Ω
Dem
Erfinder deutscher
Stenographie
Franz Xaver
Gabelsberger
k. g. Ministerialsekretär
geboren am 9. Februar 1789
gestorben am 4. Januar 1849
Seine
Schüler und Verehrer
Currant verba licet
manus est velocior illis.
Nondum lingua suum,
dextra peregit opus.
Rechte Seite
Georg
Gabelsberger
Stenograph
und Pharmaceut
geboren am 15. August
Ω
Gabelsberger, Franz Xaver; 9.2.1789 (München) – 4.1.1849 (München), Opfer kirchlicher Verfolgung; Erfinder eines Kurzschriftsystems
Gabelsberger, Georg; 15.8.¿ –; Pharmazeut und Stenograph
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* 9.2.1789 (München)
† 4.1.1849 (München)
Opfer kirchlicher Verfolgung; Erfinder eines Kurzschriftsystems
Ankündigung
Allen Freunden der Stenographie, oder der Kunst, so schnell zu schreiben, wie ein Redner spricht, habe ich die Ehre hiemit anzuzeigen, das nun mein auf gründlichen Selbstunterricht berechnetes Lehrbuch unter dem Titel:
»Anleitung zur teutschen Redezeichenkunst der Stenographie, von Fr. Xav. Gabelsberger; München 1834.«
vollendet im Druke erschienen, und sowohl bei mir selbst, als in den verschiedenen Buchhandlungen Münchens zu haben ist.
Dasselbe besteht aus zwei Theilen, einem allgemeinen; theoretischen und geschichtlichen, welcher im Buchdruke – und einem besonderen, praktischen, welcher im Steindruke ausgeführt ist.
Ich habe die möglichste Bemühung aufgeboten, den Gegenstand gründlich und klar zu behandeln, eine umfassende Geschichte der Kunst hinsichtlich ihrer Ausbildung und Pflege unter verschiedenen Völkern des höchsten Alterthums, wie der neuern und neuesten Zeit zu geben, ihren vielseitigen Nuzen auseinander zu sezen, ihre Grundprinzipien und deren verschiedenartige Anwendung zu bezeichnen, und endlich das von mir erfundene specielle Schrift-System mit solcher Genauigkeit und durch so viele Beispiele zu erläutern, dass, wie bereits faktische Beweise vorliegen, dasselbe ohne alle mündliche Unterweisung, blos aus dem Werke erlernt und eingeübt werden kann.
Das Ganze ist in Quartformat, 72 Bogen, auf weissem Velin-Drukpapiere im schönsten Druke hergestellt. – Preis in loco bis 1. Dezember 1834 6 fl. baare Bezahlung. – Buchhandlungen könne bei Abnahme des ersten, resp. Probe-Exemplars einen Rabatt von 36 kr. in Abzug bringen; bei weiterer Abnahme ist das siebente Exemplar frei. – Vom 1. Dezember d. Js. an steigt der Preis auf 8 fl. 6 kr. rheinisch. – Briefe und Gelder erbitte ich mir portofrei, so wie Namen und Ort des Hrn. Bestellers, allenfalls auch die geeignetste Sendungsgelegenheit deutlichst zu bezeichnen. – Diejenigen Herren Subscribenten, welche den praktischen Theil schon früher erhalten haben, werden ersucht, das Uebrige erholen zu lassen.
München, im Juli 1834.
Fr. X. Gabelsberger, k. quiesz. Sekretär, und erster landständ. Stenograph, wohnhaft in der neuen Karlstrasse Nro. 49 ebener Erde.
Bayerische National-Zeitung. 5. August 1834.
München, 4 Jan. Der Erfinder der Stenographie, Ministerialsecretär Gabelsberger, welcher erst in den jüngsten Tagen durch Zuerkennung eines lebenslänglichen Jahresgehalts einigermaßen für die großen Verdienste belohnt wurde die er durch seine Erfindung um die wissenschaftliche, ganz besonders aber die parlamentarische Welt sich erworben hat, verstarb plötzlich in Folge eines Schlagflusses, welcher ihn auf öffentlicher Straße heute Morgens 10 Uhr ereilt hat.
Allgemeine Zeitung Nr. 5. Augsburg; Freitag, den 5. Januar 1849.
München, 7. Januar. (Priv.-Corr.) Gestern hatten wir wieder einmal einen Beweis davon, daß die ultramontane Partei in Bayern sich seitdem Hrn. v. Abel die huldvollste Aufnahme bei Hofe zu Theil wird, wieder auf dem Gipfel ihrer Macht wähnt. Bei der gestern stattgehabten Beerdigung des berühmten Erfinders der Stenographie, Ministerialsekretär Gabelsberger, zu der sich 600 Leidtragende aus allen Ständen und von allen Confessionen eingefunden hatten, hielt der Geistliche eine, das Wirken und den ehrenwerthen Charakter des verstorbenen Greises gar nicht berührende Rede, hingegen erwähnte er mit besonderem Nachdruck, daß Gabelsberger plötzlich am Schlage und daher ohne mit den Sterbesakramenten versehen zu sein, gestorben sei, jedoch hoffe er, daß er Gnade vor Gott und ein Plätzchen im Himmel finden werde. »Weiter,« so schloß er seine eben nicht von christlicher Liebe überfließende Rede, »weiter weiß ich von ihm nichts zu sagen.« Sie können Sich denken, welche allgemeine Entrüstung dieses Benehmen des Geistlichen hervorrief.
Neue Fränkische Zeitung. Ein grundrechtliches Staatsbürgerblatt. No. 9. Würzburg; Dienstag, den 9. Januar 1849.
Nekrolog.
Franz Xaver Gabelsberger, Erfinder der deutschen Stenographie.
Geschildert von Dr. J. H. Wolf.
Franz Xaver Gabelsberger, der Erfinder und unermüdliche Förderer einer deutschen, formell und materiell systematischen Stenographie, ist todt. Mit seinem Leben ist unstreitig die fortschreitende Seele seinee Systeme erloschen und wenn wir auch mit ihm die praktische Seite seiner Kunst nicht zu Grabe tragen, so trauern wir an seinem Sarge doch über den entschwundenen schöpferischen Geist derselben; denn so, wie Gabelsberger, mit so großartig aufopfernder Liebe für das ureigene Kind seines Geistes wirkt ganz gewiß keiner seiner Jünger mehr.
Gabelsberger hat seiner Erfindung tausend und tausend Nächte; er hat ihrer Vervollkommnung ganz sicher sein Leben geopfert. Jenes sein geistiges Kind, wird nun wohl freilich adoptirt werden; aber der Adoptivvater kann nie und nimmermehr die Liebe des wahren Vaters besitzen. Doch ein Trost bleibt uns, Gabelsberger’s Stenographie ist fast volle 30 Jahre alt, groß genug, um allein sich durch die Welt zu tragen und gesund genug, um durch ihre Früchte die Schüler des Meisters auch zur geistigen Fortbildung derselben anzuregen. Dem Andenken des großen Meisters wollen wir eine Blume reichen.
Franz Xaver Gabelsberger erblickte das Licht der Welt am 9. Februar 1789 in München. Frühzeitig Waise erzog ihn ein Verwandter, der Chorregent und Lehrer Plinkhardt von Haag. Er studirte auf dem Gymnasium in München bis zur Poesie im Jahre 1808. Ein Jahr später versiegten die Quellen zur Fortsetzung seiner Studien und er mußte lediglich dahin streben, seine Subsistenz zu erhalten. Durch Empfehlung wurde er als Schreiber bei der Stiftungs-Administration in München untergebracht. Der Zufall machte ihn später mit Leopold Sennefelder bekannt, und während er diesem bei Lithographieen aushalf, lernte er diese Kunst selbst und verdiente sich manches Sümmchen damit. Als Kanzelist im Ministerium erwarb er sich durch Fleiß und moralisches Betragen allseitige Achtung. Er wurde Ministerialsekretär, aber bei eintretender Organisation bald pensionirt, jedoch gegen eigene Remuneration viele Jahre zuletzt im statistischen Büreau verwendet. Dies war die eine, für das Vaterland weniger relevante Seite des Verblichenen. Um desto großartiger ist die andere gewesen. Es ist seine Meisterschaft in der Stenographie.
Die Stenographie hat in Bayern mit der ersten Ständeversammlung im Jahre 1819 auch ihren ersten sehr schwachen Anfang genommen. Franz Xaver Gabelsberger, damals als Kanzelist in der Kammer der Abgeordneten verwendet, hatte sich für den Zweck des Nachschreibens der Reden eine ganz eigenthümliche Abkürzungsschrift erfunden. Oberflächliche Geister lächelten darüber; der einzige Feldmarschall Fürst von Wrede, dem der Versuch bekannt wurde, ermunterte das Streben des kühnen Autographen. Gabelsberger reichte jedoch mit seiner Kraft allein nicht aus, er nahm sich also einen Gehilfen. Jedoch trotz dieser Beihilfe waren seine Versuche, die Reden ganz und wörtlich nachzuschreiben, höchst mangelhaft. Um diesem Mangel abzuhelfen, wenigstens ihn nicht so sehr fühlbar zu machen, erfand sich Gabelsberger eine Schrift von neuen, auf das Prinzip der Stamm-, Vor- und Nachsylben gegründeten Zeichen, welche in der wechselnden Strichform zunächst die Consonanten nur ausdrücken, die Vokale aber andeuten sollten – und dieser Erfindungs-Moment gab eigentlich die Veranlassung zur später so sehr berühmten deutschen Stenographie, die den Namen »die Gabelsberger’sche« mit unbesieglicher Präeminenz trägt. Zur Vervollkommnung der Zeichen sowohl, wie zur Organisirung eines auf diese Zeichen und die Tironischen Noten der Römer gebauten Systems verwendete er seit fast 30 Jahren alle seine über den Beruf hinaus reichenden Stunden bis zu seinem am 4. Jan. 1849 Vormitt. ¾10 Uhr plötzlich in der Schwabingergasse vor dem russischen Gesandtschaftshotel erfolgten Tode oft, ja sehr oft bis in die tiefste Nacht hinein.
Nur mit einem solchen, gewiß auch seinen Tod leider fördernden Fleiße schuf er eine deutsche Stenographie von Grund auf neu und so fest, daß dieselbe ohne alle Widerrede jetzt den Ruf der besten in Deutschland und weit über seine Gränzen hinaus behauptet.
Das System des H. Gabelsberger in seinen beiden Hauptabtheilungen, Schrift- und Sprach-Kürzung, zeigte sich in seiner ganzen Vortrefflichkeit auch in der Anwendung auf die neugriechische Sprache; so wurde dasselbe durch einen k. bayerischen Beamten, J. M., für dieselbe angewendet und bewährte sich in der Ausübung als ganz vortrefflich, worüber der nämliche Beamte in dem Senate Griechenlands Probe ablegte. Die wirkliche Einführung der Stenographie in Griechenland scheiterte theils an der Indolenz der k. griechischen Regierung, theils und hauptsächlich an dem Umstande, daß die bayerische Regierung ihrem Beamten den nöthigen Urlaub für längere Zeit und die Erlaubniß, zu diesem Zwecke in k. griech. Dienste temporär überzutreten, verweigerte.
Stolpe in Berlin war nicht im Stande, dem Systeme der Gabelsberger’schen Stenographie Eintrag zu thun. Beim ersten preußischen Landtag waren Stolpe’s Schüler in den ersten Sitzungen schon nicht fähig, das nach dem Systeme ihres Meisters Geschriebene wieder zu lesen – und man mußte Gabelsbergersche Stenographen aus Dresden durch Estaffette kommen lassen, um das auf Sand getriebene Schiff wieder flott zu machen.
Selbst der auf ähnliche Weise zu einer eigenthümlichen Stenographie gekommene Winter in Stuttgart beugt sich mit seinen Schülern vor der unüberwindlichen Tüchtigkeit der Gabelsbergerschen Kunst, in der nicht allein eine Schnellschrift, sondern die Fähigkeit zur Ausbildung der deutschen Sprache selbst liegt. Nicht allein aber die deutsche Sprache war es, auf welche die Kunst des edlen Todten Anwendung fand; auch andere Sprachen, todte wie lebende, hat er in seinen zauberhaften Bildungskreis gezogen. So kam im Sommer des verwichenen Jahres ein Schüler sogar aus Dänemark – und Gabelsberger befriedigte seinen Durst nach praktisch- und theoretisch-stenographischem Wissen vollkommen, freilich um den sein Nervenleben sehr anstrengenden Preis der Voraus- und Zwischenerlernung der dänischen Sprache selbst. Rußland selbst hat sich vor zwei Jahren bei dem weithin bekannten Gabelsberger angefragt, ob sein Stenographie-System auf die russische Sprache anwendbar sey – und der Gefragte hat mit »Ja« geantwortet.
(Schluß folgt.)
Dr. J. H. Wolf: Der Bayerische Landbote Nr. 7. München; Montag, den 9. Januar 1849.
Nekrolog.
Franz Xaver Gabelsberger, Erfinder der deutschen Stenographie.
Geschildert von Dr. J. H. Wolf.
(Schluß.)
So kam es denn, daß die Gabelsberger’sche Stenographie-Schule im Interesse mündlich-öffentlicher wie Kanzel- und Katheder-Verhandlungen eine entschiedene Wichtigkeit behauptet, und daß es ein wahres Unglück wäre, wollte man ihre Relevanz im Staatsleben mißkennen oder gar unterdrücken.
Die Regierung von Sachsen, eine der erleuchtetsten in Deutschland, hat diese Wichtigkeit auch längst erkannt und eine selbstständige stenographische Schule unter Führung eines Schülers von Gabelsberger gebildet, ihm den Titel eines Professors und 1400 sächsische Thaler jährlichen Gehalt gegeben. Es ist dies der Deputirte beim Frankfurter Parlament, Wigard. In ähnlicher Weise hat sich die Winter’sche Schule in Stuttgart und in Karlsruhe etablirt. Gabelsberger blieb nicht zurück. Er hat schon seit 1835, anfangs im Lokal der polytechnischen Schule allein, und seit 1848 auch im Universitäts-Gebäude Unterricht in der Stenographie ertheilt und viele sehr tüchtige Schüler herangebildet. Dieselben erhielten nach einander durch ihren Meister den Ruf zur Verwendung bei den Ständeversammlungen in Innsbruck, Stuttgart, Sigmaringen, Karlsruhe, Frankfurt etc., und ärndteten sich und ihrem Lehrer überall das unbedingteste Lob.
Aber Gabelsberger hatte nicht bloß Schüler durch eigene, durch lebendige Vorträge, sondern auch solche, die ihn von Person nie gesehen, nie gesprochen, die Stenographie also lediglich aus seinen Werken erlernt haben. Um so größer war seine Freude, wenn sich ein solcher bei ihm gemeldet hat oder auf andere Weise ihm bekannt geworden ist. So hat er erst im vorigen Monate noch einen durchaus stenographirten Brief von einem österreichischen Oberlieutenant aus Mailand erhalten, worin derselbe erzählt, daß er die Stenographie aus Gabelsbsrgers Werk allein erlernt habe, und daß diese Kunst ihn bereits in alle Garnisonen, in alle Lager, auf alle Schlachtfelder begleitet habe, und daß er sie daher in jedem freien Stündchen bei Tag und Nacht übe, hiefür aber dem Erfinder selbst seine innigste Hochachtung und seinen herzlichsten Dank zolle.
Solche Anerkennungen wirkten natürlich entschieden wohlthuend auf das zarte Gemüth des Verstorbenen; sie wirkten auf ihn um so lebhafter, je länger ihm die offizielle Anerkennung seiner Verdienste im eigenen Vaterlande versagt blieb. Es ist nun einmal das traurige Loos aller großen Männer, daß ihre Würdigung erst nach ihrem Tode zum Durchbruch kommt. Gabelsberger hat übrigens jene Anerkennung noch erlebt. Freudig bewegt theilte er seinen Freunden die Nachricht mit, daß ihm Se. Maj. der König Max durch das Staatsministerium des Innern erst in der letztern Zeit des vorigen Jahres für seine Leistungen in der Stenographie die frühern prekären 500 fl. nun als definitive Besoldung, bei eintretender Gebrechlichkeit aber 250 fl. bewilligt habe. Daß ihm der Titel »Professor« verliehen worden sei, wie öffentliche Blätter meldeten, ist unrichtig. Allerdings aber hat er ein eigenes Belobungs-Dekret vom k. Staatsministerium erhalten. Offenbar wurden beide Resultate lediglich von Hrn. Frhrn. von Thon-Dittmer erzielt, wofür ihm öffentlicher Dank gebührt; denn er hat dadurch die letzte Zeit des berühmten Todten wahrhaftig auf’s Freudigste bewegt.
Diese Freude wurde ihm auch stets von seinen Schülern geboten. Väterlich ist er ihnen gegenüber gestanden. Ueber ihren Vorzug in der praktischen Uebung der von Ihm erlernten Kunst hat er niemals ihre Dürftigkeit vergessen. In ihrem steigende Verdienste hat er die glorreichste Errungenschaft seines Strebens, seiner vieldurchwachten Nächte gefunden. Oft hat man ihn dieser, die Körperkraft so sehr consumirenden Anstrengungen wegen liebreich getadelt. Seine Entschuldigung war und blieb immer die Hoffnung auf bessere Zeiten. Gabelsberger hat aber auch die k. Regierung veranlaßt, daß sie Prämien den besten Stenographen ertheilte, die in Form von Stipendien eine kräftige Stütze zur praktischen Ausbildung der Kunst selbst geworden sind. Dank der Regierung für diese schöne Handlung. Sie ist durch eine große Zahl tüchtiger Stenographen bereits mit den fruchtreichsten Erfolgen gekrönt worden.
Und so hat denn Gabelsberger Gutes gewirkt, wo es in seiner Macht stand. Im Ständehaus lebte er stets im freundlichsten Verkehr mit allen Denen, die seiner Hilfe bedurften. Kein böses Wort ist aus seinem Munde gekommen. Höchstens war es eine väterlich ernste Mahnung, die den Schuldigen beschämte. Dem Hrn. Archivar und Regierungsrathe Stumpf hing er mit entschiedener Treue für die Wichtigkeit des Dienstes an, und kein Mißklang hat je diese und die Harmonie mit den jezeitigen Direktorien zu ihm gestört. Wen er vorschlug, der erhielt die Stelle, und hat sie auch nach Kräften ausgefüllt. Sein Nachfolger in der Stenographen-Direktion ist der älteste Stenograph, nach dem Willen des Verstorbenen, nach Zustimmung des Archivariats und der älteren Stenographen, der Hr. Rathsaccessist Scheiber, ein Schüler des berühmten Todten schon seit dem Jahre 1834. Die Rettung der Einheit und Tüchtigkeit des Institutes darf man von seinem Nachfolger mit Bestimmtheit erwarten.
Und so scheiden wir denn von einem Manne, dem die bayerisch-deutsche Geschichte die Bürgerkrone nicht versagen kann; wir scheiden auf Ewig von ihm. Er war nicht minder groß wie Sennefelder, Utzschneider, Frauenhofer und Westenrieder. Ein Monument wird ihm nicht versagt bleiben; das schönste hat er sich durch seine unsterbliche Kunst selbst gesetzt. Friede seiner Asche! Muth seinen Schülern, auf der vom Meister betretenen Bahn unaufhaltsam der Vollendung entgegen zu ringen! Trost seiner Gattin und seiner einzigenm Tochter, deren Verlobung am dritten Tag vor seinem Tode noch den liebenden Vater zur thränenden Freude begeistert hat. Auf einstiges Wiedersehen, geliebter Freund!
Dr. J. H. Wolf: Der Bayerische Landbote Nr. 8. München; Mittwoch, den 10. Januar 1849.
Das Begräbniß des Ministerialraths Gabelsberger hat eine Art zelotischen Scandals auf dem Gottesacker veranlaßt. Gabelsberger war in ganz München und Hunderten seiner Schüler und Freunde auswärts bekannt als ein Mann der Liebe und des Friedens, als ein Muster an Sanftmuth, Biedersinn und Rechtschaffenheit. Dem erzeugt Gott in den Augen von Tausenden die Gnade, ihn abzurufen ohne Leiden und Kummer auf dem Krankenbett. Aber die Kirche läßt sich Rechte auf die Seeln so wenig nehmen wie ihre Stolgebühren. Darum ging die kurze Rede am offenen Grabe in Gegenwart von vielleicht Tausend Menschen dahin, ein solcher rascher Tod durch Schlagfluß sei ein Strafgericht des Herrn; also für die arme Seele zu beten! Vielleicht wäre der Priester an Ort und Stelle gemishandelt worden, wenn die Entrüstung dort Zeit gehabt hätte, sich nach außen zu entladen. Dafür ist sie wie ein Blitzstrahl über ganz München hingefahren und widerhallt in tausend Verwünschungen über den unausrottbaren Fanatismus noch zur Stunde fort.
Deutsche Allgemeine Zeitung Nr. 12. Freitag, den 12. Januar 1849.
Heute fand die Beerdigung des vorgestern plötzlich gestorbenen Erfinders der Stenographie, des allbeliebten u. verehrten Greises Gabelsberger statt. Wohl an 600 Personen aller Stände und Konfessionen schloßen sich dem Trauerzuge an, um den wackern Meister die letzte Ehre zu bezeugen, kehrten aber empört über das Benehmen des die Grabrede haltenden Pfaffen wieder heim. Dieser Geistliche, ich werde Ihnen wohl später den Namen mittheilen können, sprach in seiner Rede weder von dem durch seinen langjährigen Staatsdienst als Ministerialsekretär um Bayern, noch durch seine Erfindung um ganz Deutschland, ja um ganz Europa hochverdienten Manne, sondern meinte nur, man dürfe sich wohl der Hoffnung hingeben, daß der Verblichene Gnade vor Gott finden und, trotz dem, daß er seines plötzlichen Todes wegen ohne geistlichen Beistand von hier geschieden sei, in den Himmel gelangen werde. »Mehr,« so schloß er seine Rede, »weiß ich von ihm nicht zu sagen.« Ja, wie vorhin gesagt, das Korps der Finsterniß fühlt sich schon wieder stark. (U. S.)
Kemptner Zeitung Nro. 12. Freitag, den 12. Januar 1849.
Franz Xaver Gabelsberger, königl. bayer. quiescirter Ministerialrath, Erfinder der deutschen Stenographie, zu München; geb. den 9. Febr. 1789, gest. den 4. Jan. 1849* (* Nach der »Deutschen Gewerbezeitung.« 1849. Nr. 10. – dem »Kunst- und Gewerbeblatte des bayer. polytechnischen Vereins.« 1849. Heft 2. u. a. Blättern.).
G. ward zu München geboren, wo sein Vater, Joh. Gabelsberger, Hofblaseinstrumentmacher war. Als Knabe bahnte er sich durch seine schöne Stimme und durch seine Ausbildung in der Singekunst den Weg in das Kloster Ottobeuern. Nach dessen Aufhebung trat er in ein Studienseminar in München; entschloß sich jedoch aus Mangel an Mitteln um eine Universität besuchen zu können, sich dem Elementarschullehrfache zu widmen. Aber seine schwächliche Gesundheit nöthigte ihn, auch diese Berufsart aufzugeben und er erhielt als Kalligraph im Jahr 1809 seine erste Anstellung bei der Generaladministration der Stiftungen im nächsten Jahr als Kanzellist bei der königl. Kreisregierung in München. Nachdem er vom Jahr 1813 an als Kanzellist der Centralstiftungskasse gedient hatte, ward er im J. 1823 zum geheimen Sekretär im Staatsministerium befördert und erhielt späterhin den Titel eines Ministerialraths. Seine Mußestunden widmete er fortwährend wissenschaftlicher Ausbildung und beschäftigte sich besonders mit Lithographie. Seine für den Gebrauch in Schulen gelieferten Vorschriften fanden reißenden Absatz; auch erfand er eine sehr zweckmäßige Vorrichtung für den Elementar-Rechenunterricht, welche unter dem Namen: »Mechanische Rechnentafeln« etwa dieselben Dienste leisten sollten, wie die Lesemaschine beim Leseunterrichte.
Doch das höhere Verdienst erwarb sich G. durch Emporbringung und Verbreitung der nach einer ganz eigenthümlichen, von ihm selbst erfundenen, für Deutsche berechneten Schnellschreibemethode, nicht nur in Bayern, sondern in ganz Deutschland. Die erste Idee dazu erfaßte er lediglich zu seinem Privatgebrauch in der Absicht, Alles, was er sich im Dienste und privatim zu notiren hatte, mit größter Zeitersparnis aufzuzeichnen. Bald aber zeigte sich ein noch viel dringenderes und umfassenderes Bedürfniß der Anwendung einer solchen Schnellschrift. Denn als sich im Jahr 1819 die bayer. Landstände zum ersten Male versammelten, war G. im Stande, einige Proben seiner Schnellschreibekunst durch Aufnahme einzelner Verhandlungen vorzulegen. Was die vorhergegangene kurze Uebung noch zu wünschen übrig ließ, holte er bald durch ungemeinen Fleiß nach und es wurden ihm von Seiten des Staats besondere Unterstützungen gewährt, um seine Kunst zu immer größerer Vollkommenheit zu erheben.
G. schrieb zu seiner Uebung Hunderte von Predigten nach und als im Jahr 1829 Langenschwarz auf dem königl. Hoftheater in München als Improvisator auftrat, zeichnete er hinter den Koulissen die Vorträge wörtlich auf. In demselben Jahre ward sein Schnellschreibesystem auf Anordnung des Ministerium des Innern von der königl. Akademie der Wissenschaften geprüft und diese sprach sich dahin aus, daß diese Schnellschreibemethode einfacher, naturgemäßer und in Bezug auf die deutsche Sprache vortheilhafter sey, als die bisher zur Anwendung empfohlenen englischen und französischen Methoden. Auf den Antrag der Landstände ward G. im J. 1831 als erster landständischer Stenograph angestellt.
Er unterrichtete seit dieser Zeit viele junge Leute in seiner Kunst der Geschwindschreiberei eben so uneigennützig als erfolgreich; seine Lehrmethode war anziehend und gründlich; viele Studirende in München wurden durch ihn in den Stand gesetzt, bei dem Besuche ihrer Kollegien von der Stenographie den vortheilhaftesten Gebrauch zu machen. Mehere Jahre hindurch beschäftigte er sich mit der Ausarbeitung eines ausführlichen Lehrbuchs der Stenographie, das im J. 1834 unter dem Titel: »Anleitung zur Stenographie. München.« im Druck erschien und von Seiten aller Sachverständigen rühmlichste Anerkennung fand. Es verdiente sie besonders darum, weil G. nicht empirisch, sondern rationell verfuhr und sein Schreibesystem aus den Tiefen der Sprache und Grammatik hervorholte. Eben darum leisten bei ihm die sinnreichsten Vortheile im Stufengange grammatikalischer Entwickelung Das, was bei anderen stenographischen Lehrmethoden gewöhnlich nur Willkür erschaffen hat. Von den Vorzügen seiner stenographischen Kunst giebt die schnelle Verbreitung derselben das beste Zeugniß.
Zu Stuttgart wurde sie durch einen Schüler G.’s, Krieg, eingeführt; in Wien gründete ein junger Mann, J. Heger, der sie lediglich aus des Meisters Werken erlernt hatte, ein stenographisches Institut, das bald zur Blüthe gelangte. Auch in Karlsruhe, Kassel, Dresden und in der Schweiz werden Schüler des erprobten Meisters beschäftigt. Selbst das Ausland scheint seine Grundsätze anzuerkennen und zur Anwendung bringen zu wollen. Im Jahr 1833 übertrug ihm das Ministerium des Innern die stenographische Aufnahme der Verhandlung in dem vor den Asfisen zu Landau schwebenden Proceß gegen Wirth und Siedenpfeiffer.
Auch nachdem er in Ruhestand versetzt worden war, bediente sich der Staatsminister von Oettingen-Wallerstein seiner oft zur Aufnahme der wichtigsten Verhandlungen und außerdem beschäftigte ihn eine in vieler Beziehung höchst eigenthümliche Telegraphenschrift, die sich besonders durch sinnreiche Bezeichnung in größter Kürze auszeichnen soll. Von seinen Bestrebungen, die Stenographie auf die richtigsten Punkte zurückzuführen, zeugt sein letztes Werk: Neue Vervollkommnungen in der deutschen Redezeichenkunst. München 1843.
Von Charakter war G. ein Muster von Sanftmuth, Biedersinn und Rechtschaffenheit; gegen seine Schüler und auswärtigen Freunde war er bis zur Aufopferung gefällig. Der wackere Mann starb am oben bezeichneten Tage, getroffen von einem Schlagflusse auf der Straße und augenblicklich dem Leben entrückt. Als bei seiner Beerdigung der Priester in seiner kurzen Rede am Grabe die Andeutung machte: »ein rascher Tod durch Schlagfluß sey ein Strafgericht Gottes« und demnach für die arme Seele zu beten aufforderte, so wäre – nach einer Korrespondenznachricht in der Deutschen Allg. Ztg. v. d. J. Nr. 12. Seite 111 – »der Priester vielleicht an Ort und Stelle gemißhandelt worden, wenn die Entrüstung dort Zeit gehabt hätte, sich nach Außen zu entladen. Dafür ist sie wie ein Blitzstrahl über ganz München hingefahren und wiederhallt in tausend Verwünschungen über den unausrottbaren Fanatismus noch zur Stunde fort.«
Neuer Nekrolog der Deutschen. Weimar, 1851.
Gabelsberger Franz Xaver, 1789 (München) – 1849, Geheimer Ministerialsekretär und Erfinder eines Kurzschriftsystems; seine Berufslaufbahn begann G. als Gehilfe bei A. Senefelder, 1809 wurde er Diurnist (= mit Tageslohn entschädigter Hilfs-Schreiber), bei der Generaladministration der Stiftungen und Kommunen, 1810 Kanzlist bei der Kreisregierung, 1823 Geheimer Ministerialsekretär, 1826 Sekretär im statistischen Büro des Ministeriums des Innern, später Vorsteher des Stenographischen Büros und erster Landtagsstenograph; seit 1817 entwickelte G. das von ihm erfundene System der Kurzschrift, 1834 gab er die »Anleitung zur deutschen Redezeichenkunst oder Stenographie« heraus (2. Aufl. 1849, Neudruck 1904), die die Grundlage des nach ihm benannten Systems bildete; seine »Stenographische Lesebibliothek« (seit 1838) schuf weiteren Lesestoff; in der Folge entstanden in ganz Deutschland Hunderte von Gabelsberger-Vereinen; ihn selbst nannte man den »deutschen Tiro« oder »Vater der Stenographie«.
© Dr. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.