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Das Grab ist nicht erhalten
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Neumayer, Eugenie (vh) / Sage, le (gb); 13.8.1824 (München) – 14.11.1844 (München), Opfer eines Raubmords; Kabinetssekretärs-Tochter / Artillerie-Hauptmanns-Gattin
Sie wurde zusammen mit ihrer Dienstmagd Therese Lobmayer von Johann Eppensteiner ermordet
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le Sage (gb)
* 13.8.1824 (München)
† 14.11.1844 (München), Opfer eines Raubmords
Artillerie-Hauptmanns-Gattin
Todes-Anzeige.
Mit tiefstem Schmerzgefühle zeigen die Unterzeichneten ihren Verwandten, Freunden und Bekannten an, daß die Beerdigung der am 14. l. Mts. in ihrem 21. Jahre ermordeten Frau
Eugenie Neumayer,
gebornen le Sage,
heute Nachmittag 4 Uhr, die ihrer ebenfalls ermordeten 30 Jahre alten Magd, Therese Lobmaier, aber um ½4 Uhr vom Leichenhause aus statt finde.
München den 19. November 1844.
Nepomuk Neumayer, Artillerie-Hauptmann, als Gatte.
J. le Sage, Cabinets-Secretär I. K. H. der verwittweten Frau Herogin von Leuchtenberg, als Vater.
Isabella le Sage, geb. Westner, als Mutter.
Karl
Franz
August le Sage, als Brüder.
Alois Westner, Artillerie-Hauptmann und Adjutant Sr. Excellenz des Herrn Generallieutenants Frhrn. v. Zoller, als Onkel.
Henriette Westner, geb. Chretien, als Tante,
und die übrigen abwesenden Verwandten.
Der Gottesdienst für die Therese Lobmaier findet Donnerstag den 21. d. Mts. Vormittags 8 Uhr bei U. L. Frau statt.
Der Bayerische Eilbote No. 139. München; Mittwoch, den 20. November 1844.
Grabrede
bei der
am 19. November d. Js. stattgefundenen
Beerdigung
der
Frau
Eugenie Neumayer,
geb. Le Sage,
k. Artillerie-Hauptmanns-Gattin
zu München.
Gehalten
von
Pfarrer Edelmann.
Auf Verlangen in Druck gegeben.
Zweite Auflage.
München.
Georg Franz.
1844.
Unser Anfang geschehe im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!
»Weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über euere Kinder.« So hat (Evang. Luc. 23, 28) der Herr Jesus auf seinem letzten, schweren Gange nach Golgatha zu den Weibern Jerusalems gesprochen. Erschöpft von den namenlosen Qualen und Martern, die er erduldet, waren unter der Last des Kreuzes seine Kniee gebrochen, wie ein zerstossenes Rohr war er zusammengesunken, lag da auf dem Boden, ein Bild des Jammers und Erbarmens. Dieser Anblick bricht den Weibern im Volke das Herz, sie klagen laut und beweinen ihn. Da wendet Jesus sich zu ihnen um und spricht: Ihr Töchter von Jerusalem! weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über euere Kinder. Ich, will er sagen, bin nicht zu beweinen; denn, so schrecklich mein Loos, ich bin bald am Ziele meiner Leiden, habe bald überstanden und Ruhe gefunden; euch selber beweinet, daß ihr so Gräßliches mit ansehen, des Trostes, des Heiles, das ihr in mir gefunden hättet, verlustig gehen, beraubt werden müsset. Und euere Kinder beweinet, euer Geschlecht, das eine solche Unthat begehen, seinen Retter und Wohlthäter so mißhandeln und mit Füssen von sich stoßen, einen Unschudigen so mit kaltem Blut morden, mit grausamer Hand an das Kreuz schlagen und einen ewigen Fluch auf sein Haupt laden kann.
Meine Freunde in Christo! ihr erklärt es euch wohl selbst, warum ich mit diesen Worten in eure Mitte hier trete. Wenn wir die Leiche betrachten, die so eben in das Grab gesenkt worden, ist es nicht, als riefe auch sie uns zu: Ihr Töchter Jerusalems, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über euere Kinder? Eine That, schwarz wie die Nacht, aus dem Sündenpfuhl der Hölle geboren, eine Gräuelthat, wie sie – Dank sei es Gott! – seit Menschengedenken kaum unter uns vorgekommen, ist in diesen Tagen in unserer Mitte geschehen, hat das Lebensglück mehr als Einer Familie zerstört, hat unsere ganze Stadt mit Schauder und Entsetzen erfüllt, und selbst in unseren Häusern, in deren vier Wänden doch Jeder sich sicher glaubte, Furcht und Zittern verbreitet. Durch Mörderhand, kaum wagt der Mund es zu nennen, das gräßliche Verbrechen! durch Mörderhand sind zwei Menschenleben wie mit Einem Schlage vernichtet worden. Ein stilles, kaum noch gegründetes Haus, eine Wohnung des schönsten Friedens, des reinsten ehelichen Glückes, ja der ersten Liebe noch, ist in eine Schreckensstätte, in ein wahres Blutgericht umgewandelt, erst die Hausfrau, dann ihre Dienstmagd, und beide von nicht ganz fremder Hand, in furchtbarer Weise ermordet worden.
Eines der beiden Opfer, und ich darf es wohl sagen, ohne Mißdeutung zu befürchten, das beklagenswertheste von beiden, die unglückliche Gattin liegt hier vor uns. Wen es auch betreffen möchte, Menschenleben ist Menschenleben und jegliches zu Gottes Bilde geschaffen und vor ihm gleich werth, ohne Ansehen des Standes und der Person, wen es betreffen möchte, solch eine Unthat erregt Schauder und Grauen, und ihre Opfer müssen wir beweinen; aber müssen wir's nicht doppelt beweinen, da es eine so edle Gattin getroffen, die das Lebensglück, die Wonne, die reinste Liebe, ihres Gatten, eine Tochter, die der Stolz, der Trost und die Freude ihrer Geschwister und Eltern, vor allem aber ihres grauen Vaters gewesen war?
Die Abgeschiedene, die wir beweinen, war Frau Eugenie Neumayer, geb. Le Sage, k. Artilleriehauptmanns-Gattin von hier. Sie war am 13. August 1824 dahier geboren und war die Tochter des Herrn Peter Joseph Le Sage, herzoglich leuchtenberg'schen Kabinetssekretärs, und seiner verstorbenen ersten Gattin, Frau Elisabetha, gebornen Alexander, dahier.
Wie die Erziehung und höhere Ausbildung der Jugend, insonderheit der weiblichen, seit lange ein Lieblingsgeschäft ihres würdigen Vaters ist, so war dieß natürlich bei der eigenen Tochter die schönste Aufgabe seines Lebens, die Krone seines Berufes. Sein Fleiß, seine Liebe, mit der er dieser süßen Pflicht sich hingab, fand den empfänglichsten Boden, den reichsten Lohn in dem Herzen der Tochter, die, von trefflichen Anlagen unterstützt, voll gleicher Liebe und Lust für alles Schöne und Edle eine gelehrige Schülerin zu des Vaters Füssen saß. Mit einem Schatze reicher Kenntnisse, wie er für ihr Geschlecht aller Achtung werth war, mit einer edlen, feinen Bildung des Geistes und Herzens ausgestattet, dabei von Natur begabt mit einem liebenswürdigen Gemüth, mit einem weiblich sanften, still heitern Wesen, und das alles geläutert und geheiligt durch frommen Sinn und einen guten Grund, den sie im christlichen Glauben und der Erkenntniß des Heils gelegt hatte; so trat die hoffnungsvolle Tochter in das Leben herüber. Ihre Vorzüge fanden bald die Aufmerksamkeit und die Anerkennung, und gewannen ihr endlich die innige Zuneigung und Liebe eines allgemein geachteten Mannes, der ihrem Hause nahe stund, sie dadurch genau zu kennen Gelegenheit hatte, und solche Gaben zu schätzen wußte. Es war dieß der k. Artillerie-Hauptmann, Herr Nepomuk Neumayer. Sie verlobte sich mit ihm, und der 8. Mai d. J. war der Tag, wo das Band dieser glücklichen Ehe eingesegnet wurde. Sie that mit hohem Ernst diesen Schritt, aber darum auch mit reichem Segen. Ein Bild des reinsten Glückes und Friedens war ihr Haus, in dem beide Gatten wie Kinder zusammen lebten, und so bald, ach! sobald, nach acht Monaten kaum, mußte es ein Bild des Jammers und des Schreckens werden!
Am vergangenen Donnerstag (den 14. d. M.) Morgens begiebt sich der Gatte zur gewöhnlichen Stunde an den Ort seines Berufes; die Magd ist nach dem Markte gegangen, und außer der Gattin ist nur der Bediente im Hause zurück, der gekommen war zum täglichen Geschäft. Wie der Gatte Mittags heimkehrt, ist die Thüre verschlossen; während sonst die Gattin regelmäßig ihn mit Freuden empfängt, öffnet dießmal Niemand; er sucht die Gattin in ihrem älterlichen Hause, vergebens; man läßt die Thüre öffnen, der Gatte tritt ein in Begleitung der Mutter, und welch Entsetzen! er findet erst die Magd, dann seine theure Eugenie im Blute liegend. Laßt mich, was Gräßliches an der Scene gewesen, und alles, was noch nicht ganz offenbar ist, die Zeit erst enthüllen wird, laßt mich das mit Schweigen bedecken! Aber ohne Zweifel schon früh nach dem Weggang des Gatten, als die Arme nach frommer Sitte vor Anfang ihrer Arbeit der Andacht pflegte, denn ihre Bibel lag in ihrer Nähe aufgeblättert auf dem Boden, da, da schon hatte die verruchte Hand sie ergriffen und grausam ermordet.
O schwarze That! O dunkles, jammervolles Verhängniß! Die jugendliche Gattin, kaum 20 Jahre alt, das zarte weibliche Wesen, das schwache Geschöpf fällt unter gräßlicher, unbarmherziger Mörderhand, und nach ihr ein zweites Opfer, damit die erste That keinen Zeugen sollte haben; und der Preis für solche Thaten, der Beweggrund dazu? kaum sollte man's glauben, um eine Handvoll Geldes, die er raubt, verkauft solch ein Mensch seine Seele den finstern Mächten der Hölle!
Wer, möchten wir fragen, wer ist da zu beweinen? Die Vollendete, die das Opfer geworden? Wohl hätte sie noch glücklich leben, in hohem Grade beglücken können; es thut uns wehe, ein so junges Leben, ein so edles Herz so frühe schon erkalten zu sehen; und was am tiefsten schmerzt, das ist ihr schauderhaftes Ende, das sie genommen. Wie mag ihre Seele gezittert und gebebt, ihre schwachen Hände gerungen haben, als der Mörder sie ergriff mit dem blanken Stahl! Aerger, wenn's auch nur ein Moment war, ärger ist solch ein Moment, als jahrelange Leiden auf gewöhnlichem Sterbebette. Doch vielleicht war vor Angst und Schrecken die Besinnung bald von ihr gewichen, daß sie nicht gewußt, wie ihr geschehen. Jedenfalls hat sie es bald überstanden; sie hatte, in ihrem letzten Gebete begriffen, ihre Seele zu Gott gewendet, und so gleichsam unbewußt auf den Tod sich bereitet; sie war auch, das sind wir gewiß, sie war bei ihrem stillen, frommen, gottesfürchtigen Sinn, bei ihrer warmen Liebe für ihren Heiland und Erlöser täglich gefaßt, seinem Rufe zu folgen. Darum wissen wir sie wohl aufgehoben, aller Angst und Noth dieses Lebens entrückt, die, wer weiß wie schwer? noch über sie hätte kommen können; sie ist weggenommen aus diesem bösen Leben, sie freut sich dort im Anschauen Gottes, ihres Heilandes, in der Gemeinschaft, im Wiedersehen theuerer Seelen, die ihr vorangegangen. Wenn sie reden könnte, sie würde es sagen zu uns, wir vernehmen im Geiste von oben ihre Stimme: weinet nicht über mich!
Weinet über euch selbst! so möchten wir eher mit dem Heiland zu uns selber sagen; denn beweinenswerther, als die Abgeschiedene, beweinenswerther sind wir und die trauernden Hinterbliebenen, die er getroffen, dieser Verlust. Für den Gatten wie schwer, einige Monate lang eine so liebe Seele als Gattin zu besitzen, das Glück zu kosten, und dann es mit Einem Schlage, wie durch einen Blitzstrahl aus heiterem Himmel, vernichtet sehen auf sein Lebenlang! Für den grauen Vater wie schwer, eine Tochter so mit Lust und Freude heranbilden, ihre Erziehung zum schönen Ziele geführt haben, sie glücklich versorgt wissen, und dann die ganze Aussaat, die ganze Hoffnung seines Lebens, wie vom Gewittersturme, in einem Augenblicke zerstört sehen! Und das alles in so schmerzlicher Weise! »Wär' es von Gott, durch einen natürlichen Tod geschehen, wir wollten's ertragen, verschmerzen, aber auf so elende, jammervolle Art!« so klagen die Hinterbliebenen mit Recht, und wir fühlen mit ihnen das ganze Gewicht ihrer Klage. Aber was sie beweinen, ist's denn vernichtet, verloren für immer? Das Band der Liebe, das hienieden schon so innig an die Theure sie geknüpft, reicht's nicht hinüber über Tod und Grab, und wird, je mehr sie nach ihr sich sehnen, im Geiste um so fester und reiner sich knüpfen? Die Aussaat, die hienieden schon zu so schöner Blüthe sich entfaltete, wird sie nicht dort reifen zu um so reicheren, sicherern Früchten? Wenn wir Edles verlieren, ist's nicht gerade ein Trost, daß es so Edles gewesen? Und was die Art und Weise betrifft, allerdings könnet ihr Trauernden für jetzt nichts anderes thun, als euer Angesicht verhüllen und euch beugen unter die Schwere des Geschicks; aber ist's geschehen ohne Gott? Darf ein Sperling vom Dache und ein Haar von unserm Haupte fallen, ohne den Willen des Vaters im Himmel? Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht thue? Was ich thue, spricht er freilich, weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach erfahren. Beweinet euch immerhin, ihr seid beweinenswerth, aber die Beweinenswerthesten noch nicht.
Am Beweinenswerthesten, der Unglücklichste von allen ist der Mensch, der solch eine That hat begehen können, und in ihm die Menschheit, die so was hat sehen und erfahren, in ihm so tief hat sinken müssen. Weinet, sagt der Heiland zu Jerusalems Müttern, weinet über euch selbst und über eure Kinder, euer Geschlecht! Gott behüte uns und unsere Häuser! Doch an die Stelle des armen Gatten, des unglücklichen Vaters, ja der Ermordeten selbst, wenn es sein müßte, könnten wir treten; aber an des Mörders Stelle, – ja ihr zittert vor dem Gedanken und Gott bewahre uns Alle! – an die Stelle des Mörders könnte da Einer von euch treten?
Ist der ein Mensch, der solch eine Unthat begehen kann? Nein! der edle Name gebühret ihm nicht! Das Thier nicht einmal, das grimmigste selbst, das im Blute sich badet, der reissende Tiger, die Hyäne der Nacht, sie vergreifen sich nicht am eigenen Geschlecht, sie haben eine Scheu vor ihrem eigenen Blute. Und ein Mensch, der mit Bedacht, mit schlauer Berechnung, mit kaltem Blute einen Menschen morden, und wenn er den im Blute liegen sieht, in demselben Augenblick, an derselben Stelle einen zweiten morden kann mit demselbigen Messer, o wahrlich, ist der nicht ärger, als das reissendste Thier, ist er nicht ein Unmensch, ein Ungeheuer, wie ein Teufel, möchte ich sagen, in Menschen-Gestalt? Wird er seinem Richter entgehen? Wähne das Niemand! Es hat ihn hinausgetrieben, hinaus in die Weite, diese Stadt ward ihm zu enge. Und wenn es ihn noch weiter getrieben hätte, ob er geflohen wäre bis ans äusserste Meer, oder ob er jetzt büsse in Ketten und Banden und noch schwerer möge büssen, er wird das Blut an seinen Händen, an seinem Gewissen nicht wegwaschen können, es wird laut schreien zum Himmel und auf seinem Haupte liegen brennend heiß am Tage des Gerichts. Möge er – das bitten wir noch für ihn, denn so tief wir verabscheuen die That, den Menschen verdammen wir nicht, – möge er umkehren in Wahrheit und rechter Busse des Herzens! möge brechen sein Sinn, wie gestern beim Anblick der Leichen seine Kniee gebrochen! mög' er, wenn es möglich ist, seine Seele noch retten und Gott sich seiner erbarmen! Aber wehe, wehe uns Allen, daß ein Mensch nur so tief hat sinken, so in den Abgrund der Hölle hat hineingerissen werden können. Von Christenwürde ist hier gar keine Rede; aber in solch einer Kreatur ist da nicht die Menschheit entwürdigt, geschändet, dem Fluche anheimgefallen? Tretet her, ihr Ungläubigen, ihr Weisen dieser Welt, die ihr es für Uebertreibung haltet, daß wir den Menschen mit der Schrift ein Kind des Zornes und der Verdammniß nennen, gebt Antwort hier, ob der Mensch nicht in die Sünde versunken, zu allem Bösem fähig sei, ob die Welt nicht im Argen liege? Tretet her, ihr Leichtsinnigen, ihr sicheren Sünder! und lernet, wohin sie führen und wo sie enden die Wege euerer Laster, eueres Luges und Truges, euerer Unkeuschheit und Wollust, euerer Gottvergessenheit; sehet dieß unschuldige Opfer an, ist sein Grab nicht für alle kommenden Geschlechter ein warnendes Denkmal, ein laut sprechendes Zeugniß vom Fluche der Sünde? Wo solche Dinge geschehen, wo elende Geldgier den Menschen so zum Wütherich macht, zittern wir da nicht für uns selbst, für unsere Lieben, für unser Aller Leben, müssen wir nicht rufen: Wehe der Stadt, wehe dem ganzen Geschlechte um solch eines Menschen willen! Ja, wo solche Dinge geschehen, heißt's da nicht in Wahrheit: weinet über euch selbst und über euere Kinder! ist da nicht die Zeit schon vorhanden, von welcher der Heiland weissagt, daß man sagen müsse: selig die Unfruchtbaren, und die Leiber, die nicht geboren, und die Brüste, die nicht gesäuget haben!
O wohl, wohl denen, die draussen sind, die nichts mehr wissen von der Angst und den Gefahren dieser Welt, die das Ziel erreicht haben, nachdem wir alle unter Sorgen und Seufzen, unter Furcht und Zittern erst noch ringen müssen. Weinen wir nicht über sie, weinen wir nur über uns selbst, und über unsere Kinder!
Wohl auch dir, du vollendete Schwester in Christo! Wir lassen dich ziehen zwar nur mit tiefem Schmerz, mit bitteren Thränen, und schwer werden sie heilen die blutenden Wunden, die dein Hingang geschlagen. Doch wir beugen uns, so schwer das Geschick, und beweinen nur uns, nicht dich. Dich wissen wir wohl versorgt und selig. Mit verklärtem Blick schauest du jetzt schon hinein in Gottes Rath, der vor unsern Augen noch in banges, undurchdringliches Dunkel gehüllt ist. Wo wir noch bestürzt stehen, da betest du an, du weinest nicht! Du hast geliebt deinen Heiland und im Heilande die Brüder, du hast vor ihm gewandelt in wahrem Glauben und festem Vertrauen, demüthig all dein Heil nur in seinem Verdienste und seiner allgenugsamen Gnade gesucht, und die letzte, schwerste Stunde deines Lebens hat dich in seinem Dienste gefunden, ja du hattest kurz zuvor noch um Nachsicht gebeten für die Fehltritte dessen, der darauf dein Mörder geworden. So wissen wir doch, wenn auch dein Leib hinabsinkt in ein frühes Grab, wir wissen doch deine Seele gerettet; der Herr ist dir gnädig, in seiner Hand ruhest du in Frieden und keine Qual rührt dich mehr an.
Ja, tröste sie, o Gott und Heiland! tröste sie für das überstandene Leid mit den Freuden des Himmels, und nimm sie auf in Dein ewiges Reich, wo Freude die Fülle und liebliches Wesen ist zu Deiner Rechten ewiglich, wo Du überschwenglich an ihr thun wirst über Alles, was wir bitten und verstehen! Tröste, o Gott! tröste den Gatten, der daheim liegt, zerbrochen an Seele und Leib, und richte ihn auf mit Deiner Kraft, daß sein trostloses Herz sich zu fassen vermöge, damit nicht noch Härteres und Schwereres komme! Tröste den Vater, und erhalte ihm die stille Ergebung, die christliche Geduld und Entsagung, mit der er, obwohl im Innersten zerrissen, doch im Leiden geübt, sich bis daher unter das schwere Verhängniß gebeugt hat! Tröste die Mutter, welche die Tochter geliebt als ihr leiblich Kind, und sie in Wahrheit auf dem Herzen getragen! Tröste die Geschwister und Alle, die um die Entschlafene die bittersten Thränen ihres Lebens weinen! Richte sie allesammt auf, und gieb ihnen die Kraft des Geistes, daß sie vom Schrecklichen, was die Erde gesehen, ihre Blicke hinüber in den Himmel erheben, wo sie die Geliebte selig wissen, selig in Dir, o Herr! selig bei den vorangegangenen Lieben, bewahret zum frohen Wiedersehen in einem besseren Leben. Uns alle aber, o Herr! uns befehlen wir Deiner Gnade und Macht, Deinem Schutz und Schirm; bewahre uns von aller Sünde, decke uns mit Deinen Fittigen vor aller Gefahr, und laß unsern Wandel uns führen in Furcht, in Busse und Glauben, bis wir entrückt werden diesem bösen Leben, und dahin kommen, wo keine Angst, keine Gefahr noch Versuchung, kein Leid noch Schmerz, kein Tod mehr sein wird, wo wir wohnen bei Dir in Hütten des Friedens, und Du unser Gott sein wirst, und Jesus Christus unser ewiges Heil. Amen.
Grabrede bei der am 19. November d. Js. stattgefundenen Beerdigung der Frau Eugenie Neumayer, geb. Le Sage, k. Artillerie-Hauptmanns-Gattin zu München.