Inhalt | Register | |



2 – 7 – 17 (Schlagintweit)

Ω

Ruhestätte der Familie
Schlagintweit

Ω

|||

Dr. rer. nat. Adolf Schlagintweit

* 9.1.1829 (München)
† 27.8.1857 (Kaschgar), Mordopfer
Geologe

Wiener Zeitung (4.7.1861)

Die indische Regierung hat jetzt verschiedene auf den Tod von Adolph Schlagintweit bezügliche Aktenstücke veröffentlicht. Sie stimmen der Hauptsache nach mit dem bisher bekannt Gewordenen überein, doch lassen wir hier das Wesentliche der officiellen Darstellung folgen:

»Adolph Schlagintweit war, wie noch im frischen Andenken ist, im Jahre 1857 aufgebrochen, um seine naturhistorischen Forschungen in der chinesischen Tatarei fortzusetzen. Kokand war sein Reiseziel, und da das reisen in jenen Gegenden mit großen Gefahren verknüpft ist, hatte er seine schwere Bagage und seine Papiere nach Ladakh vorausgeschickt, und seinem Diener Murad, einem Juden, eine Geldanweisung übergeben.

Lange war von ihm keine Nachricht eingetroffen, bis sich endlich das Gerücht verbreitete, er sei ermordet worden. Leider ist dies durch authentische Berichte, die im Laufe der beiden letzten Jahre der Regierung zu Händen kamen, bestätigt worden.

Seine Diener Murad und Abdullah erschienen im Jahre 1859 in Lahore mit dem angeblich’n Schädel des Vielbetrauerten, und um dieselbe Zeit traf auch ein Brief in Peschawer aus Kokand ein, geschrieben von Schlagintweits vornehmstem Diener Mohamed Amin. Er stimmte in allen wesentlichen Punkten mit den Aussagen der beiden anderen Diener überein.

Schlagintweit war demselben zufolge ohne Unfall von Sugeit nach Yarkand gelangt, einer in der chinesischen Tatarei gelegenen Stadt, die von den kokandischen Truppen erst vor kurzem den Chinesen weggenommen worden war. In Yarkand wurde er freundlich aufgenommen; da diese Stadt jedoch durch die Chinesen bedroht war, die zuletzt wieder einige Vortheile gegen das Heer von Kokand errungen hatten, reiste er nach Kaschgar weiter, das durch den syndischen Häuptling, Mali Khan mit dem Beinamen »der Heilige«, von den Chinesen vor kurzem erobert worden war.

Eine Station von der Stadt schickte Schlagintweit seinen Diener Mahomed Amin mit Shawls und Seidenstoffen als Geschenken für den genannten Häuptling voraus. Zum Dank dafür sandte ihm dieser einen Munschi entgegen, damit er ein Inventar seiner Bagage aufnehme, und ließ ihm seine Waffen abfordern. Dagegen protestirte S. und begab sich nach dem Bazar der Häuptlinge, um seine Beschwerde vorzubringen. Um seinen Reisezweck befragt, antwortete er, daß er als Gesandter der ostindischen Kompagnie nach Kokand zu gehen beabsichtige, worauf er sofort gebunden und enthauptet wurde. Seine Diener wurden als Sklaven verkauft. Einer derselben, Abdallah, entkam nach Peschawer; der zweite, Mohamed Amin, wurde später in Freiheit gesetzt und ging nach Kokand, während der dritte, Murad, sein Leben nur dadurch rettete, daß er sich zum Islam bekehrte.

Das Unglück Schlagintweits war, daß er in Kaschgar gerade zu der Zeit ankam, als die Chinesen verzweifelte Anstrengungen zur Wiedereroberung des Platzes machten, die ihnen einen Monat später auch in der That gelangen, die aber lange vorher den Verdacht der Mohamedaner gegen jeden Fremden wach gerufen hatten. Von den Reise-Effekten des Ermordeten ist nie wieder etwas zum Vorschein gekommen, und sein trauriges Schicksal ist eine neue Warnung, daß das Reisen in jenem wilden Grenzlande unter allen Umständen mit Lebensgefahr verknüpft ist.

Trotzdem fehlt es im gegenwärtigen Augenblick nicht an englischen Offizieren, die, im vollen Bewußtsein der ihnen bevorstehenden Gefahren, das Wagestück bestehen oder bestanden haben. Der bei weitem merkwürdigste Fall dieser Art war die im vorigen Jahre unternommene Reise eines britischen Offiziers von Teheran über Herat nach Kandahar und von da nach der Peschawer-Grenze. Er ritt in voller Uniform, unbewaffnet die ganze Strecke. Ein beispiellos kühnes Unternehmen, wenn an bedenkt, wie lüstern die Afghanen nach englischem Blute sind, ein Unternehmen, zu dem unendlich viel Muth und Geistesgegenwart gehört.«

Wiener Zeitung Nr. 153. 4. Juli 1861.

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Schlagintweit Adolf, Dr. rer. nat., 1829 (München) – 1857 (zu Kaschgar ermordet), Geologe, Privatdozent und Forschungsreisender; Bruder des Hermann Sch. studierte in München und Berlin (mit seinem Bruder Hermann von A. von Humboldt gefördert), erforschte 1846/53, von Hermann und teilweise auch von Robert Sch. begleitet, die Alpen, wobei sie 1851 die höchste Spitze des Monte Rosa bestiegen, dann im Auftrag der Englisch-Ostindischen Compagnie und Friedrich Wilhelms IV. von Preußen bis 1857 Indien; seit 1853 war Sch. Privatdozent der Geologie in München; 1855 bestieg er mit Robert Sch. die indischen Riesengletscher und erreichte als erster eine Höhe von 6770 Meter; als er sich 1857 allein im Gebiet von Kaschgar aufhielt, wurde er von verbitterten und abergläubischen Einheimischen ermordet; an ihn erinnert eine Tafel am Familiengrab der Sch. Die Bayerische Graphische Sammlung besitzt mehr als 300 Bilder von seinen Forschungsreisen (Ausstellung 1938).

Hauptwerke: Über die Ernährung der Pflanzen, Untersuchungen über die physikalische Geographie der Alpen (zusammen mit Adolf), über den geologischen Bau der Alpen, über die orographische und geologische Struktur der Gruppe des Monte Rosa, Reports of the proceedings of the officers engaged in the magnetic survey of India (mit Hermann und Robert). »Er und seine Brüder Hermann und Robert waren die ersten deutschen Himalaya-Forscher«, verkündet die Erinnerungstafel am Familiengrab der Sch.

© Dr. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.

|||

Dr. jur. Emil Schlagintweit

* 1835 (München)
† 1904 (München)
Orientalist

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Schlagintweit Emil, Dr. jur. (1835 [München] – 1904, Bezirksamtmann und Orientalist; er besorgte während der Reisen seiner Brüder die Korrespondenz mit Friedrich Wilhelm IV. und A. von Humboldt und zeichnete sich vor allem als Tibetforscher aus, die großen Sammlungen seiner Brüder erschloß er durch Aufstellung und Kataloge der Öffentlichkeit.

Hauptwerke: Buddhism in Tibet, Die Könige von Tibet, Die Gottesurteile der Inder, Indien in Wort und Bild [2Bde.], Die Lebensbeschreibung von Padma Sambhava [2Bde.]).

© Dr. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.

|||

Dr. rer. nat. Hermann Freiherr von Schlagintweit

Sakunlünski (ps)

* 13.5.1826 (München)
† 19.1.1882 (München)
Geograph

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Schlagintweit Hermann, Dr. rer. nat., von, Freiherr, 1826 (München) – 1882, Geograph, Universitätsprofessor und Forschungsreisender; Sohn des Augenarztes Josef August Wilhelm Sch., studierte in München und Berlin, wo er sich 1851 für Geographie habilitierte, erforschte mit seinen Brüdern Adolf und Robert vor allem Indien und Zentralasien, machte schon früh physikalische und geologische Forschungen in den Alpen, England und Schottland; als die ersten bestiegen die Brüder 1851 die höchste Spitze des Monte Rosa; später lehrte Sch. an der Universität Berlin Meteorologie und physikalische Geographie; durch Vermittlung von A. von Humboldt erhielt Sch. zusammen mit seinem Bruder Adolf vom König von Preußen und der Englisch-Ostindischen Compagnie den Auftrag zu einer Forschungsreise nach Indien und Ostasien; die wissenschaftliche Erforschung des Karkorum und des Kwen-lun sind die Hauptergebnisse dieser Reise; Sch. erhielt 1864 vom russischen Zaren den Titel »Sakunlünski« als Erstersteiger des Kwen-lun und wurde Mitglied der BakdW.

Hauptwerke: Untersuchungen über die physikalische Geographie der Alpen, Neue Untersuchungen über die physikalische Geographie und die Geologie der Alpen (mit Robert Sch. zusammen), Results of a scientific mission to India and High Asia (2 Bde.) mit Atlas, Reisen in Indien und Hochasien (4 Bde.).

© Dr. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.

|||

Dr. med. Josef August Wilhelm Schlagintweit

* 7.12.1792 (Regen/Ndb.)
† 10.8.1854 (München)
Arzt

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Schlagintweit Josef August Wilhelm, Dr. med., 1792 (Regen/Ndb.) – 1854, Augenarzt und Chefarzt am Münchner Blindeninstitut; er studierte in Landshut, unternahm Studienreisen in zahlreiche Universitätsstädte, gründete 1822 in München eine Privat-Heilanstalt für Augenkranke, für deren segensreiche Tätigkeit seine 32 Jahresberichte zeugen und die nach seinem Tode vom bayerischen Staat als Ophthalmologische Universitätsklinik übernommen wurde, und war seit 1837 auch dirigierender Arzt am königlichen Blindeninstitut in München; Sch. gehört zu den ersten Opfern der Cholera-Epidemie von 1854.

Hauptwerke: De cataractarum origine, Gegenwärtiger Zustand der künstlichen Pupillenbildung in Deutschland.

© Dr. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.

|||

Max Schlagintweit

* 1849 (München)
† 1935 (München)
Offizier und Forschungsreisender

Kriegserlebnisse bayerischer Artilleristen aus den Jahren 1870/71 (1902)

Meine Feuertaufe.
Von Major a. D. Max Schlagintweit.

In der von mir in dienstlichem Auftrage verfaßten »Geschichte des k. bayer. Fußartillerieregiments und seiner Stammabteilungen« habe ich bei der Schilderung der Beschießung von Bitsch auf S. 58 einer Episode in der Batterie Nr. 1 Erwähnung gethan, welche geeignet sein dürfte, hier näher ausgeführt zu werden, wobei ich den Aufzeichnungen meines Kriegstagebuches folge.

Vorausgeschickt sei, daß zur Beschießung der Festung Bitsch, welche aus der auf felsigem Grunde hochaufgebauten, starken Cidatelle und der ihr zu Füßen gelegenen, mit Wall und Graben umzogenen Stadt bestand, auf dem westlich der Citadelle gegenübergelegenen Höhenzuge 6 Batterien, und zwar 5 Kanonenbatterien und 1 Mörserbatterie erbaut waren; die letztere – Batterie Nr. 2 – war mit 4 glatten 60 Pfünder-Mörsern (30 cm Kaliber), die ersteren mit je 4 gezogenen Feld-12 Pfünder-Rohren (12 cm Kaliber) mit Kolbenverschluß, auf Feldlaffeten liegend, armiert. [Siehe zur Orientierung die dem Abschnitte »Vorgänge um Bitsch« im V. Band Seite 1366 des Generalstabswerkes beigelegte Skizze im Maßstabe 1:80 000.] Für den artilleristischen Dienst waren 2 Festungsbatterien des 2. und 1 Festungsbatterie des 4. Artillerieregiments aus der Festung Germersheim zum Einschließungsdetachement herangezogen. Die Beschießung hatte am 11. September 1870 ihren Anfang genommen.

Am 13. September mittags wurde ich zufolge Detachementsbefehl auf 24 Stunden in die Batterie Nr. 1 als Ablösung des bisherigen Batteriekommandeurs, Oberleutnant Graf von Rambaldi, kommandiert. Für mich bedeutete dieser Befehl meine Feuertaufe; denn bisher war ich als »der jüngste Artillerieleutnant« als Munitionär im Park kommandiert und hatte in dieser Eigenschaft das undankbare, wenn auch sehr wichtige Geschäft des Munitionsnachschubes für die 6 Batterien zu besorgen.

Man kann sich vorstellen, mit welchen Gefühlen, in welch gehobener Stimmung ich mit meiner Ablösungsmannschaft nach der am rechten Flügel der ganzen Geschützaufstellung gelegenen Batterie marschierte!

Zur befohlenen Stunde, Punkt 5 Uhr abends, traf ich in der Batterie Nr. 1 ein. Die Übernahme war rasch vollzogen; nach dem letzten Feuerbefehle hatte der 1. Zug gegen die feindliche Geschützstellung der rechten Face von Bastion I der Citadelle, der 2. Zug in die Stadt auf ein am Nordende gelegenes großes Gebäude zu feuern, das von Truppen besetzt sein sollte. Die Entfernung gegen das erstere Ziel betrug 1900, gegen das letztere Ziel 2400 Schritte. Die Batterie war den Tag über unter mäßigem feindlichen Feuer gestanden; Schaden war in derselben keiner angerichtet.

Obwohl die sämtlichen Batterien somit hinter dem vorliegenden Höhenkamme zurücklagen, daß sie der feindlichen Einsicht vollkommen entzogen waren, mußte man in der Festung den Vorgang der Batterieübernahme, der sich in der gleichen Zeit auch in der Nachbarbatterie Nr. 2 vollzog, doch richtig vermutet haben; denn alsbald richtete sich von der Citadelle aus das Feuer mit ganzer Wucht auf diese beiden Batterien und zwar mit einer unheimlichen Genauigkeit; die Geschosse schlugen alle entweder kurz vor unserer Batterie auf der vorliegenden Kammlinie ein, oder sie flogen dicht über die Batterie hinweg, in dem dahinter gelegenen Laubwald einen Höllenlärm verursachend; die Batterie Nr. 1 war sichtlich in die berüchtigte »enge Gabel« eingeschlossen!

Ich befand mich eben am linken Flügel der Batterie, um beim 4. Geschütz etwas nachzusehen, als ein Mann mit dem Ausrufe auf mich zustürzte: »Herr Leutnant, bei uns liegt einer!« Wirklich traf ich am 2. Geschütz einen Kanonier ausgestreckt und unbeweglich am Boden liegen, den Kopf bereits in einer großen Blutlache schwimmend; es war der Kanonier Johann Härtel von der 2. Festungsbatterie »Schmauß« (4. Artillerieregiments). Eine durch die Scharte fliegende Granate hatte den Kanonier, als er im Begriff war ein Geschoß in das Rohr einzuführen, am Hinterkopfe erheblich gestreift, was eine tödliche Gehirnerschütterung zur Folge hatte. Sofort ließ ich die Blessiertenträger holen, die für den rechten Flügel am Westhange des Schimberges Bereitschaft hatten, und den im Todesröcheln Liegenden in den Laufgraben verbringen, woselbst ich ihm in aller Eile um die klaffende Wunde einen Notverband anlegte. Kanonier Härtel, ein Pfälzerkind, verstarb noch auf dem Transporte nach dem am Fuße des Schimberges gelegenen Orte Reiersweiler, woselbst er am gleichen Tage begraben wurde.

Als ob der Feind seinen Erfolg in der Batterie bemerkt hätte – er stellte sich wenigstens bald zufrieden, indem das Feuer von 1/2 6 Uhr ab langsamer wurde, um dann ganz eingestellt zu werden. Auch ich ließ das Feuertempo dementsprechend vermindern, bis ich um 7 Uhr abends Befehl erhielt, die Nacht über das Feuer ebenfalls ganz einzustellen und dasselbe erst wieder zu beginnen, »sobald der Mond aufgegangen sei«. Auf der ganzen Linie war es nun stille geworden; nur aus der Stadt knisterte und leuchtete starker Brand. Um 8 Uhr abends traf 1 Kompagnie Infanterie als Laufgrabenbesatzung neben der Batterie ein.

Man glaube aber nicht, daß die Feuerpause der Batteriebesatzung Nachtruhe brachte, denn ziemlich umfangreich waren die Beschädigungen, welche dem Batteriebau durch das feindliche Feuer zugefügt worden. So galt es, die Geschützscharte durchweg auszubessern, zwei eingefallene Unterstände wieder herzurichten, die Bettungen zu befestigen, den vor- und seitwärts der Batterie angelegten Beobachtungsposten zu verstärken und anderes mehr.

Und als all diese Arbeiten beendet waren – es war gegen 3 Uhr morgens – da stieg der Vollmond über das Kampffeld auf und die Batterie Nr. 1 war die erste, welche in frischem Kampfesmut den ehernen Morgengruß zur jungfräulichen Citadelle hinüberschickte.

Major a. D. Max Schlagintweit: Kriegserlebnisse bayerischer Artilleristen aus den Jahren 1870/71 von den Mitkämpfern erzählt. München, 1902.

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Schlagintweit Max (1849 [München] – 1935, Offizier und Forschungsreisender; er war bis 1895 bayerischer Offizier und bereiste dann den Balkan und Kleinasien.

Hauptwerke: Geschichte des K. Bayer. 2. Fußartillerie-Regiments, Deutsche Kolonisationsbestrebungen in Kleinasien, Verkehrswege und Verkehrsprojekte in Vorderasien, Kufsteins Kriegsjahre, Die Reformen im Kongostaat, Afrikanische Kolonialbahnen, Die Kolonie Belgisch-Kongo).

© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.

|||

Robert von Schlagintweit

* 27.10.1833 (München)
† 6.6.1885 (Giessen)
Geograph

Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft (1885)

Robert v. Schlagintweit.

Nekrolog, vorgelesen in der Sitzung vom 11. Juni 1885.

Robert v. Schlagintweit, geboren am 27. Oktober 1833 zu München, gestorben als Universitäts-Professor zu Giessen am 6. Juni, wurde bereits in einem Alter, in welchem der Jüngling sonst Andern ihre Erfahrungen ablauscht, zu selbstständigem Handeln berufen. Im Sommer 1854 hatten seine beiden Brüder Adolf und Hermann auf Veranlassung Alexander’s von Humboldt von der damaligen Ostindischen Compagnie den Auftrag erhalten, deren weite Besitzungen in Ostindien zu wissenschaftlichen Aufnahmen, besonders zu Beobachtungen über den Erdmagnetismus zu bereisen; derselben hohen Gunst hatte Robert zu danken, dass er der Expedition als dritter, als Gehülfe, beigegeben wurde.

Die grossen Erfolge der in den Jahren 1854–57 ausgeführten indischen Reisen der drei Brüder sind oft beschrieben worden. Robert kam dabei seine Jugendkraft trefflich zu statten; er entlastete seine Brüder insbesondere von der schweren Sorge der Ordnung und Verfrachtung der angelegten Sammlungen. Mit dem ihn auszeichnenden Sinne für Ordnung und seinem vortrefflichen Gedächtnisse brachte er noch auf der Reise Uebersicht in die Tausende von Nummern; Rawal Pindi, dessen Name jüngst als Ort der Zusammenkunft des englischen Vicekönigs mit dem Herrscher von Afghanistan in der ganzen Welt genannt war, wurde als Stapelplatz aller Sammlungen im nördlichen Indien bestimmt, und spannend wusste Robert vorzutragen, unter welchen Zwischenfällen und Gefahren mit einer nach Hunderten von Kameelen, Pferden und Menschen zählenden Karawane die Sandfelder von Radschputana gequert wurden, um an den Indus zu gelangen, dann über Katsch und Gudscharat nach einem einen Monat beanspruchenden Landmarsche Bombay zu erreichen. Heute durchziehen Eisenbahnen diese weiten Gebiete. Traurig wurde der Blick und feucht das Auge, wenn Robert Rawal Pindi’s als des Ortes gedachte, wo er und Hermann vom dritten Bruder Adolf sich trennten. Adolf wandte sich zurück nach Kaschmir und Centralasien; in Kaschgar ereilte diesen zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden jungen Geologen am 26. August 1857 das traurige Geschick, auf Befehl eines vorübergehenden Emporkömmlings enthauptet zu werden, damit der Kopf eines Feringi die Schädelpyramide abschliesse mit welcher der Wütherich als echter Tatare seinen Sieg über die Chinesen feierte.

Gross waren die Ehren und Auszeichnungen, die den beiden Brüdern Hermann und Robert nach ihrer Rückkehr zu Theil wurden; der den Wissenschaften zugeneigte König Maximilian erhob sie unterm 24. November 1859 in den erblichen Adelstand des Königreichs Baiern.

An der Bearbeitung der wissenschaftlichen Ergebnisse der indischen Reise nahm Robert den regsten Antheil. Aufsehen erregte sein im zweiten Bande des englisch geschriebenen Reisewerkes niedergelegter Versuch, die gewonnenen Höhenbestimmungen Indiens und des Himâlaya zu Vergleichen mit den Hebungsverhältnissen der übrigen Gebirge der Erde zu benutzen. Unter dem auszeichnenden Wohlwollen, das Grossherzog Ludwig III. von Hessen-Darmstadt an dem aufstrebenden, liebenswürdigen Gelehrten nahm, wurde diese Arbeit der Anlass, dass Robert im Jahre 1864 an die Universität zu Giessen als Professor für Geographie übersiedelte. So ehrenvoll die neue Stellung war, so war ihm der Wirkungskreis doch zu eng, wozu viel beitrug, dass unter den schweren körperlichen Leiden, die sich jetzt beim ältern Bruder Hermann als Nachwirkung der tropischen Reisen einstellten, die Fortsetzung des Reisewerkes in’s Stocken gerieth. Rücksichten auf den ältern Bruder veranlassten Robert, von einer regern literarischen Thätigkeit abzusehen, dagegen die eigenen Reise-Erlebnisse in öffentlichen Vorträgen an vielen Orten in anziehender, verständlicher Form bekannt zu geben. Diese Vortragsreisen führten Robert in die Schweiz, nach Ungarn, Siebenbürgen und Russland, zogen ihn aber immer mehr von der akademischen Laufbahn ab. In Aussicht waren Reisen in Russisch-Asien im Auftrag der russischen Regierung genommen und hierzu im Winter 1867/68 eine beschwerliche Reise durch Livland nach Petersburg nicht gescheut worden; aber Robert verfolgte den Plan schliesslich nicht, weil sich sein Lieblingswunsch erfüllte, Nordamerika zu bereisen. Diese Reise wurde entscheidend für sein ganzes künftiges Leben.

Durch Vermittlung von Herrn John Amory Lowell, Curator des Lowell Institute zu Boston, erging an Robert die ehrenvolle Einladung, an dieser Anstalt, die sich in ganz Amerika des höchsten wissenschaftlichen Rufes erfreut, im Winter 1868/69 einen Cyclus von zwölf Vorträgen über Britisch-Indien in englischer Sprache zu halten. In seinen Tagebüchern findet sich hierüber folgende Notiz, die als Kennzeichen des Charakters des Verstorbenen hier wörtlich folgen möge: »Neunundneunzig unter hundert Personen hätten diese Einladung einen Ruf genannt und sie ausposaunt; ich schwieg gegen Jedermann, traf aber im Stillen eifrig meine Vorbereitungen. Unter Leitung eines gebildeten jungen Engländers, den ich in Wiesbaden ausgemittelt hatte, übersetzte ich meine bisher deutsch gehaltenen Vorträge, über die ich ausgeführte Manuskripte besass, ins Englische, das ich dann unter Einübung der richtigen Aussprache und Betonung auswendig zu lernen hatte. Wage sich Niemand, der nicht, wie ich, sich eines ausgezeichneten Gedächtnisses zu erfreuen hat, an eine so riesige Aufgabe! Im English Club zu Köln hielt ich probeweise zwei Vorträge, von denen ich selbst den grössten Nutzen zog; sie müssen aber auch gefallen haben, denn man überraschte mich mit Honorar, überreichte mir einen Lorbeerkranz und ernannte mich zum Ehrenmitglied.« Nach Beendigung der Vorträge in Boston wandte sich Robert nach New-York. Der unmöglich erklärte Versuch, in Amerika in deutscher Sprache Vorträge einzurichten, gelang, und durch die Verbreitung, welche die günstigen Urtheile hierüber in der deutschen wie englischen Presse fanden, war ihm, wie Robert einschreibt, Amerika erschlossen. Während eines Aufenthaltes von 10 Monaten, in welcher Zeit Robert bis zum Stillen Weltmeere vordrang, hielt er in Nordamerika 78 Vorträge, darunter 21 englisch; nicht vergisst er zu buchen, wie wichtig ihm die Empfehlung durch den Generalkonsul des damaligen Norddeutschen Bundes war.

Nach der Rückkehr gab sich Robert einer regen literarischen Thätigkeit hin und veröffentlichte neben zahlreichen kleinern Abhandlungen sieben selbständige Werke, sämmtlich den Westen von Amerika und seine Zukunft behandelnd. Ebenso eifrig widmete er sich der Bekanntgabe seiner Erlebnisse und Eindrücke in öffentlichen Vorträgen; mit besonderm Geschick wurden dabei die Pacifischen Bahnen behandelt, keinen andern Gegenstand wusste der Verlebte so vielseitig zu behandeln. Aufsehen erregte 1878 ein Band betitelt »Bericht über Robert Schlagintweit’s Tausend Vorträge«. Es war am 2. April 1878, dass diese hohe Ziffer öffentlicher, populär-wissenschaftlicher Vorträge, frei vor Herren und Damen gehalten, erreicht wurde. Mit grösster Offenheit spricht sich der Verfasser in diesem Buche über die Einzelheiten dieser seltenen Thätigkeit aus. Leider begnügte sich Robert nicht mit den erzielten Erfolgen, wie er in engern Kreisen bekannt gab, hatte er sich in Ueberschätzung der eigenen Kräfte wie des anzustrebenden Zieles trotz ernsthaftester Gegenvorstellung vorgesetzt, ein zweites Tausend von Vorträgen voll zu machen, und er sollte es bis zu 1353 bringen. Im Sommer 1880 ging Robert zur Auffrischung wie Erweiterung seiner Reiseerinnerungen zum zweiten Male nach Amerika; die Reise war jedoch zu weit angelegt und dadurch äusserst anstrengend. Schwer wurde desshalb die Last der jährlichen Vorbereitungen zu neuen Vortragscyklen empfunden, dankbar bucht Robert jede in den Korrespondenzen zu Theil gewordene Erleichterung. Kurz nachdem Hermann v. Schlagintweit am 19. Januar 1882 in München gestorben war, machte sich bei Robert während einer Reise in Schlesien eine Brustfellentzündung bemerkbar; die erste Lungenerkrankung war bereits auf der amerikanischen Reise vorgekommen. Im Sept. 1883 folgte ein heftiger Gelenkrheumatismus. Niemals mehr erholte Robert sich von diesen Anfällen, sein eisern scheinender Körper war gebrochen. Unter sich steigernden körperlichen Beschwerden gingen die kommenden Winter hin. An Stelle der Vorträge trat jetzt literarische Beschäftigung; musterhaft wurde dann dabei an die Ordnung der Tagebücher und der ausgebreiteten Korrespondenz gegangen. Jeder Jahrgang ist zu besondern Bänden vereinigt, im ganzen wurden 41 Bände gewonnen; der letzte Abschluss ist vom 23. April 1885 und trägt in Vorahnung des sich erfüllenden Geschickes das Motto:

Es ist das seligste Vergnügen,
Wenn man sich selbst genug gethan;
Wie mit geliebten Kindeszügen
Sieht dich der Geist der Arbeit an.
Du kannst in ihrem Werth dich trügen,
Doch nie in deiner Lust daran.

Trügerisch erwies sich die Hoffnung auf die bessere Jahreszeit. Am 6. Juni hauchte Robert Schlagintweit nach mehrwöchentlichem, schmerzhaftem Krankenlager den Geist aus, getröstet von seinem Bruder Emil, bei dem er in allen Lagen seines Lebens Rath erholt hatte. Sein letzter Wunsch wird sich erfüllen, dass alle, die mit ihm in Berührung kamen, ihm ein freundliches Andenken bewahren.

VII. Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft von Bern 1884/1885. Bern, 1885.



© Reiner Kaltenegger · Gräber des Alten Südfriedhofs München · 2007-2026


Erstellt mit jutoh digital publishing software (Anthemion Software Ltd.)