Inhalt | Register | |



17 – HZ – 10* (Vogt)

Ω

Das Grab ist nicht erhalten

Ω

|||

Johann Karl Vogt

* 13.2.1813 (Augsburg)
† 4.5.1860 (München), Tod durch Selbstmord
Astrologe

Illustrirte Zeitung (14.2.1857)

Ein moderner Astrolog.

Je mehr man sich gewöhnt hat, die Astrologie als etwas mit dem Mittelalter Ueberwundenes anzusehen, um so eigenthümlicher und interessanter erscheint in der Gegenwart ein Mann, welcher den Beruf zu haben glaubt, die Sterne zu befragen und das Horoskop zu stellen und der in seinem Aeußern mit der gewöhnlichen Vorstellung von einem Astrologen nichts gemein hat, denn er gehört nicht zu den runzeligen Greisen mit Habichtsnase, weißem Bart und phantastischer Kleidung, im Gegentheil begegnet uns beim Eintritte in sein Haus eine einfache moderne Eleganz. Wir werden, wenn wir zu den wenigen Begünstigten gehören, die bei dem Astrologen Zutritt erlangen, auf unsere Anmeldung im Erdgeschosse in die Beletage gewiesen, und nachdem wir hier an der Klingel der Gangthüre geläutet haben, öffnet diese eine bejahrte Dienerin, die uns in den Salon führt. Hier finden wir Eleganz und Komfort gepaart: Barketboden, geschmackvolle Tapeten, kunstvolle reichvergoldete Stockuhren, große Spiegel in kunstreich geschnitzten gothischen Rahmen von polirtem Nußbaumholze, Tische, Divans, Fauteuils und Stühle von demselben Holze und in derselben Art, die Ueberzüge von dunkelrothem Sammet, vor Allem aber fällt uns ein großer Himmelsglobus auf, der sich in einer Ecke des Salons mit seinem Gestelle über 5 Fuß hoch erhebt und 33 berliner Zoll im Durchmesser hat.

Der Erwartete tritt alsbald aus der Thür eines anstoßenden Gemachs und bittet uns, ihm in dieses, sein Arbeitszimmer, zu folgen. Dieses finden wir ebenso komfortabel und elegant eingerichtet, mit Bücherschränken und Globen angefüllt, die Tische mit Büchern und Schriften bedeckt. Hoch oben auf dem kunstvoll gearbeiteten Schreibtische steht ein massives silbernes Kruzifix, meisterhaft gefertigt. Betrachten wir nun den Mann, der in moderner schwarzer Kleidung vor uns steht. Ein angehender Vierziger, schlank, hager, mit ernsten Gesichtszügen, hoher gewölbter Stirn, den Bart glatt abrasirt, das braun-schwarze Haar kurz und schlicht geordnet steht vor uns. Die Form seines Angesichts ist länglich, die Gesichtsfarbe spielt in’s Gelbliche, die Nase ist etwas gebogen und fast spitz auslaufend, und auf ihr thront eine Brille in goldener Fassung, deren scharfe Gläser uns nicht hindern, sogleich den eigenthümlichen, forschenden und durchdringenden Blick des Auges, den sogenannten Stechblick, wie ihn auch Dr. Justinus Kerner erkannte, zu gewahren.

Wir haben einen ruhigen, anspruchslosen, fast schüchternen Mann vor uns, der, wenn er jemand zum ersten Male sieht, beinahe einsilbig ist, bei näherer Bekanntschaft aber gesprächiger und, wenn die Unterhaltung auf seine »Wissenschaft«, die, wie er sagt, durch ihn erst wieder zu Geltung und zu Ansehen gelangen soll, gelenkt wird, von einer wahren Begeisterung ergriffen werten kann.

Herr K. V. ist in einer München nahe liegenden größern Stadt geboren und in Dürftigkeit aufgewachsen. Schon in der frühesten Jugend legte er eine auffallende Begeisterung für den gestirnten Himmel an den Tag; als Knabe zeigte er eine unbezwingliche Neigung zu der Sternkunde und schon als solcher, sowie später als Tischlerlehrling, verwendete er jeden freien Augenblick, den er erringen konnte, was sehr oft mit Verkürzung des Schlafs geschehen mußte, auf das Lesen astronomischer Bücher und auf die Betrachtung des gestirnten Himmels, sowie jeden Kreuzer, den er erübrigte, zur Vermehrung seiner kleinen astronomischen Büchersammlung. Als Tischlergeselle mußte er sich auf die Wanderschaft begeben, und er ging in die Schweiz, von da nach Hamburg und dann wieder in die Schweiz. Schon bei seiner ersten Anwesenheit in der Schweiz, im Kanton Aargau, wurde er auf die Astrologie geleitet. Bei seinem zweiten Aufenthalt wurde er in seiner Neigung zu derselben noch mehr, namentlich in Basel bestärkt, und hier war es, wo er »in den Sternen las«, daß er sich nach München begeben müsse, indem dort ein großes Glück seiner harre. Er mußte das Geld zur Reise dahin borgen und fand, in München angelangt, mehre Tage hindurch das verheißene Glück nicht, bis ihn eine höhere »Eingebung« dazu bestimmte, in dem Lotte gewisse Zahlen zusetzen, die ihn auch wirklich zwei Mal bedeutende Summen gewinnen ließen.

Nun kaufte er sich ein schönes Haus, heirathete und lebte in Stille und Zurückgezogenheit, sodaß in kurzer Zeit von dem »glücklichen Schreinergesellen« nicht mehr gesprochen wurde.

Obwol er sich unablässig mit seinen astrologischen Studien beschäftigte und mehrfach Personen das Horoskop stellte, wurde doch erst dadurch wieder die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, daß er der Gräfin M., einer Schwester des Fürsten W., das Horoskop ihres damals in Italien sich aufhaltenden Gemahls in München stellte, und die Ursache, die Art, die Zeit und den Ort seines Todes voraussagte. Dieser sowie andere ähnliche Falle waren die Veranlassung, daß Herr K. V. mit Gesuchen um Horoskopstellung besonders aus der sogenannten Créme der Gesellschaft bestürmt wurde. So prophezeite er die Thronentsagung König Ludwig’s; ferner daß der Friede zu Paris am 29. oder 30. März werde unterzeichnet, daß dem Kaiser Napoleon ein Knabe werde geboren werden, daß Kimburn, Kertsch, Kars und Sebastopol fallen würden, daß dem Kaiser Nikolaus ein großes Unglück treffen werde. Als einige Wochen später der Tod des Kaisers bekannt wurde, ärgerte sich der Astrolog darüber, daß er durch seine Berechnungen nicht diesen Tod, sondern blos ein großes Unglück gefunden habe. Er revidirte daher seine Berechnungen und fand einen Verstoß.

Für seine »Wissenschaft« wie Einer begeistert – seine Bibliothek enthält die meisten auf die Astrologie bezüglichen Werke von der ältesten bis zur neuesten Zeit, so weit sie nur aufgetrieben werden können, darunter Manuskripte und Inkunabeln – vertheidigt er sie auch mir aller Kraft. Erhebt man Einwendungen dagegen, daß die Astrologie eine Wissenschaft sei, daß die Sterne in irgend einer Beziehung zu dem Geschicke der Menschen stehen können u. s. w., so legt er mit Ruhe seine entgegengesetzte Ansicht dar und stützt diese im Wesentlichen auf folgende Sätze »Im Universum steht Alles, vom Geringsten bis zum Höchsten, im innigsten Zusammenhange, in steter Wechselwirkung und Beziehung zu einander, die ganze Welt hängt wie an einer unsichtbaren Kette an einander, und so wenig dem forschenden Geiste der innigste Zusammenhang aller Dinge der Erde entgehen kann, so wenig der Einfluß der Sonne, des Mondes und der Sterne auf die Erde geleugnet wird und geleugnet werden kann, eben so wenig kann, wenn man tiefer in die Geheimnisse der Schöpfung eindringt, der Einfluß der Gestirne auf die Bewohner der Erde bezweifelt werden. Schon die weisesten Völker des Alterthums glaubten an die Astrologie; in der Blütezeit der ägyptischen und arabischen Literatur wurde ihr die meiste Aufmerksamkeit zugewendet, unter den Römern traten Manilius und Julius Firmicus als astrologische Schriftsteller auf, und selbst Cicero verwirft sie nicht. Ptolemäus, die Zierde der alexandrinischen Schule, schrieb ein Werk »Ueber den Einfluß und Charakter der Gestirne«, und wie im Mittelalter die Astrologen Männer des Volkes waren, so haben auch große, mächtige und aufgeklärte Männer ihren Geist der Astrologie zugewendet, wie Kaiser Rudolph II., Alphons XI. von Kastilien, Ludwig XI. von Frankreich, Wallenstein, Tycho de Brahe, Kepler, Galilei, Baco, Thomas Aquino, Hieronymus Cardanus, und selbst der Reformator Philipp Melanchthon, der Schoner’s Buch mit einer Vorrede begleitete. Glaubte etwa nicht auch Napoleon I. an seinen Stern? Dieser Stern war der Regulus, die Sonne mit ihm verbunden in Mitte des Himmels. Nach seinem 41. Jahre fing sein Unglücksstern zu regieren an, und dieser stand von Anfang des russischen Feldzugs an in Quadratur mit Saturn. – Regulus ist auch der Stern Napoleon’s III., jedoch in einer ganz andern Konjunktur als bei Napoleon I.

»Die Astrologie verfiel aber mehr und mehr: sie verschwand gegen die Mitte des 18. Jahrh. fast gänzlich aus der Geschichte der Menschheit, und tauchte sie auch hier und da in der neuern Zeit, wie hei Pfaff, wieder auf und versuchte dieser ihre Ehrenrettung, so war man schnell damit fertig und nannte solche Erscheinungen, wie die Astrologie selbst, Verirrungen des menschlichen Geistes, Narrheit und dgl. An diesem Verfalle trugen die Astrologen selbst die Schuld, indem sie von der rechten Bahn abirrten. Diese kann und wird aber wieder aufgefunden werden, und schon August Wilhelm v. Schlegel sagte: Die Astronomie muß wieder zur Astrologie werden.«

Herr K. V. ist der Ueberzeugung, durch seine angestrengten Studien der alten Astrologen auf den rechten und untrüglichen Weg für astrologische Berechnungen gelangt zu sein, und er stellt in dieser Beziehung die Behauptung auf: »Das aristotelische oder ptolemaische System ist das richtige, um durch die Sterne magisch wirken zu können; das kopernikanische aber ist das wahre für die Astronomie, sowie zur Berechnung des Laufs der Sterne. Beide sind also wahr, jedes aber in einer andern, in seiner Beziehung.« – Ungeachtet seiner vieljährigen angestrengten Szudien und des glücklichen Erfolgs derselben gesteht der Astrolog unumwunden ein, daß er immer noch Anfänger in dieser Wissenschaft und noch weit entfernt von der Meisterschaft sei. Er ist aber der festen Ueberzeugnug, daß die Astrologie, durch ihn wieder zu Ehren gebracht, auf die richtige Bahn wieder geleitet und als Wissenschaft werde anerkannt werde.

Der Astrolog ist auch zugleich Seher, d. h. er hat, wie auch Dr. Theobald Kerner von ihm urtheilt, ein sehr bedeutendes Ahnungsvermögen, und abgesehen von dem, was er aus den Sternen erkennt, will er vermöge dieses Ahnungsvermögns schon mehre Vorhersagungen gemacht haben, die in Erfüllung gingen. Er scheint dieses von seiner Mutter ererbt zu haben, die, ohne in Somnambulismus zu verfallen, Erscheinungen gehabt haben soll, die sonst Niemand in ihrer Umgebung wahrnahm.

Eine von den Vorhersagungen des Astrologen vom Mai vorigen Jahres: »Der Friede, welcher im März vorigen Jahres geschlossen worden, werde längstens 1½ Jahre dauern, der Krieg jedoch nicht von Denen begonnen werden, die diesen Frieden geschlossen haben«, ist bereits durch den zwischen Persien und der Ostindischen Kompagnie ausgebrochenen Krieg erfüllt worden. Bezüglich dieses Kriegs aber sagt der Astrolog, daß er nur ein Vorspiel zu dem großen Drama sei, welches im Jahre 1857 statthaben werde. Auch das Zerwürfniß zwischen Preußen und der Schweiz sei ein solches Vorspiel, jedoch von sehr großem Einflusse auf die angedeutete Katastrophe und die in Folge derselben entbrennenden Kriege, welche alle Welttheile berühren würden, hauptsächlich aber Europa und Asien.

Wie man auch über Astrologie und Sehergabe denken mag, es ist nicht zu leugnen, daß Persönlichkeiten mit hervorwiegend starker Neigung für das an das Wunderbare streifende immerhin psychologisches Interesse haben, um so mehr in einer Zeit, welche sich ihrer ganzen Tendenz nach in direkten Gegensatz dazu gesetzt hat. Der vorherrschende Materialismus unserer Zeit mag vorschnell über solche Erscheinungen absprechen; die empirische Psychologie weist sie nicht unberechtigt zurück, sondern sucht sie zu analysiren, und damit haben sie ihre Bestimmung erfüllt.

Illustrirte Zeitung Nr. 711. Leipzig, den 14. Februar 1857.

Bayerische Landbötin (6.5.1860)

Der hier als »Astrolog« und »Prophet« bekannte Privatier C. Vogt hat sich gestern durch einen Pistolenschuß entleibt. Vermuthungen verschiedenster Art lassen Gründe zu diesem Schritte finden, doch dürfte wohl ein psychisches Leiden die wahre Veranlassung hiezu gegeben haben.

Der Verlebte hatte vor mehreren Jahren 2 mal das Glück, Quinternen in unserer Zahlen-Lotterie zu machen, was, wie er angab, eine natürliche Folge seiner astroligischen Studien war.

Vogt war auch Eigenthümer des Grundstückes am Anfang der Maximiliansstraße (zwischen der Wurzer- und Canalstraße), für das ihm bereits eine enorm hohe Summe geboten war, um die Straße vollenden zu können, doch hatte er »in den sternen gelesen,« daß er Millionen hiefür noch zu ernten habe und weigerte sich hartnäckig, diesen Platz käuflich zu überlassen.

Merkwürdig übrigens ist, daß viele seiner Vorhersagungen eingetroffen sind, weshalb er auch von sehr vielen Personen (besonders der höhern Stände) häufig consultirt ward. Wie man sagt, sollen große pecuniäre Verluste, die er beim Fall eines hiesigen adelichen Hauses zu erleiden hatte, dazu beigetragen haben, seine Leiden auf den höchsten Punkt zu treiben.

Bayerische Landbötin No. 127. München; Sonntag, den 6. Mai 1860.

Der Bayerische Landbote (7.5.1860)

Der Selbstmord des »Münchner Astrologen« bildet jetzt einen sehr wesentlichen Theil des Stadtgespräches. Allgemein hört man von der Verurtheilung des »Studiums«, das den Unglücklichen so weit hinein in die Bahnen des Aberglaubens trieb, doch den in seinem Privatleben sehr achtbaren Mann bedauern.

Bekanntlich war es bei ihm und zwar schon seit mehreren Jahren, zur fixen Idee geworden, er werde heuer einen Hauptgewinnst in einer Staatslotterie machen. Wie es scheint, sollte dieß nach Ausweis der Sterne die am 1. d. M. stattgehabte letzte Ziehung der österreichischen Loose im Jahre 1834 seyn, deren Haupttreffer 320,000 Gulden beträgt.

Wie man hört, soll Vogt nicht nur eine beträchtliche Anzahl von Staatslotterieloosen überhaupt, sondern auch in den Serien bereits gezogene Loose, und zwar zu mitunter sehr hohen Preisen, angekauft, und darauf einen großen Theil seines, wie bekannt, im Lottospiel gewonnenen und durch verschiedene Spekulationen vermehrten Vermögens verwendet haben.

Der Glaube, daß der ihm von den Sternen verkündigte Haupttreffer ihm gar nicht entgehen könne, war bei ihm zu solch einer unbedingten Gewißheit geworden, daß er mit der größten Seelenruhe dem Verfallstermine einer für einen hiesigen Cavalier, den Grafen B., übernommenen Bürgschaft für eine Summe, die sein Vermögen fast noch übersteigen soll, entgegensah, Freunde aufforderte, getrost auf seinen zu machenden Gewinnst die größten Wetten einzugehen, ja sogar bei einigen hiesigen Bankiers angefragt haben soll, ob sie diesen noch zu machenden Gewinnst nicht im Voraus diskontiren wollen.

Da kam endlich der Ziehungstag und – die Sterne hatten gelogen! Den Seelenzustand des unglücklichen Mannes zu ermessen, dürfte wohl schwer seyn. Was viele seiner Freunde in dem nun eingetretenen Falle, daß Vogt endlich den Beweis der Nichtigkeit seiner Prophezeihung erhalten werde, befürchteten, Wahnsinn oder Selbstmord, hat sich leider bewahrheitet.

Man kann wohl annehmen, daß Vogt in einem unzurechnungsfähigen Gemüthszustande die unselige That ausführte. Er hinterläßt eine seit langer Zeit schwer kranke Gattin und fünf Kinder. Was die erwähnte von ihm für den Grafen B. geleistete Bürgschaft anbetrifft, so dürften vielleicht doch Anhaltspunkte sich finden lassen, welche die Rettung wenigstens eines Theiles des Vermögens für seine Hinterbliebenen ermöglichen.

Der Bayerische Landbote Nr. 128. München; Montag, den 7. Mai 1860.

Allgemeine Deutsche Biographie (1896)

Vogt: Johann Karl V., Astrolog, geboren am 13. Februar 1813 zu Augsburg, war bei der großen Dürftigkeit seiner Familie zum Schreiner bestimmt, zeigte aber schon in frühester Jugend eine auffallende Begeisterung für den gestirnten Himmel und eine unbezwingliche Neigung zu der Sternkunde; er verwendete häufig mit Verkürzung des Schlafes jeden freien Augenblick auf das Lesen astronomischer Schriften und jede vom Munde abgesparte Erübrigung zur Vermehrung seiner kleinen Büchersammlung. Nach Ablauf der Lehrzeit ging V. auf die Wanderschaft nach der Schweiz, wo seine Neigung zur Astrologie überraschende Nahrung fand, er durchzog dann Deutschland bis Hamburg, wendete aber wieder nach Basel und dem Thurgau zurück, wo man den stillen Menschen, der außer der Arbeit keine Bedürfnisse hatte als Bücher zu lesen, gerne sah und derselbe eine Menge kleiner Schriften zusammenbrachte und geschenkt erhielt. Zu Basel las V. »in den Sternen«, daß er sich nach München begeben müsse, indem dort ein großes Glück seiner harre. Er borgte das Geld zur Reise und wartete zu München mehrere Tage auf das Eintreffen der Versprechung, bis ihn plötzlich »eine höhere Eingebung« bestimmte, in dem Lotto gewisse Zahlen zu besetzen. V. that dieses und hatte sofort die Summe von 66 000 Gulden gewonnen, wenn diese nicht durch die von der Lottoadministration verfügten Abstriche auf 27 000 Gulden reducirt worden wären. Indessen machte ihn schon diese Summe zum reichen Manne, er gab das Tischlerhandwerk auf, kaufte sich ein gutes Fernrohr und lebte ausschließlich seinen astrologischen Studien, die er jetzt mit unermüdlichem und rastlosem Eifer verfolgte und um so energischer betrieb, als er sich alle erforderlichen Hülfsmittel seiner »Wissenschaft« verschaffen konnte. Kurz darauf gewann V. aus derselben Quelle 43 000 Gulden, die ihm dieses Mal unverkürzt ausbezahlt wurden. Nun kaufte er sich ein schönes Haus in der Luitpoldstraße, dazu zwei Gärten (in einer zur künftigen Stadterweiterung äußerst günstigen Lage, deren Werth alsbald bedeutend stieg, so daß V. selbe noch um den Preis einer Million losschlagen zu können hoffte), heirathete und vergrub sich ganz in die Stille und Zurückgezogenheit seiner Studien, berechnete für sich und viele andere Personen das »Horoskop«, immer uneigennützig, ohne für seine Bemühungen eine Gegengabe zu fordern oder anzunehmen.

Es war ein schlanker, hagerer, etwas vorgeneigt gehender Mann, mit ernsten, farblosen Gesichtszügen, hoher gewölbter Stirne, schwarzhaarig, glattrasirt, mit einer damals noch sehr seltenen goldenen Brille, sorgfältig gekleidet; seine Gestalt prägte sich unwillkürlich der Erinnerung ein; er war eine stadtbekannte Persönlichkeit, von der eigentlich Niemand etwas besonderes wußte, als daß er der »traurige Tischlergeselle« genannt wurde, mit dem Beisätze, er habe durch die »Sternguckerei« zwei Mal große Gewinne in der Lotterie gemacht. Sein Name kam erst in Flor als er der Gräfin M., einer Schwester des Fürsten W., das Horoscop ihres damals in Italien lebenden Gemahls gestellt und die Ursache, Art, Zeit und Ort seines Todes, ebenso dessen in Amerika befindlichen Sohnes vorausgesagt hatte. Diese und andere ähnliche Fälle gaben den Anlaß, daß der gerade nicht leicht zugängliche Mann – auswärtige Zuschriften und Anfragen wurden niemals berücksichtigt – plötzlich mit Gesuchen um Horoscopstellung, insbesondere aus der sogenannten Crême der Gesellschaft bestürmt wurde. Fast täglich warteten Equipagen vor seinem Hause und wenn auch keine Kaiser und Könige, so kamen doch Prinzen und Fürsten, Grafen, Freiherren, Professoren, Staatsbeamte, Officiere, kurz Leute jeden Standes, Alters und Geschlechts, so daß V. nimmer im Stande war, den kauderwälschen Wünschen und Ansprüchen zu genügen und mit geringen Ausnahmen fast Allen die Thüre schloß, nur um Rast und Zeit für seine, immer sehr umständlichen und weitläufigen Berechnungen und Kombinationen zu erübrigen.

V. selbst hat niemals über den Gang seiner Forschungen und über die gewonnenen Resultate geschrieben, er gestattete aber dem alten Polyhistor Ludwig Hauff (welcher am 4. November 1866 siebzigjährig aus dem Leben schied) allerlei Einblicke in seine Methode, worüber der gelehrige Hauff alsbald in allerlei Zeitungen und Broschüren in die Oeffentlichkeit berichtete. Dem Vorwurf, daß die Astrologie zum Fatalismus führe, setzte V. entgegen, daß der Mensch die bösen Neigungen bekämpfen und den Einfluß der ungünstigen Sterne beseitigen und besiegen könne. Auch über Vogt’s System verbreitete sich Hauff und gab als Beispiele die Horoscope auf Marschall Pelissier, Admiral d’Urville, Nikolaus Lenau, König Ferdinand II. von Neapel, König Friedrich August von Sachsen, Kaiser Nikolaus von Rußland, Napoleon I. und Napoleon III., Nero und sein eigenes, welches neue sanguinische Erwartungen in nächster Folge und sicherer Aussicht zeigte. Auch bethätigte sich V. als »Seher«, theils mit höchst unbestimmten Verheißungen, theils mit sicheren Aussprüchen, wozu es keiner besonderen Wissenschaft bedurft hätte, z. B. daß der Papst noch viele Trübsale zu erleben habe, daß dem Kaiser Alexander II. ein großer Beruf in Asien erblühe, daß die Sonnenfinsterniß des Jahres 1858 von einer großen, fünfjährigen Nachwirkung begleitet sei, daß zu Constantinopel ein großer Schatz gefunden werde u. dergl. Neben solchen Nichtigkeiten findet sich schon 1858 der Satz »daß der Prinzregent von Preußen an die Spitze der deutschen Heere treten, daß er im Laufe des Krieges sich zum großen Feldherrn heranbilden und am Ende ein siegreicher und ruhmgekrönter königlicher Heerführer sein und dann zurückerobern werde, was Deutschland vor Jahrhunderten verloren habe«. Dazu kam aber als Probirstein seines Wissens auch der zuversichtliche Ausspruch, von dessen Erfüllung oder Nichterfüllung sein und seiner Familie Glück oder Unglück bedingt sein sollte, daß er noch vor dem 1. Juni 1860 einen neuen, colossalen Gewinn in einer Staatslotterie machen werde. V. hatte nämlich, um einen ihm befreundeten, durch Mißwirtschaft tief verschuldeten Edelmann aus namenloser Verlegenheit zu lösen, die wechselmäßige Verpflichtung übernommen, bis zu jenem vorgenannten Termine die Summe von einmalhunderttausend Gulden zu bezahlen und zur Sicherheit der Wechselgläubiger sogar zu einem Eintrag im Hypothekenbuche bezüglich seiner beiden Gärten, dem vorgenannten Millionengarten an der Maximilianstraße und dem Garten in der Luisenstraße gewilligt. Daß er eine solche Verpflichtung übernahm, erregte um so größeres Staunen, als er rechtlich hiezu durchaus nicht verbunden war und überdies doch wissen mußte, daß sein ganzer Besitz auf dem Wege einer etwaigen Zwangsversteigerung weit unter dem imaginären Werthe losgeschlagen würde. Vogt’s Freunde waren darüber entsetzt, daß er unter solchen Umständen, als sorgsamer, liebevoller und treuer Gatte und Vater eine Verpflichtung auf sich wälzte, die seine und seiner Familie Existenz gefährdete, die er nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge unmöglich erfüllen könne, die sein Vermögen übersteigen und ihn des ganzen bisher erworbenen Besitzes berauben müsse. V. aber erklärte mit unüberwindlicher Zuversicht: »Gott wird mir helfen. Ich werde meiner Verpflichtung nachkommen und noch vor dem ersten Juni einen Gewinn in einer Staatslotterie machen, der mehr als genügend ist. Es wird sich zeigen, ob an meinem Wissen etwas Wahres ist oder nicht!« Seine Erwartung wurde völlig getäuscht. V. hätte den Verlust seines Vermögens ertragen, nicht aber den gänzlichen Ruin dessen, was er als seine heiligste Wissenschaft erklärt hatte. Der in seinen tiefsten Combinationen völlig irregewordene und vernichtete Mann endete schon am 4. Mai 1860 durch einen Schuß sein Leben. Seine Gläubiger nahmen Alles. Die in ihrem Ensemble werthvolle Bibliothek wurde maculirt, das schön eingerichtete Haus nebst den Gärten subhastirt. Die Kinder griffen der Mutter nach Möglichkeit unter die Arme, ein Sohn starb, ein anderer trat in den Staatsdienst, die feingebildete Tochter fand als Erzieherin eine Stelle in einem hochadeligen Hause. In demselben Jahre erschien Ludwig Bcchstein’s »Geschichte der Astrologie« und J. Ennemoser’s Broschüre über »Das Horoskop in der Weltgeschichte«. Vogt’s Porträt findet sich im XXVIII. Bande der Illustr. Zeitung, Leipzig 1857, S. 143.

Vgl. Der Astrolog und Seher zu München und sein Versuch einer Wiederherstellung der Astrologie, nebst Andeutungen über sein Betreiben derselben und seiner Vorhersagungen. Von Ludwig Hauff. Mit 6 astrolog. Tafeln. Heilbronn u. Leipzig 1858 (in 4 Auflagen). – Die in Erfüllung gegangenen und weiteren Vorhersagungen des Astrologen und Sehers zu München. Von Ludwig Hauff. Mit dem Horoscop des Kaisers Alexander II. München 1859. – Das Horoskop Napoleon’s III. von dem Astrologen und Seher Johannes Karl Vogt – und dessen neueste Vorhersagungen über die Geschichte Europas, Deutschlands, das Ende Napoleon’s III. u. s. w. herausgegeben von Ludwig Hauff. München 1860.

Hyac. Holland.

Dr. phil. Hyazinth Holland: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1896.



© Reiner Kaltenegger · Gräber des Alten Südfriedhofs München · 2007-2026


Erstellt mit jutoh digital publishing software (Anthemion Software Ltd.)