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Das Grab ist nicht erhalten
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Beraz, Josef; 1.9.1843 (München) – 1.5.1889 (München); Professors-Sohn / Quellensucher
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* 1.9.1843 (München)
† 1.5.1889 (München)
Professors-Sohn / Quellensucher
Der Quellenfinder Josef Beraz.
Ein Kapitel aus der Geschichte der Wünschelrute.
Von Graf Karl von Klinckowstroem, München.
Der Quellenfinder Josef Beraz ist heute beinahe schon zu einer mythischen Figur geworden. Man kennt kaum mehr seinen Namen, und wenn jemand, dessen Interesse für die Wünschelrute schon ein paar Jahrzehnte weit zurückreicht, noch etwas mehr von ihm weiß, so ist es die amtliche Warnung der badischen Regierung vor seinen Diensten, aus dem Jahre 1888, an die man achselzuckend erinnert wird.
Es kann uns kaum Wunder nehmen, daß von einem Manne, der die Kunst des Quellenfindens zu einer Zeit ausübte, da der platteste Materialismus herrschte, und da alles, was nur irgendwie den Schein des Wunderbaren oder Geheimnisvollen hatte, in Acht und Bann getan war, daß unter diesen Umständen von einem Quellenfinder wie Beraz nicht viel mehr im Gedächtnis der großen Öffentlichkeit haften geblieben ist, als diese offizielle Brandmarkung durch eine im besten Glauben und im Sinne des Zeitgeistes handelnde Behörde. Heute aber, da wir über das Phänomen der Wünschelrute anders zu urteilen gelernt haben als unsere Väter, ist es vielleicht an der Zeit, den »Fall Beraz« einer Revision zu unterziehen und einmal ohne Vorurteil zu prüfen, ob der unverhüllte Vorwurf des wissentlichen Betruges diesen Mann wirklich trifft. Wir haben uns bemüht, alles Material zusammenzutragen, was über Beraz zu finden war, und wurden hierbei durch das liebenswürdige Entgegenkommen unseres langjährigen Korrespondenten, Herrn Dr. Ch. Vigen in Montlieu (Charente Inférieure), in dankenswerter Weise dadurch unterstützt, daß wir eine Anzahl gedruckter Zeugnisabschriften über Erfolge von Beraz sowie seine Briefe an einen französischen Quellenfinder, den Abbé Hippolyte Caudéran in Montlieu, einen Schüler des Abbé Richard (Vgl. H. Caudéran, Découverte des sources. Notice scientifique sur l'abbé Pierre-Theophile Richard, professeur hydrogéologue. 2. ed., Bordeaux, 1882. Und: Ch. Vigen, L'Abbé Richard, hydrogéologue. La Rochelle, 1906), erhielten, die hier abgedruckt worden sollen. Ferner habe ich Herrn Hofrat Dr. Beraz in München, einem Bruder des Quellenfinders, für gütige Auskünfte und Mitteilungen an dieser Stelle meinen herzlichen Dank auszusprechen. Leider hat sich aus dem Nachlasse von Josef Beraz nichts erhalten, weder die amtlich beglaubigten Originalzeugnisse, die die Zahl von 600 überstiegen haben, noch sein umfangreicher Briefwechsel, noch etwa sonstige Aufzeichnungen oder Gegenstände. Sonstige Nachrichten über den Quellenfinder sind äußerst spärlich.
Der Lebensgang von Josef Beraz ist kurz erzählt. Als Sohn des Professors für Anthropologie und allgemeine Naturgeschichte an der Universität München, Beraz, des Nachfolgers auf dem Lehrstuhl von G. H. von Schubert, und der ältesten Tochter des 1810 in München verstorbenen Physikers Joh. Wilhelm Ritter am 1. September 1843 geboren, widmete er sich zunächst dem Brauerberuf und trat nach vollendeten Studien bei der Spatenbrauerei in Dienst. Im Jahre 1869 etwa entdeckte er seine Fähigkeit, unterirdisch fließendes Wasser zu spüren, und übte von da ab diese Fähigkeit systematisch. Nach etwa drei Jahren des praktischen und theoretischen Studiums dieser ihn nunmehr erfüllenden Aufgabe begann er seine Laufbahn als Quellenfinder, und zwar muß er glänzende Erfolge gehabt haben, denn sein Ruf verbreitete sich schnell, und er erhielt viele Aufträge. Daß Beraz nicht die übliche Wünschelrute, sondern ein Pendel, bestehend aus einer großgliedrigen Stahlkette von ca. 60 cm Länge mit daranhängender Stahlkugel, benutzte, ist von untergeordneter Bedeutung. Er arbeitete auch ganz ohne Hilfsinstrument. Später suchte Beraz durch geologische Studien (Er benutzte dazu namentlich C. Gümbels »Geognostische Beschreibung Bayerns«, 3 Bde. Gotha, 1861–1879.) seine Gabe zu unterstützen, und sei es, daß er gerade dadurch seine instinktive Sicherheit einbüßte, sei es, daß mit den Jahren infolge zu üppigen Lebens seine Reaktionsfähigkeit nachließ – gegen Ende seiner Laufbahn scheinen sich häufigere Fehlschläge eingestellt zu haben, so daß wie gesagt die badische Regierung sich zu folgender Warnung veranlaßt sah (Erlaß des Ministeriums des Innern vom 25. Mai 1888, Nr. 10245, betreffend die Herstellung von Wasserversorgungsanlagen. Abgedruckt in der »Zeitschrift für Badische Verwaltung und Verwaltungsrechtspflege«, 20. Jahrgang, Heidelberg 1888, Nr. 12, S. 109. Ferner in Tageblättern, wie z. B. in der »Wertheimer Zeitung« vom 7. Juni 1888, Nr. 132.):
»An die sämtllichen Großh. Bezirksämter. Durch die Gr. Oberdirektion des Wasser- und Straßenbaues ist zu unserer Kenntnis gebracht worden, daß der angebliche Quellenfinder Beraz von München in der letzten Zeit im Amtsbezirk Durlach im Auftrage einer Gemeinde Quellensuchungen vorgenommen hat und wegen des gleichen Geschäfts mit anderen Gemeinden in Unterhandlungen stand.
Beraz pflegt von jeder Gemeinde ein Honorar von 300 Mark zu beanspruchen, welches ihm vor der Vornahme der Untersuchungen ausbezahlt werden muß. Dem seitens mehrerer Gemeinden ausgesprochenen Wunsch, wenigstens einen Theil des Honorar bis nach Erschließung der Quellen zurückbehalten zu dürfen, wurde regelmäßig nicht entsprochen.
Das Verfahren des Beraz entbehrt sowohl jeder wissenschaftlichen als auch jeder reellen praktischen Grundlage; eine geologische Untersuchung des zu erforschenden Quellgebiets, die wichtigste Grundlage für die Erschließung von Wasser, findet nirgends statt. Dagegen spielt bei seinen Quellenuntersuchungen eine Art Wünschelrute, ein Stock mit eigentümlich geformten Knopf, eine Hauptrolle.
Es ist bereits früher festgestellt worden, daß die von Beraz gegebenen Voraussagungen sich in vielen Fällen als trügerisch erwiesen haben, wodurch den Beteiligten nicht unerhebliche Unkosten ohne jegliches praktisches Ergebnis erwachsen sind. Die Gemeindebehörden werden deshalb eindringlich vor Beraz gewarnt. Bei diesem Anlaß wird auch besonders darauf hingewiesen, daß bei einer nothwendigen Herstellung einer Wasserleitung nur dann eine staatliche Beihilfe geleistet werden kann, wenn die erforderlichen Vorarbeiten bzw. die Ausführung der Arbeiten selbst durch die zuständige technische Behörde vorgenommen oder gutgeheißen werden und die Überwachung und Leitung der Staatsaufsichtsbehörde im Einvernehmen mit der technischen Behörde gewahrt bleibt (V.-O. vom 26. März 1878, Ges.- u. V.-O.-Bl. S. 6lff. insbesondere §§ 10 u. 11), und daß zu der etwa nothwendig fallenden außerordentlichen Aufbringung von Geldmitteln nur unter den genannten Voraussetzungen die staatliche Genehmigung ertheilt werden kann, in allen denjenigen Fällen aber verweigert werden muß, wo Projekte des angeblichen Quellenfinders Beraz zur Ausführung gelangen sollten.«
Die in diesem Erlasse gemachten Angaben über das pränumerando geforderte Honorar, das nicht auf eine von der Behörde offenbar angenommene voluntas doli seitens Beraz, sondern, wie aus seinen gedruckten Bedingungsformularen hervorgeht, auf das feste Vertrauen auf die Richtigkeit seiner Quellennachweise zurückzuführen ist, bedürfen insofern einer Ergänzung und Berichtigung, als Beraz laut Formular die Bezahlung nach der Untersuchung des Terrains beanspruchte und sich ferner bereit erklärte, das Honorar abzüglich der Reisediäten sofort zurückzuzahlen, wenn die bezeichnete Quelle bei der Nachgrabung nicht gefunden werden sollte – falls dabei um die Hälfte tiefer gegraben worden war als sich das Wasser nach der Tiefenbestimnung von Beraz hätte finden sollen. Man wird diese Bedingungen nicht als unreell bezeichnen können.
Dieses Dokument ist bezeichnenderweise das einzige, was von der ganzen Tätigkeit des J. Beraz als Quellenfinder in den Jahren 1879 bis 1889, in denen er annähernd 1000 Quellen aufgefunden hat, der Vergessenheit entgangen ist. In der Tat recht wenig. Ehe wir nun unser Material an Attesten und Briefen hier wiedergeben, wollen wir die wenigen Urteile und Berichte anhören, die mir sonst über Beraz bekannt geworden sind.
Zunächst ist da ein Aufsatz von Maximilian Wüstmann in der illustrierten Zeitschrift »Über Land und Meer« August 1880, Nr. 48, S. 964ff. zu berücksichtigen. Nachdem der Verfasser allgemein über die Geschichte der Wünschelrute einiges gesagt und sich ausführlicher über die bekannten französischen Quellenfinder Paramelle und Richard ausgesprochen, kommt er auf Beraz zu reden, den er persönlich gekannt zu haben scheint. »Da trat, es war im Jahre 1873, auf einmal ein junger Deutscher als Quellenfinder in die Öffentlichkeit und zwar in der Person Joseph Beraz, Sohn eines Professors der Naturwissenschaften zu München. Nachdem er sich schon in frühen Jahren mit verschiedenen technischen und naturwissenschaftlichen Studien eifrig beschäftigt hatte, war er lediglich durch Zufall im Jahre 1869 auf die Kunst des Quellenfindens aufmerksam geworden. Nach vierjährigen unermüdlichen theoretischen Forschungen durfte er es unternehmen, seine neu erworbenen Kenntnisse praktisch, und zwar mit dem vollsten Erfolge zu erproben. Seit jener Zeit ist er, bei rastlosem Studium, auf der eingeschlagenen Bahn stetig vorwärts geschritten. So hat er denn bereits allmählich einen solchen Grad vollendeter Sicherheit erreicht, daß er ganz auf gleicher Stufe wie seine Vorgänger Paramelle und Richard steht.«
Nachdem Wüstemann einige Erfolge Beraz’ angeführt (siehe unten unsere Fälle Nr. 3 und Nr. 8), fährt er fort: »Derartige Fälle der Bestimmung der Quellen unter der Schneedecke sind wohl besonders geeignet, darzutun, daß Beraz nicht sowohl durch die Erforschung der geognostischen Verhältnisse des fraglichen Grundstücks zu seinen Schlußfolgerungen gelangt, daß ihm vielmehr hierzu ganz andere Hilfsmittel zu Gebote stehen. Es wird sicher von Interesse sein, einige Mitteilungen zu vernehmen, welche Beraz unlängst gelegentlich eines Vortrages im Freundeskreise zu München gegeben hat.
Er bemerkte, indem er sein Verfahren bei der Auffindung von Quellen in kurzen Umrissen skizzierte: Das Schlagwort hiebei ist Fühlung im Körper. Geradeso, wie niemals ein Stück Holz die Fähigkeit besitzt, magnetisch zu werden, wohl aber Eisen und auch Nickel sie enthält, genau so sind auch keineswegs alle menschlichen Körper geeignet, durch Übung sich die Befähigung, unterirdische Wasserläufe zu fühlen, überhaupt anzueignen. Diejenigen Personen, welche hierfür die meiste Anlage bekunden, sind die sogenannten sensitiven, d. h. nervenreizbaren Organismen. Beraz hat auf seinen zahlreichen Wanderungen Hunderte von Menschen kennen gelernt, welche diese ihnen angeborene Fähigkeit, diese Anlage, in einem hohen Grade besaßen, ohne nur im mindesten zu wissen, welch wunderbaren Schatz sie mit sich herumtragen. Diese ihnen angeborene Befähigung kann durch jahrelange tägliche Übung zu einem so hohen Grade von Feinfühligkeit gesteigert werden, daß selbst Quellenäderchen von der geringen Stärke eines Federkiels bei einer Tiefe von 10 Fuß ihnen nicht entgehen. Diese hochgradige Befähigung hat Beraz unter anderem im Jahre 1874 auf dem fürstlich Waldburg-Zeil-Trauchburgischen Schlosse Zeil bei Leutkirch im Königreich Württemberg auf fünf Stellen glänzend bewährt.
Er ist durch die Intensität, mit der die berührte Fühlung sich in seinem Körper bemerkbar macht, in den Stand gesetzt, die Tiefenlage der betreffenden Quelle auf einzelne Meter, ja hin und wieder auf einzelne Schuh bestimmt zu berechnen. Die Dauer dieser Fühlung in ihm gewährt ihm sichere Anhaltspunkte, die Stärke des unterirdischen Wasserlaufs auf die richtige Stelle seiner nunmehr schon lange erprobten, jahrelang sozusagen eingeübten Gefühlsskala zu setzen.
Es läßt sich nicht bestreiten, daß alle die hier angeführten Tatsachen rätselhaft erscheinen. Zur Erklärung müssen wir uns daher auf den Ausspruch des Quellenfinders Beraz selbst berufen. Er sagt in seinem Vortrage: Erst nach mehrjähriger tagtäglicher Übung und genauester Selbstbeobachtung ist es mir möglich geworden, annähernd einen Einblick in die merkwürdigen Vorgänge und die tausenderlei Kombinationen zu gewinnen, welche sich bei diesem Studium ergeben«. So weit Wüstemann. Weitere Urteile von Augenzeugen folgen gelegentlich der Wiedergabe der Zeugnisse. Daß die theoretischen Auseinandersetzungen von Beraz für uns nicht von wissenschaftlichem, sondern höchstens von persönlichem Interesse sein können, brauche ich wohl nicht erst hervorzuheben. Bemerkenswert ist aber bei Beraz die Erkenntnis, daß der Schwerpunkt des Phänomens im menschlichen Organismus und nicht etwa in einem äußeren Hilfsmittel, wie die Wünschelrute es darstellt, zu suchen ist.
In einem geistvollen Aufsatze über die Wünschelrute, den Carl du Prel im Jahre 1893 in der »Zukunft« (Nr. 57) veröffentlichte, berichtete er auch kurz von einem Besuch bei Beraz im Jahre 1888. Er erhielt bei dieser Gelegenheit Einblick in die Zeugnisse von Beraz. »Ich habe selbst einmal mit einem Augenzeugen eines Versuchs gesprochen, sagt du Prel, »wobei Beraz eine Quelle in der Tiefe von 80 Fuß angab, die bei 83 Fuß Tiefe gefunden wurde. Ich bezweifle nun allerdings nicht, daß auch Mißerfolge bei Beraz vorgekommen sein werden, aber so wenige, daß schon manche aufgeklärte Gemeindevertretung große Summen verschleuderte, um Wasser in Städte zu leiten, die es mit Hilfe eines Quellenfinders viel billiger haben konnten.«
Auch Prof. Dr. A. Heim kommt in seiner klassischen Arbeit über die Wünschelrute (In der »Vierteljahreschrift der Naturforschenden Gesellschaft zu Zürich«, 48. Jahrgang, 1903, S. 287 seq. Auch im »Journal für Gasbeleuchtung«, 1905. S. 1091 seq. abgedruckt.) gelegentlich auf Beraz zu sprechen: »Ein anderer merkwürdiger Fall, der auch wieder die Abhängigkeit der Resultate von der Persönlichkeit und mehr noch von ihrer Disposition zeigt, war zu Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch den Münchener Quellenfinder Beraz geboten. Nachdem Beraz seine Fähigkeit entdeckt hatte, Wasserläufe mit Instrumenten ähnlich denen jenes Gemeinderats von O. (eine Art Pendel) zu entdecken, machte er daraus ein großes Geschäft, mit großer Reklame betrieben. Während mehrerer Jahre machte Beraz eine Menge von wunderbar guten Angaben und hatte glänzende Erfolge. Hohe Behörden beriefen ihn. Er machte den Eindruck einer sehr beweglichen, sensiblen, aber nicht krankhaften Natur. Nun fing er an, üppig zu leben. Im folgenden Jahre kamen mehrere Fehlgriffe, und bald war die Mehrzahl seiner Angaben verfehlt: er mußte seine Quellenfinderei aufgeben und verschwand von der Bildfläche. In Tirol, unfern Bozen und Meran, hatte ich selbst Gelegenheit, große kostspielige, resultatlose Grabungen zu sehen, die nach den Angaben von Beraz gemacht worden waren. Diese waren so unsinnig angelegt, wie es bei den geringsten geologischen Kenntnissen oder der geringsten Beeinflussung seiner Wünschelrute durch sachliche Überlegung, durch auf Beobachtung gegründete Erwartung, sicher niemals geschehen wäre. Ich mußte aus diesen Grabungen schließen, daß Beraz selbst ganz naiv, ohne geologische Kenntnisse auf seine Wünschelrute baute, aber durchaus nicht von richtiger Beobachtung und richtiger Idee sich hatte leiten lassen. Auch von anderen, die ihn wohl kannten wurde mir bestätigt, daß er ohne geologische Kenntnisse war, und daß er selbst aufrichtig an seine Fähigkeit, »Wasser zu fühlen« glaubte. Er überließ sich vorurteilsfrei seinem Instrumente, das als Fühlhebel einer physiologischen Empfindsamkeit reagierte, die aber durch üppiges Leben sehr bald irregeleitet wurde.« Heim leugnet also nicht die Gabe Beraz'. Er ist nur insofern falsch orientiert, als Beraz bis an sein Lebensende als Quellenfinder fortwirkte und nicht etwa wegen allzu zahlreicher Mißerfolge »von der Bildfläche verschwand«. Beraz starb an einer Lungenentzündung am 1. Mai 1889 in München. Nach Heims Erfahrung kann es auch mit den geologischen Studien von Beraz nicht weit her gewesen sein. Die Supposition geologischer Kenntnisse ist noch heute einer der Haupteinwände, den geologische Gegner der Wünschelrute gegen erfolgreiche Rutengänger erheben. Der Einwand dürfte nur in den seltensten Fällen zutreffen.
Eine Ergänzung der Darstellung Heims brachte eine kurze Mitteilung des Ingenieurs A. Siegert aus Nürnberg (In der »Zeitschrift des Bayerischen Revisionsvereins«, 10. Jahrgang, 1906. Nr. 1. S. 9/10.): »Die Ausführungen des Herrn Prof. Alb. Heim decken sich vollständig mit dem, was mir Beraz Mitte der achtziger Jahre erzählte. Ergänzend hierzu kann ich folgendes hinzufügen: Den Anstoß zu dieser eigenartigen Tätigkeit erhielt Beraz durch die Lektüre von zwei Schriften der französischen Abbé’s Paramelle und Richard, die der Genannte in der Bibliothek seines Vaters, der Universitätsprofessor in München gewesen war, vorfand. Diese Abbé’s hatten die Fähigkeit des Quellenfindens in so hohem Grade, daß einer davon von König Max II. nach Bayern berufen worden sein soll, um in besonders wasserarmen Gegenden, z. B. in der Oberpfalz, Untersuchungen zu machen. Vielleicht erinnert sich dort noch jemand an den Erfolg (In der Tat war der Abbé Richard des öfteren als Quellenfinder in Deutschland tätig, so im Jahre 1862 in München, in Starnberg, in Feldafing usw. im Auftrage des Königs von Bayern. Dr. Vigen in Montlieu, der Biograph Richards, besitzt darüber einen interessanten Briefwechsel.). Beraz hatte die erforderliche Sensibilität keineswegs in so hohem Grade wie die genannten Franzosen, kam jedoch auf den Einfall, sich systematisch einzuüben. Er begann mit einem Geschirr mit Wasser, setzte seine Übungen im Englischen Garten zu München fort und vervollkommnete sich an bekannten Quellen am linken Isarufer bei Groß-Hesselohe sowie an Brunnen von bekannter Tiefe.
Statt einer sog. Wünschelrute, die natürlich gänzlich Nebensache ist, benutzte er seinen Spazierstock, der einen ziemlich schweren silbernen Griff hatte. Er schritt zunächst das zu untersuchende Terrain ab, die rechte Hand flach ausstreckend. Kam er über einen unterirdischen Wasserlauf zu stehen, so hatte er ein Gefühl, als ob er in ein Spinngewebe griff. Er faßte sodann seinen Stock und zählte die Sekunden, die verstrichen, bis sich dieser in Bewegung setzte. Er hatte sich eine empirische Skala ermittelt, wonach die Tiefe der Quelle dem Quadrate obiger Zeit entsprach, wie ich seinerzeit durch Rechnung fand. Leider erinnere ich mich nicht mehr genauer. Auffallende Angaben machte er in der Brauerei Zirndorf bei Fürth (unser Fall 3), im Kloster Käppele bei Würzburg (unser Fall 8) und an vielen anderen Orten. Felsenschichten störten seine Berechnungen, ebenso sein Zustand, wenn er tags zuvor zu tief ins Glas geguckt hatte. Er starb Ende der achtziger Jahre in München. Von Geologie verstand er nichts. Die in Frage stehende Nervensensibiliät kommt bei Frauen viel häufiger und in höherem Maße vor als bei Männern, und kann durch fortgesetzte systematische Übung bedeutend gesteigert werden.«
Auffallend ist besonders in diesem Berichte die von Ingenieur Siegert angedeutete Methode der Tiefenberechnung von Beraz. Wir gestehen daß sie uns unverständlich ist und bedauern mangels genauerer Angaben darüber nichts weiter aussagen zu können.
Sehr charakteristisch ist ein Artikel der »Augsburger Abendzeitung« vom 7. Juni 1885, Nr. 154, mit der Überschrift »Brand-Beraz, durchaus kein Beweis für Aufklärung in unseren Tagen«, der aus kleinen Lokalblättern entlehnt ist. Der anonyme Verfasser bricht, dem Geiste seiner Zeit getreu, eine Lanze für die Aufklärung und bekämpft in der Person des Quellenfinders Beraz einen krassen Aberglauben. Er stellt dabei Beraz auf die gleiche Stufe mit einem Scharlatan namens Richard Brand, dem Erfinder der sog. Schweizerpillen. Auch wenn wir die durch den Zeitgeist gerechtfertigte tendenziöse Färbung dieses Berichtes abstreichen, bleibt – das muß zugegeben werden – genug Material übrig, um Mißtrauen gegen Beraz zu erwecken.
Von Mitte der achtziger Jahre an hat er ganz ohne Zweifel recht erhebliche Mißerfolge gehabt, und nach den vorliegenden Mitteilungen, an denen zu zweifeln kein Grund besteht, scheint er auch den geschäftlichen Teil seiner Angelegenheiten nicht immer in einwandfreier Weise erledigt zu haben. Wir dürfen uns wohl mit Übergehung der ironischen Glossen des anonymen Einsenders auf die Wiedergabe des Tatsachenmaterials beschränken, das uns die Kehrseite der Berazschen Tätigkeit zeigt. »Halten wir nun eine kleine aber vernichtende Blumenlese in den Tagesblättern vom Mai 1885«, sagt der Verfasser. »Die Jagstzeitung«, Nr. 54 vom 7. Mai 1885 schreibt: Dem neulichen Berichte über das Auftreten des Quellenfinders Beraz in Ulm ist nachzutragen, daß Herr Beraz auch in Ellwangen Proben seiner Kunst – »vorerst auf Physik und Mathematik und in zweiter Linie auf Physiologie, also Fühlung im Körper beruhend« – abgelegt hat. Als nämlich letzten Herbst Herr Ziegeleibesitzer Zeller sah, daß die endliche Beseitigung der allgemeinen Wassernot des Stadelbergs auf unerwartete Hindernisse stieß, ließ er, angewiesen auf Selbsthilfe und verleitet durch empfehlende Zeitungsberichte, diesen Herrn Beraz, der sich »Quellenfinder aus München« bezeichnet, von Zipplingen, wo er zurzeit »Quellen bestimmte«, zu sich nach Ellwangen rufen. Herr Beraz bezeichnete nun am 2. Dezember vorigen Jahres in kürzester Weise, ohne sich viel im Terrain umzusehen, mit Bestimmtheit hinter dem Hause zwischen Dunglage und Abtritt – »die eben später verlegt werden müssen« – eine Quelle mit ca. 73 Fuß (21 m) Tiefe und 5/4 Zoll Durchmesserstärke, welche in der Richtung von ONO nach WSW fließt. Herr Ziegler Zeller hat auf Grund dieser Quellenbestimmung, die er mit 100 M zu honorieren hatte, 84 Schuh gegraben und noch weitere 10 Schuh gebohrt, ist aber auf eine Quelle nicht gekommen. Die Affäre kam dem Ziegler Zeller auf ca. 1000 M. zu stehen und dürfte nicht sehr ermutigend für andere »Wasserarme« sein (Hier ist meines Erachtens folgendes in Erwähnung zu ziehen. Wäre Beraz nichts als ein Scharlatan gewesen, so hätte er kaum die ungünstigste Stelle des Hofes, zwischen Dungstelle und Abort, als die einzige wasserhaltige angegeben. Man kann daraus wohl auf sein unbedingtes Selbstvertrauen schließen. Es ist aber nicht einzusehen, warum Beraz nicht eine andere Stelle im Verlaufe der Quellader als günstigeren Bohrpunkt angab. Da das Bohrloch ferner bei einer Tiefe von noch nicht 30 m als aussichtslos aufgegeben wurde, so ist der Mißerfolg meines Erachtens noch nicht als erwiesen zu betrachten. Schließlich sei darauf hingewiesen, daß die Honorarforderung des Beraz hier ein Drittel der Summe betrug, die in der badischen Warnung angegeben ist, und in den folgenden Fällen noch geringer war.). Wie wir hören haben auch die Quellenbestimmungen in Zipplingen fehlgeschlagen. Über letztere gibt Schultheiß Baumann in Zipplingen folgende authentische Auskunft: Der Quellenfinder Beraz kam vergangenen Herbst hierher und produzierte sich mit der Äußerung, daß er auf das Bestimmteste sagen könne, wo und wie eine Quelle laufe, und wie tief man graben müsse, bis man auf die benannte Quelle stoße. Daraufhin liefen die Ortsbewohner zusammen, und jeder wollte seine Quelle bestimmt haben. Herr Beraz erklärte, bevor er nicht von jedem, der Wasser wünsche 50 M. ausbezahlt erhalten habe, stehe er nicht von seinem Sitze auf und bezeichne auch die Stelle nicht, wo sich eine Quelle befinde. Dieser Aufforderung begegneten mehrere Bürger mit einem Angebote von 20 bis 30 M. Allein Beraz blieb auf seiner Forderung von 50 M. bestehen.
Am andern Tage zeigte sich, daß bloß zwei Bürger, der Bauer Johannes Forner und der Söldner Anton Humpf, noch Lust hatten, mit Beraz sich einzulassen. Joh. Forner gibt an, daß Beraz in seinem Anwesen erklärt habe, wenn Forner die 50 M. ihm nicht alsbald bezahle, gehe er wieder fort, ohne die Stelle zu bezeichnen, wo die Quelle sich befinde. Auf diese Rede des Beraz habe er die 50 M. erlegt, Beraz sei nun rasch in den Hof gegangen, habe seinen Stock geschwenkt und sofort die Stelle bezeichnet, an der ein Pfahl eingeschlagen werden müsse, weil hier eine reiche Quelle sei: Forner müsse zwar tief (»66 Fuß tief«) graben, um die Quelle zu erreichen (Beraz benutzte seinen Stock mit der schweren Krücke, wie auch aus dieser naiven Darstellung hervorgeht, als Pendel. Daher konnte er, sobald sein Stock in Schwingungen geriet — für den Beobachter Forner sah es so aus, als ob er ihn einfach »schwenkte« – sofort sagen, wo sich die Quelle im Untergrunde nach seiner Ansicht befinden sollte.). Forner habe sich aus Werk gemacht, 67 Fuß tief gegraben und 52 Fuß weiter hinab bohren lassen, sei aber nirgends auf Wasser gestoßen. Anton Humpf gibt an, daß Beraz nach Empfang der 50 M. dieselben Experimente bei ihm vorgenommen und eine Quelle gleichfalls bei 60 Fuß Tiefe bezeichnet, ihm aber in Aussicht gestellt habe, daß er schon früher auf Sickerwasser stoßen werde. Aber Humpf fand beim Graben in 66 Fuß Tiefe und beim weiteren Bohren von noch 22 Fuß Tiefe weder Quelle noch Sickerwasser. Da Humpf 500 M. Kosten bei diesen Arbeiten gehabt hatte, habe er brieflich den Beraz ersucht, ihm wegen seines großen Schadens doch wenigstens 30 M. des Honorars herauszugeben. Allein Beraz würdigte den Humpf gar keiner Antwort! In dem benachbarten Orte Geißlingen, fährt Herr Schultheiß Baumann fort habe Beraz beim Herrn Pfarrer und bei einem Söldner gegen das Entgeld von je 50 M., ebenso in dem nahe gelegenen Dirgenheim einem Bauern und der Ortsgemeinde selbst Quellen bezeichnet; allein diese vier Parteien hätten keine Lust und keinen Mut gehabt, nach dem mitangesehenen schlechten Erfolge in Zipplingen die Beraz'schen Prophezeiungen durch Graben zu verfolgen, und das Geld sei mithin zu ihrem großen Ärger verloren gewesen. – Um diese amtlichen Zeugnisse im vollen Werte würdigen zu können, muß man wissen, daß bereits unterm 11. Januar 1885 in den Blättern ein »Eingesandt« erschienen war, in welchem unter Dankesbezeugung an Beraz mitgeteilt wurde, daß derselbe bei dem oben erwähnten Forner in Zipplingen eine Quelle entdeckt habe. (»Augsburger Abendzeitung« Nr. 42, 11. Febr. 1885). Man will seinen Augen nicht trauen ob solcher Unverfrorenheit.
Die »Jagst-Zeitung«, Nr. 55, vom 9. Mai 1885, schreibt aus dem »Ulmer Tagblatt«: Die Erwartung, es werde bei der Brunnengrabung in Jungingen die von dem Quellenfinder Beraz angezeigte Quelle gefunden werden, hat sich bis jetzt nicht erfüllt; das in dem Schacht spärlich zu Tag tretende Naß ist Sickerwasser. Auch in Nerenstedten ist in der angezeigten Tiefe noch kein Wasser gefunden worden. – Das »Rieser Volksblatt«, Nr. 71, vom 16. Mai 1885, schreibt aus Amberg d. 12. Mai: Im Vorjahre ließ die Gemeinde Köfering den Quellenfinder Beraz kommen, der ihr aus der Wassernot helfen sollte. Dieser bestimmte nun nach vorausgegangenen verschiedenen Manipulationen im Orte eine Stelle, unter der sich in einer Tiefe von 114 Fuß eine entsprechende Quelle befinden sollte, und wurden hierauf bezügliche Nachgrabungen begonnen. Vor etlichen Wochen besuchte nun besagter Quellenfinder die in Rede stehende Stelle, fand, daß die Grabungen bezw. Felsensprengungen bald die Tiefe, in der das so sicher behauptete Wasser gefunden werden sollte, erreicht hatten, und änderte seine frühere Angabe hiebei dahin, daß zwischen 114 und 118 Fuß Tiefe ganz bestimmt Wasser kommen müsse. Bis Ende voriger Woche hat nun der »Wunderbrunnenschacht« schon die Tiefe von 120 Fuß erreicht, aber o weh! statt des erhofften Wassers starrt den Schatzgräbern nur trocknes Gestein entgegen. Fragliche Gemeinde, die bis jetzt auf diesen Versuch schon 1700 M. ausgegeben, beabsichtigt nun, noch weiter graben zu lassen, und wenn nicht bald der ersehnte Quell gefunden wird, sich öffentlich an Herrn Beraz zu rächen (Über den Ausgang ist mir leider nichts bekannt.). – Die »Schwäbische Chronik« (Beiblatt des Schwäb. Merkur), Nr. 113 vom 16. Mai 1885, schreibt aus Ulm: Mitte verflossenen Monats hat der Quellensucher Beraz aus München in hiesiger Umgegend an mehreren Orten Quellen als vorhanden bezeichnet. An einigen Stellen, so in dem hochgelegenen Jungingen und in Nerenstetten, bei Langenau wurde auf die bezeichneten Tiefen und jedesmal noch darüber hinaus gegraben, ohne auf Wasser zu kommen. In Jungingen hat der Adlerwirt Bosch, der bis 13½, m Tiefe kam, die Arbeit vorerst einstellen lassen, während Ökonom Fetzer beinahe zu 14 m angelangt ist und noch weiter dringen will, obwohl die Arbeiten infolge des Kalkgesteins nun wesentlich erschwert werden (Auch hier kann man bei den geringen erreichten Tiefen noch kaum von einem absolut sicheren Mißerfolge sprechen. Leider lassen diese kurzen Darstellungen alle zu einer kritischen Beurteilung des Falles nötigen Details vermissen.). – In Nr. 139 der »Augsburger Abendzeitung« vom 21. Mai 1885 steht ein Korrespondenzartikel aus Luhe (Oberpfalz), d. d. 17. Mai, welcher gleichfalls über von Beraz erweckte aber getäuschte Hoffnungen berichtet. Das dürfte genügen«.
Der Verfasser schließt damit, daß er mit diesen Feststellungen den »Gegenbeweis von der für unsere Zeitläufte beanspruchten Aufklärung« geliefert habe. Was würde er erst heute für Augen machen!
Der zuletzt zitierte Mißerfolg in Luhe hat sich laut Bericht (loc. cit.) folgendermaßen zugetragen: »Im Sommer 1883 ersuchte die Gemeindeverwaltung Luhe diesen Wundermenschen um seine Hilfe, und er bezeichnete in der Umgebung des Marktes fünf Quellen, darunter sogar ein kleines unterirdisches Bächlein in der Breite von 1½ m, in einer Tiefe von 24 bis 30 Fuß fließend, welche Quelle nach seiner Angabe in der trockensten Zeit drei Zoll Durchmesserstärke habe. Der Jubel im hiesigen quellwasserarmen Markte war selbstverständlich ein großer, um so mehr als die Lage dieser Quelle eine derartig hohe wäre, daß der natürliche Druck hinreichen würde, bei Feuersgefahr im Orte jede Spritze zu ersetzen. An der Richtigkeit der Berazschen Angaben zweifelte man im allgemeinen wenig, denn wer Beraz von dem in ihm eigentümlich wirkenden magnetischen Fluidum etc. sprechen hörte und Gelegenheit hatte, über seine stets erfolgreiche Tätigkeit zu lesen, dem entschwanden alle Zweifel, da für ihn die Quellenbestimmung nach seiner Anssage so einfach ist wie das Rauchen einer Zigarre, und eine Täuschung bei ihm vollständig ausgeschlossen bleibt. Er bemerkte u. a., welch außerordentlich mühevolles Studium diese seine Wissenschaft erforderte, auf welch kolossale Hindernisse er im Anfange seiner Tätigkeit stieß usw., allein nun die Kunst rein und einzig in seinen Händen habe. Sein gegenwärtiges Studium ist jetzt die in der Erde verborgenen Metalle zu finden, und auch hierin glaubt er in nächster Zeit in die Öffentlichkeit treten zu können. Nun wieder zu unserer Quelle, zu unserem Bächlein: Hoffnungsvoll wurde an der von Beraz bezeichneten Stelle ein Brunnenschacht eingeschlagen und bis 30 Fuß Tiefe gegraben, doch von einer Quelle keine Spur. Man setzte Beraz davon in Kenntnis, worauf er ganz einfach erwiderte, man solle getrost noch einige Meter tiefer gehen, es sei die Möglichkeit, daß er sich doch bezüglich der Tiefe an dem Materiale täuschte, die Quelle aber unbedingt kommen müsse. Weniger hoffnungsvoll grub man weiter, immer weiter, erreichte schließlich eine Tiefe von 55 Fuß, und siehe – es zeigte sich keine Quelle. Die hierauf erfolgten Mitteilungen, eingeschriebenen Briefe usw. blieben von seiner Seite unbeantwortet. Die Gemeinde hatte ihm 250 M (für 6 Quellenbestimmungen) gezahlt, welche nun nebst den beträchtlichen Kosten des Schachtes verloren sind.«
Den oben wiedergegebenen längeren Ausführungen eines anonymen Einsenders fügte die Redaktion der »Augsburger Abendzeitung« (Nr 154, 7. Juni) folgende Nachschrift bei: »Wir stehen selbstverständlich der in Obigem besprochenen Sache in vollkommener Unparteilichkeit gegenüber und geben diese Ausführungen, die von einem bekannten und hochgeschätzten Manne der Wissenschaft herrühren, so wie sie uns vorliegen. Wir müssen aber dabei bemerken, daß auch Erfolge des Herrn Beraz genügend beglaubigt sind. So kommt uns soeben von amtlicher Seite folgendes Zeugnis zur Veröffentlichung zu: Auf diesamtliche Veranlassung hat Herr Quellenfinder Joseph Beraz aus München in der wasserarmen Gegend von Bullau am 7. August vor. Jahres eine Quelle bestimmt, welche nach viermonatlicher Bohrung durch Sandsteinfelsen genau in der von dem Genannten bezeichneten Richtung, Tiefe und Stärke angetroffen wurde und in der Gemeinde nunmehr hinreichenden Vorrat an gutem, reinem Quellwasser liefert. Dies bescheinigt, Miltenberg, den 5. Mai 1885, Kgl. Bezirksamt. Volkheimer.« (Vgl. Fall 32 unserer Zeugnissammlung.) – Es folgen sodann Angaben über verschiedene Verfahren, im Untergrunde Wasser aufzusuchen, wie sie schon Vitruv ausführlich beschrieben hat.
Ehe wir nun die bereits mehrfach erwähnten Dokumente über die Tätigkeit unseres Quellensuchers wiedergeben, seien noch einige kritische Bemerkungen gestattet. Wir sind uns dessen vollauf bewußt, mit dieser Sammlung nur eine Anzahl besonders gut bezeugter und glücklicher Erfolge des Beraz dem Urteil der Öffentlichkeit zu unterbreiten. Statistischen Wert kann dieselbe also keinesfalls beanspruchen. Da jedoch Beraz laut Formular im Jahre 1885, auf der Höhe seines Ruhmes stehend, etwa 600 amtlich beglaubigte Zeugnisse über erfolgreiche Wassernachweise besaß, so glauben wir annehmen zu dürfen, daß die Zahl seiner Erfolge die der Fehlschläge um ein Vielfaches übertroffen hat. Es muß ferner betont werden, daß Beraz nur sehr selten in Gegenden mit weiten Grundwasserhorizonten tätig gewesen ist, daß also seine Erfolge nicht so leicht mit einem Hinweise auf eine angeblich große Fündigkeitswahrscheinlichkeit von Geratewohl-Bohrungen abzutun sind, wie die der im norddeutschen Flachlande wirkenden Rutengänger. Man mag auch bedenken, daß Beraz meist nur in verzweifelten Fällen der Wasserkalamität zu Hilfe gerufen wurde. Ebenso muß darauf hingewiesen werden, daß seine Tiefenbestimmungen oft merkwürdig genau zugetroffen haben. Endlich muß ich wohl noch erwähnen – um auch einem solchen Einwande im voraus zu begegnen – daß manche Angaben von Beraz, z. B. über »federkielstarke« Quelladern und dgl., lediglich eine Ansicht über das Vorkommen unterirdischen Wassers verraten, die unseren heutigen Kenntnissen nicht mehr entspricht. Wir werden uns also an einer derartigen Bezeichnung oder an sonstigen theoretischen Expektorationen, die uns merkwürdig anmuten, und die ja auch sachlich unwesentlich sind, nicht stoßen dürfen.
Selbstverständlich lassen auch die Berazschen Zeugnisse so manche Angabe vermissen, die uns heute vom wissenschaftlichen Standpunkte aus wünschenswert erscheint, wie wir dies auch bei den Attesten des Landrats v. Uslar mit Bedauern haben konstatieren müssen. Eine Kontrolle der einzelnen Atteste war wegen des inzwischen verflossenen großen Zeitraums nicht mehr angängig. Doch brauchen wir wohl an deren Richtigkeit keinen Zweifel zu hegen, da sicherlich Beraz mit falschen Zeugnissen nicht weit gekommen wäre und sein Betrug bald aufgedeckt worden wäre. Von einigen Stichproben, die wir zur Prüfung einiger Atteste dennoch unternahmen, erhielten wir nur eine Antwort (Beilage zu Fall Nr. 31). Andere finden in dem Voraufgehenden bereits ihre indirekte Bestätigung.
Von den uns gedruckt vorliegenden durchweg günstigen Attesten und Zeitungsberichten geben wir 36 im Wortlaute wieder und lassen sodann die Briefe von Beraz an den Abbé Caudéran folgen. Während uns die Zeugnisse Belege für die erfolgreiche Tätigkeit des Quellenfinders sind, gewinnen wir aus den Briefen an den »Kollegen« den Eindruck, daß Beraz seinem Berufe mit ehrlicher Begeisterung nachging und ihn durchaus ernst nahm. Es erscheint darum um so mehr als ein Akt der Gerechtigkeit, diese Blätter in ihrer rückhaltlosen Offenheit bekannt zu geben, als Beraz seit der badischen Warnung der Ruf eines zweifelhaften Ehrenmannes anhaftet – wie mich dünkt, mit Unrecht. Eine allerdings sehr post festum kommende Rechtfertigung dieses Märtyrers seines Berufes sei also der weitere Zweck dieser Arbeit.
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Graf Karl von Klinckowstroem: Der Quellenfinder Josef Beraz. Ein Kapitel aus der Geschichte der Wünschelrute. Sonderduck aus der Zeitschrift »Die Wünschelrute«. Leipzig, 1914.