Ω
Die Grabinschrift ist nicht erhalten
Überlieferte Grabinschrift
Mein lieber Leser fasse dich, steh still
Und lies jetzt meine Trauer und Todesgeschicht.
Im Jahre achtzehnhundert und dreyzehn
Mußten die Bewohner Münchens
Der schaurnden Geschichte jammervoll entgegen sehen
Wo am dunklen Abend des Septembers
Zum Schreckensbild an dem dreyzehnten Tag
Die Isarbrücke jäh nach sechs Uhr Schlag
Mit vielen Menschen durch des Stromes Wuth
Schäußlich grausam unter Schutt und Wellen lag
Entrissen war dem Weib der Mann
Vermißt auf ewig hin ein Vater
den fünfen seiner theuren Kinder
Nun Freund und wer du immer bist
Und wenn dein Herz noch edel und gefühlvoll ist
So weine
Am diesen seltnen Mann, den edlem Baier
bei seinem Leichensteine
Und werde auch, wie er ein Mann
So tugendhaft – so gut – und dann
Dann wird auch einst dein Leichenstein
Mit Thränen von den wenig Edlern
Sicher und gewiß umflossen sein.
Ω
Reuther, Josef; 1740 (München) – 13.9.1813 (München), Opfer des Einsturzes der Isarbrücke; Getreidehändler
|||
* 1740 (München)
† 13.9.1813 (München), Opfer des Einsturzes der Isarbrücke
Getreidehändler
München, 14 Sept. Ein schreckliches Unglück traf gestern Abends gegen 7 Uhr einen Theil der Bewohner Münchens. Die zu Anfang dieses Monats eingetretenen warmen Tage führten im Gebirge Thauwetter herbei; darauf folgte nach dem 6 anhaltendes Regenwetter, welches die Isar so sehr schwellte, daß sie an vielen Stellen ihre Ufer stark einriß, und Häuser umzuwerfen drohte, was auch bei einem Hause in der Au wirklich schon geschehen war. Um von diesem Schauspiele Zeuge zu seyn, stellte sich eine Menge Volk auf die große äußere Isarbrüke, als zu obenerwähnter Zeit einer ihrer Bogen zusammenstürzte, und diesem noch zwei andere folgten, so daß jezt die Hälfte der Brüke im Wasser liegt. Viele Menschen, meistens Bürgersleute, wurden im Schutt und Wasser begraben; mehrere schwammen weit hinab, nur wenige, zum Theil sehr verlezt, wurden gerettet. Eine Frau soll von der bloßen Vermuthung, daß ihren Mann dis Unglük mit getroffen habe, gestorben seyn. Die Zahl der Verunglükten ist noch nicht genau bekannt; die Schäzungen von Augenzeugen variiren zwischen 60 und 150. Heute sieht man längs dem Strome viele weinende Mütter und Gattinnen, die umsonst die Gestade durchsuchen.
Allgemeine Zeitung Nro. 259. Donnerstag, den 16. September 1813.
Seit einigen Wochen stieg die Isar durch die steten Regengüsse auf eine bedeutende Höhe: doch beruhigte wiederholt eingetretenes Sinken des Wassers jene Sorgen, welche derselbe Strom in den Jahren 1729, 1739, 1778, 1783, 1786,1793 und vorzüglich im August des Jahres 1807 herbei geführt hatte.
Neuer Wechsel des ersehnten günstigern Wetters und die ungewöhnliche Erscheinung, daß der in Baiern beinahe immer durch heitern Himmel berühmte September ungeheuere Schnee-Lasten (im Bezirke des Landgerichtes Miesbach war der Schnee fünf Fuß hoch geschichtet, im Gebirge erstarrten Heerden und Menschen) warf, daß in dem Vorlande der Regen unaufhörlich fiel, ließ die Wiederkehr früher beklagter Ueberschwemmungen ahnden. Wirklich durchbrach der Strom, welcher eine bedeutende Höhe erreichte, in den lezten Tagen der vorigen Woche das oberhalb der Kaserne liegende Ueberfall-Wehr, vorzüglich wirkte die zufällige Holz-Trift, welche schon seit Wochen im Gange war, und nicht mehr gestellt werden konnte, durch das Andrängen der Holzblöcke bei, daß auch die ohne Verzug zur Beginnung der Wiederausbesserung dieser Wehre gebauten Gerüste stürzten, und der Strom, welcher an dieser Stelle bloß zur Sicherung einen Abfluß (Ueberfall) haben sollte, geborsten ein neues Wasserbett in dem zweiten, ehehin fast immer trockenem Rinnsale grub.
Gerade, weil die Wassermasse so fürchterlich angeschwollen war, drang das Wasser – beinahe bergartig hinunterrollend – gegen die Au, deren Wohnungen und ununterbrochenen Verkehr bisher drei Brücken mit der Hauptstadt verbanden […]: deßwegen trat Schutt und Kies an der westlichen Linie neben dem Kasern-Gebäude hervor, obgleich beim wirklichen Ueberfalle des Wassers sonst hier die Tiefe war; verheerend schien der Strom sich durch die Häuser dieses gewerbsamen Ortes seine Bahn brechen zu wollen: wo trocknes Land war, erreichten Sonden von 22 Fuß das nunmehrige Strombett nicht mehr. Ein Gebäude des Tuchscherer Crocius und des Lebzelters Salinger sanken wirklich in die Ruinen: vergeblich war das Bemühen des königlichen Landgerichtes etc. Die Uebergewalt des Stromes machte auch der Kommunal-Bau-Inspektion die Wiederherstellung der Wehre in diesem Augenblicke zur reinsten Unmöglichkeit. Es muß hiebei bemerkt werden, daß weder die Erhaltung der Ueberfallwehren, des Abrechens noch der eingestürzten Brücke in den Geschäfts-Kreis der General-Direktion des Wasser- Brücken- und Strassenbaues gehörte.
Wer vermag mit den beschränkten menschlichen Kräften der Natur zu gebiethen, wenn diese willenlos aus ihren Gränzen bricht? Wer vermochte vor Kurzen zu hindern, daß der geborstene Fluß Waag in dem ungarischen Trentschiner-Komitate fünfzig Ortschaften zerstörte, Früchten und Heerden vernichtete, über tausend Menschen in den Tod fortriß?
Tag und Nacht waren die Polizei-Behörden bemühet an beiden Ufern für Sicherung zu sorgen: man sperrte allenthalben selbst für Zuseher jene Gänge, wo Gefahr geahndet werden konnte; Werkleute wagten es sogar gegen die öffentliche Meinung, welche in der steinernen Brücke eine unerschütterliche Sicherheit findet, von Zeit zu Zeit die zweite Brücke zu untersuchen: mit Lebensgefahr sorgten diese, an Sailen festgebunden, immer das angetriebene Holz von den Pfeilern zu schaffen, durch dessen Entfernung jedes widernatürliche und gefährliche Treiben des Wassers aufzuheben: noch am 13. September war dieß der Fall; mehrere Stunden verrichtete der städtische Zimmerpalier Xaver Reifenstuhl, ein Mann, welcher durch Fleiß und Ordnung den bekannten Namen würdig ehret, diese wagliche Arbeit. Keine Spur von Gefahr zeigte sich an den Pfeilern oder Bogen, die schwersten Lastwagen zogen über das Gewölb, während dieser Mann unter denselben arbeitete.
Indessen hatte seit mehreren Tagen der besorgte und wahrscheinliche Einsturz eines großen Hauses am rechten Ufer (des sogenannten Kaiser-Wirthshauses) eine ungeheuere Zahl von Zusehern auf die Brücke gelockt; theilnehmend sah jedes Aug auf diese baldige Ruine, während künstliche Ableiter an demselben Ufer mit höchster Anstrengung entstanden, um wo möglich, zu retten. Die Gefahr schien jedoch immer näher zu rücken, jedes Spiel der Sonne erzeugte bei manchem gespannten Seher den schon sichtbaren Sturz; unvermeidlich hielt die Menge eine solche Folge am 13. September; nicht ahnend, daß dieser in Münchens Jahrbüchern mit Trauer geschriebene Tag eher das für unerschütterlich gehaltene Brücken-Gebäude zerstören, durch das Hinbiethen einer scheinbaren Ruine eine große Menschen-Zahl fesseln sollte, um diese als sichere Opfer dem Strome zuzuliefern.
Jeder Einwohner Münchens weiß, daß der Nachmittag des 13. Septembers Menschen an Menschen auf diese Brücke drängte, welche jedem Strome getrozt hatte, so fest wie in dem Augenblicke ihrer Vollendung schien. Es schlug sechs Uhr: Personen aus allen Ständen folgten der Einladung des freundlichen Abendes dahin, wo so viele Menschen sicher stunden: noch waren drei Minuten bis zum Glockenstreiche sieben: ein dumpfer Schlag überstimmt von einem gräßlichen Menschen-Geheule, eine Staubwolke, vergleichbar mit einer gelblichten Rauch-Säule, die sich am lezten Sonnen-Strahle färbt, verkündet, daß ein Joch der Brücke in den Strom gestürzt: ein zweiter Schlag, daß noch drei Bogen mit einer Menge Menschen, welche durch das unverständliche erste Lärmen wie gelähmt sich einige Augenwinke hin und her bewegt um den Gang in das Leben zu finden, in die Fluthen gesunken.
Bei diesem Bilde erstarret das Aug und jede Schilderung. Einen Augenblick noch zeigt die des Raubes frohe Welle die Opfer: fürchterliches Hilfrufen, gefaltete Hände, konvulsivische Bewegungen der Ringenden, selbst ein verzweiflungsvolles Arbeiten der Schwimmer über den schon wieder Verschlungenen, Jammern fliehender Freunde, Väter, Mütter, Bekannter erfüllet die Szene des furchtbarsten Schreckens.
So mag einst in Stabia und Herkulanum die glühende Asche des feuerspeienden Vesuvs die ruhigen Wohnungen und Menschen verschüttet, so in Lissabon die gespaltene Erde Tausende ihrer Gebäude und Einwohner verschlungen, so ein Typhon in andern Ländern Familien in sicher gehaltenen Wohnungen fortgestäubt haben.
Nur kalter Schrecken bleibt nach dem fürchterlichen Momente das Tosen der zertrümmerten Pfeiler, das düstere Dunkel der eingebrochenen, durch ein schwarzes Gewitter beschleunigten, Nacht, der Fackelschein an beiden Ufern, und die Beleuchtung der gebliebenen Brücken Reste, die mit zauberartiger Schnelle erfolgte Scheidung der Haupt- und Vorstadt, welche in Momenten der Gefahr durch schnelle Hilfe und Rettung seit Jahrhunderten keine Trennung kannten, bildeten ein Ganzes, an dessen Darstellung jede Schilderung erliegt.
Hier war nicht an Rettung zu denken: unsicher ist der Boden, den die Isar im friedlichen Laufe bespült; kein Kahn würde unter den hohen Wellen zu retten vermögen, wenn auch die Isar geübte Schiffer erzöge, und nicht blos Flösser zählte; die Schnelle, welche die kürzeste Zeit-Bezeichnung nicht anschaulich machen kann, machte jede Hoffnung sinken.
Wer dagegen Zweifel zu erheben waget, der möge bedenken, daß ein zur Patrouille kommandirter Polizei-Soldat seinem vorübergehenden Kameraden noch den Nachtgruß giebt, ein vorübergehender Handwerker noch seinem zwei Schritte fernen Gefährten siehet, ein beklagter Gatte an dem Arme der geängstigten Gattin stehet, und derselbe Moment an derselben Stelle Eines von dem andern auf ewig trennt; daß der Gastwirth auf der gegen 300 Schritte abwärts liegenden Brater-Insel den Schlag des Einsturzes hört, und in diesem Augenblicke schon an dem Rande seiner beengten, ebenfalls hart bedrohten, Insel die ausgestreckten Arme eines Vorübergetriebenen, einen Schwimmer auf dem Endpunkte eines Blockes, einen bald verschlungenen Mann siehet, welcher noch des Wirthes Namen besonnen rufend um Hilfe schreiet; eine Minute später nur mehr Hüte, Tschakos etc. gewahr wird, keinen Laut weiter vernimmt, keine fernere Spur entdeckt!
Ein Augenblick: und die Kunde des Jammers ist bis in die fernsten Winkel der Hauptstadt und der Vorstädte getragen! Allenthalben begegnet sich die Trauer und der Schrecken. Hätte man damals die Namen der Vermißten aufgezeichnet, ihre Zahl würde über drei hundert gestiegen seyn: es wurde nichts versäumt, was Beruhigung in solchen Augenblicken schaffen kann. Man durchsuchte Ufer und Inseln, man hatte die Belebungs-Apparate allenthalben zur Hand gebracht, man suchte durch Wachposten, schnelle Beleuchtung, Aufnahme aller Angaben während der ganzen Nacht im Polizei-Gebäude, Versendung von Estafeten an die längs dem Strome befindlichen Polizei-Behörden – wegen Bewahrung der Leichen etc. – jedem Wunsche zu begegnen, welchen im Zeitpunkte höchster Angst so mancher Einwohner auszudrücken keine Stimme fand. Gewiß ist jedem Bewohner Münchens, Jedem, der des Glückes, Baiern anzugehören, sich freuen darf, eine trostvolle, erquickende Nachricht, daß schon in den ersten Augenblicken der Beste aller Könige, mit Vater-Sorgfalt die bestimmtesten Nachrichten über diesen Unfall forderten, beim ersten Morgen des kommenden Tages selbst die Stätte des Unglückes besahen, gleiche Sorge der Staats-Minister trug, dessen Name Jeder dankbar feiert, und so augenblicklich Hilfe und Erhaltung manchem hilflos gewordenen Waisen ward; daß allenthalben die Gefühle der menschenfreundlichsten Theilnahme wirkten, unaufgefordert die schönsten Gaben flossen, (Polizei-Anzeiger St. 74. und 75. etc. etc.) auch alle Behörden beispiellos thätig wirkten, um sogleich die für Leben und Gewerbe nöthige sichere Verbindung mit dem jenseitigen Ufer auch an der gewöhnten Stelle (eine dankbar erkannte Wohlthat both in dieser Zeit die mit königlicher Munifizenz erbaute, herrliche Bogenbrücke bey Bogenhausen) zu gründen.
Man glaubt übrigens den Wünschen der theilnehmenden Bewohner Münchens, den Wünschen jedes Baiers zu entsprechen, wenn mit diesen Nachrichten ein Verzeichniß der Verunglückten verbunden, zugleich eine Sammlung von auffallenden Vorfällen, welche als Züge aus dem schauerlichen Gemälde gehoben werden, und deren Glaubwürdigkeit auf aktenmäßiger Untersuchung ruhet, verbunden wird.
Das angehängte Verzeichniß enthält 93 Personen (Am Schlusse des Verzeichnisses ist über die wahre Gesammtzahl das Nöthige bemerkt.); von diesen sind 6 gerettet worden: besondere Anmerkungen geben über die Rettungs-Art nähere Kenntniß, machen auch die Namen jener Personen bekannt, welche in diesen gefahrvollen Stunden ihres eigenen Lebens vergessend, sich in den Strom gewagt, und durch die glücklich errungene Rettung Einzelner den reichsten Lohn des Erden-Lebens gesammelt, sich in den Geretteten und in den Gesinnungen gerührter Menschenfreunde das unvergängliche Denkmal reinster Dankbarkeit gestiftet haben.
Kurze Zeit vor dem Einbruche der Isar-Brücke führte eine Todtengräbersfrau auf dem Schubkarren ein Todtenkreuz, welches zur Bezeichnung eines Grabes bestimmt war, über die Isar-Brücke: dicht war das Gedräng; das Wort »Schaut auf«, an welches sich der Zusaz einer scherzenden Laune »der Tod kommt« reihte, bahnte den Weg durch die Menge: und rettete vielleicht dadurch Manche.
Wäre dieses um ein halbes Jahrhundert früher geschehen, und hätte nicht bessere Erziehung auch die lezte Klasse der Menschen vernünftiger sehen und urtheilen gelehret: man hätte in dem Zufalle eine Prophezeiung und der Himmel weiß was noch mehr gelesen.
In dem Augenblike, als der erste Bogen bricht, jagt ein vierspänniger Wagen über die Brücke: Eine Polizei-Patrouille will den schnellfahrenden Fuhrmann arretiren: der Polizei-Soldat, welcher nacheilt, sieht unter den lezten Rädern den Abgrund, und sich durch dieses Nacheilen – gerettet.
Richard Erdmann (sub Nro. 28 bemerkt) geht mit seiner Gattin von der Au über die Brücke: er will auf seine Taschenuhr sehen: dieser Moment entscheidet über sein Leben; ein Bogen bricht: er ruft seiner Frau zu eilen: der Bogen, auf dem beide waren, springt; er schleudert die Gattin über die Spalte; diese ist gerettet, Erdmann sinkt in die Fluthen, ihm nach stürzt sein Hund, welcher lange Zeit auf einem Sandhaufen nach seinem Herrn wimmerte, und dann durch gute Menschen herausgeholt wurde.
Joseph Kammermeier (sub Nro. 64) ) Kutscher stürzt mit dem vierten Bogen: er sinkt zufällig auf ein Quadereck des Pfeilers, hält sich fest, schreit um Hülfe, Niemand kann über die Ruine in die Nähe kommen, es stürzt eine Mauer-Seite nach, die Welle spült den Kammermeier mit dem Strome fort; Kammermeier behält Besinnung, schwimmt auf dem Rücken, später auf dem Bauche; am Kalkofen rettete er sich durch zugeworfene Stangen.
Die Frau des Tuchscherers Schrazenstaller (welche die allgemeine Zeitung Nro. 259 S. 1035 andeutet) rettet sich mit ihrem Gatten beim Durchbruche der Brücke, kommt auf das jenseitige Ufer, sieht den benannten Kutscher stehen, endlich in die Wellen sinken, wird krank und stirbt aus Schrecken an derselben Stelle.
Katharina Reichart (Nro. 12.) beredet ihren Gatten und Gesellen, auch die Hausfrau (Nro. 11., 13., 14.) die Brücke zu besuchen: sämmtliche Personen wurden ein Opfer der Fluthen; fünf Kinder des Reichart, worunter ein Säugling ist, sehen auf die Hülfe guter Menschen.
Kaufmann Strohhamer (Nro. 23.) gehet mit seinem Sohne dahin: verödet stehet nun ein geachtetes Haus.
Barbara Baudrexel (Nro. 39.) will mit ihren drei Kindern in der Abendluft Bewegung suchen: der Vater, nun ganz allein, beweinet den Gang nach der Brücke.
Wolfgang Schäfer, welcher bisher mit Harfenspiel hilflose Aeltern nährte, will zur Musik, Vater und Mutter beklagt die verlorne Stüze.
Die Siegerischen Töchter, welche ihren Aeltern gleiche Hilfe durch künstliches Nähen erwarben, sind verloren.
Eben so bejammert Bierbrauer Faßel seine drei Kinder, die Zeugen einer ungestört glücklichen Ehe.
Vier Kinder ringen hilflos die Hände über den Tod der Wittwe Lindner (Nro. 19.)
Der königliche Kreisrath Gietel (Nro. 36.) betrauert den Tod eines hoffnungsvollen Sohnes, Meister Glink den Verlust seines Sohnes Ulrich Glink, (Nro. 35.) der ein Muster der Feiertags-Schule war, zweimal für erfundene gute Ausführungen belohnt wurde, neben seinen Brüdern auf der Brücke stehend den Tod fand.
Mehrere Meister von verschiedenen Gewerben geben im Beklagen verlorner Gesellen das schönste Zeugniß über den Fleiß und die Redlichkeit der Verlornen, manche ließen die Leichen stundenweit auf den hiesigen Kirchhof führen, und stifteten deren Andenken auf diese Weise die schönste Erinnerung.
Jeder der vernommenen Väter, Mütter, Freunde und Meister findet in der Eile, mit welcher ihre Angehörigen auf die Brücke zogen, ein Vorgefühl des eingebrochenen Unglückes: jeder Theilnehmende findet in dieser Gutmüthigkeit nur die Aeußerung zarter Sorge und des Mitleidens…
Die Hoffnung, daß diese mit Wahrheit beschriebenen Nachrichten Linderung für Theilnehmende und Unglückliche schaffen können, leitete deren Bekanntmachung; möge dieselbe jeder Leser gütig aufnehmen, vorzüglich jene Kinder bemitleiden, welche seit diesem schrecklichen Abende Waisen geworden sind!!!
Verzeichniß der durch das Einstürzen mehrerer Joche der hiesigen zweiten Isar-Brücke verunglückten Personen.
Joseph Reiter, von Vehburg; 53 Jahre; Vater von 6 unmündigen Kindern, Kornhändler dahier.
Xaver Strohhamer, von Passau; 46 Jahre; Vater eines Sohnes, Kaufmann dahier.
Franz Xaver; 13 Jahre; dessen Sohn.
Magdalena Maier, von Achdorf bei Landshut; 38 Jahre; ohne Kinder, dahier, verehelichte Strumpfstrickerin.
Magdalena Wagner, von Torfen, Landgerichtes Erding; 45 Jahre; ledige Dienstmagd.
Franziska Tlamka; 9 Jahre; Tochter des Schneidermeisters Tlamka.
Anton Füchtner von Beiersberg; Landgerichts Wolfrathshausen; 34 Jahre; lediger Brauknecht.
Magdalena Sieger, von hier; 21 Jahre; ledige Näherin.
Elisabeth, deren Schwester; 23 Jahre.
Jakob Höchel, von Neuöttingen; 17 Jahre; Maurermeisters-Sohn, Maurer-Lehrling.
Joseph Reichart, von Ried, Landger. Füssen; 44 Jahre; verh. Vater v. 5 Kindern, Strickermeister dahier.
Katharina, dessen Gattin, v. Achdorf b. Landshut; 43 Jahre.
Johann Stock, von Treyßa in Hessen; 23 Jahre; lediger Strumpfstrickergesell.
Anna Herrmann, vorhin Mannhart; 44 Jahre; verh., Mutter mehrerer Kinder, Altmetzgerin.
Maria Woll; 50 Jahre; Taglöhnerin.
Michael Schmid, von hier; 29 Jahre; lediger Kamm-Machergeselle.
Max Hainleth, von Donauwörth; 54 Jahre; Vater von 4 hilflosen Kindern, Instruktor.
Sebastian Loisader, von Ichenhausen; 26 Jahre; lediger Schneidergesell.
Maria Anna Lindner, von hier; 36 Jahre; Stadttambours-Wittwe, Mutter von 4 hilflosen Kindern.
Max Xaver Franz, von hier; 29 Jahre; Kanzellist bei der Ministerial-Sektion der Stiftungen.
Georg Schinsbeck, von Ingolstadt; 54 Jahre; verh. Vater eines Sohnes, Hafnermeister dahier.
Max Berthold, von hier; 26 Jahre; ledig, Mezger-Sohn, gelernter Mezger.
Wilhelm Kinstler, von Mannheim; 36 Jahre; lediger Schneidergesell.
Johann Beintner, von Kesselbach, Landgerichts Landshut; 43 Jahre; lediger Hausknecht im Ammerthalerhofe.
Joseph Lex, von Singolding bei Erding; 40 Jahre; Bothenknecht in Erding.
Niklas Stümpfel, von Nördlingen; 46 Jahre; unverheur., Lodermeister dahier.
Georg Brückel, aus der Au; 50 Jahre; verheurathet, Vater eines Knaben, Zimmermann.
Richard Erdmann; 33 Jahre; verh., Diurnist bei der kön. Zentralbuchhaltung.
Joseph Wißmiller, von Schärding; 18 Jahre; lediger Nagelschmiedsgesell.
Anton Koch, von Mutterdorf in Böhmen; 20 Jahre; lediger Schuhmachergesell.
Michael Kobris, von Landsberg; 39 Jahre; lediger Uhrmachergesell, seit 9 Jahren in demselben Hause.
Johann Tymper, von Wien; 28 Jahre; lediger Uhrmachergesell.
Friedrich Baureis, von Baireuth; 36 Jahre; lediger Buchdruckergesell.
August Kux, von Halberstadt; 31 Jahre; lediger Buchdrucker.
Michael Glink; 21 Jahre; lediger Kistlergeselle.
Joseph Wilhelm Girtel, von hier; 27 Jahre; absolv. Jurist.
Gottfried Hennig, aus Berlin; 20 Jahre; lediger Schwertfegergeselle.
Marie Großmann, von Haimhausen; 30 Jahre; ledige Köchin.
Barbara Baudrexel, von hier; 39 Jahre; Stadtmusikantens Frau, Mutter dreier Kinder.
Marie Anne; 11 Jahre,
Joh. Baptist; 8 Jahre,
Friedrich; 5 Jahre; deren sämtliche Kinder.
Felizitas Keller, von hier; 52 Jahre; Maurers Frau u. Kindsmagd.
Anne Fastel, Brauers Tochter; 8 Jahre.
Max Fastel, Brauers Sohn; 6 Jahre.
Johann Fastel, Brauers Sohn; 4 Jahre.
Wolfgang Schäfer, v. hier; 24 Jahre; ledig, Harfner.
Mathias Wurzer, von Kirchdorf, Landgerichts Regen; 28 Jahre; Webergeselle.
Stephan Roider, von Schleedorf, Landger. Neumarkt; 30 Jahre.
Aquilin Endmeier, v. Diesbach, Landgerichts Schärding.
Philipp Plank, von Höchstädt; 48 Jahre; Webergeselle.
Ant. Degel, von Märingerzell, Landgericht Friedberg; 25 Jahre; verh., Vater eines Kindes, Schreiner-Gesell.
Joh. Franz Fronhofer, von Deugen, Landgericht Kellheim; 28 Jahre; ledig. Polizei-Soldat.
Helene Brunner, von Erding; 25 Jahre; ledig.
Magdal. Geschwendner, von Lehel; 48 Jahre; Dienstmagd.
Franz Fischer, von Esching; 40 Jahre; Schumacher-Geselle.
Joh. Kneil, von hier; 57 Jahre; ledig, im Hofstalle.
Thomas Kupka, aus Wackstadt in Mähren; 29 Jahre; ledig, Tuchscherer-Gesell.
Ambros Michel, von Oberwittig im Großh. Würzburg; 34 Jahre; ledig, Schumacher-Gesell.
Joh. Doll, v. Giesing; 52 Jahre; verh. Taglöhner.
Anna Kisserin, von Kempten; 25 Jahre; ledig, Magd.
Franz Finstner, von Klafberg; 28 Jahre; ledig, Schumacher-Gesell.
Jakob Stephan; 36 Jahre; ledig, Hausknecht; durch den Lorenz Sagerer von Haidhausen gerettet.
Jos. Kammermeier, von hier; 33 Jahre; ledig, Kutscher; durch Ant. Maushart u. Nußbaum jun. Gerettet.
Ignaz Hund; 40 Jahre; Uhrmacher-Meister, von hier; durch einen Unbekannten gerettet.
Joseph Braun; 61 Jahre; Taglöhner.
Georg Lechner; 40 Jahre; Hinterläßt eine arme Wittwe mit fünf Kindern.
Elis. Obermeier; 58 Jahre.Anna Herzog; 40 Jahre.
Barb. Wagner; 20 Jahre.
Georg von Bachner; 17 Jahre; Papierfabrikanten Sohn.
Kasp. Langenmantel; 19 Jahre; Taglöhner.
Georg Dollinger; 49 Jahre; Hinterläßt eine arme Wittwe mit einem Kinde.
Anna Bordendeller; 36 Jahre.
M. Anna Strasser; 40 Jahre.Veronika Michelthalerin; 21 Jahre.
Ursula Hutschneider; 72 Jahre.
Johann Enderl, aus dem Iller-Kreise; 24 Jahre; des 4ten Bat. Gemeiner.
Niklaus Böcker; Bombardeaux I. Klasse.Joseph Schell; Legionist.
Joseph Ilg; 19 Jahre; Fuhrwesen-Soldat; Durch einen Chevauxlegers, wahrscheinlich aber auch durch Beihilfe des Fr. Sagerer Mauerer, und Xav. Gastel gerettet. Franz Sagerer rettete noch einen Unbekannt.
Peter Werner; 58 Jahre; Werkstätt-Schreinermeister bei der Ouvr. Komp.
Richard Schedler; 42 Jahre; Serg. dieser Kompagnie.
Franz Krös; Ouvrier; Durch die Wasserarbeiter Lukas Harretiser, Georg Kleßel und den Wäscher Kajetan Koch auf einer Sandbank bei Bogenhausen (obgleich verwundet) gerettet.
Thomas Frauenhofer; 22 Jahre; Chevauxleger; Rettete sich durch Schwimmen.
Ignaz Brunnbauer; 22 Jahre.Joh. Meier, Jun.; 21 Jahre.
Mich. Seebauer; 24 Jahre.
Christoph Reingruber; 20 Jahre.
Konrad Jäger; 32 Jahre; Serg. der Gendarmerie.
Elis. Schrazenstaller, von hier; 37 Jahre; Tuchmachers Frau; Starb durch Schrecken.
Magdalena Mann, Schleifermeisters Tochter; 28 Jahre; ledig, bei den Aeltern.
Franziska Fichtlin, von hier, Stallknechts-Tochter; 25 Jahre; Dienstmagd; Vermißt.
Anmerkung.
Unter den Verunglückten ist eine schwangere Frau: sieben andere Personen sind zur Zeit als vermißt angegeben, und höchst wahrscheinlich auch einige Passanten, über die noch keine Kenntniß erhalten werden konnte, verunglückt, so, daß die Gesammtzahl der Verunglückten auf 100–104 angenommen werden möchte. Die wenigsten Leichen sind gefunden.
Nachrichten über den am 13. September heuerigen Jahres erfolgten Einsturz mehrerer Joche der hiesigen zweiten Isar-Brücke aus zuverläßigen Quellen geschöpft und bekannt gemacht zum Besten solcher Kinder, die durch diesen Unglücksfall ihre unbegüterten Eltern verloren haben. München den 17. September 1813. Mit einer Abbildung der Ruine dieser Brücke von Dominik Quaglio.
über die durch den Einsturz
der steinernen Münchner Isar-Brücke
den 13ten September 1813 Abends um 7 Uhr
im Wasser jämmerlich ertrunkenen Personen,
zum Trost und Beruhigung der um Sie weinenden Anverwandten,
gedichtet
von Johann Jacob Lewerer, aus Zirndorf bey Nürnberg.
I. Die Geschichte
Nach der Melodie: Wenn ich einsam Thränen weine.
Menschen, die ihr manche Thräne
Aus Gefühl des Mitleids weint,
Wann durch jammervolle Scene
Großes Unglück euch erscheint.
Die ihr gerne eure Brüder
Tröstet, und mit Hülf‘ erfreut,
Wenn ein Unglück sie stürzt nieder
Euch sey dieses Lied geweiht!
2. Dorten auf der Isarbrücke
Die von Steinen aufgebaut,
War’s, wo man das Ungelücke
Und den großen Jammer schaut;
Da war schreckliches Wehklagen,
Alles rennt und lauft herbey,
That die Händ‘ zusammen schlagen,
Man hört nichts als Angstgeschrey.
3. Mehr als hundert funfzig Leute
Sah‘ man auf der Brücke stehn,
Wollten da aus Neugier-Freude
Das so große Wasser sehn,
Das vom Schnee stark angelaufen
Aus Tyrolens Bergen kam,
Wo den ganzen Tag ein Haufen
Leute sahn das Wasser an.
4. Männer, Weiber, alte Greise,
Kinder und auch junge Leut‘
Stunden da und sah’n mit Fleiße
Wie das Wasser Wellen treibt;
Eins scherzt da, das Andre lachte,
Stunden, discurirten da,
Keiner wohl daran gedachte,
Daß sein Ende sey so nah.
5. Abends als 7 Uhr verflossen,
Kam ein Stück von einem Haus,
An die Brücke angestossen,
Schob zwey ganze Joch hinaus,
Weil in Dörfern da und dorten,
Eingestürzt war manches Haus,
Zog man an sehr vielen Orlen,
Holz und Hausgeräth heraus.
6. Und in diesem Augenblicke,
Da sie so beschäftigt seyn,
Riß die schöne Isar-Brücke
Plötzlich ab – und stürzte ein.
Alles mußt ins Wasser fallen,
Was auf den zwei Bogen stand,
Daß man von den Menschen allen
Wenige am Leben fand.
7. Ach, welch Jammer, Angst und Nöthen,
Welch ein großes Klaggeschrey,
Hört man da: ach helft uns retten;
Ach, ihr Leut‘ kommt, steht uns bey.
Da sie schnell hinabgesunken
Und mehr Stein‘ noch fielen nach,
Sind die meisten auch ertrunken,
Was einmal im Wasser lag.
8. Eine Kindsmagd, nebst drey Kinder,
Eins im Arm, zwey an der Hand,
Wollt‘ sich retten noch geschwinder,
Als sie nah am Ende stand,
Wo die Brück‘ war durchgebrochen,
Fiel noch mit zuletzt hinein,
Weil von mürben Stein zwei Jochen
Zugleich eingebrochen seyn.
9. Niemand konnt‘ zu Hülfe kommen,
Weil das Wasser stark lief an,
Viele kamen hergeschwommen,
Eins hielt sich am Andern an,
Bis zuletzt die Wasserwegen
Viele Leut‘, Mann, Weib und Kind
In die Tiefe hat gezogen
Und zuletzt ertrunken sind.
10. Viele, daß es Gott erbarme!
Schrieen in der Wassersnoth,
Reckten ihre Händ‘ und Arme
In die Höh‘, um Hülf zu Gott!
Viele thut man noch vermissen,
Reiche Leute in der Stadt,
Die das Wasser fortgerissen
Und man noch nicht g’funden hat.
11. Da weint mancher Vater, Mutter,
Um ihr liebes, frommes Kind;
Manche Schwester um den Bruder,
Kinder man dabei auch find’t,
So die Mutter, bald den Vater
Schmerzlich dabey büßten ein.
Gott! wer wird jetzt mein Berather,
Wer wird mein Versorger seyn?
12. Eine Frau vor großen Schrecken
Starb des schnellsten Tods dabey,
Weil sie glaubte in dem Schrecken,
Daß ihr Mann darunter sey,
Den sie nun that tod vermuthen.
Ach, wie manches Eltern Herz
Mochte da vor Jammer bluten
Bey der Kinder Todes Schmerz.
13. Den drei arm verlass’nen Waisen,
So die Eltern büßten ein,
Die jetzt fremde Bürger speisen,
Woll‘ Gott ihr Versorger seyn.
Gott woll‘ ihnen es belohnen,
Die sich ihrer nahmen an,
Und auch allen Standspersonen,
Die dabey viel Guts gethan.
14. Wer kann einen Trost da geben,
Denen, die untröstlich seyn,
Wer ruft wieder sie ins Leben,
Für die, welche um sie schreyn!
Was kann uns hiebey am besten
Als Gott und Religion,
Bey so großem Unglück trösten,
Sprach nicht der Prophet einst schon:
Amos 3, 6.
15. Menschen, gebet euch zur Ruhe,
Ist ein Unglück in der Stadt,
Sagt‘ er: daß der Herr nicht thue,
Oder zugelassen hat.
Hiob, den all‘ seine Kinder
Gott im Sturm und Wetter nahm,
Sagte gleichfalls auch nicht minder,
Das hat Gott der Herr gethan!
Hiob 1, 21.
16. Dort werd’t ihr sie wieder finden,
Eure Kinder – Weib und Mann;
Frey vom Kummer, Angst und Sünden,
Trefft ihr sie im Himmel an.
Eure Schwestern, Freund‘ und Brüder,
Die verschüttet Sand und Stein,
Findet ihr im Himmel wieder,
Welche Freude wird das seyn!
17. Sie sind selig – sind hinüber,
Die den großen Sturz gethan,
Gehn uns gleich die Augen über,
So oft wir gedenken dran,
Wie sie mit dem Tod gerungen,
Sich gewehrt mit Füß‘ und Händ‘,
Bis die Wellen sie verschlungen
Und ihr Leben ging zu End.
18. Auch ich opfre meine Thränen,
Euch, Ihr Münchner, aus Mitleid,
Gott erhör‘ mein Bitt und Sehnen,
Schenk Euch wieder Trost und Freud;
Gott, der heile eure Wunden
Durch Trost der Religion
In den trüben Trauerstunden
Und den Glaub an seinem Sohn.
19. Als bey Nürnberg ich von ferne,
Hört‘ das große Unglück hie,
Wollt‘ ich Euch auch trösten gerne
Durch mein‘ kleine Poesie.
Ich nahm Antheil an den Schmerzen,
Welchen eure Seel‘ empfand,
Und es floß aus meinem Herzen,
Dieß Gedicht durch meine Hand.
20. Kann ich durch mein wenig Dichten
Nützlich seyn dem Vaterland,
So erfüll‘ ich meine Pflichten,
Obgleich mein Beruf und Stand
Dieß nicht mit sich bringt auf Erden,
Und ein Tabaksbauer bin,
Wenn ich nur kann nützlich werden,
Freut sich schon mein Herz und Sinn.
II. Die Moral.
21. Menschen, die ihr stolz und sicher
Sündlich lebt im Tag hinein,
Denkt, daß euch die Leichentücher
Schnell auch können hüllen ein,
Manchem, der auf viele Jahre,
Lange schon hinaus gedacht,
Wird der Sarg und Todenbahre
Schnell oft vor sein Haus gebracht.
22. Mensch, thu‘ Guts in deinem Leben,
Wende deine Zeit wohl an,
Welche dir der Herr gegeben,
Der dich schnell abholen kann.
Befiehl gleich mit jedem Morgen
Deine Seele deinem Gott,
So wird er sie auch versorgen,
Wenn dich trifft ein schneller Tod.
23. Lebe fromm, stets bet‘ und wache,
Halte Gott im Unglück still.
Deine Zeit ist Gottes Sache,
Wenn er dich abfordern will.
Kannst du auf dem Bett nicht sterben,
Gott, der groß und reich an Gnad
Läßt den Menschen nicht verderben,
Der ein gutes Herz nur hat.
24. Gebt euch drein, ihr guten Kinder
Schwestern, Brüder, Ehegatt,
Wenn Eins unter euch nicht minder
Auch dieß Schicksal troffen hat.
Ihr habt großen Schmerz empfunden,
Betet Gott in Ehrfurcht an;
Er ist’s, der so tiefe Wunden
Dennoch euch auch heilen kann.
25. Eingehüllt in feierlichem Dunkel
Sind die Weg‘, die Gott uns führt,
Ist gleich alles um uns dunkel,
Was der Fromme sieht und spürt.
Dort einst wird sich’s erst aufklären,
Was hier unerforschlich scheint,
Wo Gott trocknet alle Zähren,
Die der Fromme hier geweint.
26. Aufgeklärt im hellen Schimmer,
Wie es wird im Himmel seyn,
Sehen freylitch wir nicht immer
Hier des Höchsten Wege ein.
Mit dem Trost, der uns steht offen,
Durch Religion allein,
Könnt ihr, die das Schicksal troffen,
Münchner, auch beruhigt seyn.
27. Weinen darft ihr wohl und klagen,
Traurig und betrübt auch seyn,
Aber nicht an Gott verzagen,
Oder ganz untröstlich seyn.
Gott weiß Alles wohl zu machen.
Auf die dunkeln Leidenstag‘
Wird ein heller Morgen lachen,
Einst, wenn fällt der Vorhang weg.
III. Der Wunsch.
28. Vater, der’s nie böse meinet,
Laß uns küssen deine Hand,
Wenn dein Vaterherz gleich scheinet,
Als wär’s von uns abgewandt.
Stärk uns mit dem Geist der Freuden,
Schenk uns, wenn die Noch erscheint.
Festen Muth in schweren Leiden,
Hülfe, wenn das Auge weint.
29. Breit‘ Herr, deine Vaterhände
Ueber unser Vaterland,
Alle hoch und niedern Stände
Schließen wir in deine Hand.
Höre noch zuletzt in Gnaden,
Für das Vaterland mein Flehen,
Lasse allen Potentaten
Bald den lieben Frieden sehn.
Grabschrift auf die im Wasser Todtgefundenen.
Steh, Leser, still, und wein‘ ein mitleidsvolle Thräne
Bey diesen Gräbern, um die hoffnungsvollen Söhne
Und Töchter, Mann und Weib, so in die Fluth gestürzt,
Wie schnell und plötzlich war ihr Leben abgekürzt.
Mensch! gieb aus Neugierd‘ dich doch niemals in Gefahr,
Die Manchen schon gestürzt, der nicht vorsichtig war;
Leb‘ auch nicht sicher – denk, der Tod ist niemals weit,
Ein Schritt, ein Fall, führt dich oft schnell zur Ewigkeit.
Zu bekommen in Nürnberg und auch in München bey den Buchbindern auf dem Markt für 3 Kr.
Deutschland.
Die Vorstellung der Braut von Messina zu München am 12 Okt. hat 1490 fl. eingetragen, welche ohne Abzug der königlichen Polizeidirektion, für die durch den Einsturz der Isarbrüke verwaisten Kinder und nahrungslos gewordenen Familien, zugestellt wurden.
Allgemeine Zeitung Nro. 291. Montag, den 18. Oktober 1813.
Historischer Tags-Kalender.
Den 13. September 1813. Heute war jener schreckliche Tag, an welchem Abends dem Anbruche eines schwarzen Gewitters die zwei äußersten Gewölber der äußeren Isarbrücke einstürzten, und die Wellen gegen 100 Menschen verschlangen, welche das vom Hochwasser unterspülte Kaiserhaus wollten einstürzen sehen. Das Verhältniß war folgendes: In den älteren Zeiten bestand an dieser Stelle eine hölzerne Brücke. Später wurden die Rostpfähle derselben abgeschnitten, und steinerne Pfeiler daraufgesetzt. Oben blieb die Brücke noch immer von Holz mit Endsbäumen belegt, bis auch diese endlich in eine ganz steinerne Brücke verwandelt wurde. Unterhalb der Bögen stromabwärts befand sich ein queer unter dem Wasser fortlaufender Grundbau, dessen zwei Grundbänke mit Pfählen im Materiale befestiget, innwendig mit Läden versetzt, und vielleicht 5 Schuhe im Lichte breit mit Faschinen und Steinen ausgefüllt waren. Dieser Grundbau lief paralell, und eben so hoch als die Rostläden der Pfeiler, welche Rostläden damals gegen 6 Schuhe höher standen, als die Rostläden der gegenwärtigen neuen Brücke, und sohin beim niedersten Wasserstande öfters entblößt wurden. Zunächst dieses Grundbaues gegen den Prater zu war der Grund der Isar meistens mit Sand und Kies ausgefüllt.
Bei dem Hochwasser, welches damals eingetreten war, konnte der Strom durch die engen, zum Theile mit Holz verlegten Bögen nicht durcharbeiten, wirkte also keilförmig abwärts, und hohlte vor allem den Kies und den Sand aus, welcher sich unterhalb des Grundbaues angelegt hatte. Jetzt erschütterte der Strom den durch die lange Zeit vielleicht morsch gewordenen Grundbau selbst, und nahm ihn mit sich fort. Von diesem Momente angefangen, hatte der Kies, in welchem die Rostpfähle der Brückenpfeiler standen, keinen Anhaltspunkt mehr. Der Strom durchwühlte diesen Kies dergestalten, daß die Rostpfähle allein standen, ohne mehr im Materiale befestiget zu seyn. So stürzten endlich die Pfeiler nach, und mit ihnen zwei Brückenbögen zunächst des rechten Widerlagers, und brachten so vielen Menschen den unvermeidlichen Tod.
Anton Baumgartner als Augenzeuge eine Minute nach dem Brückenstürz, und später, als sich die Gewässer verlaufen hatten, und man in den Grund hinunter sehen konnte.
Tage-Blatt für München Nro. 74. Donnerstag, den 18. September 1827.
Ein Schreckenstag für München.
(Hiezu siehe Bild auf erster Seite.)
Der 13. September 1813 war für München ein Tag des herzzerreißenden Jammers. Wer heute über die prächtige, allem Anstürmen der brausenden Wellen des reißenden Gebirgsflußes trotzenden äußeren Isarbrücke (Ludwigsbrücke) fürbaß den beliebten Kellern rechts der Isar zuwandelt, der ahnt wohl nicht, was vor 80 Jahren hier für eine miserable Brücke über diesen Strom führte. Aus Backsteinen erbaut, war sie ein Hohn auf die Brückenbaukunst inbezug auf Konstruktion und Ausführung. Auch die Isar selbst hatte noch kein geregeltes Strombett und jedes Hochwasser war ein Schrecken für die Umwohner. Die Au hatte besonders stark bei solchem Hochwasser-Eintritt zu leiden. Ununterbrochener Regen führte die im Gebirge lagernde Schneemasse in das Flußgebiet und schwellte den Strom zu einem furchtbaren Wellen-Ungeheuer. Dieses Schauspiel teils, teils der jeden Augenblick erfolgende Einsturz des alten Kaiserwirtshauses (Au), lockte eine Menge Neugieriger und Schaulustiger an.
Es war abends gegen 7 Uhr und es dunkelte schon. Die damalige Beleuchtung trug beinahe nichts zur Erhellung bei. Die Brücke ist gedrängt voll von Menschen. Wer beschreibt das Schreckensgeheul der Menschen, welche die Brücke belagern, als plötzlich ein rollender Schlag erfolgt und eine Staubwolke zum Himmel wirbelt, unter deren Dichte Dutzende Menschen in das zischende Wellengrab versinken!
Jetzt brechen, des Widerstandes beraubt, dem Einsturz des ersten Brückenjoches folgend, auch die übrigen zusammen und reißen alles was auf der Brücke weilt hinab in die wilden Fluten, aus denen es keine Rettung mehr gibt. Hundert Menschen finden ihren Tod und Episoden spielen sich ab, die der Feder spotten, sie in ihrer Schauerlichkeit wiederzugeben. Die an den Ufern entzündeten Fackeln beleuchten in ihrem ganzen Grauen die ragenden Reste der Brücke und die dahin treibenden Teile menschlicher Kleider! Die Menschen hat die Flut fortgespült, so rasch, daß der Fackelschein zu spät kam, ihnen noch einen letzten Gruß zu winken.
Am nächsten frühesten Morgen erschien der gute König Max I., Thränen in den Augen, an der Unglücksstelle und ordnete alles, was zur Linderung des Elends notwendig war.
Ein Denkmal im südlichen Friedhofe, im Mittelgange gleich am Eingange, errichtet, stellt das grausige Ereignis bildlich dar. Eingeborne Münchener sind 18 dem Unglücke zum Opfer gefallen, während die übrigen Verunglückten hier nicht Beheimatete, Soldaten etc. sind.
Unser Blatt führt seinen Lesern das Bild der Katastrophe nach einer alten Zeichnung vor Augen und zeigt das Unglück, das sich vor 80 Jahren abspielte, in all seinem Elend und Jammer.
Münchener Ratsch-Kathl Nr. 72. Samstag, den 9. September 1893.
Reuther Josef, 1740–1813, bürgerlicher Kornkäufler in München; R. ist eines der über 100 Opfer des Einsturzes der Isarbrücke vom 13. IX. 1813; die heute völlig verblichene Grabinschrift mahnt in der Sprache der damaligen Zeit an eine Katastrophe:
»Mein lieber Leser fasse dich, steh still
Und lies jetzt meine Trauer und Todesgeschicht.
Im Jahre achtzehnhundert und dreyzehn
Mußten die Bewohner Münchens
Der schaurnden Geschichte jammervoll entgegen sehen
Wo am dunklen Abend des Septembers
Zum Schreckensbild an dem dreyzehnten Tag
Die Isarbrücke jäh nach sechs Uhr Schlag
Mit vielen Menschen durch des Stromes Wuth
Schäußlich grausam unter Schutt und Wellen lag
Entrissen war dem Weib der Mann
Vermißt auf ewig hin ein Vater
den fünfen seiner theuren Kinder
Nun Freund und wer du immer bist
Und wenn dein Herz noch edel und gefühlvoll ist
So weine
Am diesen seltnen Mann, den edlem Baier
bei seinem Leichensteine
Und werde auch, wie er ein Mann
So tugendhaft – so gut – und dann
Dann wird auch einst dein Leichenstein
Mit Thränen von den wenig Edlern
Sicher und gewiß umflossen sein.«
Auch das farbige Bild vom Isarbrückeneinsturz ist nicht mehr erkennbar, »bedeutsam ist das weinende Engerl über dem Grabmal« (klassizistisch).
© Dr. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.