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Hier ruhen:
Herr Hofrath Dr. Reiter
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Reiter, Michael, Dr. med.; 25.11.1802 (Günthering bei Mühldorf) – 22.12.1876 (München); Krämers-Sohn / Zentral-Impfarzt
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* 25.11.1802 (Günthering bei Mühldorf)
† 22.12.1876 (München)
Krämers-Sohn / Zentral-Impfarzt
Auf den hohen Standpunkt der wissenschaftlichen Autorität führen unzählige und sehr verschieden gestaltete Wege; die Gangart aber, um dort anzukommen, bleibt immer die gleiche, sie muss eben wunschbeseelt und stetig sein.
Dass unser jüngst entschlafener Hofrath und Central-Impfarzt a. D. Reiter zu den ersten seines Faches zählte, hat das In- und Ausland längst anerkannt; uns gebietet die Pflicht, jene Wege, die er verfolgte, zu bezeichnen, und das um so mehr, als der in den weitesten Kreisen wohlbekannte Mann dieselben auch seinen Freunden nicht gerne aufdeckte, weil er gewohnt war, nie von seiner Person, sondern immer von der Sache zu sprechen.
»Ich habe keine freundlichen Erinnerungen an die sonst so schöne Zeit der Jugendjahre« war Alles, was er von diesem Thema sprach.
Michael Reiter stammt aus einer Krämersfamilie in Günthering, einem kleinem Dorfe bei Mühldorf in Bayern, wo er am 25. November 1802 geboren wurde. Der damals jene Gegenden verheerende Krieg, die darauffolgenden Blattern- und Typhus-Epidemieen, welchen sein Vater, ehe der Knabe noch fünf Jahre alt war, zum Opfer fiel, mögen wohl die Ursache seines obigen Ausspruches sein. Dem Wunsche seiner Mutter gemäss sollte er sich zu dem Studium der Theologie vorbereiten, bezog das Gymnasium in Salzburg 1813 und absolvirte es mit vorzüglicher Note am 5. September 1821. Auf der Universität Landshut erkannte er alsbald, dass es das Studium der Naturwissenschaften und der Medicin sei, dem sein Leben gewidmet werden müsse.
Die Professoren schätzten ihn seines Eifers und seiner Anlagen wegen, die Comilitonen ob seiner Biederkeit und Liebenswürdigkeit. Am 29. August 1825 promovirte er, nachdem er zur Inaugural-Dissertation das Thema: »Chemische Untersuchung des Trinkwassers im Landshuter Krankenhause« gewählt hatte, und errang im Jahre 1827 die Note Eminens im Staatsconcurse. Dann trat er für kurze Zeit als Unterarzt in die Armee ein, wurde 1828 mit einem Reisestipendium bedacht, bildete sich von April bis November 1828 in Wien, den folgenden Winter in Berlin aus und erweiterte seine Kenntnisse während des Jahres 1830 in Paris und London.
In die Heimath zurückgekommen, wurde er als functionirender Gerichtsarzt nach Fürstenfeldbruck beordert.
Gegen Mitte August 1831 erschienen in Wien die ersten Cholerafälle; am 14. September hatte die Seuche solche Ausdehnung angenommen, dass die k. k. österreichische Regierung gezwungen war, das Herrschen der Cholera in Wien officiell bekannt zu machen.
Eine Woche später sandte die bayerische Staatsregierung Aerzte zum Studium der Cholera nach Wien, und Reiter traf die Ehre, Mitglied dieser Commission zu sein. Die Resultate seiner nun rastlos und mit offenem Auge in Wien, Ungarn und Mähren angestellten Beobachtungen veröffentlichte er zu Passau im März 1832 in einer sehr interessanten, höchst eingehenden Schrift: »Beobachtungen über die orientalische Cholera«. Dieselbe zeichnet sich durch Genauigkeit der Beobachtung, ruhige Objectivität und besonders eingehende Mittheilungen über die pathologische Anatomie der Cholera aus; obwohl zu einer Zeit verfasst, in welcher die Cholera-Literatur relativ arm war, ist in dem nachfolgenden Schwarm nicht viel mehr Objectives enthalten, als in Reiter's ersten Beobachtungen.
Kaum war Reiter von dieser anstrengenden Reise zurückgekehrt, erhielt er einen anderen ehrenden Auftrag. An der nordöstlichen Grenze Bayerns trat eine heftige Typhusepidemie auf, und er wurde als exponirter Regierungsarzt zur Hebung dieser Seuche in jene im Winter so unwirklichen Berge gesandt. Es geht der Zug durch sein ganzes Leben: sobald es sich um's Helfen aus Noth und Elend handelte, da kannte er gegen seine Person keine Rücksicht mehr; man mag daraus entnehmen, wie rastlos seine Thätigkeit an der Grenze war, dass er mehrmals bei seinen nächtlichen Wanderungen der vollen Gefahr des Verhungerns und Erfrierens ausgesetzt war. Als er in »sehr befriedigender Weise« dort seine Aufgabe gelöst hatte, wurde er in ähnlicher Eigenschaft nach Iffeldorf in Oberbayern, wo eine Frieselepidemie herrschte, beordert. Ein Zeugniss seiner dort entfalteten Tüchtigkeit ist eine Eingabe des k. Bezirksamtes Weilheim vom 18. April 1833, wonach gebeten wird, Reiter möge man noch länger am Orte behalten, »weil derselbe das allgemeine Zutrauen im hohen Grade besitzt«.
Von Mitte 1833 bis 2. October 1834 fungirte Reiter als Gerichtsarzt am Landgericht München; in dieser Zeit machte er eine grosse Reihe von Untersuchungen, welche für seine spätere Lebensaufgabe in hohem Grade massgebend sein sollten.
Als Gerichtsarzt hatte er nämlich die öffentliche gesetzliche Impfung in dem damals grossen Bezirke durchzuführen. Der Impfstoff, welchen er aus der Centralimpfanstalt zum Behüte der Vorimpfungen bezog, entsprach in keiner Weise den Anforderungen, welchen man an guten Impfstoff stellen kann, da er insbesondere in weiteren Generationen quantitativ und qualitativ schwach reagirte. Schon während Reiter in Bruck impfte, erhielt er von Prof. Ritter aus Kiel originären Impfstoff, der Kuh entnommen, und kannte daher aus den damit angestellten Experimenten die Wirkungen von gutem Impfstoff. Da nun originärer Impfstoff in unseren Landen schwer zu beschaffen ist – Reiter fand ihn während seiner mehr als 40jährigen Thätigkeit nur dreimal – so kam er auf die Idee, sich diesen originären Impfstoff dadurch zu erhalten, dass er ihn auf das Euter milchender Kühe überimpfte und von da aus wieder auf Kinder übertrug. Die vielen Ortschaften in der Umgebung von München, in welchen Milchwirthschaft getrieben wird, seine Gewandtheit in dem Umgang mit den Leuten, seine Freigebigkeit, wenn es sich um experimentelle Studien handelte, erleichterten ihm diese gerade keineswegs so leicht auszuführenden Arbeiten.
Das Resultat dieser zahlreichen Versuche war immer das, dass Impfstoff, welcher von der Kuh entnommen wurde, besonders in den nächsten Generationen auf den Menschen viel intensiver und sicherer anschlug, als solcher, welcher schon viele Generationen durch den Menschen gemacht hat; so erfand Reiter sein »Regeneriren des Impfstoffes«.
Nachdem nun Reiter mehreren Impfärzten solch' regenerirten Stoff zum Versuche gegeben und die Resultate immer die gleich guten blieben, zeigte er die Sache der k. Staatsregierung an; dieselbe erkannte sofort die Tragweite der aus den Experimenten sich ergebenden Resultate; denn in dem ganzen Impfwesen ist Beschaffung von gutem Impfstoffe erste Bedingung.
Im Jahre 1834 wurden daher zwei Commissionen zur Prüfung der Verhältnisse eingesetzt; deren Prüfungs-Resultate bestätigten einstimmig die Erfahrungen Reiter's, der inzwischen zum Gerichtsarzt in Miesbach ernannt worden war.
Darauf erging unter dem 11. November 1834 folgende Allerhöchste Entschliessung: »Da nach dem Gutachten der zur Untersuchung verschiedener Impfstoffe aufgestellten ärztlichen Commissionen die von dem praktischen und gegenwärtigen Gerichtsarzte Dr. Reiter zu Miesbach aufgefundene regenerirte Impfstoff sich sowohl hinsichtlich der Form als des Verlaufes der Blattern unter allen übrigen Impfstoffen als der vorzüglichste bewährt hat, so wird der k. Gerichtsarzt Dr. Reiter hiemit angewiesen, dafür Sorge zu tragen, dass er fortwährend mit einem hinlänglichen Vorrathe dieses regenerirten Impfstoffes versehen sei, um davon sämmtlichen Impfärzten des Königreiches, welche bereits angewiesen sind, in Zukunft ihren jährlichen Bedarf von Impfstoff nur allein von ihm zu beziehen, zu jeder Zeit abgeben zu können«.
Uns ist jetzt, da die Central-Impfanstalt kraft vorstehender, noch giltiger Ministerialentschliessung nur regenerirten Impfstoff verschickt, die Tragweite der Reiter'schen Experimente nicht mehr so kenntlich; um sie ganz würdigen zu können, müsste man die einzelnen Impfberichte vom Jahre 1835, in dem zum erstenmale mit regenerirtem Stoffe geimpft wurde, und daher der Unterschied gegen den früheren Stoff deutlich hervortrat, einsehen. Die Impfärzte waren voll des Dankes für den nunmehr sicher wirkenden Stoff. Im Generalberichte über die Resultate der gesetzlichen Schutzpockenimpfuug pro 1835 heisst es:
Staatsministerium des Innern.
»Da nach dem Urtheile sämmtlicher Gerichtsärzte des Königreiches der regenerirte Impfstoff des Dr. Reiter bei der für 1835 stattgefundenen Schutzpockenimpfung sich in Bezug auf Sicherheit der Wirkung und auf die Entwickelung und Form der Blattern, sowie auf die locale und allgemeine Reaction im Organismus der Impflinge, als vorzüglich bewährt hat, so wird die k. Regierung des Isarkreises den genannten Arzt von diesem befriedigenden Resultate mit der Weisung in Kenntniss setzen, dass die Gerichtsärzte des Königreiches fortwährend mit gleich gutem, regenerirtem Impfstoffe für die vorzunehmenden Impfungen versehen werden.
Zugleich hat die k. Regierung zu veranlassen, dass Dr. Reiter in einer kurzen Anleitung die Methode bekannt mache, nach welcher er die Regeneration der Vaccinelymphe bewirke, da viele Aerzte davon Kenntniss zu erhalten wünschen«.
München, 3. April 1835.
Auf Allerhöchsten Befehl etc.
Reiter, welcher inzwischen Mitte März 1835 zum k. Central-Impfarzte in München ernannt worden war, kam letzterem Befehle im k. b. Intelligenzblatte für den Isarkreis, 1836, S. 833 ff., nach.
Als Central-Impfarzt hat nun Reiter eine Musteranstalt geschaffen. Letzteres zu bewirken ist ihm aber keineswegs so leicht geworden, wie vielfach angenommen wird. Der Central-Impfarzt hat eine Doppelstellung, indem er sowohl Landes- als Localbeamter ist; als letzterer hat er die öffentlichen Impfungen in München durchzuführen.
Betrachten wir die Zustände, wie sie sich bei Reiter's Amtsantritt präsentirten. War auch eine Allerhöchste Verordnung über die Impfung vom 22. December 1830 als fast vollendet gut in Kraft, so wurden doch die Bestimmungen in keiner Weise gehalten, weil es an einer tüchtigen Vertretung fehlte. Unter dem Amtsvorgänger Reiter's, Dr. Giel, der schon seit dem 15. Februar 1804 im Dienste war, wurden ganz gegen das Gesetz einfach nur diejenigen Kinder geimpft, die sich freiwillig stellten, und so kam es, dass vor Reiter's Dienstantritt von den 3000 in München impfpflichtigen Kindern nur 222 wirklich geimpft wurden. Reiter stellte sich auf Seite des Gesetzes, und fand, soweit war man heruntergekommen gewesen, überall Schwierigkeiten. Verlangte er nach demselben von der Behörde die Einsendung der Impflisten, und erzwang er sie durch höhere Instanzen, so trat gegen ihn sogleich Missstimmung wegen früher nicht gewesener Geschäftsvermehrung ein. Gegen die ausdrücklichen Bestimmungen impften Chirurgen und Bader ohne allen Anstand, und stellten selbst, sogar deren Frauen, Impfscheine aus. Reiter schaffte diese Missstände ab unter grossem Lärm des niederärztlichen Personals; die zur Impfung berechtigten praktischen Aerzte hielten in keiner Weise die ihnen auferlegten Verpflichtungen, ohne welche eine Durchführung einer Zwangsimpfung ja ganz unmöglich ist.
Reiter bestand auf Einhaltung der auferlegten Verpflichtungen, darob schwerer Verdruss über das »uncollegiale« Benehmen.
»Es kostete mich«, schreibt er noch am 11. Februar 1848, »unsägliche Mühe, bis ich die Ordnung durchsetzte; einige praktische Äerzte intriguirten mit Lug und Trug dagegen, aber vergebens«. Liess er gemäss seines Amtes Alle, deren Kinder der Impfpflicht nicht genügten, vor die Polizei citiren, so verfeindete er sich über dieses früher nie geübte Verfahren am meisten mit Denen, die recht wohl hätten wissen müssen, dass er nicht Schuld daran habe.
Waren nun nach Jahrzehnte langem Kampfe alle Hindernisse beseitigt, so entstand im Jahre 1851 eine heftige Agitation gegen die Kuhpockenimpfung im Publikum; an den im Schmutze entstandenen schmählichen Titeln, unter welchen er in der Presse herumgezogen wurde, konnte man allerdings erkennen, von woher die Agitation ausging. Seine Ruhe, seine Belehrung in öffentlichen Blättern, und vorzüglich der gesunde Sinn des Publikums dämpfte auch diese Aufregung.
Man könnte nun glauben, dass unter der Amtsthätigkeit Reiter's die gesetzliche Strafe gegen Renitenten massenhaft exequirt worden sei; das kam aber in der That nur ein paarmal vor. Er wusste durch seine Liebenswürdigkeit und sachdienliches Verhalten, vor Allem aber durch seine mit der ängstlichsten Gewissenhaftigkeit vorgenommenen Operationen, die niemals, und das will bei vierzigjähriger Impfpraxis viel sagen, ein Unglück zur Folge hatten, das Publikum dahin zu bringen, dass es sich zu den Impfungen drängte, indem es eine gewissenhaft ausgeführte Vaccination als eine Wohlthat ansah.
Reiter fasste seine Stellung keineswegs als einfacher Verwaltungsbeamter und als Vollzugsmaschine des Gesetzes auf, sondern von einem höheren wissenschaftlichen Standpunkte. Vor Allem wollte er in seiner Sparte Alles prüfen und Alles beobachten, was überhaupt zu beobachten ist. Er wiederholte alle Experimente, die Andere vor ihm in dieser Hinsicht angestellt, viele mehrmals; dann machte er aber auch eine grosse Reihe von Experimenten origineller Natur, die zu neuen Resultaten führten und über das Wesen des Impfstoffes einigermassen aufklären. Die wenigen Menschen, die mit Impfstoff Experimente am Menschen und Thier gemacht haben, werden wissen, welch' ausserordentliche Vorsicht sie erheischen und wie schwer dieselben auszuführen sind.
Reiter reflectirte so: »Vom Wesen des Trägers der inoculablen Krankheiten weiss man zur Zeit so viel als gar nichts. Versuche mit analogem Syphilis-, Rotz-, Schanker-, Blattern- etc. Gift anzustellen, hätten überall auch ihre Schattenseiten; hingegen Versuche mit Kubpockenstoff schädige den Menschen nicht; würde man aber auf diesem Wege zu positiven Resultaten kommen, so wäre durch Analogie dasselbe auch für die entsprechenden Krankheiten gültig und in der Lehre der inficirenden Leiden ein Schritt vorwärts geschehen; dort, wo es noch absolut dunkel ist, wäre auch ein wenig Licht schon von Werth«.
Er untersuchte nun, unterstützt von einer jungen Kraft, auf alle zu Gebote stehenden Wegen experimentell den Impfstoff und seine Wirkungen und erweiterte dadurch den Gesichtskreis über die Lehre der Ansteckung resp. deren Verhütung (Desinfection). Gerade diese Arbeiten sind es, die wir als seine wichtigsten erkennen müssen, und welche ihm einen ewigen Nachruhm verschafft haben; sie sind in kleinen Artikeln der früheren Jahrgänge dieser Blätter niedergelegt. Von Form sind sie alle kurz und unscheinbar; von Inhalt reich, sinnvoll und neu, würdig eines deutschen Forschers.
Im Jahre 1842 schrieb die Pariser Akademie der Wissenschaften einen Preis für die beste Lösung von fünf wichtigen Fragen aus dem Gebiete der Vaccination aus. Reiter bewarb sich um den Preis und sandte seine Arbeit ein; in dem am 10. März 1845 hierüber veröffentlichten Rapport ist Reiters Arbeit mit No. 22 bezeichnet und in diesem Rapporte selbst nicht weniger als dreiundzwanzig mal angezogen. Er erhielt indessen den Preis nicht, sondern eine ehrende Anerkennung; er liess daher seine Arbeit im Jahre 1846 als »Beiträge zur richtigen Beurtheilung und erfolgreichen Impfung der Kuhpocken« im eigenen Verlag erscheinen. Es ist gar keine Frage, dass diese Schrift wegen der rein objectiven Haltung und weil der Autor jede einzelne Frage mehrfach experimentell prüfte, ehe er darüber urtheilte, zu den besten des Faches gehört Leider verhinderte seine eigene übertriebene Bescheidenheit ihre weitere Verbreitung.
Im Jahre 1872 erlebte er die Freude, von der Petersburger Akademie, welche in ähnlicher Weise wie früher die Pariser einen Preis für die beste Abhandlung über das Impfwesen ausgesetzt hatte, gekrönt zu werden.
Dieser Preis war nicht die alleinige Anerkennung seiner Verdienste. Sobald sich bei auswärtigen Regierungen und Behörden Schwierigkeiten in der Ausführung der Impfung ergaben, wurde bei Reiter um Rath gefragt; war bei Blatternoth Impfstoffmangel da und dort, wurde Impfstoff von Reiter erbeten, der auch sofort in der ausgiebigsten und uneigennützigsten Weise aushalf, so dass es kaum ein Land in Europa giebt, wohin er nicht wiederholt grössere oder geringere Quantitäten, aber stets vorzügliche Qualität sandte. Ein Theil der Regierungen erkannte seine Verdienste an und daher stammt die grosse Reihe der Decorationen, welche die Brust des Todten schmückte; denn im Leben hat er sie nie getragen.
Als vor einigen Jahren die Blattern unser Vaterland so sehr verheerten, wusste Reiter Impfstoff in kaum glaublicher Menge, allerdings auch unter Aufgebot aller Kräfte, zu beschaffen. Kriegsgefangene Franzosen schleppten die Blattern in unser Vaterland, und da ruhte Reiter nicht, bis auch er sein Schärfchen auf dessen Altar niedergelegt. Er impfte unentgeltlich und obwohl 70 Jahre alt, keine Strapazen scheuend, die sämmtlichen grossen Depôts der Kriegsgefangenen mit solchem Erfolge, dass bald nach den Impfungen das Weiterverbreiten der Blattern schwieg, und leistete während dieser höchst anstrengenden Arbeit noch dazu Dienste als Oberarzt in den hiesigen Kriegs-Gefangenen-Depôts.
Seinen Erfahrungen als Verwaltungsbeamten einer wenn auch einfach scheinenden doch so sehr complicirten und wichtigen Sparte sind die Verbesserungen zu danken, welche die k. bayer. Staatsregierung in den allerh. Verordnungen vom 17. December 1852 und vom 4. März 1864 dem Impfwesen gegeben. Die letzte wird als eine der besten und ausgearbeitesten aller Impfgesetze anerkannt; konnte man es Reiter verargen, wenn er, als das Impfgesetz für das Deutsche Reich vom 8. April 1874 erschien, und ihm der eine oder andere Paragraph im Vergleich zu den früheren Bestimmungen als Rückgang erschien, sein Möglichstes thun wollte und that, um das was seiner Ueberzeugung nach ein Fehler war, abzuwenden oder zu corrigiren? Er konnte sich mit dem neuen Impfgesetze nicht mehr befreunden, wie die Leser dieser Zeitung aus den No. 1 und 21 des Jahrganges 1875 sich wohl erinnern werden; bat daher, nachdem er 40 volle Jahre Central-Impf-Arzt gewesen, um Versetzung in den Ruhestand, den er unter wohlgefälliger Anerkennung seiner Verdienste mit dem Titel eines k. Hofrathes erhielt.
Den Ruhestand benutzte er, wohl von den Mühen des Amtes, keineswegs aber von der Sache selbst auszurasten; seine zahlreichen Correspondenzen nahmen eher zu als ab, und das beste Zeugniss für seinen wissenschaftlichen Fleiss ist gewiss, dass er trotz der Qualen seiner Krankheit noch zwei Tage vor seinem Entschlummern Kinder geimpft und Notizen über sein Fach gemacht hat.
Reiter's Charakter war offen, ehrlich und insbesondere lag das Helfen so sehr in demselben, als ob er es thun müsste. Wie vielen Tausenden von Armen hat er nicht durch Gaben aller Art aus dem Elende geholfen und vor Bedrängniss geschützt; es war ihm der grösste Genuss, arme Schulen mit zweckdienlichen Lehrmitteln, oft von grösserem Werthe, zu beschenken und häufig veranstaltete er reichliche Gastmäler für eine grosse Schaar armer Kinder; für sich ohne Bedürfnisse, war er ein Verschwender für Dürftige; seine Freude am Wohlthun erstreckte sich auch auf die Thiere; denn »wer die Thiere nicht mag, der liebt auch keinen Menschen«; fand er auf seinen Impfgängen, die ihn ja oft in die ärmsten Arbeiterviertel brachten, in irgend einer Ecke ein verhungerndes Thier, das war seines Schutzes sicher und bekam bei ihm oder andern einen guten Platz.
Da er immer bereit war zu lernen, so waren auch seine Kenntnisse insbesondere in Geschichte und den Naturwissenschaften gross, und da er hauptsächlich sich gerne in Studien verwickelte, die Anderen als schwer gelten, daher vieles und mannigfaches wusste, ferner das was er inne hatte, geschickt zu geben verstand, so war er ein trefflicher Gesellschafter.
Reiter verehelichte sich im Jahre 1837 zum erstenmale, aber das Glück währte nicht lange; der Tod seiner Gemahlin, dem sehr bald darauf der des Kindes folgte, bewegte ihn auf's Tiefste. Nur das eingehende Studium der Naturwissenschaften, besonders das der Ichthyologie, vermochte ihn vor tieferer Melancholie zu retten; daher stammte seine Liebe und sein Eifer für letztere Wissenschaft.
Auch seine zweite Frau, die er 1848 ehelichte, ging ihm im Tode einige Jahre voraus; zum Trost blieben ihm seine Kinder als Stolz und Freude.
Seit mehr als einem Jahrzehnt litt der so reckenhaft gebaute, nie krank gewesene Mann an Gicht; trotz des jährlichen Besuches der einschlägigen Bäder stellte sich dieser schlimme Gast fast jeden Winter ein; so auch wieder Anfangs April 1876. Seit dieser Zeit verliess Reiter das Bett nicht wieder; es trat allmaliger Marasmus ein, an dem er am 23. December 1876 sanft entschlummerte, und am Weihnachtsabende, dem frohen Kinderfesttage, haben wir den Kinderfreund zur Erde gebettet
Die Wissenschaft hat ihm durch Auffindung neuer Thatsachen die Erweiterung ihres Gesichtskreises, der Staat die Errichtung einer Musteranstalt, Hunderttausende von Menschen Schutz vor einer der bösartigsten Krankheiten zu danken.
München im Januar 1877.
Dr. Kranz,
k. Central-Impfarzt.
Dr. Michael Reiter, k. Hofrath und qu. Central-Impfarzt. Nekrolog von Dr. Kranz, k. Central-Impfarzt. Separat-Abdruck aus dem »Aerztlichen Intelligenz-Blatt« Nro. 6 vom 6. Februar 1877. München; 1877.