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9 – 1 – 6·9 (Pschorr)

Ω

Sarkophag

Grabstätte der Familie Pschorr

Linke Spalte

Josef Pschorr
Privatier u. vormaliger Besitzer der
Brauereien zum Hacker u. Pschorr
geboren den 2. Juni 1770, gestorben den 3. Juni 1841.
Ihm folgte seine Gattin
Elisabeth Pschorr
geb. Blaß
geboren den 30. März 1798, gestorben den 25. Jänner 1874.

Ruhe ihrer Asche!

Rechte Spalte

Georg Pschorr Sen.
Privatier u. ehem. Bierbrauereibesitzer z. Pschorr
geboren den 16. März 1798, gestorben den 12. März 1867.
Juliana Pschorr geb. Riegg
Bierbrauers und Realitätenbesitzers-Gattin.
geboren den 17. Febr. 1809, gestorben den 15. Okt. 1862.

Ω

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Georg Pschorr

* 16.3.1798
† 12.3.1867 (München)
Bierbrauer

Allgemeine Zeitung (15.3.1867)

Todes-Anzeige.

Dem unerforschlichen Rathschlusse des Allmächtigen hat es gefallen unsern innigstgeliebten Vater, Sohn, Großvater, Schwiegervater, Bruder, Onkel und Schwager,

Herrn Georg Pschorr sen.,
Privatier und ehemal. Brauereibesitzer zum Pschorr,

heute Morgens 10 Uhr, versehen mit den heil. Sterbesacramenten, nach längeren schmerzlichen, mit wahrer Ergebung ertragenen Leiden, im Alter von 69 Jahren in das ewige Leben abzurufen.

Schmerzerfüllt widmen wir diese Trauerkunde allen Verwandten, Freunden und Bekannten, und bitten für den Dahingeschiedenen um frommes Gebet und für uns um stille Theilnahme.

München, den 12 März 1867.

Die tieftrauernd Hinterbliebenen.

Allgemeine Zeitung Nr. 74. Augsburg; Freitag, den 15. März 1867.

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Josef Pschorr

* 2.6.1770 (Kleinhadern)
† 3.6.1841 (München)
Bierbrauer

Bayerische National-Zeitung (15.1.1837)

Miszellen.

München 14. Jäner. Es kann den Lesern der National-Zeitung nicht unangenehm sein, zu hören, wie Einer unserer würdigsten Bürgerveteranen, Pschorr der Vater, in fast jugendlicher Frische die Särge für sich und seine würdige Gattin am Kirchhofe, eigens dazu anwesend, für das Grab probiren ließ, ob sie nicht zu lang nicht zu kurz, nicht zu breit und nicht zu hoch seien. Andere fürchten sich schon vor dem Gedanken an die Ruhestätte der Todten – der ehrwürdige Pschorr läßt dagegen für sich und die Seinige noch bei Lebzeiten die Särge verfertigen und sieht mit eigenen Augen sein künftiges ewiges Ruhebett. Bürgern, die sich auf solche Weise mit dem Gedanken an den Tod befreunden, wird auch die letzte irdische Stunde süß und um so entfernter sein, je gewissenhafter dieselben auf die ordentliche Führung des Lebens gesehen haben und sehen.

Bayerische National-Zeitung Nro. 9. Sonntag, 15. Januar 1837.

Nürnberger Allgemeine Zeitung (9.6.1841)

München, 6. Juny. Der reiche Bierbrauer Pschorr bot dem Publikum nach seinem Tode noch ein prunkvolles Schauspiel. Nachdem der Körper des Verstorbenen mehrere Tage in einem reich dekorirten Saale seines Hauses ausgestellt war, bewegte sich diesen Abend 5 Uhr der unabsehbar lange Leichenzug durch die vollgedrängten Straßen, an seiner Spitze mehr als 200 Fackelträger, größtentheils Genossen verschiedener Gewerke. Zu den Eigenheiten des Verblichenen gehörte, daß er schon seit Jahren seinen Sarg im Hause bewahrte, den er vor wenigen Wochen mit frischem Firniß überziehen ließ.

Nürnberger Allgemeine Zeitung Nro. 160. Mittwoch, 9. Juny 1841.

Passavia (12.10.1841)

Der am 3. Juni l. J. in München verstorbene Privatier und vormalige Bierbrauer Joseph Pschorr, hat in seinem Testament nachstehende fromme Vermächtnisse bestimmt: zur Verbesserung des Benefiziums am Gottesacker einen Jahrtag in die Kirche zu St. Stephan dahier 1600 fl., dem Armenfonde in München 800 fl., dem Waisenfonde daselbst 800 fl., dem allgemeinen Krankenhause daselbst 800 fl., dem Blinden-Institute das. 800 fl., der Kinderbewahranstalt daselbst 800 fl., der Kinderbewahranstalt für Au und Haidhausen 800 fl.; zusammen 6400 fl. Se. Maj. der König haben zu befehlen geruht, daß diese, von dem frommen und wohlthätigen Sinne des Erblassers zeugenden Vermächtnisse durch das Regierungsblatt zur allgemeinen Kenntniß gebracht werden.

Passavia No. 283. Passau, Dienstag 12. Oktober 1841.

Neuer Nekrolog der Deutschen (1843)

Joseph Pschorr,
Bierbrauereienbesitzer zu München;
geb. d. 2. Juni 1770, gest. d. 3. Juni 1841.

Unter Münchens ausgezeichneten Bürgern der gewerbetreibenden Klasse nimmt P. einen verdienten ehrenvollen Platz ein. Dieser würdige Mann hat einen erfreulichen Beweis geliefert, was Rechtschaffenheit, Thätigkeit, Ordnungsliebe und Sparsamkeit im bürgerlichen Leben mit geringen Mitteln vermögen.

Seine Eltern waren wackere nicht unbemittelte Bauersleute zu Kleinhadern im Landgerichtsbezirke München, welche dem mit guten natürlichen Anlagen ausgestatteten Sohn eine gewissenhafte sittlich-religiöse Erziehung gaben. Er hatte Vorliebe zum Brauwesen und widmete sich diesem Geschäfte. Zu München in dem Oberkandler Brauhause trat er in die Lehre und machte darin bald ausnehmende Fortschritte. Nachdem er in diesem Haus etliche Jahre in Diensten gestanden, kehrte er wieder einige Zeit zum Betriebe der Landwirtschaft auf sein väterliches Hofgut zurück, übernahm aber in der Folge das Hacker’sche Brauhaus in der Sendlingerstraße zu München durch Heirath der Tochter seines Vorfahres, Therese Hacker. Sein Vermögen mochte damals beiläufig 10,000 Fl. und das seiner Gattin ungefähr in halb so viel bestanden seyn. Als sie ihr Brauanwesen antraten, war es sehr verschuldet, ja dem Ruine fast nahe gekommen.

Aber durch kluge Leitung, beharrlichen Fleiß und strenge Ordnung hob P. mit ausgezeichneter Geschicklichkeit in kurzer Zeit seinen Gewerbsbetrieb auf eine hohe Stufe. Das Hacker Bier gewann allenthalben den besten Ruf, P.’s Wohlstand stieg sichtlich, so daß er bald auf die Vergrößerung seiner Brauerei bedacht seyn konnte. Zur Verdoppelung der Quantität seiner Biererzeugung begann er das Sudwerk auf 2 Pfannen zu führen.

Im J. 1813 unternahm er außer der Stadt vor dem Karlsthor am Ende der jetzigen Baierstraße auf einem meist öden oder zu ungeheuern Sandgruben benutzten Grundstücke von 8–10 Tagwerken zwischen der Hochstraße nach Landsberg und dem Marsfeld auf dem Platze, welcher in der Vorzeit der Galgenberg hieß, die Errichtung eines so großartigen Kellergebäudes in 2 Hauptabtheilungen mit Remisen, Holzmagazinen, Gartenanlagen u.s.w., wie man desgleichen vorher zu München noch nicht gesehen hatte, alles nach eigenen Angaben und mit Ueberwindung aller Schwierigkeiten, welche in dem ungünstigen Terrain lagen. Die erste Abteilung desselben brachte er noch im J. 1813 zu Stande, die andere und den ganzen Bau vollendete er erst im J. 1824. Die Baukosten werden auf eine Summe von 400,000 Fl. angeschlagen. Beiläufig 60,000 Eimer Bier können in diesen Kellern gelagert werden. Im J. 1840 wurde ganz in der Nähe der Bahnhof der Münchner-Augsburger Eisenbahn angelegt.

Inzwischen kaufte P. im J. 1820 in der Stadt die kleine fast ganz in Verfall gerathene Braustätte, genannt zum Bauernhansel, in der Neuhausergasse, nebst 4 anstoßenden kleinen Wohnhäusern, ließ diese Gebäude sämmtlich demoliren und baute auf deren Stelle mit einem Koftenaufwande von beiläufig 250,000 Fl. ein kolossales Brauhaus, das allgemein bekannte Pschorr’sche Brauhaus. Im J. 1825 wurde jedoch P.’s Glück auch durch eim herbes Mißgeschick getrübt. Am 13. März d. J. entstand Nachts in seinem Brauhaus in der Sendlingergasse ein großer Brand, welcher es nebst den bedeutenden Vorräthen zu Grunde richtete. Bei diesem Unglücke bewies er einen hohen Grad seltener Geistessstarke. Stets gegenwärtig da, wo die Gefahr am größten war, ordnete er mit eben so viel Umsicht als Fassung und Ruhe die Arbeiten, um dem Brande sowohl im Innern so viel möglich Einhalt zu thun, als dessen Verbreitung auf die Nachbarschaft zu verhindern. Er hatte einen Schaden von mehr als 80,000 Fl.

Allein der thätige und umsichtsvolle Mann war dadurch nicht entmuthigt; er bedurfte auch nicht einmal der ihm vielfältig dargebotenen, aber von ihm erkenntlich abgelehnten Hilfe, er kaufte vielmehr noch 2 kleinere Nebengebäude zum Abbruch und errichtete ein stattliches sehr großes Brau- und Wohngebäude, forthin das Hacker’sche Brauhaus in der Sendlingergasse genannt, mit einem Aufwande von beiläufig 150,000 Fl.

Das Sudwerk hatte er mit solcher Schnelligkeit wieder hergestellt, daß schon ein Paar Wochen nach dem Brande wieder gebraut wurde. So wirkte P. rastlos bis in das J. 1834. Am 21. Sept. dieses Jahres übergab er seinen 2 jüngeren Söhnen die beiden großen Bierbrauereien. Matthias erhielt das Hacker’sche, Georg das Pschorr’sche Brauhaus. Ueber die 2 Hälften des großen Kellergebäudes ließ er das Loos entscheiden. Der nördliche Theil fiel an Matthias, der südliche an Georg. Schon mehrere Jahre vorher nach jeder Bauvollendung hatte er Jedem derselben die völlige Verwaltung einer der beiden Brauereien mit förmlicher Besoldung, unter seiner Direktion, übertragen.

Diese beiden thätigen Männer fahren in ihrem Geschäftsbetriebe ganz im Geist und nach dem Vorbild ihres Vaters fort. In welchem Flore sie ihr ausgebreitetes Geschäft erhalten haben, erhellet aus der großen Quantität ihres Gerstenmalzverbrauches; so hat z. B. das Hacker’sche Brauhaus für das Sudjahr 1839–1840 in 400 Suden 7606, für 1840–1841 in 404 Suden 7568 und für 1841 bis 1842 in 416 Suden 7716 Scheffel, die Pschorr’sche Brauerei für das Sudjahr 1839–1840 in 382 Suden 7200, für 1840–1841 in 357 Suden 6749 und für 1841–1842 in 411 Suden 8040 Scheffel [Ein baier. Scheffel hat 4,0457 preuß. Scheffel oder 2,2236 franz. Hektoliter.] Gerstenmalz verbraucht, sonach für das letzte Sudjahr beide zusammen 15,756 Scheffel und folglich, da nach den Angaben in öffentlichen Blättern der Gesammtverbrauch aller Privatbrauereien braunen Bieres in der Stadt München (ohne die Vorstadt Au) für dieses Jahr 107,176 Scheffel Malz betrug, allein mehr als der siebente Theil des von denselben überhaupt erzeugten Bieres geliefert.

P.’s älterer Sohn, Kaspar, hatte sich schon lange vorher nach Wien begeben, wo er als Essigfabrikant ein ansehnliches Haus in der Vorstadt Landstraße besitzt.

Als P. sich von dem Hauptgeschäfte zurückzog, erbaute er für sich noch ein besonderes großes Haus im schönen Baustyl auf dem Hauptmarktplatze Münchens (Schrannenplatze) an der Stelle von 2 zu diesem Zweck angekauften Häusern mit einem Aufwande von beiläufig 250,000 Fl., das eine Zierde dieses Platzes ist. Alle von ihm ausgeführten Bauten tragen das Gepräge außerordentlicher Festigkeit, Dauerhaftigkeit und Großartigkeit an sich, so auch sein Familiengrabmonument mit Gruft, welches er auf dem allgemeinen Leichenacker mit einem Kostenaufwande von 6000 Fl. errichtete. Er endete sein Leben an Altersschwäche, mit der Beruhigung, die Seinigen zum sorgenfreien Wohlstände gebracht und in seinem Wirkungskreis Alles geleistet zu haben, was ihm möglich war.

Er besaß einen festen, nicht zu erschütternden Charakter, was er einmal aus reiflich überlegten Gründen beschlossen hatte, das mußte zur Ausführung kommen. Er war eben so wohlthätig als religiös. Schon einige Jahre vor seinem Ableben hatte er sich seinen Sarg verfertigen und in einem Gemache seines Wohnhauses aufstellen lassen, mit solcher Ruhe sah er dem Tod entgegen.

Durch letztwillige Verordnung vermachte er 800 Fl. zum allgemeinen Krankenhause, 800 Fl. dem Waisenhause, 800 Fl. dem Blindeninstitute, 800 Fl. dem Armenfonde, 800 Fl. der Kleinkinderbewahranstalt zu München und 800 Fl. jener in der Vorstadt Au, dann 1600 Fl. zur Verbesserung des Beneficiums der St. Stephanskirche am Gottesacker zu München, mit der Verbindlichkeit eines solennen Jahrtagsgottesdienstes an seinem Sterbetage. Jedem der Dienstboten in seinen und seiner beiden Söhne Diensten zur Zeit seines Ablebens vermachte er eine vollständige Trauerkleidung und denen, welche schon 4 Jahre in Diensten standen, 200 Fl., denen zwischen 3 und 4 Jahren 150 Fl., denen zwischen 2 und 3 Jahren 100 Fl. und den übrigen unter 2 Jahren Jedem 25 Fl.

P. war 4 Mal verehelicht. Er sah bei der Wahl seiner Gattinnen nicht auf Vermögensverhältnisse, sondern nur auf Sittsamkeit, Rechtschaffenheit und häusliche Tugenden. Seine erste Gattin verlor er schon nach 5 Jahren glücklicher Ehe; die vierte, Elisabeth Blaß, hinterließ er als 43jährige Witwe mit einem ansehnlichen Witwengehalt und dem Besitze des oben erwähnten schönen Hauses auf dem Schrannenplatze. Außer den oben genannten 3 Söhnen aus P’s erster Ehe hinterblieben aus der zweiten und dritten noch 4 Töchter, von denen eine unter dem Namen Theresia Augustina den Schleier als Nonne des Ordens der Salesianerinnen in dem Kloster zu Dietramszell in Oberbaiern genommen hat.

Neuer Nekrolog der Deutschen. Weimar, 1843.

Gambrinus (1853)

I.

Joseph Pschorr.

Biographische Skizze.
Te facta dicunt.

Wo könnt‘ ich meinen projektirten Biographien-Ciklus besser beginnen, als mit dem Manne, der ausgestattet mit ächtem Bürgersinn, mit wahrer Gottesfurcht und eifriger, nie rastender und nie müder Menschenliebe, es noch überdieß bewiesen hat, was ein Mann mit weiter nichts, als mit seinen fünf Sinnen, mit Verstand, Thätigkeit, Sparsamkeit, vorzüglich aber mit dem, was jedes Mannes höchste Zierde ist; mit – Charakterstärke in einem kleinen Menschenleben zu erwerben, zu schaffen, herzustellen und auszurichten im Stande sei. Und dieser Mann war der Münchener Bürger und Bierbrauereienbesitzer Pschorr.

Kaum dem oberflächlichsten Beobachter, der in dem aufgehäuften, reichen Schatz der Münchener Merkwürdigkeiten sozusagen nur nascht, wird es entgehen, daß neben den imposanten, herrlichen König-Ludwigs-Bauten noch etliche Gebäude und Aufführungen stehen, die sowohl durch Kolossalität als durch Solidität sich vor Allen andern bemerkbar machen und unsere Wißbegierde reizen.

Wer könnte z. B. von der Bavaria zurückfahren, oder gar auf der Landsberger Landstraße hinaus, herein wandeln und nicht fragen: Wer hat über dem ungeheuren Erdaufwurf dort wieder das ungeheure Gebäude aufgeführt? Und unwillkührlich fallen ihm die mythischen Giganten ein, die auch Berge auf Berge gethürmt; allein wie dieses aus leidenschaftlicher Vermessenheit, so geschah jenes in ruhig-kluger Bemessung und Besonnenheit, und ist das kolossale Gebäude, das wie die deutsche Eiche sein Wurzelwerk eben so tief in die Erde gräbt, als es sein Kronwerk in die Lüfte streckt, weiter nichts, als das korrespondirende Kellerhaus zu den beiden Großbrauereien »Hacker« und »Pschorr« in der Stadt. Das wahrhaft grandiose Bauwerk mit zwei davorstehenden netten Lusthäuschen für die Elite von Stammgästen bei grobem Wetter und im Winter, umgibt weiter auf dem Walle mit den Bänken und Tischen für die Sommergäste ein grüner Kranz von kühlbeschattenden Linden und Kastanien. Einige davon, wahrscheinlich die Erstlinge der Pflanzung, sind mit wahrhaft »Pschorr’scher Munifizenz« durch massive Eichenvergitterung vor irgend möglicher Beschädigung geschützt und sichergestellt.

Um die Großartigkeit oder vielmehr den Reichthum der Ausstattung voll zu machen, ist, außer den Wallgräben, das weitläufige Ganze mit einem wohl zweimannshohen, ebenso massiven Stakettenzaun umgürtet – Saul, Bodenschwärtling, Stäbe und Balken, Alles und Jedes von Eichenholz!

Ein Werk, kostspielig und werthvoll, ja so kostbar und kostspielig, daß es von jedem Andern als Ostentation und Luxus, statt Lobes und Bewunderung, eher eine Rüge verdiente. Aber bei Pschorr ist das anders: besuche und besieh dir nur seine zwei Brauereien, die »Hacker’sche« in der Sendlinger- und die »Pschorr’sche« in der Neuhauserstraße, besieh sie dir wohl von außen und innen, und spaziere dann auf den (alten) Schrannenplatz und beschaue dir wieder das Haus, das er seiner Frau zum »Wittwensitz« erbaut hat, besieh es dir wieder wohl von innen und außen, und dann mache den weiteren Spaziergang hinaus auf den Kirchhof und betrachte dir sein Grabmal – Eines wie das Andere – kolossal, mit ungeheurem und ungescheuten Kostenaufwand! Eines wie das Andere bis ins Kleinste durchdacht, seinem Zweck entsprechend und für – ewige Dauer! Ohne daß man fragt, erscheint uns als Urheber alles Dieses ein Mann von außerordentlicher Willenskraft, von ebenso großem, praktischen Verstande und von Alles überragender Thätigkeit und Ausdauer! Nun, und ein Mann mit diesen Eigenschaften und Vorzügen ist auch im Stande durch Beischaffung materieller Mittel seinen Plänen und Conceptionen den sichtbaren Ausdruck, die körperliche Existenz zu verleihen. Daß auch die zeitlichen und politischen Verhältnisse nicht im Wiederspruch seyn dürfen, versteht sich von selbst.

Und so war es bei Pschorr. Die großen, französischen Kriegswirren waren allgemach vorüber, als er in voller Mannesreife seine schöpferischen Gedanken zu verwirklichen anfing.

Welcher redliche Biertrinker, nur von einigem gesetzten Alter, erinnert sich nicht noch der Calamität und des gerechten Jammers, wenn bei kaum begonnenem Herbste die Märzenfässer leer und Krug und Glas mit jenem abominablen Gesöff von sogenannt »gemeinen Bier« gefüllt vor Einem standen! Wie langte nicht Einer um den Andern seine Muskatnuß aus der Tasche und schabte und rieb und bröselte und rührte sie in sein hefenduftiges »Getränk,« und wieder, wie Andere, die das nicht mochten oder nicht vermochten, das Salzdöslein auf dem Tisch in Anspruch nahmen, und wie sie dann trotz dem Sämmtlich noch mit einem trommelartig gespannten Unterleib nach Hause gingen, und mit der gerechten Sorge: wie wird es mir heute Nacht, wie morgen früh, und den ganzen Tag ergehen??!

Nicht wahr, mein lieber, ehrlicher Gambrinese, das weißt du, sieh, und das wußte und sah Pschorr auch, aber er war mit dem bloßen Sehen und Wissen nicht zufrieden – er sann auf Mittel und Wege, dem Uebelstande zu steuern und – ersann und fand sie; mit ihnen aber auch zugleich die Quelle seines bis ins Unglaubliche wachsenden Wohlstandes, sowie seines Verdienstes und Nachruhmes! Kein Mensch wollte fortan, wenn jene gefürchtete Herbstzeit gekommen war, ein anderes als »Hackerbier« trinken. Die Wirthe aus Stadt und Vorstadt, die Wirthe von nah und fern kamen, das Geld in den Händen und die flehendlichste Bitte auf den Lippen, zu »Herrn Pschorr« um Hackerbier, nun, und dann that Herr Pschorr, was Jeder von uns an seiner Stelle auch würde gethan haben: er gab, soviel er erzeugen und ablassen konnte, an die besten und zuverläßlichsten Wirthe und – die andern ließ er laufen. Sieh‘, und aus diesem allereinfachsten, rein natürlichen Verfahren und Gebahren floßen ihm goldene Bäche, die aber unter seinen Händen neben unzähligen Wohlthaten und Gewinnausfall an seine Mitbürger sich zu Palästen thürmten und was noch mehr ist, zu einem ehrenhaften, festgegründeten, ja fast unvergänglichen Wohlstand seiner zahlreichen Nachkommenschaft.

Doch, was ich für ein seltsamer Biograph bin, und der kundige Leser mag wohl merken, daß dies meine erste biographische Arbeit ist; denn jetzt hab ich schon so Vieles erzählt und noch immer die Hauptsache verschwiegen, nämlich: wie dieser außerordentliche Mann, Pschorr, mit seinem Taufnamen geheißen, und wann und wo er das Licht der Welt erblickt hat? Ei denn, verzeihe, lieber Leser! und höre:

Joseph hat er mit seinem christkatholischen Taufnamen geheißen, schlicht und schlechtweg Joseph und nichts weiter, und sein Geburtsjahr ist, wo in Oestereich der große Kaiser Joseph bald seiner großen Mutter, der Kaiserin Maria Theresia mitregieren helfen durfte, und wo hier zu Lande der ebenfalls unvergeßliche Churfürst Maximilian Joseph III. sein gelindes Zepter schwang, nämlich das Jahr 1770, und das unfern von München gelegene Kleinhadern ist sein Geburtsort, und eine nicht allzugroße Bäuerei daselbst sein Vaterhaus. Ja, Hadern, das nach alten Schriftstellern altrömische Hadrianum, ist sein Geburtsort, und Schade, daß besagte Schriftsteller sich nicht auch über den Namen Pschorr hergemacht haben; denn das Psch, dann das doppelte rr ist jedenfalls aus Elision und Compression hervorgegangen und lautete vielleicht in seiner vollen Entfaltung ebenfalls urrömisch – (?) –, Schade!

Joseph war der einzige Sohn seiner Eltern, die sich ebenfalls durch Rechtschaffenheit, Sparsamkeit und Tätigkeit unter ihres Gleichen ausgezeichnet hatten; in allen Uebrigen hielten sie wahrscheinlich das Niveau der Uebrigen, indem unser Joseph erst groß und als Brauknecht in München seinen Namen schreiben lernen mußte.
Auffallend aber ist mir, der ich die Zähigkeit des Land- und Dorfbewohners kenne, daß Joseph, der einzige Sohn und Erbe vom geliebten Vaterhaus schied und daß er scheiden durfte. Ich ersehe daraus den scharf und streng ausgesprochenen Beruf, der sich in unverderbten Naturen immer als ein unwiderstehlicher Trieb zu erkennen gibt. Der Bauerssohn Joseph hatte den Beruf: der Verbesserer eines Hauptnahrungszweiges des bayerischen Volkes, überhaupt des kultivirten Menschen, und dadurch Einer der ersten und ausgezeichnetsten Bürger Münchens zu werden! Diesen Beruf hatte er, nicht aber den kleinen, bescheidenen seiner Eltern und seines Ortes: eine Weile unbeachtet in der Erde umzuwühlen und dann unter sie zu versinken und vergessen zu seyn.

Als Joseph Pschorr des Brauhandwerks mächtig, ja vielleicht schon im Besitze einiger Vortheile darin sich wußte, übernahm er durch Ehelichung der Tochter das »Hacker’sche« Bräuanwesen, und lud sich mit dieser Übernahme keine geringe Last und Sorge auf die Schultern, indem – wie der Nekrologist schreibt – »dasselbe hoch verschuldet, ja seinem völligen Ruine nahe gekommen war. Aber eben in diesem Besitze bewies er thatkräftig, was Fleiß, beharrliche Ordnung und sparsamer Sinn Gutes zu wirken vermögen.«

»Bald hob sich der Hacker’sche Gewerbsbetrieb auf überraschende Weise und das Münchener Hackerbier gewann allenthalben einen bevorzugten Ruf. Der Wohlstand des Bräuers Pschorr nahm sichtlich zu, und zwar in dem Maaße, daß er schon im Jahre 1819 auf Vergrößerung seines Geschäftes denken konnte. Demgemäß kaufte er sich 1820 ein kleines, fast gänzlich ruinirtes Bräuanwesen in der Neuhausergasse nebst 4 Wohnhäusern, und errichtete das nun kolossal dastehende Pschorr’sche Bräuhaus, war dadurch doppelter, im eigendlichen Sinn des Wortes Großbräuer.«

»Wie aber dem Glücke, um es vorsichtiger und besser genießen zu können, manchmal ein Tropfen Mißgeschicks von der Vorsehung beigemengt wird, so war es auch bei Pschorr der Fall. Es brannte ihm nämlich am 13. März 1825 sein Bräuanwesen in der Sendlingergasse ab. Allein der vorsichtige Geschäftsmann sorgt auch für mögliche Uebel schon voraus. So Herr Pschorr. Noch ehe 4 Wochen nach dem Brande vergingen, war das Sudwerk wieder in Thätigkeit, und selbst König Max kostete von dem neu erzeugten kräftigen Stoffe. Pschorr aber bedurfte auch nicht der geringsten, ihm vielfältig dargebotenen Hilfe, er kaufte vielmehr noch zwei Nebenhäuser, und errichtete auf deren Ruinen das nun stattlich aussehende Hacker’sche Bräu- und Wohngebäude in der Sendlingergasse. Früher schon hatte er nach eigenen Angaben das an der Pasinger-Landstraße liegende großartige Keller-Gebäude errichten lassen.«

Pschorr hatte während seines vielbewegten, thatenreichen Lebens 4 Gefährtinen, und sollte den in Gedanken, Unternehmung und Ausführung gleich großartigen Mann auch nicht Jede erkannt und begriffen haben, Eine, die Letzte – zu ihrer Ehre sei es gesagt! – hat ihn vollkommen zu würdigen verstanden. Sie ist es, die mit ihrer Liebe und Milde erst den rechten Frieden in sein Herz, den wahren Segen in sein Thun und Walten gebracht hat. Aber auch nur eine Solche konnte es ertragen, daß sie, an einer Zwillingsgeburt noch darniederliegend, aus dem Brande geflüchtet und in die Nachbarschaft in Schutz und Sicherheit gebracht, ihres theuren Mannes fast volle 3 Wochen nicht ansichtig ward; denn – sie kannte ja ihren Mann! – vor Allen mußte sein zerstörtes Sudwerk wieder in Gang und Thätigkeit gesetzt werden und – ward es auch, wie schon gesagt, eh noch ganze 4 Wochen um waren – dann freilich gab es ein Wiedersehen und eine gegenseitige Herzergießung!

Doch jedes, auch des größten Menschen Wirkungskreis hat seine Gränzen, jedes, auch das sonnigste Leben, wird schwächer und blässer und – doch wir wollen wieder einen Nekrologisten reden lassen. – »So wirkte und schuf Joseph Pschorr zum Wohl der bürgerlichen Gesellschaft und der Seinigen bis zum Jahre 1834, wo er seinen zwei Söhnen, Georg und Mathias seine beiden Braustätten durch’s Loos übergab, wo dann dem Herrn Georg Pschorr die Braustätte in der Neuhauserstraße – dem Herrn Mathias Pschorr das in der Sendlingerstraße gelegene Brauhaus zufiel. Sein letzter Bau war alsdann der des prächtigen, massiven Gebäudes am Schrannenplatze, wohin er sich von seinem angestrengten, thätigen Leben zurückzog, um seine letzten Lebensjahre in Ruhe hinzubringen.So überraschte ihn der Tod am 3. Juni 1841, den Tag nach seinem 71. erlebten Geburtstage, und er starb, wie sich die Todesanzeige so schön ausdrückt: sanft und selig in dem Herrn, getröstet und gestärkt durch die heiligen Sterbsakramente, an Altersschwäche, den Tod des mit seinem verflossenen Leben völlig zufriedenen Menschen. Bayern verlor an Ihm einen seiner ersten Bürger, die Armen Münchens einen großmüthigen Wohlthäter, seine Familie den zärtlichsten Gatten und Vater, und seine Freunde und Bekannten den edelsten, biedersten Freund. Die Erde sei Ihm leicht!«

Der verblichene Privatier und ehmalige bürgerliche Bierbrauereienbesitzer Joseph Pschorr hinterließ eine zahlreiche Familie in tiefster Trauer um ihn und in gerechtester Betrübniß. Die Todesanzeige lautet:

Indem wir diesen für uns höchst schmerzlichen Todesfall den geehrten Freunden und Bekannten des Verblichenen anzeigen, empfehlen wir den Verstorbenen Ihrem liebenden Andenken und uns Ihrem stillen Beileide

München, den 3. Juni 1841.

Elisabetha Pschorr, geb. Blaß, als Gattin.
Kaspar Pschorr, Inhaber einer Essigfabrik in Wien,
Georg Pschorr, bgl. Bierbrauereibesitzer,
Mathias Pschorr, bgl. Bierbrauereibesitzer, als Söhne.
Theresia Geiger, geb. Pschorr,
Elisabetha Lutz, geb. Pschorr,
Theresia Augustina geb. Pschorr,
Schwester von dem Orden der Heimsuchung Mariä,
Mathilde Pschorr, als Töchter.
Maria Anna Pschorr, geb. Scheffel,
Juliana Pschorr, geb. Rieg,
Anna Maria Pschorr, geb. Rechl, als Schwiegertöchter.
Dr. Joh. Nep. Geiger, Bataillons- und praktischer Arzt,
Joseph Lutz, Tapezierer, als Schwiegersöhne
und die übrigen Verwandten.

Das Leichenbegängniß geschah wahrscheinlich nach seinem letzten Willen, in feierlichster und zugleich würdigster Weise.

Wir haben ihn nun zur Ruhe gelegt, zur Ruhe in das von ihm viel beunruhigte Erdreich. Ein weniger gewissenhafter Biograph wäre zu Ende und vertauschte zufrieden die Feder mit der Streubüchse. Allein uns drängt es noch einige charakteristische Züge aus Pschorr’s Leben mitzutheilen, um sein Bild möglichst zu vervollständigen.

1.
Als Pschorr einmal glücklich seinen Namen schreiben gelernt hatte, übte er diese schöne Kunst so fleißig, daß die Familie ein ganzes Paquet Schrift von ihm aufbewahrt, worin er seine Erfahrungen und Rathschläge bezüglich des Brauwesens niedergelegt hat. Ein großer Theil der Schrift aber ist res privatissima familiae Pschorricae, da ein Glied derselben dazu die Veranlassung gab.

2.
Die Entwürfe zu seinen großartigen Bauten gab er bis ins kleinste Detail alle selbst an.

3.
Zu jeder geleisteten Arbeit verlangte Pschorr den Conto und bezahlte auf der Stelle ohne Abbruch. Doch die Arbeit mußte recht und gut, die Rechnung richtig seyn.
So stellte er z. B. einen Schloßer zu Rede und sprach: Meister! Ihr Conto ist unrichtig! »Herr Pschorr mit meinem Wissen nicht.« – Und doch, Sie haben die ausgesetzten ½ und ¼ kr. nicht gerechnet. – »Das hab‘ ich mir nicht zu thun getraut.« – Wissen Sie aber wie viel das macht? Es macht über 60 fl.! Hier sind sie. Ein andermal aber genaue Rechnung!

4.
Pschorr glaubte Ursache zu haben, in die Redlichkeit seines Schneiders Zweifel zu setzen. Er wog daher das für den neuen Kaputrock bestimmte Tuch, detto den fertigen, vom Schneider gebrachten Rock wieder, und siehe da! der fertige Rock trotz Futter, Fadenwerk, Knöpfen etc. wog weniger als das Tuch.
Der Schneider wurde bezahlt, aber seine Kundschaft war verloren.

5.
Wie seine Pünktlichkeit im Zahlen, so war sie auch im Einkassiren. Bei Uebergabe seines Ursitzes im »Hacker« fanden sich im Buche 4 fl. und etliche Kreuzer Ausstand.

6.
Pschorr bestellte bei einem betreffenden Meister schwere gepolsterte Stühle. Die Holzgattung, Form, Gewicht des Polsters, kurz alles ward genau bestimmt und angegeben. Vorher aber sollte der Meister zwei zur Besichtigung und Probe stellen. Der Meister kam ohne Säumen dem ehrenvollen Auftrag nach und stellte zur Zufriedenheit des Auges die zwei Probestühle. Pschorr besah sie um und um. – Gut! sagte er, aber jetzt machen Sie einen davon, diesen hier, auf. Der Meister sah ihn verwundert an. – »Ich will, daß Sie mir einen aufmachen!« Der Meister meinte, daß es ja doch für die Arbeit Schade wäre. Aber nichts half, er mußte den Sessel aufreißen und die Polsterung los machen. Jetzt kam wieder die Wage und – wieder siehe da! – am festgesetzten Gewicht ging ab. So – sagte Pschorr zum todverlegenen Meister — so, jetzt machen Sie nur wieder zu! – Hier ist das Geld dafür, aber ich brauche von Ihnen nichts mehr. Aber Herr Pschorr! bedenken Sie doch, einen armen Bürgersmann! – und – rief er in jäher Erbossung – Sie können ja doch auch ihren Reichthum nicht mitnehmen, und können auch nicht verhindern, daß Ihnen, wie jeden andern armen Teufel der Hund über das Grab läuft und – »dafür kümmern Sie sich nicht, das ist meine Sache, dafür wird schon gesorgt werden!« unterbrach Pschorr mit ruhigem Ernste den erbosten Meister; und sei es, daß er damals den Gedanken faßte, oder schon hatte; aber daß ihm kein Hund über sein Grab läuft, dafür (man sehe!) ist wahrlich durch eichenen Kasten und durch Eisengitter mehr als gesorgt!

F. St.

Franz Stelzhamer: Gambrinus. Humoristisches Münchener Taschenbuch für das Sudjahr 1853/54.

Münchener Ratsch-Kathl (29.1.1898)

12 Millionen für eine Büste in der Ruhmeshalle.

Das nette Sümmchen von 12 Millionen würde der Rentier Mathias Pschorr dem Magistrate als Geschenk spenden, wenn es dieser ermöglichte, daß dem Gründer der Weltfirma Pschorr, seinem Großvater, in der Ruhmeshalle eine Büste aufgestellt wird. Was wir dazu sagen? Zugreifen, sagen wir, denn mit 12 Millionen kann der Magistrat, falls er das Geld zu wahrhaft edlen Zwecken verwendet, unendlich viel Gutes schaffen. Allerdings müßte dem Magistrate ein starker Riegel in der Verwendungsweise des Geldes vorgeschoben werden, da er sehr viel Neigung zeigt, Gelder zu byzantinischen Zwecken zu verpulvern und für andere recht windige Liebhabereien hinauszuwerfen. Indeß ist die Sache nicht so einfach, da es vom Magistrate allein nicht abhängt diesen Wunsch des Herrn Math. Pschorr zu erfüllen. Bavaria und Ruhmeshalle sind nicht Eigenthum der Gemeinde, sondern des Staates. Ob nun der Staat sich bereit erklärt, auf ein diesfallsiges Gesuch des Magistrats einzugehen, bleibt fraglich, da er unter die »Unsterblichen« schwerlich einen schlichten Bürger, wie es der Gründer der Pschorrbrauerei war, einzureihen gesonnen sein dürfte. Wir stehen da freilich auf einem anderen Standpunkte, uns erscheint ein Geschenk von 12 Millionen zu edlen Zwecken mindestens eine ebenso rühmliche That, wie gewisse Leistungen von »Unsterblichen«, die in Bezug auf ihre Nützlichkeit für die Allgemeinheit hie und da einen Zweifel gestatten.

Eine hochherzige That erscheint uns, namentlich in unserer Zeit der krassen Selbstsucht und der rein materialistischen Lebensauffassung, eine gleichwerthige rühmliche Leistung als eine oft durch Zufall gemachte Entdeckung oder ein durch vieles Experimentiren und Probiren, oft auf Kosten des Staates, gelöstes Problem von lediglich theoretischer Bedeutung. Wenn dem nun so ist, so empfiehlt es sich, daß der Magistrat event. selbst eine Art Ruhmeshalle errichtet, in welcher er Menschen, die sich durch edle Handlungen auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit ausgezeichnet, Denkmale setzt, Denkmale der Dankbarkeit, auf welchen die Handlungen verzeichnet sind, welche uns weitaus bedeutungsvoller erscheinen, als die Bravouren irgend eines geschichtlichen Haudegens und die nicht selten oft höchst fragwürdigen »Großthaten« so einer von der Parteien Gunst gemachten Berühmtheit. Thaten der Menschlichkeit erscheinen uns ebenbürtig mit den Thaten des Geistes und erstere wirken oft weitaus befruchtender für die Allgemeinheit, als oft die Leistungen sogenannter »berühmter Männer«, gezeitigt durch Gunst und Zufall in der Epoche der Corruption.

Münchener Ratsch-Kathl No. 9. Unabhängiges Volksblatt. Samstag, den 29. Januar 1898.

Münchener Ratsch-Kathl (9.2.1898)

Also doch in die Ruhmeshalle

kommt die Büste von dem Großvater des Herrn Mathias Pschorr, dem Gründer der hiesigen Brauereifirma Pschorr. Wir sind gefeit dagegen, daß wir für das Großkapital das Wort ergreifen. Ganz im Gegentheil, wir bekämpfen es, weil es das Unglück der Welt ist, weil alles Unrecht aller Menschenjammer demselben entspringt. Aber, fragen wir, sind wir denn für das Kapital, wenn wir wünschen, daß dieses wohlthätigen Zwecken zufließt? Wir wünschten, daß Herr Mathias Pschorr Gelegenheit finde, die der Stadtgemeinde angebotenen 12 Millionen anzubringen, indem ihm seine Wünsche erfüllt werden. Man sei nur nicht ein so verbohrter Bewunderer von sogenannten »Berühmten«, um es gleich als eine Entwürdigung anzusehen, wenn ein Mann, der durch einen rühmlichen und imposanten Akt der Wohlthätigkeit sich auszeichnet, in die Büstenreihen dieser Unsterblichen eingereiht werden soll. Sind 12 Millionen Geschenk keine öffentliche Großthat, wenn sie geeignet sind die Thränen Tausender zu trocknen, den Hunger Tausender zu stillen, Menschen vom Untergang zu retten, emporzuheben aus dem Schmutze in dem sie geboren und in dem sie ohne fremde Hilfe verkommen müssen? Ist es weniger rühmlich, wenn ein Mann Armen und Enterbten zur Stufe des wirklichen Lebens, das unter anderen Umständen nur Vegetiren heißt, emporhilft und so glühende Dankbarkeit im Herzen Hunderter und Tausender entfacht, als wenn Einer wissenschaftlichen und philosophischen Krims-Krams sein Leben hindurch angehäuft hat, von dem seine Generation kaum Notiz genommen, spätere Generationen aber möglicherweise über die Verrücktheiten des »Berühmten« sogar lachen werden? Wir glauben nein! Uns erscheint eine That die das menschliche Elend lindert, die nach verschiedenen Richtungen hin die wohlthätigsten Folgen zu äußern geeignet ist, gewiß nicht minderwerthiger als die beste Geistesthat. Und wenn man erst erwägt, wie die Berühmten und Unsterblichen gemacht werden, wie sie z. B. die heutige Corruption sozusagen fix und fertig montirt liefert, dann sagen wir: Der Gründer der Pschorrbrauerei, der einen solch eminent wohlthätigen Enkel hinterlassen, der ihn, seinen Großpapa, noch über das Grab hinaus geehrt wissen will, daß er jetzt thun kann, was er zum Wohle der Armen und Bedürftigen der Stadt zu thun Willens ist, er schädigt die Gesellschaft der Unsterblichen in der Ruhmeshalle keineswegs an ihrem Ruhm, wohl aber wird er die Reihen der Würdigen, die dort in Büsten verewigt sind, ergänzen.

Münchener Ratsch-Kathl No. 12. Unabhängiges Volksblatt. Mittwoch, den 9. Februar 1898.



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