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Die Grabinschrift ist nicht erhalten
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Eppensteiner, Johann; 7.3.1816 (Aufhausen) – 3.5.1845 (München), Tod durch öffentliche Hinrichtung; Gürtlers-Sohn, Schuhmachergeselle, Oberkanonier, Todesurteil wegen Doppelmordes an Theresia Lobmayer und Eugenie Neumayer
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* 7.3.1816 (Aufhausen)
† 3.5.1845 (München), Tod durch öffentliche Hinrichtung
Gürtlers-Sohn, Schuhmachergeselle, Oberkanonier, Todesurteil wegen Doppelmordes an Theresia Lobmayer [18 – 2 – 17* (Lobmayer)] und Eugenie Neumayer [6 – 12 – 56* (Neumayer)]
Bayern.
München. Am Dienstag hatte unter Zusammenströmen unzähliger Menschen die Beerdigung der so grausam ermordeten Hauptmannsgattin Eugenie v. Neumaier und deren Magd statt. Der unglückliche Gemahl befindet sich schon seit mehreren Tagen krank; allenthalben spricht sich die schmerzlichste Theilnahme für ihn aus.
Dieses Ereignis liefert einen merkwürdigen Betrag zur Geschichte der Todesahnungen. Der Gatte der Ermordeten, Hauptmann v. N., befand sich zur Stunde des Mordes auf einer der hiesigen Kriegsbibliotheken und forderte ein Buch; wie er es öffnet, schlägt er zwei blutbefleckte Blätter auf. Er macht den Bibliothekar darauf aufmerksam, der anfangs ehe er selbst es sah, nicht daran glauben wollte, da sich in der ganzen Büchersammlung kein blutbeflecktes Buch finde. Der Bombardier J. Eppensteiner ist etwa 28 Jahre alt, er hatte in seiner 6½jährigen Dienstzeit nur zwei Strafen (wegen Ausbleibens über die erlaubte Zeit), in der Grundliste ist er als ein Mensch »ruhigen Gemüths« bezeichnet. (A. Z.)
Der Bayerische Volksfreund No. 187. München; Freitag, den 22. November 1844.
Vermischte Nachrichten.
Straubing den 17. Nov. Am 15. d. Morgens kam hier ein Mensch mit Extrapost an, welchen man als einen gewissen Johann Eppensteiner, derzeit Artillerist in München, erkannte. Er hielt sich einige Stunden hier auf, besuchte mehrere Bekannte, suchte inzwischen auch Staats-Papiere umzusetzen und soll einer Schwester seiner in München wohnhaften Geliebten einen bedeutenden Werth an Obligationen zur Uebersendung an jene eingehändigt haben. Um 9 Uhr fuhr er mit einem Lohnkutscher von hier nach Passau ab. Um 5 Uhr Abends kam der ihn verfolgende Steckbrief an, und bald verbreitete sich in der Stadt die Kunde von dem gräßlichen Morde, der zu München von diesem Bösewicht verübt worden war. Die hiesigen Gendarmen eilten ihm auf der Straße nach Passau zu Wagen nach, und diesen folgte in der Nacht ein Polizeikommissär aus München. In Passau wurde der Verbrecher von den Dienern der Gerechtigkeit erreicht und in dem Gasthause, wo er abgestiegen, aus dem Bette geholt. Auf der Landstraße wurde bis dahin Jedermann angehalten und visitirt, und die Geschichte hat viele Reisende, in eine unangenehme Lage gebracht. Bei uns finden seit vorgestern Vernehmungen über Vernehmungen statt, denn Eppensteiner hatte hier mit vielen Leuten gesprochen. Selber ist eines Gürtlers Sohn aus Aufhausen, königlichen Landgerichts Stadtamhof und sein Vater hatte im Jahre 1812 sieben lebende Kinder. Johann Eppensteiner, der gegenwärtig durch sein Abscheu erregendes Verbrechen so viel von sich reden macht, lernte hier in Straubing das Schusterhandwerk und war damals ein hübscher junger Mensch. Auch jetzt noch kann man die Anlage zum Mörder nicht in seinen Gesichtszügen lesen. Uebrigens hatte er schon vor seinem Eintritte in den Militärdienst einen getrübten Leumund, und war in Untersuchung gewesen.
Passau. In Nr. 275 des Kouriers an der Donau ist enthalten, daß am 16. Nov. der Raubmörder Eppensteiner in einem Gasthause dahier durch den ihm nachgeeilten königl. Polizeikommissär Weber verhaftet wurde. Offiziellen Nachrichten zufolge ist diese Angabe durchaus unrichtig, indem derselbe nur allein durch die unausgesetzte Thätigkeit und umsichtige Verfolgung des berittenen Gendarms der Station Landshut, Nikolaus Hengeler, von Landshut nach Straubing und dann von da durch die eben so thätige Verfolgung der berittenen Gendarmen Joseph Menninger und Johann Boller der Station Straubing von da bis Passau dort eingeholt und am 17. früh 6 Uhr im Gasthause zum grünen Engel von diesen beiden berittenen Gendarmen verhaftet und in das Gendarmerielokal gebracht wurde, während der k. Polizeikommissär Weber erst nach Verlauf von zwei Stunden in Passau ankam, und sich mit dem ihm beigegebenen Brigadier von der Gendarmerie-Kompagnie der Haupt- und Residenzstadt München, als er ersehen hatte, daß Eppensteiner bereits arretirt und in das Gendarmerielokal gebracht worden sey, sich ebenfalls dahin begab, und von da mit den Gendarmen und ihrem Arrestanten zum k. Kreis- und Stadt-Gericht, wohin die Gendarmen den von ihnen arretirten Verbrecher lieferten; daher der erwähnte Polizeikommissär zur Verhaftung nichts beitragen konnte. Das Verdienst, einen so ruchlosen Verbrecher noch vor seinem Austritte aus dem Königreich aufgefunden, festgenommen und dem Arm der Gerechtigkeit überantwortet zu haben, gebührt demnach allein dem Diensteifer und der Beharrlichkeit der erwähnten Gendarmen.
Kourier an der Donau No. 279. Passau; Freitag, den 22. November 1844.
Hiesiges.
22 Nov. Nicht allein bei der Beerdigung der Frau Hauptmannsgattin Neumaier, sondern selbst auch bei dem am verflossenen Donnerstag früh 8 Uhr stattgehabten Gottesdienst in der Metropolitankirche für die ermordete Dienstmagd Theres Lobenstein zeigte sich die große Theilnahme an diesem Ereigniß von Seiten des Publikums. Das ganze Offizierkorps des k. Artillerieregiments Prinz Luitpold so wie sehr viele Offiziere der hiesigen Garnison und andere Personen aller Stände wohnten demselben bei.
Münchener Tagblatt No. 328. Dienstag, den 26. November 1844.
Inland.
München. Der Raubmörder Eppensteiner'sche Untersuchungsprozeß ist allgemeinem Vernehmen nach beendigt, und es harret der Bösewicht seines wahrscheinlich bald eintreffenden letzten Urtheils. Ueber sein Betragen vernimmt man die verschiedensten Angaben, von denen natürlich keine auch nur einigermaßen vertreten werden kann. Einige wollen aus guter Quelle wissen, Eppensteiner sei von Reue und Zerknirschung so angegriffen geistig wie körperlich, daß man noch immer für seine Gesundheit ernstlich besorgt sein müsse. Andere dagegen behaupten aus wo möglich noch besserer Quelle erfahren zu haben, der ruchlose Doppelmörder sei nur dem gewaltigen Eindruck erlegen, den nach seiner Gefangennehmung in Passau die Aufläufe von Schaulustigen in allen Orten und Städten, durch die er transportirt wurde, auf ihn wohl nothwendig hervorbringen mußten, namentlich hier auf der Fahrt durch die Straßen bis zum Leichenhaus und dort während der Recognition der Leichname. Später habe sich Eppensteiner nicht nur wieder völlig erholt, sondern es habe sein Benehmen auch weit eher von Verstocktheit und von tiefeingewurzelter Ruchlosigkeit, als von Reue und von Ergebung in sein nur allzuverdientes Loos gezeigt.
Nürnberger Abendblatt No. 262. Samstag, den 14. Dezember 1844.
Deutschland.
Bayern. (München, 30. April.) Heute Vormittags um 9 Uhr wurde dem Johann Eppensteiner, Oberkanonier im Regiment Luitpold, welcher des, am 14. Nov. vor. J. an der Artilleriehauptmannsgattin Eugenie Neumair und deren Magd Therese Lobmair dahier verübten gemeinen und qualifizirten Mordes überführt wurde, und auch eingestand, das, von Sr. Majestät bestätigte und unterzeichnete kriegsgerichtliche Erkenntniß und Todesurtheil in der ehemaligen Kreuzkaserne (jetzt Militär-Gefängniß) bei offenen Thüren verlesen. Der Verbrecher trat, begleitet von seinem Beichtvater und dem Gefängnißwärter, mit sicheren Schritten und festem Blicke in das von zahlreichen Neugierigen angefüllte Zimmer, wo er, nachdem er das anwesende Gerichtspersonal ehrerbietig gegrüßt hatte, auf dem für ihn bereit stehenden Stuhle Platz nahm. Nach Abnahme der Ketten fragte ihn der Regimentsauditor, ob er gehörig vorbereitet und gefaßt wäre, sein Erkenntniß, welches zwar sehr streng, jedoch gesetzlich sey, anzuhören, worauf er mit hörbar angegriffener Stimme bejahend antwortete. Sodann wurde ihm das Todesurtheil auf Hinrichtung mit dem Schwert und vorherige zweistündige Ausstellung auf dem Pranger (welche letztere jedoch Se. Majestät erließ) vorgelesen. Bei Anhörung desselben brach der Delinquent in heftige Thränen aus, und verhüllte das Gesicht mit dem Taschentuch bis zum Ende der peinlichen Handlung, welche mit der Ablesung der Entscheidungsgründe nahe an drei Viertelstunden dauerte. Am Schlusse wurde ihm noch vom Regimentsauditor bemerkt, daß die Hinrichtung in 24 Stunden zu vollziehen sey, daß er aber nach den Gesetzen sich noch eine Frist von drei mal 24 Stunden erbitten könne. Unter Thränen antwortete er, daß er Alles dem Hrn. Cooperator (seinem Beichtvater) überlasse, der sich für die letztere Frist aussprach. Gefaßt trat Eppensteiner hierauf an den Tisch, und unterzeichnete, obgleich mit zitternder Hand, doch schnell das Urtheil. Wir theilen hier noch schließlich das Wesentliche seiner eigenen Geständnisse mit, wie sie aus dem verlesenen Erkenntnisse hervorgingen. Eppensteiner, welcher bei dem Hauptmann Neumaier Fourierschütz war, verspielte Anfangs November v. J. seinen ganzen Monatsgehalt, und befand sich deßhalb, besonders da sich seine Geliebte in der Hoffnung befand und er für sie sorgen mußte, in der drückendsten Noth, was ihn verleitete, einen Rock und ein Paar Hosen seines Herrn zu versetzen. Am Tage vor dem Morde fragte ihn der Hauptmann nach den Kleidungsstücken; Eppensteiner antwortete, daß er dieselben dem Fleckenputzer gegeben hätte. Da aber die Kleider bis zum nächsten Tage von seinem Herrn verlangt wurden, und er das zum Auslösen benöthigte Geld nicht auftreiben konnte, so wußte er sich keinen Rath. Am andern Tag kam er wie gewöhnlich Morgens, um seine Arbeit zu verrichten, und verließ auch nach Beendigung derselben die Wohnung, kehrte jedoch an der Ecke der Straße wieder zurück, um sein Taschentuch, welches er vergessen hatte, zu holen. Da der Hauptmann an diesem Vormittag beschäftigt und die Magd auf dem Markte war, so befand sich die Frau allein in der Wohnung. Eppensteiner ging nun mit dem Gedanken, sich das Geld von derselben leihen zu lassen, zu ihr ins Schlafzimmer, und gestand ihr sein Vergehen. Seine Bitte wurde ihm jedoch, mit Vorwürfen begleitet, abgeschlagen; worin aber diese Vorwürfe bestanden, will er sich nicht mehr zu erinnern wissen. Er faßte hierauf die Frau an der Gurgel, warf sie auf das Bett, drosselte sie, ergriff endlich das auf einem nahe stehenden Tische liegende Rasirmesser deS Hauptmanns, und schnitt ihr damit den Hals ab. Alsdann erbrach er die im Zimmer befindliche Kommode, aus welcher ihm sein Herr schon mehrere Male Geld gegeben hatte, nahm die darin befindlichen Obligationen, Zinscoupons, Schuldverschreibungen, baares Geld und Pretiosen heraus, und wollte sich entfernen. Mittlerweile kam die Magd vom Markte zurück, und begegnete ihm auf dem Vorplatz, wo sie noch scherzhafter Weise sagte: »Ist der Lumpazi auch noch da.« Die Furcht vor Verrath bewog ihn nun, da zu bleiben; und als die Magd sich umgekleidet hatte, und eben zu ihrer Frau in das Zimmer treten wollte, ergriff Eppensteiner das Handbeil, versetzte ihr einen Schlag auf den Kopf, der sie besinnungslos zu Boden streckte, und schnitt ihr sodann mit demselben Rasirmesser auch den Hals ab. Merkwürdig ist es, daß sich der Verbrecher noch nach der schrecklichen That zu einem andern Offizier begab, bei welchem er ebenfalls Fourierschützdienste zu versehen hatte, dort seine Arbeit verrichtete, sich sodann aus dem Pfandhause Zivilkleider verschaffte, von da zu seiner Geliebten ging, und derselben einiges Geld einhändigte, welches er vorgab, von Augsburg erhalten zu haben, dann in einem Wirthshause etwas aß, und erst von dort wieder nach dem Stalle des Hauptmanns ging, um sich umzukleiden. Erst gegen 1 Uhr Mittags, kurz vorher, ehe das Verbrechen durch die Nachhausekunft des Hauptmanns bekannt wurde, machte sich der Mörder auf den Weg nach Passau, wo er am zweiten Morgen im Bett arretirt wurde. Nächsten Sonnabend in den Morgenstunden wird die Hinrichtung auf dem Marsfelde stattfinden.
Kourier an der Donau No. 112. Passau; Montag, den 5. Mai 1845.
Deutschland.
Bayern. (München, 3. Mai.) Der Delinquent Eppensteiner wurde um halb 9 Uhr von einer kleinen Abtheilung Infanterie und Kuirassiere aus dem Militärgefängniß abgeholt und auf den Karlsplatz geführt, woselbst die sämmtliche Mannschaft der Regimenter der hiesigen Garnison in einem Dreieck aufgestellt war, in dessen Mitte demselben in Beiseyn einer Militär-Kommission noch einmal eine kurze Darstellung seines Verbrechens, so wie sein Urtheil vorgelesen und der Stab über ihn gebrochen wurde. Das dreimalige Abschlagen eines Tambours endigte diese Förmlichkeit, nach welcher der Delinquent in Begleitung zweier Geistlichen und umgeben von oben erwähnter Infanterie-und Kuirassier-Abtheilung seinen letzen Gang antrat. Die gesammte ausgerückte Infanterie war voraus marschirt und umstellte das auf der Anhöhe des Marsfeldes aufgestellte Schaffot. Eppensteiner hat bei obiger Urheils-Verkündung, so wie auf dem ganzen Gang zum Schaffot eine männliche Gefaßtheit gezeigt, sichtbar von innerster Reue zerknirscht, ging er doch sichern Schrittes dem Tode entgegen; denn vielen seiner Bekannten unter dem Militär nickte er mit dem Kopfe noch ein Lebewohl zu, ja, am Schaffote angekommen, entblätterte er den Blumenstrauß, den er trug, und vertheilte die einzelnen Blümchen unter seine umstehenden, ehemaligen Kameraden, so wie er dann auch seinem Scharfrichter die Hand drückte. Nachdem er dann noch einiges mit dem Geistlichen gesprochen hatte, wurde er seines Uniformrockes entkleidet und ihm ein schwarzer Mantel angethan, in welchem er, die Augen verbunden, auf das Schaffot geführt wurde. Die nun folgende Enthauptung wurde sehr schnell und sicher durch den Scharfrichter Leimer aus Augsburg vollzogen. Nachdem so dem Gesetze sein Recht geschehen war, bestieg Hr. Cooperator Dreher das Schaffot und hielt eine ergreifende Anrede an das sehr zahlreich versammelte Volk. Er hob in derselben besonders hervor, daß hauptsächlich versäumter Besuch der Kirche, sowie Unterlassung des Empfangs der heil. Sakramente, Spiel- und Genußsucht den Grund zu allem Bösen bei Eppensteiner gelegt hatten, daß aber der Gefallene von der ersten Stunde nach vollbrachtem Verbrechen an, bis zu seinen letzten Augenblicken die tiefste Reue gezeigt habe. Trotz des ungeheuern Menschenzusammenlaufs hat es nicht die geringste Störung gegeben. (A. Abdz.)
Nürnberger Zeitung Nro. 126. Dienstag, 6. Mai 1845.
Deutsche Bundesstaaten.
Bayern. München, 3. Mai. (Privat Correspondenz.) In großer Masse strömten die Leute aus der Umgegend seit dem frühesten Morgen in die Stadt herein, um der heute stattgefundenen Hinrichtung des Doppel-Raubmörders Eppensteiner beizuwohnen. Bereits nach 7 Uhr Morgens waren die fünf Regimenter der hiesigen Garnison ausgerückt, und hatten sich auf dem Karlsplatz in einem Viereck aufgestellt, in dessen Mitte der Delinquent aus der Armee mit den üblichen Formen ausgestoßen wurde, worauf derselbe dann zum Richtplatze geführt wurde. Es befindet sich derselbe auf dem Marsfelde, wo gestern ein Schaffot aufgebaut wurde. Der Zudrang des Volkes, in den drei letzten Tagen, um den Delinquenten im Militärgefängniß zu sehen, war sehr groß, so daß zur Aufrechthaltung der Ordnung Infanterie- und Kavalleriewachen aufgestellt werden mußten. In eine, im Zimmer, in welchem Eppensteiner mit seinen Geistlichen saß, aufgestellte Büchse, fielen reiche Gaben für das drei Monate alte Kind des Verbrechers. Die Hinrichtung selbst ist ohne die geringste Störung vorübergegangen, obwohl der Zusammenlauf von Menschen ungeheuer groß war. Nachdem dem Delinquenten auf dem Karlsplatze in Mitte der gesammten Garnison das Urtheil noch einmal vorgelesen und der Stab über ihn gebrochen war, wurde er in Begleitung zweier Geistlichen dem Richtplatze zugeführt, wohin ihm die gesammte Infanterie folgte, die sich um das Schaffot herum aufstellte. Eppensteiner ging seinen letzten Gang mit einer bewunderungswürdigen Gefaßtheit, er schien sich mit Gott ausgesöhnt und seinem Schicksal ganz ergeben zu haben, denn nur dies konnte ihm in seiner letzten Stunde so viel Muth verleihen. Kaum war er auf dem Richtstuhle niedergesetzt, fiel auch schon der Kopf vom Rumpfe, worauf Einer der zwei Geistlichen, Cooperator Dreher, eine ergreifende Anrede an die versammelte Menge hielt, die mit einem stillen Gebete schloß.
Neue Würzburger Zeitung Nro. 125. Dienstag, den 6. Mai 1845.
Geschichtliche Darstellung
des 2fachen Mordes, wegen dessen Joh. Eppensteiner, Oberkanonier im Art.-Regim. Prinz Luitpold, von Aufhausen, zur Todesstrafe verurtheilt worden.
Joh. Eppensteiner, zu Aufhausen, Ldgs. Stadtamhof in Oberpfalz und Regensburg, am 7. Marz 1816 geboren, erhielt, obgleich seine Eltern, Gürtlerseheleute mit noch 7 Kindern sehr dürftig lebten, gehörigen Schul- und Religionsunterricht. Er erlernte die Schuhmacherprofession mit dem Zeugniße der Zufriedenheit seiner Meister, wurde am 26. März 1838 bei dem Art.-Reg. Prinz Luitpold als Conscribirter auf 6 Jahre eingereiht, und vollendete am 26. März 1844 seine Dienstzeit mit sehr gutem Abschiede. Am 28. April 1844 ging er als Einsteher auf 5 Jahre 11 Monate und 22 Tage bei erwähntem Regimente zu, und mit diesem Zeitpunkte wurde die Hinneigung zu größerm Aufwand, zum Spiele und zu besserer Lebsucht bemerkbar; auch unterhielt er ein Liebesverhältniß. Seine angeschafften Civilkleidungsstücke waren größtentheils versetzt, im Sept. v. J. war sein ganzer Lohn verspielt und er hatte nichts mehr zum Leben. Zu dieser Zeit machte er, schon einige Monate als Fourierschütze bei dem im königl. Kriegsministerium kommandirten Hauptmann Nep. Neumayer, des k. Art.-Reg. Zoller Dienste und versetzte einige Kleidungsstücke desselben, deren Abgang am 13. Nov. v. Js. seine Zuredestellung and am darauffolgenden Morgen (14. Nov. 1844) den bestimmten Auftrag zur Folge hatte, daß solche bis Mittag eingeliefert seyn müssen.
Der Gedanke ihrer Auslösung beschäftigte ihn nun ernstlich, und da sich ihm hiezu keine sichern Mittel darboten, trat er nach näherer Ueberlegung, ob er die allein zu Hause sich befinende Frau Eugenie Neumayer, (denn ihr Gatte war nach 8 Uhr bereits in seinen Dienst und die Dienstmgd Ther. Lobmayer schon vor demselben auf den Markt gegangen) um ein Darlehen bitten solle, in deren Schlafzimmer. Er erhielt angeblich abschlägige Antwort; hierauf ergriff er sie, warf sie über das Bett und drosselte sie, sie jammerte und wehrte sich, allin ihr Wehren half nichts, denn seine Körperkraft war bei Weitem überlegen. Als er in diesem Augenblicke mehrmals an der Flötzthüre der Wohnung schellen hörte, so führte ihn dieses Schellen zu dem Entschluße, die Frau umzubringen, und er ergriff hiezu ein Messer, womit er ihr den Hals abschnitt. Unmittelbar darauf erbrach er mit einem Instrument die im Zimmer stehende Commode, welche seinem Dafürhalten noch das Werthvollste enthielt, weil ihm schon öfters Kleinigkeiten aus derselben bezahlt worden, nahm an Gold, Silber, Staats-Obligationen, Zinskoupons, Schuldverschreibungen s. a., nebst einer Damenuhr im Betrage von mehr als 3000 fl. weg und steckte all dasselbe zu sich.
In diesem Momente beiläufig um ½10 Uhr kehrte die Dienstmagd Ther. Lobmayer vom Markte zurück, stellte ihren Marktkorb ab, wechselte ihre Kleidung und wollte sich durch das Arbeitszimmer des Dienstherren in das Schlafzimmer der Frau begeben. Aus Besorgnis, entdeckt zu werden, beschloß er deshalb, sie gleichfalls zu tödten, führte mit einem Handbeile einen Schlag auf deren Stirne, der sie zu Boden streckte und schnitt ihr mit einem Messer ebenfalls den Hals ab. Nachdem er sich hierauf aus der Wohnung entfernt hatte, besorgte er seinen Dienst bei einem andern Offizier, löste im Versatzhause versetzte Kleidungsstücke aus, verrichtete noch weitere Privatgeschäfte und bestieg um 1 Uhr am Hofgarten einen Fiarkerwagen, mit welchem und anderen geworbenen Fahrgelegenheiten er über Freising, Landshut, Straubing, wo er sich einige, Kleidungsstücke anschaffte, nach Passau eilte. In einem Gasthause daselbst übernachtend, wurde er im Besitze fast aller geraubten Gegenstände am frühen Morgen (16. Nov. v. Js.) von der ihn schnell verfolgenden Gendarmerie aufgegriffen, da sich schon allsogleich nach der That gegen ihn der ausschließliche und dringendste Verdacht richtete. Aus der eingeleiteten strafrechtlichen und rechtsförmlich durchgeführten Untersuchung ergab sich, daß sowohl die Hauptmannsgattin Eugenia Neumayer als deren Dienstmagd Ther. Lobmayer eines gewaltsamen Todes an den ihnen zugefügten absolut tödtlichen Halsverletzungen gestorben sind, und daß sein mit dem Thatbestande, den ärztlichen Gutachten und allen aktenmäßigen thatsächlichen Umständen übereinstimmendes wiederholtes Bekenntniß alle Erfordernisse vollständiger Beweiskraft an sich trägt. Es wurde daher derselbe sowohl nach dem Kriegsgerichtsurtheile des Artill.-Regim. Prinz Luitpold vom 20. Jan. l. J. als nach dem oberstrichterlichen Erkenntnisse des k. b. Generalauditoriats vom 14. März l. J. nach Artik. 146 und 147 Ziff. 4. des allgemeinen Strafgesetzbuches für das Königreich Bayern Thl., 1. des gemeinen Verbrechens des qualificirten Mordes, verübt an der Hauptmannsgattin Eugenia Neumayer und desselben Verbrechens, verübt an der Dienstmagd Theres Lobmayer für schuldig gehalten und zur Strafe des Todes durch Enthauptung nach vorgängiger halbstündiger Ausstellung am Pranger und vorgängiger Abführung in den Militärlisten verurtheilt.
Da Se. K. Maj. zufolge allerh. Rescripts vom 22. April l. J. keine Beweggründe zur Begnadigung, jedoch sich bewogen gefunden, dem Verurtheilten jedwede Strafverschärfung aus allerh. Gnade zu erlassen: so wurde demzufolge dieses Todesurtheil ihm zur wohlverdienten Strafe und Anderen zum warnenden Beispiele heute vollzogen.
München, 3. Mai 1845.
Das k. Artillerie-Regiment Prinz Luitpold.
Der Bayerische Volksfreund No. 72. München; Dienstag, den 6. Mai 1845.
Deutsche Bundesstaaten.
Bayern. (München, 4. Mai.) Gestern Vormittag 9 Uhr wurde das Todesurtheil an dem Doppelmörder und Räuber Johann Eppensteiner vollzogen. Um 8 Uhr Morgens hatten sich sämmtliche hier garnisonirende Regimenter auf dem Karlsplatz aufgestellt und bildeten ein großes Quarrée. Kurz nach halb 9 Uhr wurde der Inquisit von einer Abtheilung Cürassiere und Linienmilitär von dem Militärgefängnisse aus zu Fuß, da Eppensteiner den Wagen zu benützen abgelehnt hatte, dahin gebracht, woselbst ihm noch einmal das Urtheil vorgelesen und der Stab über ihn gebrochen wurde. Durch diesen Akt war er tief erschüttert und weinte laut. Hierauf begab sich ein Bataillon des Infanterie-Leibregiments und eine Abtheilung Cürassiere mit dem Verurtheilten nach dem Richtplatz und auch bis dahin ging Eppensteiner mit vieler Fassung zu Fuße. Auf dem Wege blieb er öfter stehen und blickte gegen den Himmel; in der Nähe der Salzstädl rief er mit ziemlich fester Stimme: »Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geist.« Die Hinrichtung wurde von dem k. Scharfrichter von Augsburg, Hrn. Leimer, rasch vollzogen. Einen nicht zu beschreibenden Eindruck auf die Tausend und Tausende, welche das Schaffott umstanden, machte die wirklich kräftige und herrliche Rede des Hrn. Dompredigers Dreher, welcher den Inquisiten zum Tode vorbereitet hatte. Aus dem Munde dieses würdigen Priesters vernahm die versammelte Menge, daß Eppensteiner reumüthig und vollkommen ergeben in sein Schicksal seine Strafe erlitten hatte. Es ist wirklich zu wundern, daß bei einer so außerordentlichen Menschenmasse, bei dem furchtbaren Gedränge und Gewirr kein Unglücksfall sich ereignet hatte. Am Richtplatze wurden 3 Personen ohnmächtig.
Passavia Nr. 126. Zeitung für Niederbayern. Passau; Mittwoch, den 7. Mai 1845.
Deutschland.
München, 6. Mai. Ein sehr anständig gekleideter Mann wurde gestern ertrunken aus der Isar gezogen. Also ein Selbstmord zwei Tage nach einer Hinrichtung. Daß Hinrichtungen keinen allzugroßen Eindruck auf die Zuschauer machen, dessen konnte man sich vergangenen Samstag hinlänglich überzeugen. Die Leute liefen herbei, als gings zu einem Volksfeste, und nach der Execution gingen sie wieder heim, als sey gar nichts geschehen. Wenn vor mehreren Tagen im englischen Oberhause mehrere Redner darüber klagten, daß sich das neugierige Publikum zu sehr heran dränge, um die Verbrecher in den letzten Tagen vor ihrer Hinrichtung zu sehen, so können wir von hier uns dieselben Klagen vorbringen. Welcher Zulauf war dieß doch vorige Woche zum Militärgefängniß, um den Eppsteiner noch einmal zu sehen, und zwar waren es größtentheils Frauen und Mädchen – und gerade nicht immer aus den untern Ständen – die sich zu einem solchen Anblick drängten. Nur mit großer Mühe konnten die aufgestellten Infanterie- und Cavallerie-Wachen die Ordnung aufrecht erhalten. Aber auch bei der Hinrichtung gehörte ein Dritttheil der Zuschauer dem schwächeren (?) Geschlechte an. Eine Frau rühmte sich allenthalben, daß sie sich so herbei zu drängen gewußt, daß sie in einem Tag den Verbrecher dreimal zu sehen bekommen habe. Mit den schwachen Nerven unseres schwachen Geschlechts scheint es also so arg nicht bestellt zu seyn. (Fr. Merk.)
Bayreuther Zeitung No. 110. Freitag, den 9. Mai 1845.
München. Die Rede, welche Herr Domcooperator Dreer nach der Hinrichtung des Doppelmörders gehalten, hat bereits 3 Auflagen, jede von 5000 Exemplaren, erlebt, und eine 4te eben so stark ist zum Theil vergriffen. Sie ist aber auch in einem so schönen Geist des Christenthums, und athmet eine solche hohe überzeugende Kraft des Glaubens, daß das Gemüth in seiner ganzen Tiefe ergriffen wird, und dessen heilige Macht in lebendiger Größe uns zeigt.
Münchener Morgenblatt Nro. 38. Samstag, den 10. Mai 1845.
Tages-Ereignisse.
Vaterländisches. Augsburg. Um die Hinrichtung des Raubmörders Eppensteiner zu sehen, bereiten sich schon Hunderte zur Reise nach München vor. Wie schwer, oder gar nicht die Leute durch Executionen zu bessern sind, geht wohl aus einem Einbruch hier hervor, wo der Dieb von dem gestohlenen Gelde eine Reise mit seinem Mädchen nach München machen wollte, um der Hinrichtung Eppensteiners beizuwohnen.
Am 3. Mai, Nachmittags, ward den Münchner Einwohnern das grauenvolle Schauspiel dieser öffentlichen Hinrichtung, ein Vorgang, der seit November 1836 dort nicht mehr stattfand. Der Missethäter, Kanonier Eppensteiner, der den weiten Weg vom Militärgefängniß bis zum Schaffot zu Fuß zurücklegte, bewährte bis zum letzten Augenblick große Fassung, und der aus Augsburg entbotene Scharfrichter führte den Todesstreich mit vielem Geschick. Der Zudrang des Volkes war, wie zu erwarten, ungeheuer.
Wochenblatt für die Amtsbezirke Zweibrücken, Homburg und Cusel No. 56. Sonntag, den 11. Mai 1845.
Deutschland.
München, 13. Mai. Mit einer Art von Heißhunger wird hier nach der Rede verlangt, welche der Herr Domkooperator Dreer bei Gelegenheit der Hinrichtung des Doppelmörders Eppensteiner gehalten hat. Sie ist aber auch aller Aufmerksamkeit würdig und verdient von Jedermann beherziget zu werden. Zuerst spricht der Redner von der schweren That des Verbrechers und dann von seiner Reue: »Es war die schreckliche That kaum vollbracht,« heißt es, »da hat das Gewissen mit mächtigem Hammerschlag an sein Herz geschlagen und mit gewaltigem Schrei durchdrang es seine Ohren: was hast du gethan? Und er hörte diese Stimme und er erzitterte an allen Gebeinen; und obgleich sich fürchtend, hat er sich dennoch nicht geflüchtet; mehr rückwärts als vorwärts, mehr krumm als gerade, wie die Wege des Sünders sind, irrte er fort, bis er endlich die Gränze erreichte. Doch hier trat Gott zum zweiten Male mit aufgehobenem Finger ihm entgegen, und mit donnernder Stimme rief er ihm zu: Bis hieher und nicht weiter. Und das bereits erschütterte Herz verstand diesen Ruf, und nun erwartete er, mehr es wünschend, als sich davor fürchtend, daß ihn die Hand der Gerechtigkeit ergreifen möchte. Da war es auch, wo er zum ersten Male wieder betete; und sein erstes Gebet unter vielen Thränen war für die Gemordeten. Und kaum in seiner Haft angelangt, verlangte er sogleich einen Priester u. s. w.« Eppensteiner blieb auch beharrlich in seiner Zerknirschung bis zum letzten Augenblick; und höchst erbauend und rührend war sein Gang zur Richtstätte. Nachdem der Redner noch auf eine warnende Weise darauf hingewiesen, daß viele Tausende den Anfang der Wege Eppensteiners längst betreten, indem sie das Gebet fliehen, die Kirchen scheuen, den Empfang der h. Sakramente Jahre lang versäumen, mit einem Worte die Uebungen der Religion vernachläßigen; bittet er zum Schlusse im Namen des Gerichteten des gegebenen Aergernisses wegen Alle, die Lebenden und die Todten, um Verzeihung. Die ganz vortreffliche Rede endet mit einem kurzen innigen Gebete für die Seele des Hingerichteten. Noch wellen wir des Traumes gedenken, welchen Eppensteiner acht Tage vor seiner Hinrichtung hatte, und den Hr. Dreer also erzählet: »Es träumte ihm, er befinde sich in einer Kapelle, in deren Mitte sich ein Sarg befand. Zur Rechten dieses Sarges stand ein Mann im weißen Gewande, zur Linken ein Mann im schwarzen Gewande. Der Mann im weißen Gewande erregte in ihm Vertrauen, so daß er sich ihm zu nähern beschloß mit der Frage, was dieses alles zu bedeuten habe? Doch der schwarze Mann hinderte ihn; er ergreift ihn und zieht ihn mit sich in die Sakristei der Kapelle. Hier erblickt er zwei Leichen, denen die Hälse abgeschnitten waren. Vor Schrecken wollte er die Flucht zurück zum Manne im weißen Gewände nehmen. Aber der schwarze Mann tritt ihm entgegen. Und nun ergreift er durch die Thüre der Sakristei die Flucht und läuft, verfolgt vom schwarzen Manne, weit im Felde umher, immer suchend, seinem Verfolger entrinnen zu können. Er hatte während dieser Verfolgung, wie er sagte, viele Angst und viele Furcht, und er betete viel. Endlich gelingt es ihm einen weiteren Vorsprung zu gewinnen, und er eilt und eilt nun mit den letzten Kräften zuruck zur Kapelle. Hier steht der Mann im weißen Gewande unter dem Portale, und erwartend, wirft er sich nieder zu seinen Füßen. Doch liebvoll hebt der Mann im weißen Gewande ihn auf. Der Mann im schwarzen Gewande war verschwunden. Jetzt führt der Mann im weißen Gewande ihn zurück in die Kapelle und hin zum Sarge, und mit dem Finger in den Sarg ihm deutend wacht Eppensteiner auf.« Es ist dieses, fügt Hr. Domkooperator Dreer noch hinzu, ein Traum und jeder halte davon was er wolle. Wir aber halten diesen Traum für schön, der nicht ohne Sinn und Deutung ist.
Aschaffenburger Zeitung 118. Samstag, den 17. Mai 1845.
Rede
gehalten nach der Hinrichtung
des
Doppelmörders
Johann Eppensteiner
am 3. Mai 1845.
Jos. Georg Dreer,
Domcooperator.
Auf Verlangen dem Drucke übergeben.
München, 1845.
»Wer da meint, er stehe, der sehe zu, daß er nicht falle.« I. Cor. 10, 12.
Wir sind auf das tiefste erschüttert, und wahrhaftig! ich finde nicht Worte, um die Gefühle auszusprechen, die in diesem Augenblicke sich in meinem und in eueren Herzen regen. Das Opfer der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit, wie sie auch auf Erden sichtbar zu handhaben Gott der Herr in die Hände der gesetzmäßigen Obrigkeit gelegt hat, liegt vor unsern Augen, und erfüllet sind die Worte, die geschrieben stehen im göttlichen Buche: »Aug um Aug, Zahn um Zahn, Hand um Hand« 5 Mos. 19, 20; denn wer einen Menschen schlägt und tödtet, soll des Todes sterben. 3. Mos. 24, 17. Matth. 5, 38. Apoc. 13, 10.
Eppensteiner ist gerichtet; für das unschuldige Blut, das er im schrecklichen Doppelmorde vergossen – hat er sein schuldiges eingesetzet; was auf Erden von ihm gefordert, ist geleistet, und in Anerkennung der Gerechtigkeit seiner Strafe von ihm mit Gehorsam geleistet worden.
Ist damit aber auch alles abgethan? Wohl möchten wir uns dann beruhigen, wenn wir dadurch die Schuld vollkommen gesühnet und gebüßet wüßten; so aber ergreift an dieser blutigen Stätte mich ein banges Gefühl, das auch Euch, meine Lieben, zur ganzen Theilnahme auffordern muß.
Es ist der Hinblick auf die Seele des vor uns im Blute Liegenden; es ist der Aufblick in die Ewigkeit, es ist die bange Frage an den ewigen Richter, wie dieser mit seiner Seele verfahren werde? »Denn Seele um Seele« 5. Mos. 19, 21 steht geschrieben in demselben göttlichen Buche; »und auf den Tod folgt das Gericht, Hebr. 9, 27. sagt der Apostel.
Und wie wird seine Seele dort bestehen? Wirst auch Du, ewiger Richter! sie des Lebens verlustig erklären? Nein! Du bist wohl gerecht, aber auch unendlich barmherzig, und ein zerknirschtes, reumüthiges Herz verwirfst Du nicht, o Vater! Und reumüthig und zerknirscht war das Herz des Mörders, und ob er auch viel gesündiget: er hat darüber auch viel gelitten, und darum hoffen wir, daß ihm auch viel vergeben werden wird.
Ja! ich bin es schuldig hier der Wahrheit Zeugniß zu geben, um so mehr, als ich nicht seit heut und gestern, sondern seit der ersteren Zeit seiner Gefangenschaft bis zur Stunde oft und vielmals an seiner Seite stund. Ja! Eppensteiner hat schwer, unendlich schwer gesündiget. Gefallen bis zur tiefsten Tiefe moralischer Verdorbenheit hat er durch seine verabscheuungswürdige That ein Aergerniß gegeben, das eben so entsetzlich, als der vollsten Strafe würdig war. Er hat aber auch die Grösse seines Verbrechens begriffen, und vor sich selber zurücktretend in Scham und bitterer Reue, hat er wohl hundertmal zerknirscht und zerschlagen die Hände nach dem Himmel gerungen und unter Strömen von Thränen gerufen: »Großer Gott! Wie konnte, ach wie konnte ich so tief, so fürchterlich tief fallen!!«
Und wahrhaftig! diese Thränen, die er weinte, und diese Reue, die er bezeigte: sie waren weder Furcht noch Feigheit, weder Lug, noch Betrug; denn es gibt eine Stunde im Leben, meine Theueren, wo jede Maske fällt und die Wahrheit sich offenbaret, ob wir sie wollen oder nicht, und das ist die Todesstunde. Aber gerade in dieser Stunde hat sich Eppensteiner, wie ihr es alle gesehen, eben so reumüthig als standhaft und eben so zerknirscht als Gott ergeben bewiesen.¹)
Und fragen wir nun jetzt, was hat den Tiefgefallenen wieder aufgerichtet, was hat ihm diese Gnade gegeben? die Gnade der Bekehrung, wie die der Beharrlichkeit? Haben ihn vielleicht Kerker und Bande – oder die Furcht vor Schmach und Tod dazu getrieben? Nein! solche Thränen, die nicht die Furcht, sondern die Scham und das bessere Gefühl weinet; solche Reue, die nicht für die Zeit, sondern hinüber in die Ewigkeit reichet, solche Ruhe und Zuversicht, die weder frech noch gleichgültig sich zeigt, und verbleibt bis zum Ende; das ist nicht das Werk von Kerker und Banden; nicht des Menschen Werk; das ist das Werk der Religion, ihr Triumph – das ist die Gnade Gottes.
Und dieser Gnade ist Eppensteiner theilhaftig geworden. Denn es war die schreckliche That kaum vollbracht, da hat das Gewissen, diese erste Stimme Gottes, mit mächtigem Hammerschlag an sein Herz geschlagen und mit gewaltigem Schrei durchdrang es seine Ohren: »Was hast du gethan?« Und er hörte diese Stimme und er erzitterte an allen Gebeinen; und obgleich sich flüchtend, hat er sich dennoch nicht geflüchtet; mehr rückwärts als vorwärts, mehr krumm als gerade, wie die Wege des Sünders sind, irrte er fort, bis er endlich die Grenze erreichte. Doch hier trat Gott zum Zweitenmale mit aufgehobenem Finger ihm entgegen und mit donnernder Stimme rief er ihm zu: »Bis hieher und nicht weiter.« Und das bereits erschütterte Herz verstand diesen Ruf, und nun erwartete er (mehr es wünschend als sich davor fürchtend), daß ihn die Hand der Gerechtigkeit ergreifen möchte.
Da war es auch, wie er mich versicherte, wo zum Erstenmale er wieder betete; und sein erstes Gebet unter vielen Thränen war: für die Gemordeten.
Und kaum in seiner Haft angelangt, verlangte er sogleich den Priester, und an das Herz desselben gleich dem verlornen Sohne sich werfend, schöpfte er in dem Unterrichte das Wort Gottes: Belehrung, Trost und Ueberzeugung; und vertrauend auf die Verdienste Jesu Christi, und sich hingebend den Tröstungen seiner heiligen Kirche, hat er endlich jenen Frieden und jene Ruhe erlangt, die ihm die Stützen bis hieher auf das Blutgerüst geblieben sind.
Sehet! So hat die Gnade Gottes ihn gesucht, so hat sie ihn gewecket; weil er treu zu Gnade war, hat sie ihn geführt bis an die Pforten der Ewigkeit.
»O wie gnädig,« rief Eppensteiner oft mit rührender Dankbarkeit aus, »wie gnädig warst Du mit mir, o Gott! Du ließest mich doch schnelle meine furchtbare That erkennen und bereuen. Hätte ich mich auch weiter geflüchtet, wer weiß, wohin ich gerathen wäre, und vielleicht hätte ich einmal plötzlich ohne alle Vorbereitung meinen Tod finden können: so aber habe ich Zeit mich vorzubereiten zu dem Tod, den ich verdient, und den ich wahrhaft wünsche.«²) Und als er auf dem Wege hieher von dem, was mit ihm geschah, sichtbar ergriffen ward und ich ihm tröstend zurief: »Johann, blicke auf zum Himmel! Die Gnade, die dich so liebevoll bis hieher gestärkt, sie wird dir auch glücklich enden helfen.« Da blieb er stehen, blickte auf zum Himmel und sprach voll Muth und Zuversicht: »Ja, die Gnade Gottes, die mich bis hieher so sichtbar geführet hat – sie wird mir glücklich enden helfen; Vater in Deine Hände empfehle ich meinen Geist!«³)
Und neugestärkt schritt er weiter, bis er angelangt an diesem Orte und er seine Seele unter dem Schwertstreiche des Scharfrichters voll des Glaubens in die Arme des Erlösers hauchte.
Gnade deiner Seele auch dort drüben! Gnade, Vater! ihr auch dort in der Ewigkeit und lasse sie besonders heute (Kreuzerfindungstag.) erfahren, daß, wie im Kreuze uns das Heil erfunden, sie selber im Glauben an den Gekreuzigten ihr Heil gefunden hat.
Und nun ein Wort an Euch, die ihr dieses Blutgerüst umstehet, und an Euch, die ihr es nicht umstehet; ein ernstes Wort an Alle: denn alle geht es an und alle haben es zu beherzigen.
Was hat unsern unglücklichen Eppensteiner zu solch einem tiefen Fall gebracht? Ihn, von dem die Welt das Zeugniß giebt, daß er sonst ein guter, rechtlicher Mensch gewesen sey? Das ist wohl die erste Frage, welche wir innerhalb dieser Zeit oft an uns und andere stellten. Wir wollen es Euch sagen, wohlan! so höret!
Als ich diese Frage eines Tages an ihn selber bei Gelegenheit eines Besuches stellte, da antwortete er mir: »Eines ist es, dessen ich mich anklagen muß – und das ist auch gewiß die Ursache meines schrecklichen Falles. Ich hielt es überflüssig, mein Morgen- und mein Abendgebet zu beten; ich scheute die Kirche und versäumte durch mehrere Jahre den Empfang der heiligen Sakramente. Ich habe angefangen von Gott zu lassen und darum hat Gott auch von mir gelassen.« Und wahrhaftig! Dieß ist die Grundursache jedes Falles. Sobald der Mensch von Gott und seiner Religion läßt; sobald es ihm eckelt vor dem Gebete; sobald er den Empfang der heiligen Sakramente verschmäht und gleichsam Scheu hat vor dem Worte Gottes: so hat er den Boden verlassen, worauf er einzig sicher steht, hat den Schild und das Schwert verloren, das ihn schützt vor dem Falle – und er ist schutz- und wehrlos der Gefahr Preis gegeben, die mit tausend Händen ihn ergreift und unbemerkt von Tritt zu Tritt, von Schritt zu Schritt bis zum tiefsten Abgrund führt.
Oder wie? Was wird dem Menschen noch heilig seyn, wenn er einmal das Heiligste nicht mehr achtet? Zwar hält man gerade das, was doch so groß und bedeutend ist, für klein und unbedeutend. Wie viele Tausend und Tausend Eppensteiner giebt es nicht, die ein Morgen- und Abendgebet zu beten für überflüssig halten? Die da scheuen die Kirche, und den Empfang der heiligen Sakramente für lästig oder gleichgiltig halten? »Laß diese Kinderspiele,« spottet da der Eine, während dort ein Anderer meint: »Dergleichen Dinge gehören für das gemeinere Volk.« Und so läßt man sich von der Welt und ihren Lügen verführen. Du opferst Eines um das Andere von dem Schatze des Himmels und dem Erbtheile deiner glücklichsten Tage; du ringest dich allmälig los aus den Armen Gottes und los von dem Mutterherzen deiner Kirche, ach! wo du so sicher, so selig geruht hättest. Du wirst mit einem Worte verweltlicht und dein Herz wird unersättlich; denn die Welt befriediget nicht. Da bedarf es nur eines Widerstandes gegen deine Lust, nur einer Gelegenheit, und die Neigung, die zur Leidenschaft, die Gewohnheit, die zum Laster, das Herz, das zum Sitz des Bösen geworden: sie machen dich zum Lügner – zum Betrüger – zum Verräter – zum Diebe – zum Mörder. Sehet! so fällt der Mensch – und so ist auch Eppensteiner gefallen.
Sage mir nicht »Vernunft und Gesetz« werden dieses zu verhüten wissen; wir aber sagen Euch: Betrachtet unsere Zeit! Wann ist je so viel von Vernunft und Gesetz geredet und geschrieben worden, als in unsern aufgeklärten Tagen? – Wann aber ist auch je so viel über Ungehorsam und Zügellosigkeit, über Genußsucht und Unzufriedenheit, über Rachsucht und Mordlust geklagt und geseufzt worden als gerade Jetzt? – Wo fehlt es da? Antwort: An der Religion. Ja! Hat der Stolz des Menschen einmal jenes Licht ausgelöscht, wodurch die Vernunft allein ihre Leuchte und ihren Werth erhält, wir meinen das Wort Gottes, wie es die Kirche aufbewahret; hat die Sinnlichkeit jenes Gesetz aus dem Herzen vertilgt, das Gott durch seinen Sohn Jesus Christus so wahr und tief in dasselbe geschrieben hat: dann mögt ihr mit euerer Vernunft und eueren Gesetzen beginnen was ihr wollet; ihr werdet nicht weit kommen. Ein Grund ist's, auf dem man sicher baut; eine Quelle nur, woraus die Tugend und die Kraft, der Segen und die Wohlfahrt für Thronen und Völker, für Familien und jeden Einzelnen fließt und diese Quelle heißt: Religion. Darum erheben wir auch hier an dieser ernsten Stätte die warnende und mahnende Stimme: Haltet fest an eurer heiligen Religion! Laßt Euch nicht irre führen von jedem Winde falscher Lehre, als ob göttliche Wahrheiten sich nach der Willkühr und den Launen der Menschen ändern könnten. Unveränderlich wie Gott sind seine Wahrheit und seine Kirche auf Erden, und die Welt mag daran rütteln und schütteln: sie wird den Felsen nicht verrücken.
Laßt Euch nicht wankend machen, wenn freche Spötter ob euer kindlichen Einfsalt und eueres frommen Glaubens Euch spotten und tadeln. O die Armen! sie vermögen uns doch dafür nichts Besseres zu geben! Steht täglich auf mit Gott und legt Euch nieder mit Gott. Stehen wir doch jede Nacht und jeden Tag in Gottes Hand. Habet Freude am Worte Gottes und empfanget mit Demuth und Liebe die heiligen Sakramente. Auf dem Wege des Lebens ist viel Dorngestrippe und Gefahr: wir bedürfen solcher Führer und Wegweiser, um sicher zu gehen.
»Denn wer da meint«, sagt der Apostel, »er stehe, der sehe zu, daß er nicht falle«. I. Cor. 10, 12.
Und nun noch eine Bitte im Auftrage des Gerichteten.
Er bittet wegen des gegebenen Aergernisses Alle, Alle, die Lebenden und – die Todten, um Verzeihung. Als er diese Bitte an die zunächst Betheiligten noch im Leben gestellt und von denselben in christlicher Großmuth ihm Verzeihung gewähret wurde: da war dieses eine seiner seligsten Stunden und er weinte Thränen der Freude und des Dankes. Diese Bitte stellt er Jetzt vorzüglich an Euch, Soldaten! ihr theuren Waffengefährten des Unglücklichen! Durch seine That glaubte er Euch betrübt und gekränkt zu haben. Und das that er wirklich. Aber durch seine Buße und seinen standhaften Tod, glaube ich, daß er Euch wieder versöhnet hat. Ihr werdet, nicht wahr? mit Freuden verzeihen.
Und jetzt erhebe ich noch einmal unter gebogenen Knieen meine Hände zu Dir, allmächtiger, barmherziger Gott! Vater, erbarme Dich der armen Seele! Laß ihr leuchten dein Licht und gieb ihr jenen Frieden, der nicht in der Welt, sondern dort bei Dir zu finden ist. Laß sie in Deinem Reiche leben bei Dir, o Vater! Du warst ja auch seiner Seele Schmerz und Freude; ihre Sehnsucht, ihr Kampf – sey auch ihr Lohn. Darum bitte ich Dich durch Jesus Christus unsern Herrn und Heiland, Amen.
Anhang.
1) »Betrachtet nur meinen Hochzeitsstrauß«, sprach er auf dem Wege zum Blutgerüste in heiterer Einfalt zu den ihn begleitenden Soldaten. »Ich bin der Hochzeiter und hier ist der König (indem er auf sein Sterbekreuz zeigte), der mir das Hochzeitmahl dort oben hält«.
Und als es näher dem Blutgerüste ging, da sagte er wieder: »Mein Lebensweg geht zu Ende; mein Ziel ist erreicht. Bald werde ich in der Heimath seyn bei Dir, mein Erlöser Jesus Christus«.
Und wieder sprach er sich wendend an die zunächst Gehenden und hinweisend auf sein Cruzifir: »Wahrhaftig! Wer auf Den vertraut, sehet! der hat auf festen Grund gebaut!«
2) »Wie gut ist es«, sprach er öfters, »wenn ich jetzt aus dem Leben gehen kann. Den Frieden, welchen ich jetzt in meinem Herzen fühle, der kann nur von Gott seyn und ich werde ihn wohl am sichersten bewahren, wenn ich selber bei Gott aufgehoben bin«.
3) Nicht uninteressant möchte ein Traum seyn, welchen Eppensteiner acht Tage vor seiner Hinrichtung und zwar vom 25. auf den 26ten April gehabt hat.
Es träumte ihm nämlich, er befinde sich in einer Kapelle, in deren Mitte sich ein Sarg befand. Zur Rechten dieses Sarges stand ein Mann im weißen Gewande; zur Linken ein Mann im schwarzen Gewande. Der Mann im weißen Gewände erregte in ihm Vertrauen, so daß er sich ihm zu nähern beschloß mit der Frage, was dieses alles zu bedeuten habe? Doch der schwarze Mann hinderte ihn; er ergreift ihn und zieht ihn mit sich in die Sakristei der Kapelle. Hier erblickt er zwei Leichen, denen die Hälse abgeschnitten waren. Vor Schrecken wollte er die Flucht zurück zum Manne im weißen Gewande nehmen. Aber der schwarze Mann tritt ihm entgegen. Und nun ergreift er durch die Thüre der Sakristei die Flucht und läuft, verfolgt vom schwarzen Manne, weit im Felde umher, immer suchend, seinem Verfolger entrinnen zu können. Er hatte während dieser Verfolgung, wie er sagte, viele Angst und viele Furcht, und er betete viel. Endlich gelingt es ihm einen weiteren Vorsprung zu gewinnen, und er eilt und eilt nun mit den letzten Kräften zurück zur Kapelle. Hier steht der Mann im weißen Gewande unter dem Portale, und er schien seiner zu warten. Ganz erschöpft und von ihm Schutz erwartend, wirft er sich nieder zu seinen Füßen. Doch liebevoll hebt der Mann im weißen Gewande ihn auf. Der Mann im schwarzen Gewande war verschwunden.
Jetzt führt der Mann im weißen Gewande ihn zurück in die Kapelle und hin zum Sarge, und mit dem Finger in den Sarg ihm deutend – wacht Eppensteiner auf.
Es ist dieses ein Traum – und jeder halte davon was er wolle. Wir aber halten diesen Traum für schön, der nicht ohne Sinn und Deutung ist.
Rede gehalten nach der Hinrichtung des Doppelmörders Johann Eppensteiner am 3. Mai 1845.
Literatur.
Im Verlage bei J. Deschler in München ist so eben erschienen und in der Recknagel'schen Buchhandlung in Nürnberg zu haben:
Verbrechen, Untersuchung, Urtheil und Enthauptung
des
Johann Eppensteiner,
Gütlersohnes von Aufhausen, Kgl. Landgerichts Stadtamhof bei Regensburg, Oberkanoniers im Artillerie-Regimente Prinz Luitpold, 28 Jahre alt.
Verfaßt
nach getreuen Quellen von
Dr. Jos. Heinr. Wolf.
Preis 9 kr.
Die Geschichte des Doppelmörders Johann Eppensteiner, verübt an der jugendlichen Hauptmannsgattin Eugenie Neumeyer und ihrer Dienstmagd, Theresia Lobmeyer, hat nicht nur in München und seiner Umgebung, sondern im ganzen Lande die größte Sensation erregt, und wir glauben daher, obiges Schriftchen, welches seiner Gründlichkeit wegen in Zeit von 8 Tagen fünf Auflagen erlebte, wird allen, die es noch nicht besitzen, willkommen seyn.
Nürnberger Zeitung Nro. 160. Montag, den 9. Juni 1845.
Wer da steht in diesem Thale,
Sehe zu, daß er nicht falle;
Daß er halte fest das Band,
Das ihn knüpft an Gottes Hand.
Abgedruckt aus Dr. Wolf's Chronik IV. Heft.
§. 1.
Einleitung.
Wenn es schon im Allgemeinen die Aufgabe eines gleichzeitigen Geschichtschreibers ist, Alles aufzuzeichnen, was den kommenden Geschlechtern ihren Blick in uns're Verhältnisse erleichtert, damit sie den historischen Faden dort aufnehmen mögen, wo wir ihn gelassen; so ist es andererseits auch ehrenhafte Pflicht des Annalisten, neben den guten auch die bösen Schicksale seiner Zeitgenossen auf die Nachwelt zu bringen; denn nur aus Schatten und Licht gestaltet sich ein vollkommenes Bild unserer Zeit.
In jenem Falle aber, in welchem sich der Geschichtschreiber veranlaßt findet, Verbrechen und ihre Strafen in die Jahrbücher der Volksgeschichte einzuzeichnen: da geschieht es nicht darum, eine fluchwürdige That zu verewigen, oder den Namen des Verbrechers bei der Nachwelt zu brandmarken: nein, der Zweck einer solchen Ueberlieferung ist ein doppelter, ein juridischer und ein moralischer, ja ein religiöser. Einerseits soll nämlich die Darstellung eines Verbrechens und der auf sie gefolgten richtlich ausgesprochenen Strafe das Gemüth des Lesers von diesen und ähnlichen lasterhaften Handlungen abschrecken, andererseits aber wiederholt den unumstößlichen Beweis liefern, daß jener Mensch, der sein Band mit Gott in frivoler irreligiöser Weise lockert oder reißt, auf dem breiten Weg der Sünde wandern muß.
Nach diesen Voraussetzungen gehen wir nun zur Erzählung des Verbrechens selbst über.
§. 2.
Das Verbrechen.
Der Schritt vom Himmel bis zur Hölle,
Der Riesenschritt ist schnell gethan;
Zurück fließt nicht des Lasters Quelle,
Zum Strom der Strafe muß der Kahn.
Es ist am 14. Nov. 1844 gewesen, als während der Mittagsstunden eine unheimliche, grauenvolle Sage von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr lief, und die Bewohner der K. Haupt- und Residenzstadt München mit Entsetzen und Abscheu erfüllte.
Der K. Hauptmann Neumayer war Mittags nach Hause gekommen, hatte seine Wohnung versperrt gefunden; Niemand hatte ihm geöffnet, und als er mit fremder Hülfe öffnen ließ – da erblickte er seine junge Gattin Eugenie in ihrem Blute bei durchschnittenem Halse gebadet auf ihrem eigenen Bette ermordet, ermordet zugleich auf dieselbe gräßliche Art seine Dienstmagd Theresia Lobmayer. Die letztere hatte neben der tödtlichen Halswunde noch einen Mord versuchenden Schlag auf der Stirne.
Der Anblick für den nun seines Theuersten auf der Welt beraubten Gatten war entsetzlich, grausenhaft, nicht auszudrücken mit Worten.
Das Haus, worin der gräßliche Doppelmord verübt wurde, lag ohnweit des neuen Thores, an einer den nordwestlichen Stadttheil der Vorstädte mit der Stadt verbindenden Strasse; die Wohnung nur über eine Stiege; und dennoch hatte Niemand das scheußliche Vollbringen der verruchten That vernommen, Niemand geahnet, daß ein so schauderhaftes Verbrechen am hellen Tage in einem belebten Stadttheile geübt werden könne.
Sogleich erschien eine K. Polizey-Commission, bald darauf eine K. Commission vom Stadtgerichte. Es ergab sich derselbe furchtbare Befund. Die Kehlen der Ermordeten waren mit einem und demselben Rasiermesser durchschnitten; das Messer fand sich; auch das Beil, womit die Therese Lobmayer vorerst niedergeschlagen und besinnungslos gemacht worden war, hat sich vorgefunden. Zugleich war ein Kasten mit Gewalt erbrochen und daraus an Gold, Silber, Staats-Obligationen, Zins-Coupons, Schuldverschreibungen etc. und einer Damenuhr mehr als 3000 fl. im Gesammtbetrage geraubt.
Es handelte sich also hier um einen Doppelmord und nebenbei um einen Raub, einen wenigstens ausgezeichneten Diebstahl.
Theilnehmende Männer fanden sich in der mit Blut befleckten Wohnung aus allen Ständen; Entsetzen durchzuckte alles Volk. Dem Verbrecher wünschte Jedermann die schnellste Habhaftwerdung und die wohlverdiente Strafe, die Strafe des Todes; denn er hatte die Sicherheit im Heiligthum des Innern einer großen Stadt verletzt, jedes Gemüth, das nur einen Funken von Gefühl besaß, empört.
Und wer war der Mörder? Wer der Räuber? Der eigene Diener des Hauses, derjenige, dem die Sicherheit der Wohnung anvertraut, dem die treue Schützung alles dessen, was seinem Herrn gehörte, zur natürlichen Pflicht gemacht war, der Fourierschütz, Johann Eppensteiner, Oberkanonier im Artillerie-Regimente Prinz Luitpold, ein Gürtlerssohn von Aufhausen, K. Landgerichts Stadtamhof. Wer sollte es anders sein?
Als die Wohnung erbrochen war, fand man ihn nirgends. Man erfuhr nur, daß er seiner Geliebten Geld hinterlassen, daß er in einem Wirthshause, wohin man ihn bei seinem Vorübergehen rief, die schuldige Zeche bezahlt, und ein wenig von einem kalten Fleische genossen, daß er höchst verwirrt ausgesehen habe: kurz aus diesem und andern der weitern Forschung entnommenen Gründen ergab sich, daß der Diener des Hauses, Johann Eppensteiner, die entsetzliche That selbst verübt haben mochte.
Endlich führte die Rede eines Fiakerknechtes auf die Vermuthung, daß der Doppelmörder sich in der Richtung gegen Freysing geflüchtet habe und es wurden durch die K. Polizey-Direktion schleunigst ein Brigadier und ein Funktionär abgeordnet, die Spur des flüchtigen Verbrechers zu verfolgen. Zugleich wurden Steckbriefe auf's Schleunigste überallhin und besonders nach der angezeigten Richtung erlassen.
In der That fanden seine Verfolger in Freysing, in Landshut, in Straubing und auf allen Zwischenstationen, wo er sich verweilt hatte, seine Spur. In Straubing hatte er von dem geraubten Gute sich Kleider gekauft. Er war nach Passau. Dort fand ihn ein nachgeeilter Gendarm ruhig, d. h. vor äusserer und innerer Erschöpfung müde, in einem Gasthause schlafend. Der Mörder wurde geschlossen, arretirt und vor das Stadtgericht in Passau gebracht. Schon dort bekannte er seine entsetzliche That umständlich. Er wurde seinen delegirten Verfolgern übergeben. Diese brachten ihn auf den schleunigsten Wegen nach München zurück. Am Donnerstag Morgens hatte er den fürchterlichen Doppelmord begangen, am Montag den 18. November Nachmittags 3 Uhr fuhr man ihn im raschen Trabb die Ludwigsstrasse wieder herein. Eine unabsehbare Volksmenge hatte sich in Spalieren von Schwabing aus bis zum Leichenhause im allgemeinen Gottesacker gebildet. Entsetzen malte sich im Angesichte des Verbrechers, als er die lautlose Menge anstarrte, die ihn halb mit Mitleid, halb mit Entsetzen betrachtete.
Im Sektionssaal des Leichenhauses erblickte er die von ihm ermordeten Hülflosen. Er starrte sie an, er bekannte unter den fürchterlichsten Ausrufungen seine Schuld; er heulte und schrie – Gott habe ihn verlassen – kurz er mochte jetzt erst die ganze Größe seines verabscheuungswerthen Verbrechens fühlen, eine Hölle lag in seinem Innern, es brannte ihm das Gehirn, das schreckliche Gefühl, von Gott getrennt zu sein, durchflammte sein ganzes geistiges Sein.
In diesem Zustande einer nicht zu schildernden körperlichen und moralischen Erschöpfung wurde er vom Leichenhause herein zum Militär-Gefängnisse gefahren und nun konnte er sich ruhiger mit dem Gedanken an das, was geschehen war, und an das, was geschehen konnte, vertraut machen. Das Volk bemittleidete seinen Zustand und verdammte seine That.
§. 3.
Die Untersuchung.
Nichts ist so klar gesponnen,
Es kommt doch an die Sonnen.
Schon aus dem flüchtig erhobenen frühern Lebenswandel des Mörders und aus der Art und Weise seiner unüberlegten Flucht ergab sich, daß Eppensteiner keineswegs unter die verruchten Bösewichte, unter die Verbrecher aus Gewohnheit und Grundsätzen gehörte: sondern daß man ihn unter die Gefallenen und nach dem Maasstabe seines Verbrechens unter die am Tiefsten Gefallenen zu zählen hatte. Den wahrhaftesten Aufschluß über die Gründelichkeit dieser Behauptung gibt auch noch sein eigenes Bekenntniß, welches sein würdiger und um seinen standhaften Tod zunächst verdienstvollen Beichtvater, Hr. Cooperator Dreher, auf dem Schafotte dem massenhaft versammelten Volke eröffnete. Als dieser den Mörder nämlich um den tiefern Beweggrund zu seiner Gottesverlassenheit im Augenblicke der entsetzlichen That fragte, antwortete Johann Eppensteiner: »die erste und wohl auch einzige Ursache seines tiefen Falles sei seine mehrjährige Scheu vor dem Kirchenbesuche, vor dem Empfang der hl. Sakramente, vor der Verrichtung der Morgen- und Abendgebete gewesen.« Eppensteiner hatte also das dem moralischen Dasein des Menschen so nothwendige Band zwischen ihm und Gott selbst gelockert, selbst fast bis zum Zerreißen gebracht und darum kein Wunder, daß er tief, daß er in einem einzigen Momente bis auf's Tiefste gefallen ist; aber nur gefallen. Denn, als der in den Hintergrund seiner Seele getretene Glaube an Gott durch die energievolle Zusprache seines Beichtvaters wieder geweckt wurde, und er zum lebhaftesten Bewußtsein wieder gekommen war; da erwachte auch die vollkommenste Ueberzeugung in ihm, daß die Gnade Gottes ihm möglich und daß zur Sühne seines Verbrechens die Strafe des Gesetzes ihm nothwendig sei.
Mit dem Wiederanknüpfen an Gott, mit dem erneuerten Glauben an seine gewaltige Vorsehung begann aber seine Existenz im Kerker.
Es begann die Untersuchung. Sein Untersuchungsrichter war ein K. Regiments-Auditor; Eppensteiner gestand seine verbrecherische That umständlich und reumüthig. Es erleichterte ihm die Seele, die schwerbelastete, wenn er Alles sagen konnte.
Diese Untersuchung aber ergab laut dem amtlich veröffentlichen Aktenauszuge und andern sichern Notizen folgendes Wesentliche:
»Johann Eppensteiner war der Sohn eines wenig bemittelten Gürtlers von Aufhausen, K. Landgerichts Stadtamhof, im Kreise Oberpfalz und Regensburg. Er hatte noch 7 Geschwister. Seine dürftigen Eltern ließen ihm den gehörigen Schul- und Religions-Unterricht geben. Nach den Aussagen derer, die ihn in seiner Jugend beobachteten, lernte er fleißig und war brav. Aus der Schule entlassen, kam er bald zu einem Schuhmacher in die Lehre. Er lernte tüchtig aus, und arbeitete längere Zeit als Geselle. Da traf ihn die Conscription. Er wurde am 26. März 1838 bei dem Artillerie-Regiment Prinz Luitpold als Soldat eingereiht. Er diente vortrefflich und pflegte stets eine tadellose Aufführung. Von seinen Kameraden sammt und sonders war er geachtet und geliebt. Er war gutmüthig und theilte gerne von dem, was er besaß, Andern mit. Er mied alle Gelegenheit zu Exzessen, kurz er erhielt am 26. März 1844 einen sehr ehrenwerthen Abschied.
Das Soldatenleben hatte er lieb gewonnen; darum trat er als Einsteher auf 5 Jahre 11 Monate am 28. April 1844 bei seinem frühern Regimente wieder ein.
Von nun an änderte sich seine Lebensweise unbemerkt für ihn zum Schlimmern. Er pflegte ein Liebesverhältniß. Derlei Dinge erfordern größern Aufwand. Er spielte. Nicht immer konnte er gewinnen; dennoch vergrößerten sich seine selbst geschaffenen Bedürfnisse. Gleichgültiger über die Rechtlichkeit oder Unrechtlichkeit seines Erwerbes trennte er sich daher auch mehr und mehr von dem Glauben an Gott, von der Uebung seiner Religion. Er war Fourierschütz. Als solcher bezog er auch eine größere Einnahme, als seine im Dienste stehenden Kameraden. Aber er verstand die Kunst nicht, Ausgaben zu regeln nach den Einnahmen, er derangirte daher seine Finanzen auf das Zufällige, und pflegte nebenbei auch seine Lebsucht in verfeinertem Grade. So kam es, daß er nicht aus Bedürfniß, sondern aus Unordnung in seiner Lebensweise seine früher bei geregelter Oekonomie angeschafften Civilkleider größtentheils versetzen mußte. Endlich verspielte er im Sept, v. J. auch seinen ganzen Lohn, und er besaß Nichts mehr zum Leben.
Damals war er schon einige Monate bei dem im K. Kriegsministerum kommandirten Hauptmann Nepomuk Neumayer, des K. Artillerie-Regiments Zoller, als Fourierschütz im Dienste gewesen. Seine zerrütteten Verhältnisse und die durch dieselben schon zur Gewohnheit gewordene Lostrennung von Gott und mannhafter, ehrenfester Gewissenhaftigkeit brachten ihn nun zur Befriedigung seiner Lebsucht zu dem Gedanken, einige Civilkleider seines Herrn zu versetzen. Dem Entschlüsse folgte die unüberlegte That auf dem Fuß. Er versetzte das fremde Eigenthum. Man bemerkte deren Abgang und stellte ihn am 13. Nov. v. J. darüber zur Rede. Er gab vor die Kleider zum Reinigen gegeben zu haben. Am 14. Nov. erhielt Eppensteiner jedoch den bestimmten Auftrag, bis Mittag die Kleider zu bringen. Er suchte nun bei Bekannten Zahlungsmittel zur Auslösung. Nirgends bekam er solche. Obgleich sich nun durch seine Entschuldigung zur Veruntreuung auch noch eine Lüge gesellt hatte; so glaubte er dennoch bei näherer Ueberlegung die Frau Hauptmännin Neumayer um ein Darlehen bitten zu müssen. Deren Gatte war nach 8 Uhr Morgens schon auf's Büreau gegangen, und vor ihm hatte die Dienstmagd Therese Lobmayer den Markt besucht.
Die Frau Hauptmännin befand sich also allein zu Hause und in ihrem Schlafzimmer. Zu ihr trat nun Eppensteiner und bat sie um ein Darlehen. Die junge Frau gab dem Zudringlichen, wie er sagte, eine abschlägige Antwort unter harten Audrücken. Dem sei, wie ihm wolle, die auf diese unfreundliche und unzarte Begegnung folgende Handlung war ein Verbrechen.
Eppensteiner faßte den Entschluß zur Mißhandlung der jungen, körperlich zarten, hilflosen Frau. Er ergriff sie, warf sie über das Bett, und drosselte sie. Sie jammerte und wehrte sich; allein ihr Wehren half Nichts. Der Starke siegte über die Schwache.
Jetzt schellte es an der Flötzthüre der Wohnung. Es schellte mehrmals. Da faßte er den Entschluß, die Frau umzubringen, ergriff ein Messer und schnitt ihr den Hals ab.
Unmittelbar hierauf erbrach er mit einem Instrumente die im Zimmer stehende Kommode, weil er darin das Werthvollste verborgen glaubte und weil ihm schon öfters Kleiniggkeiten daraus gezahlt worden waren, nahm an Gold, Silber etc., wie schon oben bemerkt wurde, mehr als 3000 Gulden im Betrage und steckte das Geraubte zu sich.
Die geschah etwa um halb 10 Uhr Morgens. Da sperrte es in die Flötzthüre und herein trat die vom Markt gekommene Therese Lobmayer, stellte ihren Marktkorb in das Küchenzimmer, wechselte ihre Kleidung und wollte sich durch das Arbeitszimmer des Dienstherrn in das Schlafzimmer der Frau begeben.
Aus Besorgniß, entdeckt zu werden, beschloß deßhalb Eppensteiner, die Nichts Böses ahnende Dienstmagd gleichfalls zu tödten, führte mit einem Handbeile einen Schlag auf deren Stirne, der sie zu Boden streckte und schnitt ihr mit einem Messer gleichfalls den Hals ab
So hatte denn Johann Eppensteiner das Verbrechen des Doppelmordes an zwei hilflosen, schwachen Wesen verübt. Er entfernte sich aus der Wohnung, besorgte seinen Dienst noch bei einem andern Offizier, löste im Versatzhause einige Kleidungsstücke aus, verrichtete noch einige Privatgeschäfte und bestieg um 1 Uhr am Hofgarten einen Fiakerwagen und flüchtete sich auf den oben schon bezeichneten Wegen, aber ohne Erfolg.
Umständlich, offen und wiederholt war das Bekenntniß des Doppelmörders. Die Tröstungen der hl. Religion waren schon von Vorne herein im Stande, ihm die ganze Nichtswürdigkeit und Verworfenheit seiner Handlung deutlich und ihn mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß ein solcher Verbrecher nicht mehr werth sei, der menschlichen Gesellschaft anzugehören, ja nicht mehr würdig, daS Licht des Tages zu schauen, und daß er nur in der Sühne des Todes Gnade vor dem ewigen Richter finden könne. Mit diesen sein Gewissensdunkel erhellenden Strahlen einer beseligenden, die Hoffnung auf ein versöhntes Jenseits erregenden katholischen Religion machte ihn sein unermüdet, fast Tag und Nacht thätiger Beichtvater, Hr. Cooperator Dreher an der L. Frauenpfarr in München, unablässig vertraut und sein Gemülh und Geist ihnen empfänglich, so daß ihm der Gedanke an den sein Verbrechen sühnenden Tod ein lieber wurde.
Nur einmal schien er zu wanken. Als ihm nämlich sein Vertheidiger die Vertheidigungsschrift vorgelesen, worin derselbe sich alle Mühe gegeben hatte, den Doppelmord als Folge seines durch die bittere Abweisung seines Antrages verwirrten Gemüthszustande darzustellen und denselben mehr als Todtschlag zu charakterisiren; da erschien Eppensteiner besonders heiter, zuversichtlicher, gegen seine Umgebung mürrischer, vorwürfiger und unbescheidener. Am nächsten Tage aber erschien sein Beichtvater. Man machte ihn mit dem veränderten Betragen des Inquisiten bekannt und es dauerte kaum eine Stunde, so war Eppensteiner zu seiner früher gewonnenen Ueberzeugung, den Tod verdient zu haben, wieder zurückgekehrt. Er hielt regelmäßig zweimal in der Woche Fasttage, kasteite sich öfter vor religiösen Uebungen und gewöhnte sich hiemit im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit beharrlich und unumwunden an den Gedanken des Todes.
All sein früheres Leben warf er von sich. Getröstet war er bei der Nachricht, daß seine Geliebte von einem Knaben entbunden und daß die Heimathsbehörde, so wie gute, erbarmende Menschen für sein nun bald verwaistes Kind Sorge tragen und die Mittel zu seiner Pflege und Erziehung bieten, ja im fast reichlichen Maase bieten werden. Dies ist ja der schönste Triumph des Christenthums, daß es mit seiner göttlichen Kraft die Schaale des Unglücks von dem Munde der Unschuldigen nimmt. Niemand hatte in seinem Gefängnisse, wo er in Ketten lag, eine Klage gegen ihn. Er war für Alles dankbar, was er empfieng und bescheiden in all seinem Benehmen.
So war er denn auch vorbereitet zur Anhörung des Urtheils.
§. 4.
Das Urtheil.
Er nahm es hin
Mit freud'gem Sinn,
Mit auf zu Gott getragnem Blick.
Johann Eppensteiner ward am Mittwoch, den 30. April 1845, Morgens 9 Uhr, in's Commissions-Zimmer geführt. Die Ketten wurden ihm da abgenommen, und der Untersuchungsrichter las ihm in Gegenwart der dazu kommandirten Commission und anderer zugelassenen Personen aus verschiedenen Ständen mit lauter und fester Stimme das Urtheil sammt Entscheidungsgründen vor.
Aus der Untersuchung, strafrechtlich eingeleitet und rechtsförmlich durchgeführt, hatte sich ergeben, daß sowohl die Hauptmannsgattin Eugenia Neumeyer, geborne Le Sage, als auch deren Dienstmagd, Therese Lobmayer eines gewalsamen Todes an den ihnen zugefügten absolut tödtlichen Halsverletzungen gestorben waren, und daß sein mit dem Thatbestande, dem ärztlichen Gutachten und allen aktenmäßigen, thatsächlichen Umständen übereinstimmendes wiederholtes Bekenntniß alle Erfordernisse vollständiger Beweiskraft an sich trug.
Es wurde daher derselbe sowohl nach dem Kriegs-Gerichts-Urtheile des Artillerie-Regiments Prinz Luitpold vom 20. Januar l. Js. als auch nach dem oberstrichterlichen Erkenntnisse des K. General-Auditoriats vom 14. März l. J. nach Art. 146 und 147 Ziffer 4 des allg. Strafgesetzbuches für das Königreich Bayern Th. 1.
»des gemeinen Verbrechens des qualifizirten Mordes, verübt an der Hauptmanns-Gattin Eugenia Neumeyer, und desselben Verbrechens, verübt an der Dienstmagd, Therese Lobmayer, für schuldig gehalten und zur Strafe ded Todes durch Enthauptung nach vorgängiger halbstündiger Ausstellung am Pranger und vorgängiger Abführung in den Militärlisten«
verurtheilt.
Seine Königliche Majestät hatten zufolge allerhöchsten Rescripts vom 22. April l. Js. keine Beweggründe zur Begnadigung, jedoch sich bewogen gefunden, dem Verurtheilten jedwede Straf-Schärfung aus allerhöchster Gnade zu erlassen.«
Die Kosten der Untersuchung wurden theils dem Vermögen – vom Haus und vom Einstands-Kapital – theils dem Aerar aufgebürdet.
Eppensteiner hörte dieses Urtheil mit einer alle Erwartung überbietenden Fassung an. Mit dem Gedanken an den verdienten Tod schon vertraut, konnte ihn natürlich der nun in's Leben getretene Richterspruch nicht sehr auffallend mehr erschüttern.
Er bat nach abgelesenem Urtheile seine Richter um Verzeihung wegen seines großen Verbrechens und sprach seinen innigen Dank für alle gehabten Mühen aus.
§. 5.
Die letzten drei Tage.
Es gibt ein Band, das Erd und Himmel kettet,
In dem der Aermste reicher ist gebettet,
Als mancher Herr auf seinem goldnen Thron:
Es ist das heil'ge Band der Religion.
Sie macht das Dunkle klar, das Düst're rein,
Durch sie kann selbst der Mörder ruhig sein.
Johann Eppensteiner hatte nach Eröffnung des Erkenntnisses noch dreimal 24 Stunden zu leben. Am Samstag den 3. Mai, zwei Tage nach dem Himmelfahrtsfeste des Herrn, Morgens 9 Uhr mußte nach dem Verlangen des Gesetzes, die Enthauptung folgen. Der Verurtheilte wußte dies, und bereitete sich mit aller Kraft und der lobenswürdigsten Ausharrung zum nahen Tode vor. Nach alter Sitte durfte das Volk den armen Sünder die letzten drei Tage hindurch sehen. In der That war das Zuströmen zu dem Gefängnisse massenhaft. Militär, Gendarmerie zu Fuß und zu Pferd, endlich Kürassiere hatten genug zu thun, um den gewaltigen Andrang der Schaubegierigen einiger Massen in Ordnung zu halten, und es war eine Fügung Gottes zu nennen, daß bei der Unvorsichtigkeit der Andrängenden kein Unglück vorkam.
Die letzten drei Tage vom frühesten Morgen an bis in die tiefste Nacht war dem Verurtheilten der priesterliche Trost, die geistliche Ermunterung zur Seite. Hr. Cooperator Dreher verließ ihn selten. Er wurde besucht von mehrern andern Geistlichen. Keinem war aber sein ganzes Gemüth so vertrauensvoll, so kindlich zugethan und aufgeschlossen, sein ganzes Inneres so klar und unverhohlen, wie seinem eben genannten Beichtvater. Meistens sah man ihn gesenkten, aber ruhigen Blickes in einem Gebetbuche lesen, oder in erhebender Andacht zum Himmel blicken.
In der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag schlief er nur 2 und eine halbe Stunde; vom Donnerstag auf den Freitag etwas länger, und endlich in der letzten Nacht seines Lebens von ¾11 Uhr bis Morgens 5 Uhr einen festen, gesunden Schlaf.
Von verschiedenen Seiten wurden ihm Speisen gesendet. Er genoß davon mit unbefangenem Appetit und ohne alle sichtbare Aengstlichkeit. Er trank hie und da ein ihm dargebotenes Gläschen Wein mit nüchternem Behagen, und ganz gut schmeckten ihm einige Cigarren, die man ihm für die letzten Abende geschenkt hatte. Die rührende Theilnahme des Publikums ließ sich aber in dem Opfer, welches seiner letzten Verfügung so reichlich gegeben wurde, dankenswerth erkennen. Es flossen nämlich in die Opferbüchse am ersten Tage 71 fl., am zweiten 62 fl., und am dritten 189 fl., im Ganzen 322 fl. Ueber diese Summe disponirte er letztwillig frei und ungezwungen. Mit seiner letzten Willens-Ausführung betraute er seinen Beichtvater. Er bedachte die Mutter seines Kindes, ihren Bruder, die Gehilfen, die wachthabenden Soldaten und seine Mitgefangenen auf gefühlvolle Weise.
Eine Frau brachte ihm einen Rosenkranz und eine für ihre Verhältnisse bedeutende Gabe von 30 kr. Den ersten, sagte sie, als eines ihrer liebsten Güter, möge er mit in das Grab nehmen, für den Geldbetrag aber solle seiner bald abgeschiedenen Seele eine hl. Messe zum Opfer der Erbarmung gebracht werden.
Den Rosenkranz fand man nach seinem Tode um den rechten Fuß geschlungen. Niemand hatte es bemerkt, wie er ihn dahin brachte. Er kam mit in die Anatomie und von da in andere Hände, zuletzt, wie wir hören, in die rechten, und auch wohl zur ursprünglichen Bestimmung.
Einmal während der drei letzten Tage erhielt er auch einen Zettel mit hineingewickelten 3 Pfenningen. Der Geber schrieb dazu, daß diese Gabe seine letzte Habe sei, und daß er auch nicht einmal mehr Kleider besitze, um sich in menschlicher Gesellschaft sehen lassen zu können. Der Verurtheilte verfügte darauf 15 fl. für dem Armen, der ihn noch insbesondere in seinem kurzen Schreiben um sein Gebet bei Gott zur Erhörung für seine Bitten ersucht hatte, sobald er ermittelt würde.
Am Himmelfahrtsfeste trat er mit seinem Wächter an das Fenster. Er sah die sich frisch entfaltenden Knospen der Bäume, das Grün des Lenzes an den Rainen des äussern Stadtgrabens, er fühlte die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne – ein tiefer Seufzer drang aus seiner Brust, eine Thräne in sein Auge. Da trat er entschlossen zurück; denn für das Leben durfte er keine Freude, keine Hoffnung mehr hegen – ihm gehörte nur der Gedanke an den Tod.
Am Freitag den 2. Mai Morgens 9 Uhr sagte der Verurtheilte zu seinem Verpfleger: »Jetzt wird mir's ganz leicht, ich habe nur mehr 24 Stunden zu leben; von Stunde zu Stunde wird mirs leichter; denn das Hinaufsehen thut weher, als das Herabsehen.« »Lieber Johann,« entgegnete ihm der Angeredete, »sei getrost und standhaft, während dieser 24 Stunden werden noch Viele sterben, und bei dir kann vielleicht Begnadigung eintreten.« »Gegen einen Doppelmörder, rief lebhaft der Verurtheilte, kann nimmermehr eine Begnadigung stattfinden, dies um so weniger als in der letztern Zeit seit meinem Verbrechen schon wieder mehrere Mordthaten vorgekommen sind.« So war also bei ihm die Ueberzeugung seiner Todeswürdigkeit fest gewurzelt.
Mit andächtigem, glühendem Gebete begann er den Anfang des letzten Tages. Frühzeitig meldete sich der Scharfrichter Laimer von Augsburg bei ihm, sagte ihm, daß er beauftragt sey, ihn nach dem Gesetze und Urtheilsspruch durch das Schwert hinzurichten und bat ihn um Verzeihung. »Sie haben mir Nichts gethan; was Sie mir thun müssen, verzeihe ich Ihnen schon zum Voraus gerne. Machen Sie's nur gut!« sprach der Angeredete.
Bald darauf kam der behandelnde Arzt. »Ich habe heute schon einen vornehmen Besuch gehabt, Hr. Doktor,« rief der Verurtheilte diesem zu; ein großer Mann in schwarzer Kleidung mit goldener Kette und goldenen Ringen war bei mir. »Nun wer denn?« »Der Scharfrichter.«
So war denn Eppensteiner unbefangen, selbst dann noch, als es galt, den letzten Gang, den auf's Schaffot zu machen.
§. 6.
Der Gang aufs Schaffot. – Die Enthauptung.
Hier liegt der Ernst auf deinen Wegen,
Der Ernst des Todes, Gottes Segen.
Am 3. Mai Morgens halb 9 Uhr wurde Eppensteiner vom Militärgefängnisse durch Militär abgeholt. Er nahm von Allen, die er kannte, Abschied, trug in der rechten Hand ein Cruzifix, in der linken einen Blumenstrauß, und so schritt er fast heiter, jedenfalls unbefangen und fest dem Schaffote zu. Vor dem Karlsthore rechts am Platze war ein Carée gebildet und da wurde ihm der Tenor des Todes-Urtheils nochmals vorgelesen und der Stab gebrochen. Hierauf wurden Schranken um ihn gebildet und zunächst begleitet von zwei Priestern und seinem Arzte ging der Zug weiter. Oft blickte er gegen den Himmel, grüßte rechts und links, wo er einen alten Bekannten sah und bemerkte seinem Beichtvater an der Schießstätte, als er sah, wie sich die grauen Wolken des Himmels theilten und das Blaue erschien: »Jetzt weiß ich, wohin ich komme, der Himmel öffnet sich bereits, um mich aufzunehmen.« »Betrachtet nur meinen Hochzeitsstrauß,« sprach, er zu den ihn begleitenden Soldaten, »ich bin der Hochzeiter und hier ist der König, – indem er auf sein Sterbekreuz zeigte – der mir das Hochzeitmahl dort oben hält.« Allmählich näher an das Blutgerüste kommend, rief er aus: »Mein Lebensweg geht zu Ende; mein Ziel ist erreicht. Bald werde ich in der Heimat sein bei dir, mein Erlöser, Jesus Christus.» Hinweisend auf sein Cruzifix sprach er: »Wahrhaftig, wer auf den vertraut, sehet, der hat auf festen Grund gebaut.«
Und als ihm, dem sichtbar Ergriffenen, der Beichtvater zurief: »Johann, blicke auf zum Himmel! die Gnade, die dich so liebevoll bis hieher gestärkt, sie wird dir auch glücklich enden helfen.« Da blieb er stehen, blickte zum Himmel und sprach: »Ja, die Gnade Gottes, die mich bis hieher so sichtbar geführt hat, sie wird mir glücklich enden helfen. Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist!«
Als ihm im Schaffotzimmer die Hände mit einem Strick gebunden wurden, und der Beichtvater ihn erinnerte, daß auch der Heiland mit einem Stricke gebunden worden sei, rief er aus: »Ja wohl, der Unschuldige hat für uns so unendlich Vieles leiden müssen; warum soll ich's, als der Schuldige nicht!«
Seinen Blumenstrauß übergab er einem Feldwebel, die Blumen an seine Kameraden zu vertheilen.
Und nun verband man ihm die Augen, und Eppensteiner, rechts und links unterstützt, stieg muthig die Stufen hinan, man setzte ihn auf den Armensünderstuhl, der Scharfrichter führte den tödlichen Hieb, das Haupt des Verbrechers fiel, Eppensteiners Seele war entflohen, seine blutige That gesühnt.
Lautlos stand das Volk, als der Beichtvater des Hingerichteten das Blutgerüste bestieg und in einer Rede voll Begeisterung und Kraft die Gemüther auf, das Vergangene richtete. Bärtige Soldaten schämten sich nicht, eine Thräne zu trocknen.
»Ja, Eppensteiner – rief der Redner aus – hat schwer, unendlich schwer gesündigt. Er hat aber auch die Größe seines Verbrechens begriffen und wohl hundertmal unter Strömen von Thränen gerufen: »Großer Gott! wie konnte, ach, wie konnte ich so tief, so fürchterlich tief fallen!
Und wahrhaftig! diese Thränen, die er weinte, und diese Reue, die er bezeigte; sie waren weder Furcht noch Feigheit, weder Lug noch Trug; denn es gibt eine Stunde im Leben, meine Theuern, wo jede Maske fällt und die Wahrheit sich offenbaret, ob wir sie wollen oder nicht, und das ist die Todesstunde. Aber gerade in dieser Stunde hat sich Eppecnsteiner, wie ihr es alle gesehen, eben so reumüthig als standhaft und eben so zerknirscht als Gott ergeben bewiesen.
Das ist nicht das Werk von Kerker und Banden; nicht des Menschen Werk; das ist das Werk der Religion, ihr Triumph, das ist die Gnade Gottes.
»Was hast du gethan?« rief ihm Gottes Stimme nach der That zu, und mit aufgehobenem Finger zum zweiten Male: »Bis hieher und nicht weiter!« Nach diesen fürchterlichen Zurufen betete er unter einem Strom von Thränen für die Gemordeten.
Dies war sein erstes Gebet nach der grausenhaften That.
Sehet! so hat die Gnade Gottes ihn gesucht, so hat sie ihn geweckt; weil er treu zu Gnade war, hat sie ihn geführt bis an die Pforten der Ewigkeit.«
Der Redner munterte hierauf das tief bewegte Volk auf, die Gnade Gottes durch die hl. Religion zu suchen und schloß mit den Worten:
»Und nun noch eine Bitte im Auftrage des Gerichteten. Er bittet wegen des gegebenen Aergernisses Alle, Alle, die Lebenden und – die Todten, um Verzeihung. Als er diese Bitte an die zunächst Betheiligten noch im Leben gestellt und von denselben iin christlicher Großmuth ihm Verzeihung gewähret wurde: da war dieses eine seiner seligsten Stunden und er weinte Thränen der Freude und des Dankes. Diese Bitte stellte er jetzt vorzüglich an Euch, Soldaten! ihr theuern Waffengefährten des Unglücklichen! Durch seine That glaubte er Euch betrübt und gekränkt zu haben. Und das that er wirklich. Aber durch seine Buße und seinen standhaften Tod, glaube ich, daß er Euch wieder versöhnet hat. Ihr werdet, nicht wahr? mit Freuden verzeihen.
Und jetzt erhebe ich nochmal unter gebogenen Knieen meine Hände zu dir, allmächtiger, barmherziger Gott! Vater, erbarme dich der armen Seele! Laß ihr leuchten dein Licht und gib ihr jenen Frieden, der nicht in der Welt, sondern dort bei dir zu finden ist; laß sie in deinem Reiche leben bei dir, o Vater; du warst ja auch seiner Seele Schmerz und Freude; ihre Sehnsucht, ihr Kampf – sei auch ihr Lohn. Darum bitte ich dich durch Jesus Christus, unsem Herrn und Heiland, Amen.«
§. 7.
Schluß
Schau', Mensch! hinein in die Natur,
Die dir das Leben gab und hält;
überall ist Gottes Spur
Und Gottes Hand in aller Welt.
Alles Volk, welches, wenn auch Mancher aus Neugierde, der Hinrichtung beigewohnt hatte, verließ in geheimer, tiefer Rührung die Richtstätte. Jeder, der nur einiges menschliche Gefühl im Busen trägt, mußte hier fühlen, daß eine höhere Hand den Faden des menschlichen Lebens führt. Sobald das Blut in Bogen strömt aus der geöffneten Wunde und der Tod den zerschnittenen Körper in seine Fesseln schlägt: da hört alle sogenannte freigeistige Verkünstelei auf. Wenn, was wissenschaftlich constatirte Wahrheit ist, wenn alles Geschaffenen letzter Grund, alles Bewegten letzte bewegende Kraft ein Grund, eine Kraft ist, die wir nicht zu fassen, aber auch nie und nimmermehr zu läugnen vermögen, und wenn wir diese letzte Kraft aller Dinge mit gebeugtem Haupte und gesenktem Auge die Kraft Gottes, des Allmächtigen nennen; so muß auch diese allem Leben unbedingt nothwendige Gottes-Kraft in uns liegen und wir müssen hängen an dem Bande dieser Kraft, hier und dort, wenn wir begehren zu leben und ohne diese Kraft und ohne dieses Band sind wir todt – werfen wir hinaus uns aus der göttlichen Ordnung der Dinge.
Eppensteiner versuchte im Wegwerfen des religiösen, ja selbst des moralischen Glaubens an Gott jene ewige Kraft, die ihn schon von der Zeugung her in's irdische Leben begleitete, zu überschauen, das Band zwischen ihm und Gott zu zerreißen. Da sprach der barmherzige Richter: »bis hieher und nicht weiter!« und Eppensteiner mußte zeitlich sterben, damit er das ewige Leben nicht verlor.
Derjenige, der seine Philosophie in schaaler Vernünftelei ohne den erwärmenden Glauben an Gottes heilige Fügung und Gnade in den Blutspuren des Schaffotes prüfen will; wahrlich, ein Solcher ist nicht einmal werth, zu jenen von höherer Sehnsucht erfüllten Heiden gezählt zu werden, welche aus Mangel eines bekannten an einen unbekannten Gott geglaubt haben.
Eppensteiner fand seinen einzigen Trost im Glauben an Gott, in der Religion wieder, und zwar mit solcher Stärke, daß er den Tod wünschte. »Wie gut ist es, sprach er oft, wenn ich jetzt aus dem Leben gehen kann. Der Friede, welchen ich jetzt in meinem Herzen fühle, der kann nur von Gott sein, und ich werde ihn wohl am Sichersten bewahren, wenn ich selbst bei Gott aufgehoben bin.*)«
*) Sehr interessant ist der Traum, welchen Eppensteiner acht Tage vor seiner Hinrichtung, vom 25. auf den 26. April geträumt hat, und welchen wir der gedruckten, ausgezeichneten Rede seines Beichtvaters entnehmen.
»Es träumte ihm nämlich, er befinde sich in einer Kapelle, in deren Mitte sich ein Sarg befand. Zur Rechten dieses Sarges stand ein Mann im weißen Gewände; zur Linken ein Mann im schwarzen Gewande. Der Mann im weißen Gewände erregt in ihm Vertrauen, so daß er sich ihm zu nähern beschloß mit der Frage, was dieses alles zu bedeuten habe? Doch der schwarze Mann hinderte ihn; er ergreift ihn und zieht ihn mit sich in die Sakristei der Kapelle. Hier erblickt er zwei Leichen, denen die Halse abgeschnitten waren. Vor Schrecken wollte er die Flucht zurück zum Manne im weißen Gewände nehmen. Aber der schwarze Mann tritt ihm entgegen. Und nun ergreift er durch die Thüre der Sakristei die Flucht und läuft, verfolgt vom schwarzen Manne, weit im Felde umher, immer suchend, seinem Verfolger entrinnen zu können. Er hatte während dieser Verfolgung, wie er sagte, viele Angst und viele Furcht, und er betete viel. Endlich gelingt es ihm einen weiteren Vorsprung zu gewinnen, und er eilt und eilt nun mit den letzten Kräften zurück zur Kapelle. Hier steht der Mann im weißen Gewande unter dem Portale, und er schien seiner zu warten. Ganz erschöpft und von ihm Schutz erwartend, wirft er sich nieder zu seinen Füßen: Doch liebevoll hebt der Mann im weißen Gewande ihn auf. Der Mann im schwarzen Gewande war verschwunden.
Jetzt führt der Mann im weißen Gewande ihn zurück in die Kapelle und hin zum Sarge, und mit dem Finger in den Sarg ihm deutend – wacht Eppensteiner auf.
Es ist dieses ein Traum – und jeder halte davon was er wolle. Wir aber halten diesen Traum für schön, der nicht ohne Sinn und Deutung ist.«
Verbrechen, Untersuchung, Urtheil und Enthauptung des Joh. Eppensteiner, Gütlerssohnes von Aufhausen, K. Landgerichts Stadtamhof, Oberkanoniers im Artillerie-Regimente Prinz Luitpold. München, 1845.
Hiesiges.
Dem hochverehrten Priester und Cooperator an der Pfarrkirche zu U. L. Frau dahier Hrn. J. G. Dreer wurde die Stelle eines Predigers an genannter Pfarrei verliehen.
Münchener Tagblatt No. 179. Dienstag, den 1. Juli 1845.
Augsburg. Am Freitag Abends versammelten sich circa 18 Herren im Rathause zu einer Berathung behufs Bildung eines Vereins zur Obsorge entlassener Sträflinge. Hr. K. A. v. Brentano eröffnete die Berathung mit einer Darlegung des Zweckes und der sozialen Wichtigkeit des Vereins und legte den Versammelten die Verdinstlichkeit solch thätigen Erbarmens über die Aermsten der Armen in warmen Worten ans Herz, worauf eine längere aber vom Geiste einträchtigen Willens getragene Debatte über die inner und äußere Bedingung und Grundlage des Vereins sich entspann. Alle Anwesenden, – unter welchen die beiden HH. Stadtdekane Dreer und Bomhard, die HH. Forster, Finanzrath Riedinger, Consul Obermaier, Kreisrichter Schmied, Bezirksschulinspektor Büschl etc. – zollten ihren vollsten Beifall dem Vortrage des Hrn. Stadtdekan Dreer, welcher die allgemeine Menschenliebe als das leitende Prinzip des Vereins aufstellte. Allen Sträflichen ohne Unterschied der Confession zur Wiedergewinnung der verlorenen Menschenwürde zu verhelfen durch moralische und materielle Hilfeleistung sei Zweck des Vereines, zu dem alle edlen Menschenfreunde jeder Confession eingeladen werden. Auf dieser Grundlage einen Aufruf an edle Menschenherzen auszuarbeiten, wurden 3 anwesende Herren beauftragt; der Aufruf wird in einer auf Montag Nachmittags 4 Uhr im Rathause anberaumten Versammlung zur Unterzeichnung gelangen und der Öffentlichkeit übergeben werden. Möge dieses Werk der ächtesten Humanität bei der Bevölkerung Augsburgs den verdienten Anklang finden!
Bayerischer Kurier Nr. 331. München; Dienstag, den 2. Dezember 1862.
Europa.
München den 7. Mai.
Bayern. Wie die »Allg. Ztg.« vernimmt, wurde von Sr. Maj. dem König Domkapitular Jos. Gg. Dreer auf die erledigte Domprobststelle in Augsburg dem päpstlichen Stuhle empfohlen. Hr. Dreer steht im 66. Lebens- und 42. Priesterjahre und ist der zweitälteste Domkapitular in seiner Döcese. In Erding geboren, also ursprünglich Münchener Diöcesan, zählt er seit seiner Ernennung zum Stadtpfarrer in Lindau im Jahre 1848 zum Augsburger Clerus.
Das Bayerische Vaterland No. 106. München; Mittwoch, den 8. Mai 1878.
Bayerische Chronik.
Augsburg, 27. Juli. (Dompropst Dreer †.) Wie gemeldet, starb gestern Abend in Aibling, wo er zur Cur geweilt, der hiesige Dompropst Jos. Georg Dreer im Alter von 79 Jahren. Im Jahre 1836 zum Priester geweiht, wirkte er auch mehrere Jahre als Prediger bei St. Peter, wurde dann Stadtpfarrer in Lindau, 1856 Domcapitular un d Dompfarrer in Augsburg und 1878 Domprobst dortselbst. Seine milde, überall zur Versöhnung und Ausgleich neigende Gesinnung, sagt der »Bayer. Kur.,« mag wohl oft mißbraucht worden sein, aber sie dürfte doch bewirkt haben, daß er keinen persönlichen Feind besaß. Die Leiche wird hieher gebracht und am Mittwoch beerdigt.
Allgemeine Zeitung Nr. 207. München; Dienstag, den 28. Juli 1885.