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Die Grabinschrift ist nicht erhalten
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* 25.9.1803
† 29.9.1842 (München)
Schauspieler
Notizen über Kunst.
Xaver Mayr.
(Geboren den 25. Sept. 1803, gestorben den 29. Sept. 1842)
Zweifelsohne wird und schon das mehr als zwanzigjährige eben so rege als erfolgreiche Wirken Xaver Mayr’s an unserer Bühne entschuldigen, wenn wir auf seine wichtigeren Lebensmomente ausführlicher zurückkommen, als es die uns gezogenen engen Gränzen vielleicht zu gestatten scheinen; aber wir glauben uns sogar schmeicheln zu dürfen, daß wir viele unserer Leser uns verpflichten, wenn wir sie in solcher Weise noch einmal an einen Künstler erinnern, der sich im Leben einer so allgemeinen Achtung zu erfreuen hatte, und dessen für seine Familie und Freunde, für seine Geistes- und Körperkraft, und für seinen Beruf leider nur allzufrüh erfolgter Tod mit dem vollsten Recht so allseitig beklagt worden ist.
Xaver Mayr war bekanntlich geborener Münchner und lebte im vollsten Sinne des Wortes nur in und für München; denn nicht nur bemühte er sich nie ernsthaft um ein auswärtiges Engagement, sondern er verließ auch dir Stadt kaum ein einziges Mal länger als bloß ganz kurz vorübergehend. Vom Vater, dem königl. Polireiinspektor X. Mayr, frühzeitig tüchtigen Lehrern übergeben, schien seine zukünftige Laufbahn eine wissenschaftliche seyn zu sollen. Aber schon sehr bald erwachte in ihm jener rege Sinn für die Kunst, der ihn nie wieder verlassen hat, der seines Lebens Glück bildete, von dem er sich in den Stunden auch der herbsten Prüfung getragen fühlte, und der ihn auch zu mancherlei Leistungen in seinem Beruf befähigte, die er vermöge seiner Individualität wohl nicht suchen, aber in Folge seiner eigenthümlichen Stellung auch nicht von sich weisen konnte. So schied er denn vom Gymnasium, nicht um sich den akademischen Studien zuzuwenden, sondern um Schauspieler zu werden. Wie ihn aber wirklich ein innerer Beruf, nicht etwa leichter Sinn oder eine bloß flüchtige Neigung dabei geleitet, dafür bürgt der Ernst, mit welchem er sich alsbald seiner künstlerischen Ausbildung widmete. An Vorbildern konnte es dem Jüngling in der Hauptstadt nicht fehlen. Lehrer im eigentlichen Sinne war ihm damals der königl. Hofschauspieler und Regisseur Karl Reinhard. Wohl mögen Privat- und Gesellschaftstheater in kleineren Städten nicht recht zu dulden seyn, ja sie stiften im Ganzen vielleicht selbst in den größten mehr Unheil als Heil; gleichwohl dürften in Bezug auf die Bühne unseres Frohsinns sich in Folge freundlicher Erinnerungen an die Leistungen derselben gewiß Hunderte zu einer Milderung solchen Unheiles geneigt fühlen. Auch daß sie von jeher angehenden Künstlern Gelegenheit gab, sich zu versuchen und ihre Befähigung zu dem gewählten, schwierigen Beruf zu bewähren, zählt zu ihren unbestrittenen Verdiensten. Xaver Mayr machte auf derselben schon am 21. Oktober 1819 seinen ersten theatralischen Versuch als Louis in dem Vogelschen Schauspiel »General Moreau,« und als Kaspar in dem Lustspiel »Die Uniform des Feldmarschalls Wellington« von Kotzebue. Noch bei einer Menge von Vorstellungen war er im Frohsinn durch die beiden folgenden Jahre thätig, ja es ist nicht unmöglich, daß sich das eine und andere Mitglied dieser geachteten Gesellschaft aus jener Zeit noch heute des ermunternden Beifalls erinnert, mit welchem der junge Mayr damals z. B. als Steffen im Dilg’schen Lustspiel »Der Korb,« als Jakob in dem Schauspiel »Die Versöhnung« von J. von Weissenthurn, als Wiese in dem Lustspiele von Steigentesch »Die Mißverständnisse,« und in anderen ähnlichen Rollen debütirte. Dieser lenkte denn auch die Aufmerksamkeit Karls auf ihn, von welchem er im Mai 1822 an der Bühne des damals noch bestehenden Isarthor-Theaters einen größeren Wirkungskreis geöffnet erhielt, jedoch nur für wenige Monate, denn schon während des Sommers 1822 spielte Mayr abwechselnd auf der Bühne des königlichen Hoftheaters an der Residenz, und unter dem 22. September wurde er als königl. Hofschauspieler bei dem Hof- und Nationaltheater wirklich engagirt.
(Forts folgt.)
Der Bayerische Landbote No. 284. München, den 11. Oktober 1842.
Notizen über Kunst.
Xaver Mayr.
(Fortsetzung.)
Die erste Rolle, in welcher Xaver Mayr auf der Bühne des Hof- und Nationaltheaters entschiedenen Beifall erntete, war jene des Fridolin im gleichnamigen Schauspiel von Holbein; doch gefiel er um jene Zeit auch besonders als Eduard in dem damals so beliebten Stück »Das Mädchen von Marienburg,« als Stern in dem Gubitz’schen Lustspiel »Die Talentprobe,« als Babylas im Castelli’schen Drama »Die Waise und der Mörder,« als Rose in dem Schauspiel »Reue und Ersatz« von Vogel, als Heide in dem Lustspiel »Die Neugierigen« von L. Schmidt, als Esquire Harris in dem Beck’schen Schauspiel »Rettung für Rettung,« als Ritter Hans von Treuenstein in dem Holbein’schen Ritterschauspiel »Das Turnier zu Kronstein,« als Hauptmann Peinbek in dem Lustspiel »Der todte Gast« von L. Robert, und wohl noch in mancher anderen Rolle. Gewiß ist, daß er sich schon in jener Zeit, die seine eigentliche Bildungs- und Entwicklungsperiode hätte seyn sollen, zu vielfach beschäftigt sah, um einzelnen Kunstzweigen seine ganze Kraft und seine vollen Studien widmen zu können. Indessen blieb das Fach jugendlicher Liebhaber und noch mehr jenes der Naturbursche dasjenige, in welchem er sich vorzugsweise gern verwenden ließ und in dem er einer beifälligen Aufnahme und Anerkennung seiner Leistungen vornherein am sichersten seyn konnte. Darüber verging aber Tag um Tag und Jahr um Jahr, ohne daß sich in seinen Verhältnissen und Beziehungen eine wesentliche Aenderung ergeben hätte. Zu einem endlichen Ausflug in die Ferne mußten ihn Freunde und theilnehmende Gönner fast nöthigen, so sehr war ihm die Erfüllung seiner Berufspflichten das Erste, dem er nachstrebte, so wenig lag ihm bei allem Ehrgefühl und bei der größten Freude über jede ihm zu Theil werdende Gunst des Publikums an der sogenannten auswärtigen Künstler-Renommée, und so gerne mißtraute er auch sich und seinem guten Glück in schwachen Stunden. Selbst der erste überaus glückliche Erfolg änderte in dem Allen nichts. Mayr wurde nämlich in Linz, wohin er jenen Ausflug im September 1830 gemacht hatte, so wohlwollend und auszeichnend aufgenommen, daß vielleicht mancher Andere an seiner Stelle mit der Miene und Haltung des Triumphators heimgekehrt wäre. Er trat an sechs Abenden auf der dortigen Bühne auf,*) und wurde an jedem mit dem rauschendsten Applaus für sein gutes Spiel belohnt, auch jedesmal, und mitunter wiederholt, einstimmig gerufen. Die freundlichste Erinnerung an jene Tage mag ihn wohl nie verlassen haben, aber zu einer größeren Kunstreise konnte sie ihn doch nicht veranlassen. Nach München zurückgekehrt, war er vielmehr wieder unablässig thätig unter dem alten Wechsel zwischen eben so wichtigen als schwierigen Rollen und zwischen solchen von nur geringer oder winziger Bedeutung. Nie krank, nie unaufgelegt, vielmehr stets zur Erfüllung der eignen Pflichten und auch zur Aushilfe für Andere bereit,**) ist’s kein Wunder, wenn wir ihn fast bei allen Darstellungen auf dem Gebiet des recitirenden Schauspiels und gelegentlich selbst in Opern u. dgl. m. beschäftigt sahen. »Aber er war eben so brauchbar, – äußerte sich einer seiner Collegen jüngst gegen den Referenten, – daß man jede seiner beiden Hälften wieder gerade so oft verwendet haben würde, hätte man ihn anders nur erst theilen können.« Ein großes Lob zugleich für den Verewigten, und zugleich der nöthige Fingerzeig für diejenigen, welche die Erscheinung erklärt wissen wollen, daß Xaver Mayr bei seinem schönen Talent, bei seinen guten Studien, bei seiner leichten Auffassungsgabe, endlich bei seinem unermüdlichen Fleiß, sich doch nicht aus seiner bescheidenen Stillung emporarbeiten, nicht zu jenem Kunsthöhepunkt gelangen konnte, zu dessen Erreichung es ihm doch an innerer und äußerer Kraft so durchaus nicht zu fehlen schien.
(Schluß folgt.)
*) Als Junker Hans in »Der Landjunker zum erstenmal in der Residenz,« als Hans Sachs in dem gleichnamigen Drama, als Anton in den »Jägern,« als Baron von Reutheim im »Alpenröslein,« als Major von der Horst in »Mesnchenhaß und Reue,« als Sigmund in dem Lustspiel »Die beiden Grenadiere,« und als Peter in der Posse »Der Wittwer.«
**) Ließ sich Mayr doch am 1. März 1839 bewegen, die Rolle Eduard’s von Herder in den Schleichhändlern für einen Collegen aus dem Buch auf der Bühne abzulesen!
Der Bayerische Landbote No. 285. München, den 12. Oktober 1842.
Notizen über Kunst.
Xaver Mayr.
(Schluß.)
Gleichwohl verging kaum ein einziges Jahr, in welchem Xaver Mayr nicht durch die glückliche Lösung einer neuen, größeren Aufgabe seine Tüchtigkeit frisch erprobt, sich als denkenden umsichtigen und bühnengewandten Künstler bewährt hätte. Es hieße jedoch die Aufmerksamkeit unserer Leser absichtlich ermüden, wollten wir alle einzelnen Rollen der Reihe nach aufzählen, die sich für diese Behauptung als Beweise anführen ließen. Zudem liegt der letzte Abschnitt der Thätigkeit Mayr’s der Erinnerung aller Theaterfreunde noch so nah, daß es kaum mehr als flüchtiger Andeutungen bedarf. Wir gedenken deshalb zum Schluß noch seines Aeiplers, seines Ballandard, seines trefflichen Gianuettino Doria, seines Astragalus, und zwar des letzteren als einer Rolle, in der er ursprünglich sehr würdig neben Raimund gestanden hatte, und die ihm seinen letzten Triumph bereiten sollte, indem er in derselben noch kurz nacheinander am 19. und 28. August mit lautem Beifall belohnt und gerufen wurde. Zwar trat er noch an zwei späteren Abenden auf, zum letzten Mal am 1. September als Horatio neben Rott in Shakespeare’s Hamlet, aber in dieser Rolle schon krank im vollsten Sinne des Wortes.
Was unsere Bühne an Xaver Mayr verloren, zweifelsohne wird sie selbst es am längsten empfinden; denn gerade Schauspieler seiner Gattung sind anerkannt am schwierigsten zu ersetzen. Aber wir haben am 1. Oktober nicht nur dem verdienten Künstler die letzte Ehre erwiesen, wir erzeigten sie auch dem Ehrenmanne, dem Menschen von seltener Tüchtigkeit; denn beides war Xaver Mayr im vollsten Sinne des Wortes.
Wie sehr der Verewigte zunächst bemüht gewesen seyn müsse, seine Stellung in jeder Beziehung auszufüllen, allen an ihn gemacht werdenden Ansprüchen zu genügen, sich um die Anstalt, welcher er seine Kräfte gewidmet, möglichst verdient zu machen, das erhellet wohl am sichersten aus der Würdigung seines Strebens unter vier aufeinander folgenden Intendanzen. Unwahr wäre, nicht zuzufügen, daß er mit wohl allen seinen Collegen das letztvergangene Halbjahr in Bezug auf die hier angedeuteten Verhältnisse als die schönste Periode in einer langen Zeit bezeichnete. Mit wie gutem Glück er ferner jene großen und kleinen Fehler zu vermeiden wußte, die sich so gern zwischen Schauspieler und Schauspieler stellen, um ihnen gelegentlich das Leben zu erschweren, oder sich selbst ihren Beruf zu verleiden, und vor Allem dem Gedeihen der Bühnenanstalten hinderlich zu werden, das ist allbekannt, nicht minder, daß ihm sein redliches Herz, sein frenudlicher Wille und ein gesunder Takt dabei bestens förderlich seyn mußten. Was er endlich als Freund dem Freund habe seyn wollen und was als Familienvater den Seinigen, dafür erinnern wir an das innige Band, welches ihn an Eßlair geknüpft hat bis an des großen Mimen Todesstunde, und an sein nie ernsthaft getrübtes eheliches und häusliches Glück durch volle dreizehn Jahre. Als es nicht nur für Viele zur Mode geworden war, um Eßlair sich nicht mehr besonders zu bekümmern, sondern für Manchen sogar zur traurigen Nothwendigkeit, gerade da stand Xaver Mayr dem Verlassenen so befreundet nah, wie der Jünger dem Meister, der angehende Mann dem betagten Greis nur je zu stehen vermag. Und auch den Seinigen war er nie wärmer zugethan, als wenn sie seiner eben am dringendsten bedurften.
Wir würden nur Allbekanntes wiederholen, wollten wir dem zufügen, wie sehr Vorgesetzte, Collegen, Freunde, und nicht minder das große Publikum unsern zu früh verstorbenen Xaver Mayr nach seinem Tod geehrt haben. Möge die Erde ihm leicht und sein Andenken unter uns noch lange ein freundliches seyn!
Der Bayerische Landbote No. 287. München, den 14. Oktober 1842.