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6 – 16 – 24…27 (Opfer der Sendlinger Mordweihnacht)

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Den im Jahre 1705 am heiligen Christtage den 25 December im Kampfe für Fürst und Vaterland gefallenen Oberlaender Bauern.

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Opfer der Sendlinger Mordweihnacht

† 25.12.1705 (München-Sendling)

Die Bayer'sche Landbötin (25.10.1831)

Am vorigen Dienstage ward in Sendling ein feyerliches Seelenamt für die in der Sendlinger Schlacht gefallenen Landwehrmänner gehalten. Folgendes Lied ward vertheilt:

Trauerlied zur Gedächtnißfeyer der in der Sendlinger Schlacht gefallenen Gebirgs-Bewohner.

Wir flehen jetzt, o Herr zu Dir,
Gieb jenen Streitern allen
Den ew'gen Frieden, welche hier
Für Gott und Fürst gefallen.
Sie haben ja für's Vaterland
In Gottes-Nam'! gefochten,
Und sich durch seltner Treue Band
Der Ehre Kranz geflochten.

Es beb't und schauert uns das Herz
Des, was sie einst gelitten,
Als sie in Noth, in Angst und Schmerz,
So tapfer hier gestritten.
Nun lohne Herr vor Deinem Thron'
Ihr Kämpfen und ihr Leiden
Mit einer ew'gen Siegeskron'
Bey Dir in sel'gen Freuden.

Die Bayer'sche Landbötin Nro. 128. Dienstag, den 25. Oktober 1831.

Münchener Stadtbuch (1868)

XXXVIII.

München im spanischen Erbfolge-Kriege
und
Sendlinger Mord-Weihnachten.
1705 – 1715

Hundertfünfundzwanzig Jahre waren seit der Sendlinger Mordweihnachten hinübergeschwunden.

Da sah man an einem freundlichen Sonntagmorgen – es war am Anfange Juli des Jahres 1830 – vom Gasteigberge her und aus der Vorstadt Au einen langen Zug mit Kreuz und Fahnen, begleitet von einer großen Menge Volkes, sich bewegen. Ernst schritt dieser Zug, voran die Zimmerleute von der Au, den Zimmermeister Kohlhofen an der Spitze, über die Isarbrücke, über die Stätte des ehemaligen rothen Thurmes und über das weite Wiesenfeld der ehemaligen Mordweihnachten gegen Sendling zu.

Zu gleicher Zeit bewegte sich eben so feierlich ein anderer Zug mit Kreuz und Fahnen von Sendling herunter diesem entgegen bis an den Burgfrieden. Es war die Gemeinde Sendling mit ihrem eifrigen und wackern Gemeindevorsteher.

Den vereinigten Gesammtzug eröffneten acht junge Bauernmädchen in Landestracht, mit weiten Aermeln, weißen Schürzen und Krägen, schwarzgestreiften Miedern mit goldverziertem Bruststück, die langen Haare in Zöpfen um den Kopf gewunden, darüber schöne schwarze, reichlich goldverbrämte Pelzhauben; nach ihnen gingen, die Waisen der in der Schlacht gefallenen Zimmerleute vorstellend, acht in die Landesfarben gekleidete Mädchen aus der Vorstadt Au, alle mit Kerzen in den Händen. Dann folgte der Priester, eine stattliche Anzahl Zimmerleute in Festestracht, endlich Weiber und Kinder, begleitet von einer Menge Volkes.

Es galt der feierlichen Enthüllung des Freskobildes auf der Aussenwand der Kirche zu Sendling, welches die Sendlinger Gemeinde zum Andenken an jene großartige That der Vergangenheit durch den genialen Künstler Lindenschmitt hat malen lassen. Zugleich aber hatten die Zimmerleute von der Au die alte Stiftung zum Gedächtnisse ihrer bei Sendling gefallenen Brüder erneuert, und mit höherer Bewilligung beschlossen, zu eben diesem Andenken alle drei Jahre eine Wallfahrt auf den heiligen Berg nach Andechs am Ammersee zu veranstalten.

Der Zug, in Sendling angekommen, ging um die Kirche herum und den Hügel hinauf, der am Weihnachtstage vor hundertfünfundzwanzig Jahren Schritt vor Schritt ein Leichenfeld war. Dann umstand er den mit einem Waffenstrauße von Sensen, Spießen, Morgensternen, Stutzen, Büchsen und Zimmermannsäxten verzierten und mit unzähligen Lichtern und Kränzen geschmückten großen Grabeshügel, der die Gebeine der edlen Vaterlandsmärtyrer deckt. Eine unglaubliche Volksmenge drängte sich Kopf an Kopf in tiefem rührenden Schweigen umher. — Der Priester stellte fich hierauf unten an das Grab und sprach in würdiger Begeisterung von der großen Heldenthat, die hier geschehen. Als er hierauf das Grab nach kirchlichen Gebräuchen eingesegnet, wurde die beschlossene Wallfahrt auf den heiligen Berg bei Andechs angetreten. Zwei von der Gemeinde ausgerüstete, schön verzierte Wägen führten die Kinder dahin.

Diese Gräber mögen uns Bayern aber immer bis in die fernsten Jahrhunderte ein edles Saatfeld der Nationalität, des Patriotismus, der Ehre und der Unabhängigkeit sein!

Münchener Stadtbuch. Geschichtliche Bilder aus dem alten München von Josef Maria Mayer. München; 1868.

Die Bayer. Landesvertheidiger und die Sendlinger Mordweihnacht von 1705 (1880)

Den anfänglichen Siegen und Erfolgen des mit den Franzosen gegen das annexionslüsterne Oesterreich verbündeten Kurfürsten reihte sich, als der englische Feldmarschall Marlborough an die Donau vordrang, das Unglück an. Die am 13. August 1704 bei Höchstädt und Blindheim geschlagene Schlacht entschied den Krieg in Deutschland. Die ganze französische Armee war vernichtet: Max Emanuel legte seine Gewalt in die Hände seiner Gemahlin, Therese Kunigund Sobiesky, einer polnischen Königstochter nieder. – Existirte zwar auch keine bayerische Feldarmee mehr – in Festungen und Schlössern lagen ihrer noch Tausende, die aber die Hände nicht in den Schooß legten. Sie trieben die fränkischen und schwäbischen Kreistruppen zurück, befreiten Ingolstadt, bedrohten Regensburg und forderten im Vereine mit den Landfahnen gegen Oesterreich geführt zu werden.

Die geheimen Räthe, der Adel, die Prälaten mißriethen jede Bewegung und empfahlen weise Mäßigung, die Folge dieses Rathes war die Aechtung des Kurfürsten, Auflösung der Armee, Occupation Bayerns. Landshut wurde zuerst der Sitz der österreichischen Stadthalterschaft: die Kurfürstin

reiste auf Ihres Beichtvaters, eines Jesuiten Rath nach Venedig, von wo ihr die Rückkehr verweigert wurde. Zehn Jahre blieb sie von ihren Kindern getrennt, welche nur mehr »Grafen von Wittelsbach« genannt und nur als junge Cavaliere, nimmermehr als Söhne des ältesten Fürstengeschlechts Europas behandelt wurden. – Gleich darauf wurde ein nach Italien auf dem Marsche begriffenes Corps eiligst aus Tyrol herbeigerufen und erschien unerwartet vor München. Die Bürger verschlossen die Thore, besetzten die Wälle, General Gronsfeld drohte beim geringsten Widerstand die Stadt in Asche zu legen – und nun zog auch die Stadthalterschaft von Landshut nach München. Die fremden Unterdrücker spielten die Herren.

Bayerns wehrhafte Jugend sollte auf den Schlachtfeldern von Italien und Ungarn für den Doppelaar bluten. – In den Hochalpen überfielen und umringten Bewaffnete zur Nachtzeit die friedsamen Wohnhütten, rissen Jünglinge in Ketten und Banden mit sich fort. Für die Entronnenen mußten die Väter, die Brüder, die Schwäger im Kerker büssen. Vielen wurde erlaubt, sich loszukaufen, wenige Wochen später wurden sie dennoch selber eingereiht. Der Bauern Zugvieh, durch Kriegsfrohnen aller Art zu Grunde gerichtet, mußte noch die fremden Krieger, Tag für Tag zu Gastereien, Belustigungen aller Art u. s. w. umherführen, der Bauer sie freihalten, was ihnen gelüstete, zusammenkaufen, häufig noch blutige Mißhandlungen erdulden, Frauen und Töchter nothzüchtigen, ja selbst alte Weiber und Kinder viehischer Unbild preisgegeben sehen.

Charakteristisch ist in dieser Beziehung ein an »hohe Reichsversammlung in Regensburg« von der confoederirten Gmain der Landen Ober und Niederbayern eingereichte Vorstellung, welche den sich allmälig in Folge der »blut-äußersten Bedrängniß« heraufziehende Bauernaufstand mit der instinctiven Vertheidigung der Thiere entschuldigt und einige Beispiele scheußlicher Grausamkeit aufzählt. So mußten die drei Rentämter Straubing, Landshut, Burghausen ein volles halbes Jahr 70,000 Mann verpflegen, wodurch, den Mann pro Monat zu 5 Reichsthalern gerechnet, dem Lande hiedurch allein ein Verlust von mehr als 2 Millionen Thalern erwuchs; Plünderungen u. dgl. ungerechnet. – Als die Armee alles Geld aufgesogen hatte, wurde zur Marter gegriffen und Weib und Kind geplagt, bis die Männer bei barmherzigen Leuten Geld zusammengebettelt hatten.

Zu Pirach, Gericht Neu-Oetting sperrte ein Dragonerhauptmann die Leute bei der strengsten Winterkälte in einen offenen Bauernhof, bis sie mit 1000 fl ausgelöst wurden. – Im Braunauischen wurden 9 Personen beiderlei Geschlechts in ein höllisch heißes Zimmer gesperrt, bis sie sich ranzionirten, von dem gänzlich verarmten Städtchen Neu-Oetting erpreßte der Oberst Graf Singendorf dadurch 1000 fl., daß er die Stadtthore versperren und Niemand aus- und einließ; mehr denn einmal kam es vor, daß ein Quartiergeber aus purer Bosheit durch Bart und Kinn an den Tisch genagelt wurde. – Bei Tisch verlangte der Soldat neben gutem Tractament auch noch ein Stück Geld unter den Teller, beim Abmarsch ein starkes Viaticum. – Wie die Frauen u. Mädchen behandelt wurden, läßt sich daraus entnehmen, daß einmal sogar »eine zweitägige Kindsbetterin der verflucht abscheulichen Brunst dieser unzüchtigen Pockhgailen« zum Opfer viel. – Die Werber zwangen ohne Unterschied Söhne und Knechte zu Kriegsdiensten und holten sie nicht blos nächtlicherweilen aus dem Bette, sondern sogar an Sonn- u. Feiertagen aus der Kirche.

Schon damals, im Mai 1705 drohte die Hassesflamme gegen die Unterdrücker aufzulodern. Tegernsee und Benediktbayern waren im Begriff 3000 kräftige Männer zum Entsatze Münchens abzusenden, in der Nähe von Dachau waren gegen 2000, an einem dritten Orte 2-3000 postirt und erwarteten nur noch das Zeichen zum Angriff – da erfolgte eine allgemeine Entwaffnung und dieser eine neuerliche Aushebung, – und diese brachte den wirklichen Ausbruch des Aufstandes.

»Lieber bayrisch sterben, als in des Kaisers Unfug verderben! Liebe Brüder jetzt muß's sein« — so schallt es vom bayerischen Wald bis an die Marken des salzburgischen und tyrolischen Hochgebirgs. In Wäldern und auf Einödhöfen flochten Tausende entschlossener Männer Hand und Herz zusammen. Einzelne österreichische Patrouillen mußten mit blutigen Köpfen abziehen; mehrere von Linz kommende Montur- und Gewehrtransporte fielen den Landleuten in die Hände, deren Muth dadurch nicht wenig wuchs.

Die Rüstkammer zu Pfarrkirchen plündernd, nöthigten sie den Praktikanten des entflohenen Pflegers, den i. J. 1680 gebornen Georg Sebastian Plinganser, Hauptmann der Reichenberger Landesfahne zu werden, wenige Tage darauf Oberkommissär der Landesdevension. Die verabschiedeten bayerischen und französischen Offiziere und Soldaten rannten von Dorf zu Dorf und machten Anschläge. Jeder gab, was er hatte; die Invaliden exerzierten die Haufen. – Plinganser ließ es seine erste Aufgabe sein, eine Verbindung herzustellen zwischen dem Ober- und Unterlande, worin ihn namentlich ein talentvoller Student Johann Georg Meindl unterstützte. – Mit 12000 Mann belagerten beide Braunau, Ende Nov. 1705, nachdem Plinganser von Simbach aus ein Manifest an die Bauernschaft und die vormaligen bayerischen und französischen Offiziere und Soldaten erlassen hatte, stieg seine Schaar auf 24000 Mann. Damit eroberten sie Burghausen und einige Tage später auch Braunau. – Schärding wurde zur Uebergabe gezwungen, aus Vilshofen die Oestreicher von den Bauern geschlagen.

Nun sollte die Hauptstadt befreit werden. – Fast 40000 Mann stark, rückte das Hauptheer der Bauern auf den Straßen von Hohenlinden und Ebersberg gegen München vor. Gleichzeitig sandte man treue Boten an die Bauern von Miesbach, Tegernsee, Tölz, Benediktbayern, Kochel u. Jachenau. Ueber 3000 vortreffliche Schützen folgten dem Rufe. Ihr Führer war ein in bayerischen Diensten im vorherigen Tyrolerfeldznge verwundeter französischer Offizier Peter Gautier.

St. Johann des Evangelisten Tag, der zweite nach Weihnachten, war von Plinganser und Meindl als Schlachttag bestimmt, aber des Volkes Wuth und Streitbegier war nicht zu bändigen. – Auf der Schäftlarner Wiese wurden 2 Fahnen ausgetheilt, die eine dem Wirth von Bayerbrunn, die andere der starke Schmid Balthasar Mayer von Kochel ergriff.

Nichts ahnend, daß sie ein Opfer schmählichen Verrathes werden sollte, rückte die Heldenschaar in zwei Haufen getheilt auf dem rechten und linken Isarufer vor.

Der Abt von Benediktbayern benachrichtigte am 23. Dezember den österreichischen Statthalter, daß die Oberländer ausgezogen seien, München zu überrumpeln. – Noch schmählicher handelte der Pfleger von Starnberg, Johann Joseph Oettlinger, der dem Statthalter auf Grund durch anscheinende Theilnahme erschlichener Kenntniß mittheilte, daß die Bauern auf Einverständniß in der Stadt rechneten und deß namentlich der Weinwirth und des äußern Raths Mitglied Johann Jäger, ein geborner Tölzer, verabredet hatte, den Bach beim weißen Bräuhaus abzulassen und durch das dortige, wenig betrachtete Pförtlein in die von einer geringen Anzahl östreichischer Truppen besetzte Stadt einzulassen. – Oettlingers Diensteifer war damit noch nicht erschöpft. Er eilte selbst zu dem am rechten Isar-Ufer stehenden General Wendt, unterrichtete ihn von Allem und beschwor ihn, keinen Augenblick zu verlieren. Wendt zog sofort von dem hierauf anrückenden General Kriechbaum, der zwischen Ebersberg, Hohenlinden und Haag stand Verstärkung an sich, wodurch die Verbindung der beiden Befreiungstruppen durchkreuzt wurde, deren Eine noch dazu um zwei Tage zu früh losschlug.

Ein Rittmeister mit 80 Dragonern zog am Morgen des hl. Abend den Bauern entgegen, auf deren Vorhut er im Forstenrieder Wald stieß. Die Patrouille war bald überwältigt und so zogen die Bauern nach Sendling, das ist, die auf dem rechten Ufer der Isar heranrückende Hälfte des Landsturms erwartend, mit Verhauen befestigten.

Bald drang diese andere Hälfte gegen Harlaching vor. In der Vorstadt Au stand die ganze Zunft der Zimmerleute auf und schloß sich den Landfahnen an. Ohne dem Feind Zeit zur Besinnung zu lassen, stürmten die Bauern den rothen Thurm und die andern, die Isarbrücke beschirmenden Werke. Sie kosteten Blut, aber sie waren in wenigen Augenblicken erkämpft. Der recken- und sagenhafte Schmid von Kochel, ein Riese von 8 Schuh 3 Zoll, damals 61 Jahre alt, in Max Emanuels Türkenkriegen ausgezeichnet, arbeitete wie rasend mit seinem Morgenstern unter den Oestreichern und hob die eine Seite des Thurmthores aus den Angeln. Die Oberländer zogen nun in hellen Haufen über die Brücke. Die andere Abtheilung näherte sich von Sendling her über Wiesen und Auen.

Aber vergeblich warteten die Tapfern auf das Signal der Theilnahme der Bürger und die Eröffnung des Thörleins am weißen Bräuhaus.

Inzwischen waren 6 unschätzbare Stunden verflossen, während General Kriechbaum gegen München marschirt war.

Es war eben mit der 8. Morgenstunde der kalte neblige Wintertag hereingebrochen, als er auf der Höhe des Gasteigberges anlangte. Unverzüglich machte Wendt zum Anger- und Sendlingerthor einen Ausfall. Die ungarischen Panduren gaben keinen Pardon und richteten ein fürchterliches Blutbad an. Die Bauern widerstanden mit hartnäckiger Tapferkeit und zogen sich, obwohl zwischen zwei Feuer genommen, langsam gegen ihre letzte Stellung in Sendling über die drei Viertelstunden breite, keinerlei Schutz darbietende Wiese zurück.

Die von Sensen und Büchsen bereits stark gelichteten Husaren überflügelten die Bauern von Thalkirchen aus; die Infanterie, zwei Grenadiercompagnien an der Spitze, stürmte die Verhaue in der Stirne und nahm sie nach einem mörderischen Kampfe. Jedes Haus, jeder Zaun, jeder Graben, jede Hecke wurde mit Wuth vertheitigt, gewonnen und wieder verloren. Alles, was noch lebte, zog sich auf den hochgelegenen Kirchhof, dessen Mauer als Brustwehr diente, das arme Leben theuer zu verkaufen.

Gautier nahm etwa ein halbes Tausend in einen dicken Klumpen zusammen, sich damit gegen den Forstenrieder Forst ziehend, den sie auch mit geringem Verluste (von kaum 40 Mann) erreichten. Doch auf dem Zuge fiel Gautier durch eine Geschützkugel neben dem Gmündner Wagnermeister Peter Wieser.

Zu Sendling stand der Kampf noch um Wenige. Vierunddreißig Zimmerleute aus der Au fielen neben einander, als Brüder sich auch im Tode noch getreu. Als den letzten nennt die Sage den starken Schmidbalthes von Kochel, der schon am rechten Isarufer achzehn Oestreicher mit seiner Stachelkeule niederschlug. Neben ihm sanken zwei junge Söhne, es fiel sein Vetter, der Zimmermann Reifenstuhl von Gmund, wackere Männer von Egern, Tegernsee, Länggries und Warngau. Endlich streckte der Lanzenstoß eines Husaren auch ihn zu Boden.

Spät am Abend erhoben sich mehrere Leichtverwundete vom grauenvollen Leichenfelde, flohen af abgelegenen Pfaden weiter und brachten die Schreckenspost heim vom Untergange der Jugend und Wehrkraft des für Fürst und Vaterland aufgestandenen Hochlandes.

Der Todten sollen über 1500, der Verwundeten noch mehr gewesen sein. Sechs Kanonen, fünf Munitionskarren, vier Fahnen mit dem bayerischen Wappen, wovon eine der Riese Schmidbaltes noch im Tode umklammerte fielen in die Hände der unmenschlichen Sieger. – Ueber 600 Verwundete wurden den Münchnern zum Schrecken, in die Stadt gebracht, und in der Dezemberkälte ohne Verband oder Labsal auf die Straße geworfen. Wer bis zur einbrechenden Nacht sein Leben noch nicht ausgehaucht hatte, durfte nun von mitleidigen Seelen in die Hospitäler verbracht werden.

Das Unglück von Sendling war nicht allein. Gar bald folgte der Niederlage von Sendling durch den Verrath des Baron Prielmayr und Widtmann jene von Aidenbach – 8. Januar 1706. – Länger noch und schrecklicher als in Sendling ward da gemordet. Mehr als 4000 Mann vom niederbayerischen Landvolk starben hier den Martyrertod fürs Vaterland und eine Stunde Wegs weit umher waren Felder und Waldungen mit ihren Leichen bedeckt.

Doch nicht die waren zu beklagen, welche auf den ruhmwürdigen Gefilden von Sendling und Aidenbach gefallen, nicht jene, welche bei der gräulichen Erstürmung Kehlheims (18. Dezember 1705) und bei der schändlich gebrochenen Kapitulation des Städtchen Cam (16. Januar 1706) gemordet worden waren, sondern jene, welche sie überleben mußten. Da wurde gehängt, geviertheilt, genöthigt, auf den 10. oder 15. Mann ums Leben zu spielen, und allsogleich auch das unmenschliche Urtheil vollzogen.

Am 29. Januar 1706 wurden verschiedene Anführer der Oberländer in München hingerichtet; am Schrannenplatz wurde das Schaffot aufgestellt. Drei Männer schwankten die Stufen hinauf: es waren die von ihren Wunden kaum genesenen kurfürstlichen Offiziere, Oberlieutenant Abel und Lieutenant von Lange sowie der Bürger und Eisenhändler Senser. – Weinend und klagend ob der Entwürdigung ihres Vaterlandes und der Edlen, die ihm anhingen, gingen die Bürger in ihre Häuser zurück. – Am 17. März bluteten gleichzeitig die Schaffote in Kelheim und München: ward dort dem Metzger Kraus, welcher einen erbitterten Kampf gegen die Oestreicher geführt, der Kopf abgeschlagen und wie der geviertheilte Körper in 4 Gegenden der Stadt an Ketten aufgehangen, so geschah Gleiches zu München dem oberwähnten Weinwirth Jäger, der zuvor seines Ehrenamtes als Gemeindebevollmächtiger entkleidet worden war. Noch im Jahre 1708, zwei Jahre, nachdem der Aufstand schon völlig beendet war, erfolgte noch die letzte Hinrichtung eines ehemaligen Führers des bayerischen Landvolks – Johann Hoffmann.

Nachdem 20000 Bayern ihr Leben verblutet hatten, bot das unterjochte, zertretene Land einen gräßlichen Anblick dar. Eine Menge Dörfer und Einzelnhöfe eingeäschert, jammernde Wittwen, ganze Familien von Haus und Hof verjagt, weil der Vater zu den Waffen gegriffen, andere ihrer ganzen Habe beraubt, der Vater oder Gatte dem Henker verfallen, des Landes verwiesene Bürger, Alles in Armuth und Elend niedergedrückt, Todtenstille und dumpfe Traurigkeit, das war das Gesammtbild Bayerns zu jener Zeit und zwar volle zehn Jahre hindurch, so lange die fremde Gewaltherrschaft dauerte. Kaum hatte jedoch Kurfürst Max Emanuel in Folge des i. J. 1714 erfolgten Friedensschlusses zu Anfang des Jahres 1815 einen stillen aber tiefbewegten Einzug in München gehalten, so regten sich alle Hände, Monumente zum Gedächtniße der erlittenen Bedrängniß zu errichten: die Münchner Bürgerschaft stiftete die hl. Dreifaltigkeitskirche in der Pfarrkirche von Egern ward von Ueberlebenden der Sendlinger Schlacht eine Votivtafel gestiftet, welche das Schlachtfeld darstellt.

An einem freundlichen Sonntagmorgen des Juli 1840 endlich bewegte sich neugeschaffen, der Bruderbund der Zimmerleute von der Au, den Zimmermeister Kohlhofer an der Spitze, auf dem Schlachtboden vom Gasteigberg an die Stätte der Mordweihnachten. – An der weit sichtbaren, freundlichen Kirche aber hatte die Gemeinde Sendling durch den Pinsel des älteren Lindenschmitt ein Bild der Vergangenheit geschaffen, das in Gegenwart einer unglaublichen Volksmenge eingeweiht wurde, die in tiefem rührendem Schweigen, den mit unzähligen Kränzen und Lichtern, mit einem Waffenstrauße von Stutzen und Büchsen, Sensen und Spießen, Morgenstern und Zimmerbeilen verzierten großen Grabhügel umstand.

Und heute stehen wir vor dem erneuten Bild, das uns zeigt, daß vor nahe zweihundert Jahren ein Gedanke das bayerische Volk durchdrang, der in unsers geliebten Königs Ludwig II. Wahlspruch seinen besten Ausdruck findet:

Ich weiß mich eins mit meinem Volke.

Josef Martin Forster: Die Bayer. Landesvertheidiger und die Sendlinger Mordweihnacht von 1705. München; 1880.

Neues Münchener Tagblatt (20.7.1888)

König Ludwig I.
Zur Centenarfeier. II.

Die Huldigung der Oberländer Bauern vor dem Prinz-Regenten hätte nach dem ursprünglichen Programme bereits am Samstag den 16. Juni erfolgen sollen, mußte aber wegen des am 15. Juni erfolgten Ablebens des Kaisers Friedrich verschoben werden. Die Begrüßung des Prinz-Regenten durch das bayerische Bergvolk findet nunmehr am kommenden Sonntag den 22. Juli statt. Das Programm lautet: Um 6 Uhr Abfahrt über Salzburg nach München: Ankunft hierselbst Nachmittag 3 Uhr. Abends Besuch des Löwenbräukellers. Montag 23. ds., Gottesdienst in der Frauenkirche, Besichtigung des Panoramas »Kreuzigung Christi«, gemeinsamer Mittagtisch im Fürstenfelderhof. 2 Uhr: Abmarsch zur Ausstellung und Besichtigung derselben; Abends Huldigungsfest. Dienstag Nachmittag 1 Uhr 20 Min. Heimkehr. Dieser Festakt wird weitaus der schönste und herzigste von allen Festlichkeiten werden, die mit der deutsch-nationalen Kunstgewerbe-Ausstellung verbunden sind; er bildet gewissermassen den Glanzpunkt aller Ausstellungsfestlichkeiten. Als Grundgedanke ist angenommen, daß die Oberländer Bauern von Watzmann bis hin zum Grünten am Bodensee nach München kommen, um den allerhöchsten Protektor der Ausstellung die Grüße des bayerischen Bergvolkes entgegenzubringen und ihm die Rosen der Alpen und das Edelweiß der Gebirgsriesen zu Füssen zu legen. Da werden die flottesten Bursche und schönsten Mädchen der bayerischen Berge in München sichtbar werden, eine wahre Herzensfreude für jeden Bayer und Deutschen, – daneben werden aber auch die von der Sendlinger Mordweihnacht her in ehrwürdigem Andenken stehenden Gebirgsschütze-Kompagnien in ihrer althistorischen Tracht und mit derselben Trommel aufmarschiren, die in der Bauernschlacht zu Sendling gegen die österreichischen Panduren gerührt worden ist. Bayern wird sich in München in einer überaus rührenden Weise repräsentiren. Dieses Fest findet bei jeder Witterung statt – bei Regen im Prinz-Regenten-Pavillon, bei Sonne im Freien. Das Arrangement liegt in den Händen des Herrn Professors Dr. Haushofer und des gesammten Festausschusses. Während von 4 Uhr Nachmittags ab die Kapelle des 1. Infanterieregiments »König« vor dem Prinz-Regenten-Pavillon zu konzertiren beginnt, wird um 5 Uhr der Platz vor diesem Pavillon durch Feuerwehr (Ordnungskomitee) abgesperrt. Zwischen 5 und 6 Uhr erfolgt die Anfahrt der höchsten Herrschaften durch das nördliche Eingangsthor, um 6 Uhr selbst die Ankunft Sr. kgl. Hoh. des Prinz-Regenten Luitpold unter Fanfarenklängen und Kanonendonner und ehrerbietigster Empfang durch das Ausstellungsdirektorium und Festkomitee. Sodann beginnt der Einmarsch der Chiemgauer Bauern von Traunstein, Ruhpolding, Marquartstein, Wössen durch das Nordthor; der Tegernseer-, Kreuth-, Gmund-, Valepper-Bauern durch das Südthor; der Berchtesgadener-, Königssee-, Ramsau-, Hintersee- und Reichenhaller-Bauern durch das Nordthor; der Bauern von Partenkircheu, Garmisch, Greinau und Mittenwald durch das Südthor; der Allgäuer Bauern von Pfronten, Oberstorf und Hindelang durch das Nordthor; der Miesbacher-, Schlierseer-, Fischbachau- und Bayerisch-Zellerbauern durch das Südthor. Zu gleicher Zeit fahren auf der Isar drei geschmückte Flösse von Tölz, Lenggries und Riß an und landen an der Freitreppe. Die Bauern umstellen den Platz vor dem Prinz-Regenten-Pavillon. Inzwischen ist es halb 7 Uhr geworden. Es treten nun 7 Mädchen aus den verschiedenen Gauen etwas vor, an ihrer Spitze die kleine Marie Sollacher von Hintersee als Spruchsprecherin zur Begrüßung Sr. kgl. Hoh. des Prinz-Regenten mit einem von Professor Dr. Haushofer verfaßten Gedichte. Die Oberländer Bauern bringen darauf ihre Ovation für den Prinz-Regenten dar; die Ovation schließt mit Ueberreichung der Alpenblumen des Jahres 1888, Musiktusch und Absingen der Nationalhymne. Um 7 Uhr reiht sich daran der Einmarsch der Oberländer in die Hauptrestauration, wo für die Tänzer und Sänger, für die Allerhöchsten Herrschaften und die Komiteemitglieder ein entsprechender Platz freigehalten wird. Die Produktion beginnt nun und besteht außer den Konzertpiecen der im Saale postirten Ausstsllungskapelle Stolz und der im Garten aufgestellten Kapellen des 1. Inf.-Regiments, 1. schweren Reiter-Regiments und des 3.Feld-Artillerie-Regiments im Schuhplattln der Tölzer, Jodlerquartett von Pfronten, Sechsertanz der Allgäuer, Fontänenbeleuchtung, »Alter Tanz« der Partenkirchner, Jodlersextett von Hindelang, Schuhplattln der Garmischer und Tegernseer etc. Es kommen 42 Allgäuer, 50 Miesbacher, 60 Tölzer, 44 Tegernseer, 50 Berchtesgadner, 40 Partenkirchner und 50 Chiemgauer, in Summa 336 Oberländer (und zwar 166 Mädln und 166 Burschen, dann 1 Ehrenritter und 3 Fahnenträger) die Gebirgsschützen und alle Gruppen in ächten, theilweise alten Kostümen, mit ihren Musiken und alten Fahnen. Die Aufstellung der Chiemgauer, Berchtesgadner, Allgäuer erfolgt um 5 Uhr in der Thierschstraße, die der Tegernseer, Partenkirchner und Miesbacher in der Zweibrückenstraße vor der Reiterkaserne. Von dort aus erfolgt der Einmarsch auf ein gegebenes Zeichen gleichzeitig durch das Nord- und Südthor zum Prinz-Regenten-Pavillon. Die Burschen werden in städtischen Turnsälen, die Mädln gruppenweise in verschiedenen Gasthäusern einquartirt. Das an stolzen Festen so reiche München wird hier wiederum ein Fest zu schauen haben, wie es origineller, anmuthiger, malerischer und herzlicher bis jetzt noch nicht dagewesen ist!

Neues Münchener Tagblatt Nr. 201. Freitag, den 20. Juli 1888.

Neues Münchener Tagblatt (18. & 19.12.1894)

Die Sendlinger Bauernschlacht.

Zehn Jahre noch und zwei Jahrhunderte werden verflossen sein über einer Zeit, die für unser liebes Bayern und besonders auch die Landeshauptstadt Schmach, Erniedrigung und Elend brachte.

Es war der spanische Erbfolgekrieg, in welchem der Kurfürst Max Emanuel in Folge der hinterlistigen Politik des Königs Ludwig XIV. sich mit Frankreich verbündet hatte, dessen unglücklicher Verlauf trübe Tage über Bayern heraufbeschwor, und wie bekannt, Bayern zehn Jahre lang unter österreichisches Joch brachte.

In dieser trostlosen Zeit, in der unter der Geißel des unversöhnlichen Tyrannen Kaiser Josef I. Bayern in Knechtschaft lag, München feindliche Besatzung hatte, fehlte es nicht an kühnen Versuchen bayerischer Landeskinder, die unerträgliche Fremdherrschaft gewaltsam abzuschütteln.

»Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträgllch wird die Last greift er
Hinauf getrosten Muthes in den Himmel,
Und holt herunter seine ew'gen Rechte.«

So war es auch damals. Durch das ganze Land ging die Losung: »lieber bayerisch sterben, als österreichisch verderben.« Da und dort sammelten sich die Landleute zu einer »Landesvertheidigung«, die unter den Hauptführern Georg Plinganser, Meindl und Xaver Oertl bis zu einer Stärke von 30,000 Mann anwuchs.

Mit wechselndem Glücke schlugen sich diese Schaaren, deren Freiheitsbewegung sich auch dem starken Stamme der Gebirgsbauern, namentlich der um Tölz und den Kochelsee mittheilte.

Aus den Thälern der Jachenau, von Lenggries, Tölz, Kochel und Miesbach thaten sich etwa dritthalbtausend Mann zusammen, zu einem geringen Theile nur mit Büchsen bewaffnet, die übrigen mit Sensen, Morgensternen, Keulen und dergleichen ausgerüstet, um sich am 24. Dezember 1705, auf waldigen Wegen heimlich gehend, auf einer großen Wiese bei Schäftlarn zu sammeln.

Dort fanden auch ihre Anführer sich ein: der Hauptmann Maier, Lieutenant von Lange und Adjutant Abel, alle drei Offiziere des aufgelösten bayerischen Heeres, sowie ein junger Franzose, der sich Gautier nannte, dessen wahrer Name aber Geheimniß blieb. Den Oberbefehl führte Hauptmann Maier. Die wackere Schaar erhielt 4 Fahnen; von der einen nur weiß man, daß der Wirth von Bayerbrunn sie getragen. Ein Benediktinerpater des Klosters weihte die Fahnen.

Auf dem Wege nach München rieth der Führer, Hauptmann Maier, man solle mit dem Angriffe Münchens noch bis zum 27. Dezember warten, an welchem Tage die niederbayerischen Landesvertheidiger 40,000 Mann stark unter Plingansers Führung voraussichtlich mit den Oberländern sich hätten vereinigen können. Die heißblütigen Oberländer wollten jedoch von einem Zögern nichts wissen, ja sie entsetzten den zu Ruhe und Besonnenheit mahnenden Hauptmann Maier seines Amtes und zogen führerlos vor die Hauptstadt, deren Bürger ihnen durch den Weinwirth Johann Jäger im Thal, Mitglied des äußeren Rathes, Hilfe zugesichert hatten.

Aber schändlicher Verrath legte nicht nur die geplante Erhebung der Münchener lahm, sondern avisirte auch das Anrücken der Bauern der österreichischen Besatzung Münchens. Johann Josef Etlinger war der Name des allzeit mit Schmach beladenen Mannes, der sein eigenes Vaterland verrieth. Etlinger, Pfleger in Starnberg hatte sich hinterlistiger Weise mit den Aufständischen vereinigt, und dann ihren Anschlag nach München berichtet.

Von diesem Verrath hatten die tapferen Oberländer keine Ahnung. In München wurden alle Vorbereitungen zum »Empfang« der Feinde getroffen. Trotzdem gelang es den Bauern, denen sich in der Au die Zunft der Zimmerleute anschloß, am 25. Dezember Morgens 2 Uhr den rothen Thurm in wütendem Kampfe zu nehmen. Vergeblich warteten die Tapferen auf die verabredete Hilfe von München, die aber – nicht gerade zur Ehre unserer Vorfahren – ausblieb! Statt dieser aber kam Oberst Kriechbum von Anzing her mit Grenadieren und Reiterei und fiel vereint mit General von Wendt über die Oberländer her, die ohne Kommando in Gruppen kämpfend, den Rückzug nach Sendling antraten.

Ein Theil der Bauern, von panischem Schrecken ergriffen, flüchtete sich mit Hauptmann Gauthier in den Forstenrieder Wald, durch den sie mit Verlust von etwa 40 Manu entkamen. Bei diesem Rückzüge fiel auch Gauthier – er liegt auf dem Friedhofe zu Leutstetten begraben.

Wie es den muthigen Bauern auf dem Sendlinger Friedhof erging, ist bekannt. Sie kamen zwischen zwei Feuer und wurden – »kein Schlagen war's – ein Schlachten war's zu nennen,« niedergemetzelt.

Sie alle starben als Helden, überwunden nur von der Uebermacht der sie bekämpfenden Barbaren.

Nur einige Leichtverwundete, die unter den Todten bewußtlos liegen geblieben waren, entkamen später in die Heimath.

Die Erinnerung an jene trüben Tage, an die Sendlinger Mordweihnacht und an Bayerns große Helden wieder in uns wachgerufen zu haben, ist ein Verdienst des Kirchenbauvereins Sendling, der es, wie wir schon berichtet, unternommen hat, die Aufführung lebender Bilder aus dieser traurigen Zeit zu veranstalten.

Die Bilder, die unter Leitung der Kunstmaler Manuel und Donaubauer im Elysium in Sendling zur Aufführung kommen, sind über jede Kritik erhaben, von herrlicher malerischer Wirkung, würdig des großen Stoffes, den sie behandeln. Wir haben der Verdienste der einzelnen Mitwirkenden schon in der letzen Nummer gedacht und sind heute durch das liebenswürdige Entgegenkommen eines Amateurphotogrophen in der Lage, unseren Lesern jene Darstellungen im Bilde zu veranschaulichen.

Die Bilder führen uns in die Schmiede von Kochel, wo der Kriegsplan gefaßt worden sein soll, auf den Wiesenplan bei Schäftlarn, wo die Fahnen die Weihe erhielten, sie zeigen uns den Vormarsch der Bauern, die Erstürmung des rothen Thurmes – voran Schmied-Balthes – und das Gefecht am Sendlinger Friedhof.

Der riesenhafte Mann, der Schmied Balthasar Maier von Kochel, gewöhnlich »Schmied-Balthes« genannt, wird von einem Sendlinger Hünen, dem Thallirchner Meßner und Zimmermann Gabriel, der fast zwei Meter mißt, dargestellt.

Die unter König Maximilian II. gepflogenen geschichtlichen Erhebungen konnten allerdings nicht den Nachweis erbringen, daß dieser Mann thatsächlich gelebt. Er gehört dem Reiche der Sage an, aber wir Bayern halten ihn im Volksgedenken fest, wie die Schweizer ihren Tell.

Was die Ausführung der Bilder anbelangt, so hätten wir höchstens den Wunsch, daß Musik und Sänger verdeckt würden, daß die Längen des übrigens sehr poetischen und tiefempfundenen Prologs, den Kunstmaler Donaubauer verfaßt hat, durch Einfügung einiger kleiner Bilder gekürzt würden; denn das Unternehmen des Kirchenbauvereins dürfte nicht nur heute und morgen, es dürfte auf Jahre hinaus zugkräftig sein.

Mit fast übertriebener Delikatesse wurde die Nennung des Namens Oesterreich vermieden – die Geschichte läßt sich nun einmal nicht mehr aus der Welt schaffe».

Wir können unserem Berichte höchstens noch anfügen, daß das Schicksal der von den Oesterreichern gefangen genommenen Führer schlimm genug war; die »Rebellen« wurden enthauptet, der Körper des Weinwirths Jager sogar geviertheilt.

Mögen die Besucher der Darstellungen in Sendling, wenn sie in stiller Nacht mit tiefen Eindrücken von dem Gesehenen heimkehren, einen Blick hinaufthun zur Sendlinger Kirche, an deren Vorderseite soeben das Lindenschmitt'sche Gemälde renovirt wird, wo vor fast 200 Jahren die Helden von Sendling verbluteten, und diesen treuen Söhnen des Vaterlandes ein dankbares Andenken weihen!

H. R.

Neues Münchener Tagblatt Nr. 353 & 354. Dienstag den 18. und Mittwoch den 19. Dezember 1894.

»So lange der alte Peter...« (1923)

Sendling

Ein grauer Christtag, der heranzieht am Ende des schicksalsvollen Jahres 1705. Die letzten Haufen der Oberländler, deren Sturm auf die Stadt München mißlungen ist, haben sich hinaufgeflüchtet nach Sendling. Die Kaiserlichen unter General Kriechbaum halten sie in weitem Bogen umschlossen; sie sind umstellt wie jagdbares Wild. Ein Versuch, durchzubrechen, wäre vergeblich; er würde so viel bedeuten, wie gewissen Tod. Das verschneite, vereiste Land ringsum ist bereits bedeckt mit Verwundeten und Toten, die gefallen sind auf dem Rückzug vom Isartor bis Untersendling. Die noch Lebenden haben keine Wahl als zu sterben oder sich zu ergeben.

Die Mehrzahl wählt den letzteren Weg; denn es ist Pardon verheißen worden, unter der Bedingung, daß die Waffen sofort gestreckt würden. Sie tun wie ihnen geboten ist, drängen hinaus auf das freie Feld, werfen die Waffen von sich und sich selber auf die Knie. Die Rosenkränze haben sie herausgezogen, winden sie um die Hände, die sie aufheben zum Beten, zum Bitten – –

Eine Salve kracht. Geknatter und Geschrei – Geröchel. Dann heißt es: »Wer noch lebendig ist, stehe auf!«

»Und wie die erste Salva vorbey« – so lautet ein zeitgenössischer Bericht – »hat man gleich wieder Salva gegeben und türkisch umgemetzgert, bis 1100 Mann auf dem Platz geblieben«. Reiter und Fußvolk stürzen über die Wehrlosen her, mit Schüssen und Säbelhieben. Das Morden setzt sich fort in die Dorfhäuser, auf den Friedhof, in die Kirche hinein, wohin immer die noch Überlebenden sich zu bergen suchen. Wie der damalige Pfarrer von Sendling, Simon Schoyer, drei Tage später an den Fürstbischof berichtete, »hat man auch das Gotteshaus nit verschont, dises mit bluetvergießen, und beraubung der hineingeflichten Bauern profanirt, auch …die drey Sendling sammt Thalkirchen schröcklich beraubt, allen Bauern, Söldner und Tagwerkher all ihr Geld, Fahrnuß und Vich, wie auch mir über die 700 fl. bares Geld, auch alle meine Pferdt hinweggenommen.«

Die Pfarrkirche und ihre unmittelbare Umgebung waren Schauplatz des letzten Verzweiflungskampfes. Erst hatten die Bauern nach Gemeinden zusammengestanden, jetzt drängten sie durcheinander, wie wilde Tiere wehrten sie sich. Nach der Überlieferung kämpfte inmitten des verlorenen Haufens der Schmiedbalthes von Kochel nebst seinen Söhnen. Reckenhaft stand er, schwang seinen Morgenstern, bis er selbst zu Tode getroffen niedersank. Die geschichtliche Forschung hat keinen Schmied von Kochel gefunden, wohl aber festgestellt, daß ein Schmied Balthasar (Balthes) Riesenberger von Bach im Mangfalltal, Pflegamt Vallei, an jenem 25. Dezember sein Leben bei Sendling ließ. Vielleicht half eben sein Schreibname dazu, ihn im Andenken der späteren Geschlechter überlebensgroß darzustellen.

Die Wenigen, die dem Blutbad entrannen, wurden auf Leiterwägen in die Stadt geschafft, zum Gefängnis, zur Folter, zum Tode – sofern sie nicht vorher aus Mangel an Hilfe ihren Wunden erlagen.

Vier äußere Denkzeichen mahnen an die Sendlinger Mordweihnacht. Auf dem südlichen Friedhof der eiserne Weihbrunnkessel, den König Ludwig I. stiftete zum Gedächtnis der 682 Oberländler, die dort ruhen. Ferner der von Geheimrat Philipp Zwackh errichtete Denkstein auf dem Hügel des Sendlinger alten Friedhofes, der drei- bis vierhundert jener Tapferen deckt – und am Untersendlinger Kirchlein das Freskogemälde Lindenschmitt's, das deren letzten Kampf verherrlicht. Gegenüber von Kirche und Kirchhof aber erhebt sich seit neuer Zeit das eherne Brunnen-Denkmal des Schmiedbalthes mit dem Hammer in der Faust, als die Verkörperung des mannhaften opferbereiten Volkswillens, der sich gegen Unrecht mutig zur Wehr setzt und dem das Leben nicht als der Güter Höchstes gilt. Außerdem bewahren seinen und seiner heldischen Mitkämpfer Namen die Straßen Sendlings, welche die Stadt München sämtlich nach Jenen und nach ihren Heimatorten benannt hat.

»So lange der alte Peter...«. Ein Alt-Münchner Stadtbuch von Helene Raff. München; 1923.

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Denkmal für die Opfer der Sendlinger Mordweihnacht von 1705. Hier liegen die letzten menschlichen Überreste von 500 gefallenen Oberländer Bauern. Das Denkmal wurde 1830 von König Ludwig I. von Bayern errichtet; hier stand früher die Kirche der »Größeren Lateinischen Kongregation«.

© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.



© Reiner Kaltenegger · Gräber des Alten Südfriedhofs München · 2007-2026


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