Inhalt | Register | |



12 – 2 – 55 (Zenger)

Ω

Prof.
Dr. phil. h. c.
Max Zenger
Hofmusikdirektor
Musikschriftsteller
1837 – 1911

Ω

|||

Dr. Franz Xaver Zenger

* 28.11.1798 (Stadtamhof)
† 30.6.1871 (München)
Opfer kirchlicher Verfolgung; Jurist

Unsere Zeit (1.7.1871)

In dem am 30. Juni 1871 verstorbenen Professor Franz Xaver Zenger hat die Universität München einen ihrer hervorragendsten Vertreter verloren. Zenger wurde am 28. Nov. 1798 zu Stadtamhof bei Regensburg geboren und siedelte bereits in den ersten Lebensjahren mit seinem Vater nach Augsburg über, wo er das dortige Gymnasium bezog, an welchem der Prinz Louis Napoleon, nachmaliger Kaiser der Franzosen, sein Schulkamerad war. Nachdem er dann nach absolvirtem Maturitätsexamen in Landshut seine Studien begonnen und fortgesetzt hatte, wurde er im Jahre 1823 daselbst zum Doctor beider Rechte befördert. Zu Göttingen, wohin er sich nun wandte, war er eifriger Zuhörer Hugo’s, Göschen’s, Karl Friedrich Eichhorn’s u. a. Es war besonders Hugo, zu dem er in nähere Beziehungen trat. Nach seinem Geburtsorte zurückgekehrt, lag er eine Zeit hindurch der juristischen Praxis ob, bis er sich im November 1826 als Privatdocent an der Universität München habilitirte und somit zu den ersten Lehrern der eben von Landhut in die bairische Metropole verlegten Hochschule gehörte. Zwei Jahre später folgte Zenger einem Rufe als außerordentlicher Professor nach Erlangen, kehrte indeß bereits im Jahre 1831 als ordentlicher Professor nach München zurück, um bis an sein Ende dort eine segensreiche Thätigkeit zu entwickeln.

Zenger war ein vortrefflicher Docent; nicht sowol durch den Glanz des Vortrags oder die Originalität seiner Methode, als vielmehr durch die anschauliche Klarheit und erschöpfende Gründlichkeit seiner Vorlesungen ausgezeichnet, hat er eine große Zahl tüchtiger und tüchtigster praktischer Juristen herangebildet und in dieser Beziehung wahrhaft Seltenes geleistet.

Besonderes Geschick besaß Zenger für die administrativen Functionen. Im Jahre 1840–41 war er Rector der Münchener Universität und hatte später eine lange Reihe von Jahren einen hervorragenden Platz im Senat und im Verwaltungsausschusse der Universität inne. Häufig Dekan der juristischen Facultät, lange Jahre hindurch Stipendienephorus, einigemal Vertreter der Universität im Landtage, endlich maßgebendes Mitglied des Spruchcollegiums, bewährte Zenger sich als ein durch Scharfsinn, Gelehrsamkeit, Charakter und praktisches Geschick ausgezeichneter Mann und wird als solcher stets in den Kreisen der Münchener Universität in gutem Andenken bleiben.

Die literarischen Leistungen Zenger’s beschränken sich auf seine Inauguralabhandlung: »De interventionibus generatim, et in specie illa quam vocant mixtam«, welche übrigens niemals im Drucke erschien, seine Habilitationsschrift »Ueber das Vadimonium der Römer« (Landshut 1826) und einen »Grundriß zu Vorträgen über das Pandektenrecht«, welcher Fragment geblieben ist. Ein lange von Zenger vorbereitetes Compendium des Römischen Rechts ist leider niemals ans Licht gekommen.

Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart. Monatsschrift zum Conversations-Lexikon. Leipzig, den 1. Juli 1871.

Münchener Bote für Stadt und Land (4.7.1871)

Hauptstadt-Neuigkeiten.

München, 3. Juli.

Wohl selten hat ein Leichenbegängniß unter so großartiger Theilnahme stattgefunden, wie gestern das des Professors Dr. Zenger. In dichten Schaaren strömten die Leute nach dem südlichen Friedhof, der die Tausende von Menschen kaum zu fassen vermochte. Es hatte sich nämlich mit Schnelligkeit die Nachricht verbreitet, daß dem Prof. Zenger von dem Ludwigspfarrer das kirchliche Begräbniß verweigert worden, weil Zenger seine Unterschrift von der Döllinger-Adresse nicht zurückzog. Zum ersten Male wurden bei dieser Beerdigung die in Eile auf dem Leichenhause angebrachten neuen Glocken geläutet, da auch das übliche Geläut auf der Stephanskirche unterbleiben mußte. Prof. Friedrich hatte den Muth, trotz seiner Excommunication, die kirchliche Beerdigung vorzunehmen. Dem Sarge folgten die Professoren der verschiedenen Fakultäten in ihren Talaren, 30–40 an der Zahl, an ihrer Spitze der Rektor magnificus Dr. Giesebrecht und Dr. v. Döllinger, die beiden Bürgermeister und die Studentenkorps. Am Grabe hielt Prof. Friedrich eine würdevolle Rede, in welcher er namentlich hervorhob, daß seine Priesterpflicht ihm geboten habe, dem Sterbenden die letzten Tröstungen seiner Religion nicht zu versagen. Von einem zahlreichen Sängerchor unter Kunz’s Direktion wurden Trauergesänge aufgeführt. Daß bei dieser unter so außerordentlichen Verhältnissen stattgefundenen Leichenfeier keinerlei Störung vorkam, zeigt von einem glücklichen Fortschritt des Rechtssinns unserer Bevölkerung.

Münchener Bote für Stadt und Land No. 155. Dienstag, den 4. Juli 1871.

Tag- & Anzeigeblatt für Kempten und das Allgäu (4.7.1871) I.

München, 1. Juli. Gestern fand hier die erste »altkatholische« Leichenaussegnung statt. Es starb der Professor des römischen Rechtes an hiesiger Universität, Hr. Franz Xaver Zenger, eine in der bayerischen Juristenwelt allbekannte Persönlichkeit durch die jährliche Wiederholung stereotyper saftiger Witze, die er sich in seine Kollegienhefte eingezeichnet hatte. Derselbe hatte die Adresse der Universität-Professoren an Döllinger, sowie auch notorisch die Museumsadresse unterschrieben. Als er sein Ende fühlte, schickte er nach dem Franziskanerkloster am Lehel, dessen eifriger Gast er im Refektorium wie im Bräustübl bis zu den jüngsten kirchlichen Wirren war, und erbat sich einen alten Schwaben aus Roßhaupten, den P. Parthenius. Dieser ließ ihm sagen, er werde erscheinen, wenn Zenger seine Unterschrift zurückgenommen habe. Zenger antwortete, als er diese Kunde vernahm: »Ich habe in meinem Leben nie gelogen, werde auch auf meinem Todbette nicht lügen.« Er wurde dann nach dem exkommunicirten Prof. Friedrich geschickt, welcher ihn Beicht hörte und beim Ludwigs-Pfarrer anfragen ließ, ob er Hostie und Oel haben könnte, was natürlich verweigert wurde. Sodann fuhr Friedrich nach Mering, holte Hostie und Oel und ertheilte dann Zenger die Sterbsakramente. Als dieser gestorben, segnete Friedrich die Leiche im Trauerhause aus und wird, wie wir vernehmen, auch Sonntag Nachmittags die Beerdigung vornehmen.

Tag- & Anzeigeblatt für Kempten und das Allgäu Nr. 155. Dienstag, den 4. Juli 1871.

Tag- & Anzeigeblatt für Kempten und das Allgäu (4.7.1871) II.

München, 2. Juli. Heute Nachmittags 4 Uhr strömten wenigstens 10,000 Menschen auf den alten Friedhof, wo Prof. Zenger beerdigt wurde. Die Beerdigung nahm Prof. Friedrich vor. Dem bekränzten Sarge folgten nach den Verwandten etwa 50 Professoren in ihren farbigen Talaren, dazu die beiden Bürgermeister. Um die neuen magistratischen Friedhofsglocken läuten lassen zu können, wurde die ganze Nacht gearbeitet und ein provisorischer Glockenstuhl hergerichtet. Die große Masse von Neugierigen, die vor 3 Tagen den Namen Zenger ebensowenig kannten, als Pandekten und Institutionen, drängte sich in den Leichenzug hinein, so daß man denselben nicht überblicken konnte. Die Herren vom Museumskomite waren nicht einmal in schwarzer Kleidung anwesend. Prof. Friedrich schildert die fast 40jährige lehramtliche Thätigkeit des Verstorbenen und erklärte am Schlusse, daß er eingedenk seiner priesterlichen Pflicht, dem Verstorbenen die Sterbsakramente gespendet habe, nachdem sie von einem Freunde des Dahingeschiedenen verweigert wurden. Die Bürgersängerzunft, deren Dirigent der Sohn Zengers, der bekannte Komponist Max Zenger, mehrere Jahre lang war, sang den Grabgesang: In paradisum decutant angeli. Die Ordnung war im Geringsten nicht gestört; er waren aber auch 50 Gendarmen aufgeboten.

Tag- & Anzeigeblatt für Kempten und das Allgäu Nr. 155. Dienstag, den 4. Juli 1871.

Passauer Zeitung (15.7.1871)

Leichenrede
auf
Prof. Dr. F. X. Zenger,
gehalten am 2. Juli 1871 auf dem alten Friedhofe zu München
von
Prof. Dr. J. Friedrich.

Hochansehnliche Trauerversammlung!

Wir haben einen Mann ins Grab gesenkt und zur ewigen Ruhe eingesegnet, auf den man mit Recht die Worte der Schrift anwenden kann: »Selig die im Herrn sterben«. Der Verblichene war ein wahrhaft christlicher Charakter, ein Biedermann in des Wortes vollster Bedeutung. Leider, daß meine Kräfte zu schwach sind, dessen vortreffliche Eigenschaften würdig zu schildern; eine weit beredtere Zunge als die meinige müßte diese Aufgabe lösen.

Der Verstorbene ist Herr Franz Xaver Zenger, Doctor und o. ö. Professor der Rechte an der k. Universität dahier. Er wurde am 28. November 1798 zu Stadtamhof geboren; allein schon wenige Monate nach seiner Geburt siedelte sein Vater, ein k. Proviantbäckermeister, nach Augsburg über. Hier verlebte der heitere und hoffnungsvolle Knabe seine Jugend. 1817 absolvirte er mit Auszeichnung die Gymnasialstudien an der Studien-Anstalt St. Anna, und das k. Rectorat glaubte die Erwartung aussprechen zu sollen: Zenger werde einst ein ausgezeichneter Theologe werden. Und wirklich hatte auch damals schon, wie mir der Verstorbene noch vor wenigen Tagen erzählte, ein eben wiederhergestellter großer und mächtiger kirchlicher Orden (der Jesuitenorden) auf den begabten Jüngling seine Aufmerksamkeit gelenkt. Es kam jedoch anders. Zenger bezog unsere Universität, welche damals noch in Landshut ihren Sitz hatte, und widmete sich mit seltenem Fleiße und unerschütterlicher Ausdauer dem Studium der Philosophie und Jurisprudenz. Er wußte dies zu leisten, ohne sich seinen Freunden zu entziehen; ja, der strebsame junge Mann stand sogar einige Zeit dem Corps Suevia als Senior vor. 1821–23 treffen wir ihn dann als Praktitanten an den k. Landgerichten Obergünzburg und Göggingen. Die praktische Laufbahn hatte jedoch keinen besonderen Reiz für ihn: er erwarb sich zu Landshut den juridischen Doctorgrad und wanderte im Herbste 1823 nach damaliger Studentensitte zu Fuß nach Göttingen, um an der dortigen k. großbritannischen hannover’schen Universität während eines Jahres seine wissenschaftliche Bildung zu erweitern und seinen juridischen Blick zu schärfen. Nach seiner Rückkehr (1824) bewarb er sich um die Dozentur in der juridischen Facultät, allein erst nach der Uebersiedlung unserer Universität trat er als Privatdozent ein (Nov. 1826). Der Senior unserer Hochschule, Herr v. Bayer, hatte sein Bittgesuch begutachtet. Zenger gehörte jedoch als Privatdozent unserer Universität nicht lange an. 1828 wurde er zum außerordentlichen Professor der Rechte in Erlangen ernannt, aber schon 1831 an die Stelle des Professors Wening von Ingenheim für die Lehrkanzel des Civilrechtes nach München zurückberufen. Obgleich er sich schon 1828 zu Erlangen einen häuslichen Herd gegründet hatte, indem er die Nichte seines ehemaligen Amtsvorstandes Reiber in Göggingen, Frl. Carolina von Zaiger, ehelichte, gründete er doch erst hier in München sich jenen Wirkungskreis, in welchem er sich behaglich und heimisch fühlte und dem er bis an sein Ende treu bleiben wollte. Bald bekleidete er an unserer Universität alle akademischen Aemter und Würden. So führte er 1840/41 das Rektorat derselben; 1848 sandte ihn die Universität als ihren Vertreter in die Kammer, der Abgeordneten, wo er das Referat über das Gesetz, die ständische Initiative betr., übernommen hatte. Insbesondere wird ihm aber unsere Anstalt stets dankbar sein für seine vieljährige Thätigkeit in ihrem Verwaltungsausschuß, in dem er eine hervorragende administrative Thätigkeit entfaltete.

Zenger war keine jener Naturen, welche über die Grenzen des engeren Vaterlandes hinaus durch schriftstellerische Produktivität wirken: er war vielmehr zum Lehrer geschaffen. Ich habe von urtheilsfähigen Schülern desselben immer das eine Urtheil gehört: Zenger ist ein vorzüglicher Lehrer, der nicht nur mit außerordentlicher Schärfe seinen Stoff auffaßt, sondern auch bei der ihm eigenen Klarheit ihn seinen Schülern verständlich zu machen weiß. Mit Recht bewahren ihm darum seine zahlreichen Schüler, wohl der größte Theil der jüngeren Beamten Bayerns, ein dankbares Andenken.

Diese juristische Schärfe und Klarheit rühmten aber auch seine Collegen in der juristischen Facultät, welche sich davon namentlich in dem juristischen Spruchcollegium der Universität häufig zu überzeugen Gelegenheit hatten. Auch der hochselige König Maximilian II. anerkannte seine Verdienste und zeichnete ihn mit dem Ritterkreuze I. Classe des Verdienstordens vom hl. Michael aus.

Wir Universitätslehrer verlieren in ihm einen theuren, liebenswürdigen Collegen.

Zenger war aber auch ein liebevoller Bruder: schon mit seinem 18. Jahre mußte er statt des zu früh verstorbenen Vaters für seine jüngeren Brüder die Sorge übernehmen! Und als er seine Familie gegründet hatte, bot sie das Bild eines wahrhaft christlichen Familienlebens, in dem alle Glieder mit aufrichtiger und treuer Liebe einander zugethan sind. Es war rührend zu hören, wie der Greis im Anblicke des Todes mit Thränen seiner theuren Gattin noch gedachte, welche ihm im November v. Js. im Tode vorausgegangen war. Seit ihrem Hintritte siechte aber auch der sonst so kräftige Körper sichtlich dahin, nachdem er ja vor fünf Jahren schon den herben Verlust einer erwachsenen lieben Tochter erlitten hatte, welche unmittelbar vor dem älterlichen Hause überritten und tödtlich verwundet worden war.

Für all‘ sein Wirken, für sein Leiden und Dulden hatte aber Zenger einen Halt in seinem tiefen religiösen Sinne, in seinem festen und unerschütterlichen Glauben an unsern Heiland. Für ihn galt das Wort des hl. Paulus: »Wie ihr Jesum Christum, den Herrn, angenommen habt: so wandelt in ihm, eingewurzelt und gegründet in ihm und befestigt im Glauben, sowie ihr gelehrt worden, zunehmend in demselben mit Danksagung.« Zenger war daher stets ein treuer Sohn seiner Kirche und ein wahrer, aufrichtiger Freund ihrer Diener. Darnach nahm er wie an unserer Universität, so im Leben seine Stellung. Erst in der jüngsten Zeit kam ein kleiner Mißton in dieses Verhältniß. Ein überzeugungstreuer Mann, schloß er sich jenen kathol. Männern der Hochschule an, welche dem bis zum vorigen Jahre allgemein in unserer Diöcese herrschenden Glauben treu bleiben wollten. Je mehr er die Gottesnähe fühlte, je weiter das Irdische zurückwich, desto sorgfältiger erwog er seine Lage; aber er mußte endlich abschließen und er schloß damit ab, daß er bekannte, er könne und dürfe auch auf dem Sterbebette seine Ueberzeugung nicht verläugnen. Als er nun nach den heil. Sterbsakramenten rief, da fand er sich von seinen ehemaligen Freunden verlassen. Von der Nothlage überzeugt nahm ich mich, meines priesterlichen Charakters und meiner priesterlichen Pflicht mich erinnernd, des Mannes an. Aber kein Groll, kein Aerger, das will und muß ich an seinem Grabe bezeigen, beschlich sein Herz. Wie war er aber dafür dankbar, daß er sich noch mit seinem Heilande vereinigen konnte! »Christus war mein Trost und meine Hoffnung im Leben, Christus ist auch mein Trost und meine Hoffnung im Sterben« – sagte er, – »und ich hoffe, fügte er bei, daß er mir auch gnädig sein wird, wenn ich meinen Geist in die Hände unseres Gottes übergeben werde.« So schied dieser edle Greis aus dem Leben. Wir können sagen: er schied in dem Herrn, und wir dürfen darum auch hoffen, daß an ihm das Wort der Schrift in Erfüllung gegangen: »Selig, die im Herrn sterben!« Amen.

Passauer Zeitung No. 192. Samstag, den 15. Juli 1871.

Deutsche Warte (1871)

Zenger, Dr. Franz Xaver, ordentlicher Professor der juridischen Fakultät an der Münchener Hochschule, † am 30. Juni zu München.

Die juridische Wissenschaft, die Universität München und das vielbewegte religiöse und politische Leben der bayerischen Hauptstadt haben durch sein Hinscheiden einen herben Verlust erlitten. F. X. Zenger war als Sohn einer untergeordneten Intendanturbeamten am 28. November 1798 zu Stadtamhof bei Regensburg geboren, brachte indeß seine Jugendzeit schon vom ersten Lebensjahre an in Augsburg zu. Auf dem dortigen Gymnasium zu St. Anna herangebildet, erregte er die Aufmerksamkeit seiner durchweg geistlichen Lehrer in dem Grade, daß ihm der Vorschlag in den Jesuitenorden zu treten gemacht wurde. Trotz oder vielleicht auch wegen seiner aufrichtigen Religiosität, die ihn sein ganzes Leben hindurch begleitet hat, und ungeachtet seiner durch den Tod der Vaters bedrängt gewordenen materiellen Lage schlug der junge Zenger dieses Anerbieten aus und bezog im Jahre 1817 die Universität Landshut, um dort Philosophie und Jurisprudenz zu studiren. Mit vorzüglichen Fähigkeiten und großer Arbeitskraft ausgerüstet vermochte er beider Disciplinen vollständig Herr zu werden, ohne deshalb den Anforderungen der Geselligkeit sich entziehen zu dürfen, im Gegentheil brachte er er bei dem Studentencorps Suevia zu der Stellung eines allgemein beliebten Seniors.

Im Jahre 1821 begann er nach rühmlich bestandenem Examen die Laufbahn des praktischen Staatsdienstes, vertauschte dieselbe indeß schon im Jahre 1823 mit der akademischen und habilitirte sich, nachdem er ein Jahr in Göttingen seine wissenschaftliche Bildung erweitert und zwei Jahre in Privatstudien zugebracht hatte, im Herbst 1826 als Privatdocent in München, wohin die alte Hochschule der bayerischen Herzoge mittlerweile übergesiedelt war. Fortan blieb er mit Ausnahme einer dreijährigen Aufenthaltes zu Erlangen, wo er von 1828–31 als außerordentlicher Professor weilte, dieser Hochschule treu, versah 1840–41 die Würde eines Rektors der Universität und vertrat dieselbe auch auf dem bayerischen Landtage von 1848, wo er u. A. als Referent über die ständische Initiative fungirte. Obgleich als Schriftsteller nahezu vollständig unthätig, brachte es Zenger in der von ihm erwählten Branche der Civilrechtes sehr bald zu einer bedeutenden wissenschaftlichen Autorität, und übte auf die Tüchtigkeit des bayerischen Richterstandes, dessen jüngere Generation fast vollständig zu seinen Füßen gesessen hat, einen segensreichen Einfluß. Noch bedeutender war freilich sein praktisches Talent, wie er denn als Mitglied des Spruchkollegiums und des administrativen Ausschusses der Universität nicht leicht zu ersetzen sein wird.

Schon im Jahre 1828 verheirathet, besaß Zenger eine zahlreiche Familie, aus der u. A, der bekannte Komponist Max Zenger, Musikdirektor an dem Münchener Hoftheater, hervorgegangen ist. Im Jahre 1866 hatte der Verewigte das Unglück, eine erwachsene liebenswürdige Tochter fast vor der Thür seiner Hauses überritten und tödtlich verwundet zu sehn, und im November 1870 starb seine Gattin.

Nach diesen herben Verlusten nahm seine Religiosität mehr und mehr den Charakter der Todessehnsucht an, ohne deshalb den schwächlichen und mystischen Zug zu gewinnen, den das herannahende Lebensende oft auch kräftigen Gemüthern aufprägt. Im Gegentheil stellte sich der kränkelnde Mann bei dem Ausbruche der Infallibilitätsstreites entschlossen auf die Seite derjenigen, welche in der neuen Doktrin eine Verkehrung aller bisher gültigen katholischen Grundsätze erblickten, und warf freudigen Muthes das wissenschaftliche und moralische Gewicht seines Namens in die Wagschale der bekannten Münchener Museumsadresse, durch welche die bayerische Staatsregierung zum Einschreiten gegen die staatsgefährlichen Konsequenzen der neuen Dogma’s aufgefordert wurde.

Dieser Stellung blieb er auch auf dem Sterbebette treu, das so manchen Abfall von freisinnigen religiösen Ueberzeugungen gezeitigt hat. Als ein ihm persönlich seit langen Jahren befreundeter Franciskanerpater ihm die Absolution ohne vorgängigen Widerruf seines Protestes gegen die Unfehlbarkeit verweigerte, verließ sich der sterbende Mann muthig auf die Gnade Gottes und wies dieser Verlangen zurück. Ein milder gesinnter Geistlicher, Gymnasialprofessor Meßmer, ertheilte ihm endlich auch ohne diesen Widerruf die Absolution, eine Handlung, für die er nachträglich selber exkommunicirt worden ist. Mittlerweile eilte der Professor Friedrich, das mit dem Stiftspropst von Döllinger zugleich exkommunicirte Mitglied der Münchener theologischen Fakultät, zu dem wegen seines Protestes gegen die Unfehlbarkeit gleichfalls exkommunicirten Pfarrer Renftle in Mehring unweit Augsburg und holte von diesem die Stola und das heilige Salböl herbei, mit denen er dann dem sterbenden Universitätsgenossen und Freunde die letzten Sakramente spendete.

Indeß selbst nach dem Tode verfolgte die ultramontane Intoleranz ihren Gegner. Der bekannte Pfarrer Westermayer, als Stadtpfarrer von St. Peter Diöcesan der Friedhofskirche zu St. Elisabeth, verweigerte die Herausgabe der Begräbnißparamente und das Geläute der Kirchenglocke, trotzdem Paramente wie Grabkirche städtisches Eigenthum sind. Erst die Selbsthülfe der Magistrates ermöglichte diesen Theil der Begräbnißfeier. Um so großartiger war die Theilnahme der Bevölkerung an diesem letzten Akte. Gegen 20,000 Menschen, das Universitätskollegium mit Ausnahme der wenigen infallibilistischen Professoren und den Magistrat an der Spitze, geleiteten am 2. Juli den Dahingeschiedenen zu Grabe. Die kurze, aber eindrucksvolle Trauerrede hielt Professor Friedrich, der zwei Tage vorher dem sterbenden Freunde die letzten Tröstungen der Religion verschafft hatte. Das Ganze gestaltete sich zu einer ergreifenden Gedächtnißfeier für den Mann, der auch im Angesichte der Todes die kirchliche Ueberzeugung seines Lebens behauptet und die schwierige Aufgabe gelöst hatte, zugleich ein ächter Mann und ein frommer Christ zu sein. Sein Andenken wird an der Stätte seines Wirkens lange unvergessen bleiben.

Deutsche Warte. Umschau über das Leben und Schaffen der Gegenwart. Hildburghausen, 1871.

|||

Maria Luise Zenger

† 7.9.1866 (München), Opfer eines Verkehrsunfalls

Fränkische Zeitung (12.9.1866)

München, 9. Sept. Die Tochter des Universitätsprofessors Zenger, die vor etwa zehn Tagen von einem der Leitung des Reiters versagenden Chevaulegerspferde durch einen Hufschlag am Kopfe schwer verwundet wurde, ist leider nach unsäglichen Leiden gestorben.

Fränkische Zeitung (Ansbacher Morgenblatt) Nr. 224. Mittwoch, den 12. September 1866.

Neuer Bayerischer Kurier für Stadt und Land (12.9.1866)

Die Tochter des Hrn. Universitätsprofessors Hofraths Dr. Zenger, welche vor einigen Wochen in der Nähe des elter-Hauses an der Königinstraße von einem Chevaulegerspferde durch einen Hufschlag am Kopfe schwer verwundet wurde, ist nach unsäglichen Leiden gestorben. Gestern Nachmittag wurde die Leiche der Verunglückten unter außerordentlich zahlreicher Theilnahme von Leidtragenden zur letzten Ruhestätte gebracht.

Neuer Bayerischer Kurier für Stadt und Land Nro. 250. München; Mittwoch, den 12. September 1866.

|||

Dr. phil. h. c. Max Zenger

* 2.2.1837 (München)
† 16.11.1911 (München)
Dirigent, Komponist und Musikschriftsteller

Der Chorgesang (1.4.1887)

Max Zenger.

Max Zenger, einer der hervorragendsten deutschen Komponisten der Gegenwart, wurde zu München am 2. Februar 1837 geboren. Sein Vater war der o. ö. Professor der Rechte an der dortigen Hochschule, Dr. Franz Xaver Zenger. Von demselben ursprünglich zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt, errang er sich durch die Komposition eines Streichquartetts und andere von unzweifelhaftem Talente zeugende Jugendarbeiten endlich des Vaters Erlaubnis, sich gänzlich der Musik widmen zu dürfen, einer Kunst, der er sich indes erst völlig in die Arme warf, nachdem er der Laufbahn eines Landschafters, auf der ihm keine Geringeren als Heinrich Bürkel und Wilhelm von Kaulbach Erfolg versprachen, nicht ohne Kampf entsagt hatte. Zenger stand bereits im 20. Lebensjahre, als er zum ersten Male in seiner Vaterstadt öffentlich mit Kompositionen auf dem Gebiete der Kammermusik hervortrat, welche damalige Münchener Blätter als dem Ouslowschen Genre verwandt bezeichneten. Um diese Zeit siedelte sein Lehrer Ludwig Stark, der bekannte Mitverfasser der Lebert-Starkschen Klavierschule, nach Stuttgart über, nachdem er durch eine kaum halbjährige Unterweisung Zengers in Harmonie und Kontrapunkt die Entstehung jener Erstlingsversuche ermöglicht hatte. Von nun an war Zenger Autodidakt und blieb es auch während seines Aufenthaltes zu Leipzig 1859/60, woselbst er sich jedoch durch den Besuch der damals von Julius Rietz geleiteten Gewandhauskonzerte sowohl Sicherheit der Instrumentation, als auch die ersten Kenntnisse in der Einübung des Orchesters erwarb. In die Zeit nach dieser Leipziger Periode fällt die Komposition eines Klaviertrios in D-moll, später als op. 17 bei Siegel, und zweier Gesänge aus Goethes Faust: »Neige, du Schmerzenreiche« und: »Meine Ruh ist hin«, als op. 31 bei Kistner erschienen, welch beiden von Münchener Blättern bereits eine entschiedene Bedeutung zugemessen wurde. Weniger Glück hatte die in München unter Franz Lachner 1862 nur drei Male aufgeführte Oper »die Foscari«, deren Achtungserfolg jedoch mehr der unglücklichen Wahl des Textes als der Musik zugeschrieben wurde, welch letztere man dagegen »schwungvoll, charakteristisch und dramatisch, meist originell und durchaus edel« fand. Seine zweite Oper »Ruy Blas«, welche bald darauf entstanden, aber erst 1868 in Mannheim und München, später in Regensburg und Breslau aufgeführt worden ist, zeigt gegenüber jenem Erstlingswerke einen unverkennbaren Fortschritt in der Technik, namentlich in der Behandlung der Singstimmen, worüber in der badischen Landeszeitung eine Korrespondenz aus Mannheim berichtete: »Den größten Vorzug, welchen diese Oper vor den meisten, wenn nicht vor allen derartigen Erzeugnissen der Neuzeit voraus hat, finden wir in der weisen Bedachtnahme der Singstimmen als des herrschenden Elementes, welches von all der feinen orchestralen Charakterisierung, worin sich der Komponist als Meister bekundet, nicht unterdrückt oder gestört, sondern vielmehr gehoben wird. — Zenger kennt wie wenige Komponisten der Neuzeit die Macht des Gesanges.«

Eine ausführliche, sehr beifällige Besprechung dieser Oper, insbesondere nach der musikalischen Seite hin, enthält die Mainzer süddeutsche Musikzeitung in der Nummer vom Juni und Juli 1868. Gleichwohl konnte sich die Oper, welche das seltsame Schicksal hatte, in München wie in Mannheim als Novität in unmittelbare Konkurrenz mit Wagners Meistersingern treten zu müssen, an keiner der genannten Bühnen halten, und wiederum lag die Schuld am Texte, welcher der geschickten Mache des Viktor Hugoschen Dramas, nach dem er bearbeitet ist, gänzlich entbehrt. Einen glänzenden Erfolg dagegen erzielte Zenger mit seinem Oratorium Kain (von Theodor Heigel nach dem gleichnamigen Mysterium Byrons sehr geschickt bearbeitet), einem Werke, welches überall, wo es zur Aufführung gelangte, einer zündenden Wirkung nicht verfehlte und von der Kritik mit seltener Einmütigkeit als ein »auf der Höhe zeitgemäßer Kunstanschauung stehendes Werk« begrüßt wurde. Es wurde in Stuttgart, München, Frankfurt, Leipzig, Schwerin, Solothurn, Innsbruck und neuerlich in Barmen aufgeführt und trug den Ruf seines Autors auch über die Grenzen deutscher Zunge, indem es Monstre-Aufführungen unter Verhulst's Leitung in Amsterdam erlebte. Das gewichtigste Zeugnis erteilte diesem Werke Moritz Hauptmann, der dem Komponisten, als dieser es ihm im Freundeskreise aus der Partitur vorspielte, versicherte, es freue ihn, in seinem Alter noch dieses durchaus schöne Werk kennen gelernt zu haben.« An diesem Ausspruche hinderte den geistreichen, immer objektiv bleibenden Kritiker auch nicht die Wahrnehmung, daß Zenger im »Kain« die Bahn des Händelschen und Mendelssohnschen Oratoriums insofern verlassen hatte, als er seine Personen dramatisch ein- und durchführte, von der Erzählung ganz Umgang nahm und den Chor (Engel und Dämonen) als Personifikation der in Kains Seele widerstreitenden Gefühle und Gedanken darstellte. Von seinen geringen Erfolgen auf dem Gebiete der historischen Oper zum Teil entmutigt, zum Teil wohl aus wahrer Begeisterung für die germanischen Sagen wählte nun Zenger die Sage von »Wieland dem Schmied« und arbeitete an der neuen romantischen Oper dieses Namens, wozu ihm sein Neffe Dr. Philipp Allfeld den Text gedichtet, mehrere Jahre. Aus den verschieden gefärbten, teils animos gegnerischen, teils hoch begeisterten Berichten über diese an der Münchener Hofbühne zum Öfteren gegebene Oper geht hervor, daß Max Zenger nichts Geringeres beabsichtigte, als zwischen zwei bisher unversöhnlich scheinenden Richtungen eine Versöhnung, zum mindesten ein Kompromiß herzustellen.

Daß sich indes diejenigen, welche seit der Veröffentlichung dieser Oper Zenger zu den »Überläufern in das andere Lager« rechnen, im Irrtum befinden, dürfte schon aus der Thatsache erhellen, daß Zenger gleichzeitig mit seinem »Wieland« Recitative zu Mehuls »Josef in Ägypten« mit einem verständnisvollen Eingehen in dieses Meisters Eigenart geschrieben hat, womit er ebensoviel Kenntnis des Letzteren, als Liebe für diese Oper verrät, sowie daraus, daß die Komposition dreier Balletts (mit Stoffen aus der Zeit Ludwigs XIV und XV), für die Separat-Aufführungen vor Bayerns König Ludwig II bestimmt, gerade Zenger übertragen und von ihm derart ausgeführt worden ist, daß die Hofmusiker zu ihrer größten Überraschung eine klassische Musik aus dem vorigen Jahrhundert zu spielen glaubten. Für Zengers künstlerischen Charakter zeugen indes am besten seine allerorts beliebten Männerchöre, in welchen er durch eine kernige Melodik und stets geistvolle Behandlung der Texte der gerade auf diesem Gebiete immermehr um sich greifenden Verflachung wirksam entgegentritt, (als jüngstes Opus sind zu nennen »Stieleriana«, 6 Männerchöre nach Gedichten seines verstorbenen Freundes Karl Stieler, (bei Fr. Kistner in Leipzig) unter welchen Nr. 5 »Der Guckezer (Kukuk)«, eine den drastischen Gebirgshumor des Gedichtes köstlich wiedergebende Komposition, bereits große Verbreitung erlangt hat), ferner die beträchtliche Anzahl seiner 4 und 5 stimmigen gemischten Gesänge und Lieder mit und ohne Klavierbegleitung, (neuerlich die bei C. F. W. Siegel in Leipzig erschienenen 7 fünfstimmigen Chorgesänge mit verschiedener Stimmenmischung op. 49), endlich die prächtige, Josef Rheinberger gewidmete vierhändige Klaviersonate in As-dur (München, bei Alfr. Schmid).

Eine Würdigung seiner künstlerischen Bestrebungen und Leistungen ist Zeuger in letzter Zeit durch die Münchener Generalintendanz widerfahren, welche ihn beauftragt hat, zu den beiden Teilen von Goethes Faust die Musik zu schreiben. Ein Einblick in deren Partitur läßt ersehen, daß der Goethesche Geist voll erfaßt worden, und daß diese Faustmusik sich den besten Schöpfungen auf diesem Gebiete ebenbürtig zugesellt. Eines durchschlagenden Erfolges hatte sich ferner das von Zenger im März 1885 veranstaltete Konzert mit eigenen Kompositionen zu erfreuen, ein Erfolg, der noch durch die im Konzerte der musikalischen Akademie in München am Ostersonntage desselben Jahres aufgeführte »tragische Ouvertüre« übertroffen worden und sich zu einer begeisterten Ovation für den Komponisten steigerte.

Nachdem Zenger über ein volles Jahr durch ein schweres Nervenleiden an der Ausübung seines Berufes als Lehrer des Sologesangs an der k. Musikschule München verhindert gewesen und jeder Kompositionsthätigkeit hatte entsagen müssen, geben nunmehr ein achtstimmiges Stabat mater à capella und ein Cyclus Frauenterzetten mit Klavier-Begleitung — wahre Perlen auf diesem Gebiete des Chorgesanges — Zeugnis von seiner wiedererlangten vollen Gesundheit und erwarten seine Münchener Freunde mit Spannung ein von ihm für die Fastenzeit in Aussicht gestelltes Konzert, in welchem er außer diesen Novitäten seine missa solemnis in C-moll (die letzte größere Komposition vor seiner Erkrankung), Violinstücke und neue Lieder für eine Singstimme zur Aufführung zu bringen gedenkt.

Nach all dem darf von dem Schöpfer so vieler trefflicher, von der reichsten Begabung und dem edelsten Streben zeugenden Tondichtungen noch manches gehaltvolle Werk erwartet werden.

J. G.

Der Chorgesang No. 13. Leipzig; 1. April 1887.

Ueber Land und Meer (1901)

Aus aller Welt

Max Zenger.

Nach langer Verzögerung ist Professor Dr. Max Zengers dreiaktige Oper »Eros und Psyche« in München, der Vaterstadt des Komponisten, erfolgreich zur Aufführung gelangt und dürfte von hier wohl ihren Weg auf die andern großen Bühnen nehmen. Ter Text des Werkes ist nach dem anmutigen Märchen des Apulejus von dem Wiener Wilhelm Schriefer geschrieben worden. Am 2. Februar 1837 geboren, bildete sich Max Zenger, nachdem er in der Vaterstadt unter Ludwig Stark die ersten Proben seines Kompositionstalentes abgelegt, in Stuttgart an Bach, Händel und Gluck weiter, um dann 1859 in Leipzig, bei Rietz auf gleicher Spur weiterwandelnd, Selbständiges auf dem Gebiete des Liedes und der Symphonie zu schaffen. Mit seiner Oper »Die beiden Foscari« trat er 1861 hervor und erzielte einige Jahre später noch größeren Erfolg mit der Oper »Ruy Blas«. Weiter folgte »Wieland der Schmied«, den er 1892 neu bearbeitete, während neben seinen vielgesungenen Liedern und Chören das mächtige Oratorium »Kain« und die treffliche Faustmusik seinem Namen Ansehen verliehen. Nachdem Max Zenger einige Zeit als Hofkapellmeister in Karlsruhe gewirkt, wurde er 1878 zum Dirigenten des Münchener Oratorienvereins und des Akademischen Gesangvereins erwählt; zum sechzigsten Geburtstag wurde er 1897 von der Universität München zum Ehrendoktor ob seiner Verdienste als Komponist und Musikschriftsteller promoviert. Im gleichen Jahre legte er sein Amt an der Musikschule nieder, um sich völlig der Komposition zu widmen. Vorher war er auch Lehrer der Harmonielehre des Solo- und des Chorgesangs an der königlichen Musikschule.

Ueber Land und Meer No. 19. Stuttgart; 1901.

Münchner Neueste Nachrichten (21.11.1911)

Lokales
München, 20. November

Professor Dr. Max Zenger †. Die Beerdigung des bekannten Komponisten, die am Sonntag nachmittag im südlichen Friedhof stattfand, gestaltete sich zu einer ehrenden Trauerkundgebung. Zum Leichenbegängnis fanden sich ein als Vertreter der Stadtgemeinde Rechtsrat Hörburger und Stadtschulrat Dr. Kerschensteiner, außerdem Direktor Bußmeyer mit Lehrern der Akademie der Tonkunst, Hofkapellmeister Becht mit Mitgliedern des Hoforchesters, Abordnungen des Korps Isaria, des Akademischen Gesangvereins, des Oratorienvereins München und der Bürger-Sängerzunft u. v. a. Nach der Einsegnung ließen unter ehrenden Nachrufen Kränze am Grabe niederlegen die Aktivitas des Korps Isaria, Aktivitas und Allgemeiner Philisterverband des Akademischen Gesangvereins, der Gesangverein Liederhort, die Bürger-Sängerzunft und der Oratorienverein Augsburg. Von der Fülle der übrigen Kranzspenden seien noch erwähnt die »der trauernden Stadtgemeinde München dem um das musikalische Leben Münchens hochverdienten Tonkünstler«, der Akademie der Tonkunst und des Philisteriums des Korps Isaria. Ein Grabgesang der Bürger-Sängerzunft beschloß die Trauerfeier.

Münchner Neueste Nachrichten No. 543. Dienstag, den 21. November 1911.

Allgemeine Zeitung (25.11.1911)

Theater und Musik

Max Zenger †

Eine der bekanntesten Erscheinungen aus dem Kreise älterer Münchener Musiker, Komponist Professor Max Zenger, ist dieser Tage aus dem Leben geschieden. Der Künstler, der ein Alter von fast fünfundsiebzig Jahren erreichte, konnte auf ein an Arbeit und Erfolg reiches Leben zurückblicken. Am 2. Februar 1837 zu München als Sohn eines Universitätsprofessors geboren, studierte er anfangs Philologie, sich nebenbei autodidaktisch zum Musiker bildend. Den ersten öffentlichen Erfolg als solcher hatte er gelegentlich der Aufführung seiner »Gretchenszenen« aus »Faust« in einem Akademie-Konzert unter Lachner im Jahre 1861. Nunmehr ganz sich der Musik zuwendend, wurde er Dirigent der Münchener Bürgersängerzunft und betrat dann die Karriere des Theaterkapellmeisters, die ihn im Laufe der nächsten zehn Jahre nach Regensburg, München und Karlsruhe führte. Gesundheitsrücksichten nötigten ihn Ende der siebziger Jahre, sich nach einer ruhigeren Position umzusehen. So wurde er zunächst Dirigent des Münchener Oratorien- und des Akademischen Gesangvereins, dann Lehrer für Chorgesang und Harmonielehre an der Kgl. Musikschule. Die Komposition dreier Ballette im Rokokostil für die Separatvorstellungen König Ludwigs II. brachten ihm die Ernennung zum königlichen Professor ein; zu seinem 60. Geburtstage ehrte ihn die Münchener Universität durch Verleihung des Doktortitels.

Am Münchener Musikleben war er im übrigen nicht nur als praktischer Musiker, sondern auch als Schriftsteller, speziell als Musikreferent der »Allgemeinen Zeitung« beteiligt. Mit zunehmendein Alter zog er sich von der Oeffentlichkeit mehr und mehr zurück: nur als Dirigent eigener Werke erschien er in den letzten Jahren noch hin und wieder auf dem Konzertpodium. Sein kompositorisches Schaffen umfaßt so ziemlich alle Kunstformen; weitaus am bedeutendsten ist sein Oratorium »Kain« (nach Byron, 1867). »Aus der Tonsprache dieses Werkes läßt sich eine vornehme Künstlernatur von überlegener Bildung vernehmen, die sich in gewählten Formen mit Einfachheit ausdrückt und bei äußerlicher Ruhe warm empfindet. Die eigensten und fesselndsten Töne hat Zenger für die Engelchöre und die Partien der Ada und des Kain gefunden. Aus der letzteren (Bariton) gelangt zuweilen die von edlem Liebesgefühl bewegte Szene »Ihr schönen Sterne« zum Einzelvortrag.« (H. Kretzschmar, Führer durch den Konzertsaal.) Zeitenweise Beifall haben ferner zwei Opern »Wieland der Schmied« und »Eros und Psyche« gefunden; auch von den Liedern wie der instrumentalen Kammermusik hat sich Verschiedenes gehalten; besonders beliebt sind aber vor allem viele seiner (aus der Vereinsdirigenten-Tätigkeit hervorgegangenen) Chorgesänge. Der Stil Zengers war stark der Vergangenheit zugeneigt und in dieser Beziehung manchmal auffallend dem Brahmsschen verwandt.

—tz.

Allgemeine Zeitung Nummer 47. München; Samstag, den 25. November 1911.

Allgemeine Musikzeitung (1.12.1911)

Eine Erinnerung an Max Zenger.
(† am 18. November 1911.)

Von Max Steinitzer.

Ich war noch so affenjung, daß eine einfache zweistellige Zahl keinen deutlichen Begriff davon gibt, als ich mit einem lyrischen Operntext im Gewände zu Zenger schlich, den ich, wenn ich nicht sehr irre, in der Münchener »Wurstküche« flüchtig kennen gelernt. Seine Oper »Wieland der Schmied« war eben am Hoftheater gegeben worden; die im Oratorienverein gehörten reizvollen Chorlieder für Frauenstimmen aber hatten in mir die Vorstellung einer anderen Grundrichtung seiner Begabung erweckt. Ich habe es Zenger nie vergessen, wie direkt kollegial er trotz meines jugendlichen Alters mit mir verkehrte, und wie er die Komposition des Textes nach dessen Durchsicht sofort in derartige Erwägung zog, daß er z. B. gleich die zu einem szenischen Umbau erforderliche Zeit als für fortlaufende Verwandlungsmusik zu lange berechnete und mich deshalb einen »praktikablen Erker« zu streichen bat usw. Mit der ganzen Offenheit eines echten Charakters zeigte er mir in der Partitur seines Wieland die Stellen, die er für einen Ausfluß der »Wagnerkrankheit« hielt, und zog Parallelen zwischen sich selbst und einem zweiten damaligen »Modernen« Bayerns, Cyrill Kistler, wobei freilich auch für diesen mancher deutsche Hieb abfiel. Aber ein großes Bedenken hatte Zenger sofort, und in der Art, wie er es aussprach, zeigte sich eine häufige Eigenart des echten Müncheners: feine, ja zarte, keusche Empfindung in betreff des Erotischen bei vollkommenster Drastik des wörtlichen Ausdrucks. Mein Stoff war romantischer Art. Ein Prinz entführt eine Königstochter in sein einsames Waldschloß, hält sie jedoch rein, bis er für den Bund den Segen der Kirche erlangen kann, wozu vorläufig keine Aussicht ist. Sie weilt im verglimmenden Tag auf einer Steinbank vor dem öden Schloß; er steht vor ihr in stummer Qual; an ihr, die sein Leiden nicht ganz begreift, nagt es, ihn liebevoll und doch zurückhaltend und unglücklich zu sehen. Da tritt ein Vasall ihres väterlichen Hofes auf; der Prinz zieht kampfbereit sein Schwert, aber jener naht friedlich; er verkündet, daß auf den Wunsch der Eltern der Bischof des Landes den Bund der beiden in absentia gesegnet habe, entrichtet gleich als erster seinen Glückwunsch — und empfiehlt sich eilig, um den Eltern die Auffindung des Paares und den Vollzug seines Auftrages zu melden. Sie bleiben allein; der Mond steigt herauf.

»Der Abschluß ist unmöglich,« sagte Zenger ganz bestürzt. »Jeder Mensch im Theater weiß ja, was die zwei jetzt tun. — Begehren, Verlangen, meinetwegen, dazu ist die Musik da, aber die Erfüllung, so deutlich — es wird Nacht, und die zwei gehen hinein — nein, mein Lieber — sowas komponiere ich nie! — Er erging sich in leidenschaftlichen Klagen über den Text von Carmen und verwandte Stoffe. — »Soweit sind wir jetzt! — Eine Idee muß doch da sein! — ja, wenn zwei einen Helden zeugen wollen! — aber einfach — daß jeder dumme Kerl im Theater geistreich grinst — nein! Denken Sie nach, wie Sie das ändern!«

Als ich wiederkam, war Zenger sehr ernst. »Vorläufig ist's aus mit unsrem Paar! Jetzt habe ich von Seiner Majestät den Auftrag bekommen, die volle Begleitmusik zu Faust, erster und zweiter Teil, zu schreiben, für die Separatvorstellung. Das bedeutet ein Jahr ausschließliche Arbeit, und für Ihn allein, nur für Ihn persönlich.«

Zwölf Jahre lang sah ich dann Zenger nicht mehr. Es war nach dem Kompositionsabend eines der ultrakonservativsten Münchener. Beim Hinausgehen sang einer neben mir die letzte ganz verboten harmlose Polkamelodie nach, die wir eben von Chor und Orchester gehört.

»Um Gottes willen, nicht wieder anfangen!« bat ich verzweifelt. »Wenn sie wenigstens in C-moll ginge, statt in C-dur!« Da drehte sich ein Herr mit steifem schwarzem Hut auf dem mächtigen Haupt dicht vor mir um und bemerkte laut, mit halb gutmütigem, halb wütendem Hohn: »Damit's noch gemeiner klingt, meinen S'?« Es war der inzwischen grau gewordene Zenger. Da er, wie ich, nicht allein war, wurde in dem Gedränge des Mathildensaalausgangs die alte Bekanntschaft nicht erneuert.

Allgemeine Musikzeitung No. 48. Berlin, Leipzig; 1. Dezember 1911.

Allgemeine Zeitung (20.1.1912)

Theater und Musik
Aus Münchener Konzertsälen.

Aus unserem Leserkreise geht uns die Anfrage zu, warum bis jetzt keine Münchener Konzertvereinigung an die Veranstaltung einer Max Zenger-Gedenkfeier gedacht habe. Wir wissen diese Anfrage selbst nicht zu beantworten, hoffen aber, daß sie zur Anregung werde, das Versäumte baldigst nachzuholen. Max Zenger hätte es um seine Vaterstadt nicht verdient, wenn der Mottl- nicht auch eine Zenger-Gedenkfeier folgte. D. Red.

Allgemeine Zeitung Nummer 3. München; Samstag, den 20. Januar 1912.

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Zenger Max, Dr. phil. h. c., 1837 (München) – 1911, Hofmusikdirektor, Akademieprofessor und Musikschriftsteller; dieser Autodidakt hat schon 22jährig Szenen aus Faust und eine in Leipzig entstandene Symphonie komponiert, die von König Ludwig I. sehr gelobt wurde; sein größter Erfolg war das Oratorium »Kain« (1867, nach Byrons Mysterium); Z. wurde 1869 Musikdirektor an der Münchner Hofoper und 1872 Hofkapellmeister in Karlsruhe, dann in München Dirigent des Oratorienvereins (1878–1885) und Professor an der Akademie der Tonkunst; neben seinen musikalischen Schöpfungen (Opern: »Wieland der Schmied«, »Die Foscari«, »Eros und Psyche«, Balletts, Lieder, Messen, zwei Tedeum und ein Stabat Mater) schrieb Z. auch Biographien über Musiker, einen »Grundriß der Musikgeschichte«, »Meditationen über Sprechton, Ausdrucksweise und Leitmotiv« u. a., seine größte musikliterarische Leistung ist die »Geschichte der Münchener Oper« (aus dem Nachlaß herausgegeben von Theodor Kroyer, 1923).

© Dr. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.



© Reiner Kaltenegger · Gräber des Alten Südfriedhofs München · 2007-2026


Erstellt mit jutoh digital publishing software (Anthemion Software Ltd.)