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Das Grab ist nicht erhalten
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Scheuchzer, Ursula (vw) / Deggeler (gb); 25.9.1795 (Schaffhausen) – 13.10.1867 (München); Portraitmalerin
Scheuchzer, Wilhelm Rudolf; 24.3.1803 (Hausen/Kanton Zürich) – 28.3.1866 (München); Pfarrers-Sohn / Landschaftsmaler
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Deggeler (gb)
* 25.9.1795 (Schaffhausen)
† 13.10.1867 (München)
Portraitmalerin
Todes-Anzeige.
Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, gestern Nachmittags 5 Uhr
Frau
Ursula Scheuchzer,
geb. Deggeler aus Schaffhausen
Landschaftsmalers-Wittwe,
im 73. Lebensjahre unvermuthet schnell in ein besseres Jenseits abzurufen.
Diese Trauerkunde wird von befreundeter Hand allen Bekannten und Freunden der Verlebten hiemit mitgetheilt.
München, den 13. Oktober 1867.
Im Namen der Hinterbliebenen.
Die Beerdigung findet Dienstag, den 15. Oktober, Nachmittags halb 4 Uhr, vom Leichenhause aus statt.
Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik Nr. 287. Montag, den 14. Oktober 1867.
Deggeler, Ursula, Malerin, geb. am 25. Sept. 1795, gest. 1867. Aus früheren Jahren ist nichts bekannt; später lebte sie mit ihrem Gatten, dem zürch. Maler Wilhelm Rudolf Scheuchzer, bei dem sie kurze Zeit Zeichenunterricht genoß, in München. 1876 waren in Schaffhausen aus Privatbesitz ausgestellt: Portrait eines 103jähr. Mannes; »Neapolitanerin mit Kinde«; »hl. Familie« nach Riepenhausen. Sie hat in Zürich Miniatur-Portraits (von sehr verschiedener Qualität) gemalt.
Aus d. genealog. Register. – Kat. d. Ausst. von 1876. – N.-Bl. d. K.-Ges. Zürich, 1867, p. 2. Vogler
Vogler: Schweizerisches Künstler-Lexikon. Frauenfeld, 1905.
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* 24.3.1803 (Hausen/Kanton Zürich)
† 28.3.1866 (München)
Pfarrers-Sohn / Landschaftsmaler
Wilhelm Scheuchzer.
Eine biographische Skizze.
Das Menschenleben währet eine kurze Spanne Zeit. Ehe wir uns versehen, sind wir alt geworden, und der Tod überrascht uns inmitten unserer Entwürfe und unserer hochfliegenden Pläne, und drückt uns das Auge zu, ehe wir uns noch recht umgesehen in dieser Welt, und uns recht klar geworden sind über Ziel und Bestimmung dieser flüchtigen Erdenwallfahrt. Was sind sechzig und siebenzig Jahre trotz aller Fülle von Erfahrungen und Genüssen, die sie uns boten, wenn wir die Summe des wirklich Erreichten dem gegenüber halten, was wir zu erstreben gewillt waren!
Wenn uns bei dem Gedanke der engen zeitlichen Schranken, die unserer irdischen Wirksamkeit gezogen ist, das Gefühl des Schmerzes und der Verzagtheit unwillkührlich überrascht, so müssen wir andererseits einen ausgleichenden und versöhnenden Trost aus der Ueberzeugung schöpfen, daß für alles menschliche Wirken der Maaßstab der Trefflichkeit im festen, klaren und besonnenen Willen, in dem unbeirrten Streben nach einem hohen und schönen Ziele liege. Der moralische Werth eines Mannes beurtheilt sich nach der Stetigkeit und Sicherheit, womit er auf der Bahn der Entwicklung fortschreitet. Das gilt vom Künstler wie vom Dichter, vom Gelehrten und Staatsmann wie vom schlichten Handwerker. Geben wir einem Solchen das Geleite zu seiner letzten Ruhestätte, so mögen wir mit Claudius sprechen:
»Wir haben einen guten Mann begraben!«
Wenn je Einer, so gehörte unser verewigte Freund Wilhelm Scheuchzer zu denen, die eines solchen Nachrufes im vollen Maaße würdig sind. Er hat jene allgemeine, humane Aufgabe des Menschenlebens getreulich gelöst, und sein redliches Streben auf dem von ihm gewählten Gebiete der Kunst hat ihn auch trotz aller Fährlichkeiten und Hindernisse zu einem im hohen Grade achtungswerthen Ziele geleitet. Allen denen, die ihn – den Liebeswürdigen – persönlich kannten und liebten, und all den vielen Freunden, welche er durch seine künstlerischen Schöpfungen gewann, seien die nachfolgenden Zeilen zur freundlichen Erinnerung an den Verlebten gewidmet.
Wilhelm Scheuchzer gehörte einem uralten Schweizergeschlechte an, das noch, wie alle alten bürgerlichen Geschlechter, Familienwappen und Stammbaum und zudem einen eigenen Familienfond besitzt. Schon im Jahre 1480 waren die Scheuchzer in Zürich eingebürgert, und wie damals die Pfarrstellen des Kantons fast ausschließlich durch Bürger der Stadt, denen das Studium der Theologie, gerade auch durch die Familienfonds, bedeutend erleichtert war, besetzt wurden, so stand der Vater unsers Freundes zur Zeit seiner Geburt an derjenigen in Hausen.
Am 24. März 1803 erblickte Wilhelm das Licht der Welt. An der Straße nach Zug, westlich vom Albis, nahe der Grenze gegen die innere Schweiz, liegt seine Geburtsstätte, das Pfarrdorf Hausen, Kantons Zürich. Diese erste, bergumgürtete Heimat mußte er schon im siebenten Jahre verlassen, da sein Vater nach dem ansehnlichen Pfarrdorf Basserstorf an der dazumal sehr belebten Landstraße von Zürich nach Winterthur als Seelsorger berufen wurde. Hier verlebte er seine Knabenjahre und reifte unter der sorgsamen Pflege liebender Eltern zum Jünglinge heran.
Schon im Knaben regte sich die leise Ahnung künftiger Bestimmung; die Kunst trat an ihn heran, bereitete ihn vor zu ihrer Jüngerschaft und leitete die kleine Hand bei den ersten Versuchen, das einwohnende Schönheitsgefühl zum Ausdruck zu bringen. Seine liebste Beschäftigung fand er im Zeichnen. Er vergaß darüber das Spiel, und die sorgliche Mutter mußte ihm mit Gewalt den Stift aus der Hand nehmen und den Jungen in's Freie treiben, damit er nicht körperlich verkümmere.
Der entschieden ausgesprochenen Neigung trugen auch die verständigen Eltern Rechnung. Sie sendeten den heranreifenden Jüngling in seinem 16. Jahre nach Zürich, woselbst er bei dem verdienstvollen Landschaftsmaler Heinrich Maurer in die Lehre trat. Maurer stund im Rufe als gewandter und praktischer Lehrer; aber er betrieb neben der Kunst auch das Handwerk der Flachmalerei, und es scheint, daß die Verwendung seines jungen Schülers auf diesem minder idealen Felde und zu dem trübseligen Geschäfte des Farbenreibens ab und zu Anlaß zu Conflikten gegeben habe. Die geisttödtende Arbeit hielt den Zögling in seiner künstlerischen Entwickelung zurück, und selbst sein Körper erlag den gefährlichen Einflüssen der Farbenbereitung. Mehrfache Anfälle von Bleikolik brachten ihm schweres Siechthum.
Die Thatsache spricht übrigens dafür, daß die Gegenseitigkeit zwischen Scheuchzer und seinem Lehrer für die Dauer keine unfreundliche und mißgünstige gewesen sein mochte. Denn während der nahezu vier Jahre, welche die Lehrlingszeit dauerte, fand sich immerhin noch Gelegenheit zu wirklich künstlerischer Thätigkeit und namentlich zum Copiren von Vorbildern, in deren Wahl ihm der Lehrer behilflich war. Der entschiedenste Beweis eines liebevollen Verhältnisses dürfte aber darin zu suchen sein, daß Maurer noch wenige Wochen vor seinem Tode, i. J. 1822, mit seinem Schüler eine kleine Wanderung nach Kyburg unternahm. Der Biograph Maurers (Vrgl. Neujahrsblatt der Künstlergesellschaft für 1824 Seite 10) erzählt insbesondere, wie sich Lehrer und Schüler in ihren wechselseitigen Ergüssen über die unendliche Schönheit der Natur begegneten, und wie der Erstere einem jungen Freunde die Gefühle anklingender Todesahnung mittheilte. Derlei Zwiegespräche greift nicht Platz, wo die Herzen von einander abgewendet sind.
Nach Maurers Tode wurde Scheuchzer als Malergeselle freigesprochen. Aber dieser Freispruch kümmerte ihn wenig; denn der Gedanke, das Handwerk völlig aufzugeben und sich ausschließend der Kunst zu widmen, stund in ihm unerschütterlich fest. So kehrte er der Werkstatt den Rücken, wanderte heim zu den Seinen, und arbeitete in dem stillen Pfarrhause zu Basserstorf fleißig und viel, meist kleine Prospekte für den damaligen Kunst- und Buchhändler Trachsler in Zürich. Es war keine gewerksmäßige Flachmalerei, kein Farbenreiben und Anstreichen; aber es war doch immerhin kein freies, fröhliches Künstlerschaffen, sondern ein Tagelöhnern um Geld und Verdienst. Scheuchzer hat nie mit rechter Freudigkeit von diesen Tagen gesprochen.
Ein desto größerer Hochgenuß erwartete seiner das nächste Jahr, da es ihm zum ersten Male vergönnt war, in frohsamer Wanderung an der ewig jungen Schönheit der Schweizer Heimat sein Künstlerauge zu weiden und Stoff zu sammeln für Studien, Skizzen und Entwürfe. Gemeinsam mit seinem Freunde Heinrich Reutlinger durchstreifte er das Berner Oberland mit Stift und Mappe, fleißig schaffend und an die ersten bedeutenderen Versuche sich wagend, in freier, künstlerischer Auffassung die reizvollen Landschaften jener Perle Helvetiens wiederzugeben. Der folgende Sommer (1825) fand ihn nicht minder zur Wanderschaft gerüstet. Sein Ziel war die wälsche Schweiz und Norditalien bis Mailand. St. Gotthard und Splügen wurden rüstig überschritten und die Blätter seines Zwickbüchleins gaben Zeugniß einer reichen künstlerischen Ausbeute und eines nimmermüden Fleißes, dem nur eine überraschend enifallende, schwere Krankheit eine Grenze zu setzen vermochte. Da ward ihm Beistand und freundliche Theilnahme von Pfarrer Konradi, dem Schilderer Graubündtens, welchen verwandte Neigung und gleicher Sinn für künstlerische Naturanschauung zu dem Jünglinge hinzog. Bei solch liebevoller Pflege genaß Scheuchzer alsbald wieder.
In demselben Jahre war es, daß der Künstler auf einem seiner kleineren Ausflüge um den Zürcher See des Geleites einer älteren Dame und zweier junger, lebensfrischer Mädchen sich erfreute, denen er das Auge für die Geheimnisse landschaftlicher Schönheit zu öffnen und die Hand zu lenken hatte bei ihren ersten Versuchen, den Stift künstlerisch zu handhaben. Der junge Mentor that getreulich, was seines Amtes war; aber der eine der jungen weiblichen Zöglinge scheint mittlerweile den Meister hinwieder in ein anderes Geheimniß eingeweiht zu haben, für das ein empfindsames Künstlerherz nicht minder empfänglich ist, als für den Zauber der Natur. Das war Fräulein Ursula Deggeler aus Schaffhausen, und unserem Freunde mochte schon damals das Gefühl beschlichen haben, das er mehr als zwei Dezennien hindurch bewahrte, bis es ihm die Verhältnisse ermöglichten, die Geliebte zum Altare zu führen.
Die Errungenschaft von Scheuchzers größern beiden Reisen war eine Reihe hübscher, fleißig ausgeführter Aquarelle, welche ungemein gefielen und den ersten Grundstein zu seinem Rufe legten. Er ward mit Aufträgen einheimischer Kunsthändler bedacht; aber es war wenig darunter, was seinem freien, künstlerischen Schaffensdrange zusagte, und er mußte viel Unerquickliches mit in den Kauf nehmen. Die gemeine Noth des Lebens hing ein bleiernes Gewicht an die Flügel seines Geistes. Erst im Jahr 1826 trat ein glücklicher Wendepunkt ein, da ihn Kunsthändler Velten in Karlsruhe engagirte, eine Reise durch das Fürstenbergische Ländchen anzutreten, und eine Serie von Landschaften nach der Natur aufzunehmen und für sein Institut in Aquarell auszuführen. Mit freudiger Begeisterung ging Scheuchzer den Vertrag ein, der ihm vorläufig eine Aussicht auf anziehende und lohnende Arbeit bot. Im Juli desselben Jahres schnürte er sein Ränzlein und wanderte gen Karlsruhe, wo er unter Anderen auch seine Landsleute, den Porträtmaler Oeri aus Zürich und den jüngst in Stuttgart verstorbenen Landschaftsmaler Obach traf, so daß ihm auch in der fernen Fremde noch der Klang heimischer Sprache wohlthuend an's Ohr schlug. Also trat er in erhöhter Freudigkeit seine Mission an. Zwölf ausgewählte Ansichten des Fürstenberg'schen Landes wurden aufgenommen und in Aquarell (Groß Quart) ausgeführt; gegen vierzig Veduten von Karlsruhe, Baden-Baden u. a nach der Natur gezeichnet und für die erwähnte Kunsthandlung lithographirt, daneben Copien nach Bildern von Thiermaler Kunz und Anderen auf Stein gezeichnet.
Aber gerade diese unselbstständigen Arbeiten und manch' anderweite kleinliche Aufträge, die ihn zwangen, Pinsel und Palette aus der Hand zu legen und den Trieb nach freier Schöpfung um des leidigen Verdienstes willen zu unterdrücken, verleideten schließlich unserem Freunde den Aufenthalt in Karlsruhe. Trotz der eifrigen Versuche Veltens, den fleißigen und bewährten Künstler seiner Anstalt zu erhalten, festete sich in diesem doch der Gedanke, Alles, was einer Fessel glich, abzustreifen und sich für seine artistische Thätigkeit ein weniger begrenztes Feld zu suchen. Der Reproduction müde, wollte er nun einmal seinem schöpferischen Drange im vollen Maaße genügen und den Genuß wahrhaft künstlerischen Wirkens in ganzen Zügen kosten.
Damals begann München unter dem Mäzenatenthum König Ludwig des I. eine kunstgeschichtliche Bedeutung zu gewinnen. Aus allen Gauen Deutschlands wanderten die Jünger der Kunst dem Weichbilde der bayerischen Metropole zu, welche in jener Periode einen überraschenden Aufschwung zu äußerer und innerer Entwicklung nahm und in deren Mauern ein anregendes, von der Gunst des Regenten reich unterstütztes Künstlerleben sich entfaltete. Dahin richtete auch Scheuchzer seine Blicke, und als er erst mit seinen Verbindlichkeiten in Karlsruhe Abrechnung gepflogen hatte, griff er auch wirklich zum Wanderstabe und eilte freudig und hoffnungsvoll seinem neuen Ziele entgegen. Es war im Juli 1830, daß er seine Werkstätte in München aufschlug, sich schnell in einem Kreise von Freunden und Landsleuten zurecht fand und nun auch ausschließlich und selbstständig seinem gewählten Fache der Landschaftsmalerei mit aller Liebe und mit gewissenhaftem Eifer sich hingab. Wohl galt es manchen Kampf durchzukämpfen, manche Entbehrung zu dulden und manche Mißkennung zu vermeiden; aber Ausdauer und frischer, jugendlicher Künstlermuth halfen unserm Freund über alle Klippen weg, und für trübe und drückende Empfindungen fand er ausgleichenden Ersatz in Gottes herrlicher Natur, deren Reizen er mit sorglicher Liebe nachspähete, und für welche er ein empfängliches Gemüth hatte, wie Wenige. Seine zahlreichen Wanderungen durch das bayerische Hochland dehnte er im Jahre 1837 auf das Salzkammergut, 1839, 1840 und 1841 auf Nord- und Südtyrol und Graubündten aus. Seine, mit großer Sorgfalt geordneten Mappen füllten sich mit einem reichen Schatze fast durchweg ausgeführter Skizzen und Aquarelle, welche er insbesondere auch als verständiger und methodischer Zeichnenlehrer zu verwerthen wußte.
In verhältnißmäßig kurzer Zeit gewann unser Freund einen anständigen Ruf als tüchtiger, gewandter und feinfühlender Künstler; seine Bilder fanden Absatz, und manch ehrenvoller Auftrag ward ihm zu Theil. Für S. k. Hoheit dem Prinzen Karl von Bayern nahm er im Jahr 1835 zwölf Ansichten von Tegernsee auf und führte sie in Aquarell aus. Als der dem künstlerischen wie wissenschaftlichen Streben gleich geneigte, für die Hoffnungen seines Landes zu früh verstorbene König Max II. von Bayern noch als Kronprinz sein reizendes Bergschloß Hohenschwangau am Schwansee umbauen und mit reichem künstlerischem Schmucke versehen ließ, da berief er unter Andern auch Scheuchzer und übertrug ihm die Ausführung von sechs großen enkaustischen Wandgemälden, orientalische Landschaften nach Zeichnungen von Widmer darstellend, mit denen sich der Künstler selbst ein schönes, dauerndes Ehrendenkmal setzte (April bis Ende Oktober 1836). Von nicht minderem Belange ist eine spätere Schöpfung desselben, die in Aquarell ausgeführten Copieen der berühmten al freso gemalten italienischen Landschaften Rottmanni's unter den Arkaden des Münchener Hofgartens. Wenn auch nur Abbilder, überraschen diese doch durch ihre wunderbare Treue, durch die Frische und Lebendigkeit der Farben und durch das Eingehen in Geist und Stimmung des großen Meisters. Die bayerische Staatsregiernng hat die Ehre, die sie dem Lebenden versagte, dem Todten erwiesen, und in neuester Zeit diese schätzbare Sammlung für das k. Kupferstich-Kabinet gegen eine lebenslängliche Pension der Wittwe erworben.
Neben dieser produktiven Thätigkeit verwendete Scheuchzer jede freie Stunde für den Unterricht. Seine entschiedene und faßliche Methode verschaffte ihm alsbald den Ruf eines glücklichen Lehrers, und er wußte seinen zahlreichen Schülern und Schülerinnen alsbald so viel technische Gewandtheit beizubringen, daß er in ihnen die Lust des Schaffens überraschend schnell weckte. Dazu verhalf ihm namentlich auch eine graziöse Manier, die für zierliche Veduten sonderlich anwendbar war. So wurde Scheuchzer, der schlichte, einfache und naive Künstler, selbst in den Salons dilettirender Prinzessinnen und Fürstinnen eine gesuchte Persönlichkeit, so wenig er sich auch je seiner hohen Bekanntschaften rühmte.
Eine neue Wandelung erfuhren die Lebensverhältnisse unseres Freundes, als er im Jahre 1846 Fräulein Deggeler, die wir schon früher kennen gelernt, zur vielgeliebten Hausgenossin machte. In der Kirche seiner Heimat ließ er sich den Segen geben zu seiner Ehe, in welcher er zwanzig Jahre hindurch sein Glück und sein volles Behagen fand. Der Unterschied gegen die frühere Junggesellen-Wirthschaft bestund aber wesentlich nur darin, daß er nun seine zahlreichen Wanderungen durch das bayerische Hochgebirge, durch alle Winkel Tyrols, Kärnthens und des Salzkammergutes im Geleite seiner gleich wanderrüstigen Gattin machte, und an ihr eine theilnehmende und mitfühlende Genossin seiner schönsten Stunden fand, – der Stunden, wo ihm Gott die Gnade unmittelbaren und unverkümmerten Genusses der Herrlichkeiten seiner Schöpfung gewährte. Es lag etwas ungemein Pietätvolles, etwas Rührendes in Scheuchzers Freude an der Natur, die er in ihren verborgensten Reizen, in den Emanationen ihrer vielgestaltigen Schönheit belauschte. Er konnte sich, um einen Ausdruck Hebels zu gebrauchen, an Allem «verdörle«, und durch diese Unmittelbarkeit, in welcher er zur Natur stund, rettete er sich bis in die Jahre seines Alters eine wundersame Frische und Kindlichkeit des Gemüthes. Seine Bilder waren auch der vollendete Widerschein seiner Gemüthslage. Weniger kühn und gewaltig, als klar, harmonisch und beruhigend, weniger nach effektvollen Stimmungen haschend, als mit sinnigem Verständnisse und wahrheitsgetreuer Auffassung der Landschaft seiner eigenen freundlichen Naturanschauung Ausdruck gebend, so malte Scheuchzer mit ächt deutscher Gewissenhaftigkeit und Liebe, und mit einem äußerst feinen Gefühl für Form und Farbe, unbekümmert um den Vorwurf, daß alle seine Bilder etwas Vedutenartiges hätten. Seine Schöpfungen waren, wie er selber – gemüthvoll, wahr und ohne alle Effekthascherei.
Sei es uns gegönnt, das Leben und Wirken unseres verewigten Freundes in den letzten Dezennien noch mit etlichen flüchtigen Federstrichen zu schildern. An eine Reihe von größern und kleineren Ausflügen, welche er zum Theile im Auftrage des Münchener Buchhändlers Franz und zur Ergänzung von dessen Kunstwerkes »das malerische Bayern« unternahm, knüpfte er i. J. 1854 wiederholt eine größere Tour durch das nordwestliche Tyrol, und von hier in das bayrische Algäu. Mit einer äußerst reichhaltigen Sammlung von Skizzen und Studien gelangte der fleißige Wanderer in den algäuischen Badeort Tiefenbach, wo er an dem eben dort weilenden Prinzen Luitpold (Onkel des jetzt regierenden Königs Ludwig II. von Bayern), dessen erlauchte Gemahlin zu seinen Schülerinnen gehörte, einen freundlichgesinnten Mäcen fand. Das rege Interesse, womit der Prinz die Mappe des Künstlers durchblätterte, bekundete er auch sofort, indem er diesem die Ausführung einer Landschaft, des reizenden Tanheimer Thales im ebern Tyroler Lechgebiete, für seine Sammlung übertrug. Ein größerer Theil der Errungenschaften dieses und eines spätern Streifzuges (1863) durch das Algäu war für das oben erwähnte Werk »das malerische Bayern« bestimmt, und wurde von verschiedenen Künstlern in Stahlstich reproduzirt.
Im Jahre 1860 überraschte unseren Freund noch einmal die Sehnsucht nach der Heimat. Im Geleite der Gattin, seiner treuen Gefährtin, trat er die Reise an, durchwanderte das Appenzeller Ländchen, die Kantone St. Gallen, Glarus und Zürich, und erfrischte sich noch einmal an halbverklungenen Jugenderinnerungen. Der größte Theil der Wanderung ward zu Fuß zurückgelegt, und daß hiebei auch Phantasie und Hände rüstig schafften, bewies die erkleckliche Künstlerausbeute, womit er seine Sammlungen daheim zu vermehren und zu ergänzen vermochte. Mit dieser ökonomischen Benützung seiner Wanderungen brachte es Scheuchzer zuwege, daß ihm die Vorwürfe für seine zahlreichen Oelgemälde nie ausgingen, und daß diese nicht nur durch ihre Anordnung, Farbe und Durchführung, sondern auch durch den Reiz des behandelten Stoffes selbst anzogen. Er wußte den Reichthnm seiner Studien bei Ausführung seiner größeren Schöpfungen durch geeignete Auswahl glücklich zu verwerthen, und so fanden seine Bilder in der Heimat und Fremde Anklang. Selbst der kunstsinnige König Ludwig I. von Bayern erwarb eines seiner neuern Gemälde (Insel Ufnau im Zürcher See 1861), und verleibte es zur Ehre des Künstlers der neuen Pinakothek in München ein, und als der Tod bereits unserm Freunde die Palette aus der müden Hand genommen, gelangte noch ein Bild von ihm (Tells Kapelle, vollendet im Dezember 1865) in den Besitz des jetzt regierenden Königs Ludwig II.
Mit 1863 schlossen sich die Wanderjahre unseres verewigten Freundes; aber seine künstlerische Thätigkeit litt damit keinen Eintrag. Mit ungebrochener Kraft handhabte er Stift und Pinsel, obwohl der Abend seines Lebens schon hereingebrochen war, und manche Sorge, manches Gefühl der Täuschung gleich der vorübergehenden Wolke einen Schatten warf auf den Weg, den er zu wandern hatte. Rüstig und eifrig leitete er Sinn und Hand seiner Schüler bis wenige Tage vor dem kurzen Krankenlager, von dem er nicht wieder erstand. Er starb am 28. März dieses Jahres, als just die ersten Vorboten des Frühlings in's Land zogen, um einem ewigen Frühling entgegen zu gehen, wo ihm die verklärte Kunst all' ihre Geheimnisse offenbaren wird. Eine rasch und verderblich sich entwickelnde Entzündung der Lunge setzte seiner irdischen Laufbahn die Marke, und machte seine treue Lebensgefährtin zur einsamen, kinderlosen Wittwe.
Scheuchzers unvermutheter Tod erregte in den Kreisen der Münchener Künstlerschaft eine schmerzliche Theilnahme. Der neuerliche Verlust eines Veteranen aus jener Zeit, wo das Künstlerleben Münchens im Zenith seiner Blüthe stund, rührte an alle seine Genossen und Freunde mit wehmüthigem Gefühle. Als sie ihm das letzte Geleite gaben, da empfanden es alle, daß nicht nur ein tüchtiger, ehrenwerther Künstler, – daß auch ein trefflicher, gemüthsreicher liebenswürdiger Mann, ein treuer, theilnehmendcr Freund aus ihrer Mitte geschieden sei!
Unser Herrgott verleihe ihm eine fröhliche Urständ!
Die Aufzählung einiger namhafterer Arbeiten Scheuchzers aus den verschiedenen Perioden seiner Thätigkeit dürfte für seine Freunde nicht ohne Interesse sein. Aus der überraschend großen Zahl nennen wir nur folgende, auch ihrem äußeren Umfange nach größere Oelgemälde:
1837. »Eisenschmelze im Farerathale in Bündten«, gelangte in die großherzogliche Gallerie in Karlsruhe, und wurde noch zweimal in größerem Maaßstab vom Künstler ausgeführt, 1842 für den Kunstverein in Triest und 1847 für den Kunstverein in St. Gallen;
1839. »Schloß Sargans in St. Gallen«, vom rheinischen Kunstverein angekauft;
1840. »Silva plana im Oberengadin in Graubündten«, vom Kunstverein in Triest erworben;
1841. »Mühle mit Burg Reams in Bünden«, gelangte in die städtische Gallerie in Lübeck, 1849 für den Kunstverein München wiederholt gemalt;
1843. »Schloß Tyrol«, in der Pesther Ausstellung verkauft, vom Künstler gleichfalls mit kleinen Abänderungen öfter ausgeführt;
1847. »Scharitzkehlalpe bei Berchtesgaden«, an die Kunstausstellung in Lübeck gesandt und in Privatbesitz übergegangen;
1850. »Mühle im Pinzgau mit der Aussicht auf den Großvenediger«;
1851. »Ferleiten im Fuscherthale« (Salzkammergut);
1852. »Eisenhammer im Unterengadin in Graubündten«, und
1854. »Partie bei Mötz im Tyroler Innthale«, sämmtlich an die Kunstausstellungen in Zürich, Karlsruhe und München gesandt und von Privaten erworben;
1855. »Lauterbrunnenthal mit dem Staubbach im Berner Oberlande«, im Besitz des Königs von Sardinien, 1856 für die Kunstausstellung in Basel neuerdings gemalt;
1858 »Mühle mit der Burg Marmels im Oberhalbsteinthale in Bündten«, dann
1860. »Habsburg am Vierwaldstädter See«, dem Basler Kunstverein zugesandt und dort in Privatbesitz übergegangen;
1862. »Der Glärnisch im Kanton Glarus«, nach Dublin verkauft;
1864. »St. Wolfgangsee im Salzkammergute«, Privaterwerb, und endlich
1866. »Fuscherthal in Tyrol«, Scheuchzers letztes Bild, welches er bis auf die Staffage am 19. März, acht Tage vor seinem Tode, vollendete.
Von der enormen Fülle seiner Aquarelle und Handzeichnungen gingen die bedeutendsten in den Besitz der verstorbenen Königin Therese von Bayern und der verwittweten Kaiserin von Brasilien, der Königin von Preußen, des Großherzogs von Toskana, des Königs Otto von Griechenland, der verwittweten Königin Maria, dann der Prinzessin Alexandra und der Prinzen Karl und Luitpold von Bayern über.
Wir erlauben uns diesem Verzeichnisse Folgendes beizusetzen.
In Basel befinden sich aus den Jahren 1850–61 acht Oelbilder von Scheuchzer in Besitz von Privaten.
Mit der Sammlung seiner Studien von 1820–25 von ihm selbst fleißig geordnet, 220 Blätter, hat die Wittwe der Künstlergesellschaft ein erfreuliches, werthvolles Geschenk gemacht.
Die Studien von 1829–1863, von Scheuchzer selbst chronologisch geordnet, (er hatte die löbliche Gewohnheit auf jeder Skizze den Ort und Datum der Aufnahme beizusetzen), wurden nach seinem Tode von zwei Freunden für die Veräußerung in kleine Serien getheilt und gewerthet. 108 Cahier, welche 688 Zeichnungen in Bleistift, Tusch oder Aquarell enthielten, waren im Anschlagpreise zu 1100 Gulden rhein. geschätzt.
Da der Zeitpunkt für eine Versteigerung als durchaus ungünstig erscheinen mußte, so übernahm die Künstlergesellschaft die Verloosung dieses Theils des Nachlasses, bei Anlaß einer kleinen Ausstellung im Oktober dieses Jahres, von welchen etwa 90 aus diesen Studien gewählte Blätter einen sehr anziehenden Theil bildeten und den Absatz der Loose förderten. Von den 400 Loosen wurden 100 in München und 300 in Zürich abgesetzt. München zog mit 100 L. 26 Gewinnste, Basel mit 22 L. 7 Gew., Winterthur mit 10. L. 3 Gew. Die Künstlergesellschaft, welche mit 40 Loosen sich betheiligte, hatte das Glück, in 12 Gewinnsten 72 Blätter aus den verschiedenen Perioden zu erlangen, so daß sie nun von diesem sehr geschätzten Künstler und Mitgliede (seit 1832) eine außerordentlich reiche Sammlung von Handzeichnungen besitzt.
Die letzte obenerwähnte Arbeit seiner Hand, »Fuscherthal in Tyrol«, hat sie für ihre Gemäldesammlung erworben. Das Bild, »Eisenhammer bei Landeck im Oberinnthale«, welches der Kupferstich an der Spitze unsers Blattes mit fleißigster Treue wiedergiebt, gelangte auf der Ausstellung von 1853 in Besitz des seitdem verstorbenen Hrn. Dr. Abegg, dessen Hinterlassene uns dasselbe mit verdankenswerther Bereitwilligkeit zum Zwecke der Vervielfältigung überließen.
Neujahrsblatt der Künstlergesellschaft in Zürich für 1867.
Scheuchzer, Wilhelm Rud., Landschaftsmaler, von Zürich, wurde am 24. März 1803 in Hausen am Albis geboren, wo sein Vater, Joh. Caspar Sch., ein Nachkomme des berühmten Naturforschers Hans Jakob Sch., Pfarrer war; 1810 siedelte die Familie nach Bassersdorf über. Da der junge Wilhelm schon früh eine ausgesprochene Neigung zum Zeichnen bekundete, thaten ihn die Eltern mit 16 Jahren zu dem Landschaftsmaler Heinrich Maurer nach Zürich in die Lehre. Dieser betrieb neben der Kunst das Handwerk der Flachmalerei, und obwohl der Schüler meist mit diesem und dem Farbenreiben beschäftigt wurde, fand er während der vier Jahre doch reichlich Gelegenheit für seine künstlerische Ausbildung. Nach beendigter Lehrzeit blieb Sch. zuerst bei seinen Eltern in Bassersdorf und malte Ansichten für die Kunsthandlung Trachsler in Zürich, ohne aber Befriedigung bei dieser Arbeit zu finden. Weit größern Genuß verschaffte ihm 1824 eine Studienreise ins Berner Oberland, die er gemeinsam mit seinem Freunde Heinrich Reutlinger unternahm. Im folgenden Jahre durchreiste er zeichnend und malend die welsche Schweiz und Norditalien bis Mailand. Eine ganze Reihe hübscher und fleißig ausgeführter Aquarelle waren die Früchte dieser beiden Reisen und legten den Grundstein zu seinem Rufe. 1826 engagierte ihn der Kunsthändler Velten in Karlsruhe für eine Reise durch das Fürstenbergische Ländchen, um eine Serie von Landschaften nach der Natur aufzunehmen und in Aquarell auszuführen. Diese 12 Ansichten hat denn auch Sch. nebst zirka 40 Ansichten von Karlsruhe, Baden-Baden etc. und einigen Tierbildern nach Kunz für die genannte Firma auf Stein gezeichnet.
Indessen trieb es Sch. zu weiterer selbständiger Ausbildung; er schlug seine Werkstätte 1830 in München auf, gab sich mit Eifer dem einmal gewählten Fache, der Landschaftsmalerei hin und machte daneben zahlreiche Wanderungen in das bayrische Hochland. 1837 dehnte er dieselben auf das Salzkammergut, 1839, 1840 und 1841 auf Tirol und Graubünden aus. Seine Bilder fanden guten Absatz, und manch ehrenvoller Auftrag ward ihm zu teil. Für den Prinzen Karl von Bayern malte er 12 Aquarelle von Tegernsee, und für das Schloß Hohenschwangau führte er, im Auftrage des Königs Max II., sechs große enkaustische Wandgemälde, orientalische Landschaften nach Widmer aus. Die in Aquarell kopierten italienischen Landschaften Karl Rottmanns in den Arkaden des Münchener Hofgartens wurden erst nach Sch.s Tode von der bayrischen Staatsregierung erworben und dem kgl. Kupferstichkabinett einverleibt.
1846 verheiratete sich Sch. mit Frl. Ursula Deggeler aus Schaffhausen, welche er schon 1825 bei einem Ausfluge an den Zürchersee kennen lernte. Sie begleitete ihn nunmehr auf seinen fernern Wanderungen als treue Genossin, und 1860 frischten sie ihre Erinnerungen nochmals durch eine Reise in die Heimat auf. In den 1850er Jahren fertigte Sch. für den Verleger Franz in München zu dessen Werk »Das malerische Bayern« eine größere Zahl Originale an, welche von verschiedenen Künstlern in Stahlstich reproduziert wurden. Er erteilte auch Unterricht und zählte sogar die Gemahlin des damaligen Prinzen Luitpold zu seinen Schülerinnen. König Ludwig I. von Bayern erwarb 1861 das Gemälde der »Insel Ufenau« und Ludwig II. später ein Bild der »Tellskapelle.« Die schweizerischen Lokalausstellungen von 1822 bis 1853 und die Turnusausstellungen von 1840 bis 1863 brachten fortwährend eine größere oder kleinere Anzahl Oelbilder und Aquarelle zum Verkauf. Sch. starb an einer Lungenentzündung nach kurzem Krankenlager am 28. März 1866 in München.
In schweizerischen Sammlungen befinden sich folgende Oelgemälde des Künstlers: in Zürich (im Künstlergut): »Partie im Fulschertal in Tirol« (sein letztes Bild, bez. 1866. H. 0,64; Br. 0,85); in Winterthur: »In der Schwendi, Kt. Appenzell«; in St. Gallen: die »Eisenschmelze im Ferreratal« und der »Eingang ins Vilsalpertal, Tirol.« Mehrere seiner Gemälde sind auch in deutsche Galerien übergegangen, und von der enormen Fülle von Aquarellen und Handzeichnungen gingen die bedeutendsten in den Besitz der Königin Theresa von Bayern und anderer fürstlicher Personen über. Bei Anlaß der durch die Zürcher Künstlergesellschaft 1866 veranstalteten Ausstellung des Nachlasses des Künstlers schenkte dessen Gattin der Sammlung 220 Blätter seiner Studien von 1820–1825, und mit der damit verbundenen Verlosung fielen ihr noch weitere 72 Blätter der spätern Periode zu. Sie besitzt deshalb in vier Bänden geordnet die reichste Kollektion Handzeichnungen von Sch.
N.-Bl. Kstlergesellsch. Zürich 1867. – Nagler, K.-Lex. XV, p. 199. – Bötticher, Malerwerke II, p. 544. – Seubert, K.-Lex. III, p. 235. – Singer, K.-Lex. IV, p. 193. – Bern. Jahresber. Kstver. 1866, p. 3. – Brun, Verz. d. Kstwerke, 4. Aufl., p. 61. H. Appenzeller.
H. Appenzeller: Schweizerisches Künstler-Lexikon. Frauenfeld, 1913.