
Vegetationsverhältnisse, 1858. In einem bei der litterar. artist. Anstalt in München zur Edition vorbereiteten Sammelwerke »Bavaria.«
Die Vegetationsverhältnisse des bayerischen Waldes 1858. (Manuscript, zum Drucke vorbereitet.)
B. Berichte und Recensionen über:
Grisebach; Vegetationslinien des nordwestlichen Deutschlands. Münch. Gelehrt. Anzeig. 1849. Nr. 17. 18.
Quetelet, observations des phénomènes periodiques des plantes. Ibid. Nro. 33.
Quetelet, sur le climat de la Belgique. Ibid. Nr. 134. 135.
Karl Fritsch, Vegetationsbeobachtungen zu Prag. Ibid. Nro. 136.
De Candolle, über die Beschaffenheit der Einflüsse, welche die Wärme ausübt. Regensb. bot. Ztg. 1850. Nr. 17.
Ad. Schlagintweit, Untersuchungen über die Isogeothermen der Alpen. Regensb. bot. Ztg. 1850. Nr. 7.
Hofmeister, die Entstehung des Embryo der Phanerogamen, Münch. Gelehrt. Anzeig. 1850. Nr. 48.
Unger, botanische Beobachtungen. Ibid. Nr. 49.
Lezezye-Suminski, zur Entwicklungsgeschichte der Farnkräuter. Ibid. Nr. 50.
Wigand, zur Entwicklungsgeschichte der Farnkräuter. Ibid. Nr. 50.
Hofmeister, über die Fruchtbildung und Keimung der höheren Cryptogamen. Ibid. Nr. 50.
Mettenius, zur Fortpflanzung der Gefässkryptogamen. Ibid. Nro. 51.
J. Thurmann, essai de Phytostatique. Münch. Gelehrt. Anz. 1851. Nr. 24–30.
De Candolle, sur les causes qui limitent les espèces végétales du côté du Nord en Europe. Ibid. Nro. 30.
De Candolle, da mode d'action de la chaleur sur les plantes. Ibid. 1851. Nr. 31.
Grisebach, commentatio de distributione Hieracli generis per Europam geographica. Ib. 1854.
Radlkofer, die Befruchtung der Phanerogamen. Regensb. bot. Ztg. 1856. Nr. 11.
Karl Müller, das Buch der Pflanzenwelt. Bonplandia 1858. p. 31.
Flora No. 17. Regensburg, den 7. Mai 1859.
Otto Sendtner.
Gestatten Sie mir in diesen ernsten Tagen eines Mannes der Wissenschaft zu gedenken der vor kurzem den Seinigen und dem Vaterlande durch den Tod entrissen worden ist. Das Verdienst des Geschiedenen zu ehren ist Pflicht des Ueberlebenden; und es wird gewiß auch jetzt von Interesse seyn an einem neuen Beispiel zu sehen was reine Liebe zur Sache und edler deutscher Sinn unter mannichfachen Hemmungen zu erreichen und zu leisten vermögen.
Otto Sendtner wurde geboren am 27 Juni 1813. Sein Vater, damals Redacteur der Münchener politischen Zeitung, später Professor der Aesthetik, gab ihm eine Erziehung die ihn mit dem Leben wenig in Berührung brachte und die Ausbildung eines ideellen, Einsamkeit liebenden Sinnes begünstigte. Früh schon, bei längerem Aufenthalt auf dem Lande, wurde sein Geist auf die Natur gelenkt. Die Liebe zur Pflanzenwelt und ihr stets erneuertes Betrachten führten ihn zum wissenschaftlichen Studium derselben, und schon als er das Gymnasium verließ, war er was man einen »fertigen Botaniker« nennt. Auf der Universität zu München hörte er vorzugsweise naturwissenschaftliche Collegien, und fühlte sich besonders zu dem ausgezeichneten Mineralogen Fuchs hingezogen; den größten Einfluß auf sein Lieblingsstudium gewann indessen Karl Schimper, der in den ersten dreißiger Jahren zu München seine botanischen Entdeckungen vortrug. Sendtner schloß sich an ihn an, wurde bald sein eifrigster Schüler, und legte damals den Grund zu seiner Art die Wissenschaft zu betreiben. Wenn in Schimper philosophisches Denken mit genauester Beobachtung sich verband, so hielt sich der begabte Schüler mehr an die letztere Thätigkeit des Lehrers; er schätzte an ihm, wie er in einer hinterlassenen Schrift selber sagt, vor allem den »Mann der Thatsachen,« bildete im Verkehr mit ihm, auf den vielfachen Excursionen, das eigene Beobachtungstalent aus.
Nach zurückgelegtem zwanzigsten Jahr verlor Sendtner den Vater, und es begann für ihn eine Zeit der Noth und der Entbehrungen. Gedrängt an eine Sicherung der Zukunft zu denken, studierte er Medicin; seine Nerven konnten indeß die Beschäftigung mit dem Secirmesser nicht ertragen, und nach wiederholter Erduldung von Ohnmachten mußte er diesem Studium entsagen. Er hielt sich wieder an die Botanik, gewann seine Existenz durch Unterrichtgeben und Zeichnen, bis er im Jahr 1837 in eine Stellung gerufen wurde die, so unscheinbar sie war, ihn doch in die ihm gemäße Bahn lenkte, und Arbeiten beginnen ließ durch welche er seinen Namen in die Geschichte der Wissenschaft einschreiben sollte. Er kam nämlich als Zeichner und Privatsecretär in das Haus eines schlesischen Freiherrn. Seine Verhältnisse gestatteten ihm wiederholte Ausflüge in die Sudeten, zugleich lernte er Nees v. Esenbeck kennen, und erhielt durch Vermittelung desselben zur Untersuchung der dortigen Kryptogamenflora eine Unterstützung vom Ministerium Altenstein. Mit den Studien die er vornahm, that er den ersten Schritt sein Fach zu treiben zum Zweck der Ausbildung eines besondern Zweiges, den zu cultiviren er speciell berufen war – der Pflanzengeographie.
Seine ferneren Schicksale waren darnach angethan ihn auf diesem Wege zu erhalten. Nach München zurückgekehrt, erhielt er einen Platz am Herzoglich Leuchtenberg’schen Naturaliencabinet in Eichstädt, konnte damit aber botanische Reisen in deu Karst und die montenegrinischen Gebirge verbinden, wozu der Antrag von einem Fachgenossen, dem Triestiner Bürgermeister, Tommasini, an ihn ergangen war. Nachdem er später an der brasilischen Flora des Hofraths v. Martius mitgearbeitet und eine Monographie der Solaneen verfaßt hatte, unternahm er 1817 eine wissenschaftliche Tour nach Bosnien, die ihm reiche Ausbeute gewährte, die er aber, von einem Türken mörderisch angefallen und verwundet, früher beenden mußte als er gedachte. Er hat sie im »Ausland« 1848 sehr lebendig und anziehend beschrieben. Endlich wurde er Docent an der Universität München, Adjunct an der Akademie der Wissenschaften unter Martius, und bald in den Stand gesetzt die Specialstudien zu seinem wissenschaftlichen Lieblingsproject zu machen.
Unterstützt von Seiten der Akademie, bereiste er fünfmal nach einander die Hauptpunkte des südlichen Bayerns; im Jahr 1854 konnte er abschließen und die Resultate seiner Forschungen unter dem Titel »die Vegetationsverhältnise Südbayerns« der Oeffentlichkeit übergeben. Die Arbeit wurde von Männern des Fachs als eine höchst inhaltsvolle, nach Plan und Ausführung als ein Musterwerk begrüßt. Für den Verfasser waren diese Urtheile um so ehrenvoller, als die Aufgabe die er sich gestellt zu den vorzugsweise complicirten gehörte, und die wissenschaftliche Lösung die größte Umsicht, den ausdauerndsten Fleiß zur Bedingung machte. Um nur eines anzuführen, so waren dazu über hundert einzelne Bergersteigungen in den Alpen erforderlich! Das verdienstlichste an dem Werk selbst ist der dem Verfasser ganz angehörige Plan, vermöge dessen die gesammte Mannichfaltigkeit der fertigen Pflanzendecke zugleich mit ihren äußern Ursachen anschaulich gemacht, und wichtige Anregungen zu Verbesserungen in der Land- und Forstwirthschaft gegeben werden konnten.
In und mit dieser Thätigkeit rückte Sendtner an der Universität vor. Er wurde im Jahr 1854 außerordentlicher, drei Jahre spater ordentlicher Professor. Sehr anregend in seinen Verträgen, trat nach dem Ausspruch eines seiner Schüler die Liebe dieses Mannes zur Natur doch am hellsten im unmittelbaren Verkehr mit ihr, auf Excursionen, hervor. Da zeigten sich alle Vorzüge seines Geistes und Charakters im reinsten Licht, und er gewann durch liebenswürdigen Lehreifer die jüngern Kräfte, die, ihrem praktischen Beruf folgend und über das ganze Land vertheilt, ihn in seinen pflanzengeographischen Untersuchungen durch zahlreiche Beiträge unterstützten. Sicher vorschreitend in Arbeiten an denen er leidenschaftlich hieng, anerkannt von den Fachgenosssen, glücklich verheirathet und umgeben von blühenden Kindern, hatte er kaum noch etwas anderes zu wünschen als was ihm im Verlauf der Zeit von selber kommen mußte.
Sein Streben gieng immer mehr darauf durch seine wissenschaftlichen Arbeiten der landwirthschaftlichen Praxis förderlich zu werden, die Ergebnisse seiner Studien über Ernährung der Pflanzen der Bodencultur ersprießlich zu machen. Er freute sich der Erwerbungen ausgezeichneter Lehrkräfte für die Universität München, und war darauf bedacht seine eigenen Kenntnisse in der Physik und Chemie zu erweitern, um zu seinen speciellen Zwecken die bestimmtere Mitwirkung dieser Disciplinen zu gewinnen. Gründlicher ausgerüstet wollte er seine Reise nach der Türkei wiederholen, um einen umfassendern und reifern Beitrag zur Pflanzengeographie zu liefern.
Allein diese Gedanken, wie sehr sie ihn erfüllten uub hoben, sollten sich nicht verwirklichen. Die ihm eigene Reizbarkeit der Nerven steigerte sich in der letzten Zeit – wie es scheint hauptsächlich weil er seiner Arbeitskraft allzuviel zumuthete! – zur förmlichen Krankheit. Während seine Aufgeregtheit mehr und mehr überhandnahm, verfiel sein Leib, und der Geist, der so herrliche Proben wissenschaftlicher Klarheit gegeben, wurde verdunkelt. Er verschied am 21 April, noch nicht 46 Jahre alt.
Krankheit und Tod ereilten ihn über der Ausarbeitung eines zweiten größern Werks, in welchem er die pflanzengeographischen Verhältnisse des bayerischen Waldes zu schildern unternahm. Das Manuscript ist nahezu abgeschlossen, und seine Freunde werden im Stande seyn es zu veröffentlichen. Den früh Geschiedenen, tief Betrauerten werden nicht nur seine Hauptwerke überleben, sondern auch die Anregungen welche Schüler und Fachgenossen von ihm empfangen haben, und die, zeitgemäß wie sie es sind, in fortsetzender Thätigkeit immer reifere Früchte tragen werden.
Allgemeine Zeitung Nr. 132. Donnerstag, den 12. Mai 1859.
Deutschland.
Bayern. München, 26 März. Es wird den Freunden des verstorbenen Prof. Sendtner, dessen Schicksal seiner Zeit allgemeine Theilnahme erregte, interessant seyn zu erfahren daß seine nachgelassene botanische Sammlung, die sich zum größten Theil auf die ihm im Auftrag Sr. Maj. des Königs von der Akademie übertragene Durchforschung Bayerns bezieht, wenigstens vorderhand nach Bayern zurückkehren wird. Den größern Theil seiner Sammlungen hatte allerdings Sendtner schon früher abgegeben, und die Belegexemplare seiner eben erwähnten Forschungen in dem von ihm begründeten Herbarium boicum niedergelegt. Er hatte sich aber eine Pflanzenfamilie vorbehalten, die der Moose, welche ihn sowohl wegen der Schönheit und Mannichfaltigkeit ihrer Gestalten als wegen der Schwierigkeit ihres Studiums von Jugend auf angezogen, und deren wissenschaftlicher Erforschung er einen wesentlichen Theil seines Ruhms dankt. Sein nachgelassenes Herbarium hat daher monographischen Werth; er selbst hatte noch auf diesem Gebiet umfangreiche Publikationen vorbereitet, besonders, wie er auch mehrfach in seinen Schriften andeutet, in Bezug auf die Pflanzengeographie Bayerns, seines engern Vaterlands, als ihn ein früher Tod diesen Planen entrückte. Aus seiner Hinterlassenschaft wurde dieses Herbarium von einem reichen Privatmann, Hrn. Westhoff in Düsseldorf, der seine Muße in edler Weise der Wissenschaft und ihrer Förderung widmet, um eine beträchtliche Summe angekauft. Da aber körperliche Leiden diesem die schwierige Beschäftigung mit den kleinen Moosen nicht mehr gestatteten, wünschte er das werthvolle Herbarium des berühmten Forschers in Händen zu sehen in welchen die darin niedergelegten Schätze am besten aufgehoben seyen, und auch ferner der Wissenschaft zu gut kämen. Er wandte sich deßhalb an Dr. Lorentz, Privatdocenten an der hiesigen Universität, und obgleich er leicht durch abermaligen Verkauf die einst dafür gegebene Summe hätte zurückerhalten können, und obwohl er früher mit Dr. Lorentz weder in persönlicher noch in wissenschaftlicher Verbindung gestanden, bot er diesem doch die reiche Sammlung als Geschenk an – ein Anerbieten das natürlich freudig und dankbar angenommen wurde. Diese edle Handlungsweise ist ebenso ehrenvoll für den Geber als für den Empfänger, eine junge tüchtige Kraft, die, zum Theil in den Bahnen Sendtners fortschreitend, bereits wegen ihrer wissenschaftlichen Leistungen allseitig anerkannt ist. Dr. Lorentz wird wohl auch besser im Stande seyn die Forschungen Sendtners zu verwerthen, und was davon im Herbarium niedergelegt ist zu dessen Ehren der Oeffentlichkeit zu übergeben, besser als es vor einigen Jahren von unberufener Seite in ungeschickter Weise geschehen.
Allgemeine Zeitung Nr. 86. Augsburg; Dienstag, den 27. März 1866.
Sendtner Otto, Dr. phil., 1814 (München) – 1859, Botaniker und Universitätsprofessor; er studierte in München Naturwissenschaften, namentlich Mineralogie (bei J. N. von Fuchs) und Botanik (bei K. Schimper), dann wandte er sich der Medizin zu, mußte aber gesundheitlichen Rücksichten dieses Ziel aufgeben; während seiner Tätigkeit als Privatsekretär und Archivar bei einem in Schlesien begüterten Kammerherrn machte er Forschungen über die Kryptoflora des Sudetengebirges; 1841 wurde S. Konservator des Leuchtenbergschen Naturalienkabinetts in Eichstätt; die große Wendung in seiner Laufbahn erfolgte, als er mit einem Stipendium König Ludwigs I. Studienreisen nach Montenegro und dem Orient machen konnte; er beschäftigte sich dabei sehr eingehend mit der Flora der betreffenden Länder; 1854 wurde S. Professor der Botanik und Konservator des Herbariums in München.
Hauptwerke: Enumeratio plantarum in itinere Sendtneriano in Bosnia lectarum, Solanaceen, Celastrineen, De Cyphomandra, novo Solanacearum genere tropicae Americae, Die Vegetationsverhältnisse Südbayerns, Die Vegetationsverhältnisse des baierischen Waldes (unvollendet); viele botanische Namen führen am Schluß die Bezeichnung »Sendt.«, die auf die Forschungen Ss., der auch »Bayerns zweiter Schrank« genannt wird, hinweist; anläßlich eines Besuchs bei seinem Freund Dr. J. N. Sepp entdeckte S. am Blomberg bei Bad Tölz ein Jodblümchen, das die Entdeckung der berühmten Heilquelle, die Tölz zum Bad- und Kurort machte, veranlaßte.
© Dr. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.
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Schlosser (gb)
* 19.4.1830
† 8.6.1860 (München)
Gerichtshalterstochter aus Greifenberg / Professors-Witwe
Todes-Anzeige.
Schwer und lang durch körperliches Leiden und Kummer geprüft, folgte nach kaum einjähriger Trennung von ihrem Gatten diesem und den zwei jüngst verstorbenen Kindern im Grabe
Frau
Veronika Sendtner,
geb. Schlosser,
königl. Universitäts-Professors- und Conservators Wittwe.
Sie verschied ruhig und sanft heute Nacht, versehen mit den Tröstungen unserer heil. Religion im 34. Lebensjahre.
Theilnehmenden Verwandten und Bekannten bringen diese Anzeige auch im Namen der zwei unmündigen Kinder
München, den 26. April 1860.
die tieftrauernden Hinterbliebenen.
Die Beerdigung findet Sonntag den 29. April Nachmittags 4¼ Uhr vom Leichenhause aus, der Gottesdienst Montag den 30. April Morgens 9 Uhr in der St. Peterspfarrkirche statt.
Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik Nr. 120. Sonntag, den 29. April 1860.
Bekanntmachung.
Verlassenschaft der Professorswittwe
Veronika Sendtner betr.
Mittwoch den 12. d. Mts.
Vormittags von 9–12 Uhr und Nachmittags von 3 bis 6 Uhr
wird im Hause Landwehrstrasse Nr. 15 über 2 Stiegen der Rücklaß der Universitäts-Professorswittwe Veronika Sendtner, bestehend aus verschiedenen Kommoden, Kleiderkästen, Arbeits-, Wasch- und andern Tischen, Kanapee’s und Sesseln, Betten und Bettstellen, einer Etagère, Wäsche und Kleidern u. s. w. durch eine Gerichts-Commission versteigert.
Den 5. Septembr. 1860.
Königl. Bezirksgericht München l. d. I.
als Einzelnrichteramt.
Der k. Direktor:
Frhr. v. Junker.
Bayerischer Kurier Nr. 251. München; Dienstag, den 11. September 1860.