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7 – 9 – 36 & 38* (Opfer der Pulverexplosion auf dem Oberwiesenfeld)

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Das Grab ist nicht erhalten

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Stanislaus Schmitt

† 16.5.1835 (München), 23 Jahre alt; Tod durch erweiterten Selbstmord – Pulverexplosion auf dem Oberwiesenfeld
Lehrers-Sohn aus Apfeldrang/Günzburg / Oberkanonier

Die große Pulver-Explosion zu Oberwiesenfeld bey München, am 16. May 1835.

Eine aus dem bayer. Volksfreund entnommene geschichtliche, getreue Darstellung aller bei diesem durch die Hand der Bosheit herbeigeführten großen Unglücke sich ergebenen traurigen Ereignisse und Merkwürdigkeiten.

Ein höchst beklagenswerthes, unglückliches Ereigniß hat Sonnabend am 16. Mai Nachmittags die Einwohnerschaft der Hauptstadt und die ganze Umgebung derselben in Schrecken und Betrübniß versetzt. Es war nämlich zwischen halb und dreiviertel auf 4 Uhr, als ein furchtbarer, gleich einem Erdbeben Luft und Erde erschütternder Schlag, so wie auch eine langsam und drohend von Norden nach Osten hoch über die k. Residenz schwebende, schwarzgraue große Rauchwolke, die Explosion des Pulvermagazins zu Oberwiesenfeld verkündete.

Die Verwirrung, die Angst und der Schrecken in der Stadt war allgemein. Jeder Hausherr oder Inwohner glaubte ein Erdbeben würde die Stadt vernichten, und laut klagend stürzten sich die Leute aus den Häusern auf die Straße, wo man ihnen in dem ersten Augenblicke des Schreckens kein Bescheid über das Geschehene mittheilen konnte.

Der Luftdruck und die Erderschütterung war so gewaltig, daß nicht nur in der benachbarten Umgebung des Magazins viele Häuser bedeutend beschädigt, die Fensterstöcke und Thüren etc. aus den Angeln gerissen, die Bedachung zertrümmert, sondern auch in der Stadt selbst und auch noch in den Vorstädten ein großer Theil der Fenster zerschmettert wurden. In der Pinakothek, Glyptothek und den benachbarten Gebäuden wurden nicht nur alle Fenster zertrümmert, sondern auch die Kreuzstöcke und Thüren herausgerissen, und in der ganzen Karls- und Türkenstraße war kein ganzes Fenster mehr zu sehen; in der Sonnenstraße und andern Orten sind sogar die Gläser und Blumentöpfe über die Tische und Stellagen geworfen worden. In den Kasernen, der k. Residenz, dem Münzgebäude, dem Zeughause, wurden größtentheils die Fenster zerschmettert, an der Frauenkirche ein Theil des Daches eingestürzt, und sogar in dem beinahe dreiviertel Stunden weit entfernten Krankenhaus die Fenster eingeschlagen. In Schwabing stürzten einige Städeln ein, und wurden ebenfalls, wie in einem Distrikt der Vorstadt Au und Haidhausen, die Fenster zertrümmert. Ein Maurer-Handlanger wurde am neuen Posthaus-Baue von dem Gerüste heruntergeschleudert, als wäre er vom Blitze erschlagen worden.

Ein verstümmelter Menschen-Arm wurde bis in das Innere der Pinakothek, und ein eisernes Zentner-Gewicht bis nach Schwabing geschleudert.

Weitern Nachrichten zu Folge sind dann nicht nur in den mehr als eine Stunde weit entfernten Dorfe Vöhring und Ismaning, sondern sogar an den hochgelegenen Gebäuden zu Freising und derselben Umgebung, viele Fenster zertrümmert worden. Merkwürdig ist besonders, wie weit bei diesem unglückseligen Ereignisse die Körpertheile der Verunglückten geschleudert wurden, denn bis jetzt hat man sogar einige derselben in der über eine Stunde weit entfernten Gegend der Sternwarte und der Hirschau aufgefunden, und man vermuthet daher nicht ohne Grund, daß noch mehrere Reste der zerrissenen Leichnamen in eine weitere Entfernung geschleudert worden sind.

Eingekommenen Nachrichten zu Folge ist die Pulver-Explosion selbst auf der 44 Stunden entfernten Festung, Oberhaus bei Passau, von den wachhabenden Kanonieren vernommen worden.

In Zeit von einer halben Stunde war der weite Raum des Unglücks und der Vernichtung mit vielen Tausenden von den zu Wagen, zu Pferde und Fuß herbeigeeilten Einwohnern der Stadt und benachbarten Umgebung bedeckt, und es war gräßlich anzusehen, wie da Einer den halben Arm, dort Einer den Theil von einen Schenkel, einer Hand, oder sonst einen verstümmelten, schwarz verbrannten und kaum mehr kennbaren Theil eines Leichnams von den Feldern herbeischleppte.

Bei dieser furchtbaren Explosion sind leider 9 Menschen, welche in diesem Augenblicke beim Umleeren des Pulvers in andere Fässer beschäftigt waren, ein Opfer des Todes geworden!

Der vor diesem Pulvermagazine gestandene Wachtposten wurde 3 bis 400 Schritte in einen Graben geschleudert, allein in einem solchen Zustande, ohne alle Kleidungsstücke, ohne Kopf und mit zerrissenen Gliedmassen gefunden, daß man gerade nur noch einen menschlichen Leichnam an diesen wenigen Resten erkennen konnte. Von den Leichnamen der andern 8 Individuen konnten bis jetzt in einem Umkreise von einer Viertelstunde, nur einige kleine Gebeine und andere schwarze Fleischrerste, hie und da das Stück von einer Hand oder einen Theil des Fußes, auf den Feldern aufgefunden werden, auf welchen die rauchenden Trümmer der Pulverfässer, des Holzgebälkes und die Steine des Gebäudes nach dem Windstriche bis in die Nähe der Türkenstraße geschleudert wurden. Auf dem Platze selbst, wo das Magazin gestanden hat, in welchem sich einige hundert Zentner Pulver und einige laborirte Munition befunden haben mögen, war das Mauerwerk dergestalt aus dem Grund und Boden gerissen und vernichtet, daß man nur aus der Verwüstung und Aufwühlung der Erde die Stelle mehr erkennen konnte, wo das Magazin gestanden ist.

Merkwürdig ist dabei der Umstand, wie wunderbar ein Kanonier bei diesem Ereigniß dem Tode entkommen ist. Der Magazin-Aufseher sandte wie vom Himmel ermahnt, den Bombardeur Osteried wenige Augenblicke vor der Explosion mit einen Brief auf die Post, kaum aber war er so weit entfernt, daß ihn das Unglück nicht mehr erreichen konnte, so wurde er von dem gewaltigen Schlag der erfolgten Explosion zwar zu Boden geworfen, aber am Leibe nicht beschädigt. Die bei 150 Schritte von dem Pulvermagazin entfernte Wachtmannschaft wurde von den zertrümmerten Fenstern und Theilen des ziemlich ruinirten Wachthauses zwar verwundet, jedoch keiner von den Soldaten bedeutend beschädigt, indem glücklicher Weise dieses Wachthaus sich in diesem Augenblick außer dem Windstriche befunden hat. Recht sehr wird indeß der traurige Umstand bedauert, daß der verunglückte Magazinär eine Frau mit fünf Kindern hinterläßt, welche sich auch noch im schwangern Stande befindet; die übrigen Verunglückten sind bis auf den Zeugdiener, nicht verheirathet.

Während in der Stadt nun über die Veranlassung dieses großen Unglückes verschiedene Gerüchte und Meinungen in Umlauf gekommen sind, die größtentheils die Schuld der Explosion der Unvorsichtigkiit zumuthen wollten, hatte man am Sonntage Morgens bei der vorgenommenen Montur-Visitation der verunglückten Artilleristen in dem Tornister des mitverunglückten Oberkanoniers Stanisl. Schmitt, einen eigenhändigen Brief aufgefunden, aus welchen man die schreckliche Gewißheit erhielt, daß dieser Elende aus Rache und Bosheit wegen angeblicher schlechter Behandlung das Pulvermagazin absichtlich, und vermutlich mit einem chemischen Zündhölzchen, angezündet hat. Dieser Kanonier ehemals ein Student, welcher gegenwärtig drei Jahre im königl. 1. Artillerie-Regimente gedient, hat laut den Aeußerungen seines hinterlassenen Briefes diese Schandthat schon seit längerer Zeit beschlossen, und sich zu diesem Zwecke an dem betreffenden Tage von dem Zeughausdienste zu den Arbeiten in dem Pulvermagazin absichtlich vertauscht, und leider mit kanibalischer Bosheit sich und noch 8 schuldlose Menschen hingeopfert! Der erwähnte Brief lautet wie folgt:

»Die schon seit längerer Zeit erlittene unwürdige Behandlung von Seite der Unteroffiziere der 1sten Linien-Batterie, dann die Sorge für meine fernere Existenz, die ich als Soldat äußerst gefährdet sah, bewog mich, meinem Leben auf eine gewaltsame Weise ein Ende zu machen, und zwar: daß ich den Pulverthurm in die Luft sprengte.

Möge mir mein Vorhaben gelingen: möge ferner dieses Ereigniß den betreffenden Behörden einen Wink geben, Sorge zu tragen, daß Leute, die durch ihre Bildung Anspruch auf eine bessere Behandlung halten, nicht behandelt werden, wie mir das Unglück zu Theil wurde, sonst könnte ein noch größeres und nicht in materieller Hinsicht allein bedauernswürdiges Unglück entstehen.«
Stanislaus Schmitt.

Ein zweiter Brief, den er einige Tage früher an einem aus seinen frühern Studien-Jahren bekannten hiesigen Geistlichen schrieb, der ihn öfters lehrreiche Ermahnungen gegeben und auch einige Unterstützungen zukommen ließ, lautet ungefähr wie folgt:

P. P.

Die traurige Lage, in welcher ich mich befinde, läßt mir zwar recht sehr die Reue fühlen, Ihren freundlichen Ermahnungen kein Gehör gegeben zu haben; allein nachdem ich Skribent zu werden gedenke, und zu diesem Zwecke eine Reise zu machen nothwendig habe, so finde ich mich veranlaßt, Euer Hochwürden neuerdings um eine kleine Unterstützung zu bitten, und verbleibe etc.

Nachdem nun auf dieses Schreiben weder eine Unterstützung noch eine Antwort eingekommen ist, so begab er sich den Tag vor seiner ruchlosen That, nämlich am Freitage, persönlich zu dem Geistlichen Herrn, um die Antwort zu erholen; allein derselbe, welcher wohl wußte, wie nutzlos eine Gabe an diesem Menschen verschwendet wird, hatte den Bittsteller mit dem Bescheid abgefertigt: daß er in Rücksicht der Unterstützung zu sehr von würdigen Kandidaten der Theologie in Anspruch genommen ist, als daß man auch noch Ex-Studenten berücksichtigen könne. Dieser Brief, welcher sich, wie man vernimmt, bei der kompetenten Behörde befindet, wird auch die Identität des erstern Briefes vollkommen erwiesen.

Am Montag den 18. Mai Nachmittags 3 Uhr wurden die aufgefundenen sterblichen Reste der durch die Pulver-Explosion verunglückten neun Individuen in zwei Särgen feierlichst zur Erde bestattet. Die große und allgemeine Theilnahme der gesammten Einwohnerschaft der Hauptstadt an diesem unglückseligen, schaudervollen, in den Annalen der Weltgeschichte denkwürdigen und gewiß in seiner Art beispiellosen Ereignisse, hat sich auch bei diesem eben so seltenen als bedauerungswürdigen Leichenzuge wieder lebhaft ausgesprochen; denn das Menschengedränge an der Grabstätte war so groß, daß die Träger der Särge sich kaum durchdrängen konnten. Der Trauerzug bewegte sich von dem Militär-Haupt-Spitale aus, von einem kommandirenden Artillerie-Offizier und 80 Mann mit Unter- und Obergewehr bewaffneten Artilleristen und 3 Trompetern begleitet, auf dem Kirchhofe. – Auf dem Leichenwagen befand sich ein Artillerie-Unteroffiziers-Kasket von einem mit weißen Rosen geschmückten Lorbeerkranz umwunden, und sonstens keine Insignen. Dem Leichenwagen folgte eine große, ehrenvolle Begleitung. Sr. Excellenz dem Herrn Generallieutenant Freiherrn von Colonge mit dem Kommandanten des k. 1sten Artillerie-Regiments, Hrn. Obersten v. Göschl an der Spitze, folgte das gesammte Offizier-Korps des k. 1sten Artillerie-Regiments mit mehreren Offizieren der Garnison, dann einige Stabsoffiziere und Mitglieder der k. Zeughaus-Hauptdirektion und dir Administrations-Beamten derselben, mehrere Hartschiere; ferners die Werkmeister der Ouvrier-Kompagnie, sowie die Unteroffiziere des 1. Artillerie-Regiments und viele Unteroffiziere der hiesigen Garnison, dann beinahe die ganze hiesige Kompagnie der k. Stadtgendarmerie. Als am Thore des Friedhofes der Leichenwagen angekommen, und die Träger die zwei Särge übernommen hatten, war der Anblick dieses Zuges herzerhebend und tieferschütternd! Der alte Schwiegervater des verunglückten Magazin-Aufsehers Daller wankte, so wie die unglückliche Gattin desselben, die späterhin ohnmächtig von dem Grabe getragen werden mußte, dem Sarge nach, der vielleicht nicht das kleinste Gebein von dem so schauderhaft dahin Geschiedenen umschloß; – und seine guten Kinder, welche zum Theil auf den Armen nachgetragen wurden, weinten laut um ihren Vater, der nicht mehr heimgekommen ist von seinem Dienste, den er immer getreu und redlich vollbracht!

Bei Einsenkung der beiden Särge wurden von dem im Friedhofe aufgestellten militärischen Leichen-Condukte eine dreimalige Musketen-Salve gegeben, und nach derselben, als der Priester das Grab-Gebeth verrichtet hatte, erstattete dieser über die unglücklichen Todesopfer der um die Gräber versammelten leidtragenden Menge folgenden individuellen Bericht:

»Unter denjenigen, die der Herr zu sich gerufen hat und deren Todtenfeier wir dahier begehen, befinden sich:

1tens der Magazins-Aufseher, Oberfeuerwerker Michael Daller aus München, 41 Jahre alt, mit 27jähriger Dienstzeit, Vater von 5 unmündigen Kindern;
2tens Artillerie-Korporal Karl Hagemann, Kaffetiers-Sohn aus München, 22 Jahre alt;
3tens Bombardeur Nikolaus Brandl, Häuslers-Sohn von Wiesend, k. Landg. Regenstauf, 37 Jahre alt;
4tens Oberkanonier Johann Weber, Unteroffiziers-Sohn aus Würzburg, 25 Jahre alt;
5tens Unterkanonier Johann Behr, Bäckers-Sohn aus Urspringen, k. Landg. Remlingen, 24 Jahre alt;
6tens Unterkanonier Johann Gottlieb, Häuslers-Sohn aus Pfaffenhofen, k. Landg. Weißenhorn, 21 Jahre alt;
7tens Oberkanonier Stanislaus Schmitt, Schullehrers-Sohn aus Apfeldrang, k. Landg. Günzburg, 22 Jahre alt;
8tens Zeugdiener Bartholomä Stückl aus Gräfenried, k. Landg. Weilheim, 31 Jahre alt, verheirathet, mit Hinterlassung eines angenommenen Waisenkindes;
9tens N. Brindl, b. Zeughaus-Schäfflers-Sohn von München, 19½ Jahre alt.«

Nachdem nun dieser priesterliche Akt der Einsegnung vollendet war, nahm der protestantische Geistliche das Wort, und hielt über die seiner Confession Angehörigen eine der schmerzlichen Veranlassung dieser Todtenfeier angemessene ergreifende Rede, und nach derselben beschloß eine von den Verwandten der Verunglückten veranstaltete Grabmusik die Leichenfeier, die nicht nur den Angehörigen und Bekannten der unglücklichen Opfer unmenschlicher Bosheit; sondern auch vielen andern Zuschauern und leidtragenden Menschen Thränen der Wehmuth und des innigsten Mitleides unwillkührlich entlockt hatten.

Die Geschichte liefert uns zwar viele Gräuelthaten der raffinirtesten Menschen-Bosheit und Entartung, und schreckliche Handlungen von den Grausamkeiten der Rache; allein, zu einen solchen Meuchelmord, wie Schmitt ihn vollbracht, und ihn derselbe, wie seiner kalten, verwegnen, der Gott und Menschheit Hohn sprechenden, wahrhaft teuflischen Schadenfreude gemäß zu folgern ist, noch allgemeiner, furchtbarer vollbringen wollte; – haben wir nichts ähnliches dieser Ar- von Verbrechen aufzuweisen? Denn wäre nicht an diesem verhängnißvollen Tage ein schlechtes Wetter eingefallen; so würden die Straßen der Umgegend frequenter, auch ein größerer Dienst auf dem Exerzierplatze gewesen und bei einem allenfalls veränderten Windzüge dürfte das Unglück nicht zu berechnen gewesen seyn. Es hätten in einem solchen Falle mehrere Hundert Menschen unter den Trümmern ihrer Häuser begraben werden können; – und das alles konnte einem Menschen, der 3 Jahre als Kanonier Dienste leistete, und dem die verheerenden Wirkungen des Pulvers wohl bekannt waren, nicht entgehen, und daher wird dieses Ereigniß, im Hinblicke der Veranlassung eben so schmachvoll und schändlich, als in Ansehung der so entsetzlich dahin geopferten, schuldlosen Menschen, in der Geschichte beklagenswerth erscheinen, und die ruchlose Gräuelthat selbst aber, nicht einmal auf dem Gebiethe der größten Frevel menschlicher Verworfenheit, ein solches Beispiel aufzuweisen haben.

Der für die Einwohner der Hauptstadt München gewiß unvergeßliche Tag, nämlich der 16. Mai 1835, an welchem das schreckliche Ereigniß dieser Pulver-Explosion, in Ansehung der damit verbundenen, höchst beklagenswerthen Umstände stattgefunden hatte, und jedes Menschengemüth empören mußte, ist wirklich reich an seltsamen, traurigen, merwürdigen und wunderbaren Erscheinungen, welches dieses gräßliche Unglück herbeigeführt hat; aber unter allen diesen Ergebnissen des Entsetzens und der großen Schrecknisse, dürfte sich wohl folgende Thatsache am meisten interessant und merkwürdig darstellen. Der Bruder des verunglückten Artillerie-Korporals Hagemann, ebenfalls Unteroffizier beim königl. Infanterie-Leibregimente, war eben im Begriff wegen einer anzutretenden Urlaubsreise von seinem geliebten Bruder in dem Magazine zu Oberwiesenfeld Abschied zu nehmen, als ihn auf halbem Wege dorthin die plötzliche Explosion beinahe zu Boden schmetterte, und der erste Blick nach seinem Erstaunen über dieses ihn unerklärbare Ereigniß fiel auf die abgerissene Hand seines unglücklichen Bruders, die zwar zerrissen, aber an dem wohlbekannten Siegelring, der sich noch an den schwarzen Fingern befand, kennbar genug auf dem Felde neben andern traurigen Resten der Zerstörung zu seinen Füßen lag. – Etwas später eilte sein Vater zu Pferde hinaus auf dem Platze des Schreckens und der Vernichtung, und als er auf dem Wege dahin die schreckliche Kunde von dem Tode seines Sohnes vernahm, sank der unglückliche Vater ohnmächtig von dem Pferde, das ihn auf jenen Platz getragen, wo eine verstümmelte Hand, als der einzig kennbare Theil von seinem verunglückten Sohne, und zwar von dem eigenen Bruder aufgefunden wurde.

Donnerstag den 21. May – wurde in der St. Michaelskirche ein größerer, solenner Trauergottesdienst für die bei der Pulver-Explosion Verunglückten, mit Predigt gehalten, durch welche alle zahlreich in der Kirche befindlich gewesenen Andächtigen tief und bis zu Thränen ergriffen wurden. Das ganze Artillerie-Regiment ist zu diesem Zwecke in Parade ausgerückt, und von dem Offiziers-Korps der übrigen Regimenter und Abtheilungen hiesiger Garnison, sowie von den Unteroffizieren derselben, hatte eine Deputation dem Gottesdienste beigewohnt. Die durch dieses beispiellose Ereigniß verunglückten Militärs sind (mit Ausnahme des Thäters) im Dienste bei der getreuesten Erfüllung ihrer Pflichten und eines schweren Berufes auf die entsetzlichste Weise durch das Werk der Menschenbosheit schuldlos umgekommen, und daher hat man ihnen auch mit vollem Rechte noch größere Ehren und Auszeichnungen angedeihen lassen, als denjenigen, welche auf dem Schlachtfelde gefallen sind.

So viel man vernimmt, wird dem kleinen sterblichen Reste der so höchst beklagenswerth Dahingeschiedenen auf dem Friedhofe ein Monument gesetzt werden.

Der Schaden, welcher durch die Pulver-Explosion zertrümmerten Fenster den königlichen Gebäuden zugegangen ist, wird vor der Hand auf 25,000 fl., und jener an den andern Gebäuden der Stadt und deren Umgebung auf mehr als 200,000 fl. angeschlagen.

Stanislaus Schmitt,
Oberkanonier im königl. 1ten Artillerie-Regimente, Mordbrenner und Selbstmörder.

In Betreff der früheren Laufbahn des unglücklichen Stanislaus Schmitt, können wir in Folge der von einer ehrenwerthen Hand erhaltenen Mittheilung nachstehende, ganz sicher verbürgte Nachrichten geben. Er begann seine Studien in Kaufbeuern, und kam im Jahre 1826/27 an die Studienanstalt zu Kempten, wo er aber schon im Jahre 1828 wegen Faulheit und schlechter Aufführung dimittirt wurde. Von dort ging er im Jahre 1828/29 nach Augsburg, und da er auch hier nicht entsprach, indem er ungeachtet seiner vielen Talente einmal eine Klasse wiederholen mußte, und sonst sehr viel Anlaß zu Klagen gab, wurde er im Jahre 1831 ebenfalls entlassen. Nun begab er sich nach Landshut in die vorletzte Klasse des Gymnasiums (die ehemalige Poesie), wo er aber nach einer kurzen Probe von 14 Tagen im Studienjahre 1831/32 zum drittenmale dimittirt wurde. Jetzt ging er zum Militär, wo er sich seitdem befand, und dem Vernehmen nach seinen unlöblichen Lebenswandel, besonders das Saufen, fortsetzte, und sich dadurch ganz natürlich auch wieder viele Verdrüßlichkeiten und Zurechtweisungen zuzog, mithin dasjenige selbst veranlaßte, was er in seinem hinterlassenen Briefe auf Andere – vorzüglich auf seine Vorgesetzten – hinüber zu schieben suchte.

Seine nun schon gestorbenen Aeltern waren recht wackere, brave, achtungswerthe Leute, und seine drei noch lebenden Schwestern sollen ebenfalls recht brav seyn. Wie aber der unglückliche Stanislaus zu so einem hohen Grade von Gottvergessenheit kam, läßt sich nicht bestimmen. Der Anfang war sicherlich ganz gering und unbedeutend, so wie der Funke, den er in das Pulverfaß warf, und der dann eine so furchte bare Wirkung hervorbrachte, und eine noch schrecklichere hätte hervorbringen können? So viel ist gewiß, daß keiner von seinen Mitschülern mit ihm Umgang haben mochte, und daß sein scheuer, unstäter Blick kein gutes Herz verrieth. Er konnte Niemanden frei und offen in's Gesicht sehen.

Sein Herz war stets den edlen Empfindungen der Freundschaft und der Geselligkeit, so wie den Trostgründen der Religion verschlossen, und menschenfeindselig in sich selbst zurückgezogen vermied der Finsterling allen kameradschaftlichen Verkehr, und Niemand kann sich erinnern, an demselben jene Regungen der Lust und Freude wahrgenommen zu haben, die bei dem guten moralisch-gebildeten Menschen, selbst in den bedrängtesten Lebens-Verhälnissen nicht zerstört werden können.

Seine Hauptleidenschaft war der Trunk, dem er sich schon frühzeitig ergab, und der ihn immer weiter in alle Laster führte; denn der Trunkenbold, der sich tief unter das Vieh erniedriget, ist zu aller Schlechtigkeit fähig und aufgelegt. Es gibt nicht leicht ein Laster, welches so viel Unheil anrichtet, als das – leider so häufige – Laster der Trunkenheit, mit welchem alle die übrigen immer im Gefolge sind. Das furchtbare Ereigniß, der schreckliche Knall, der noch lange in unsern Ohren forttönen wird, predigt diese Wahrheit auf eine fürchterliche Weise. Möchte dieser Schall nur auch in das Herz hinabtönen, und Manche, die diesem Laster ergeben sind, von denselben zurückschrecken; besonders aber diejenigen, welche demselben vorbeugen können, darauf aufmerksam machen, und ihnen zeigen, daß bei einem Menschen, der keine Religion hat, auch die Moral auf schlechten Füßen stehe. – Auch dieser Unglückliche mußte alle Religion und allen Glauben weggeworfen haben; denn es ist nicht möglich, daß ein Mensch, der nur das glaubt, was auch schon die Heiden glaubten – nämlich die Unsterblichkeit der Seele und die Belohnung und Bestrafung nach dem Tode, daß ein Solcher zum Selbstmorde, und zwar auf eine so schaudererregende Weise schreiten könne! Denn der Selbstmord ist eines der schrecklichsten Verbrechen, und das einzige, das man nicht mehr bereuen kann, sondern wobei man sich selbst unmittelbar dem strengen Gerichte Gottes überliefert. Jedoch der liebe Gott soll dann blos allein gnädig und barmherzig seyn, Seine Gerechtigkeit aber, die doch auch zu Seinen Eigenschaften gehört, ganz bei Seite legen, und soll einen Menschen, der im Leben nichts von Ihm wissen wollte, und durch den Selbstmord Sein köstlichstes Geschenk – das Leben – Ihm gleichsam vor die Füße hinwirft, sogleich mit liebevollen väterlichen Armen aufnehmen? Ein Solcher wird nicht mehr gerichtet, er hat sich schon selbst gerichtet, er hat sich sein Urtheil selbst gesprochen. (Joh. 3, 18.) Freilich wissen wir nicht, ob ein solcher Unglücklicher nicht noch im letzten Augenblicke einen Gedanken der Reue etc. gefaßt, und so einige Hoffnung hat auf Gottes Barmherzigkeit, welcher wir nie vorgreifen können; aber wahrscheinlich ist es nicht, daß ein Mensch, der im Leben Gottes-Gnade gleichsam mit Füßen trat, dieselbe im letzten Augenblicke noch erhalten werde. Solche Ereignisse, wie das mit dem rechten Schächer am Kreuze, sind eben sehr selten. Aber das ist leider das große Uebel unserer Zeit, daß der Glaube so sehr erloschen ist, – sogar bei gemeinen Leuten! Ja selbst gemeine Leute sind jetzt schon so starkgeistig geworden, daß sie die Unsterblichkeit der Seele und somit Himmel und Hölle läugnen, und blos als Pfaffentrug etc. ausgeben; nur erfunden, um das gemeine Volk im Zaume zu halten. Man will Alles begreifen und wissen, und nichts glauben, namentlich das nicht, was dem lieben Ich nicht schmeichelt. Man will aber nichts wissen, von den Verschriften der heil. Religion, man will mündig, selbstständig seyn, die geistigen Fesseln alle abwerfen, und so trennt man sich los von Gott, wird gottlos, und fällt so ganz dem Erbfeinde Gottes, dem Bösen, anheim, der dann eine so größere Gewalt über den Menschen ausübt, und ausüben kann, je mehr man sich jetzt Mühe gibt, ihn und seine Macht zu läugnen, oder auch wegzuspotten. Das ist die Frucht der falschen Aufklärung und – !!!

Als ein Beitrag zur Karakteristik des Kanoniers Stanislaus Schmitt, dessen Name in der Nachwelt wegen seiner verübten beispiellosen Gräuelthat, als berüchtigt fortleben wird, mögen folgende Züge und Aeußerungen nicht ohne Interesse erscheinen, bei Gelegenheit der Erzählungen und Zeitungsberichte über die häufigen Selbstmorde bemerkte Stanislaus Schmitt immer: die Menschen mit ihrem Erschießen, Erhänken, Ertränken und Halsabschneiden etc. wären sehr einfältig, denn ein resoluter ordentlicher Mann, der sich einmal das Leben nehmen will, müsse es auf eine Art bewerkstelligen, daß die Welt von ihm spräche, was auch er in einem solchen Falle thun würde. Zu einem seiner Kameraden, der auf dem entferntern Wachtposten stand, sprach der Bösewicht, nicht lange vor der schrecklichen Katastrophe: »Du wirst von einem Glück sagen können, wenn du heute deinen Kopf nicht verlierst!« zu dem nachher verunglückten Wachtposten vor dem Pulvermagazin sagte er: »Du wirst heute auch noch glücklich werden!« dem so glücklich und wunderbar entkommenen Bombardeur Osteried, bemerkte der Schändliche vor seinem Weggehen: »Bleibe nur noch ein wenig hier, wir werden ohnehin bald mitsammen abmarschiren!« Es lag also in seinem teuflischen Plane, in seiner lange vorher gemachten Berechnung, recht viele Menschen hinzuopfern, zu welchem Zwecke er sich ohne Zweifel einige Wochen früher in das große Pulvermagazin zu Grünenwald, glücklicher Weise aber durch die Wachsamkeit des dortigen Magazin-Aufsehers, vergebens einzuschleichen gesucht hat.

Es wird ferner von diesem, ehemaligen Studenten, Schmitt erzählt, daß er sich schon vor 4 Jahren mit zwei Krumbacher Purschen als Primiziant auf dem Lande herumgetrieben, den Leuten den heil. Segen gegeben und auf diese Art Leute um Geld und Gut betrogen habe, und als er sich endlich noch größern und lautbarern Unfug erlaubte, auch unter andern, angeblich von Amtswegen, Hunds-Visitationen vorgenommen hatte, wurde er endlich entdeckt, eingefangen und bestraft. Späterhin nahm er dann seine Zuflucht zu dem Militär, wo er in keinem Fache etwas Entsprechendes geleistet hat.

Bombardeur Georg Osteried, wunderbar errettet von dem schrecklichsten Tode.

Dieser von der Vorsehung so unverkennbar beschützte wackere Mann ist der Sohn eines Maurer-Meistere aus Weißenstein, königl. Landgerichts Ebermanstadt im Untermain-Kreise, hat schon in seiner Jugend eine gute christliche Erziehung erhalten und seinen Vater bereits durch den Tod verloren. Er ist gegenwärtig 40 Jahre alt, ledig, katholischer Religion, dient schon 23 Jahre, und hat drei Feldzüge mit Auszeichnung mitgemacht; in welchen er öfters den größten Todesgefahren glücklich entkommen ist; besonders in der Schlacht bei Hüningen, wo nur er alleinig, nachdem bereits die ganze Bedienungs-Mannschaft seiner Kanone gefallen war, am Leben verblieben, um Gott dem Herrn für seine Erhaltung zu danken, damit er noch länger als tapferer Soldat dem Könige und seinem Vaterlande nützen möge. Er war auch unter denjenigen braven Bayern, welche den König Otto von Griechenland nach Hellas begleiteten und auch auf dieser Reise, und in diesem Lande hatte Osteried wieder neuen Anlaß die schützende Hand Gottes, in Ansehung seiner Person, auf eine besondere Weise zu erkennen und zu bewundern! Kaum den vielfachen Gefahren der stürmischen Seefahrt entkommen, drohte ihm eine neue Gefahr, und zwar die große Gefahr auf Negropont mit der Festung in die Luft gesprengt zu werden. Diese Festung, welche bei Ankunft der Bayern die Türken noch in Besitz hatten, und nur bei den Vorkehrungen eines ernstlichen Angriffes dieselbe mit Unwillen verließen, wollten bei ihrem Abzuge die von der Festung besitznehmende Bayern in die Luft sprengen, welches Unglück jedoch durch die Wachsamkeit und den Muth der Bayern, unter denen sich auch Osteried befand, verhindert wurde, unglücklicher Weise sind aber doch bei dem gefahrvollen Unternehmen zwei bayerische Soldaten zu Grunde gegangen.

Osteried besitzt das Denkzeichen aus dem französ. Befreyungs-Kriege, so wie das königl. griechische Denkzeichen, hat einen tadellosen Lebenswandel, ist deßwegen auch von allen seinen Vorgesetzten geliebt und nur der Umstand, daß er mehrere Jahre als Fourierschütze gedient, konnte ihn von seinen weitern Beförderungen zurückhalten. Er, stets gewohnt den Pflichten seiner Religion eben so getreu und willig nachzukommen, wie den Pflichten seines Berufes, hatte bei seinem zweijährigen Aufenthalte in Griechenland selbst bei dem Mangel an Kirchen und Priester, seine heil. Religion nicht vergessen, und daher hat auch der liebe Gott seiner gedacht in der Stunde der höchsten Gefahr, und seinen getreuen Knecht mit göttlich schützender Hand, gleichsam aus den Flammen getragen, denen er bereits schon auf eine schaudervolle Weise so rettungslos hingeopfert war. Der Gerettete erkennt auch dieses Glück, er erkennt auch die große göttliche Gnade, die ihm wiederfahren, und überall wird ihm die größte herzlichste Theilnahme bezeugt, Jedermann will ihn sehen und sprechen, er wird von den ansehnlichsten Personen zu diesem Zwecke eingeladen, und Jedermann erkennt und bewundert auch an dem Schicksale desselben ein besonderes Werk der Gnade Gottes, welche Gnade aber auch jeden Frommen, der in dem Herrn wandelt und so wie Osteried auf Ihn vertraut, theilhaftig werden wird.

Worte
der
Trauer und des Trostes.

Eine
Gedächtnißrede am Grabe
bey der
durch die Pulver-Explosion vom 16. Mai verunglückten schuldlosen Menschenopfer und für die Hinterlassenen derselben.

Die entsetzliche Katastrophe vom 16. Mai, welche noch zu sehr und zwar mit allen ihren Schrecknissen, meine verehrtesten Zuhörer! in Ihrem Andenken leben wird, als daß sie eine weitere Erklärung der Ursache unserer gegenwärtigen Versammlung bedarf, giebt uns zu vielen ernsthaften, ja höchst traurigen und wichtigen Betrachtungen Anlaß, indem neun Menschen größtentheils in der Blüthe ihrer Jahre, ja wenigstens in dem schönsten Mannes-Alter, auf eine grausame Weise ihren Tod gefunden haben.

Ich sage: auf eine grausame Weise, und denke aber dabei an ein durch Zufall und Unvorsichtigkeit herbeigegeführtes Unglück, oder ich gehe noch weiter und denke wie die Gerüchte und vorliegenden Umstände es veranlassen: dieses Unglück und der entsetzliche Tod der Hingeopferten sey ein Werk der Rache, die ein Unglücklicher in seiner Verzweiflung an seinen Feinden verübt, die ihn Böses gethan, und die ihn zu diesem desperaten Schritte verleitet haben; – ja ich selbst fühle dieses Ereigniß unter diesen Umständen schon entsetzlich genug und nicht minder den Tod der Verunglückten grausam, und gewiß Jeder unter uns wird diese Gefühle und diese Ansicht mit mir theilen; aber, meine Verehrtesten! wenn ich denken soll, wenn ich denken muß, daß die Hand der Bosheit die Unschuld auf eine so furchtbare Weise hingeopfert hat: wenn ich denken, wenn ich glauben muß, daß ein boßhafter, entarteter Mensch, 8 schuldlose Menschen, seine eigenen Kameraden auf eine solche gräßliche Art und Weise vernichtet hat: da weiß ich nicht mehr was ich denken soll? Das empörte Gemüthe hat keine Empfindungen mehr für den Schmerz, der mich bei diesen Gedanken und bei diesen Worten ergreift, und ich weiß keinen Namen mehr um diese himmelschreiende Sünde, dieses beispiellose Verbrechen, für den Thäter zu bezeichnen, und es fehlt mir an Kraft, um das Mitleid und die Betrübniß über die Unglücklichen und für die Hinterlassenen derselben nach meinen innigsten Gefühlen auszusprechen; – ich kann hierauf nur mit meinen Thränen antworten, und meine Betrachtungen und Reflexionen über dieses beispiellos unglückselige Ereigniß mit dem Veranlasser desselben beginnen.

Wahrlich ich sage Euch, es gehört eine schwarze Seele, eine besondere Verdorbenheit des Herzens und eine Gottvergessenheit ohne Gleichen dazu, um einen solchen Frevel zu begehen, den wir besonders seinen unglückseligen Folgen wegen hier am Grabe der schuldlos Gemordeten beweinen, im Tempel des Herrn an allen Orten und zu allen Zeiten bedauern und beklagen werden; allein so groß und so unerhört auch die Entartung eines tiefgefallenen Menschen erscheint, so werden wir dennoch die nächste Veranlassung hiezu und niemals anders, als in der schlechten Kinder-Erziehung, oder in der Sittenlosigkeit und dem Unglauben der gegenwärtigen Zeit, und endlich in der immer mehr um sich greifenden Hintenansetzung, Geringschätzung, oder wohl gar Verachtung der Religion und damit vernichtet werdenden Nächstenliebe, aufsuchen und finden können?

Verehrungswürdige! Blicken Sie hin auf die überfüllten Gefängnisse, blicken Sie hin auf die Menge der in Zucht, und Straf-Arbeitshäuser büßenden Verbrecher; blicken Sie hin auf die große Zahl der einsamen Leichenhügel, unter welchen die Selbstmörder modern, und auf das Blut unter den Hochgerichten: werfen Sie endlich nur einen Blick auf die traurigen Tagesgeschichten unserer Zeit, nach welchen keine Woche, ja öfters in einer Woche kein Tag vorüber geht, ohne daß wir nicht einen Diebstahl, einen Betrug, ein Raub, eine schändliche Kinderverführung, einen Todschlag, einen Raub-Mord oder einen Mordbrand vernehmen und auch wirklich zu beklagen haben?

Blicken Sie hin auf diese furchtbaren Zeugen der Sittenn und Menschen-Verderbniß, und gestehen Sie selbst: ob nicht Ihr Herz, ob nicht die Menschheit zurückschaudern muß?! – O könnten Grabsteine und Leichenhügel, diese stummen unbestechlichen Zeugen der Wahrheit, sprechen: was würden sie uns oft zu sagen haben? Gar mancher wird uns sagen: »hier ruht ein Jüngling, dahingerafft in der Blüthe seiner Jahre durch den Tod, den als Folgen der schlechten Erziehung, seine Ausschweifungen in den Lastern mancherlei Art herbeigeführt haben. Hier, wird ein anderer sagen, ruht ein Mädchen, die einzige Hoffnung und die Freude ihrer Eltern, gefallen und gestorben in den schönsten Jahren als ein Opfer der Verführung, und nebenan würden wie die Klagen der unglücklichen Eltern vernehmen, welche durch das Unglück des geliebten Kindes vor der Zeit in das Grab gesunken sind. Ja, könnten wir aus dem ewigen Jenseits herüber die Stimmen der Geister vernehmen, so würden solche Jammertöne noch gar viele aus denen Gräbern kommen, in welchen jene Eltern modern, die durch Affenliebe, schlechte Relgions-Grundsätze, oder überdieß noch durch schlechtes Beispiel im Lebenswandel, das Verderben ihrer Kinder selbst bereitet haben? Hier unter diesem Gestein, dürfte sich eine andere Stimme vernehmen lassen: ruht der Vater einer zahlreichen Familie, der dem Drucke seines unglücklichen Schicksals erlag, das herz- und gewissenlose Menschen, denen er untergeben zu seyn das Unglück hatte, bereitet haben, und bei einem andern Verlaßenen in einem öden Winkel ohne Gedenkzeichen verwüsteten Hügel würden wir vernehmen: Hier ruht ein Jüngling, der durch Desperation wegen erlittenen Ehrenkränkungen, boshaften Verfolgungen, harte ungerechte Behandlung und Mißbrauch der Authorität und der Amtsgewalt, sich selbst den Tod gegeben hat. Wehe denjenigen, die eine solche Schuld auf ihren Gewissen tragen! der ewige Richter, die Gerechtigkeit Gottes, wird strenge Rechenschaft fordern von denjenigen, die da aufgestellt sind über ihre Untergebenen zu befehlen, und zu wachen haben über ihre Wohlfahrt; diese aber nicht beachten, die Pflicht, das Recht und die Menschlichkeit, gottvergessen mit Füßen zu treten sich erfrechen!

Wenn ich nun bei dieser Gelegenheit ein ernstes Wort über so manche traurige Veranlassung eines Selbstmordes zu sprechen mir erlaubt habe, so glaube ich nicht, daß Jemand der Meinung seyn wird: als würde ich nur im Mindesten diesem schändlichsten der Laster ein rechtfertigendes Wort angedeihen lassen; nein, im Gegentheil, dieses gegen Gott wie gegen sich selbst so unverantwortliche Verbrechen, ist unter jedem noch so niederdrückenden schmerzlichen Lebensverhältnisse höchst verdammenswürdig; denn der Selbstmörder, dem die Philosophen unsers lichtvollen und aufgeklärten Zeitalters, oder der (Wahnsinn?) sogar einen seltenen oder ehrenvollen Heroismus zuschreiben wollen, bleibt stets ein kleinmüthiger Feigling, der nicht einmal soviel Geisteskraft, soviel Muth im Herzen trägt, nicht einmal für Gott seinem Schöpfer und Erlöser, soviel Dankbarkeit, oder für sein eigenes Seelenheil soviel Liebe und Hoffnung besitzt, um die Spanne Lebenszeit geduldig auszuharren, die uns der Herr und Allerbarmer zur Prüfung unserer Tugend zum Ziele gesetzt hat? Hier in solchen schweren Prüfungstagen feiert bei dem guten Menschen die Religion, der Glaube, die Hoffnung und die Liebe zur Tugend, den glorreichsten Triumph, während der Böse die himmlischen Tröstungen der Gottesgnade und die beseligenden Erwartungen der Unsterblichkeit der Seele entbehrend, sich sowohl im Leben von den Gewissensmartern verfolgt, wie in der Stunde seines Todes der Verzweiflung überlassen muß! – Hier in diesem Falle wird uns die Kraft des Geistes eines frommen gottergebenen Christen wieder im glänzenden Lichte erscheinen! In der frommen Ergebung seines Schicksals, durch Standhaftigkeit und Muth im herben Leiden, durch Duldung und Resignation im vollen Vertrauen auf Gott, Erfüllung seiner Berufpflichten und im Gehorsam gegen seine Vorgesetzten; hier kann der Mensch die wahre Größe seines Geistes, den wahren Edelmuth seines Herzens und den Adel seiner Seele in dem schönsten Lichte zeigen; hier hat er Gelegenheit seinen Mitbruder durch ein edles Beispiel zu nützen, und für das Heil seiner Seele sich der Tugend Krone zu erwerben!

Meine lieben Freunde! durchsuchen Sie die voluminösen Akten der Justiz-Tribunale aller seit Jahrhunderten auf dem Schaffot verbluteten oder in den Zuchtanstalten verstorbenen und noch lebenden Verbrecher, oder fragen Sie die jetzt noch lebenden Beamten dieser Gerichtsstellen, so werden Sie aus der alten, wie aus der neuen Zeit erfahren, daß diese Unglücklichen größtentheils Religionsverspötter, Kirchen- und Priesterfeinde oder auch Trunkenbolde waren, dann als solche, zu allen Schlechtigkeiten fähige Menschenfeinde, allmählig gottvergessene Verbrecher geworden sind, und ein großer Antheil an der Entartung jenes Unglücklichen, welchem wir aus den vorliegenden Thatsachen den hier betrauerten schrecklichen Menschenmord zumuthen, dürfte wohl auch der Leidenschaft des Trunkes, und diesem zunächst eine überspannte Selbstschätzung, eine falsche, und eine auf eitle Prunksucht und den Genuß berechneter Ehrenliebe zugerechnet werden, und obwohl noch die von 8 schuldlos hingeopferten Menschen, in mehr als tausend Stücke zerrissenen und aber leider noch wenig aufgefundenen Körpertheile ein unerhörtes Verbrechen bezeichnen, obwohl zwei Wittwen und sechs unmündige Kinder und mehrere brave allgemein geachtete Eltern um ihre ihnen so furchtbar entrissene hoffnungsvolle Söhne jammernd und um Trost bittend ihre Hände gegen den Himmel heben; ist es dennoch Christenpflicht dem verirrten so tief gefallenen Sünder eingedenk der Worte des Herrn: »Richte nicht, so wirst du auch nicht gerichtet etc.« nicht zu verdammen, sondern unsere Pflicht erheischt es, sogar diesen armen Sünder selbst in unser Gebeth mit einzuschließen, auf daß ihm der Allmächtige gnädig und barmherzig seyn möge. Amen.

Nun auch zu Euch ein Wort des Trostes. ihr bedauerungswürdigen unglücklichen Eltern, die Ihr Eure geliebten Kinder, und ihr armen Kinder, die ihr eure guten Eltern verloren habt. – Trostvoll ist für Euch der Umstand, daß Eure Lieben in ihrem Dienste eines Todes gestorben sind, der durch ein großes Unglück herbeigeführt, von der ganzen Welt mit der herzlichsten Theilnahme tief betrauert wird, trostreich ist für Euch, meine Lieben, daß Gott der Allwissende seine Kinder oft zu sich ruft, um sie größeren Gefahren und leidenvollern Verunglückungen zu entreißen, die auch noch auf Familien schmerzlicher übergehen könnten, als sie gegenwärtig auf sie wirken; denn die Wege der Vorsehung sind heilig und unerforschlich!

Tröstlich indeß gewiß auch für Euch Ihr Mütter und Kinder, ist die Allerhöchste Theilnahme, die Huld und Gnade Sr. Majestät des Königs und der allergnädigsten Königin, Allerhöchstwelche für Euch väterliche Sorge tragen, so wie es Euch auch nur erfreulich seyn kann, daß alle, selbst auch Eure Behörden mit andern Wohlthätern wetteifern, um Euer Geschick durch Unterstützungen aller Art möglichst zu erleichtern, und trostreich darf Euch endlich der Gedanke seyn, daß Ihr Eure Lieben wieder sehen werdet in einer besseren Welt, wo es keine Bosheit, keine Täuschung und keine Trennung mehr giebt, und die guten Kinder die lieben Eltern und die Eltern ihre geliebten Kinder nicht mehr verlieren werden!

O möchte doch diese traurige unglückselige Katastrophe jedem Menschen zur Warnung bleiben, jedem Menschen ein Fingerzeig geben, also zu leben und zu wandeln in Gott und mit demselben: daß er alle Augenblicke bereitet ist zu kommen, wenn er abgerufen wird aus diesem Jammerthale; denn der Erdenpilger weiß es nicht, ob er, wie uns dieses schaudervolle Ereigniß wieder neuerdings gelehrt, wenn er sich am Abend seiner Tagesarbeit schlafen legt, am Morgen wieder erwacht und den neuen Tag erschaut; er weiß es nicht, ob er, wenn er am Morgen aus seinem Hause tritt, wieder heimkehrt am Mittag und sein Weib und seine Kinder sieht, von denen er keinen Abschied genommen, und vielleicht gar in Zank und Hader geschieden ist?

Der Vater Daller ist zwar liebevoll noch Mittag von seinem Weibe und seinen Kindern geschieden, aber er ist nicht mehr heimgekehrt zu ihnen am Abend nach vollbrachter Tagesarbeit zum häuslichen Male, und die Kinder fragen noch immer die weinende Mutter: warum der Vater nicht heimkehrt aus der Stadt, wo er niemals so lange geblieben ist, und die Mutter, die zwar weiß, daß er nicht mehr ist unter den Lebendigen, hat seinen Leichnam nicht, hat ihn nicht mehr, keinen Staub mehr von ihm gesehen, und kann mit zerrißnem Herzen und zum Himmel erhobenen Blicken den armen Kindern nur mit Thränen antworten.

Auf eine solche Weise trauern und klagen auch Eltern um ihre Söhne und Geschwisterte um ihre Brüder, aber sie kommen nicht mehr zurück in ihre Arme! denn der Allmächtige und Allbarmherzige hat sie abgerufen, und als Kinder der Seligkeit zu sich in den Himmel aufgenommen. Amen!

Die große Pulver-Explosion zu Oberwiesenfeld bey München, am 16. May 1835. Eine aus dem bayer. Volksfreund entnommene geschichtliche, getreue Darstellung. München, 1835.



© Reiner Kaltenegger · Gräber des Alten Südfriedhofs München · 2007-2026


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