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4 – 1 – 45 (Aschenbrenner · Giehrl)

Ω

Grabstätte
der Familie
Aschenbrenner.

R. I. P.

Dr. J. v. Aschenbrenner, k. b. Staatsminister,
geb. 29. Juni 1798, gest. 19. Dez. 1858,
dessen Gattin Anna, geb. 19. Okt. 1809, gest. 5. Mai 1890.

J. Lallinger.

Rechte Seite

R. Giehrl
k. Bez. A. Assessor,
geb. 6. April 1827,
gest. 12. Sept. 1876.
u. dessen Gattin
Emilie
gen. Tante Emmy
gest. am 15. Okt. 1915,
im 78. Lebensjahre.

Ω

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Dr. Josef von Aschenbrenner

* 29.6.1798 (Neumarkt an der Rott)
† 18.12.1858 (München)
Staatsminister

Bayerisches Volksblatt (23.12.1858)

† Dr. Josef v. Aschenbrenner.

(Nekrolog.)

Der am 19. Dezember dieses Jahres dahingeschiedene kgl. Staatsminister der Finanzen, Dr. Josef v. Aschenbrenner, Großkreuz der königl. bayer. Verdienstorden der bayer. Krone und vom hl. Michael, des k. k. österreich. Ordens der eisernen Krone und des kaiserl. russ. St. Annen-Ordens, hat im ganzen Bayernlande einen so hohen Grad von Achtung unter allen Ständen genossen, daß wir daraus die Veranlassung entnehmen, über das Leben und die Wirksamkeit dieses allverehrten Staatsmannes Folgendes unseren geneigten Lesern mittheilen zu sollen:

Dr. Josef v. Aschenbrenner ist der Sohn des k. Landrichters Peter Aschenbrenner zu Abensberg und wurde geboren am 29 Juni 1798 zu Neumarkt a. R. Seine Studien begann er in München; nachdem er das Gymnasium mit Lob absolvirt hatte, bezog er die Universitäten Würzburg und Landshut, an welch letzterer er im Jahre 1819 absolvirte. Nachdem er an den k. Landgerichten Waldmünchen und Abensberg praktizirt und inzwischen als Dr. jur. utriusque promovirt hatte, unterzog er sich Jahre 1821 dem Staats-Concurse und trat hierauf bei der dermaligen Regierung des Regenkreises, Kammer der Finanzen, als Raths-Accessist ein. Im Jahre 1827, zuerst als funktionirender Fiskalbeamter bei der damaligen k. Regierung des Rezatkreises verwendet, wurde er bald darauf zum Regierungs-Assessor und Fiscal-Adjunkten an die Regierung des Obermainkreises und bereits 1829 zum geheimen Sekretär im k. Staatsministerium der Finanzen befördert. Nachdem er in dieser Stellung während einer sechsjährigen Geschäftsthätigkeit seine ausgezeichnete Befähigung zum höhern Staatsdienst, sowie seinen unermüdlichen Eifer im hohen Grade bewährt hatte, wurde er zum Rathe bei der kgl. Regierung der Oberpfalz und v. Regensburg ernannt. Auch in dieser Stellung wurden seine seltenen dienstlichen Eigenschaften von seinen Vorgesetzten durch zahlreiche Belobungen und Vertrauens-Beweise anerkannt und i. J. 1841 durch die Gnade Sr. Majestät des Königs durch Verleihung des Verdienstordens vom hl. Michael belohnt. In demselben Jahre wurde er zum Oberrechnungsrath in München ernannt, welche Stelle er 7 Jahre lang bis zum Jahre 1848 bekleidete. Sein unermüdlicher Fleiß und Geschäftstüchtigkeit, sowie seine bewährte Befähigung batten fortwährend die Aufmerksamkeit seiner Dienstes-Chefs auf sich gezogen, und so wurde er am 3l. März 1848 zum Ministerialrathe im k. Staatsministerium der Finanzen befördert. Als im Jahre 1849 das Portefeuille des k. Finanzministeriums erledigt war, fiel die Wahl Sr. Majestät des Königs auf den Verblichenen. Diese Stellung bekleidete er beinahe 10 Jahre und wurde während dieser seiner Wirksamkeit sowohl durch Verleihung der höchsten Verdienstorden des Königreichs [wie bereits eben angegeben] sowie auch hoher ausländischer Orden ausgezeichnet.

Der Verewigte war seit dem Jahre 1828 mit Anna Aschenbrier, der Tochter des damaligen k. Regierungsrathes und nunmehr quiescirten k. Regierungsdirektors und geheimen Rathes v. Aschenbrier, verehelicht. Aus dieser Ehe entsprossen 7 Kinder, von denen 4, nämlich ein Sohn und drei Töchter den Vater überleben. Die beiden älteren Töchter sind an zwei Brüder, den k. Ministerialsekretär Josef Giehrl und den k. Landgerichts-Assessor Rudolf Giehrl, in München verehelicht. Aus der Ehe der ältesten Tochter sah der Verewigte ihm drei Enkel erblühen. Außer diesen Hinterbliebenen beweint noch seine 80jährige Mutter, die kgl. Landrichters-Wittwe Anna Aschenbrenner seinen Tod. V. M.

Bayerisches Volksblatt Nro. 300. Regensburg; Donnerstag, den 23. Dezember 1858.

Bayerns Genius (1858)

Bayerns Genius
den Manen
des edlen, unvergeßlichen
k. b. Staatsraths und dirigirenden Ministers
der Finanzen
Herrn
Dr. Joseph von Aschenbrenner
etc. etc.
Geboren zu Neumarkt an der Rott in Niederbayern am 29. Juni 1798, heimgegangen zu München am 19. Dezember 1858.

Von
C. Ritter von Renauld-Kellenbach,
einem vormaligen Studien-Genossen des Verblichenen an der k. Universität zu Würzburg.

Aus dunklen Räumen schleichen die Gestalten
Hervor auf des Verderbens schwarzer Bahn,
Weh! nicht vermag ich, ferne sie zu halten,
Die sich dem stillen Hause drohend nah'n;
Der finst'ren Mächte unbesieglich Walten
Erdrückt der kühnsten Hoffnung süßen Wahn,
Kein Genius kann sich'ren Schutz gewähren,
Den Todespfeilen der Dämonen wehren;
Sie drangen in der Pulse warme Schachten,
Das Auge brach, der Seele sanftes Bild,
Erschüttert waren, die so sorglich wachten,
Indeß die rückgehalt'ne Thräne quillt;
Des Lebens letzten Schimmer zu umnachten,
Den lang der schwere Kampf gefangen hielt,
Es zog der blasse Engel nicht vergebens
Die große Scheidewand des Erdenlebens.

So mußte denn ein edler Mann erblassen,
Geführt aus Seiner Lieben trautem Kreis,
Die ihres Schmerzgefühles würdig Fassen
Erfleh'n von einem höheren Geheiß;
Ganz fühlen sie sich nimmer so verlassen,
Ob auch die Krone fiel von ihrem Reis,
Sie preisen segnend Den, Der hat genommen,
Was Er gegeben lang zum Heil und Frommen!
Wie zart war im Familien-Verbande
Des stillen Lebens Zauber ausgeprägt,
Wo sich des schweren Staatsamts ernste Kante
Verlor, wenn's traulich sich im Zirkel regt'
Und Seine Vaterliebe sich bekannte,
Im Wechsel freier Rede mild bewegt;
Ein Blitz aus heit'rer Ferne war Sein Fallen
Der Gattin, Kindern und den Theuren Allen.

Doch nicht allein den Seinen schlug die Wunde
Des unerbittlichen Geschickes Macht,
Durch alle Gauen wird von Mund zu Munde
Die trübe Botschaft trauernd hinterbracht,
Bestürzte Gruppen schaaren sich zur Runde:
»Er ist dahin, der prüfend überwacht
Des Staats geregelte Finanz-Verwaltung
In ihrer Zweige mancherlei Gestaltung.«
Wer hat, gleich Ihm, nach mühevollem Ringen
Die Richtung der Bilance so erfaßt,
Wem lohnte solches glückliche Gelingen,
Des Gleichgewichtes Tragen angepaßt?
Um klug die starken Hebel aufzuschwingen
Zur mächt'gen Stütze übergroßer Last?
Nur Er hat in der Wirren heißen Stunden
Die Lösung des Problems so leicht gefunden.

Wer hielt, wie Er, in weiter deutscher Zone
An seinem Herrscherhause (Wittelsbach)
In Treue fest, an Vaterland und Krone?
Sein Auge blieb stets deren Rechten wach;
Im Parlamente eine klare Sonne
Wies er das Postulat dem Zweifler nach;
Daß ein Gesetz aus Geist und Herzen fließe,
Es war die kund gegebene Devise.
So stellte Er in beider Kammern Mitte
Nicht eine Seite nur dem Angriff blos,
Der Rede vegetirend frische Blüthe
Von Seinem vielberedten Munde floß,
Die sich bewegte im gemess'nen Schritte,
In söhnenden Tendenzen auch ergoß
Und, fern von eines Diplomaten Wendung,
Bekundete die Wahrheit Seiner Sendung.

Was soll man noch von jenem Herzen sagen,
So er in Seinem treuen Busen trug
Und leicht geöffnet Wünschen, Bitten, Klagen
Im warmen Mitgefühl entgegenschlug?
Wer Hülfe suchte, durfte nimmer zagen,
Denn sie beschloß des großen Herzens Zug,
Das Alle, die da harrten mit Verlangen,
Theilnehmend gleich und liebevoll umfangen.
Doch Jenen, die das Amt Ihm untergeben,
War süß Sein Joch und Seine Bürde leicht,
Nur Milde sollte das Vertrauen heben,
Die manche Differenzen ebnend gleicht;
So gern er öffnete die Hand zum Geben
Wo des Bedürfens Drang sich immer zeigt',
Durch Liebe, die von Herz zu Herz gedrungen,
Ward des Vertrauens Band so fest geschlungen.

Und dieses lebt in vaterländ'schen Gauen
Noch über'm Grabe in der Herzen Schacht,
In denen tief sich Monumente bauen,
Von warmer Glut des Dankes hell umfacht;
Darum von Aller Kreise, Männern, Frauen
Begeistert wird des Ehrenmanns gedacht;
Sein Ruf drang über Bayerlandes Marken,
Um auch in fremden Zonen zu erstarken.
Selbst des Regentenhauses Sympathieen
Für Ihn sie sprachen laut und warm sich aus;
So sah man täglich Abgesandte ziehen
Mit Botschaft nach des Treuen Leidenshaus
Zu forschen, ob nicht Hoffnung sei gediehen,
Daß Er bekämpfe solchen schweren Strauß;
Des königlichen Mitgefühls Bedauern
Es hellte auf das nachtumwölkte Trauern.

Laß rinnen sie, o Gattin! Deine Thränen
Sie sind gerecht, wie Deiner Kinder Schmerz,
Sie heben das so schwer beklomm'ne Sehnen
Zu einem Blick', gerichtet himmelwärts!
Gedenke, es sei doch kein leeres Wähnen,
Ein süßer Trost für das gebroch'ne Herz:
Er lächelt frei aus jenen lichten Fernen
Euch Allen geistig zu hier unter Sternen!
Was ist dem Erdgebornen auch beschieden,
In Purpurhülle oder Ordensband,
Für all' sein Sorgen, Mühen einst hienieden,
Wenn ihn erfaßt des Todes kalte Hand?
Die Ordenschichte in des Grabes Frieden
Und der Erinn'rung Bild an seinem Rand!
Wohl ihm, wenn unbestochen die Geschichte
Von seinem Werthe zeichnet die Berichte!

Und nun des Dankes Thräne Deinen Manen
O edler Gönner im Elysium!
Der, wenn auch sonder Wappenschild und Ahnen,
Errang des höchsten Seelen-Adels Ruhm.
Vormals wir fanden uns auf schönen Bahnen
Der Julia in Themis Heiligthum.
Könnt' ich mich, Dir zu gleichen, nicht vermessen,
Hast Du des treuen Freund's doch nie vergessen.
Noch einmal! nimm' die Thräne überm Grabe,
Die nach der Tieferschütterte Dir weint!
Sie ist ja der Erinn'rung einz'ge Gabe,
Dir Deinem Schatten segnend noch sich eint
Und glänzt, des Dichters dankerfüllte Gabe,
Dir, dem die Erdensonne nimmer scheint,
Dir, der so Viele, nur Sich selber nicht, beglückte,
Bevor dem Leben Ihn ein höh'rer Ruf entrückte.

C. Ritter von Renauld-Kellenbach: Bayerns Genius. 1858.

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Emilie Giehrl (vh)

von Aschenbrenner (gb)

Tante Emmy (ps)

* 1.11.1837 (Regensburg)
† 15.10.1915 (München)
Schriftstellerin

Sonntagsfreuden (1897)

»Tante Emmy«.
Zum 60. Geburtstage einer katholischen Schriftstellerin.
Von J. M. Forster.

Die Bezeichnung »Schriftsteller« hat heute gerade den nämlichen ominösen Beigeschmack, wie vor Jahrzehnten der Titel »Literat«, der gar sehr an den home des lettres erinnerte, mit dem sich die Pasquillenfabrikanten des vorigen Jahrhunderts und Vorläufer der großen Revolution »schmückten«, deren Rückstöße noch heute die Welt durchzittern. – Heute versteht man unter der Bezeichnung »Schriftsteller« meist einen Menschen, der mit der guten Sitte aus ziemlich gespanntem Fuße steht und nicht selten das Laster in seiner vollen Nacktheit vorführt.

Glücklicherweise aber gibt es auch noch katholische Schriftsteller, freilich, im Vergleiche zu der großen Schaar nichtkatholischer ein kleines Häufchen, unter dem sich hie und da sogar eine Angehörige des sogenannten schönen oder schwachen Geschlechtes befindet, welche freilich nicht, wie ihre Colleginnen im andern Lager einfach ein phrasenreicher Blaustrumpf ist, sondern einen höheren Zweck, als den bloßer Unterhaltung verfolgt – meist einen erzieherischen.

So ist es auch bei »Tante Emmy« der Fall, deren Name in katholischen Kreisen einen guten Klang hat und welche am 1. November ihren 60. Geburtstag beging.

Gar Mancher wird sich die »Tante Emmy« vorstellen, wie sie an ihrem Schreibtische sitzt, emsig das vor ihr liegende Blatt mit den so tief durchdachten, innig gefühlten Zeilen bedeckend – weit gefehlt!

In ein Krankenzimmer, an eine Lagerstätte des Schmerzes muß ich Dich führen, willst Du »Tante Emmy« sehen, welche seit dem Jahre 1864, d. i. seit einem vollen Menschenalter, sich von derselben nicht mehr erheben kann.

Gar Manchen oder Manche hätte in solcher Lage die helle Verzweiflung ergriffen – »Tante Emmy« betrachtet ihr, vom rein menschlichen Standpunkt aus angesehen, bedauernswerthes Geschick als eine Fügung Gottes, welche dazu dient, ihr den Weg in's Jenseits zur dereinstigen Anschauung Gottes zu bereiten.

Nicht immer war »Tante Emmy« eine arme Kranke, auch ihr leuchtete Jugendfreude, bis die Hand Gottes ihr die Heimsuchung schickte.

»Tante Emmy« ist der Schriftstellername für Frau Emma Giehrl, kgl. Bezirksamts-Assessors-Wittwe. Sie ist geboren am 1. November 1837 – vollendete also in diesen Tagen ihr 60. Lebensjahr – zu Regensburg, wo ihr Vater, Dr. Josef Aschenbrenner, damals Regierungsrath war. Später wurde derselbe an den Obersten Rechnungshof nach München versetzt, im Jahre 1849 mit der Leitung des Kgl. Staats-Ministeriums der Finanzen betraut, neben welchem er im Jahre 1854 eine Zeitlang auch das Ministerium der Justiz führte und in Anerkennung seiner Verdienste mit verschiedenen Orden, darunter auch dem, den persönlichen Adel verleihenden Kronenorden ausgezeichnet wurde. Seine Gemahlin Anna, geborne Aschenbrenner, schenkte ihm in glücklicher Ehe sieben Kinder: Anna, Max, Otto, Ludwig, Emmy, Mathilde und Marie, von denen jedoch drei: Max, Otto und Mathilde nach nur kurzem Erdenwallen in das kühle Grab gebettet wurden.

Um so sorgfältigere Pflege und Ausbildung erfuhren, wie das ja bei der hohen Stellung des Vaters erklärlich ist, die überlebenden Kinder, wobei namentlich auf eine religiöse Erziehung und gute Herzensbildung großes Gewicht gelegt wurde.

Emilie Aschenbrenner war schon seit ihrem 13. Lebensjahre mehr oder minder leidend, was ihr manche kleine Entsagung auferlegte, sie von geräuschvollen Freuden zurückhielt und ihr Einsamkeit und Zurückgezogenheit lieb und theuer erscheinen ließ, so daß sie selbst noch im Elternhause, obwohl frei von jeder Sorge, nur von Liebe umgeben, nicht selten in Schwermuth verfiel und mit 16 Jahren am liebsten lebensmüde Lieder sang.

Aber auch ihr blühte des Lebens wonniger Mai: im Jahre 1858 vermählte sie sich mit dem königl. Bezirksamts-Assessor Rudolf Giehrl – aber kaum war der Hochzeitsjubel vertönt, so stand sie an der Bahre ihres Vaters, der, erst 60 Jahre alt, am 18. Dezember 1858 einer tückischen Krankheit erlag.

Auch an der jungen Frau Emilie Giehrl nagte jener böse Wurm fort und fort und im Jahre 1864 kam ein Rückenmark- und Nervenleiden zum Ausbruche, das sie seitdem an's Bett fesselt. Gar bald erkannte sie, daß keine Hoffnung auf Genesung für sie vorhanden sei; sie bereitete sich nicht blos zum Tode vor – sie bat auch Gott Tag um Tag, »er wolle sie von dieser Welt abrufen und ihrem Gatten die Freiheit und damit die Möglichkeit schenken, in einer neuen zweiten Ehe jene Freuden zu finden, die ihm durch ihr Leiden versagt bleiben mußten.« (Emmy Giehrl, »Kreuzesblüthen«, S. 189.)

Aber priesterlicher Zuspruch einerseits, der ihr Leiden als eine Fügung Gottes, ihren Wunsch aber als Eingriff in die unerforschlichen Rathschlüsse Gottes bezeichnete, andererseits der Umstand, daß auch der Gesundheitszustand ihres Gatten sich stetig verschlimmerte, bis man ihn eines Tages, dem Tode nahe, vom fernen Süden, wo er vergeblich Genesung, zum wenigsten Linderung gesucht hatte, heimbrachte und an ihrer Seite niederlegte. »Da fühlte ich die liebende Hand des Herrn, da erkannte ich, wozu ich leben mußte: mein Mann bedurfte meiner! Zu jeder Arbeit unfähig, ganz auf meine Hilfe und Liebe angewiesen, mochte er Niemanden um sich sehen, als nur mich, keine Stimme hören, als die meinige, und nun wußte ich, warum mein Beten unerhört, warum mein scheinbar werthloses Leben erhalten geblieben war. Jetzt war ich meinem armen, kranken Gatten, dem ich nichts sein zu können glaubte, Alles geworden und schätzte mich deshalb überglücklich.« (Ebenda S. 190.)

»Auch meine Bestimmung für die letzten Jahre meines Lebens ließ Gott mich von den Lippen meines sterbenden Gatten vernehmen. Ich bin gewiß, der Unvergeßliche hatte sich zahllose Stunden und Nächte gequält in dem Bewußtsein, daß ich nun bald verlassen, seines Umganges und seiner Stütze beraubt sein würde. Da sprach er noch kurze Zeit vor seinem Tode (1874), als er, durch die Gnade der hl. Sakramente gestärkt, völlig hingegeben an seines Heilandes Willen, losgelöst von allen irdischen Gedanken und Wünschen war, ich möge wirken für die christliche Bildung und Erziehung der Kinder.« (Ebenda S. 221.) Und das hat die immer Kranke auch getreulich vollführt.

Schon damals hatte Frau Giehrl, die während ihres damals zehnjährigen Siechthums ces gelernt hatte, sich im Krankenbette mit verschiedenen Dingen zu beschäftigen, begonnen, an einer christlichen Kinderzeitung mitzuarbeiten, und allmälig trat sie dann mit selbstständigen Arbeiten auf, von denen das 1886 bereits in 3. Auflage erschienene »Kinderbüchlein« und die »Neuen Märchen« (3. Aufl. 1896) die ersten waren. Diesen folgten verschiedene kleine Erzählungen, »Erinnerungen aus meiner Kindheit«, die herrlichen »Kreuzesblüthen«, welche 1890 sogar die Approbation des hochwürdigsten Generalvikariats Paderborn »in der Ueberzeugung« erhielten, »daß das Buch bedrängten, gottergebenen Herzen reichen Trost bringen werde«.

Von nun an entwickelte Frau Giehrl, oder wie sie sich in selbstgewähltem Pseudonym nennt, »Tante Emmy«, eine reiche schriftstellerische Thätigkeit: abgesehen von ihrer Mitarbeiterschaft an den »Jugendblättern«, der »Monika« und ähnlichen Zeitschriften, schrieb sie eine Reihe größerer und kleinerer Erzählungen und Märchen, welche theils in größeren Büchern unter dem Collektivtitel: »Allerlei Geschichten« und »Meinen Lieblingen«, theils in kleineren Sammlungen als »Jugend-und Volksschriften« erschienen. Das ist vor Allem das Dankenswerthe an »Tante Emmy«, daß sie nicht, wie das unter der Firma »Jugendschriften« so häufig vorkommt, kindische Geschichten schreibt, sondern größere und kleine Erzählungen, welche Jedermann lesen kann: wirken sie auf die Jugend und den minder Gebildeten kraft ihres nicht blos moralischen, sondern ausgesprochen christlichen Inhalts, erzieherisch, so wird auch der höher Gebildete insoferne Nutzen daraus schöpfen, als ihm im Strudel und Gewoge des Lebens hier gewissermaßen ein Ruhepunkt geboten und er selbst zum Himmel, als unserer ewigen Heimat, zu Gott, dem Helfer alles Guten, dem Bestrafer alles Bösen gewiesen wird.

Einzelne Stücke sind geradezu klassisch und verdienten Aufnahme in die Lesebücher höherer Schulen. Manche dieser kleinen Erzählungen bahnen sich bei (oder vielleicht infolge) ihrer schlichten Sprache, ihrem einfachen und doch packenden Aufbau in geradezu wunderbarer Weise den Weg zum Herzen. Es ist das bei den Schicksalen, welche »Tante Emmy« erfuhr, eigentlich selbstverständlich: häufig finden wir ein glückliches Familienleben geschildert, das durch die Krankheit oder gar den Tod des Vaters oder der Mutter eine traurige Störung erleidet; aber die davon Betroffenen versinken nicht in die Apathie der Gottlosen, sondern arbeiten in hoffnungsvollem Gottvertrauen weiter, das dann auch früher oder später den wohlverdienten Lohn findet.

In »Allerlei Geschichten« wechseln mit anmuthsvollen Erzählungen auch historische Skizzen ab, wie uns denn »Die verunglückten Pasteten« berichten, wie aus dem anscheinend tölpelhaften Conditorlehrling Claude Selén der kunstreiche Maler Claude Lorrain ward; in »Meinen Lieblingen« ist »Stutzöhrlein, die ungerathene Eselin« eine lehrreiche Parabel für manches ungeberdige Kind, »Die Sternsänger« in den Jugend- und Volksschriften (I. Band) eine prächtige Erzählung, ebenso »Meister Fridolin«; »Des Bruders Schutzgeist« und »Eine Lüge und ihre Folgen« (II. Band) haben einen tiefen, moralischen Kern, »In harten Zeiten« (III. Band) ist eine köstliche Bauerngeschichte, die »Weihnachtsgrüße« (IV. Band) enthalten vier schöne Erzählungen, von denen die »Marienkinder« infolge ihrer verwickelten Handlung sehr spannend wirken; »Hanns Pechvogel« in »Rosen und Dornen« (VI. Band) zeigt, obwohl von humorvollem Hintergrunde, eine beherzigenswerthe Moral, und im V. Bändchen »Für Mußestunden« wird Niemand ohne Rührung die Episode »Zwei Fürstensöhne« lesen in welcher uns die Könige Ludwig II. und Otto als Knabe, von 1l, bezw. 8 Jahren vorgeführt werden, wie sie in kindlichem Spiele eine bei einer Hoftafel als Dekoration verwendete etrurische Vase zerbrachen, der Verdacht hierüber auf einen Gärtnergehilfen fällt, dessen Lebensglück dadurch beinahe zerstört wird, bis endlich Kronprinz Ludwig seinem hehren Vater ein Geständniß seiner Schuld ablegt.

Ist der Inhalt dieser Schriften ein jedes Bedürfniß befriedigender, so ist auch die äußere Ausstattung eine elegante und das ist das Verdienst des »Volks- und Jugendschriften-Verlags Otto Manz« in Straubing. »Allerlei Geschichten« und »Meinen Lieblingen« sind geradezu splendid ausgestattet: farbiger Leinwandeinband, je 2 Farbendruckbilder und 10, bezw. 8 Holzschnitte, kräftiges Papier, große Lettern und ausgezeichneter Druck. Etwas einfacher im Einbande sind die »Jugend-und Volksschriften« gehalten, welche übrigens die Vorzüge des Papieres und Druckes mit den übrigen theilen.

Fassen wir unser Urtheil über die Schriften »Tante Emmy's« zusammen, so können wir dieselben, als für die Jugend und die breiten Massen des Volkes geschrieben, mit bestem Gewissen empfehlen und nur den Wunsch daran knüpfen, daß sie weiteste Verbreitung (namentlich bei bevorstehender Weihnachtszeit) finden und namentlich für Instituts-, Schul- und Volksbibliotheken beschafft werden möchten.

Das 60. Wiegenfest der Schriftstellerin »Tante Emmy« gestaltete sich zu einer großartigen Feier für die hochverdiente Frau. Das Krankenzimmer der Frau Emmy Giehrl war buchstäblich in einen Blumengarten verwandelt, so viele Blumen, Bouquets, Körbchen und Blumenstöcke wurden überreicht, Hunderte von Briefen, Telegrammen und Karten waren eingelaufen Se. kgl. Hoheit der Prinz-Regent sandte die liebenswürdigsten Glückwünsche und ein prachtvolles Bouquet. Ihre kgl. Hoheit Frau Prinzeß Ludwig einen reizenden großen Korb mit blühenden Cyclamen, Frau Prinzessin Maria de la Paz ein eigenhändiges, liebenswürdiges Handschreiben. Frau Erzherzogin Adelgunde von Modena sandte ein herrliches Bouquet von weißem Flieder und ein Allerhöchst eigenhändiges Gratulationsschreiben. Sämmtliche hohen und allerhöchsten Herrschaften sandten überdies noch Geschenke an Büchern, Wein etc. Frau Prinzessin Arnulf und Prinz Heinrich gratulirten in höchsteigener Person, ebenso JJ. KK. HH. Prinzessinnen Adelgunde und Mathilde, Prinzessin Oettingen-Wallerstein, Oettingcn-Spielberg etc. etc. Der Deutsche Schriftftellerverein in Berlin sandte ein liebenswürdiges Glückwunschschreiben durch seinen Vorstand, Hrn. Hofrath Maximilian Schmidt, nebst einer literarischen Gabe. Der Thierschutzverein ernannte Frau Giehrl zum Ehrenmitgliede.

Sonntagsfreuden No. 46. 1897.

Lexikon deutscher Frauen der Feder (1898)

Giehrl, Frau Emmy, geb. Aschenbrenner, Ps. Tante Emmy, München, Herzog-Wilhelmstrasse 9/II, wurde am 1. November 1837 in Regensburg als Tochter des königlichen bayrischen Finanzministers Dr. Joseph von Aschenbrenner geboren, siedelte aber mit den Eltern nach München über. Gute Lehrer leiteten im Elternhause den Unterricht des Kindes, das schon frühzeitig eine dichterische Anlage zeigte, der man aber wenig Wert beilegte. Kurze Zeit nach ihrer Vermählung mit dem bayrischen Bezirksamts-Assessor Rudolf Giehrl in München verlor sie den Vater. Sein Tod erschütterte ihren schwachen Körper auf das tiefste, ein unheilbares Nervenleiden sollte sie für immer auf das Krankenlager werfen. Obwohl die Kranke auf ihrem Schmerzenslager, von allem äusseren Verkehr abgezogen, sich ausschliesslich geistig beschäftigte, trat sie doch erst nach dem Tode ihres Gatten (1876), mit dem sie in glücklichster Ehe gelebt, mit schriftstellerischen Arbeiten an die Öffentlichkeit, und zwar auf dem Gebiete des Erziehungswesens und vorzüglich als Jugendschriftstellerin. Sie wurde Mitarbeiterin sämtlicher Organe des katholischen Erziehungsvereins in Donauwörth und anderer katholischen Zeitschriften unter dem Decknamen »Tante Emmy«. Während ihrer langen 34 jährigen Schmerzenszeit entstand nach und nach eine grosse Anzahl reizender Kindergeschichten und Erzählungen.

[…]

Sophie Pataky (Hrsg): Lexikon deutscher Frauen der Feder. Eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienenen Werke weiblicher Autoren nebst Biographieen der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme. Berlin, 1898.

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Giehrl Emmy, geb. Aschenbrenner, 1837 (Regensburg) – 1915, Bezirksamts-Assessorswitwe und Schriftstellerin; sie ist eine Tochter des – ebenfalls hier bestatteten – Finanzministers Dr. Josef Aschenbrenner, 1798 (Neumarkt a. d. Rott/Obb.) – 1858 (s. Schä: Nr. 3!); hervorragende Lehrer und Professoren unterrichteten sie zu Hause; nach 18jähriger Ehe schrieb sie, über ein halbes Jahrhundert durch ein Rückenmarksleiden ans Krankenbett gebunden, zahlreiche fesselnde, ethisch-religiöse, dabei aber nicht einseitigkatholische, Jugendschriften; trotz ihrer schweren Leiden hatte sie wärmste Liebe zur Jugend bewahrt; sie wurde deshalb »Tante Emmy« genannt.

Hauptwerke: Neue Märchen, Kinderbüchl, Meister Fridolin, Erinnerungen an Weber, Bilderbuch für brave kleine Kinder, Kreuzesblüten, Erinnerungen an meine Kindheit, Der Kreuzweg auf dem Krankenbett, Büchl für Erstkommunikanten, Zum fünfzigsten Jahrestag meiner Krankheit, Allgemeine Sammlung der sämtlichen Jugend- und Volksschriften der Tante Emmy; Gs. Jugendschriften werden heute noch gern gelesen.

© Dr. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.



© Reiner Kaltenegger · Gräber des Alten Südfriedhofs München · 2007-2026


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