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Hier ruhen
Anton Kerschensteiner
Käsekäufler * 1801 † 1877
seine Frau Katharina, geb. Karl
* 1833 † 1895
sein Sohn Josef von Kerschensteiner
Kgl. Geheimrat u. Obermedizinalrat
* 1831 † 1896
dessen Frau Julie, geb. Reisenegger
* 1846 † 1925
und Josef Kerschensteiner, Kunstmaler
* 1864 † 1936
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Kerschensteiner, Anton; 1801 – Juli 1877 (München); Käsekäufler
Kerschensteiner, Josef Alois; 13.1.1864 (Augsburg) – 28.10.1936 (Stuttgart); Tiermaler
Kerschensteiner, Josef Ritter von, Dr. med.; 23.5.1831 (München) – 2.9.1896 (München); Geheimrat und Obermedizinalrat
Kerschensteiner, Julie von (vw) / Reisenegger (gb); 1846 – 15.1.1925 (Schondorf am Ammerse); Geheimrats- und Obermedizinalrats-Witwe
Kerschensteiner, Katharina (vw) / Karl (gb); 1833 – Dezember 1895; Käsekäuflers-Witwe
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* 13.1.1864 (Augsburg)
† 28.10.1936 (Stuttgart)
Tiermaler
Das Modellstudium des Tiermalers.
Von Josef Kerschensteiner.
Das hier in Frage kommende Studium ist sicherlich von allen Arbeiten nach dem lebenden Objekt das komplizierteste, das am meisten Hindernisse bietende. Und warum? Weil hier die Modelle die unruhigsten sind. Eine Schafherde soll, wie mir unlängst ein berühmter Tiermaler versicherte, nicht besonders stillstehen – wenn man alle die wolligen Wiederkäuer in corpore im leuchtenden Glanze des Sonnenlichtes – als Farbenstudie ans die Leinwand bringen will.
Ein einzelnes Haustier läßt sich wohl anbinden oder halten, ist aber trotzdem immer noch hundertmal unruhiger als ein Akt in der schwierigsten Position. Die Begeisterung für das »Fach« muß beim Tierdarsteller eine besonders starke sein, denn seine Geduld wird durch maßlose Hindernisse oft bis zum Rasendwerden gebracht.
Es möge mir gestattet sein, an einem recht eklatanten Falle, dem Malen nach einem Exoten eines Tiergartens zu zeigen, wie es so ungefähr bei der Sache zugeht. Eine wimmelnde Schafherde oder frei sich bewegende Kühe, Schweine oder Hühner werden gewiß ebensolche Schwierigkeiten bieten und mein Beispiel, das ich anführe, ist nur ein einziges von den tausenden aus dem aufregenden Berufe.
In der Mittagsstunde liegt eben die Bestie faul hingestreckt in der Sonne; eine bläuliche Holzwand, tief blaugrün beschattet, hebt das orangene Fell des Tigers zum malerischen Triumph heraus, das Weiß an der Brust des stolzen Indiers leuchtet prall, seine schwarzen Streifen erhalten nach oben Metallglanz, während der herrliche Kopf in einem duftigen Dunkel schlummert. Rasch ist man mit der Feldstaffelei zur Stelle, die Farben sind längst aufgesetzt und nun geht's los, nervös, hastig. Aber der Schlaf dieser schönsten aller Katzen ist selten tief. Ein Geräusch von irgend woher – sie öffnet die grünlichen Augen – und – erhebt sich! Armer Tiermaler, deine Sitzung ist aufgehoben! Jedoch das geniert den Mann sehr wenig: er wendet den geleimten Pappendeckel um, während der Tiger sich wieder im Sonnenlicht vor der blaugrün beschatteten Wand legt; natürlich ganz anders wie vorher. Man beginnt von neuem. Da wiederholt sich das böse Mißgeschick, der Indier ist nach einer Viertelstunde schon wieder aufgestanden. Man hat eine zweite Pappe bereit. Aber nochmals – dann später ein drittes und gar noch ein viertes Mal wird die Sitzung aufgehoben – aufgehoben durch lächerlich dumme, minimale Geräusche im Garten, die den in dieser Beziehung empfindlichen Asiaten stören. Gott sei Dank ist es nicht allemal so schlimm. Es giebt Tage, an welchen solch' ein Modell bis gegen zwei Stunden und oft in sehr schöner Stellung liegen bleibt. Diele Fälle sind leider selten und bedeuten für unser einen ein Fest.
Der Leser ersieht wohl, daß der Emsige, der mit seinen Tierobjekten so viel auszuhalten hat, eine rührende Begeisterung auch für den Stofs besitzen muß. Dieses Stoffinteresse haben sie alle die Tiermaler, alle, ausnahmslos, die mindesten wie die besten. Die Liebe zum Stoff ist sogar hier unbedingt notwendig, sonst überwindet auch der gute Kolorist oder Zeichner kaum auf die Dauer die extraordinären Schwierigkeiten.
Bald aber gelangen wir zu dem Standpunkte, daß, sobald wir mit Pinsel und Palette kommen, das Tier nur mehr dann Interesse für uns haben kann, wenn es einer malerischen Aufgabe unterstellt ist. Schon bei der Studie handelt es sich um Suchen, Finden und Wiedergeben eines koloristisch gestimmten Motivs, bei dem die Farbwerte des Bodens, der Wand, des Strohs, der Wiese, der Luft, des Wassers, des Schlagschattens, der Ferne, kurz aller das Tier umringenden Töne genau so wichtig sind und streng nach der Natur einzusetzen sind, als die Töne des Modells selber. Immer stärker und stärker suche der ein Maler sein wollende Tierdarsteller malerische Farbenprobleme auf, bei denen die Farben des Tieres einen reizvollen Klang zu einem Ganzen bieten. Nie das Tier allein malen, immer die Gesamtstimmung! So kann uns das Stoffinteresse nimmer schaden und ob wir Schafe, Kühe, Hunde oder Pferde, Tiger, Löwen oder Elefanten darstellen, niemand kann uns dann mehr zu den Zoologen, Hippologen oder Kynologen rechnen.
Unsere Arbeit ist öfter als die eines anderen Künstlers vor die Forderung einer »prima vista Manier« gestellt. Die gute lebendige Skizze erheischt mit wenigen Mitteln rasch den Ton der Stimmung mit dem Charakter der Form zu vereinen.
Bei einer größeren, weiter durchzuführenden Studie empfiehlt es sich, sowie anhaltende Unruhe des Tieres oder die Veränderung der Beleuchtung jeglichen Fleiß abschneidet, sofort die Leinwand stehen zu lassen und mit der Fortsetzung zu warten bis zu dem Tage, an dem Stellung des Modells und Lichtwirkung wiederum genau so sind, wie das vorige Mal. Vielleicht ist das morgen schon so. – Eine »Primaskizze« die wegen ebensolcher unabänderlicher Störungen in sich nicht abgeschlossen werden konnte, läßt man wohl am besten wie sie ist, ohne jemals weiter an ihr zu machen und sucht sie baldigst durch eine zweite, dritte oder vierte fertigere zu überbieten.
Beim Zeichnen in Blei oder Kohle etc. braucht die Beleuchtungsfrage durchaus nicht immer mitzuspielen. Hier können ebenso Ueberschneidungcn und Verkürzungen der Formen, sonstige charakteristische Linienerscheinungen oder Details fesseln. Mit den einfachsten Mitteln alles zu erreichen, bleibt auch hier wie beim Malen stets das Schönste.
Bewegungsstudien kann nur der Reifere unternehmen und die Benützung der Momentphotographie führt irre.
Das umfangreiche Thema, das an der Spitze dieses Aufsätzchens angezeigt ist, zu erschöpfen, davon kann hier nicht die Rede sein. Möge in vorliegenden kurzen Worten der Leser einen kleinen Einblick jedoch erhalten in ein ihm fremdes und schweres Studium.
Josef Kerschenseiner: Die Kunst für Alle. München, den 1. Mai 1898.
PERSONAL- UND ATELIER-NACHRICHTEN
STUTTGART. Die auf S. 401–403 abgebildeten Tierstudien sind von einem Maler, dessen Name den Lesern dieser Zeitschrift nicht mehr unbekannt ist. Der achtunddreissigjährige Künstler hat nach einem Vorstudium in der Münchener Akademie sich frühe schon der Tiermalerei zugewandt und in der Hauptsache seine Studien unter der Leitung von Hermann Baisch und Heinrich Zügel an der Akademie in Karlsruhe gemacht. Besonders unter Letzterem scheint sich eine Seite seines Talents entwickelt zu haben, die in den beigegebenen Bleistiftstudien nicht erkannt werden kann, nämlich seine Neigung zu einem reichfarbigen, üppigen und effektvollen Kolorit. Als ein glücklicher Zug in der künstlerischen Entwicklung Josef Kerschensteiner's darf wohl auch die Thatsache betrachtet werden, dass er als ein Schüler Zügels nicht auch Schafe malen zu müssen vermeinte, sondern sich einem ganz anderen Stoffgebiete zuwandte, das vor ihm unseres Wissens hauptsächlich P. Meyerheim und Heinrich Lang, mitunter auch L. Knaus, gepflegt haben, nämlich der kleinen und so unendlich malerischen Welt der Menagerien, herumziehenden Cirkusse u. s. w. In der That hat der Künstler aus dieser buntbewegten Welt der Affen, Bären und Bohémiens schon manche prächtige Skizze geschaffen; seine Vorliebe für exotische Tiere ist es auch gewesen, was ihn aus seinem geliebten München forttrieb, wo nun einmal ein zoologischer Garten nicht gedeihen will, ja wo – wie wir selbst miterlebt haben – überwinternde Menagerien von einem solch' allgemeinen Sterben heimgesucht wurden, dass es Herrn Hagenbeck in Hamburg angst und bange ward. In dem so schön aufblühenden Nillschen Tiergarten in Stuttgart findet Kerschensteiner seine geliebten Modelle beisammen, wie er sie nur haben will. Freilich, es sind keine sehr gefälligen Modelle und man hat seine liebe Not mit ihnen, die in ganzer Gestalt meist nur dann zu studieren sind, wenn sie – der Verdauung pflegen, während man sonst auf das Studium der Details angewiesen ist, bis man sich eine solche Formenkenntnis angeeignet hat, dass mit Erfolg an die Darstellung des ganzen Tieres gegangen werden kann. Namentlich die Affen leisten in einer ausgesucht boshaften Vereitelung der beabsichtigten Studien, die oft geradezu absichtlich erscheint, ganz ausserordentliches. Auf unseren Abbildungen erscheint besonders der ruhige forschende Blick des Löwen (s. unten) gut gelungen, ebenso die weiche Trägheit des ruhenden Tigers (S. 403). In Zukunft wird das Auge des Künstlers wohl noch mehr auf das Wesentliche und Charakteristische gerichtet sein.
T.
Die Kunst für Alle. München, 1902.
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* 23.5.1831 (München)
† 2.9.1896 (München)
Geheimrat und Obermedizinalrat
Kerschensteiner, Josef von, wurde am 23. Mai 1831 zu München geboren. Er besuchte die dortige Schule gleichzeitig mit Nussbaum, dem späteren Chirurgen, und zeichnete sich durch seine Vorliebe für Geschichte und durch seine musikalische Begabung aus. Im Alter von 17 Jahren begann er das Studium der Medicin an der Universität München. Nach der Beendigung desselben wurde er Assistent, zuerst am Hauner’schen Kinderspital, dann an der medicinischen Klinik, die damals unter der Leitung des Professors v. Pfeuffer stand. Die machtvolle Persönlichkeit des letzteren, der sich Niemand entziehen konnte, übte auch auf K. einen grossen Einfluss aus. Zur Vervollständigung seiner ärztlichen Ausbildung begab er sich dann nach Wien und liess sich 1858 als praktischer Arzt in Mering bei Augsburg nieder, wo er bald eine grosse Clientel erwarb. Im Jahre 1861 wurde er zum Bezirksarzt in Augsburg ernannt, 1872 zum Medicinalrath befördert und als Sanitäts-Referent der Regierung von Mittelfranken in Ansbach zugetheilt. Schon im nächsten Jahre wurde er in gleicher Eigenschaft nach München versetzt. Im Jahre 1879 trat er als Ober-Medicinalrath in das Ministerium des Innern ein und erhielt die Leitung der gesammten Sanitätsverwaltung Bayerns. Er gehörte durch längere Zeit zu den Herausgebern der Münchener medicinischen Wochenschrift; auch war er ein fleissiger Mitarbeiter von Friedreich’s Blättern. Seine Arbeiten betrafen die praktische Medicin, besonders die Kinderheilkunde, ferner die gerichtliche Medicin, Medicinal-Polizei und Geschichte der Medicin. In weiteren Kreisen bekannt wurden seine Aufsätze über die Fürther Industrie, die Münchener Canalisation, die Mortalitätsstatistik und Kinderheilstätten, die Methoden der epidemischen Forschung, die Verschleppung der Masern, des Scharlachs und der Blattern durch gesunde Personen, die Krankenhäuser für kleinere Städte und Ländliche Kreise und die Bekämpfung der Cholera, sowie seine historischen Schilderungen von Theophrastus Paracelsus, Malachias Geiger und Franz Thiermayer. In seiner amtlichen Stellung erwarb er sich grosse Verdienste durch die wohlwollende Förderung, die er den Aerztekammern und ärztlichen Bezirksvereinen zu Theil werden liess, durch die Verbesserung der Morbiditätsstatistik der Infektionskrankheiten, und der Anzeigepflicht bei ansteckenden Krankheiten, durch die Vervollkommnung des Impfwesens, durch die Vorschriften über Leichenbeschau, durch den Erlass einer neuen Hebammen-Instruktion und einer neuen Bader-Ordnung. Auch nahm er an der Durchführung der socialpolitischen Gesetzgebung, namentlich an den Vorbereitungen für ein Seuchengesetz, an der Regelung des Apothekerwesens, an der Herstellung der neuen deutschen Pharmakopoe und an den Verhandlungen über die ärztliche Prüfungsordnung Theil. Er war ein hervorragendes Mitglied des deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege und des ärzlichen Vereins in München und stand an der Spitze mehrerer Unterstützung- und Pensionsvereine für Aerzte. Desgleichen förderte er den Volksbildungsverein in München und rief dort die populären wissenschaftlichen Vorträge ins Leben. In der neugegründeten Haushaltungs-Schule ertheilte er selbst, obwohl mit Geschäften überlastet, den Unterricht in der Gesundheitspflege. Dabei war er auch als Praktiker thätig und wurde gern zu Consultationen gerufen. K. wurde zum Geheimrath ernannt, in den Adelstand erhoben und mit bayrischen und fremden hohen Orden reich geschmückt. Gleichwohl blieb er bescheiden und einfach, ein Gegner alles Streberthums. Sein klares kluges dunkles Auge wusste den Leuten in die Seele zu schauen. Sein derbes knorriges Aeussere barg ein edles Gemüth, welches jederzeit bereit war, das Gute zu unterstützen. Den ihm unterstellten Aerzten war er ein wohlwollender Vorgesetzter.
Ein überaus glückliches Familienleben gab ihm die nothwendige Erholung von seiner anstrengenden Berufsthätigkeit. Hier und im Kreise seiner Freunde, denen er treu blieb, pflegte er der heiteren Geselligkeit; als vortrefflicher Sänger und Flötenbläser, sowie als witziger, geistsprühender Tischredner war er überall beliebt. In den letzten Jahren wurde er stiller; ein Herzleiden quälte ihn und führte am 2. September 1896 seinen Tod herbei.
C. Merkel in der Münchener medicin. Wochenschrift. 1896. No. 43.
Th. Puschmann.
Theodor Puschmann: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog. Berlin, 1897.
Kerschensteiner Josef, Dr. med., von, Ritter, 1831 (München) – 1896, Mediziner, Obermedizinalrat und Medizinalreferent im Innenministerium; er studierte in seiner Heimatstadt Medizin, wurde 1858 praktischer Arzt in Mering, 1862 Bezirksarzt in Augsburg, 1873 Medizinalrat in Ansbach, 1874 zu München, bis er 1879 Obermedizinalrat und Referent im Innenministerium wurde; dieser Freund und Mitarbeiter J. N. von Nußbaums machte sich um das bayerische Medizinalwesen sehr verdient, er war auch Bibliothekar des Münchner Ärztlichen Vereins.
Hauptwerke: Über öffentliche Gesundheitspflege, Reform des bayerischen Mittelschulwesens vom ärztlichen Standpunkte aus, Krankenhäuser für kleinere Städte und ländliche Kreise, Veröffentlichungen über Paracelsus, Malachias Geiger u. a.
© Dr. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.