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Das Grab ist nicht erhalten
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Sanguinetti, Francesco/Franz; 1800 (Carrara) – 15.2.1870 (München); Bildhauer
Sanguinetti, Friederike; – 9.10.1858 (München), 19 Jahre alt, Mordopfer; Bildhauers-Tochter
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* 1800 (Carrara)
† 15.2.1870 (München)
Bildhauer
München, 27. Sept. Auf der Ballustrade der von der Strasse zu dem Portale führenden Treppe des neuen Bibliothekgebäudes sind nun die vier dahin bestimmten, acht Fuß hohen Figuren von weissem Kalkstein aufgestellt, die dem Ganzen zur sinnvollen Zierde gereichen. Homer, Thucydides, Hippokrates und Aristoteles, als Repräsentanten aller Hauptrichtungen der Literatur in ihrer formellen und positiven Entwicklung, zeigen sich in ernster, würdiger Gestalt, in sizender nachdenklicher Stellung, mit charakteristischen Attributen. Diese Statuen sind aus dem Atelier der Bildhauer Mayer und Sanguinetti hervorgegangen.
Bayerische National-Zeitung No. 155. Sonntag, den 29. September 1839.
Sanguinetti, Francesco, Bildhauer, geb. zu Carrara 1804, erhielt den ersten Unterricht in seiner Vaterstadt, und bezog 1818 zur weiteren Ausbildung die Akademie der Künste in Berlin, wo er bald der Lieblingsschüler des berühmten Rauch ward, indem kein anderer den Geist dieses Meisters in dessen Skizzen so erfasste und wiedergab, als Sanguinetti. Desshalb sandte ihn Hauch 1829 nach München, um das Modell zu der Statue des höchstseligen Königs Maximilian auszuführen. Nachdem er sich dieses Auftrages zur vollen Zufriedenheit sowohl seines Meisters als des regierenden Königs Ludwig von Bayern entlediget hatte, unternahm er eine Reise durch Italien, um durch das Studium der Antike die letzte Reife zu erlangen, aber nach seiner Rückkunft war es ihm nicht lange mehr möglich in Berlin zu bleiben, indem ihn die grossartigen Kunstschöpfungen des Königs Ludwig unwiderstehlich nach München zogen. Doch Sanguinetti erwarb sich auch in München bald einen geachteten Namen, und geniesst somit seit mehreren Jahren eine ehrenvolle Selbstständigkeit.
Zu Berlin arbeitete er im Atelier des Professors Rauch, und lieferte einige Werke, die ein tüchtiges Talent verriethen. Darunter erwähnen wir vornehmlich einer Statue des Hylas in Marmor. Dann führte er auch mehrere Büsten in Marmor aus, wie jene des Generals Lestock, des Majors Scharnhorst u. a.
Auch in München zeichnen sich seine Werke unter dem vielen Vortrefflichen, welches die Plastik daselbst bereits geliefert hat, aus. Von ihm sind die Statuen des Aristoteles und Hippokrates am Portale des neuen, von Gärtner erbauten prachtvollen Bibliothekgebäudes, die Statuen der Heiligen Ottilia und Lucia über dem Portale des neuen Blinden-Institutes, die Statue des Ornamentisten im Giebelfelde der Glyptothek, die Statuen Correggio’s, Hemling’s und Velasquez’s unter den Standbildern berühmter Künstler auf dem Dachgesimse der Pinakothek, die 16 Cariatyden im Thronsaale der k. Residenz, u. A. Dann führte Sanguinetti im Auftrage des Königs für die bayerische Ruhmeshalle mehrere Büsten in Marmor aus, wie jene von Albrecht Dürer, Abbé Vogler, Conrad Peutinger, Baron Kreitmayer, und in letzter Zeit jene des Feldherrn Tilly. Sein Werk sind ferner auch die Medaillons von bayerischen Herzogen in der Aula der Universität und die Portraitmedaillons an der Facade dieses Prachtgebäudes, in gebrannter Erde ausgeführt.
Dr. Georg Kaspar Nagler: Neues allgemeines Künstler-Lexicon oder Nachrichten von dem Leben und Werken der Maler, Bildhauer, Baumeister, Kupferstecher, Formschneider, Lithographen, Zeichner, Medailleure, Elfenbeinarbeiter etc. Bearbeitet von Dr. G. K. Nagler. München, 1845.
München, 17 Febr. Am 15 d. starb dahier der Bildhauer Francesco Sanguinetti. Geboren 1800 zu Carrara, studierte er zuerst in der Heimath unter der Leitung seines Vaters, und folgte schon im Jahr 1818 dem Meister Rauch nach Berlin, wo er bald dessen Lieblingsjünger wurde. Rauch sendete ihn 1829 nach München um die sitzende Kolossalstatue des Königs Maximilian Joseph I (mit den zu dessen Denkmal gehörigen Reliefs) zu modelliren. Nach einer kurzen Reise nach Italien kehrte Sanguinetti 1831 nach Berlin zurück, um mehrere Büsten nach Rauchs Modellen, auch eine Statue des Hylas in Marmor, selbständig auszuführen.
Nach München übergesiedelt arbeitete er anfangs größtentheils nach Schwanthalers Entwürfen und erwarb sich durch seine geschickte Ausführung in Stein einen rühmlichen Namen unter den gleich mitstrebenden Genossen Xaver Schwanthaler († 23 Sept. 1854), Leeb († 5 Juli 1883), Lossow (aus Bremen) und Gg. Zell. Nach Ludwig Schwanthalers Modellen meißelte er die an der Steintreppe der Hof- und Staatsbibliothek sitzenden Statuen des Aristoteles und Hippokrates, nach Konrad Eberhard die Standbilder der hl. Ottilia und Lucia am Portale des Blindeninstitutes. Zu Sanguinetti’s selbständigen Arbeiten gehören etliche Medaillon-Porträte von Gelehrten an der Facade der Universität, sowie die Herzogbilder in der Aula daselbst. Ferner entstanden die damals viel genannten Büsten des Ministers Karl Grafen v. Seinsheim, des Grafen v. Rechberg und einer vielgerühmten Münchener Schönheit, die Statue Memlings an der Pinakothek, desgleichen die des Ornamentisten im Giebelfelde der Glyptothek. Auch eine Anzahl kleiner Charakterstatuetten schuf Sanguinetti, z. B. die des Baumeisters Fr. Gärtner (noch in der Akademie) und einige humoristische Porträtfiguren, welche der Kunstverein erwarb.
Der überaus fleißige Mann erfreute sich bald eines behäbigen Wohlstandes und gründete einen eigenen Herd in einer mit drei Kindern gesegneten glücklichen Ehe. Der Abend seines Lebens wurde aber mit herben Schicksalsschlägen heimgesucht. Goethe’s goldene Wirthschaftsregel, daß der nicht von der Erde geborne Mann sich nicht mit der Erde einzulassen habe, bewährte sich auch hier in trauriger Weise: Sanguinetti verlor ein kleines Landgut (bei Starnberg), welches der Künstler nicht zu bewirthschaften verstand; dann fiel seine schön aufgeblühte Tochter, erst 19 Jahre alt, unter der Mörderhand eines eifersüchtigen Studenten (7 Oct. 1858); seine schöne Bildersammlung verschwand unbezahlt mit einem gewissenlosen Kunsthändler; zuletzt verlor er im Jahr 1866 sein mühsam erspartes Vermögen und wurde sogar zum Verkauf seines kleinen Hauses gezwungen. Sein letztes Werk, welches der seit fünf Jahren von der schmerzhaftesten Gicht geplagte, ehedem so bildschöne und baumstarke Mann nicht mehr vollenden konnte, war eine für das Nationalmuseum bestimmte Statue König Maximilians II, dessen Büste (noch als Kronprinz) seine erste selbständige Leistung in München gewesen war. Das ist der traurige Ausklang eines reinen, ursprünglich schön angelegten Künstlerlebens.
Allgemeine Zeitung Nr. 50. Augsburg; Samstag, den 19. Februar 1870.
Lokales und Provinzielles.
Am 15. ds. starb in München der Bildhauer Sanguinetti. Der Allg. Z. entnehmen wir über denselben folgende biographische Notizen: Geboren 1800 zu Carrara studirte Sanguinetti zuerst in der Heimath unter der Leitung seines Vaters und folgte schon 1818 dem Meister Rauch nach Berlin, wo er bald dessen Lieblingsschüler wurde. In den Dreißigerjahren siedelte er nach München über, wo er Anfangs größtentheils nach Schwanthaler’s Entwürfen arbeitete und sich durch seine geschickte Ausführung in Stein einen rühmlichen Namen erwarb. In der Folgezeit entstand eine Reihe geschätzter, selbständiger Arbeiten. Der sehr fleißige Mann erfreute sich bald eines behäbigen Wohlstands und gründete einen eigenen Herd in einer mit 3 Kindern gesegneten Ehe. Der Abend seines Lebens wurde aber mit herben Schicksalschlägen heimgesucht. Sanguinetti verlor ein kleines Landgut (bei Starnberg), welches der Künstler nicht zu bewirthschaften verstand; dann fiel seine schön aufgeblühte Tochter, erst 19 Jahre alt, unter der Mörderhand eines eifersüchtigen Studenten (sie wurde von K Ferner am 7. Oktober 1838 erschossen); seine schöne Bildersammlung verschwand unbezahlt mit einem gewissenlosen Kunsthändler; zuletzt verlor er im Jahre 1866 sein mühsam erspartes Vermögen und wurde sogar zum Verkauf seines kleinen Hauses gezwungen. Sein letztes Werk, welches der seit 5 Jahren von der schmerzhaftesten Gicht geplagte, ehedem so bildschöne und baumstarke Mann nicht mehr vollenden konnte, war eine für das Nationalmuseum bestimmte Statue König Maximilian’s II.
Augsburger Postzeitung Nr. 44. Dienstag, den 22. Februar 1870.
Sanguinetti: Francesco S., Bildhauer, geb. 1800 zu Carrara, erhielt von seinem Vater Gaetano S., einem vorzüglichen Musiker und Plastiker, den ersten Unterricht, folgte dann 1818 dem Bildhauer Rauch nach Berlin, wo er bald dessen Lieblingsschüler wurde, indem kein anderer den Geist dieses Meisters in dessen Skizzen so erfaßte und wiedergab als S. Deshalb sendete ihn Rauch 1829 nach München, um die sitzende Kolossalstatue des Königs Maximilian Joseph I. mit den zum Denkmal gehörigen Reliefs zu modelliren. S. löste seine Aufgabe sowol zur vollsten Zufriedenheit seines Meisters als auch des regierenden Königs Ludwig I., welcher in der Folge den Künstler immer im Auge behielt und mit Aufträgen betraute.
S. unternahm eine kurze Reise in seine Heimath, kehrte dann nach Berlin zurück, um in Rauch’s Atelier mehrere Büsten nach dessen Modellen zu vollenden und selbständig die Statue eines »Hylas« in Marmor auszuführen. Hierauf übersiedelte S. nach München, arbeitete anfänglich größtentheils nach Schwanthaler’s Modellen und erwarb sich durch seine geschickte Ausführung in Stein einen rühmlichen Namen ebenso wie Leeb, Xaver Schwanthaler, Lossow und Zell. Unter den die Steintreppe der Hof- und Staatsbibliothek schmückenden Statuen meißelte S. die Figur des Thucydides, auch die Statuetten der heiligen Ottilia und Lucia (nach Konrad Eberhard) über dem Portal des Blindeninstituts; ebenso ist die vorzügliche Statue des Ornamentisten im Giebelfelde der Glyptothek Sanguinetti’s Werk.
Im Gebiete der Kleinplastik erwies er sich gleichfalls thätig. S. modellirte die Charakterfigur eines »Münchener Bierwirths«, meißelte eine zierliche »Frauenhand« in Marmor (1833), schuf einen heiteren »Bettelknaben« (1834, in Erz gegossen von Stiglmayer) und zwei kleine Bildnißstatuetten von Leo v. Klenze und Fr. v. Gärtner (1835); später brachte er noch in den Kunstverein eine Statuette des Königs Maximilian II. (1850), der Königin Marie (1853) und eine Büste der Baronin v. Redwitz (1851).
Nach Schwanthaler’s Skizzen fertigte S. die Statuen des Correggio, Memling und Velasquez unter den Standbildern berühmter Künstler, welche das südliche Dachgesimse der Alten Pinakothek schmücken. Sein Werk sind ferner die Medaillons von bairischen Herzogen in der Aula der Universität und die Porträtmedaillons (in gebrannter Erde) an der Hauptfaçade dieses Prachtgebäudes, ebenso die 16 Karyatiden im Thronsaale der Residenz. Dann führte S. im Auftrage des Königs für die bairische Ruhmeshalle (Bavaria) mehrere Büsten in Marmor aus, wie jene von Albrecht Dürer, Konrad Peutinger, Gf. Tilly, Andreas Wolf, Wiguläus Frhr. v. Kreittmayr, Abbé Vogler u. s. w. Zu seinen späteren Leistungen gehören zwei Victorien am Siegesthor, etliche Halbfiguren (Kränze haltend) am Nationalmuseum und die Genien auf der Bekrönung des Maximilianeum.
Während S. unter redlicher Arbeit alterte, hatte er noch das Unglück, daß seine einzige Tochter Friederike, völlig schuldlos, von ihrem eifersüchtigen Bräutigam am 7. October 1858 ermordet wurde. Am 15. Februar 1870 legte S. sein müdes Haupt zur Ruhe; er hatte, so viel es in seinen Kräften stand, beigetragen, der unter König Ludwig’s Aegide rasch erblühenden Stadt einen würdigen Theil ihres decorativen Schmuckes zu verleihen.
Vgl. Raczynski 1840, II, 683. – Nagler 1845, XIV, 264. – Nekrolog in Beil. 50 der »Allgem. Ztg.« vom 19. Februar 1870. – Lützow 1870, V, 106.
Hyac. Holland.
Dr. phil. Hyazinth Holland: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1890.
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† 9.10.1858 (München), 19 Jahre alt, Mordopfer
Bildhauers-Tochter
Deutschland.
München, 10. Oct. Heute Nachmittag ist die irdische Hülle der Bildhauerstochter Friederike Sanguinetti zur Erde bestattet worden. Schon gestern Nachmittag und heute während des ganzen Vormittags war der Gottesacker von Leidtragenden und Neugierigen äußerst zahlreich besucht, die alle gekommen waren, um dieses unschuldige Opfer einer unverantwortlichen Leidenschaft noch einmal zu sehen. Bei dem Leichenbegängnisse selbst aber zeigte sich die innigste und aufrichtigste Theilnahme. Der Leichenacker war überfüllt von Leidtragenden aus allen Ständen; Alles drängte sich herbei trotz des Pferderennens auf der Theresienwiese, um einem wirklich braven, gesitteten Mädchen die letzte Ehre zu erweisen; und wie der das Grab einsegnende Geistliche mit sichtlicher Ergriffenheit bei der Grabesrede erzählte, wie folgsam die Gemordete den Eltern war, wie treu sie ihre Pflichten als brave Katholikin erfüllte, wie schonend sie stets Dem die Nichtigkeit des Verhältnisses dargestellt hat, der, Liebe heuchelnd, sie dem frühzeitigen Tode überantwortete, mit welchen lockenden Worten und mit welcher Beharrlichkeit er nach eigenem Geständnisse das Mädchen in den Garten ihrer Eltern zu gehen bewogen hat, wie der Furchtbare, allen vernünftigen Erinnerungen kein Gehör schenkend, sie mit kalter Grausamkeit niederschoß und selbst die mit dem Tode Ringende ohne alle Theilnahme verließ, da entstand ein allgemeines Schluchzen und lautes Weinen unter den Tausenden, die das Grab umstanden. Wie gesagt, es zeigte sich die innigste und aufrichtigste Theilnahme. Mögen die tiefbetrübten Eltern hierin einigen Trost in ihrem gerechten Schmerze finden. – Die Mordthat bildet hier immer noch das Tagesgespräch. Die Angaben in Bezug auf die Details lauten zum Theil abweichend von den ersten Notizen welche die Blätter über den Vorfall ins Publikum brachten. So geschah, wie die »Ldb.« jetzt berichtet, die That nicht auf der Straße, sondern im Garten des Bildhauers Sanguinetti, wohin der Mörder, der Cand. jur. Förner aus Edenkoben in der Rheinpfalz, das unglückliche Opfer zu verlocken gewußt hatte. Das Mädchen, getreu den Befehlen seiner Eltern, wollte ein Verhältniß abbrechen, welchem diese ihre Zustimmung versagten, nach anderen Angaben drängte sie ihren Geliebten, ihren Eltern ihr beiderseitiges Verhältniß aufzudecken, wessen er sich weigerte; vielmehr forderte er in der Wildheit seiner ungebändigten Leidenschaft, sie solle sich mit ihm erschießen. Als sie hierauf nicht einging, faßte Förner sie krampfhaft am Arme und streckte sie durch einen Schuß nieder. Der Unselige soll nach der That den Plan gehegt haben, sich selbst zu entleiben; von diesem zweiten Verbrechen stand er jedoch nach längerem Umherirren wieder ab und gab sich auf der Polizeiwache als den Mörder seiner 19jährigen Geliebten an. Bei der am 8. stattgehabten Obduktion der Leiche soll er sich im hohen Grade ergriffen gezeigt haben. – Die »Allg. Ztg.« bringt über obigen Vorfall nachstehenden Bericht:
Das Ende der Tochter des Bildhauers Sanguinetti findet in allen Kreisen die lebhafteste Theilnahme. Der junge Mann (G. Förner von Edenkoben), welcher ihr das Leben nahm, war bis jetzt die Hoffnung seiner noch lebenden Eltern. Er hatte mit Auszeichnung (stets als der erste) die Gymnasialstudien in der Pfalz absolvirt, und heute (9) sollte er an hiesiger Universität sein juristisches Examen bestehen. Gewiß ist, daß er nicht bloß seiner Geliebten, sondern auch sich selbst das Leben nehmen wollte. In diesem Sinn schrieb er noch wenige Stunden vor der grauenhaften That an einen seiner Bekannten, die übrigens fast insgesammt, von dem schon seit drei Jahren bestehenden Verhältniß keine Ahnung hatten. Doch fehlte ihm, wie es scheint, der Muth, nachdem er das Mädchen hingestreckt, »sich im Tod mit ihr zu vereinen,« wie er die Absicht ausgesprochen haben soll (das Rauschen des Wassers habe ihn zur Besinnung gebracht, sagte er!), nachdem so wenig Hoffnung vorhanden war, dieß ersehnte Ziel im Leben zu erreichen. Dieser Fall, wie so manch andere Erscheinungen zeigen in erschütternder Weise, daß die Begriffe der Ehre und Sittlichkeit vielfach in höchst unglücklicher Weise aufgefaßt werden. Die Sentimentalität und Mangel an wahrem Mannesmuth und Mangel an Dem, setzen wir hinzu, was jenen allein zu geben vermag, an religiösem Glauben und Sinn,) spielen überall eine große Rolle, und die Selbstmordsgedanken wagen sich ohne Scheu selbst auf die offene Gasse. So lesen wir eben heute in den »Neuesten Nachrichten«, wo die Ergüsse der Verliebten ihre Ablagerung finden: »Wenn nicht Sie mir Hülfe senden, dann ist meinem Leben bald ein Ende.« Wir dächten aber, es wäre genug für einen Christen, das Musterdeutsch in dem Münchener Localbericht jenes weit verbreiteten Blattes lesen zu müssen. Mit den Qualen und Schmerzen der Verliebten sollte man billig verschont bleiben.
Bayerisches Volksblatt Nro. 241. Regensburg; Mittwoch, den 13. Oktober 1858.
Schwurgerichtssitzung.
Am 31. März.
Unter einem sehr großen Andrang des Publikums, das schon vor 8 Uhr Morgens alle Räume gefüllt hat, findet heute Verhandlung statt gegen Georg Ferner, 22 Jahre alt, aus Edenkoben in der Pfalz gebürtig, Universitätsstudenten, – wegen Mordes. Der Vorsitzende des Gerichtes ist Appell-Ger.-Rath Graf Holnstein, die übrigen Richter sind die HH. Bezirks.-Ger.-Rath Dr. May, Rattinger, v. Heinleth und Bezirks-Ger.-Assessor v. Hermann. Die Staatsbehörde ist durch Hrn. Staatsanwalt v. Stenglein vertreten, die Vertheidigung wird vom Hrn. Accessisten Sensburg geführt. Als Geschworne fungiren: die HH. 1) Handelsmann Lechner von Niederaschau, 2) Kunstmaler Petzl v.h., 3) Privatier Wegmair v. h., 4) Wirth Karl von Geisenfeld, 5) Loderermeister Hell v. h., 6) Bräuer Liepold von Gaimersheim, 7) Spängler Bader von Erding, 8) Bader Köstler v. h., 9) Eisenhändler Krailer von Traunstein, 10) Vergolder Radspieler v. h., 11) Mühlbesitzer Reindl v. h., und 12) Maurermeister Wolf von Traunstein. Als Sachverständige sind geladen: HH. Gerichtsarzt Dr. Hofmann, Universitätsprofessor Dr. Martin und Universitätsprosessor Dr. Lindwurm. Die Anklageschrift führt Folgendes vor: Georg Ferner, ein junger Mann von Talent, war bis zur Zeit der That sehr gut beleumundet. Er hätte im verflossenen Herbst sein juridisches Schlußexamen machen sollen. Den Winter 1858 hätte er mit der Bildhauerstochter Friederike Sanguinetti ein Liebesverhältniß angefangen, dieselbe hatte auch einige, jedoch keineswegs leidenschaftliche Zuneigung zu ihm, wie das aus den Aeusserungen, die sie einigen ihrer Freundinnen gegenüber machte, hervorgeht: sie äußerte nämlich, daß sie, da er sie doch nicht versorgen könne, das Verhältniß bei seiner Abreise von München lösen wolle. Auch erzählte sie ihren Freundinnen, daß G. Ferner gedroht habe, er werde sich selbst den Tod geben, wenn sie ihm nicht treu bleibe. In Folge dieses Liebesverhältnisses willigte Friederike Sanguinetti auch zwei Mal ein, mit G. Ferner in dem Garten ihrer Eltern, der an der Arcisstraße unmittelbar hinter der Anlage der k. Glyptothek liegt, zusammenzukommen. Das dritte und letzte Mal kam sie mit ihm am 7. Okt. Abends zusammen. Wenige Tage darauf hätte G. Fernerer sein Examen machen und dann sofort in die Heimath abreisen sollen. Bei diesem letzten Zusammentreffen beabsichtigte F. Sanguinetti, ihm bestimmt zu erklären, daß sie sich für die Zukunft nicht binden könne. G. Ferner äußerte wiederholt, wie ungern er München verlasse, und war namentlich in den letzten Tagen, die dem 7. Oktober vorhergingen, sehr niedergeschlagen, eine auffallend erregte Gemüthsstimmung hat man jedoch an ihm nicht wahrgenommen, seine Freunde kannten seinen schwärmerischen Charakter und seine Liebe, aber nichts ließ darauf schließen, daß er einen Gewaltsschritt beabsichtige. Es findet sich aber von G. Ferner Schriftliches bis zum 21. September 1858 rückwärts vor, worin er von Selbstmord und einer vorangehenden Tödtung seiner Geliebten spricht. Ferner ist hergestellt, daß er sich gegen Ende Septembers mit einem Doppelterzerol, 6 Kugeln und Kapseln versehen und daß er sich mit diesem bei dem letzten Rendezvous eingefunden hat. Ueber die Weise, wie Friedr. Sanguinetti um's Leben kam, machte G. Ferner verschiedene Angaben. Er behauptete, daß er den bestimmten Entschluß, das Mädchen zu tödten, erst im Garten gefaßt habe, als er dort eine halbe Stunde lang allein gewartet hatte; ein andersmal sagte er: erst der letzte Augenblick der Trennung und der Gedanke, daß er nun seine Geliebte verlieren werde, hätten ihn zu der allerdings schon vorbereiteten Handlung hingerissen. Als Beweggrund zur That gab er bald Eifersucht, bald die Unmöglichkeit an, sich in eine Trennung zu finden, bald das Gefühl körperlicher Verkommenheit in Folge von geheimen Jugendsünden, die ihn nie in den Besitz seiner Geliebten gelangen lassen würden. Ein andersmal äußerte er: er habe die Friederike erschossen, als sie davon eilte, weil er geglaubt habe, sie wolle wegen des von ihm beabsichtigten Selbstmordes Lärm mache. Wieder ein andersmal sagte er: das Pistol habe sich entladen in Folge der Bemühung des Mädchens, ihn vom Selbstmorde abzubringen. – Die That geschah um halb 10 Uhr Nachts, um diese Zeit hörten zwei in der Nähe stehende Wachtposten einen Schuß. Um 11 Uhr meldete sich G. Ferner auf der Polizeidirektion. Er gestand dort seine That und gab, wenn auch mit Zeichen geistiger Aufregung, auf jede Frage richtig Antwort. Die Leiche des Märchens fand man am bezeichneten Orte der That; neben ihr lagen einige zerrissene Stücke von ihrem Kleide, man sah viele Fußtritte von Beiden in den Beeten des Gartens, Pulver-Reste in Papier eingewickelt und andere Gegenstände. Der Schuß war durch die Brust gedrungen, hatte die Leber und die großen Blutgefässe des Unterleibes zerrissen, so daß der augenblickliche Tod die nothwendige Folge war. Unmittelbar nach der That eilte Ferner in den englischen Garten, in der Absicht, sich selbst das Leben zu nehmen, das Rauschen des Wassers habe ihn aber zu sich gebracht und ihn an die Pflicht erinnert, sich der weltlichen Gerechtigkeit zu stellen; er habe die Pistole in's Wasser geworfen und sich dann auf die k. Polizeidirektion begeben. (Fortsetzung folgt.)
Münchener Bote für Stadt und Land No. 78. München; Freitag, den 1. April 1859.
Hauptstadt-Neuigkeiten.
– Der Ferner'sche Prozeß am Schwurgericht nimmt gegenwärtig das ausschließende Interesse des Tages in Anspruch. Gestern war der Zudrang des Publikums – darunter der größte Theil weibliches – so groß, daß eine verschlossene Thüre eingedrückt wurde und zur Aufrechterhaltung der Ordnung 20 Mann Gendarmen am Platze waren.
Schwurgerichtssitzung.
Am 1. April.
[Fortsetzung der Verhandlung gegen Georg Ferner, Universitätsstudent – wegen Mordes.] Der Angeklagte übergab dem Gerichtshof ein umfassendes Schriftstück, seine Biographie enthaltend. Er führt in derselben durch, daß er von frühester Jugend an sich zur Poesie hingezogen fühlte, daß er einzig und allein in ihr und in der Musik seine Befriedigung fand, und daß er sich nur unlieb bloß um dem Willen seiner Eltern zu genügen zum juridischen Studium entschloß: Er schildert darin seine unendliche Liebe zu dem schönen Mädchen, von welchem er sich überzeugt fühlte, daß es, wären die Eltern nicht dagegen gewesen, sich ihm verbunden hätte. Der Gedanke, seine Friederike verlieren zu müssen und sie im Besitze eines Andern zu wissen, sei ihm unerträglich geworden. Er habe sich hierüber in seinen Gedanken bis zum Wahnsinn abgemartert. Mit Allem, was ihm theuer war, mit kleinen Andenken, die er von Friederike erhalten hatte, zum Tode geschmückt, sei er zum letzten Rendezvous in den Garten gekommen, einen Monolog aus dem rasenden Ajax recitirend. Als er längere Zeit im Garten allein gewesen, sei ihm der Gedanke aufgestiegen: Sie geht mit dir! Der Gedanke, sie hienieden im Besitze eines Andern zu wissen, sei ihm als das Schrecklichste erschienen, süß dagegen sei ihm die Zuversicht gewesen, sie allein zu sehen im Jenseits als Selige. Als Friederike endlich erschienen, seien sie lange schweigsam beisammen gesessen, sie habe ihn aufzuheitern gesucht, jedoch vergebens, der Gedanke, daß ein Anderer schwelgen sollte, wo er anbetete, habe ihn nicht mehr zur Besinnung kommen lassen. Wäre es an jenem Abend nicht so dunkel gewesen, hätte er in die schönen freundlichen Augen Friederikens blicken können, die That wäre nicht geschehen. Als sich nun endlich Friederike zum Gehen angeschickt und die Worte ausgesprochen: »Komm', da hast Du meinen letzten Kuß!« habe es ihn plötzlich wild durchzuckt und er wisse nicht, wie es geschehen, das Mädchen stürzte todt vor ihm nieder. Jetzt sei er plötzlich wieder zu sich gekommen, der Gedanke, sich selbst zu tödten, sei wieder erwacht, aber er wollte dieß nicht in Friederikens Nähe thun, sondern ferne von ihr. Der Angeklagte spricht schließlich in diesem Schreiben aus daß er allerdings gewärtigen müsse, daß man in seine Angaben Zweifel setze, er sagt, er würde selbst nicht daran glauben, wenn er es nicht erfahren hätte. Er will dieß Alles nur geschrieben haben, um der Wahrheit, nicht um seiner Erhaltung willen: »Ich muß, schließt er, zu ihr aber nicht durch meine Hand, sondern durch die Hand der strafenden Gerechtigkeit!« Die Zeugen bekunden Folgendes: Der Gendarm, welcher die Wache hatte, als Georg Ferner sich um halb 12 Uhr auf der Polizei stellte, ferner zwei damals anwesende Brigadiere deponiren, Ferner habe geäußert: »Ich wollte das Mädchen eigentlich nicht umbringen, sondern der Schuß ging los; ich hab' mich erschießen wollen, das Mädchen hat es nicht gelitten, da ist die Pistole losgegangen.« Sie sagen, der Angeklagte sei zwar sehr aufgeregt gewesen, aber nicht verwirrt, er habe auf alle Fragen eine bestimmte Antwort gegeben. Hr. Polizeiaktuar Entmoser, welcher den Angeklagten in jener Nacht vernommen hat, deponirt: der Angeklagte sei bei seiner Vernehmung bei voller Besinnung gewesen und habe als das Motiv des Verbrechens angegeben: »der Gedanke, das Mädchen zu verlieren, und es in den Armen eines Andern zu wissen, hat mich ganz aus der Fassung gebracht, und als ich Friederike davon fliehen sah, habe ich krampfhaft nach dem Pistol gegriffen und es abgedrückt, ich weiß eigentlich selbst nicht, wie es geschehen ist.« Der Hauseigenthümer Lanzer gibt an, er habe beobachtet, wie Ferner ganze Stunden lang vor dem Hause Sanguinetti's stand uad hinauf blickte, er glaubt, ein ernsthaftes Verhältniß habe zwischen ihm und dem Mädchen nicht bestanden, Friderike Sanguinetti habe oft Angst wegen Ferner und den Wunsch geäußert, wenn er nur bald fort wäre; einmal habe er beobachtet, wie Ferner hinter dem Mädchen nachgegangen sei und geweint habe; Friderike Sanguinetti habe geäußert: »er verlangt, daß ich ihm ewige Liebe und Treue schwöre, das thue ich nicht, verkaufen will ich mich nicht.« Die Leute bei welchen Ferner wohnte, sagen, daß er von jeher Hang zur Schwärmerei gehabt habe, in den letzten Lagen sei er sehr traurig und niedergeschlagen gewesen. Er sei am kritischen Abend nach 5 Uhr vom Hause weg, um, wie er sagte, ins Theater zu gehen, etwas auffallendes habe man aber an ihm damals nicht bemerkt. Einige Zeuginnen, Freundinnen der unglücklichen Friederike Sanguinetti, geben an, dieselbe habe geäußert: »sie habe zwar den Ferner lieb, aber keine Aussicht mit ihm, sie werde deßwegen das Verhältniß lösen und ihm dieses auch beim Abschiede sagen.« Ferner habe ihr einmal mit dem Umbringen gedroht, wenn sie ihm untreu würde, sie habe aber diese Drohung mehr als Spaß aufgenommen. Drei Freunde des Angeschuldigten, die HH. Glock, Lommel und Schrödler, welche ihn von Jugend auf kennen, sagen, daß er von jeher sehr schwärmerisch war, daher er auch den Beinamen der »Ueberschwängliche« hatte. Schon in seinem 10. Lebensjahre habe Ferner Schiller's Werke gelesen. In letzterer Zeit habe sich Ferner von ihrer Gesellschaft ferne gehalten, und auffallend war ihnen, daß er bezüglich seines Liebesverhältnisses ihnen gegenüber sich ganz verschlossen zeigte, von Selbstmordgedanken hätten sie aber nicht die entfernteste Ahnung gehabt. Der Büchsenmacher Stiegele gibt an, Ferner sei in der ersten Woche des Oktoberfestes zu ihm gekommen, habe eine Doppelpistole gekauft, und Kugeln, Kapseln und Pulver bestellt: Ferner habe dabei immer gelacht und die Aeußerung gemacht: »die vielen Kapseln verschieß' ich in meinem Leben auch nicht.« Aus den vielen Scripturen Ferners, die verlesen werden, theils an seine Freunde, theils an Friederike Sanguinetti gerichtet, ist ersichtlich, daß derselbe das Mädchen mit der edelsten Leidenschaft geliebt hat, »er liebte, heißt es in einem dieser Briefe, nur Gott und Friedericke.« In allen diesen Stripten gibt sich eine außerordentlich poetische Begabung, zugleich aber eine maaßlose Selbstüberschätzung kund, denn die Stellen, wo er von der Ueberlegenheit seines Geistes, von der Kälte und Ruhe, mit welcher er sonst alle Lebensverhältnisse ansah, von den sprühenden Funken seines Witzes etc. spricht, wiederholen sich öfters. Den Zeugen gegenüber hat G. Ferner nicht ein Wort zu erinnern, er bleibt bei seiner Angabe stehen, daß er den Vorsatz, die Geliebte zu tödten, nicht gehabt habe und daß er im Augenblicke der That vollends ausser sich gewesen sei. (Schluß folgt.)
Münchener Bote für Stadt und Land No. 79. München; Samstag, den 2. April 1859.
Schwurgerichtssitzung.
[Schluß der Verhandlung gegen G. Ferner – wegen Mord.] Hr. Prof. Dr. Hofmann gab sein ausführliches Gutachten, welches im Publikum großen Eindruck hervorbrachte, dahin ab, daß sich der Angeklagte zur Zeit der That in jenem geistigen Zustande befunden hat, den das Gesetz unter dem Begriffe der geminderten Zurechnungsfähigkeit versteht. Die HH. Doktoren Lindbrunn und Martin führten die Ansicht des Obermedizinalkomites aus, welche dahin geht, daß sich G. Ferner in einem vollkommen geistesgesunden Zustande befunden habe. Der k. Staatsanwalt Hr. v. Stenglein hielt die Anklage auf Mord in ihrem vollen Umfange aufrecht, Hr. Vertheidiger Acc. Sensburg plaidirte auf das Verbrechen des Todschlages, begangen bei geminderter Zurechnungsfähigkeit. Den Geschwornen wurden 4 Fragen vorgelegt, die 1. auf Mord lautend, die 2., ob die That mit Vorbedacht beschlossen, die 3., ob sie mit Ueberlegung ausgeführt, die 4., ob der Angeklagte im Zustande geminderter Zurechnungsfähigkeit gehandelt habe. Der Wahrspruch lautete: Schuldig des Mordes, mit Vorbedacht beschlossen, jedoch ohne Ueberlegung ausgeführt, verübt im Zustande geminderter Zurechnungsfähigkeit. Der Gerichtshof verurtheilte den G. Ferner nach Antrag der Staatsbehörde zum Minmum, zur Festungsstrafe II. Grades auf 12 Jahre. Die Verhandlung endete erst gegen Mitternacht und das alle Räume füllende Publikum hielt bis zum letzten Augenblicke aus. Der Angeklagte, der während der ganzen zweitägigen Verhandlung sehr niedergeschlagen, mit gesenktem Blicke, öfters weinend, dagesessen war, zeigte bei Vernehmung des Wahrspruchs und der Urtheilsverkündung keine besondere Regung.
Münchener Bote für Stadt und Land No. 80. München; Sonntag, den 3. April 1859.
Schwurgerichts-Verhandlung
gegen den Studenten Georg Ferner wegen Mordes der Bildhauerstochter Friederike Sanguinetti.
München, 2. April. Georg Ferner, 22 Jahre alt, Lehrerssohn aus Edenkoben, ist des Mordes der Bildhauerstochter Friederike Sanguinetti von hier beschuldigt. Nach der Anklageschrift hat Ferner, ein sehr talentvoller junger Mann, im August 1854 das Gymnasium zu Zweibrücken absolvirt und kam im November des Jahres 1855 hieher an die Universität, wo er das Studium der Rechte ergriff und im vergangenen Herbste das theoretische Schluß-Examen hätte machen sollen. Schon im Winter 1857 knüpfte Ferner mit der 17jährigen Bildhauerstochtcr Friederike Sanguinetti von hier, welche schon längere Zeit seine Aufmerksamkeit erregt hatte, ein Liebesverhältniß an. Dieselbe hatte wohl auch einige, keineswegs aber leidenschaftliche Zuneigung zu Ferner, was aus Aeußerungen hervorgeht, die sie gegen Freundinnen machte, daß sie nemlich weder abwarten könne noch wolle, bis Ferner ihr eine Versorgung zu bieten im Stande sey, und daß sie deßhalb das Verhältniß mit ihm bei seiner bevorstehenden Abreise von München zu brechen gesonnen sey. Zugleich äußerte sie aber auch ernste Besorgnisse über von Ferner gegen sie gemachte Drohungen, daß er, wenn sie ihm nicht treu bleibe, sich selbst den Tod geben werde. In Folge dieses Verhältnisses, vielleicht aber auch wegen dieser Drohungen Ferner's willigte sie zweimal ein, mit ihm in dem unmittelbar hinter der Arcisstraße gelegenen Garten ihrer Eltern heimlich zusammenzukommen, wobei sie aber jedesmal gegen Ferner unverholen die Absicht aussprach, das Verhältniß mit ihm lösen zu wollen. Am 7. Oktbr. v. J. traf sie zum dritten-, und wie es wahrscheinlich verabredet war, zum letztenmale mit Ferner, der wenige Tage nachher nach bestandenem Examen in die Pfalz abreisen sollte, in diesem Garten zusammen, bei welch letztem Rendezvous sie dem Ferner die schon früher und mehrfach gemachte bestimmte Erklärung wiederholen wollte, daß sie sich nicht für die Zukunft binden könne. Ferner, der sich öfters geäußert hatte, daß er München sehr ungerne verlasse, zeigte sich in den letzten Tagen sehr niedergeschlagen, doch haben weder seine Hausleute noch seine Freunde eine auffallend erregte Gemüthsstimmung an ihm wahrgenommen; auch nicht am letzten Nachmittag und selbst nicht am letzten Abend, bevor er den Gang zum verhängnißvollen Rendezvous antrat, war solche an ihm wahrzunehmen. Seine Freunde, die wohl seinen schwärmerischen Charakter und seine Liebe zu Friederike Sanguinetti kannten, hatten durchaus keine Ursache anzunehmen, daß Ferner zu einem Gewaltschritte entschlossen sey. In seiner Wohnung aber fanden sich verschiedene bis zum 21. Sept. v. J. rückwärts gehende Schriftstücke, in denen Ferner von Selbstmord und von vorangehender Tödtung seiner Geliebten spricht. Hiezu kommt, daß er sich Ende Septembers eine Doppelterzerole, 6 Kugeln und Kapseln gekauft und alle diese Werkzeuge bei dem letzten Rendezvous mit sich geführt hat. Von diesem Augenblicke an differiren nun die Angaben Ferner's sehr; bei der Polizeidirektion machte er in der ersten Vernehmung ganz bestimmte Angaben, wurde später aber wieder schwankend, namentlich bezüglich des Zeitpunktes, in dem er den Entschluß gefaßt hat, seine Geliebte zu tödten. Während man aus allem schließen kann, daß Ferner den Entschluß, zuerst seine Geliebte und dann sich zu tödten, schon lange vor der That mit sich herumgetragen, behauptet er in spätern Verhören, diesen Entschluß erst im Garten gefaßt zu haben, als er dort eine halbe Stunde allein gewartet habe. Ein andermal behauptete er wieder, erst der letzte Moment der Trennung hätte ihn zu der allerdings schon vorbereiteten Handlung hingerissen. Ueber den Beweggrund der That machte er eben so verschiedene Angaben, bald gab er als solchen Eifersucht, bald die Unmöglichkeit an, sich in eine Trennung finden zu können, bald die Unmöglichkeit, sich mit ihr dereinst verbinden zu können. Ein andermal erzählte er den Hergang der That in der Weise, daß er seine Geliebte im Davoneilen erschossen habe, indem er geglaubt, sie wolle wegen des von ihm beabsichtigten Selbstmords Lärm machen. Weiters gab er einmal an, die Pistole habe sich durch ihr Bemühen, ihn vom Selbstmorde abzuhalten, gegen seinen Willen entladen. Die unselige That ereignete sich um ½10 Uhr Abends, um diese Zeit hörten zwei in der Nähe befindliche Wachposten einen Schuß, und um 11 Uhr schon meldete sich Ferner bei der Polizeidirektion, wo er sogleich seine That gestand und jede Antwort, wenn auch mit Zeichen geistiger Aufregung, richtig abgab. Die Leiche fand man an dem von ihm bezeichneten Orte der That; dort lagen auch abgerissene Stücke von dem Kleide des Mädchens, und waren zahlreiche Fußtritte von Beiden in den Gartenbeeten bemerklich, sowie sich in Papier eingewickelte Pulverreste und andere Gegenstände, darunter eine Weinflasche vorfanden. Der Schuß war durch die rechte Brust eingedrungen, hatte die Leber, sowie die großen Blutgefäße des Unterleibs zerrissen, so daß augenblicklicher Tod die nothwendige Folge war. Unmittelbar nach geschehener That eilte Ferner in den englischen Garten, angeblich in der Absicht, sich nun auch das Leben zu nehmen. Allein das Rauschen des Wassers habe ihn zur Besinnung gebracht, die bessere Natur sey in ihm erwacht und habe ihn an die Pflicht erinnert, der weltlichen Gerechtigkeit Genüge zu leisten, aus welchem Grunde er auch die Pistole, die er bei sich geführt, ins Wasser geworfen und sich sofort bei der k. Polizeidirektion gestellt habe. Bei der Verhandlung selbst macht nun Kerner unter großer Erregung und Schluchzen und Weinen, besonders als er auf die That selbst zu sprechen kommt, folgende Aussagen: Er sey 3 Jahre auf der Universität gewesen und habe schon im ersten Semester die Friederike Sanguinetti kennen gelernt. Er habe sie öfters gesehen, habe aber erst auf dem letzten Künstlerballe zum erstenmale Gelegenheit gefunden, sie zu sprechen. Sie hätten nun gegenseitig Briefe gewechselt, sich auch öfters gesehen und gesprochen, und später hätten sie sich dann im Garten ihrer Eltern Rendezvous gegeben. Er habe mit ihr öfters davon gesprochen, sich mit ihr einst ehelich verbinden zu wollen, womit dieselbe anfangs sich auch einverstanden gezeigt habe, späterhin habe sie aber erklärt, daß sie sich nicht binden könne. Er sey aber überzeugt, daß sie ihm treu geblieben wäre, wenn ihre Eltern die Einwilligung zu der später erfolgenden Verbindung ertheilt hätten. In welchem Zeitpunkte er den Entschluß seine Geliebte zu tödten gefaßt habe, könne er nicht bestimmt angeben. Nachdem sie am kritischen Abend bis gegen halb 8 Uhr im Gartensaletchen beisammen gesessen, habe er ihr den Entschluß mitgetheilt, sich tödten zu wollen, wogegen sie Einwendungen gemacht habe. Um halb 10 Uhr sey sie aufgestanden und habe gesagt: »Wir wollen fortgehen; wir wollen uns lieben, aber trennen.« Bei diesen Worten habe ein unbeschreibliches Gefühl seinen ganzen Körper durchzuckt, das Mädchen hätte das Saletchen verlassen und in diesem Augenblicke habe er, ohne zu wissen in welcher Richtung, die Pistole blindlings losgedrückt. Letztere habe er 3 bis 4 Tage vor der That gekauft, aber nur in der Absicht, um sich zu erschießen, mit welchem Vorhaben er schon Monate lang umgegangen sey. Er habe deßwegen sich tödten wollen und sey ihm der Tod als unvermeidlich erschienen, weil er geglaubt habe, ohne sie nicht leben zu können und ihm überdieß der Gedanke, zu sterben und Friederike in den Armm eines Andern zu lassen, schrecklich gewesen sey. Wenn er in der Voruntersuchung angegeben habe, daß er den Entschluß, seine Geliebte zu tödten, schon früher gefaßt habe, so sey dieß eine Folge der vielen an ihn gestellten eindringlichen Fragen gewesen. In einem am Tage der That von Ferner an einen Freund geschriebenen Briefe finden sich übrigens die Worte: »In dem Augenblicke, in dem Du diesen Brief empfängst, werden zwei Herzen zu schlagen aufgehört haben.« Als ihm dieß vom Herrn Präsidenten vorgehalten wurde, erklärte er, sich hieran nicht erinnern zu können, weil er in einer fortwährenden Aufregung gewesen. Nach der Vernehmung des Angeklagten wurden eine Menge Briefe, theils an seine Geliebte, theils an Freunde von ihm gerichtet, verlesen. Aus diesen Briefen ergibt sich ein anschauliches Bild von der schwärmerischen, ja beinahe wahnsinnigen Liebe Ferner's zu Friederike Sanguinetti. Die Sprache dieser Briefe, insbesondere die an Sanguinetti gerichteten Liebesbriefe kann man nicht anders als schön nennen, nicht selten schwingt sie sich zu hohem poetischem Fluge empor, verliert sich aber mitunter in das Gebiet des Phantastischen. Nach diesen Briefen sah Ferner in seiner Geliebten das unerreichte Ideal des Weibes. Wir wollen einige Stellen daraus, so weit sie uns noch im Gedächtnisse sind, anführen. Eine derselben schließt mit den Worten: »Gott und Friederike sind mir das Liebste.« In dem Briefe, indem er sie um das letzte Rendezvous bittet, findet sich die Stelle: »Dein gehöre ich, und doch willst Du, daß ich Dich verlasse, das kann ich aber nur, wenn ich zugleich das Leben verlasse. Sage nie Jemanden, daß Du mich geliebt hast, und möge Dein künftiger Geliebter Deiner würdiger seyn als ich. Vergiß mich, ich aber werde Dich nie vergessen, mein letztes Wort wird Friederike seyn. Aber noch einmal nur gib mir die Hand, und dann will ich gehen.« In einem andern Briefe macht er ihr Vorwürfe, daß sie die Liebe dem Vergnügen geopfert habe. Aus diesen Briefen erhellt aber auch, daß Ferner eine maßlose Eitelkeit besaß, so ist in einem Briefe an seine Geliebte gesagt: »Sieh, ich bin ein Mensch, der (ich darf es wohl sagen) bei hohem Verstande und herrlichen Talenten an seinem Herzen zu Grunde geht.« In einem andern Briefe spricht er von seiner geistigen Ueberlegenheit und seinen sprühenden Geistesfunken. Während des Laufes der Voruntersuchung hat Ferner in der Frohnfeste eine umständliche Selbstbiographie verfaßt, in welcher er auch Aufschlüsse über die Motive und den Hergang der That gibt. Dieselbe wurde gleichfalls verlesen, und wir entnehmen ihr Nachstehendes: Schon von frühester Jugend an habe er sich zur Poesie hingezogen gefühlt, mit 10 Jahren habe er schon Schillers Räuber gelesen, und nur in der Poesie und Musik habe er seine Befriedigung gefunden. Zum Studium der Jurisprudenz habe er sich bloß entschlossen, um dem Willen seiner Eltern nachzukommen, Neigung hiezu habe er durchaus keine gehabt. Er schildert dann seine unendliche Liebe zu dem schönen Mädchen, oft habe er aber geschwankt, ob er diese Liebe nicht aufgeben solle, aber er sey zu schwach hiezu gewesen, und habe so diese Liebe drei volle Jahre mit sich herumgetragen. Die fatalistische Nothwendigkeit, sich zu tödten, hätte sich wie ein Schleier über seinen Geist gebreitet. In den letzten Tagen vor der That sey er von einer unbeschreiblichen Unruhe erfaßt worden, sein Denkvermögen habe sich vollständig verwirrt, und er habe »den Wolf des Todes« ihn mit glühenden Augen anglotzen sehen. Förmliche Todesangst sey über ihn gekommen und er habe laut auf gelacht und gerufen: »Ein Wahnsinniger, ein Verliebter! auch ich sterbe!« Nachdem ihm Friederike zwei Tage vor der That die letzte Zusammenkunft versprochen, hätten die Worte: »letzte, letzte Zusammenkunft« unaufhörlich in ihm fortgeklungen, und immer habe er gedacht, diese letzte Zusammenkunft werde seine letzte Stunde seyn. Er habe geschwankt, ob er die Pistole, die er wenige Tage vorher gekauft, zum letzten Rendezvous mitnehmen solle, habe sich aber endlich dafür entschieden, sey dann zu Ott gegangen und habe dort eine Flasche Wein gekauft. Die Briefe Friederikens, alle ihre kleinen Andenken, kurz alles, was ihm theuer gewesen, hätte er bei dem letzten Gange mitgenommen. Er habe den Monolog des rasenden Ajax von Sophokles rezitirt, und freudig sey der Gedanke in ibm aufgestiegen: »sie geht mit mir.« Doch immer schrecklicher und schrecklicher seyen seine Gedanken geworden, klar habe er es gefühlt, daß wahnsinnige Eifersucht der Grund seines Leidens sey, er habe nicht an Hölle und nicht an Gott gedacht. Er habe seine Geliebte umarmt, aber diese Umarmung sey eine rasende Anklammerung gewesen, er habe sie geküßt, aber seine Lippen seyen kalt wie Eis gewesen, er sey an ihrer Brust gelegen und habe ausgerufen: Tod, Tod! Sie habe ihn getröstet und durch Erzählen zu zerstreuen versucht, sie habe ihn geküßt und umarmt, aber der Gedanke, sie könne einen andern gerade so küssen und gerade so umarmen, sey wie ein Gespenst in seiner Seele aufgestiegen. Er habe ihr angeboten, vom Weine zu trinken, sie habe aber abgelehnt, weil sie geglaubt, derselbe sey vergiftet. Als er endlich wiederholt den Entschluß ausgesprochen, sich nun tödten zu wollen, und die Pistole gezeigt habe, hätte sie gesagt: »Nein, du darfst nicht, ach wenn nur ich sterben könnte!« Was er hierauf geantwortet, wisse er nicht mehr, er glaube aber gesagt zu haben: »ja du gehst mit mir.« Sie sey dann so herzlich mit ihm gewesen, so daß er glaube, daß, wenn es nicht so dunkel gewesen und er sie gesehen hätte, die That nicht geschehen wäre. Nach 9 Uhr habe Friederike gehen wollen, sie sey aus dem Gartenhäuschen getreten, habe ihm seinen Rock und den Gartenschlüssel mit den Worten gereicht: »gehen wir.« Sodann habe sie gesagt: »komm, da hast du meinen letzten Kuß!« Nun habe es ihn jäh und wild durchzuckt, der Schuß sey gefallen – wie wisse er nicht – und das Mädchen todt zu seinen Füßen gelegen. Er habe dann gedankenlos in die Nacht hinausgestarrt, und nun sey ihm der Gedanke wiedergekommen, daß er sich auch erschießen solle, aber er habe dies nicht in Friederikens Nähe, sondern ferne von ihr thun wollen. Er sey nun in den englischen Garten gerannt, wo ihn das Rauschen des Wassers wieder zu sich gebracht habe, es sey die Erinnerung an seine Jugend, seine Eltern und Schwester, an seine Freunde, und die Reue über die vollbrachte Unthat in ihm erwacht. Er habe mit sich gekämpft, ob er sich den Tod geben solle, aber die bessere Natur sey in ihm erwacht, sie habe auch gesiegt, und mit dem Gedanken, daß er alles erdulden wolle, daß nichts zu schrecklich für ihn sey, habe er sich auf der Polizeidirektion gestellt. Wenn er sagen solle, welches Motiv ihn zur That getrieben, so sage er keines, sie sey so rein, so schön, so lieb gewesen, aber die Eifersucht habe ihn übermannt, der Gedanke, daß da wo er anbete, ein anderer schwelgen solle, sey ihm zu schrecklich gewesen. Um eines bitte er, man möge ihn strengstens beurtheilen und ihn in die Ewigkeit senden; mit dem Gedanken an Friederike möchte er sterben, sie sey nicht mehr hier, er müßte zu ihr, aber nicht durch seine eigenen Hände, sondern durch die des strafenden Richters. Mit diesen Worten schließt dieses Schriftstück, von dem wir nochmals bemerken, daß Ferner es während der Untersuchungshaft abgefaßt hat. Von den vernommenen Zeugen sagen Freundinnen der Getödteten aus, letztere habe ihnen mehrmals mitgetheilt, sie fürchte den Ferner und wünsche sehnlichst, das Verhältniß mit ihm abzubrechen. Sie sey am 7. Okt. nur deßhalb zu ihm in den Garten gegangen, um Abschied von ihm zu nehmen. Eine der selben deponirte, die Sangutnetti hätte ihr mehrere Briefe Ferners lesen lassen, sie glaube aber, daß die Sanguinetti diese Briefe gar nicht verstanden habe. Ein Nachbar des Vaters der Getödteten gibt an, dieselbe habe ihm mitgetheit, daß Ferner ihr immer schreibe und ihr überall nachgehe, daß sie ihn aber nicht wolle. Er habe Ferner oft Stunden lang Morgens vor dem Hause der Sanguinetti stehen sehen, und glücklich sey Ferner immer gewesen, wenn ihm dieselbe nur mit der Hand gewinkt habe. Nachts habe Ferner oft vor ihrem Fenster gesungen. Die Getödtete sey ein lebhaftes Mädchen gewesen, nur in den letzten Tagen habe sie sich auffallend betrübt gezeigt. Zwei Tage vor ihrem Tode habe sie noch des Zeugen Mutter besucht, wobei sie sehr aufgeregt gewesen sey, sie habe von Ferner gesprochen, große Angst gezeigt, und geäußert, sie wisse nicht, was sie thun solle, wenn er nur schon fort wäre. Friederike sey stolz auf ihre Schönheit gewesen, und von ihrer Seite sey das Verhaltniß kein aufrichtiges gewesen. Sie habe sich öfters geäußert, ewige Liebe und Treue schwöre sie nicht, sie wolle sich nicht verkaufen. Der Hausherr Ferner's sagt aus, daß er demselben nur das Zeugniß eines braven jungen Mannes geben könne, Musik und Poesie seyen seine Lieblingsneigungen gewesen; bei jeder Gelegenheit habe er sich aber als sehr schwärmerisch bewiesen. Einige Tage vor der That habe er den Zeugen gefragt, wie man ein Gewehr lade. Freunde Ferner's deponiren, daß er ihnen immer ein lieber Freund gewesen sey, daß er große Anlage und Neigung für Poesie und Musik besitze, übrigens aber in hohem Grade schwärmerisch sey, so daß sie ihm den Beinamen »der Ueberschwengliche« gegeben hätten. Der Büchsenmacher, bei dem Ferner die Doppelpistole gekauft, gibt an, solches sey in der ersten Woche des Oktoberfestes gewesen. Er habe dabei auch Kugeln, Kaseln und Pulver gekauft, aber immer dabei gelacht und sich geäußert: »Die vielen Kapseln verschieß ich in meinem Leben auch nicht.« Der Gendarm, der in der kritischen Nacht im Polizeigebäude auf dem Posten stand, gibt an, es sey damals ein junger Mensch zu ihm gekommen und habe erklärt, daß er seine Geliebte in der Arcisstraße umgebracht habe. Er habe denselben nun zum Brigadier geführt, der Ferner fragte, ob er denn wisse, was er angebe, und wo er sich befinde. Ferner habe hierauf mit Ja geantwortet, und auf die weitere Frage, ob noch Hülfe möglich sey, habe er gesagt: »dieß weiß ich nicht, ob sie todt ist.« Um das Motiv befragt, habe Kerner damals angegeben, er habe sie eigentlich nicht umbringen wollen, er habe sie nur in den Garten bestellt und gesagt, er wolle sich tödten, sie habe ihn aber davon abzubringen gesucht, auf den Knieen habe sie ihn gebeten, er solle sich nichts anthun, und da sey der Schuß losgegangen. Ferner habe sich hier verwirrt gezeigt und nur in abgebrochenen Sätzen gesprochen. Der Brigadier, welcher Ferner sofort nach der Anzeige an den Ort der That führte, deponirt: derselbe habe, an der Gartenthüre angelangt, ihm gesagt, wie die Thüre zu öffnen sey, im Garten sey Ferner stehen geblieben, da er nicht mehr gehen gekonnt, er habe heftig gezittert und geweint. Die Leiche sey auf dem Rücken neben dem Sommerhause gelegen. Der Polizeiarzt, der sich mit an den Ort der That begeben, will an Ferner keine besondere Verwirrung bemerkt haben, nur beim Anblick der Leiche habe er gezittert. Der Polizeioffiziant, der die erste Vernehmung mit Ferner pflog, gibt an: Ferner habe hiebei in abgebrochenen Sätzen erklärt, er sey schon seit Wochen so verwirrt, weil er sich mit seinem Vater, der ihn nicht mehr nach München zurücklassen wolle, entzweite und weil er fürchtete, seine Geliebte werde unterdessen einen Andern heirathen. Friederike Sanguinetti sey in den Garten gegangen, um von ihm für immer Abschied zu nehmen und ihn vom Selbstmord abzubringen. Er sey auch theilweise schon so weit gewesen, diesen Gedanken aufzugeben, als er ihr plötzlich sagte, sie solle mit ihm sterben. Das Mädchen habe geweint, ja fast geschrieen, da habe er plötzlich die Pistole abgedrückt, ohne selbst zu wissen, wie er dazu gekommen und wohin er getroffen. Ferner habe weiters angegeben, er sey von Jugend auf leidenschaftlicher Natur gewesen und habe seine Leidenschaften nur schwer bemeistern können. Der Gedanke, das Mädchen für immer zu verlieren und in den Armen eines Andern zu wissen, habe ihn so auseinander gebracht. Sein Benehmen sey im Ganzen ruhig gewesen, nur habe er mitunter stier auf den Boden geschaut und geweint. Von großem Interesse waren die Gutachten der Sachverständigen, deren drei vernommen wurden, die Herren Prof. Dr. Martin, Dr. v. Lindwurm, Mitglied des Medizinalkomites, und der k. Gerichtsarzt Prof. Dr. Hofmann. Die Ansicht des erstern geht dahin, daß Ferner, den er während fünf Monaten zu verschiedenen Zeiten in der Frohnfeste beobachtet, ein sehr leidenschaftlicher schwärmerischer und exzentrischer junger Mann sey, der übrigens sich körperlicher wie geistiger Gesundheit zu erfreuen habe, so daß er zu keinem andern Ausspruche kommen könne, als daß Ferner sowohl vor als bei der That sich in vollkommen zurechnungsfähigem Zustande befunden habe. Gleicher Ansicht ist Dr. v. Lindwurm, der das schriftlich bei den Akten liegende Gutachten des Medizinalkomites vertritt, von dem der Herr Sachverständige bemerkt, daß es einstimmig gefaßt worden sey. Ferner sey körperlich wie geistig gesund, er sey ohne Zweifel ein talentvoller, geistig begabter und vielseitig gebildeter junger Mann, mtt besonderer Anlage für Musik, Poesie und Malerei. Ein hervorstechender Charakterzug Ferners sey aber augenscheinlich eine allzu hohe Meynung von sich, eine in's Maßlose gehende Selbstüberschätzung, die bis zur Selbstbewunderung ausarte. Es sey auch ein großer Hang zu schwärmerischen Reflexionen bei Ferner nicht zu verkennen, welchen übrigens viele Menschen in diesem Alter theilen. Dieses seyen aber nur Charakterschwächen und keine Momente oder Symptome, um seine Zurechnungsfähigkeit getrübt erscheinen zu lassen. Um eine Anlage zu einer Geisteskrankheit annehmen zu können, liegen keine Anhaltspunkte vor. Ferner sey immer vollkommen geistig gesund gewesen, sowie seines Verstandes und seiner Vernunft vollkommen mächtig. Seine Zurechnungsfähigkeit zu bezweifeln, läge nichts vor als die verbrecherische That selbst und die sie bedingende Leidenschaft. Als Motiv der That kann der Hr. Sachverständige nur Eifersucht und Egoismus erkennen. Das Mädchen habe mit Ferner nicht gleich gefühlt, sie sey mehr berechnend gewesen und habe sich nicht zu seiner Leidenschaftlichkeit emporschwingen können, je mehr Ferner sie bestürmte, desto mehr sey sie ihm entfremdet worden, bis zuletzt lediglich Furcht ihre Handlungsweise bestimmt habe. Dieses Bewußtseyn verschmähter Liebe habe den eitlen Ferner verletzt, seine selbstsüchtige Liebe habe Opfer verlangt. Anfangs habe Ferner wohl an Selbstmord gedacht, aber der Gedanke, daß ein Anderer nach seinem Tode das Mädchen besitzen könne, habe ihn zu dem Entschlusse gebracht, die Geliebte zu tödten. Wie ein verwöhntes Kind ein ihm entzogenes Spielzeug lieber zerbreche als hergebe, so habe Ferner das Leben der ihm entrissenen Geliebten zerstört. Dieß sey ein Fehler, den Ferner durch Selbsterziehung hätte unterdrücken können, aber keine Krankheit, sondern eine maßlose unbekämpfte Leidenschaft des geistig und körperlich gesunden Menschen. Jede Leidenschaft weiche aber der Gewalt der Selbstbeherrschung, und diese werde um so leichter, je gebildeter ein Mensch sey; um so großer sey aber auch die Verantwortung für eine strafbare Handlung. Ferner habe dagegen sich nicht nur nicht beherrscht, sondern sich förmlich in diese Leidenschaftlichkeit hinein gearbeitet. Anfangs habe er mit den Mordgedanken gespielt, bis diese ihn endlich überwältigt hätten. Dieß seyen aber alles keine ärztlichen Momente, und es würde Krankheit mit Verbrechen verwechseln heißen, wenn man hier Unzurechnungsfähigkeit annehmen wollte. Nur der Wahnsinnige handle gezwungen, nicht aber auch der Leidenschaftliche, vom Standpunkte der Leidenschaft aus wäre jedes Verbrechen zu entschuldigen. Auch die Selbstmordsgedanken Ferners beweisen nichts für eine Sinnesstörung, derartige Gedanken würden häufig gehegt und ausgesprochen, ohne aber zur Ausführung zu kommen, wie ja der Angeklagte das Beispiel liefere, bei dem doch Jedermann ein solches Ende erwartet habe. Ferner stelle zwar die Nichtausführung seiner Selbstmordgedanken als den Sieg der in ihm erwachten bessern Natur hin, während in der That nur die Feigheit in ihm erwacht sey. Das schwere Verbrechen habe ihn niedergeschmettert, er habe keinen Muth gehabt, sich zu tödten und sich schließlich angezeigt. Auch davon könne keine Rede seyn, daß die That im höchsten Affekte, d. h. in momentaner, plötzlich entstandener höchstgradiger Aufregung geschehen sey. Nicht ein augenblicklicher Affekt, sondern ein mehr chronischer Gemüthszustand, eine sich langsam entwickelnde und lange andauernde Leidenschaft, eifersüchtige Liebe sey die Veranlassung zur That gewesen. Dem Allem nach könne er den Ferner nur für vollkommen zurechnungsfähig halten, obwohl anderseits anzuerkennen sey, daß bei der Geistesanlage und schwärmerischen Richtung Ferners mildernde Umstände vorliegen, welche zu würdigen aber nicht Sache des Arztes, sondern des Richters sey. Der dritte Sachverständige, Hr. Gerichtsarzt Dr. Hofmann dagegen sprach sich in beinahe einstündigem Vortrage dahin aus, daß Ferner bei geminderter Zurechnungsfähigkeit gehandelt habe. Der mit außergewöhnlichem Talent begabte junge Mann habe sich nach seinem ganzen innern Wesen ein Ideal der Liebe geschaffen, und habe dieses in seiner Liebe zu Frederike Sanguinetti für verwirklicht gehalten, er sey aber hiebei durch die bekannten äußern Verhältnisse und Hemmnisse auf einen Weg gerathen, der seine Leidenschaft zum Wahnsinn gesteigert habe. Die Liebe Ferners zu dem Mädchen sey eine maßlose eigennützige und wahnsinnige gewesen, und der einzige Schlüssel zum Motiv der That liege in der eingebildeten Eifersucht gegen einen noch gar nicht vorhandenen Nebenbuhler, sowie in dem geistigen Hochmuthe Ferners, der das Mädchen einem andern mit gleichen oder geringeren geistigen Fähigkeiten ausgestatteten Manne nicht gönnen zu können geglaubt. Ferners Ansicht von der Liebe sey die Ausgeburt einer idealisirenden Dichternatur. Daß Ferner von dem Vorhaben, sich selbst zu tödten, in jener furchtbaren Aufregung abgelassen habe, sey nicht Feigheit, sondern ein heroischer Akt, es sey dieß ein Beweis, daß der Gedanke an Gott in Ferner noch nicht vollkommen erstickt gewesen. Das nun folgende Plaidoyer, das von beiden Seiten mit großem Aufwande von Scharfsinn und Beredtsamkeit geführt wurde, nahm volle sieben Stunden in Anspruch. Die k. Staatsbehörde, vertreten durch den k. II. Staatsanwalt am Bezirks-Gerichte München l./I., Hrn. Stänglein, stützte sich vorzüglich auf die beiden Gutachten der Herren DD. Martin und Lindwurm, erörterte alle der That vorhergehende Handlungen Ferners, und sucht darzuthun, daß der Entschluß, die Geliebte zu tödten, von Ferner schon am 2l. September gefaßt worden, an welchem Tage er einem Freunde einen Brief schrieb, worin er von Selbstmord und vorausgehender Tödtung seiner Geliebten spricht. Hiezu komme das Kaufen der Pistole und den Kugeln etc. etc. sowie das Mitnehmen der geladenen Pistole. Aus allem diesen erhelle der bestimmte Entschluß und die planmäßig vollbrachte Tödtung: »sprechen Sie es aus«, schloß die Staatsbehörde ihren Vortrag, »daß Ferner ein Mörder ist, Sie sind es der Hingemordeten schuldig!« Der Schlußantrag ging dahin, den Ferner des Verbrechens des Mords, mit Vorbedacht beschlossen und mit Ueberlegung ausgeführt, für schuldig zu erklären. Die Vertheidigung, geführt vom Bezirksgerichts-Accessisten Sensburg, glaubt, daß die Anklage zu weit gehe und protestirt gegen das Zitiren des Schattens der Todten. Ein frevelhafter Angriff auf ein Menschenleben, der Strafe verdiene, sey allerdings geschehen, aber kein Mord. Aus Ferners ganzer Vergangenheit, die in jeder Beziehung musterhaft sey, und welche die Vertheidigung ausführlich darstellte, wird der Schluß gezogen, daß Ferner eines Mordes in seiner ganzen Scheußlichkeit gar nicht fähig sey. »Es muß zuvor der Tag in Nacht umgewandelt werden, bevor man annehmen kann, daß Ferner, eine so edle Seele, zu einem Morde in seiner Scheußlichkeit fähig sey.« Das Gutachten des Medizinalkomites und seines Vertreters wurde bitter kritisirt, namentlich der Schluß »je gebildeter Jemand, desto größer die Verantwortung.« Es sey dies ein Trugschluß, wogegen der Schluß viel richtiger sey: »je gebildeter und geistig befähigter Jemand ist, desto schwerer müssen die Seelenleiden gewesen seyn, welche ihn zu dem Schrecklichsten brachten.« Das Gutachten des Medizinalkomites sey nur auf die persönlichen Eindrücke gebaut, die der Referent desselben bei 3 kurzen Besuchen Ferners in der Frohnfeste erhalten habe. Die Vertheidigung suchte zu beweisen, daß Ferner im Zustande der geminderten Zurechnungsfähigkeit gehandelt habe, und daß nicht Mord sondern nur Todtschlag vorliege. Der Entschluß zur That sey erst bei den Worten: »da hast du den letzten Kuß« gefaßt worden und diesem sey unmittelbar die Ausführung gefolgt. Dagegen sagte die k. Staatsbehörde in ihrer Replik, wenn man dieß annehmen wolle, daß der Entschluß zur That erst bei diesen Worten gefaßt worden sey, so müsse man den Brief vom 21. Sept, sowie die Worte Ferner's: »du gehst mit mir« vergessen. Der Brief vom 21. Sept. sey nicht, wie die Vertheidigung behaupte, eine bloße poetische Idee. Sollen der Kauf der Pistole, das Laden und Mitnehmen derselben etwa Manifestationen dieser poetischen Idee seyn? fragt die Staatsbehörde. Die Quelle dieses Mordes, fährt dieselbe fort, sind Egoismus, Eigendünkel und geistige Selbstüberschätzung. Die Angaben bei der Polizei seyen nur eine Beschönigung der That gewesen und berechtigen zu dem Schlusse, daß Ferner den Selbstmord aus Feigheit und nicht aus Reue unterlassen habe. Am Schluße der Replik wies die Staatsbehörde auf die Gleichheit vor dem Gesetze hin: wenn ein Bauernbursche da sitzen würde, der seine Geliebte aus Eifersucht erschlagen, würde man nicht so viele Worte machen. »Halten wir fest an der Gleichheit vor dem Gesetze, und behandeln wir diesen Fall deßhalb, weil er mit einem poetischen Gewände umgeben werden kann, nicht milder als jeden andern.« Die Vertheidigung legte den Geschworenen in der Duplik nochmals alle Thatsachen vor mit der Bitte, alle zu prüfen, aber auch das Herz beim Urtheil zu Rathe zu ziehen, nicht aus Mitleid für den Angeklagten, sondern um der Sache willen. Die schweren Seelenleiden, welche auf den Menschen so gewaltig drücken, müsse man berücksichtigen, das Gefühl müsse hier zu Rathe gezogen werden, weil ohne dieses der Fall gar nicht richtig beurtheilt werden könne. An die Geschworenen wurden vier Fragen gestellt, die ersten drei waren auf das Verbrechen des Mordes gerichtet, ob die That mit Vorbedacht beschlossen und mit Ueberlegung ausgeführt wurde, oder ob sie mit Vorbedacht beschlossen und ohne Ueberlegung ausgeführt, oder endlich, ob sie, wenn auch nicht mit Vorbedacht beschlossen, doch mit Ueberlegung ausgeführt wurde? Die vierte Frage ging dahin, ob das Bewußtseyn Ferner's zur Zeit der That in so hohem Grade getrübt war, daß seine Zurechnungsfähigkeit als gemindert erscheint. Auf Todtschlag wurde keine Frage gestellt; die Verthetdigung hatte wohl auf Todtschlag plaidirt, es aber unterlassen, die Stellung einer Frage hierauf zu beantragen. Nach nur ¼stündiger Berathung erfolgte der Wahrspruch der Geschworenen, welcher die zweite und vierte Frage mit Ja beantwortete, den Ferner demnach der mit Vorbedacht beschlossenen Tödtung i. e. des Mordes, begangen im Zustande geminderter Zurechnungsfähigkeit, für schuldig erklärte. Die Staatsbehörde beantragte Festungsstrafe II. Grades (entsprechend der Zuchthausstrafe) auf die Dauer von 12 Jahren, welchem Antrage der Vertheidiger sich anschloß. Der Gerichtshof erkannte auch auf Festungsstrafe II. Grades auf die Dauer von 12 Jahren. Ferner nahm das Urtheil ruhig und gefaßt hin, er saß überhaupt während der ganzen Verhandlung anscheinend sehr ruhig mit fortwährend auf den Boden gehefteten Blicken da. Erregung zeigte er nur bei seiner Vernehmung, insbesondere bei Erzählung der unseligen That. Auf die Aussagen der Zeugen erwiderte er nie ein Wort. Seine äußere Persönlichkeit anlangend, ist Ferner von mittlerer Größe, sieht noch sehr jugendlich aus, hat regelmäßige auch nicht unschöne Gesichtszüge, hat eine gesunde blühende Gesichtsfarbe, trotz der fünfmonatlichen Haft, und ist noch vollkommen bartlos. Von Angehörigen des schönen Geschlechtes habe ich ihn einen »schönen jungen Menschen« nennen hören. Merkwürdig war, daß Ferner in hohem Grade die Sympathie des weiblichen Geschlechtes genoß, sowohl des bei der Verhandlung ziemlich zahlreich anwesenden Theiles desselben, als auch des nichtanwesenden, was man nicht hätte erwarten sollen, da er doch einer ihrer Mitschwestern das Leben nahm. Wenigstens konnte man aus weiblichem Munde viele Aeußerungen hören, die große Theilnahme und Mitleid für Ferner verriethen. Bei Verlesung der Liebesbriefe hörte der weibliche Theil des Publikums mit wahrer Andacht und Rührung zu. Während der ganzen zweitägigen Verhandlung war der Saal fortwährend zum Erdrücken gefüllt, wodurch im Verlaufe eine solche Ausdünstung entstand, daß die Wände eine immer mehr ins dunklere gehende Farbe annahmen und zuletzt von dem sich niederschlagenden Dampfe ganz naß wurden. Die Temperatur im Saale war schließlich auch die eines Dampfbades, und nur das große Interesse, das dieser Fall bot, konnte zum Ausharren in dieser unerträglichen Hitze bestimmen.
Der Sammler Nro. 37. 5. April 1859.
I.
Mord aus unglücklicher Liebe, begangen von dem Studenten Ferner an seiner Geliebten Friederike Sanguinetti.
Mitgetheilt von Hrn. Bezirksgerichtsrath Rattinger in München.
Wenn es zu den glücklicher Weise seltenen Fällen gehört, daß ein an Geist, Herz und Bildung gleich ausgezeichneter Jüngling auf einmal so tief sich verirrt, daß er sich am Leben seines Nebenmenschen vergreift, so muß es für den Criminalpsychologen doppelt anziehend erscheinen, das Wachsen der verderblichen Leidenschaft gleichsam von ihrem Keime an zu verfolgen. Dies mag es rechtfertigen, wenn wir nachstehenden Fall einer eingehenderen Entwicklung unterziehen.
I.
Georg Ferner, am 13. August 1836 zu Edenkoben in der bayrischen Rheinpfalz geboren, zeigte schon frühe ungewöhnliche Geistesanlagen, weshalb sein Vater ihn zu den Studien bestimmte. Im neunten Jahre kam er in die Lateinschule seiner Vaterstadt, die er bis zum Jahre 1850 besuchte. Früher einer der wildesten Knaben wurde er nun still und von unauslöschlichem Wissensdurste ergriffen, dabei ehrgeizig im höchsten Grade. Schon damals begannen auch seine vorzugsweise auf die schönen Künste gerichteten Anlagen sich zu entwickeln. Im Jahre 1854 absolvirte er das Gymnasium zu Speier mit der ersten Note sowohl in wissenschaftlicher als sittlicher und religiöser Beziehung, und besuchte im darauf folgenden Jahre das dortige Lyceum mit vorzüglichem Fleiße und gleicher Aufmerksamkeit. Alle seine Lehrer sprechen sich sehr günstig über ihn aus. In einem Schreiben des Studienrectorates heißt es:
»Mit vorzüglichen Geistesanlagen verband Ferner andauernden und ernsten Fleiß und ein tadelloses sittliches Verhalten, dem bescheidene Anspruchslosigkeit noch einen besonderen Werth gab. Seine Fortschritte entsprachen diesen Vorbedingungen, so daß er immer einen Platz unter den Besten einnahm. An dem Lyceum erhielt er durch ein gleich ehrenhaftes Benehmen und fleißigen Besuch der Collegien den Ruf eines durchaus wackeren jungen Mannes. Seine Lieblingsbeschäftigung bildeten die Künste; er war ein vortrefflicher Sänger und Clavierspieler, hatte entschiedene Anlage zum Zeichnen, worin er es zu einer hohen Fertigkeit brachte, versuchte sich ganz selbstständig und allein im Malen, und zeigte bei Gelegenheit des fünfzigjährigen Amtsjubiläums des Studien-Rektors auch eine nicht unbedeutende Befähigung als Dichter. Diese reiche künstlerische Anlage ließ wohl auf ein reges und frisches Empfindungsleben und ein tiefes Gemüth schließen; aber sein stilles und bescheidenes Wesen hielt von ihm jeden Anflug und Anstrich von Ueberspanntheit und Genialitätssucht ferne. Im Umgang mit seinen Lehrern steigerte sich seine Bescheidenheit fast zur ehrerbietigen Scheue; unter seinen Altersgenossen war er heiter und fröhlich und durch seine musikalischen und künstlerischen Vorzüge beliebt und willkommen. Er schied von dortiger Studienanstalt unter den schönsten und hoffnungsreichsten Erwartungen, die man von ihm und für seine Zukunft zu hegen, so sehr berechtigt war.«
Von seinem eigenen Gemüthsleben in jener Zeit erwähnt Ferner in einem Briefe vom 6. Juni 1858 an seine Geliebte (Friederike Sanguinetti), daß er, früher schon zum Ernste geneigt, damals von der Außenwelt sich vollkommen zurückgezogen, desto mehr aber sich selbst gelebt habe; er schrieb:
»Von Natur mit einem feurigen sanguinischen Temperamente begabt kam ich durch die Poesie zur Schwärmerei. Meine Phantasie strengte sich aufs Aeußerste an, sich eine Welt zu bilden, schön und liebreizend, voll Erhabenheit und doch voll Anmuth. So schwärmte ich Nachts stundenlang am Rheine herum, bei Gewitter, bei Sturm und Regen, und ließ finstere Gedanken, schreckliche Schmerzensschreie der Seele über das Wasser tönen; Niemand hörte mich. Ach, ich sehnte mich damals nach einer mitfühlenden Seele, es drängte mich an einer Brust zu liegen, die mich verstände, ich fand keine außer mir.«
Ueber Mädchen urtheilte er geringschätzig, ihre Gesellschaft mied er, den Glauben an Liebe will er durch einige vor dem Uebertritte auf die Universität gemachte Erfahrungen völlig verloren haben.
Im Herbste 1855 bezog Ferner die Hochschule zu München, woselbst er sich den Ruf eines eingezogenen, jungen Mannes erhielt. Den Eindruck, den der Eintritt in die Musenstadt auf ihn machte und seine neue Lebensweise schildert er in erwähntem Briefe selbst folgendermaßen:
»Schon wie ich der Stadt so entgegenbrauste, da fassten mich eigenthümliche Gefühle. Der ganze frühere Mensch ward abgethan, wie es in der Schrift heißt. Jetzt hoffte ich ein neues Leben zu führen, jetzt meinem Drang nach Kunst und Bildung genügen zu können, jetzt wahre, neue Freunde zu finden. O München, du schienst mir ein neues Jerusalem, eine Seligstadt! Mein ganzes feuriges Gemüth brachte ich dir zu, voll brausender Entwürfe des Ehrgeizes, voll jugendlichen Uebermuthes, und überwallend von stürmenden Gefühlen! Die Liebe und Mädchen lagen hinter mir, und Poesie und Kunst hieß mein Panier. Jetzt fing ich an auf münchnerisch zu leben. Ich besuchte täglich das Hofbrauhaus, und das unsaubere Lokal war der fruchtbare Boden für einen herrlich blühenden Freundschaftsbaum. Da lebte ich zuerst wieder auf. Neue Ideen, neue Lebensansichten strömten mir zu, der Geist begann die Flügel zu heben und sich über Alles hinwegzuschwingen; Gott und die Welt, Mädchen und Liebe wurden verachtet, und nur der Verstand an ihre Stelle gesetzt. Mit dem scharfen Messer des kritisirenden Witzes wurden alle Blößen dargelegt, und ich konnte hier für meine Erfahrungen die gleichen Ansichten finden. So verfloß der Winter. Theater und Concerte wurden eifrig besucht, die Mädchen begafft, bekrittelt, bewitzelt und verlacht. Ich fand keine, die meinen Ansichten widersprochen hätte.«
Aber bald sollte es anders werden. Ferner war kalt, menschenscheu, voll Verachtung gegen Mädchen und Liebe gekommen; in dessen Innern aber kochte eine glühende Sehnsucht, gährte ein heißblütiger Geist mit der ganzen Schwärmerei einer dichterischen Phantasie, in der Brust pochte ein Herz voll jugendquellender Gefühle für Schönheit und Wahrheit, das einen Gegenstand für seine Liebesbedürftigkeit forderte. Diesen Gegenstand fand, oder glaubte Ferner wenigstens in der damals 16jährigen Bildhauerstochter Friederike Sanguinetti gefunden zu haben. Eine flüchtige Begegnung im Sommer 1856 gab den ersten Anlaß hiezu; Ferner schrieb:
»Ich sah hinauf auf die zufällig vorbeigehende Friederike Sanguinetti, und weiß der Himmel wie's kam, sie schaute herauf mit zwei Augen, wie ich mein Lebtag keine gesehen. Daran war ich nicht schuld. Aber geschehen warsS einmal wahrscheinlich durch geheime Sympathie«.
Von nun an suchte Ferner sie täglich zu sehen, bald auch ihr durch Ständchen seine Gefühle kund zu geben. Sie erschien ihm nicht gleichgiltig, was seine Gefühle nur verstärkte. Doch kamen ihm bald Zweifel, ob man nicht bloses coquettes Spiel mit ihm treibe, Zweifel, die durch den Spott seiner Freunde noch genährt wurden. Auf dem Künstlerball im Winter 1857 war es, wo er sie das erstemal sprach. Aber Schüchternheit band ihm die Zunge, wenn auch ihre Blicke auf ihm zu ruhen schienen, und mit quälenden Zweifeln und allerlei hemmenden Zwischenfällen verging abermals ein Jahr, bis eine erste, wenn auch nur halbe Erklärung der Sanguinetti am Künstlerballe im Februar 1858, daß er ihr nicht gleichgiltig sei, nur um so heftiger den bisher mühsam zurückgedämmten Strom der Ferner'schen Liebe hervorschießen ließ. Mit welchem Entzücken Ferner die Hoffnung ihrer Gegenliebe, durch den Gedanken, das heißersehnte Ideal seiner Jugendträume in ihr gefunden zu haben, erfüllt wurde, geht aus einem wenige Tage daraus an seinen vertrautesten Freund G. gerichteten Brief hervor, der besonders geeignet erscheint, uns ein lebendiges Bild von den schwärmerischen, überwallendem Gemüthe Ferner's zu geben, und damit das Verständniß des spätern, so unvermutheten und traurigen Ausganges dieser Liebe zu erleichtern. Lassen wir einige Stellen aus diesem Briefe hier folgen:
»Juble mit mir: es gibt eine Liebe! das schönste Phänomen der beseelten Schöpfung ist nicht untergegangen! Sie liebt mich, sie ist mir gut von Herzen. O ich weiß nicht wie ich es fassen soll, wie ich es ausdrücken soll. O mir ist, wie einem Tropfen im Meere der Unendlichkeit, nichts drückt, nichts hemmt ihn, er schwebt so leicht, so frei, im Ganzen zerfließend und doch bestehend. Mir ist – doch halt, wo führt der phantastische Enthusiasmus mich hin? das Flammenrad der Schwärmerei trillt in meinem Kopfe. Du wirst lächeln. Thu's, aber freue dich nur. Denn, sieh, mein Herz ist so voll, ich muß dir's ganz aufschlagen, dir Alles mittheilen. Ein anderer Mensch bin ich geworden seit kurzer Zeit, auf meiner Stirne thront, aus meinem Antlitz leuchtet die Lust, der Stolz, geliebt zu sein. Die ganze Welt ist eine andere für mich. Es kommt mir vor als sei mein Herz mit allen seinen Gefühlen ein verzauberter Wald gewesen. Das Dunkel des Zweifels wohnte darin und die Kühle der Bitterkeit. Hohe Bäume wuchsen darin und schlossen die Kronen zusammen, so eng, daß kein Sonnenstrahl des Glaubens hineinfallen könnte, und Veilchen und Maßliebchen, die zarten Pflänzchen, sie kamen nur kümmerlich auf. Und in der Dämmerung des Unglücks lag dort ein Leichenstein, worauf die trüben Worte standen, »die Liebe lebt nicht.« Darunter hatte ich meine Liebe begraben und die Poesie. Um das Grab her hatte aber noch die Hoffnung einen Garten gepflanzt, und darein aus Vergißmeinnicht einen Namen geschlungen, der mir ewig theuer sein sollte. Dorthin trieb mich oft der Unmuth und stets düsterer ward die Waldesnacht im Herzen. Und weinend hingesunken kniete ich einst dort in der Geisterstunde der Verzweiflung an dem Grabe meiner Liebe, sieh! da fiel ein Strahl glänzend leuchtend auf den Stein. Er sprang auf, und hervor stieg die Liebe und mit ihr Freude und Muth; sie umfaßten mich, den Sinkenden, die holden Begleiterinnen, und die Liebe legte weihend die rosige Hand auf mein Haupt, und wies lächelnd nach den Blumen. Da erhob sich ein flüsterndes Rauschen, und lichter ward all das Dunkel, und ein seliger Gesang machte mein Herz beben. Zitternd stand ich und schaute das werdende Wunder. Die Veilchen und Vergißmeinnicht wuchsen empor, Blüthen regneten herab, und aus dem duftenden Nebel trat sie im sonnigen Unschuldsgewande, deren Namen dort geblüht, und reichte mir lächelnd die Hand zum ewigen Bunde. Da öffnet sich das Dickicht, und hell und wonnig liegt vor uns die Welt. Wir sind glücklich .... Ich sah Friederiken, und alle Hoffnungen der ersten Jugendträume erwachsen wieder. Sie hatten nur geschlummert. Meine dichterische Natur arbeitete sich wieder empor und mit ihr die Liebe. Ich weiß, wie oft du mich tadeltest, wie oft die Andern. Alle gaben zu, daß sie ein liebliches Geschöpf sei. Aber traurige Erfahrungen hatten sie mit Verachtung des weiblichen Herzens erfüllt, sie hielten alle Mädchen mehr oder weniger für Coquetten, von denen nicht Eine einer wahren Liebe fähig sei. Und auch Friederike konnte sie nicht bekehren. Nur ich allein nahm sie in Schutz, und fand in ihrem allerdings etwas freiem Benehmen auf dem damaligen Balle nur das Hingeben einer unverdorbenen Seele an dieß Vergnügen, das sie ja zum ersten Mal genoß. Und wie glücklich war ich, als auch Du dich durch meine standhafte Anhänglichkeit rühren ließest, und zu mir sprachst, »sie setzt kein Falsch in die Welt, darum ist sie so heiter und offen« .... Wie viele Anzeichen hatte ich wahrgenommen, daß ich ihr keineswegs gleichgültig sei, und doch wagte ich es nicht, sie für Gewißheit zu nehmen. Ich baute meine ganze Hoffnung auf den Künstlerball; ich wollte Ueberzeugung, ich wollte mich zusammenraffen und mit einem Male meinem Fieberzustande ein Ende machen. O Freund, wenn es eine Physiognomik der Empfindungen gibt, wenn die geheimsten Rührungen der Seele auf der Außenseite des Körpers geoffenbart werden, in den Augen, auf dem Antlitz sich spiegeln, im Benehmen sich ausdrücken, so durfte ich damals mit Recht ein Glücklicher genannt werden. Es war nicht das Schmachten einer sentimentalen Jungfrau in ihren Augen, nicht die eckelhafte Taschenspielerkunst der Coquette, nein, sondern die einfach verständliche Sprache eines frohen, frischen Herzens, daß es mir gut sei, daß es mein sein wolle. Die Rechte, die sie mir dadurch auf ihren Besitz gab, werde ich nie aufgeben .... Die geistigen Anstrengungen und Aufregungen der letzten Zeit hatten mich sehr angegriffen. Ich bekam einigemal des Abends konvulsivische Zuckungen am Herzen, die mit heftigem Schwindel begleitet waren. Der letztere überfiel mich einmal in der Nähe ihres Hauses mit solcher Gewalt, daß ich geraume Zeit besinnungslos im Schnee lag, bis ein wohlthuendes, starkes Nasenbluten mich weckte. Der von mir darüber befragte Freund Sch. sagte, daß derlei Zufälle bei heftigen und tieffühlenden Naturen sich öfters einfänden, besonders in Folge von Affekten. Ich kannte nun meine Lage, und, um meinem siegenden Glauben volle Gewißheit zu geben, faßte ich die ganze Geschichte und Entwicklung meiner Liebe in einfache Worte zusammen, und erbat mir von ihr eine Antwort. Sie kam und mit ihr Friede in meine Brust. Ein Billet von ihr gab mir die gewünschte Klarheit; sein Inhalt ist kurz folgender: »sie ist mir von Herzen gut und will die Meine, d. h. mein Weib werden, wenn meine Liebe so treu und wahr ist, daß ich nur diese Absicht hege; allein ein Verhältniß mit einem jungen Manne anzuknüpfen, ohne die Eltern davon wissen zu lassen, müsse ich gewiß selbst für die Handlung eines leichtsinnigen Mädchens halten« Das liebe Kind!, gerade so hatte ich es erwartet; es ist dies eine Antwort, die jedem Mädchen Ehre machen muß, und Zeugniß gibt, daß sie ihre Eltern liebt. Sie ist mir dadurch noch viel werther geworden .... Ist das nicht das edelste Verhältniß zweier Seelen, die, ohne sich näher zu kennen, ohne sich körperlich irgendwie liebend berührt zu haben, dennoch einander lieben? Ich fühle zwar oft einen Drang mich an ihren Busen zu stürzen, aber ihre schöne Weiblichkeit hält mich ab. O Freund! bekenne mit mir »es gibt eine reine Liebe.« O wie bereue ich, daß ich früher diesen himmlischen Trieb aus der menschlichen Seele wegschelten wollte! Ich glaube an die Wirklichkeit einer wahren Liebe, und kein Zweifel wird ihn zerstören diesen Glauben, wenn nicht die Geliebte selbst ihn auslöscht. Ich habe Augenblicke, wo ich jede Blume und jedes entlegene Gestirn, jeden Wurm und jeden geahnten höhern Geist an die Brust drücken, gleichsam die Natur umarmen möchte, statt der Geliebten ....«
Das Verhältniß gestaltete sich nun bald zu einem innigen. Ferner war es hiebei besonders darum zu thun, seiner Geliebten begreiflich zu machen, daß sie es nicht mit einem gewöhnlichen Menschen zu thun habe, der nur liebe wie der große Haufe, und zugleich seine Friederike zu eben dieser Anschauung empor zu heben. Er sagte derselben auch einmal in einem Briefe: „daß sie seine Liebe nicht dem Verliebtsein der alltäglichen Fratzen gleichstellen möge, daß sie nicht glauben solle, er liebe sie, wie vielleicht Tausend Andere sie geliebt haben würden; er habe seine Ansicht von der wahren Liebe aus den klaren Geistesquellen großer vortrefflicher Menschen gebildet,« und nun gibt er eine Definition und Erklärung der Eigenschaften der Liebe nach Zoroaster, Aristoteles, Jean Paul, Schiller, Wieland, Redwitz, eine philosophische Erörterung des Unterschiedes zwischen bloßem Verliebtsein, das seinen Grund gewöhnlich in der Sinnlichkeit habe, und zwischen Liebe, die nur Eine sein könne, eine volle, ganze sein müsse, um am Ende daraus zu deduciren, daß seine Handlungen mit jenen erhabenen Ansichten im Einklang stünden und darum auch nicht strafbar seien. In einem andern Briefe wendet er sich gegen Jene, die seit einiger Zeit bemüht seien, seiner Geliebten eine schlimme Meinung von der Redlichkeit junger Männer beizubringen, um aus seiner ganzen Natur, seinem Charakter den Schluß zu rechtfertigen, daß er nur sie lieben könne, die seine erste und heiligste Empfindung nicht zurückgestoßen. Mit bitterem Hohne schildert er die Art und Weise, wie Ehen gewöhnlich geschlossen werden; er aber fühle und denke anders, wie der große Haufe, und werde deßhalb auch anders handeln. Er liebe sie, und schwöre auch nur die zu nehmen, die er liebe; werde sie gezwungen einen Andern zu nehmen, so soll sie es in Gottes Namen thun, aber nur jetzt, so lange er bei ihr sei, solle sie ihm die Hoffnung nicht ganz rauben, es könnte ein Unglück geben. Gegen die Ansicht gewisser Mütter und Mädchen »wenn ich noch frei bin, wenn du wieder kommst, magst du mich haben« erzählt er abschreckende Beispiele aus dem Leben. Nicht blos in Briefen, auch in zahlreichen Gedichten suchte Ferner seinen Gefühlen gegen seine Geliebte Worte zu leihen. Als Probe mag hier eines folgen, das er seiner Geliebten statt aller Vertheidigung gebe, um auszudrücken, was er stets fühle, wenn er sie küsse: es führt den Titel: »Dein Auge und deine Thränen:«"
Dein Auge ist so rein und klar,
Du hast noch nie geweint,
Es ward noch nie dir offenbar
Wie's eine Thräne meint.
Dein Auge blitzt so schelmisch gut.
So kindesheiter bald,
Bald weilt's auf mir mit stiller Gluth
Voll heimlicher Gewalt.
Nur wenn mein Arm dich eng umschließt,
Dein Haupt sich aufwärts beugt,
Mein Mund den deinen innig küßt,
Da wird es thränenfeucht,
Da senkt es sich in schönster Scham
Auf Blümchen frisch bethaut,
Dann blickt's auf mich mit stillem Gram,
Und doch so liebestraut.
Es kommt auch mich wehmüthig an:
Was bangt in deiner Brust?
Hat dir denn leid und weh gethan,
Was liebend ich gemußt?
O! nein! dein treues Auge spricht:
»Mein Glück vertrau' ich dir,«
Und zitternd fleht die Thräne licht:
»Zerstör' es nimmer mir.«
Der ganze Liebeshimmel ruht
In deiner Augen See,
Und strahlend winkt aus dunkler Fluth
Ein Stern zum Glück durch Weh.
Wie verhielt sich nun der Gegenstand seiner Huldigungen zu alle dem? Wohl mochte Friederike sich durch seine Bewerbungen geschmeichelt fühlen, wohl gestattete sie ihm, sie auf ihren Gängen in die Stadt ein Stück Weges zu begleiten, wohl gewährte sie ihm im Sommer 1858 heimlich zwei Zusammenkünfte im Garten ihrer Eltern. Aber trotz alle dem erklärte sie ihm auf sein Bestürmen, ihm ewige Liebe und Treue zu schwören, daß sie von dem Willen ihrer Eltern abhänge, und eine passende frühere Gelegenheit zu einer Versorgung ergreifen müsse. Daß Friederike überhaupt die Dinge ruhiger ansah, und ihr auch für ihre Person nicht so viel am Zustandekommen der vom Ferner beabsichtigten ehelichen Verbindung lag, geht auch aus dem Rathe hervor, den sie ihm auf die Mittheilung einer angeblich von seinen Eltern ihm proponirten anderweitigen ehelichen Verbindung, (womit Ferner sie aber bloß prüfen wollte) gab, indem sie ihm schrieb, »er solle sich nicht mit seinen Eltern entzweien, er müsse thun, was sein Vater wolle u. dgl.« Ihre intimste Freundin charakterisirte das Verhältniß zu Ferner dahin: »sie habe Ferner nicht verstanden, sie sei ein fröhliches heiteres Mädchen, aber ferne von allen Ferner'schen Ueberschwenglichkeiten; sie habe ihn gerne, d. h. sie könnte ihn gut leiden, aber es war ihrer praktischen Natur zunächst um eine Versorgung zu thun, und zwar um eine glänzende, die sie bei ihrer Schönheit hoffen zu dürfen glaubte; und darum habe sie bei der Trennung, die das Examen Ferner's im Oktober 1858 herbeiführen mußte, das Verhältniß brechen wollen (Das sie in letzter Zeit ohnedies mehr blos aus Furcht vor den drohungen Ferners's, er werde sich Leids anthun wenn sie ihn lasse, fortgesetzt zu haben scheint.) Das war es aber gerade, was ihm unerträglich schien, und die traurige Katastrophe herbeiführte.
II.
So leer und öde erschien Ferner das irdische Dasein ohne seine Friederike, daß er den Gedanken der Trennung von ihr nicht zu überleben zu können meinte. Seine Stimmung und sein Entschluß sich das Leben zu nehmen (ein Entschluß den er bereits in früheren Jahren seines Lebens aus andern Motiven gehegt haben will), geht deutlich aus Briefen an seine Geliebte hervor, die Mitte September geschrieben wurden. In einem dieser Briefe sprach er sich folgendermaßen aus:
»Du liebst mich nicht mehr. Mein Entschluß ist gefaßt. Du mußt von mir befreit werden, und das ist nothwendig für dein Glück und meine Ruhe. Da es sich um mein Leben handelt, so wollte ich nicht meiner Stimme allein folgen, sondern vorher die Gründe eines ruhigen, edlen Verstandes hören, und begab mich deßhalb zu meinem Freunde L. Ich hab ihm Alles erzählt. Er malte mir die Zukunft, die Welt schön, suchte mir zu zeigen, welche Ansprüche ich an sie habe. Ich sagte ihm: »ich kann zeichnen, malen, singen, Klavierspielen, dichten und bin auch wohl sonst nicht dumm; aber alle diese Eigenschaften, die wohl in der Welt Etwas gelten, konnten mir das Herz derjenigen nicht gewinnen, die ich liebte.« Einige Stunden redeten wir so; er hat seine Gründe erschöpft, er kann mir nichts mehr entgegen halten. Du mußt nicht glauben, geliebtes Mädchen, daß mich Verzweiflung so weit brachte, nein, sondern die ruhige Ueberlegung, das klare Bewußtsein, daß es dein Glück gelte. Mit eben so viel Besonnenheit habe ich meinen Plan gefaßt. Du weißt daß ich öfter klagte über ein Herzübel, das bei großer Aufregung mit Herzklopfen beginnt und mit Ohnmacht endet. Ein Arzt sagte mir, eine starke Erkältung könne hinreichen mir eine kurze aber unheilbare Krankheit zuzuziehen. Bei Tage werde ich nun heiter sein, Walzer, Polkas componiren, die mein Vater nach meinem Tode verkaufen kann. Bei Nacht kann ich dann meine Heilung beginnen und fortsetzen. Das Isarwasser soll sehr kalt sein. Dort könnte ich meine Füße baden bis zum Erstarren. Es wird ja nicht so lange währen. So wird kein Verdacht auf mich fallen, und Jedermann wird sich trösten. Du willst, daß ich dich vergessen soll? O! Friederike, diesen Wunsch hat dir nicht die Liebe eingegeben. Vergessen kann ich dich nur mit dem Tode, und er allein bleibt mir, das siehst du gewiß ein. Ich bin der Stein, der auf deinem Wege ein Hinderniß ist; er muß hinweggeräumt werden. Ich hoffe nichts mehr. Drum sage ich dir ewiges Lebewohl, wir dürfen uns weder hier noch jenseits begegnen. Wenn du mich heute Nacht singend an deinem Fenster vorübergehen hörst, so weißt du wo ich war und magst beten, daß mir Gott die Qualen einer harten Krankheit mildern möge. Lebe wohl, weihe mir eine Thräne, und dann vergiß mich.« ....
Bald aber begegnen wir dem Gedanken Ferner's, daß er nicht allein ans der Welt zu gehen gesonnen sei. In einem Aufsatze, der sich nach der That in Ferner's Zimmer fand, finden sich die Worte: »O! Leben, schön bist du für den Kräftigen, eine Last für den Kranken! Kaum daß ich einen Schmerz fühle dich zu verlassen, denn sie wird mir vorangehen.« Bemerkenswerth ist noch, daß Ferner einen Traum hatte, der eine auffallende Ähnlichkeit mit dem später eingetretenen unglücklichen Ereignisse hatte. Wir schreiten nun dem verhängnißvollen Ereignisse immer näher. In der demselben vorausgegangenen Woche bittet Ferner brieflich seine Geliebte um eine letzte Zusammenkunft im Garten ihrer Eltern. Das verlangte Rendez-vous wurde am Montage vor der That bei einem Gange, auf den Ferner Friederiken begleitete, für den darauffolgenden Donnerstag Abends verabredet. Unterwegs fragte Ferner seine Geliebte wieder, ob sie ihm treu bleiben und auf ihn warten wolle; sie äußerte aber, wie früher immer, auch damals, daß sie von ihren Eltern abhänge und auf ihn nicht warten könne. An demselben Montage Morgens kaufte Ferner ein doppelläufiges Terzerol nebst Schießzeug, und ließ sich, in der Handhabung von Feuerwaffen unerfahren, die Manipulation des Ladens von seinem Vetter K., bei dem er wohnte, zeigen. In der Zwischenzeit bis zum Rendez-vous sprach Ferner seine Geliebte nicht mehr. Am Tage der That selbst, Donnerstag den 7. Oktober 1858 schrieb er zwei Briefe (die wir unten erwähnen werden), einen an seinen Freund G., den andern an seinen Vetter und Hausherrn K.; beim Mittagessen las er, auf Fragen gab er keine Antwort. Nachmittags packte er seinen Koffer. Abends etwa um 5 Uhr verließ er seine Wohnung, und nahm das geladene Pistol mit. Die beiden Briefe ließ er auf dem Tische zurück. Aus dem an seinen Freund G. geschriebenem Briefe heben wir folgende Stellen aus:
»Eine schreckliche That ist geschehen, wenn du diese Zeilen empfängst; zwei junge Herzen haben aufgehört zu schlagen, und beide durch mich. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel wird das Alle treffen, die Anhänglichkeit an mich hatten, und Niemand wird es glauben wollen. Welche Gedanken, Vermuthungen durch die verschiedenen Gehirne schwanken werden, sehe ich voraus. Damit aber wenigstens Ihr, die Ihr doch gewohnt seid zu denken, und nicht oberflächlich zu urtheilen, damit wenigstens Ihr klarer sehen möchtet, will ich Einiges anführen, was vielleicht geeignet ist, den Vorfall zu erklären, denn zu rechtfertigen ist das Geschehene nicht. Ich weiß das recht wohl, aber eben so gewiß ist, daß es so kommen mußte, denn meine ganze innere Entwicklung mußte dazu führen. Deßhalb will ich kurz den psychologischen Gang meines Wesens darstellen, er wird Euch Stoff zum Nachdenken geben, vielleicht zur Belehrung Eurer in Euern Kindern dienen. (Nun schildert Ferner sich selbst, seine psychischen Anlagen, seine frühe Neigung zur Lectüre und Wissenschaft, seine Verführung durch einen Kameraden zum Laster der Onanie, wovon er den in seinem 15. Jahre bemerkbaren Verlust der männlichen Kraft herleitete, was oft Selbstmordsgedanken in ihm erregt, und von allem Umgange mit Menschen abgezogen habe. Nun geht er zu seiner Ankunft in München über, und schildert lebhaft, wie er Friederike gesehen und von heißer Liebe zu ihr erfaßt worden, wie ihm diese Liebe über den Kopf gewachsen sei, und sich mit all seinen Gedanken und seinem Leben verbunden habe.) ... So kams, daß ich einsah oder wähnte, ihr Schicksal sei an meines festgebunden, daß mir der Gedanke schrecklich ist, daß ein Anderer sie als Weib besitzen könnte, wenn ihre Eltern sie nöthigten. Sie in eines Andern Armen sehen zn müssen, das find Höllengedanken, und deßhalb geht sie mit mir. Was drüben meiner wartet weiß ich nicht. Ich frevle gegen die Natur, das weiß ich ..... Lebt wohl! die Liebe möge Euch besser blühen! Verachtet mich nicht, sondern bemitleidet mich, und auch von meiner geliebten Friederike denkt nicht gering. Sie ist ein natürliches freies Wesen mit einem klaren Geist, sie gab sich so ganz ihrem Gefühle hin und war ganz mein. Von ihr zu gehen, von ihr mich trennen, das hätte geheißen sterben, ich konnte nicht mehr ohne sie sein. Diese Liebe war bisher das Einzige was mich noch auf Erden hielt, jetzt da sie getrennt werden sollte, will und muß ich sterben. Merkwürdig ist mir aber, daß der Todesgedanke mich nicht schreckt; ich bin ruhig wohl deßhalb, weil der Gedanke mit mir aufgewachsen ist. Leb wohl! das Geschick ruft, und wenn ich nur drüben ich selbst bleibe, so mag kommen was will.«
An seinen Vetter und Hausherrn K. schrieb Ferner Folgendes. »Zwischen Leben und Tod stehend danke ich Ihnen für Alles, was ich Gutes von Ihnen empfing. Es ist viel und ich weiß nicht wie ich meinen Dank ausdrücken soll. Durch meinen Tod diene ich Ihnen nicht; aber doch sind Sie mir Mann genug, und zwar einer der wenigen Männer, denen ich mich wenigstens theilweise enthüllte, und deßhalb hoffe ich, daß Sie niemals meine That einem schlechten Motive unterstellen werden. Sie wissen selbst, daß ich nie Etwas Unrechtes gethan habe. Meinen Eltern mögen Sie melden, ich sei am Schlagflusse oder in einem Duell gestorben, nur den wahren Sachverhalt verheimlichen Sie, wenn es möglich ist. Alles was sich in der obern Schublade meines Kastens befindet, Bilder, Farben etc. gehört Ihnen zum ewigen Andenken; es sind werthvolle Sachen dabei, besonders das Aquarellgemälde. Was die Begräbnißkosten betrifft, so wird mein Vater Alles berichtigen. Vielleicht begräbt man mich wie einen Hund. Was liegt daran, ich spür es nicht. Auch das Doppelterzerol soll Ihnen gehören; verkaufen Sie es. So ist mein letzter Wille geschrieben. Leben Sie wohl und glücklich mit ihrer Familie. Was ich je Beleidigendes gethan habe, verzeihen Sie mir, ich bitte darum. Leben Sie wohl! Wenn es ein Jenseits gibt, sehen wir uns, vielleicht besser, als wir hoffen. Ade, Ade, ich muß zum Tode gehen.«
Zwischen 9½ und 9¾ Uhr Abends hörte ein in der Nähe jenes Gartens, wo die Zusammenkunft statt fand, bei der Glyptothek wachestehender Soldat einen Schuß fallen. Ungefähr um 11 oder 11½ Uhr in derselben Nacht stellte sich Ferner auf der Polizei mit der Anzeige, er habe vor einer Stunde seine Geliebte erschossen. Er schien sehr aufgeregt und verwirrt, konnte z. B. Namen und Alter nicht recht angeben, sprach sehr leise und in abgebrochenen Sätzen. Auf die Frage, ob sie schon todt sei, erklärte er: das weiß ich nicht. Eine Polizeicommission in Begleitung eines Assistenzarztes ließ sich alsbald von Ferner an den Ort der That führen. Auf dem Wege dahin will der Assistenzarzt nichts Auffallendes an ihm wahrgenommen haben; er sei ruhig gewesen und habe Nichts gesprochen. Der Garten war geschlossen. Ferner erklärte aber, man dürfe nur den Reiber aufmachen. Innen zeigte Ferner den Weg. Etwa 20 Schritte vor dem am Ende des mittleren Gartenganges befindlichen Sommerhäuschens war die noch warme Leiche der Friederike Sanguinetti auf der Gartenrabatte vor dem Sommerhäuschen auf dem Rücken hingestreckt. Ferner bat nicht weiter gehen zu dürfen, zitterte und schluchzte heftig. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Nach der Zurückkunft auf die Polizei erzählte Ferner: »er sei seit Wochen sehr niedergeschlagen, weil er fortmüsse und wahrscheinlich sie so verliere; er habe deßhalb schon eine Zeit lang den Entschluß in sich getragen sich das Leben zu nehmen, den er auch seiner Geliebten mitgetheilt, die ihn aber davon abzubringen versucht habe. Er habe von ihr verlangt sich mit ihm zu erschießen, worauf sie aber nicht einging. Eifersucht sei dabei nicht im Spiele gewesen. Am Meisten habe ihbn der Gedanke auseinander gebracht, daß dieselbe für ihn sollte verloren sein und er sie in den Armen eines Andern wissen müsse. (Eine weitere damals gemachte Angabe, er habe sie nur erschossen, weil sie davon laufen und Lärm machen wollte, wurde von ihm in einem spätern Verhöre ausdrücklich als unrichtig zurückgenommen; er sei damals, als er jene Angabe auf der Polizei gemacht, ganz verwirrt gewesen.) Sein Benehmen schien dem Polizeijourhabenden im Ganzen ruhig, doch weinte er und seine Blicke waren stier.
Am 9. Oktober fand die Recognition und Obduction der Leiche im Sectionssaale des Leichenhauses statt. Ferner war dabei höchst aufgeregt. Die Obduction zeigte Folgendes. Der Schuß war von Links nach Rechts eingedrungen. Der Schußkanal ging durch den Spigel'schen Lappen vom rechten Leberlappen herüber. Die Kugel fand sich im Dornfortsatze des dritten Lendenwirbels. Die Verletzung hatte eine vollständige Zerreißung der Leber, der großen Gefäßstämme und der Bauchspeicheldrüse herbeigeführt. Das Hymen war unverletzt, und die Gebärmutter in der Größe wie im ungeschwängertem Zustande. Das gerichtsärztliche Gutachten sprach sich dahin aus, daß die Verletzungen ihrer allgemeinen Natur nach nothwendig tödtlich gewesen seien, und auch augenblicklich den Tod herbeigeführt haben. Am nämlichen Tage (9. Oktob.) wurde auch ein gerichtlicher Augenschein am Orte der That vorgenommen. Nach diesem liegt das Gartenhäuschen, wo die Zusammenkunft statt fand, am obern Ende des 80 Schritte langen Gartens. Unter der Bank in demselben fand sich Pulver in Papier eingewickelt, auf dem Tische eine halb geleerte Flasche rothen Weines, und »die bezauberte Rose« von Schulze. Hart vor dem Gartenhäuschen in der Mitte des Einganges fand man zwei Knöpfe vom Kleide der Sanguinetti, links nahe an der Rabatte, an welcher sich ein das Gartenhäuschen umziehender wilder Wein befindet, einen dritten Knopf. In der linken Rabatte war eine kleine Lacke Blut ersichtlich, augenscheinlich die Stelle, wo die Leiche gelegen war.
Am Tage nach der That modificirte Ferner seine ersten Angaben bei der Polizei dahin: »die Pistole habe er gekauft, um den länger gehegten Selbstmordsgedanken auszuführen. Beim Anblicke seiner Geliebten im Garten habe er geglaubt, allein und ohne ihre Begleitung nicht aus der Welt gehen zu können; er habe ihr diese Absicht mitgetheilt, sie habe ihm diesen Gedanken auszureden gesucht und ihn auch beruhigt; als sie aber das Gartenhäuschen verließen, sei ihm eine plötzliche Verwirrung der Sinne gekommen, er habe an seine bevorstehende Abreise und die Trennung von ihr gedacht, und bewältigt hievon habe er die bisher absichtslos in der Hand behaltene Pistole auf sie losgedrückt.« Bei Gericht bewilligte man ihm, da er sich in einem solchen Zustande der Gemüthsaufregung befand, daß er auf gestellte Fragen Antworten gab, die gar nicht darauf paßten, seinem Ersuchen gemäß Schreibmaterialien, um für seine psychischen Zustände Anhaltspunkte zu gewinnen. Am vierten Tage übergab er unter der Ueberschrift »eine Geistesgeschichte« ein sehr ausführliches Curriculum vitae. Da der Raum dieser Zeitschrift nicht gestattet, den vollständigen, acht Bogen starken Aufsatz hier abdrucken zu lassen, so mag es genügen, daraus die vorzüglichsten Stellen hier mitzutheilen:
» .... Die Gedanken, die jetzt in mir durcheinander wirren, sind von der Art, daß ich Nichts wünsche als den Tod um vielleicht mit ihr vereint zu werden, daß ich keinen Glauben verlange, weil ich dann doch Etwas wirklich zu leiden habe, daß ich kein Mitleid begehre weil ichs nicht verdiene. Bei dieser Voraussetzung und in der Ueberzeugung, daß man mich nicht zu einem elenden, wahnsinnigen Leben verdammen werde, kann ich keinen Grund haben die Wahrheit zu verheimlichen, und ich werde deßhalb sagen was ich weiß, wie ich es weiß, Folgerungen irgend welcher Art zu ziehen, überlasse ich vollkommenster Ergebung erfahrnen Männern. Für mich gibt es nur einen erfreulichen Gedanken, und das ist Tod. Da bisher alle meine Gedanken zu sehr auseinander gestäubt waren, wie eine Schaar Vögel, wennman einen Stein unter sie wirft, so will ich alle meine Geisteskräfte aufbieten, ein möglichst deutliches Bild meines Seelenzustandes zu entwerfen. Mögen diejenigen Herrn, denen die unerquickliche Aufgabe geworden, diese Geschichte lesen zu müssen, in ihrer Geduld nicht ermüden! (Nun erzählt Ferner von seiner Abkunft, seiner Familie, von seinen eigenen geistigen Anlagen, seinem Schulbesuche, von seiner besondern Neigung zur Poesie und zum Theater, von seiner Lectüre; dann von seinem Uebertritte zum Gymnasium, von seiner Krankheit, dem allmähligen Verluste seiner männlichen Kraft, und von seinem einsamen, zurückgezogenem Leben, seinen öftern Selbstmordsgedanken, wo ihn aber die Wissenschaft und Kunst aufrecht erhielt; dann von seiner Ueberwanderung auf die Universität zu München.) .. Hier (in München) bekam mein Sinn für Kunst alle Nahrung, und mein geistiger Horizont wurde in einem Kreise von Freunden erweitert, die Alle nach Einem Ziele strebten, der Vervollkommnung ihrer selbst. Sie hatten Alle ähnliche Geistesperioden durchgelebt, mit der Ausnahme, daß sie nicht unglücklich waren wie ich, und daß bei ihnen der Verstand überwog, während bei mir Herz und Gefühl. Aus diesem Kreise war alles Gemeine verbannt, und hier herrschte nur Begeisterung für alles Große und Schöne. Ich fühlte in dieser Umgebung wie sehr, wie rasch mein Geist mit kräftigen Flügeln sich erhob; aber wenn ich allein war und über mich nachdachte, da fürchtete ich das Erlahmen meiner Kräfte, da fühlte ich mich namenlos elend. Aber meine Natur war doch feurig und heftig, was ich liebte liebte ich für immer, meine Gefühle waren schwärmerisch, und meine Gedanken gaben nur zu sehr meiner weit greifenden flammenden Phantasie nach. Jetzt sah ich Friederike. Bisher hatte ich kein Mädchen berührt, es schien mir keine liebenswürdig, und an ihre Tändeleien hatte ich geglaubt, nicht an Liebe. Von dem Augenblicke an, wo ich Friederike sah, fühlte ich mich unendlich zu ihr hingezogen; sie war wirklich reizend, schien nicht verbildet, sondern natürlich zu sein, sie gab sich stets wie sie dachte und fühlte, ohne Verstellung, aber auch ohne Rücksicht auf die Umgebung, daher schien sie frei in ihrem Benehmen, was mir zwar anfangs auffiel, aber bald mir klar wurde, daß sie sich nur ihrer lebhaften, fröhlichen Natur überließ. Damals war meine Liebe ganz uneigennützig, denn ich hoffte nicht, daß sie mich lieben könne. Ich hatte keinen Wunsch als sie zu sehen, und fühlte mich glücklich, wenn ich sie nur mit einem Blicke sehen konnte. Das war die schönste Zeit, und es wäre besser gewesen, Friederike hätte mir nie einen Blick geschenkt; denn damals hatte der Gedanke noch nichts Schreckliches für mich, daß sie nicht die Meine würde. Bald aber erkannte ich, daß in ihr Etwas vorgegangen sein müsse, denn wie oft ertappte ich ihre Blicke, wie sie auf mir verweilten. Nun konnte ich mich nicht mehr von ihren wunderschönen Augen losreißen, ich fühlte eine Umwandlung meines Wesens bis in die tiefste Seele. Jetzt, da ich Hoffnung hatte, sie könne mich lieben, jetzt erst nahm meine Liebe einen eignen Charakter an. Mit aller Gluth, mit aller Leidenschaft, deren nur eine junge, lange niedergedrückte, sich verhaßt glaubende Seele fähig ist, klammerte ich mich an dieses Wesen, das meine erste Empfindung nicht zurückstieß. (Nun erzählt Ferner sein schon erwähntes Zusammentreffen mit ihr auf den Künstlerbällen) ... Hier ist nun der Wendepunkt in meinem ganzen Leben. Meine Liebe nahm immer mehr den Charakter einer Krankhaftigkeit an, sie wurde eine wahnsinnige Liebe. Ich fühlte, daß ich mit meiner Liebe fallen mußte; mir meine Liebe nehmen, hieß mir den Boden unter den Füßen wegnehmen. So stieg nach und nach das fürchterliche Gespenst in mir auf, die Furcht vor ihrem Verluste, die Furcht, daß ein Anderer sie mir rauben könnte.
Ich lebte jetzt in einer steten Aufregung. [Nun erzählt Ferner, wie er öfters bei wach gewordenen Zweifeln ihrer Liebe Briefe an sie geschrieben, dieselben in ihr Fenster geworfen, und auf demselben Wege von ihr Antwort erhalten; sie habe ihn zu beruhigen gesucht. Bei einer mündlichen Besprechung erklärte sie, daß ihr Vater kein Verhältniß dulde, daß sie nicht warten dürfe bis sie sein Weib sein könne, da ihre Eltern eine baldige Versorgung wünschten.] Niemals war mir in ihrer Nähe eine sinnliche Anwandlung gekommen, und es wird mein süßester Trost im Tode sein, daß nie die leiseste Anspielung, nie die geringste Zweideutigkeit über meine Lippen kam, es ist nie der zarte poetische Hauch von unserer Liebe geflohen, und ich kann meine Hand rein aufheben vor ihrem abgeschiedenen Geist zu dem Schwure, dass ich nie einen solchen Gedanken zu ihr geäußert. In ihrer Gegenwart war ich auch ganz anders; und wenn ich allein war, da griff mir der Gedanke der Hoffnungslosigkeit wie eine kalte Hand ans Herz, und zerrte so lange, bis mein armer Verstand oft ganz dahinsank; ich konnte stundenlang sitzen mit dem Gefühle entsetzlicher Mattigkeit, ohne einen andern Gedanken, als den an die durch eine finstere Phantasie vergrößerten Folgen des Verlustes. Ich fürchtete damals wahnsinnig zu werden. Dazu kam noch ein anderer schrecklicher Umstand, der meine Verzweiflung vermehrte; ich bemerkte nämlich, daß ich sichtbar auffallend an Armen, Beinen und dem Körper abnahm. Ich wußte nicht, sollte ich diese Veränderung meiner steten Aufregung zuschreiben, oder jener Krankheit, die mich so lange verfolgte; meine Augen- Nasen- und Mundmuskeln zuckten oft heftig zusammen, ich fühlte oft einen stechenden Schmerz durch den Kopf und eine Müdigkeit an den Muskeln jener Gegend, daß ich kaum den Kopf aufrecht halten konnte; oft zitterten meine Hände und Finger, und hatte das Gefühl ob Spinnen oder Fliegen darüber hinwegliefen. Ich hielt diese Symptome für Vorboten des Wahnsinnes. Auch meine geistige Kraft hatte abgenommen. Nur wenn ich bei Friederiken war, da schienen alle diese Raben des Wahnsinnes zu fliehen, und ich überzeugte mich immer mehr, daß ich getrennt von ihr nicht mehr sein könne, daß nach der Trennung mein Verstand zu Grunde gehen müsse in Wahnsinn. [Nun schildert Ferner mit den lebhaftesten Bildern die Furcht vor seiner bevorstehenden Trennung, da er zum Examen abreisen sollte, die Furcht seine Geliebte zu verlieren, und die Todesgedanken, welche sich dazu gesellten; wie er des Nachts von größter Unruhe und Angst gequält die Straßen durchlief, und schlaflose Nächte durchphantasirte.] Mein Seelenzustand war bedauernswerth. Es mußte ein Ende gemacht werden; die Pistole wurde gekauft. Ich verabredete mit Friederiken die letzte Zusammenkunft um uns Lebewohl zu sagen; dabei schwankte ich lange ob es nicht auch meine letzte Stunde sein sollte; ich schwankte ob ich die Pistole mitnehmen solle oder nicht. Ich kaufte eine Flasche Wein, denn es lebte in mir noch ein Wunsch in der Seele, es könne vielleicht noch gut werden, vielleicht daß der Wein mich erheitern könne, denn mir hatte niemals der Wein festere Entschlüsse gegeben, sondern im Gegentheil mein Herz war dann immer weicher und konnte leicht von einer Stimmung zur andern gebracht werden. Die Nacht, die nun folgte, war schlaflos; alles, was seit Monden in meinem Gehirne sich wälzte, legte sich nun über mich wie eine erdrückende Last. Ich fühlte mich zu Grunde gehen. Ich beschloß die Pistole mitzunehmen. Ich probirte, ob es mir gelänge beide Läufe auf mich abzudrücken; nach mehreren Versuchen gelang es mir, und entsetzlich kalt murmelte ich: »es ist gut.« Die Perlen, ein Angedenken an den letzten Künstlerball hing ich um; ein Sammetbändchen, das sie mir einst von ihrem Halse gab, trug ich. Ich war zum Tode geschmückt mit dem was mir theuer war. Um fünf Uhr ging ich fort; auf meinem Wege betrachtete ich Alles, die Gegend, jedes Haus, jeden Menschen; es sollte ja das letztemal sein. Ich kam zuerst zu der verabredeten Zusammenkunft in den Garten. Da trank ich ein Glas Wein, nahm die Pistole und betrachtete sie lange gedankenlos. Dann sprach ich mit wahnsinnigem Lächeln den Monolog des rasenden Ajax aus Sophokles, »der Mörder steht bereit.« Ich nahm Abschied von Allem, aber ohne Thränen; als mir aber der Gedanke kam auch von ihr Abschied nehmen zu müssen, da saß ich dumpf, stier, todt. Finster und blutig wie eine Traumgestalt stieg mir der Gedanke auf, sie geht mit dir. Früher einmal hatte ich aus falscher Eifersucht ihren Tod geschworen in fürchterlichster Aufregung; und jetzt war es wahnsinnige Eifersucht auf den, der an meine Stelle treten, auf den, der sie lieben könnte .... Friederike kam. Ich schloß sie in die Arme, ich küßte sie. Meine Umarmung war eine Umklammerung der Verzweiflung, mein Kuß von kalten Lippen, nicht mehr glühend wie sonst, der des Todes. Sie saß zu meiner rechten Seite. Sie schlang den Arm um meinen Nacken, ich die beiden Arme um ihren Leib, mein Kopf lag an ihrer Brust. Ich sprach fast gar nicht; ich wußte Nichts mehr; todt, todt, todt war Alles. Sie versuchte vergebens mich aufzuheitern. Sie legte ihre Hand auf meine Stirne; sie glühte. Jetzt ward dem armen Kinde bang« »hast du Etwas Böses gethan« sprach sie. Ich schüttelte den Kopf. Sie sah das Glas, sie fragte, ich sagte vom Weine, sie glaubte mich vergiftet; es wäre besser gewesen .... Wahnsinnige Kälte lag auf mir. Ich legte die Pistole auf den Tisch: »Nein, nein, rief sie, du darfst nicht, ich würde sterben, ach, wenn ich nur gleich sterben könnte.« Ich sagte: »das wirst du auch, du gehst mit mir.« Ich kniete vor ihr, mein Haupt lag in ihrem Schooß, sie sprach: »muß ich denn sterben?, o! du bist so kalt, du sprichst wirr; thu mit mir was du willst, lebe nur Du.« Ach, daß es so dunkel war, wenn ich sie hätte sehen können wäre es gewiß nicht geschehen. Sie hob mich auf mit den Worten: »komm, wir gehen zur Mutter, zu deiner Mutter.« Ich folgte ihr; es war kein Wille, kein Gedanke in mir. Beim Hinausgehen muß ich die Pistole vom Tisch genommen haben. Wir setzten uns auf die Schwelle vom Hüttchen; dann erhoben wir uns und sie sagte: »komm' da hast du den letzten Kuß.« Das Wort riß alle Wunden wieder auf; ich preßte sie in wahnsinniger Hast an mich, viele Gedanken schlugen sich in meinem Gehirne, alles wirbelte, ich glaubte sie wolle mich nicht mehr lieben, wolle mich verlassen. Sie machte eine Bewegung zum Gehen, mein Arm zuckte auf, der Schuß fiel, sie sank, und wenn ich mein Erinnern recht quäle, glaub' ich, sie wimmerte. Der Schuß brachte mich noch immer nicht zur Vernunft, nur das Gefühl, das Bewußtsein einer ungeheuern Schuld hatte ich. Plötzlich dachte ich, daß ich mich ja erschießen wollte. Ich blickte abwärts, ich sah ihre Gestalt. »Nein, nicht in ihrer Nähe, Mörder, riefs in mir, weit weg, an der Isar, da fällst du ins Wasser.« Ich rannte davon, sinnlos, und nur »Mörder, Mörder« rief's. Ich kam in den englischen Garten. Das Rauschen der Bäume brachte mich zu mir. Ich hatte die Pistole in der Hand, ich glaubte mich aus einem Traume erwacht; ich roch an den Lauf, an meinen Kleidern. Ich suchte mir eine Vorstellung zu machen, es ging nicht. Nur das fühlte ich, sie war todt, Alles war todt. Die Reue fiel mich an, so gewaltig, daß sie mich niederwarf auf dem Wege. Jetzt dachte ich was geschehen solle. Meine bessere Natur überwand, und ich ging mich anzuzeigen .... Wenn ich bedenke, welches Motiv ich hatte, so weiß ich keines. Sie hatte mir Nichts gethan, sie war so rein, so gut, sie liebte mich so sehr. Aber der Gedanke an den Andern, die Eifersucht vor einem Künftigen, der nach meinem Tode käme, die Eifersucht ewig sie mit einem Andern wandeln zu sehen, und der Wahn, der dem größten Schwärmer Ehre gemacht hätte, daß es schön für mich sei sie ewig allein zu sehen, mein gequälter, verrückter Geist, diese wahnsinnige Liebe, der Schmerz der Trennung der mir alle Besinnung raubte, sie machen mir die That erklärlich, aber nicht weniger strafbar. Ich will auch keine Rechtfertigung. Man wird fragen, wie ich doch jetzt so ziemlich bei Verstand sei, und ob es möglich sei, daß eine solche Verdüsterung der Vernunft vorkommen könne, wie ich sie beschrieb? Ich verdenke das Niemand, der Zweifel ist dem vernünftigen Menschen zu natürlich. Aber man frage Alle die mich kennen, ob sie mich dessen fähig gehalten hätten? Wenn ich nicht selbst an mir es erlebt, ich glaubte es nicht. Ich kann nicht anders sagen, als Wahnsinn war's. Nur um Eines bitte ich, man möge mich strenge beurtheilen, mich zur Ewigkeit senden, bevor ich gänzlich in die Arme der Nacht sinke. Ich möchte mit denkendem Geiste aus der Welt gehen, ich möchte an sie, an unser Wiedersehen denken können. Ich bin jetzt ganz ermattet, todt sind alle meine Gedanken, sie ist nicht mehr hier, ich will, ich muß zu ihr, aber nicht durch meine eigenen ruchlosen Hände, sondern durch die des strafenden Gerichtes.«
In einem spätern Verhöre gestand Ferner dagegen zu: «Der Gedanke nicht nur sich sondern auch seine Geliebte zu tödten, sei ihm ungefähr vierzehn Tage vor der That gekommen. Er habe den Gedanken nicht ertragen können sie in dieser oder jener Welt in den Armen eines Andern zu sehen. Er habe gedacht, er werde durch den Selbstmord verdammt werden, Friederike dagegen als schuldlos in die Ewigkeit eingehen; es sei ihm aber immer noch lieber gewesen, ewig von ihr getrennt zu sein als sie nach seinem Tode in den Armen eines Andern zu wissen. Er habe die Ueberzeugung gehegt, daß er, wenn sie auch an verschiedenen Orten in der Ewigkeit sich befinden sollten, dennoch sie sehen könne, und zwar rein, nicht im Besitze eines Andern. Dieser Gedanke habe ihn am Tage der That selbst überwältigt. Am fraglichen Abende sei er eine halbe Stunde früher vor Friederike in den Garten gekommen, und da erst habe er mit aller Bestimmtheit beschlossen sie zu tödten, weil auch der Selbstmord bei ihm beschlossen und der Gedanke ihm unerträglich gewesen sei, allein aus der Welt zu gehen, in der Befürchtung, daß sie einen Andern heirathen werde. Als er immer aufgeregter geworden, habe er ihr die Pistole gezeigt und gesagt, daß er sich tödten wolle und sie ihm vorangehen werde. Sie habe ihn gebeten, das doch nicht zu thun, lieber sie zu tödten. Sie sei sehr niedergedrückt gewesen und habe nur geäußert »muß ich denn sterben?,« worauf er erwiederte: „du gehst mit mir.« Abweichend von den frühern Angaben äußerte sich Ferner bei der öffentlichen Verhandlung, wo er unter heftiger Aufregung Folgendes deponirte: »Er wisse selbst nicht, wann er den Entschluß, seine Geliebte zu tödten, gefaßt habe; derselbe sei ohne Klarheit und Bestimmtheit gewesen, er sei am kritischen Abende wie im Traum dahin gegangen. Den Entschluß, sich selbst zu tödten, habe er schon Monate lang mit sich herumgetragen; der Gedanke aber, auch sie zu tödten, sei erst am Nachmittage vor der That in ihm aufgestiegen, aber ohne Klarheit gewesen. Er habe kein bestimmtes Motiv zur That gehabt; er habe sterben wollen und ohne sie nicht sterben können; er habe den Gedanken nicht überwinden können, daß, wenn sie zurückbleibe, ein Anderer sie bekommen werde; es sei so schön mit einander zu sterben. Er sei am kritischen Abende ganz bewußt- und gedankenlos an ihrer Seite gesessen, auf einmal habe sie das Wort »Mutter« ausgesprochen, das habe ihn im ganzen Körper durchdrungen; sie habe dann gesagt »wir wollen jetzt gehen, ich gebe dir nun den letzten Kuß,« und in diesem Momente habe Alles in ihm aufgezuckt, er wisse nicht ob er das Pistol losgedrückt, er habe Nichts gehört, aber er habe gefühlt, daß Etwas unerwartetes, gräßliches geschehen sei, dann sei er wieder zu sich gekommen, und habe sie vor sich liegen sehen. Als er einige Tage vorher das Pistol gekauft, habe er noch nicht den Gedanken gehabt sie zu erschießen, sondern nur den sich selbst zu tödten. Er sei sich selbst nicht klar, warum er gerade ein Doppelterzerol gekauft, er habe eben genommen was man ihm gegeben.«
III.
Ueber den psychischen Zustand Ferner's wurden zwei Gutachten erstattet, A. eines von dem Gerichtsarzte Prof. Dr. Hofmann in München, welches sich für geminderte Zurechnungsfähigkeit aussprach, und B. das Andere vom Medizinalkomité in München, welches vollständige Zurechnungsfähigkeit annahm.
A.
Das Gutachten des Prof. Hofmann sprach sich wie folgt, aus. »An der Zurechnungsfähigkeit eines Menschen darf nach psychologischen Gesetzen desto mehr gezweifelt werden, als zwischen der That und dem bisherigen Verhalten des Thäters ein Kontrast besteht. Ferner war als braver, stiller junger Mann anerkannt, dessen hervorragende Geistesgaben zu den schönsten Hoffnungen für die Zukunft berechtigten, und seine literarischen und artistischen Produkte rechtfertigten dieses Urtheil und diese Hoffnungen, aber überall leuchtete der Fantast, der Schwärmer, der Träumer, aber auch der Jüngling von wahrem, ächten Seelenadel hervor. Dem mannbar werdenden Jüngling traf das Unglück, daß er zur Onanie verleitet wurde. Ein Unglück Ferner's war es, daß dieser in seinem Innern dadurch entstandene Zwiespalt in eine Zeit fiel, wo der mit Intelligenz begabte junge Mann so gerne zu philosophiren anfängt, aber falsch philosophirt, weil die Phantasie so gerne noch den Verstand überflügelnd diesen ins Schlepptau nimmt. Auch Ferner philosophirte, aber falsch. Er nahm die Welt nicht objectiv wie sie ist, sondern von der Vogelperspective herab, wo sie sich anders zeigte als sie war, und er mußte dadurch dahin kommen, sich eine Welt nach seinen Begriffen zu construiren, die von der realiter existirenden materiellen Welt so abstand, wie die zwei Endpunkte des Durchmessers eines Kreises. Daher sein Hang zur Einsamkeit, denn diese gewährte ihm das, was die Welt, weil sie anders fühlte und dachte, ihm nicht gewähren konnte, die Möglichkeit seinen Träumereien nachzuhängen; dieß ist der Grund, warum er mit solcher Leidenschaftlichkeit die Musen umfing, weil sie ihm Befriedigung gewährten, die die ihn mißverstehende Außenwelt nicht gewähren konnte. Die Folgen dieser unglücklichen Geistesrichtung waren klar. Seine religiösen Anschauungen sind noch nicht consolidirt und geläutert. Ohne moralischen Halt (?) sehen wir den Universitätsstudenten Ferner in sich zerrissen, im Konflikt mit der Außenwelt, deren Thun und Treiben er im Bewußtsein, besser zu sein, verachtet, ein Bewußtsein, das zum Theil allerdings ein in seiner eminenten geistigen Begabung begründetes war, zum Theil aber auf Selbstüberschätzung beruhte, zu welcher er durch die Lobeserhebungen aller derer, die ihn kannten, gedrängt wurde. Das war ein Abgrund, an dem er wandelte.«
»Die Brust sehnend nach einem Wesen, das, weil die Freunde ihn nicht liebend zu erkennen vermochten, sein nach idealer Liebe sehnendes Herz befriedigen würde, wer möchte es Ferner'n verdenken, wenn ihn der Liebreiz eines schönen jungen Mädchens im Momente des Ansichtigwerdens bezauberte? Sie sehen und sie lieben war Eins. Natürlich, nicht verbildet, sich stets so gebend wie sie dachte und fühlte, ohne Verstellung, aber auch ohne Rücksicht auf die augenblicklich umgebenden Verhältnisse, d. h. naiv, schalkhaft, lebhaft, kindlich unschuldig, befriedigte das junge Mädchen anfänglich Ferner vollständig. Er war im Besitze dessen, wornach sein früheres Sehnen gerichtet war, in seine Brust war die wahre Liebe eingezogen. Sie war rein, sie zeigte sich nicht abgeneigt. Mit dem Fallen aber der Schranke des Nichtwissens, wie das Mädchen seine Liebe aufnehme, wurde seine Liebe eine krankhafte. Er dachte sich nun auch des Mädchens Gegenliebe so, wie er sich sein Ideal von Liebe construirte. Daß er sich leidenschaftlich auf den Gegenstand seiner Liebe warf, daran trägt sein Charakter allein die Schuld; daran daß er nicht die Qualität der Gegenliebe fand, die er sich idealisirte, daran trug die Verschiedenheit der beiderseitigen Charaktere Schuld. Ferner's Liebe war leidenschaftlich; sie war noch mehr als leidenschaftlich, sie war wahnsinnig, das Centrum alles seines Thuns und Treibens, außerhalb welchem es für ihn gar Nichts mehr auf der Erde gab. Man möchte meinen, Ferner sei Modell gestanden zu dem Sprichworte »Liebe macht Narren.« Ausfluß partiellen Wahnsinnes nenne ich es, wenn Ferner nirgends mehr Ruhe und Rast findet, verzweifelte Nächte auf dem schlaflosen Lager zubringt, und die Tage rastlos hin- und herrennt, stundenlang sich hinstellt nur um ihr Fenster zu sehen, stundenlang vor sich hinbrütend und stierend einmal in das Gelächter ausbricht »sie liebt mich«, dann verzweifelnd ausruft »sie liebt mich nicht,« und schließlich wieder aufschreit »und sie liebt mich doch.« Ferner verlangte idealisirte Liebe, die nur in dem Gegenstande der Liebe leben müsse, die nicht abläßt wenn das Weltall zerstiebt. Des Mädchens Liebe dagegen war nüchtern, materiell auf Versorgung gerichtet, praktisch; ihre Liebe war lau, warm genug um sein Feuer zu unterhalten, nicht kalt genug um es zu dämpfen. Diese beiden Seelen, jede mit einer so entgegengesetzt qualificirten Liebe, waren nicht dazu geeignet zwei Herzen und ein Schlag zu sein; es waren zwei Herzen mit zwei verschiedenen Schlägen, deren jeder als Diffonanz im andern Herzen wiedertönte. Dieses Liebesverhältniß mußte unglücklich werden, und wurde es auch, aber in gegenseitig anderer Weise. Sie quälte weder sich noch ihn um Liebe; sie quälte ihn nur unabsichtlich durch nicht genugsames Quantum und nicht befriedigendes Quale ihrer Liebe, weil sie eines größeren Quantum und anderen Quale nicht fähig war. Er aber quälte sich, weil er sich den Glauben aufzwingen wollte, sie hänge mit voller Seele an ihm und nur Außenverhältnisse träten zwischen ihn und ihr. Er quälte aber auch das Mädchen mit seiner Bitte um Gegenliebe, daß sie am Ende ihn ob seiner Excentricität und vorhabendem Entschlusse fürchtete, aber nicht mehr liebte. Furcht, nicht Spiel oder Koketterie, war es, wenn sie das Verhältniß nicht brach, vielmehr ihn ihrer fortgesetzten Zuneigung versicherte; Furcht war es, welche sie zu der letzten Zusammenkunft bestimmte, welche früher die Liebe gewährt hatte.«
»Dem Ferner kam es zum Bewußtsein, daß Außenverhältnisse sich seiner künftigen ehelichen Verbindung mit seiner Geliebten entgegenstellen. Es siegte momentan bei ihm der kalt reflectirende Verstand über die Leidenschaft, und er beschloß das Verhältniß zu brechen. Bald aber gewann die Leidenschaft wieder die Oberhand, denn Ferner wähnte den Stachel der Liebe so tief in sein Herz gedrückt, daß er nur mit Vernichtung der irdischen Existenz seiner Person (denn Liebe und irdische Existenz sind ihm identisch) herausgerissen werden könne. Eben darum war Ferner hoffnungslos, verzweifelte, und dachte an Selbstmord. Es ist ungewiß, in welchem Stadium seines vorhabenden Entschlusses zum Selbstmorde der Gedanke vor seine Seele trat, mit der Geliebten ins Jenseits zu gehen; gewiß ist nur, daß letzterer Gedanke bereis zwei bis drei Wochen vor der That in seiner Seele war. Was war das Motiv dazu? Es läßt sich in wenige Worte zusammenfassen: der Gedanke, sie auf der Erde zurückzulassen, und zwar höchst wahrscheinlicher Weise als künftige Gattin in den Armen eines Andern zu wissen, dieser Gedanke war für Ferner's Selbstüberschätzung seiner geistigen Vorzüge unerfaßbar; wahnsinnige Liebe ist der Grund, warum er sie nicht in den Armen eines Andern wissen konnte. Diese seine Eifersucht, wenn auch bis zur Stunde der That gegenstandslos, war doch nach menschlicher Vorausberechnung begründet Auch den Gedanken in der jenseitigen Welt sie einst an der Seite eines Andern wandeln zu sehen, konnte Ferner nicht fassen. Eher sich am Orte der ewigen Verdammniß, sie an dem Orte der Seligkeit, aber allein. Das ist ihm ein Trost, aber der Trost eines Wahnsinnigen. Wahnsinn, nicht Leichtsinn war der Gedanke, die Ewigkeit in die Schanze zu schlagen, sich ewig verdammt zu wissen, wenn nur der Gegenstand seiner Liebe nicht einem Andern gehöre. Daß Ferner nach der That den Entschluß des Selbstmordes nicht ausführte, war nicht Feigheit. Der Selbstmord wäre für ihn, den Gefühlsmenschen, ein leichterer Schritt gewesen, als der Tod auf dem Schaffote oder jahrelange Festungsstrafe. Die Selbstanzeige war ein heroischer Entschluß, hervorgerufen durch das niemals in ihm unterdrückte, wenn auch durch falsche philosophische Reflexionen auf falscher Fährte befindliche Gefühl der wirklichen Existenz eines Gottes und eines Jenseits, welches ihm als guter Genius in diesem fürchterlichen Augenblicke seines Lebens zurief: nicht an der Seite dieser Unschuld sollst du ins Jenseits übertreten, der irdischen Gerechtigkeit hast du Genüge zu leisten.«
»Es fragt sich nun, wie verhält sich die Zurechnung zur That? Die That war die eines wahnsinnig Liebenden, d. h. eines Menschen, dessen Auffassungs- und Urtbeilsvermögen in allen Richtungen ungetrübt war, nur nicht in der seiner Liebe. Hier hinderte die zum Wahnsinn gesteigerte Leidenschaft eine objektiv richtige Auffassung und Beurtheilung der Lage der Dinge. Kann Ferner hiefür verantwortlich gemacht werden? Ja. Eifersucht gegen eine noch nicht existirende Person, nebenbei auch geistige Selbstüberschätzung waren das Motiv zur That. Die Furcht vor Verlust ist die nothwendige Voraussetzung der Eifersucht; diese Leidenschaft hat Ferner's ursprüngliches mit seinem Vernunftgebrauche identisches Rechtsbewußtsein, daß noch irgend Jemand ein Anrecht auf die von ihm Geliebte haben werde, nach und nach verdunkelt und abgeschwächt, bis dasselbe zuletzt keinen Widerstand gegen das aus Interesse der Leidenschaft fließende strafbare Motiv mehr leisten konnte. Sein Rechts- und moralisches Bewußtsein »du darfst sie nicht tödten« konnte keinen positiven Widerstand gegen das aus Interesse der Leidenschaft fließende egoistische Motiv leisten, und da ein Objekt für seine Eifersucht, auf das sich dieselbe richten konnte, nicht existirte, so blieb kein anderer Ausweg als die Vernichtung jener Person, wegen welcher seine Eifersucht in Phantomen entbrannte, denn damit war die Möglichkeit des künftigen Auftretens von Persönlichkeiten, auf und gegen welche sich seine Eifersucht richten konnte, aufgehoben. Es war sohin Nothwendigkeit, daß der wahnsinnig liebende und wahnsinnig eifersüchtige Ferner die Geliebte erschießen mußte. Aber eben so gewiß ist, daß Ferner eine Zeit nicht blos hatte, sondern bis in die allerkürzeste Zeit vor der That, möglicherweise bis noch wenige Sekunden vor der That hatte, wo in ihm Gewissen und Rechtsbewußtsein »du darfst sie nicht erschießen« nur mit Mühe zum Schweigen gebracht werden konnten. Zeuge dessen ist Ferner's zwei bis drei Wochen langer Kampf gegen den in ihm aufsteigenden verbrecherischen Gedanken. Und wenn Ferner geflissentlich diesen seinen drei Wochen lang mahnenden innern Richter zu verstummen zwang, so liegt eben seine Schuld in diesem willkührlich herbeigeführten Causalitätsverhältniß, und er darf nicht zu seiner Entschuldigung geltend machen, daß er dem verbrecherischen Willen nicht habe Widerstand leisten können; er darf dies um so weniger, als gerade von seinem reich entwickeltem Verstande mehr Widerstandskraft verlangt werden konnte. Auch die Mittel, die er zur Ausführung des gefaßten Vorhabens, sich und die Geliebte zu tödten, einschlug, zeugen von vollständiger Integrität des Geistes. Er wählt den Tod durch die Kugel, kauft eine Doppelpistole, probirt im Beisein des Büchsenmachers die Schlösser, verlangt von ihm Schußmaterial, probirt das Abdrücken, und nimmt an dem verhängnißvollen Abende die geladene Pistole mit sich. Beweis genug dafür, daß innerhalb jenes Rayons, für den ich Wahnsinn vindicire, noch nicht jede Spur richtiger, gesunder Reflexionen gewichen war. Also keine Unzurechnungsfähigkeit! Die Frage kann nur so lauten: »soll Ferner ganz oder nur theilweise dem Gesetze gegenüber für den Mord psychologisch verantwortlich gemacht werden?« Von den drei Grundkräften der Seele, Verstand, Gemüth und Wille, steht nicht blos gemäß der ursprünglichen Organisation der Seele die Willenskraft in einem Abhängigkeitsverhältnisse von der Verstandes- und Gemüthskraft, sondern letztere stehen auch in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse, so daß nicht blos jede die andere mehr oder weniger beherrschen kann, sondern tatsächlich in jedem Menschen mehr oder weniger vorherrscht. Die Unterordnung des Verstandes unter die Gemüthskraft erreicht bei jeder Leidenschaft einen viel höhern Grad, als beim Gleichgewichte der Gemüthstriebe unter sich und mit der Verstandeskraft, welches Gleichgewicht die psychologische Grundlage der objectiven Besonnenheit bildet. Durch die Leidenschaft wird der Verstand gezwungen, die Personen, Dinge und Verhältnisse ihrer objectivcn Bedeutung nach zu verkennen und falsch aufzufassen, d. h. es entsteht eine Verstandesverwirrung, eine Verwirrung der Sinne. Für diese Verstandesverwirrung kann und muß der geistig so eminent ausgestattete Ferner vor dem Forum der Moral und Psychologie allerdings verantwortlich gemacht werden. Nicht verantwortlich aber kann er gemacht werden für die Phantasterei, die von Haus aus in seine Seele hineingelegt war. Dazu kommt noch die völlig falsche Haltung seiner Geliebten, die das Verhältniß geradezu und ohne Rückhalt hätte brechen sollen. Nicht das ganze psychologische Verschulden kann daher auf Ferner's Schultern geworfen werden.«
B.
Das Gutachten des Medicinalkomités zu München (Ref. Privatdocent Dr. Lindwurm) sprach folgende Ansicht aus. »Zur richtigen psychologischen Würdigung der von Ferner begangenen That müssen wir vorerst dessen Körper- und Geisteszustand im Allgemeinen betrachten, um zu sehen, ob sich vielleicht Momente ergeben, in denen die That eine psychologische Begründung findet. Nicht aus der That allein darf der Maaßstab der Beurtheilung für den Geisteszustand des Thäters genommen werden. Ferner's körperlicher Zustand war gesund; die Schilderungen seiner geschwächten Gesundheit sind übertrieben, sein Muskelzittern, Schwächegefühl, Kopfschmerz sind Folgen seiner psychischen Aufregung. Ebenso ist sein Geistes- und Gemüthszustand vollkommen gesund. Er ist seines Verstandes vollkommen mächtig, sehr begabt. Ein hervorstechender Charakterzug Ferner's ist Selbstüberschätzung, die nur zu oft in Selbstbewunderung ausartet. Eben so ausgesprochen finden wir bei ihm den Hang zur Schwärmerei. Als poetische Natur überläßt er sich gerne dem Fluge seiner Phantasie, und gefällt sich in überspannten Ideen und schwärmerischen Reflexionen, die nur zu oft das eigene Ich zum Gegenstande haben. Indem er aber dieses Ich durch ein (wie er glaubte) unheilbares Leiden (Pollutionen) geistig und körperlich gefährdet wähnt, nehmen diese Reflexionen leicht den Charakter des Trüben und Melancholischen an, sogar Selbstmordsgedanken tauchen bisweilen in ihm auf. Er wendet sich völlig der Außenwelt ab, ist nur von seinen Interessen berührt und in seinen Ideenkreis vertieft; er liebt die Einsamkeit und flieht die Welt, die ihn nicht versteht, wohl aber auch nicht genug anerkennt. Er jagt nach Idealen, und lernt nicht in das Leben, wie es in Wirklichkeit ist, sich schicken. Kurz, wir haben das Bild eines excentrischen, schwärmerischen Jünglings, eines überspannten, sich selbst überschätzenden Phantasten. Alle diese Eigenschaften des Geistes und Charakters dürfen aber vom ärztlichen Standpunkte aus noch nicht in das Gebiet eines wirklich Kranken gezogen werden. Es sind eben individuelle Eigenheiten, Schwächen, wie sie jeder Mensch mehr oder weniger aufzuweisen hat. Zu keiner Zeit vor und nach der That war irgend eine Störung der Vernunft, eine Form der Verwirrung oder des Wahnsinnes zugegen, welche dessen Zurechnungsfähigkeit in Zweifel ziehen ließe. Ferner hat bei den Besuchen, die Referent bei ihm im Gefängniße machte, gesundes Urtheil und normales Fassungsvermögen gezeigt, seine Aussagen haben den Eindruck der Wahrheit gemacht. Aber von Reue war keine Spur. Er hatte gemeint, es hätte bei seiner Individualiät und Geistesdisposition so kommen müssen, und er müsse in einem ähnlichen Falle wieder so handeln.«
»Ferner verübte die That in leidenschaftlicher Aufregung, in welche ihn Liebe und Eifersucht versetzt. Es fragt sich nun, ob eine von einem geistesgesunden Individuum in der Leidenschaft begangene verbrecherische That für eine unfreiwillige, für eine durch unverschuldete Sinnesverwirrung bedingte, wofür der Thäter unverantwortlich ist, erklärt werden darf? Nimmermehr darf von ärztlicher Seite eine solche Auffassung stattfinden. Um dies näher zu erweisen, wollen wir die leidenschaftliche Liebe Ferner's und die aus ihr entsprungene That einer nähern Prüfung unterziehen. Von einer in momentaner, plötzlich entstandener höchster Aufregung unwillkührlich, ohne Ueberlegung und Vorbedacht begangenen That kann nach seinen vor der That geschriebenen Briefen sowie nachher gemachten Geständnissen nicht die Rede sein, da diese zeigen, daß er die Ermordung seiner Geliebten vorher überlegt und beschlossen, die That also mit Vorbedacht ausgeführt hat. Nicht ein augenblicklicher Affekt, sondern ein mehr chronischer Gemüthszustand, eine sich langsam entwickelnde und lange dauernde Leidenschaft, eifersüchtige Liebe, war die Veranlassung zur That. Die Briefe und Gedichte Ferner's geben ein Bild der in ihm aufkeimenden, wachsenden und zuletzt in voller Gluth auflodernden Liebe. Als unpraktischer Idealist und excentrischer Kopf wurde der früher am weiblichen Geschlechte verzweifelnde, ja dasselbe verachtende, schwärmerische junge Mann um so leidenschaftlicher von der Liebe umfangen, als er in seiner Geliebten das Ideal des Weibes, an dessen Existenz er nicht geglaubt, nun wirklich gefunden zu haben träumte. Ein neues Leben beginnt für ihn; er weiß sich wieder geliebt vom Gegenstande seiner Liebe. Bald aber ändert sich die Sache. Die Wirklichkeit gewann doch eben einmal die Oberhand, und das von seiner Phantasie entworfene Ideal, das natürliche, nüchterne, wohl auch berechnende Mädchen war doch sehr verschieden vom Phantasiegebilde Ferner's. Die Liebe, welche sie ihm schenkte, konnte ihm nicht genügen; er verlangte mehr, eine Liebe die ganz von ihm erfüllt war. Ferner, der seinen eigenen Werth so gut kannte, eine so hohe Meinung von dem eigenen Ich hatte, konnte sich nicht mit der gewöhnlichen Liebe des einfachen, prosaischen Mädchens zufrieden geben. Sie ging nicht ein auf seine Schwärmereien, wurde anfangs beunruhigt, später selbst abgestoßen durch sein fortwährendes Bestürmen. Gewährte sie ihm auch noch Zeichen ihrer Gunst, so geschah es nach ihren eigenen Aeußerungen mehr aus Angst vor seinen Drohungen; ja sie erklärte ihm selbst, sie müsse sich nach Versorgung umseben, könne nicht auf ihn warten. Dadurch mußte die Eigenliebe des stolzen Jünglings auf das Empfindlichste verletzt werden, und seine Liebe, statt zu erkalten, steigerte sich auf das Höchste. Denn ein mächtiger Quell unglücklicher Liebe ist verletzte Eitelkeit; die demüthigende Gewißheit, nicht oder nicht genug geliebt zu werden, führt nur zu oft zu den Gedanken ohne den geliebten Gegenstand nicht leben zu können, und zwar um so leichter, je höher die Selbstüberschätzung geht. Diese Art von Liebe ist aber keine edle, denn ihre Basis ist Egoismus, die nur das Selbst im Auge hat, Opfer verlangt, aber selbst keines fähig ist. Diesen egoistischen Zug sehen wir allenthalben hervortreten; in Allem was Ferner schreibt und thut, nur an sich denkt er, nur der Gedanke, daß er nicht ohne sie leben kann, macht ihn unglücklich. Darum will er, als sich ihm die Gewißheit aufdrängt, daß er sich trennen muß und er auf ihre Treue nicht rechnen kann, sich selbst Hilfe verschaffen, seiner Qual durch Selbstmord ein Ende machen. Während nun diese Selbstmordgedanken in ihm aufsteigen, stellt er sich vor, daß nach seinem Tode ein Anderer die Geliebte besitzen werde. Die heftigste Eifersucht überfällt ihn und verläßt ihn nicht mehr, der Gedanke, daß ein Anderer sie besitzen soll ist ihm unerträglich; er beschließt daher, sie soll mit ihm sterben. Aus Eifersucht opfert er das, was er das Theuerste auf Erden wähnt, seiner egoistischen Leidenschaft. Wie ein verwöhntes Kind Dinge, die es nicht haben darf, lieber zerbricht als hergibt, mordet er die für ihn verlorne Geliebte. Dieser selbstsüchtige Zug der menschlichen Natur ist aber nicht identisch mit Sinnesverwirrung und Wahnsinn; seine Grundlage ist der Neid, ein Fehler aber keine Krankheit. Daß Ferner sich diese Leidenschaft über den Kopf wachsen ließ und die verbrecherische That beging, dafür kann vom ärztlichen Standpunkte keine Entschuldigung gefunden werden. Denn seine jugendliche Schwärmerei und phantastische Richtung, die ihn allerdings leichter als einen nüchternen Verstand dahin bringen konnte einen blutigen Roman zu spielen, berechtigt uns nicht anzunehmen, daß er durch seine individuelle Gemüthsverfassung gezwungen war so zu handeln. Jeder Mensch hat Selbstbeherrschung, und diese darf um so mehr gefordert werden, je begabter und unterrichteter ein Mensch ist; Bildung erleichtert Selbsterkenntniß, und diese die Selbstbeherrschung. Der That Ferner's lag aber, wie schon erwähnt, ein ausgesprochen selbstsüchtiges Motiv zu Grunde. Und daß er die ganze Schwere des Verbrechens erkennt, geht aus seinen eigenen Briefen und Aussagen deutlich hervor. Er hatte sonach die klarste Einsicht in seinen eigenen Seelenzustand und beurtheilte aufs Genauste sein verbrecherisches Vorhaben als solches. Die Art und Weise, wie er die That beschlossen und ausgeführt, schließt jede Verwirrung der Sinne vollständig aus. Er traf mit Umsicht alle Vorbereitungen zur That, und sein Verstand war klar, die rechten Mittel zur Ausführung zu finden. Daß er zugleich die Absicht hatte sich selbst zu tödten, ändert Nichts an der Sache. Wie wir gesehen, tauchten zu wiederholtenmalen Selbstmordgedanken in ihm auf; das einemal ist er von Abscheu und Eckel gegen sein Leben erfüllt, da er seine Gesundheit zerrüttet glaubt, kommt aber niemals zu einem bestimmten Entschlusse. Auf derlei unklare Selbstmordgedanken ist kein zu großes Gewicht zu legen, da sie nur zu häufig bei solchen excentrischen und schwärmerischen Naturen vorkommen, aber nur in den allerseltensten Fällen ausgeführt werden. Ernster scheinen die durch seine unglückliche Liebe wieder geweckten Selbstmordgedanken. Mangel an sittlichem und religiösem Halt führt ihn in seiner Exaltation zu diesem Entschlusse, weder Sinnesverwirrung noch Wahnvorstellung. Deßhalb sind wir auch nicht berechtigt, aus den Selbstmordgedanken des Mörders eine Seelenstörung desselben zu folgern. Auffallen muß nur, daß Ferner den Selbstmord nicht ausführte. Mußte er sich nicht beeilen, seiner Geliebten augenblicklich zu folgen, um sich gleichsam ihren Besitz im Tode zu sichern? Er stellt uns dies als den Sieg seiner bessern Natur hin; fehlt ihm aber nicht vielmehr der Muth zu sterben? Jedenfalls liefert er den thatsächlichen Beweis, daß er ohne sie leben kann, und zwar ruhig und gelassen, denn ließ sich auch nur der entfernteste Wunsch wahrnehmen, bald mit seiner Geliebten vereinigt zu werden? Daß Ferner sich selbst dem Gerichte überlieferte, ist begreiflich. Die Aussicht auf dem Schaffotle zu sterben, hat in diesem Augenblicke etwas Wünschenswerthes und Beruhigendes für ihn, er geht dem Tode entgegen ohne gezwungen zu sein, selbst Hand an sich zu legen. Wir wiederholen, Ferner gab sich selbst Rechenschaft davon, was er zu thun im Begriffe stand, er kannte die Größe des zu begehenden Verbrechens, es war ihm die Handlung selbst, sowie die Absicht und der Grund klar, warum er so handelte. Er mußte seine Leidenschaft überwinden, da er sie als schlecht erkannt, und konnte sie überwinden, da er geistig und körperlich gesund und seines Vernunftgebrauches mächtig war. Seine Zurechnungsfähigkeit läugnen, hieße Verbrechen mit Krankheit verwechseln. Ein körperlich und geistig gesunder Mensch, der sich Rechenschaft gibt von der That, die er zu begehen im Begriffe steht, sie als Verbrechen erkennt, und dennoch mit Vorbedacht und Zweckmäßigkeit ausführt, und zwar aus egoistischen Motiven, muß von ärztlicher Seite für vollkommen zurechnungsfähig erklärt werden. Gleichwohl läßt sich nicht verkennen, daß in der Persönlichkeit Ferner's, in seiner Jugend und schwärmerischen phantastischen Natur Momente liegen, welche die That in einem milden Lichte erscheinen lassen; diese haben aber nicht Einfluß auf die Zurechnungsfähigkeit, sondern nur auf die Bemessung der Schuld, fallen demnach nicht in das Bereich des Arztes, sondern des Richters.«
So weit die ärztlichen Gutachten, von denen das erste von Dr. Hofmann eine beschränkte, das zweite von den Medicinalkomité (Dr. Lindwurm) eine vollkommene Zurechnungsfähigkeit annahm. Letzteres Gutachten verwerthete der Staatsanwalt, welcher die Anklage auf Mord aufrecht erhielt, für sich. Ersteres Gutachten suchte der Vertheidiger geltend zu machen, welcher die Ansicht zu vertreten bemüht war, daß es sich nur um einen einfachen Todtschlag handele, und daß die auf Mord hindeutenden Gedanken in den Ferner'schen Briefen gleichsam nur poetische Fiktionen seien. Die Geschwornen beantworteten die an sie gerichteten Fragen (eine Frage auf Todtschlag wurde nicht gestellt), und zwar jene auf Beschluß der That mit Vorbedacht (aber ohne Ueberlegung bei der Ausführung), sowie die Frage auf Annahme geminderter Zurechnungsfähigkeit mit Ja, worauf der Schwurgerichtshof den
Ferner zu der geringsten gesetzlich zulässigen Strafe zu zwölfjähriger Festungsstrafe zweiten Grades verurtheilte.
IV.
Schließlich möge es dem Berichterstatter, der der öffentlichen Verhandlung mit gewissenhafter Aufmerksamkeit gefolgt ist, gestattet sein einige Bemerkungen hier beizufügen. Das Obergutachten des Medicinalkomités läßt sich füglich in den Satz zusammenfassen: »Ferner war körperlich und geistig gesund, wenigstens war er nicht wahnsinnig, ergo ist er vollkommen zurechnungsfähig.« Das Obergutachten geht offenbar von der Theorie aus: es gibt nur eine vollkommene oder gar keine Zurechnungsfähigkeit; ein drittes scheint demnach undenkbar. Die Frage, ob dieß criminalpsychologisch richtig sei oder nicht, ist aber wenigstens für den Richter in Bayern seit der Einführung des Art. III. des Gesetzes vom 29. August 1848 (Dieser Art. sagt: »Wenn das Bewußtsein der Strafbarkeit der Handlung in dem Verbrecher zur Zeit der begangenen That zwar nicht gänzlich aufgehoben, aber durch große Geistesbeschränktheit, durch Altersschwäche, durch Gemüthskrankheit, durch unverschuldete Trunkenheit, oder durch eine andauernde derartige Verwirrung der Sinne oder des Verstandes in so hohem Grade getrübt war, daß bei der Entscheidung der Thatfrage die Zurechnungsfähigkeit als gemindert erklärt wird, so sind die Gerichte ermächtigt, auf eine geringere als die gesetzliche Strafe zu erkennen.«) »die Abänderung einiger Bestimmungen des Thl. I. des Strafgesetzbuches von 1813 betreffend« eine müssige; für den Richter ist die Streitfrage, ob es auch eine beschränkte Zurechnungsfähigkeit gebe, bereits in erwähntem Gesetze entschieden, und er hat sich an diese Norm zu halten. Für den Richter könnte sich höchstens der Zweifel ergeben, ob sich dann die im Art. III. vorausgesetzte Trübung des Bewußtseins der Strafbarkeit der Handlung zur Zeit der begangenen That, sei es in Folge von Geistesbeschränktheit, einer Gemüthskrankheit oder einer ähnlichen Verwirrung der Sinne oder des Verstandes vereinbar sei mit dem Begriffe des Mordes nach Art. 146 Thl. I des Strafgesetzbuches, der eine mit Vorbedacht beschlossene oder mit Ueberlegung ausgeführte Tödtung voraussetzt. Mit einem Worte; läßt sich ein Mord bei geminderter Zurechnungsfähigkeit denken? Allein auch diese Frage wird, da das Gesetz selbst eine nahegelegene Beschränkung der Anwendung jenes Artikels nicht ausgedrückt hat, für den Richter zu bejahen sein, und zwar um so mehr, als ja die Annahme chronischer Affekte und Leidenschaften, welche die Klarheit des menschlichen Bewußtseins trüben, nicht ausgeschlossen ist. Wenn nun in concreto das Obergutachten die phantastische Natur Ferner's als Milderungsgrund gelten läßt, während das Gutachten Hofmann's aus derselben und der falschen Haltung des Mädchens den Schluß ableitet, daß nicht das ganze psychologische Verschulden dem Ferner imputirt werden könne, so dürften beide Ansichten im Wesentlichen am Ende weniger auseinander gehen, als es auf den ersten Anblick scheinen möchte. Es dürfte aber auch für denjenigen die Annahme geminderter Zurechnungsfähigkeit seitens der Geschwornen nicht als ungerechtfertigt erscheinen, für denjenigen, der den ganzen Entwicklungsgang Ferner's mit Aufmerksamkeit verfolgt, wie er uns in seinen Briefen, Gedichten, Geständnissen, und den Zeugnissen Dritter vorgeführt wird, der den unglücklichen Jüngling gesehen, an dem das Aeußere und jede Aeußerung nur zu lebhaft den poetischen Schwärmer verräth, welcher sich eine Welt nach eigenem Ideale gestaltet, Menschen und Dinge nicht beurtheilt, wie sie wirklich sind und jedem Anderen erscheinen, sondern wie sie nach seinen Illusionen und Träumereien sich darstellen oder sein sollten; mit einem Worte, für denjenigen, der in Ferner's Anschauungsweise und Gemüthsverfassung einzugehen vermag. Es drängten sich hier unwillkührlich die Fragen auf: ist wohl bei einem Schwärmer, der nicht in der realen sondern nur in seiner selbstgeschaffenen Traumwelt lebt, ein klares ungetrübtes Bewußtsein überhaupt vorauszusetzen? Ist es wohl gewagt, von einer Gemüthskrankheit zu sprechen, wenn ein Mensch, bei dem das Gemüth über den Verstand vorherrscht, dessen moralische Stärke in Folge früherer Verwirrungen bereits gebrochen, sich in den Gedanken, er könne nicht mehr ohne seine Geliebte sein, in der er nicht blos sein Ideal verehrt, sondern seine einzige Rettungsleuchte erblickt, so sehr hineingelebt hat, daß er sich ihr gegenüber selbst mit einem Kinde vergleicht, wenn es sich am Kleide der Mutter hält?; daß die Trennung von ihr ihm am Ende so viel heißt wie sterben? Oder, muß nicht die gleichsam zur fixen Idee gewordene Angst, bald dem körperlichen und geistigen Siechthum, dem Wahnsinne zu verfallen, selbst schon eine Sinnesverwirrung erzeugen?
Zur nähern Charakteristik des psychischen Zustandes Ferner's wollen wir hier noch einige Stellen aus seinen an seine Geliebte und seinen Freund G. geschriebenen Briefen und aus seinen Gedichten mittheilen, woraus wir durchgehends phantastische Liebe, Mißmuth und Todesgedanken hervorleuchten sehen.
In einem Briefe an seine Geliebte sagt er von sich selbst: »denke dir einen Menschen, auf dessen ganzer früherer Lebenszeit ein düsterer Schmerzensschleier liegt (wenn auch nur innerlich auf der Seele), einen Menschen, der seiner unglücklichen Gestalt wegen (Ferner hatte einen dicken Kopf und kurze Beine, weßhalb er von seinen Mitschülern einige Spitznamen erhielt, was ihn veranlaßte den Umgang mit ihnen zu vermeiden, und schon jenesmal den Grund zu seinem Hange nach Einsamkeit legen half.) schon als Kind von seinen Schulgenossen verspottet und auch späterhin verhöhnt wurde, der jedes heimliche Zischeln und Gelächter als einen Angriff auf seine Persönlichkeit betrachtete, und deßhalb jeden Umgang mit Menschen mied; einen Menschen mit einer glühenden und feurigen Natur, der sich von der Welt zurückgesetzt und verachtet glaubte und sie deßhalb mit aller Leidenschaftlichkeit haßte, der, früh an Geist gereift, keinen Freund hatte als sein Klavier und die Natur, der keine Gesellschaft hatte als sich selbst, und dem das Leben so nur seine Schattenseite zeigen konnte; einen Menschen, der nun begann in offenen Kampf mit der Welt sich zu sehen, der hart und bitter sich äußerte und jede Annäherung von sich stieß; dem die bürgerliche Geziertheit lächerlich, die vornehme Welt eckelhaft war; einen Menschen, der an Gott und allem Heiligen zweifelte; einen Menschen, der alles Gewöhnliche haßte, und mit einem so verdüstertem Blicke alle Verhältnisse des Lebens betrachtete; einen Menschen, der obendrein zwischen Pflicht und Neigung kämpfte und nach langem, harten Kampfe seine schönsten Hoffnungen fallen ließ: denke dir, sage ich, einen Menschen in einem solchen Seelenzustande, angefressen von einem innern verzehrenden Feuer lieblos, Alles verachtend, Alles hassend, bestärkt durch gleichdenkende Freunde, ja damals schon in einem solchen Zwiespalt mit sich selbst und der Welt, daß er auf dem besten Wege war sich von ihr zu trennen; kurz, einen Menschen, dessen von Natur offenes und heiteres Gemüth, durch sich selbst unsäglich unglücklich war, und sicher zu Grunde gegangen wäre, ohne irgend eine Blüthe; denke dir einen solchen Menschen, und füge noch hinzu einen guten, kräftigen Verstand, eine flammende hochaufstrebende Phantasie und eine unendliche, ungestillte Sehnsucht nach Liebe, die er doch total verworfen und geläugnet hatte; denke dir nun einen solchen Menschen, und jetzt urtheile, wie heftig er sich an ein Wesen anklammern mußte, das so sehr all seinen Gedanken und Wünschen entsprach, das so plötzlich in der Finsterniß erschien wie eine Offenbarung der Gottheit, wie ein Stern in dunkler Nacht, wie eine Rettungsleuchte; wie heftig sich diese glühende, lang verschlossene Natur an ein Wesen anklammern mußte, das ihr zum ersten Mal das Leben schön und wünschenswerth erscheinen ließ, an ein Wesen zu dem dies Gemüth zum ersten Male Liebe fühlte, und das diese meine erste und heiligste Empfindung nicht zurückstieß! O Friederike, wenn du so gedacht hättest, so hättest du gewiß gefunden, daß ein solches Gemüth mit all seiner Kraft und Gluth an dem geliebten Gegenstand halten müsse, daß es voll in seiner Liebe aufgehen müsse, daß es ganz und gar nur dem Wesen angehören müsse, das diese Empfindungen hervorgerufen, daß es niemals ein anderes Wesen lieben könne.«
In einem andern Briefe an seine Geliebte sagt er: »Wo seid ihr, süße Bilder froher Zukunft? Kommt, o! kommt ihr Erinnerungen, ihr schönen Augenblicke geträumter Seligkeit, kommt und laßt noch Einmal meine Seele aufleuchten, ehe Alles, Alles in schales Nichts zerstäubt. O kommt und gebt mir Thränen, Thränen, sonst reißt das Band entzwei, das mich an die Gottheit fesselt. O! laß mich weinen, gütiger Himmel, laß mich weinen, wenn nicht der schreckliche Drang die Riegel von dem Gesängnisse des Wahnsinns wegsprengen soll. O! Friederike, Engel meiner Tage, wo ist dein liebes Bild? Warum verschwimmst du vor meinen Augen im Nebel schöner Stern? Du Gott, der mich erschuf, der meine Seele in den eckeln Leib gebannt, blick her auf dein Geschöpf, das dir sein Dasein niemals dankt, das dir flucht, zerschmettere es mit der Wucht deines Zornes, zermalme mich! Nur meine Liebe, die ich bisher im Herzen trug, sie laß mir, Gott, bis der letzte Schlag aufgehört, bis mein Herz unter dem Rasen ruht. Niemand soll es erfahren, was es gelitten, die Erde wird den Schmerz verkühlen, und die Winde werden meinen Namen so weit tragen, daß er an keines Menschen Ohr mehr schlägt. Die Liebe laß mir, ich muß ja lieben, ich muß dich lieben. O! liebes Kind, was hast du gethan? Ich komme mir vor, wie ein Verbrecher. Wenige Tage habe ich noch zu leben, und heißt das leben? In einem Kerker, in einer Marterhöhle liege ich von den gräßlichsten Gedanken gefoltert. Viel Leid hab ich verschuldet, viel Leid trag ich auf matten Schultern, und vor dem weitsehenden Geist hebt sich ein Blutgerüst, und ich zittre nicht? Was ist mir ein Leben, das du nicht mit mir lebst?«
In einem Briefe an seinen Freund G. kommt vor: »Letzte Gedanken! ist's nicht ein fürchterliches Wort? Letzte Gedanken! Sollte ich's nicht mit Schaudern denken. Hier sitz ich, wohl wehmüthig, aber doch gleichgültig genug. Geöffnet ist das Fenster, und herein schallt das wirre Treiben des Tages; da draußen rennt das alltägliche Leben vorüber, das Leben aus dem ich zu scheiden gehe. Und hier innen bin ich, allein mit meinen letzten Gedanken! O Leben, schön bist du für den Kräftigen, eine Last für den Kranken! Kaum daß ich einen Schmerz fühle, dich zu verlassen, denn sie wird mir vorangehen .... Einen jungen Geistlichen sah ich vor einiger Zeit. Es dunkelte schon, und verschwundene Sonne küßte noch Himmel das Antlitz flammend, daß er glühte wie ein schämiges Mägdlein. Schön war's all überall. Und der Priester las in seinem Breviere, und er schaute nicht rechts und nicht links, nicht zum Himmel empor und nicht auf die Erde im Dämmerungsschleier, er schaute in sein Buch, auf die todten Buchstaben und las gemachte Gebete. O armseliges Herz, das nicht im Anschau'n der Schönheit Worte der Anbetung finden kann! O! elendes Gemüthe, das sein Auge verschließen muß, um Andacht zu erobern. Wie angenehm muß dem Ewigen nicht das einfache Wort einer gläubigen Seele klingen, wenn sie die hehren Naturwunder anstaunend ausruft: »wie groß bist du, Gott!« Ich bin nicht gläubig, aber ich fühlte tief den Zauber, und seufzend sprach ich: »wie schön bist du, Natur!« Ist das ein schlechteres Gebet, als das Gebet des Pfaffen? ....
Gedicht an seine Geliebte, betitelt »Wunsch und Erfüllung«:
O wüßt ich ein Plätzchen, ein Plätzchen so traut,
So heimlich und still, wo Niemand uns schaut,
Wo könnte ohne Zagen
Dein Herz an meinem schlagen.
O wüßt ich ein einsames Kämmerlein,
Das uns beide schlöße auf immer ein,
Wo ich dich könnte küssen,
Und Niemand thät es wissen.
O wüßt ich, wo ewige, dunkle Nacht
Die Liebenden deckt mit schirmender Macht,
Dort würd' ich mit dir gehen,
Und die Leute könnten's nicht sehen!
Wohl weiß ich ein Plätzchen voll stiller Ruh,
Dem wank' ich gebrochnen Herzens zu;
Wohl Viele dorthin wandern,
Und Keiner störet den Andern.
Wohl weiß ich ein einsames Kämmerlein,
Dort muß, dort muß ich bald gehen hinein,
Doch muß ich zurück dich lassen,
Das Stübchen kann Eins nur fassen.
Wohl weiß ich eine dunkle Nacht,
Dort scheinet nicht Sonne, nicht Sternenpracht;
Die Nacht wird sich über mich senken,
Und Niemand wird meiner mehr denken.
Bezirksgerichtsrat Rattinger: »Mord aus unglücklicher Liebe, begangen von dem Studenten Ferner an seiner Geliebten Friederike Sanguinetti« in »Blätter für gerichtliche Anthropologie«, VI. Heft; Nürnberg; November/Dezember 1859.