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Die Grabinschrift ist nicht erhalten
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Fensterer, Johann Balthasar; – 28.8.1838 (München), 43 Jahre alt; Regenschirmfabrikant
Fensterer, Philipp; – 3.10.1830 (München), 32 Jahre alt; Regenschirmfabrikant
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† 23.6.1901 (Benediktenwand), 23 Jahre alt, Tod durch Bergunfall
Kaufmann
Alpine Zeitung.
Vermißte Touristen. Seit Montag werden, wie schon kurz im Vorabendblatt mitgetheilt, zwei Touristen, die Herren Stein und Denzel aus München, vermißt. Die beiden Herren wollten am Sonntag die Benediktenwand besteigen und zwar von Benediktbeuern aus, wohin sie auch zurückkehren wollten, und hatten einen Theil ihrer Sachen in der Post zurückgelassen. Beide Touristen sind weder dorthin noch nach München zurückgekehrt, so daß Beiden ein Unfall zugestoßen zu sein scheint. Eine Rettungsexpedition ist sofort abgesandt. Leider ist die Meldung über die Vermißten erst sehr spät – am Mittwoch Morgen – dem Alpinen Rettungsausschuß München zugestellt. Es wird darauf hingewiesen, daß es unbedingt nöthig ist, in Fällen, wo Touristen vermißt werden, sofort dem Rettungsausschuß Anzeige zu erstatten, um ein rechtzeitiges und wirksames Eingreifen zu ermöglichen. Meldungen sind an den Vorsitzenden, Herrn Stege, Rottmannstraße 23/I oder in dessen Abwesenheit an die Freiwillige Sanitätskolonne München zu richten, die die Meldung sofort weiter befördert.
Münchner Neueste Nachrichten No. 294. Donnerstag, den 27. Juni 1901.
Alpine Zeitung.
Das Touristen Unglück an der Benediktenwand.
Benediktbeuern, 27. Juni, 9 Uhr Vorm. (Privattelegr.) Die beiden vermißten Touristen wurden todt an der Benediktenwand gefunden.
Das Nachrichtenbureau meldet ausführlich: Die beiden Touristen – es sind die Herren Max Stein, Beamter der städtischen Sparkasse, 24 Jahre alt, und Herr Eugen Denzel, Kaufmann, 22 Jahre alt, Beide ledig, Beide aus München – verließen am Samstag Nachmittag München mit der Isarthalbahn. Abends halb 10 Uhr kamen sie in Benediktbeuern an, wo sie auf der Post übernachteten. Am Sonntag um 6 Uhr Morgens traten sie den Aufstieg zur Benediktenwand an, einem 1786 Meter hohen Berge, der, auf den gewöhnlichen Wegen begangen, als vollständig gefahrlos gelten muß. Die Beiden waren gut ausgerüstet; von diesem Standpunkt aus hätten sie sogar eine Hochtour unternehmen können. Herr Denzel hatte vor dem Abgang in der Post seine Stadtkleider mit einem praktischen Sportskostüm vertauscht, während Herr Stein einen Lodenanzug trug. Herr Denzel ließ seine entbehrlichen Gebrauchs- und Werthgegenstände auf der Post in Benediktbeuern zurück. Auf der Hausstätter Alm hatte die dortige Wirthin, Frau Streidl, die Herren darauf aufmerksam gemacht, daß von der Alm aus, außer dem gefahrlosen Weg, der von da aus nach rechts abzweigend und die nördliche Wand vollständig umgehend, auf das Hochplateau führt, auch über die nördliche Wand, die sehr steil abfällt, ein Aufstieg, direkt zum Gipfel möglich sei. Diese nördliche Wand, die einen grotesken Anblick bietet und dem Berg eigentlich den Namen gibt, fällt zur Hausstätter Alm jäh herab. Die Wand ist einige hundert Meter hoch. Ein eigentlicher Weg führt dort nicht hinauf, sondern es lassen sich nur Felsrinnen und Ritzen, deren Passiren gute Kletterer erfordert, zum Aufstieg benutzen. Von den Mitgliedern der Sektion Bayerland und anderen Münchner Touristen wurde dieser Weg schon oft gemacht. Der Senner der Hausstätter Alm, Streidl, genannt der »Hausstätter Toni«, erzählt mit Vorliebe, daß für ihn gar nichts dabei sei, da hinaufzugehen und daß er gegen eine gute Belohnung schon Verschiedene hinaufgeführt habe.
Die beiden Münchner Herren wählten den kühneren Aufstieg, der gerade zum Kreuz hinauf führt. Von Besuchern der Hausstätter Alm, die am Sonntag, ebenso wie die von der Bevölkerung viel erstiegene Benediktenwand fast immer Gäste hat, wurden die beiden Münchner mit Feldstechern bei ihrer Kletterpartie noch lange beobachtet. Ihrer Geschicklichkeit ward manches Lob gespendet. Oberhalb einer kritischen Stelle, die gewöhnlich nur mit Seil passirt wird, die die Herren aber ohne die Anwendung eines solchen nahmen, wurden die Beiden nicht mehr gesehen.
Nachdem die Herren am Dienstag Mittag noch nicht nach Hause gekommen waren, wo sie sicher erwartet wurden, geriethen ihre Angehörigen in eine begreifliche Unruhe. Sie dachten an die Möglichkeit eines Unfalls, und die Nothwendigkeit, die Spur der Ausgebliebenen zu verfolgen. Herr Denzel hatte an eine befreundete Familie von Benediktbeuern aus eine Ansichtskarte geschrieben, deren Inhalt für die zu beginnende Suche den Angehörigen Anhaltspunkte bot. Der Bruder des Herrn Denzel, Herr Hugo Denzel – allen Gästen des Vereins »Thespis« wohlbekannt –machte sich mit seinem Freunde, Herrn Hans Baumeister, der wie er Berufsschauspieler ist, sofort auf den Weg nach Benediktbeuern. Die beiden Herren, die ebenso wie die Abgängigen passionirte Bergsteiger sind, führten am Mittwoch Früh 3 Uhr einen Aufstieg auf dem gleichen Wege aus, den die Vermißten begangen hatten. Der Hausstätter Toni begleitete sie und leistete den Suchenden durch seine Kühnheit und Ortskenntniß schätzbare Dienste. Oberhalb der erwähnten gefährlichen Stelle wurde aus einem unter dem Grat sich hinziehenden Grasstreifen die verlorene Spur wieder aufgegriffen, aber, obwohl man bis 7 Uhr Abends alle Schluchtenwinkel auf der Nordseite abgesucht hatte, fanden sich keine Anhaltspunkte, die dort für die Anwesenheit der Abgängigen gesprochen hätten.
Am gleichen Tage, am Mittwoch Abends, brachen die Herren Mader und Camelly aus München als Mitglieder des Alpinen Rettungs-Ausschusses auf, denen sich aus Benediktbeuern die Bauerssöhne Gebrüder Bacher anschlossen.
Heute Donnerstag, Früh 3 Uhr, ist von der Hausstätter Alm die Alpine Rettungsgesellschaft auf dem gleichen Weg, wie ihn die Vermißten zur Spitze der Benediktenwand genommen hatten, aufgebrochen. Um halb 5 Uhr Früh konnte man mit Hilfe von Ferngläsern von Benediktbeuern aus die Leute in den Felsensteigen ganz genau beobachten. Sie hatten Vormittag 10 Uhr die bereits geschilderte gefährliche Stelle überschritten. Von den Verwandten des Herrn Stein sind auch die Mutter und ein Onkel desselben in Benediktbeuern angekommen. Heute Donnerstag, Früh 4 Uhr, ging eine neue Rettungs-Expedition ab: der Kaufmann Stein und der Hausbesitzer Schuster von Bichel, Letzterer ist ebenfalls ein Verwandter des Herrn Stein, die das untere Terrain absuchen. Gegen 8 Uhr Früh gingen die Herren Hugo Denzel und Hans Baumeister abermals auf den Berg, um neuerliche Suchen vorzunehmen.
Ueber die Einzelheiten der Auffindung muß der Telegraph erst noch nähere Kunde bringen.
Unmittelbar vor Schluß des Blattes meldet uns noch ein Privattelegramm:
Beide Leichen wurden etwa 500 Meter unterhalb des sogenannten Kamins gefunden, wo die Touristen vermuthlich abstürzten. Den Gipfel erreichten sie nicht. Die Leichen werden heute geborgen und nach München verbracht.
Münchner Neueste Nachrichten No. 295. Freitag, den 28. Juni 1901.
Alpine Zeitung.
Benediktbeuern, 27. Juni. Die Leichen der verunglückten Touristen Stein und Denzel wurden heute Nachmittag hieher verbracht, nachdem sie unter Führung der Mitglieder des Alpinen Rettungs-Ausschusses, Herren Mader und Camelly, unter ungemein schwierigen Umständen geborgen worden waren. Die Leichen liegen in der Todtenhalle des Krankenhauses und werden morgen nach München verbracht.
Münchner Neueste Nachrichten No. 296. Freitag, den 28. Juni 1901.
Alpine Zeitung.
Das Touristen-Unglück an der Benediktenwand.
Wie von uns bereits kurz mitgetheilt wurde, hat man die beiden Münchner Touristen, die am Sonntag auf die Benediktenwand steigen wollten, Donnerstag, Vormittag, todt in den Nordwänden aufgefunden. Ueber den Verlauf der zu ihrer Auffindung entsandten Expedition des Alpinen Rettungsausschusses München vermögen wir Folgendes mitzutheilen:
Am Mittwoch, Mittag, erst war der Rettungsausschuß verständigt worden, daß zwei Münchner Herren, der Kaufmann Eugen Denzel und der Beamte der Städtischen Sparkassa Max Stein, seit ihrem Aufstieg auf die Benediktenwand vermißt werden. Auf Veranlassung des derzeitigen Vorsitzenden des Rettungsausschusses Herrn Ingenieur Stegl (Sektion Oberland) begaben sich sofort Herr Camelly (Alpenvereinssektion Oberland) und Herr Mader (Turneralpenkränzchen), Beide sehr tüchtige und erprobte Alpinisten, am Nachmittage des 26. Juni noch nach Benediktbeuern und stiegen am gleichen Tage noch mit den Bauerssöhnen Johann und Josef Bacher von dort, zwei kräftigen, schneidigen und gewandten Burschen, zur Hausstattalm empor, wo sie Abends gegen 8 Uhr anlangten. Da die Zeit schon zu weit vorgerückt war, mußte von dem weiteren Aufstieg Abstand genommen und in der Alm übernachtet werden. Früh Morgens um halb 5 Uhr brach die Expedition zu ihrem schweren und gefahrvollen Tagewerke auf. Von dem Senner der Hausstattalm Anton Streidl hatten sie zuvor noch erfahren, daß er mit Herrn Schauspieler Baumeister und dem Bruder des Herrn Denzel die Nordwände wiederholt ohne Erfolg abgesucht habe. Es sei umsonst, meinte der Senner, wenn die Herren da hinaufstiegen. Die Theilnehmer an der Expedition faßten darum anfangs den Entschluß, die östlich gegen Lenggries und das Isarthal zu liegenden Probstwände abzusuchen. Eine andere Erwägung hielt sie – zum guten Glücke – davon ab. Auf ihre weiteren Erkundigungen erfuhren sie nämlich, daß die beiden Touristen sich nicht in das Gipfelbuch eingetragen hatten. Das hätten aber diese, da sie jugendliche Leute waren, bei denen der alpine Ehrgeiz eine nicht geringe Rolle spielte, gewiß nicht unterlassen, wenn sie den Gipfel auf dem von ihnen eingeschlagenen Wege erreicht hätten und dann über die Probstwände abgestiegen wären. Man beschloß also lieber nochmals genau die steilen Nordhänge, auf denen man die Beiden bis etwa 80 Meter unterhalb des Gipfels hatte emporklettern sehen, abzusuchen. In den Wänden theilte sich die Expedition, um ein größeres Terrain überschauen zu können. Nach etwa l½stündigem Steigen rief plötzlich Johann Bacher Herrn Camelly, der unweit von ihm kletterte, zu, er sehe einen Wettermantel am Boden liegen. Sogleich wurde die Richtung auf das Fundstück zu genommen. Johann Bacher gewahrte nun gleich beim Näherkommen, daß das betreffende Objekt kein Wettermantel, sondern eine hinten aufgeschlagene Joppe war, die, wie er auch alsbald erkannte, theilweise einen menschlichen Körper verbarg. Die bange Vermuthung war zur Thatsache geworden. Sie hatten den einen der beiden Vermißten – Denzel – als Leiche vor sich. Er lag am Ende eines schmalen Grasbandes unterhalb eines Felsblockes wie eine Kugel zusammengerollt, den Kopf zwischen den Knien haltend. Die Kleider waren stark zerrissen, doch wies der Körper äußerlich nicht eben starke Verletzungen, außer Hautabschürfungen und einigen Wunden am Kopfe, auf. Weiter oben wurde einer seiner Bergschuhe gefunden, der ihm infolge des Sturzes mit großer Gewalt vom Fuße gestreift worden sein mußte. Die Leiche Denzels lag unmittelbar am Rande einer jäh zur Hausstattalm abfallenden Wand. Wäre der Körper weiter geglitten, so wäre er direkt auf die Almwiesen heruntergeschleudert worden. Denzel mußte jedenfalls schwere innere Verletzungen erlitten haben. Nun stand wohl fest, daß auch Herr Stein nur mehr als Leiche gefunden würde. Auf das Rufen der vier Touristen war Senner Streidl nachgekommen und mit diesem vereint wurden die Nachforschungen fortgesetzt. Etwa ¾ Stunden später, genau 80 Meter höher wurde Stein ebenfalls todt aufgefunden. Er lag mit der rechten Gesichts- und Brustseite eng an einen eine schmale Steinrinne abschließenden Felsblock gedrückt, die Hände hatte er um den Felsen gekrampft. Auf dem Rücken lagen ihm Steine, die nachgekollert waren. Seine Leiche war gräßlich verstümmelt. Die Füße waren so zerschmettert daß überall Knochensplitter zu Tage traten. Die rechte Gesichtsseite, ein Theil der Gehirnschale und der Brustkorb waren vollständig eingedrückt. Steins Tod mußte augenblicklich erfolgt sein. Streidl wurde am Seile zu dem Orte hinuntergelassen, wo die Leiche lag und er hüllte diese in eine mitgebrachte Decke ein. Steins Uhr war vollständig abgelaufen und ganz unversehrt. Sie zeigte auf ¾2 Uhr. Unter ungemein großen Schwierigkeiten und Gefahren, – bald mußten die Leichen an den Seilen an den Wänden hinauf, dann wieder hinunter gelasten werden – ging der Transport der Verunglückten vor sich. Auf besserem Terrain wurden die Leichen an Stangen gebunden und unter Beihilfe von Studierenden, die eine Tour auf die Benediktenwand unternommen hatten, sowie zweier Herren aus Benediktbeuern zur Hausstatt-Alm getragen, wo die Expedition um 10 Uhr Vormittags anlangte. Dort wurden die Leichen im Stalle niedergelegt, umgeben von Alpenrosen und anderem Blumenflor, den die Anwesenden für sie in sinniger Pietät gepflückt hatten. Nach zweistündigem Aufenthalte wurden die Leichen wieder auf Stangen zur Eiblshütte gebracht, wo der Bruder des Herrn Denzel und Herr Baumeister den traurigen Zug erwarteten. Hier bettete man die Leichen auf einen inzwischen durch Johann Bacher aus Benediktbeuern besorgten Wagen, der ganz in ein grünes Gewand von Tannenzweigen und Farrenkraut gehüllt war. Um 3⅜ Uhr langte man in Benediktbeuern an, wo die Leichen in das Krankenhaus zur Vornahme der Todtenschau und Erledigung der anderen Formalitäten geschafft wurden. Heute Nachmittag werden sie nach München übergeführt. Denzel wird auf dem südlichen Friedhofe beerdigt, da seine Familie dort ein Familiengrab besitzt.
Ueber die Höhe der Fundstelle und die vermuthliche Ursache des Absturzes möchten wir Folgendes bemerken. Die Benediktenwand hat eine Höhe von 1802 Meter, die Hausstatt-Alm liegt 1326 Meter hoch. Die Stelle, an welcher die Leichen gefunden wurden, liegt etwa 300 Meter über der Alm. Da die Verunglückten, wie oben bemerkt noch 80 bis 100 Meter unterhalb des Gipfels gesehen wurden, sind sie etwa 100 Meter tief abgestürzt. Ueber die Ursachen des Unglücks lassen sich nur Vermuthungen aufstellen. Die eine geht dahin, daß Stein, der nur Schnürstiefel mit sehr glatter ungenagelter Sohle trug, im Gestein ausrutschte und den unten nachkletternden Denzel, der allein gut ausgerüstet war, im Falle mit hinunterriß. Man glaubt auch, daß Beide von einem Rastplatze, auf dem sie frühstückten, abstürzten, da Denzel seine Joppe, die er beim Steigen stets abgelegt hatte, am Leibe trug. Die dritte Annahme – die die meiste Wahrscheinlichkeit für sich hat –, ist die, daß die Beiden, die bis zum Kamin den richtigen Weg innehielten, dort aber dann zu weit links abkamen, in großer Nähe das hell blinkende Kreuz des Gipfels vor sich sahen und sich dadurch verleiten ließen, den Weg, statt rechts um das Plateau abzubiegen, direkt anzugehen. Die dort noch vorliegende ungemein steile und gefährliche Wand ist ihnen dann zum Verhängniß geworden.
Zur Korrektur des ersten, vom »Nachrichtenbureau« stammenden Berichtes möchten wir konstatiren, daß der Senne Streidl am vergangenen Samstag vor acht Tagen zum ersten Male auf der Hausstätter-Alm war, und daß die Wirthin den beiden jungen Leuten entschieden abgerathen hat, die Tour in der beabsichtigten Weise zu machen. – Bis jetzt wurden Hut, Stock und Rucksack der beiden Verunglückten nicht gefunden.
Münchner Neueste Nachrichten No. 297. Samstag, den 29. Juni 1901.
Bayerische Chronik.
München, 29. Juni.
Die Beerdigung der abgestürzten Touristen Denzel und Stein hatte heute eine tausendköpfige Menschenmenge nach dem südlichen Friedhof geführt. Der Mittelgang war der ganzen Länge nach mit Seilen abgesperrt, hinter denen die Erschienenen Posto gefaßt hatten, ebenso waren die beiden prächtig geschmückten Grabstätten im weiten Bogen abgesperrt. Um 4 Uhr wurde der Kaufmann Eugen Denzel zu Grabe getragen. Vor dem Sarge schritt die Geistlichkeit von St. Ludwig, während hinter demselben der schwergeprüfte Vater mit den beiden Brüdern des Verstorbenen folgte. Weiter befanden sich im Leichenzuge die dramatische Gesellschaft »Thespis« in corpore, eine Deputation des Männer-Turnvereins die Bediensteten der Wiener Lampenfabrik und viele sonstige Leidtragende. Der amtirende Geistliche wies in erhebenden Worten auf die schwere Katastrophe hin, die zwei blühende Menschenleben dahingerafft, die, um dem Alltagsleben der Großstadt zu entrinnen, die herrliche Alpenwelt aufsuchten und durch ein kühnes Wagniß ihren Tod fanden, die Eltern in schwerster Betrübniß zurücklassend. Fortfahrend richtet er an die wagemuthigen Bergsteiger die Bitte, bei Ersteigen von schroffen Klippen und Felsen der Ihrigen zu gedenken und ihr Leben nicht unnöthig aufs Spiel zu setzen. Eine halbe Stunde später trug man seinen Freund Max Stein, der mit ihm das Schicksal getheilt hat, zu Grabe. Hier folgten dem Sarge die Brüder des Verstorbenen, die Beamten der städtischen Sparkasse, bei welcher der Verunglückte angestellt gewesen war, mit ihren Vorständen eine Deputation des R. C. Jugend und die bei der vorgenannten Beerdigung bereits betheiligten Korporationen. An beiden Grabstätten legte Hr. Philipp Denzel namens der Vorstandschaft der dramatischen Gesellschaft »Thespis« je einen prachtvollen Kranz unter warmen Nachrufen nieder; auch sonst wurden zahlreiche Kranzspenden gewidmet. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung war das gesammte dienstfreie Personal der Münchener Friedhöfe aufgeboten.
Allgemeine Zeitung Nr. 179. München; Sonntag, den 30. Juni 1901.
Lokales.
München, 1. Juli.
Die auf der Benediktenwand verunglückten Münchner Touristen, der 23jährige Kaufmann Herr Eugen Denzel und der 24 Jahre alte Beamte der städtischen Sparkasse, Herr Max Stein, wurden am Samstag Nachmittags im südlichen Friedhofs beerdigt. Es waren Jugendfreunde, Beide als Söhne angesehener Familien in München geboren und erzogen. Gleiche Neigungen hatten sie vereint. Beide waren warme Verehrer der dramatischen Kunst, Beide Jünger der edlen Turnerei, Freunde der freien, frischen Natur und des männlichen Bergsports, dessen Opfer sie wurden. Der Tod hatte sie in der ersten, schönsten Blüthe des Lebens gemeinsam überrascht; er hatte sie getrennt und er vereinte sie wieder. In demselben Friedhofe, nahe bei einander, zu derselben Stunde, unmittelbar nach einander, wurden die gräßlich verstümmelten Ueberreste, die vor Kurzem noch warm pulsirendes Leben und strotzende Jugendkraft bargen, der Erde übergeben. In dichten Schaaren waren Vertreter aller Stände gekommen, getrieben von den Gefühlen der Liebe, Freundschaft und Theilnahme. Nicht nur die beiden Gräber, die liebende Hände mit Sorgfalt geschmückt hatten, auch die Wege, die der Trauerzug beschritt, mußten vor dem Andrange der Menge abgesperrt werden. Die Leiche Denzels, den die Eltern, zwei Brüder und eine Schwester betrauern, segnete Stadtpfarrkooperator Uffinger von St. Ludwig ein. Er gab mit ergreifenden Worten eine kurze Schilderung des Unglücksfalles und richtete das warnende Wort an die Bergtouristen, in ihren Unternehmungen nicht zu kühn zu sein. Nur die höchsten und heiligsten Rücksichten dürften den Menschen bestimmen, sein Leben auf ein gefährliches, wagnißvolles Spiel zu setzen. Doch, ob Unglück oder allzu kühnes Wagen, hier, am Grabe, könne nur der tiefsten Trauer Ausdruck gegeben werden, der Trauer um den Jüngling, der ausgezogen war, um den Jugendmuth in kühnem Aufstieg zu erproben und, erquickt von den Reizen der Gebirgswelt, wieder heimzukehren zur Pflicht, jedoch ein jähes, beklagenswerthes Ende fand, und der Trauer um die schwergeprüfte Familie, die unerwartet einen hoffnungsvollen Sohn verloren. Der dramatische Verein Thespis ließ durch seinen ersten Vorstand einen Kranz am offenen Grabe niederlegen. Weitere Kränze hatten unter Anderen die (mitbetroffene) Familie Stein, der Prinzipal des Verstorbenen, das Personal der Firma R. Ditmar, der Männerturnverein München und der »V. E. R.« gewidmet.
Am Grabe des Herrn Stein trauerten dessen Mutter, eine Lehrerswittwe, und ebenfalls zwei Brüder und eine Schwester. Der amtirende Geistliche, Kooperator Billmeier der Heiligen Geistpfarrei, hielt eine wahrhaft erhebende Grabrede. »Ferne sei es von uns, an dieser Stelle einen Tadel auszusprechen. Nicht ohne Erfahrung und nicht ohne Vorsicht ist er der Gefahr entgegen gegangen. Es ist eben ein Unglück geschehen. Seine Stunde hatte geschlagen… Ein geheimnißvoller Reiz liegt in der Bergnatur, wer ihre Schönheit gekostet und genossen, der mag sie fernerhin nicht mehr ganz entbehren. Die Liebe zur Natur ließ den Verstorbenen oft Erholung in den Bergen suchen; er suchte Erholung nicht in den berauschenden Freuden der Sinnlichkeit, sondern in den reinen Freuden der Natur«… Auch Steins Andenken weihte der dramatische Verein Thespis durch seinen ersten Vorstand eine Kranzspende. Die Beamten der städtischen Sparkasse, die vollzählig anwesend waren, der Männer-Turn-Verein München und der R.-K. »Jugend« hatten Kränze niederlegen lassen. Lange, sehr lange, währte es, bis der Letzte der Leidtragenden an's Grab gelangen konnte, um als letzte Ehrenbezeigung Erde auf den Sarg zu schütten.
Münchner Neueste Nachrichten No. 300. Dienstag, den 2. Juli 1901.
Alpine Zeitung.
Zum Unglück auf der Benediktenwand. Die bei der Auffindung der Leichen der an der Benediktenwand verunglückten Herren Denzel und Stein vermißten Ausrüstungsstücke, Rucksäcke und Hüte, sind nunmehr von mehreren Sennern, darunter dem bekannten Streidl von der Hausstätteralm, aufgefunden worden. Die Gegenstände lagen so, als ob sie von den Touristen weggelegt und nicht etwa im Sturze verloren worden wären. Dies läßt die Schlussfolgerung zu, daß die beiden Verunglückten nach einer kurzen Rast wohl merkten, daß sie sich an einer kritischen Stelle befanden; sie versuchten wohl zunächst unter Zurücklassung dieser Gegenstände aufwärts zu klettern und sind dabei abgestürzt.
Münchner Neueste Nachrichten No. 332. Samstag, den 20. Juli 1901.