Inhalt | Register | |



3 – 3 – 28 (Rockenstein)

Ω

Familie
Rockenstein.

Hier ruhen in Gott:
Unser unvergesslicher
innigstgeliebter Gatte & Vater,
Herr Josef Rockenstein
k. b. Hofgürtlermeister
geb. den 1. Jan. 1812, gest. den 27. Okt. 1885.
Unser liebster Sohn & Bruder
Herr Ferdinand Rockenstein
Apotheker und Oberleutnant d. R.
geb. den 19. Okt. 1862, gest. den 23. Juli 1899.
Unsere innigstgeliebte treubesorgte Mutter
Frau Agatha Rockenstein
geb. den 7. Febr. 1829, gest. den 16. Juli 1905.
Ihnen folgte unser bester Bruder
Herr Josef Rockenstein
k. b. Hofbronzewarenfabrikant & Major d. R. a. D.
geb. den 7. Febr. 1858, gest. den 3. Juni 1916
an den Folgen der am 21. Okt. 1914 bei Arras
erlittenen Verwundung

Linke & Rechte Seite

Die Inschrift ist nicht erhalten

Ω

|||

Ferdinand Rockenstein

* 19.10.1862
† 23.7.1899 (Zugspitze), Tod durch Bergunfall
Apotheker und Oberleutnant

Allgemeine Zeitung (24.7.1899)

Bayerische Chronik.

München, 24. Juli.

Unglück auf der Zugspitze. Abermals hat der Bergsport ein Opfer gefordert und über eine hiesige Familie tiefe Trauer gebracht. Wie uns von dem Alpinen Rettungsausschuß hier mitgetheilt wird, verunglückte gestern, Sonntag, Vormittag der Apotheker Ferdinand Rockenstein von hier kurz unter dem Gipfel der Zugspitze. Rockenstein war mit einigen Herren des Männer-Turnvereins München auf einer Partie nach der Zugspitze begriffen, rutschte auf einmal plötzlich ab, konnte von seinen Begleitern nicht mehr gehalten werden und verschwand in der Tiefe, wo er wohl unzweifelhaft den Tod fand. Sämmtliche Herren sind sehr gewandte Bergsteiger. Auf die hieher gelangte Meldung hin wurden gestern sofort zwei Bergungsexpeditionen abgesandt, von denen die eine unter der Führung des Hrn. Rehm, Vorsitzenden des hiesigen Alpinen Rettungsausschusses, steht. Bis zur Stunde konnten jedoch beide Expeditionen infolge des stürmischen Wetters nichts ausrichten. Der Verunglückte war in der hiesigen Ludwigsapotheke angestellt. Aus Garmisch geht uns zu dem Unglücksfall noch folgender Bericht zu: »Einige Herren der Alpenvereins-Sektion »Bayerland« brachen am Sonntag früh von der Höllenthal-Hütte, wo sie übernachtet hatten, auf, um den Zugspitzgipfel zu besteigen. Etwa zehn Minuten unter diesem glitt einer der Herren, Apotheker Ferdinand Rockenstein aus München, in einer Eisrinne aus und verschwand mit dem Rufe: »O weh, jetzt geht's dahin!« spurlos – die Rinne biegt an der Unglücksstelle in eine scharfe Kurve aus – vor den Augen seiner Gefährten. Auf telephonische Benachrichtigung hin ist gestern noch eine Rettungsexpedition unter Leitung des Hrn. Apothekers Rehm in der Knorrhütte eingetroffen, um heute früh mit mehreren Führern den Verunglückten aufzusuchen; sie konnte aber wegen des herrschenden starken Sturms vor 9 Uhr die Hütte nicht verlassen. Ob der Verunglückte lebend angetroffen wird, ist sehr zu bezweifeln.« – Nach einer weiteren Meldung ist diesen Mittag 1½ Uhr von hier eine Expedition nach der Unglücksstätte abgegangen, um den Abgestürzten zu suchen. Der Absturz hat ungefähr um 8 Uhr morgens ganz kurz unterhalb des Gipfels stattgefunden; einer der Theilnehmer an der Partie, Hr. Schuldirektor Römer, bemerkte das Ausgleiten Rockensteins, eilte zu ihm, ohne ihn jedoch noch erreichen zu können.

Allgemeine Zeitung Nr. 203. München; Montag, den 24. Juli 1899.

Allgemeine Zeitung (25.7.1899)

Bayerische Chronik.

München, 24. Juli.

Ueber das Unglück auf der Zugspitze erfahren wir noch folgendes: Heute, Montag, Mittag wurde die Leiche des verunglückten Apothekers Ferdinand Rockenstein in einer Randkluft des Höllenthalferners entdeckt. Die Bergung der Leiche dürfte noch mitt großen Schwierigkeiten verbunden sein. Der Absturz erfolgte, wie schon gemeldet, nur etwa 10 Minuten unterhalb des Zugspitzgipfels, jedoch an einer Stelle, die für führerlose Partien gefährlich ist und die im vorigen Jahre auch dem Münchener Hirmer das Leben gekostet hat. Es ist dort nämlich eine Wegstelle, an der führerlose Steiger gewöhnlich nach rechts über die verhängnißvolle Eisrinne, statt nach links gehen. Da auch die Partie, an der Rockenstein sich betheiligt hatte, ohne Führer war, ist dieser traurige Fall eine neue dringende Mahnung, solche Touren nicht ohne sichere Begleitung zu unternehmen.

Allgemeine Zeitung Nr. 204. München; Dienstag, den 25. Juli 1899.

Allgemeine Zeitung (26.7.1899)

Bayerische Chronik.

München, 25. Juli.

Zum Unglück auf der Zugspitze erhalten wir nachfolgende Mittheilung aus Garmisch: Die Bergung der Leiche des verunglückten Apothekers Rockenstein war mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Es herrschte gerade um diese Zeit auf der Zugspitze eine schneidende Kälte, unter der die Theilnehmer an dem Rettungswerke sehr zu leiden hatten. Führer Koser mußte tief in die Eisrinne hinuntersteigen. Er fand die Leiche theilweise im Sand vergraben vor, den die heftigen Gewitter der letzten Tage von den Felsen losgeschwemmt hatten. Der Anblick der Leiche selbst war gräßlich; namentlich wies der Kopf starke Verletzungen auf. Die Gehirnschale hatte große Sprünge, ein Theil des Hinterhauptes fehlte. Es ist daraus zu schließen, daß der Absturz mit kolossaler Wucht erfolgte und daß der Tod jedenfalls augenblicklich eintrat. Mit großer Anstrengung wurde der Körper aus der Schlucht herausbefördert und nach Garmisch verbracht, wo sofort die Aufbahrung erfolgte.

Allgemeine Zeitung Nr. 205. München; Mittwoch, den 26. Juli 1899.

Allgemeine Zeitung (27.7.1899)

Bayerische Chronik.

München, 26. Juli.

Zum Unglück auf der Zugspitze. Die Leiche des verunglückten Apothekers Ferd. Rockenstein traf mit dem Garmischer Zuge heute Nachmittag um 3 Uhr 52 Min. auf dem Zentralbahnhof ein. Ein stattliches Trauergefolge hatte sich auf dem Perron eingefunden, darunter eine große Anzahl von Freunden und Bekannten des so jäh aus dem Leben Geschiedenen, eine Vertretung der Aktivitas des Korps Vitruvia, dessen Philister Rockenstein gewesen, viele Vitruven-Philister, Baurath Adelung, Bauamtmann Otto, Polizeirath Steinhäuser, dann Major Zehntner, Bauamtsassessor Hof u. A. m. Von den Verwandten waren die zwei älteren Brüder des Verunglückten anwesend, von denen einer bekanntlich die verhängnistvolle Bergtour mitgemacht hatte. Der Waggon, der die Leiche barg, wurde an die gegen die Landsbergerstraße zu gelegene südliche Laderampe gefahren. Der mit Holzverkleidung versehene Zinnsarg, der ein schönes großes Metallkreuz auf der Vorderseite trug, war pietätvoll mit drei Kränzen aus blühenden Alpenrosen geschmückt – ein letzter Gruß der Berge an den Todten. Die Häupter entblößten sich, als der Sarg aus dem Wagen gehoben und in den bereitstehenden Todtenwagen verbracht wurde, dessen schwarze Gewandung durch die Ueberfülle von Kranzspenden fast ganz verdeckt war. Die Beerdigung findet morgen, Donnerstag, nachmittags 3½ Uhr, auf dem südlichen Friedhofe statt.

Allgemeine Zeitung Nr. 206 (Morgenblatt). München; Donnerstag, den 27. Juli 1899.

Allgemeine Zeitung (27.7.1899)

Bayerische Chronik.

München, 27. Juli.

Zum Unglück auf der Zugspitze. Vom »Alpinen Rettungsausschuß München« geht uns jetzt folgender authentischer Bericht zur Veröffentlichung zu:

Am Sonntag, 23. d. M., früh 3 Uhr 45 Min., brachen Hr. Ferd. Rockenstein mit seinem Bruder und zwei Freunden, sämmtlich Mitglieder der Sektion Bayerland, von der Höllenthalhütte zur Zugspitze auf. Indem sie den von der Alpenvereinssektion München sehr gut angelegten Weg verfolgten, gelangten sie ohne Anstand bis an die Schutthänge, die kurz unter dem Ostgipfel sich quer hinüberziehen. An einer Stelle, die mit Geröll bedeckt war, wurde noch eine kleine Rast gemacht. Hr. Ferd. Rockenstein befand sich in der Mitte und hatte seinen Pickel neben sich an einen Felsen gelehnt. Plötzlich gab das unter seinen Füßen sich befindende Geröll nach und durch einen Felsblock nach links geworfen, gelangte er in eine Schneerinne, in der er lautlos in die Tiefe glitt, ohne nochmals einen Halt zu bekommen. Ein Beispringen war unmöglich, da er nur zu schnell den Blicken seiner Begleiter entschwand, auch hätten die Terrainverhältnisse ein solches nicht zugelassen. Von dem Münchener Hause wurden sofort, da Führer nicht anwesend waren, zwei Träger auf dem begangenen Wege nach abwärts gesandt, jedoch konnten diese keine Spur des Verunglückten entdecken. Vom Bezirksamt Garmisch wurden sofort die Führer: Koser Sepp, Koser Johann, Kleißl Georg, Eigner Andreas, Grasegger Toni zur Aufsuchung der Leiche beordert mit dem Auftrag, von der Höllenthalhütte zur Spitze anzusteigen. Der Unterzeichnete, Vorsitzender des A. R.-A. M. langte gegen Abend 7½ Uhr vom Dreithorspitzgatterl mit mehreren Mitgliedern der Sektion Bayerland auf der Knorrhütte an, wo er die Nachricht von dem Unglück erhielt. Er organisirte sofort eine zweite Expedition, der durch das liebenswürdige Entgegenkommen des Hrn. Bezirksamtmanns Voelk die auf der Knorrhütte gerade anwesenden Führer: Lechner Joseph, Dengg Franz, Meier Joseph, Glatz Lorenz zur Verfügung gestellt wurden, und zwar mit dem Auftrag, vom Münchener Haus abwärts das Terrain abzusuchen. Die erste Expedition brach bereits früh 2 Uhr von der Höllenthalhütte bei dichtbewölktem Himmel auf. Schon beim Betreten des »Brettes« trat starker Regen ein, aber trotzdem ließen die wackeren Führer im Bewußtsein ihrer Pflicht nicht ab und stiegen zum Münchener Haus auf. Eine Spur des Absturzes konnten sie infolge des starken Nebels leider nicht entdecken. Der Aufbruch der zweiten Expedition wurde, in Aussicht der Erfolglosigkeit bei dem strömenden Regen, verbunden mit orkanähnlichem Sturm, auf einige Stunden verschoben, bis vom Gipfelhaus das resultatlose Eintreffen der ersteren Expedition telephonisch gemeldet wurde. Jetzt brach auch die zweite Expedition auf und erreichte unter tosendem Sturm und Schneetreiben nach 10 Uhr den Westgipfel der Zugspitze. Die erstere Expedition war inzwischen wieder nach dem Höllenthal abgestiegen in der Absicht, noch den Höllenthalferner abzusuchen, da die Vermuthung nahe lag, daß der Verunglückte in die Randspalte, die von Süden nach Norden den Ferner durchzieht, gefallen sei. Beim Abstieg nun entdeckte diese Expedition zirka 250 m unter dem Gipfel in der zweiten Rinne südlich des Weges unterhalb der Scharte den Leichnam. Auf schwieriger Passage gelangte sie an die Auffallstelle und transportirte die Leiche zuerst zirka 15 m aufseilend in die Höhe über der zweiten Rinne, dann wieder abseilend bis zur tiefsten Stelle der ersten Rinne und von da wieder mindestens 20 m in die Höhe zum angelegten Weg. Von hier erfolgte der äußerst schwierige Transport auf dem normalen Weg, der sich besonders schwer noch an den Stiften am Brett gestaltete, wo die zweite Expedition, die gelegentlich einer Rekognoszirung durch Zuruf von der Auffindung der Leiche verständigt war, bereits mit eingriff. Abends 6 Uhr war die Leiche zur Höllenthalhütte gebracht und am Dienstag nach Hammersbach übergeführt, wo zur Aufnahme ein Leichenwagen bereit stand. Die kirchliche Einsegnung erfolgte in Garmisch. Ein mit mehreren anderen Mitgliedern des alpinen Rettungskorps von München herbeigeeilter praktischer Arzt hatte sofort, als die Leiche ins Höllenthal verbracht war, eine Untersuchung derselben vorgenommen, und aus den vorhandenen Wunden konstatirt, daß der Tod augenblicklich eingetreten sein mußte.

Der Alpine Rettungsansschuß München sieht sich verpflichtet, auch an dieser Stelle der kgl. Behörde für das rasche Eingreifen den ergebensten Dank, gleichzeitig aber auch der Führerschaft, die bei den abnorm schwierigen Terrain- und sehr ungünstigen Witterungsverhältnissen die Bergung besorgte, seine Anerkennung und seinen Dank auszusprechen.

Der Abgestürzte war ein geübter Bergsteiger und seine Begleiter hatten viele der schwierigsten Touren in den Dolomiten und in unserm bayerischen Hochgebirge ausgeführt, so daß auch diese Tour als nicht gefährlich für sie erscheinen konnte.

Hans Rehm,
Vorsitzender des Alpinen Rettungsausschusses München.

Allgemeine Zeitung Nr. 206 (Abendblatt). München; Donnerstag, den 27. Juli 1899.



© Reiner Kaltenegger · Gräber des Alten Südfriedhofs München · 2007-2026


Erstellt mit jutoh digital publishing software (Anthemion Software Ltd.)