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DR. NIKOLAUS RÜDINGER
K. O. UNIVERSITAETSPROFESSOR
GEB. 1832 GEST. 1896
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Rüdinger, Nikolaus, Dr. med.; 25.3.1832 (Erbes-Büdesheim bei Alzey/Rheinland-Pfalz) – 25.8.1896 (Tutzing); Bauers-Sohn / Anatom
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* 25.3.1832 (Erbes-Büdesheim bei Alzey/Rheinland-Pfalz)
† 25.8.1896 (Tutzing)
Bauers-Sohn / Anatom
Rüdinger, Nikolaus war ein Self-made Mann in des Wortes edelster Bedeutung. Von der untersten Stufe des medicinischen Handwerks hat er sich unter den grössten Schwierigkeiten zu den lichtvollen Höhen der Wissenschaft emporgearbeitet. Alles, was er geschaffen und erreicht hat, verdankt er seinem Fleiss, seinen Talenten, seiner Tüchtigkeit. Er wurde 1832 zu Erbes-Büdesheim in Rheinhessen geboren. Sein Vater war ein mit Kindern reich gesegneter kleiner Grundbesitzer, der seinem Sohne nicht die Mittel zum Studium bieten konnte. Da er eine unbesiegbare Liebe zum ärztlichen Beruf in sich fühlte, so lernte er bei dem Landwundarzt seines Heimathsortes die täglichen Verrichtungen der niedern Heilkunst; gleichzeitig nahm er bei dem dortigen Pfarrer Unterricht in den Gymnasialfächern. Im Jahre 1850 bezog er die Universität Heidelberg, hörte medicinische und klinische Vorlesungen und bildete sich unter der Leitung von Arnold und Henle in der Anatomie aus. Im Winter von 1854/55 siedelte er nach Giessen über und absolvirte den anatomischen Theil der Prüfung für Landchirurgen. Bei dieser Gelegenheit erkannte Th. Bischoff, welcher die Professur der Anatomie inne hatte, seine aussergewöhnliche Begabung für Präparir-Technik und suchte sie für wissenschaftliche Zwecke zu verwerthen. Er machte ihn zu seinem Assistenten und bewog ihn, als er 1855 nach München berufen wurde, ihn dorthin zu begleiten. Hier schuf R. eine Sammlung anatomischer Präparate, welche Meisterwerke der anatomischen Kunstfertigkeit enthält, wie sein Schüler und Nachfolger Rückert sagt. Gleichzeitig half er beim praktischen Unterricht im Secirsaale und bereitete sich für das Maturitäts-Examen vor, das er 1859 am Gymnasium zu Darmstadt ablegte. Dadurch wurde ihm die Aussicht auf die akademische Carriere eröffnet; die kleinen Geister, welche ihm den Mangel der humanistischen Vorbildung zum Vorwurf gemacht hatten, konnten der Energie, mit der er das ohne seine Schuld Versäumte nachholte, ihre Anerkennung nicht versagen. Im Jahre 1860 wurde er zum Adjunkten an der anatomischen Anstalt, 1868 zum Professor honorarius und 1870 zum Extraordinarius ernannt. Als nach Bischoff's Tode die Lehrkanzel getheilt wurde, wurde er 1880 zum Ordinarius befördert und übernahm als zweiter Vorstand der anatomischen Anstalt den Unterricht in der makroskopischen Anatomie und bei den Präparir-Uebungen. Er lehrte descriptive und topographische Anatomie. Von seinen literarischen Leistungen erregte sein »Atlas des peripherischen Nervensystems des menschlichen Körpers (München 1861 bis 1867)« zuerst die öffentliche Aufmerksamkeit. Die darin enthaltenen Darstellungen waren mit einer früher nicht erreichten Naturtreue ausgeführt. Zum ersten Male wurde die Photographie zur Abbildung anatomischer Weichpräparate verwendet. Die Tafeln, die aus dem weltbekannten Atelier von Albert hervorgingen, sind nach dem Urtheil der Fachmänner bis heute nicht übertroffen worden. Um sie dem grossen ärztlichen Publikum zugänglich zu machen, wurden billige Ausgaben einzelner Abschnitte veranstaltet (Anatomie der menschlichen Gehirnnerven. München 1868. Anatomie der menschlichen Rückenmarksnerven, München 1870). Ausserdem veröffentlichte er Abhandlungen über die Gelenknerven und über den Sympathicus. Sein »Atlas des menschlichen Gehörorgans (München 1867–70)« fand allgemeine Bewunderung. Aber das bedeutendste Werk, das er hinterlassen hat, ist seine »Topographisch-chirurgische Anatomie des Menschen (Stuttgart 1873–78)«; die Abbildungen haben unvergänglichen Werth. R. verfasste ferner eine preisgekrönte Schrift über die Muskeln der vordem Extremitäten der Reptilien und Vögel (Harlem 1868) und kleinere Arbeiten über den Kehlkopf, das Gaumensegel, die Hirne verschiedener Thiere a. a. m. Er beschränkte sich bei seinen Untersuchungen nicht auf die makroskopische Anatomie, sondern zog auch die feinere Struktur und die Entwickelungsgeschichte der Organe in Betracht. Dahin gehören seine Abhandlungen über die Anatomie der Prostata und des Ductus ejaculatorius, über die histologische Umbildung der Lieberkühn'schen Drüsen durch die Solitärfollikel im Wurmfortsatz (1891), und über die Leucocyten-Einwanderung in den Schleimhäuten des Darmkanals (1895).
Mehrere Jahre hindurch bekleidete er die Würde des Vorsitzenden der anthropologischen Gesellschaft zu München. Auch die junge Wissenschaft der Anthropologie bereicherte er durch werthvolle Beiträge, wie seine Arbeiten »Über künstlich deformirte Schädel und Gehirne von Südsee-Insulanern (München 1887)« und über Rassenschädel (1892) beweisen. Eingehend studirte er den Einfluss von Rasse, Alter, Geschlecht und Individualität auf die Bildung des Schädels und Gehirns. Die Mikrokephalie und Polydaktylie erklärte er für Missbildungen, nicht für Rückschläge. Im Jahre 1883 wurde er zum Mitgliede der k. bayr. Akademie der Wissenschaften gewählt. Sein Vortrag war streng sachlich, klar, leicht verständlich, zuweilen gewürzt durch einen liebenswürdigen Humor. Als Lehrer war er pflichttreu und gewissenhaft und bewahrte seinen Schülern ein aufrichtiges Wohlwollen durch das ganze Leben. Seine kraftstrotzende, gedrungene äussere Erscheinung berechtigte zu der Hoffnung, dass er ein hohes Alter erreichen werde; aber es war, als ob ihn die Ahnung seines Todes schon seit Jahren erfüllte. Kurz nach Beginn der Sommerferien 1896 erkrankte er an Darmverschlingung, der er am 25. August erlag.
J. Rückert in der Münchener medicin. Wochenschrift. 1896. No. 42.
Th. Puschmann.
Th. Puschmann: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog. Berlin, 1897.
Rüdinger: Nicolaus R., Dr. med., ordentlicher Professor der descriptiven und topographischen Anatomie an der Universität München. Er war am 25. März 1832 zu Erbes-Büdesheim im Kreise Alzey im Großherzogthum Hessen geboren, als zwölftes Kind einer wenig bemittelten Bauernfamilie. Im 4. Lebensjahre des Knaben starb sein Vater; anstatt es mit dem Dorfschulunterricht genug sein zu lassen, nahm sich ein katholischer Geistlicher seiner an, R. aber trat dann auf seinen eigenen Wunsch im 15. Lebensjahre bei einem Barbier in Alzey in die Lehre. In seinem 19. Jahre wurde er Gehülfe bei einem Barbier in Heidelberg und hörte zufolge der um die Mitte des Jahrhunderts in mehreren deutschen Staaten noch bestehenden Einrichtung, anatomische, chirurgische und andere Vorlesungen, um dann die Laufbahn der niederen Chirurgie zu ergreifen. Indessen setzte eine kleine Erbschaft vermöge des bald darauf erfolgten Todes seiner Mutter R. in den Stand, ein regelrechtes vierjähriges Studium der Medicin in Heidelberg durchzuführen. Im Herbst 1852 bestand er an der Universität seiner Heimath in Gießen die Staatsprüfung als Wundarzt und bei dieser Gelegenheit entdeckte Th. Bischoff, der damals Professor der Anatomie in Gießen war, die außergewöhnliche Geschicklichkeit Rüdinger's im Präpariren. Am 12. April 1855 wurde er in Gießen ohne eine gedruckte Dissertation zum Dr. med. promovirt und am 15. Mai 1855 Prosector an der anatomischen Anstalt in München, wohin Th. Bischoff als ord. Professor der Anatomie damals übergesiedelt war. Ein am 10. December 1857 an die medicinische Facultät der Universität München gerichtetes Gesuch um Zulassung zur Habilitation als Privatdocent wurde auf Grund des mangelnden Abiturientenexamens, sowie anscheinend weil er nicht aus Baiern gebürtig war, abgelehnt. Auf Grund von Privatstudien bestand R. nachträglich im October 1858 die Maturitätsprüfung in Darmstadt, sah sich aber veranlaßt, ein zweites am 10. November 1858 eingereichtes Gesuch um Zulassung zur Habilitation wieder zurückzuziehen. Im Jahre 1860 verheirathete er sich mit der liebenswürdigen Auguste Ruhmandl, Tochter eines Rechtsanwalts in München; aus dieser Ehe sind eine Tochter und zwei Söhne hervorgegangen. Am 3. Januar 1863 erhielt R. ein Gehalt von ca. 1500 Mark und reichte zugleich sein drittes und am 28. Juni 1864 sein viertes Gesuch um Zulassung zur Habilitation ein, die sämmtlich abschlägig beschieden wurden. Statt dessen wurde er am 2. Juni 1868 auf v. Liebig's Anregung zum Honorarprofessor in der medicinischen Facultät, Anfang 1870 zum außerordentlichen Professor und im Sommer 1880 zum ordentlichen Universitätsprofessor der Anatomie in München ernannt. In dieser Stellung, bleibend in vortrefflicher Uebereinstimmung mit seinem geistig hervorragenden Collegen v. Kupffer und als Mitdirector der anatomischen Anstalt, starb R. an einer Blinddarmentzündung am 25. August 1896 in Tutzing am Starnberger See, das er mit Vorliebe als Aufenthaltsort während der Sommerferien zu wählen pflegte.
R. hat etwa 90 Abhandlungen und selbständige Schriften veröffentlicht. Das erscheint heutzutage sehr wenig, er folgte aber nicht der den Buchhändlern so schädlichen Sitte, dieselbe Kleinigkeit an drei oder mehreren Stellen, auch noch in fremden Sprachen zu veröffentlichen. Unter jener Zahl stehen der Atlas des Nervensystems des menschlichen Körpers (1861), die Anatomie der menschlichen Gehirnnerven (1868), die topographisch-chirurgische Anatomie des Menschen (1873–1875) und der Cursus der topographischen Anatomie (1891; 3. Aufl. 1893) im Vordergrunde. Erwähnung verdienen seine erste Abhandlung über die Anatomie der Gelenknerven (1857) und die Entdeckung (1866), daß die häutigen Bogengänge des Gehörorgans den knöchernen inwendig seitlich, also excentrisch angeheftet sind und sie keineswegs ausfüllen. Daß das Verhältniß der Dicken = 6:9–15 sei, war allerdings schon seit C. Krause (1836) bekannt, aber weiter nicht beachtet worden. Seit R. in jener Zeit (1865) die Tuba auditiva zu untersuchen begann, haben sich seine Studien wiederholt dem Gehörorgan mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Ohrenheilkunde zugewendet; zahlreich sind auch seine anthropologischen Arbeiten und namentlich die über Rassengehirne beachtenswerth. Nicht geringer ist sein Verdienst um die Münchner anatomische Sammlung, die seiner Geschicklichkeit eine große Anzahl von ausgezeichneten Präparaten, insbesondere von Durchschnitten an gefrorenen Leichen verdankt. Seinem Studiengang zufolge war R. dem Gebrauch des Mikroscopes nicht näher getreten; er ist einer der wenigen wesentlich topographischen Anatomen (Braune, Hartmann, Joessel), die bis zum Ende des Jahrhunderts die topographische Anatomie auf eigene Füße zu stellen versuchten. Charakteristisch aber ist es für den immer weiterstrebenden Sinn Rüdinger's, daß er noch im 50. Lebensjahre anfing, sich mit rein histologischen Dingen zu beschäftigen, so daß seine allerletzte Abhandlung (1895) die Leukocytenwanderung in den Schleimhäuten des Darmcanals betrifft. In jenem Lebensalter pflegen sonst umgekehrt die Mikroscopiker sich der dankbareren Aufgabe des Präparirsaales zuzuwenden.
R. war ein allgemein geachteter, liebenswürdiger Charakter, gastfrei und ein treuer zuverlässiger Freund, dem der Schreiber dieser Zeilen bei einer wichtigen Gelegenheit den entscheidenden Rath zu verdanken hat. Auf seinen Bildungsgang war er nicht mit Unrecht ein wenig stolz und pflegte an die Antwort jenes altfranzösischen Leibarztes zu erinnern, dem sein College am Hofe vorgeworfen hatte, er sei früher Barbier gewesen (: wenn Sie es gewesen wären, Sie wären es noch!). Nicht ganz selten waren sogar in der Mitte des Jahrhunderts hervorragende praktische Aerzte, die aus dem wenig geachteten niederen Chirurgenstande hervorgegangen und auch zu Reichthümern gelangt sind; von einer Laufbahn wie die von R. ist aber kein zweites Beispiel bekannt.
C. v. Kupffer, Anatomischer Anzeiger, 1897, Bd. XIII, Nr. 7, S. 219. – W. His, daselbst S. 333. W. Krause.
Wilhelm Krause: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1907.
Rüdinger Nikolaus, Dr. med., 1832 (Erbes-Büdesheim bei Alzey/RheinlandPfalz) – 1896, Anatom und Universitätsprofessor; anfangs Barbiergehilfe in Heidelberg, studierte R. zu Heidelberg und Gießen und wurde 1855 Prosektor in München; eine Zulassung als Privatdozent konnte er nicht erwirken, erst J. von Liebig verhalf ihm zur Ernennung zum Honorarprofessor in München, wo er 1880 das Ordinariat für Anatomie erhielt; dieser berühmte Anatom führte die neuerfundene Photographie als Illustrationsmittel in die Anatomie ein und erfand neue Konservierungsmethoden von Leichen für Unterrichtszwecke, u. a. Karbolinjektionen für Präpariersaalleichen; mit anderen gab R. die »Monatsschrift für Ohrenheilkunde« und die »Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Münchens« heraus.
Hauptwerke: Atlas des peripheren Nervensystems des menschlichen Körpers, Anatomie der menschlichen Rückenmarksnerven, Topographisch-chirurgische Anatomie des Menschen.
© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.