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Hier ruht in Frieden
Frl. Anna Schmid
gepr. Handarbeitslehrerin
geb. 5. Nov. 1882, gest. 26. Juli 1904.
Friedrich Schmid
Oberpräperator a. D.
* 1851 † 1931
Dessen Gattin
Anna Schmid
* 3.X.1851 † 8.V.1939
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Maurer-Vio, Elisabeth/Betty (gs) / Spitzeder (vw) / Vio (gb); 22.6.1808 (Lübeck) – 15.12.1872 (München); Sängerin
Schmid, Anna; 5.11.1882 – 26.7.1904 (München); Handarbeitslehrerin
Schmid, Anna (vw); 3.10.1851 – 8.5.1939; Oberpräperators-Witwe
Schmid, Friedrich; 1851 – 7.11.1931; Oberpräperator a. D.
Spitzeder, Adele / Vio (ps); 9.11.1832 (Berlin) – 27.10.1895 (München); Gründerin der »Dachauer Bank« und Schauspielerin
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Spitzeder (vw)
Vio (gb)
* 22.6.1808 (Lübeck)
† 15.12.1872 (München)
Sängerin
Ein hoffnungsvolles junges Mädchen, Dem. Betty Vio, von Carlsruhe, erschien als Myrrha, und gefiel allgemein. Eine jugendlich unschuldige Gestalt, eine helle, glockenreine Stimme, ein herzlicher, gefühlvoller Vortrag verschafften ihr ungetheilte Zuneigung des Publikums, und die schmeichelhaftesten Beweise davon.
Allgemeine Musikalische Zeitung No. 50. 16. Dezember 1818.
Mad. Betty Spitzeder-Vio, zweite Gattin des vorhergehenden [Joseph Spitzeder] und seit 1838 Mad. Maurer, eine ausgezeichnete Sängerin, wenn sie auch die schönste Zeit ihrer Blüthe bereits überlebt haben dürfte, irren wir nicht, aus Lübeck gebürtig, kam, vom Schicksal begünstigt, früh nach Italien, und, nachdem sie dort einen guten Grund gelegt hatte, nach Wien, wo sie ihre Bildung vollendete. In dem Jahre 1824 und später erfreute sie sich eines bedeutenden Rufs, besonders hinsichtlich der Darstellung heiterer Rollen und was Kehlfertigkeit anbelangt. In diesen beiden Stücken wollten sie Einige selbst mit der Sontag in Vergleich stellen, und die Veranlassung dazu möchte auch wohl um so näher liegen, als sie hinsichtlich ihrer äußeren Körperbildung und ihres ganzen Wesens in der That sehr viel Aehnlichkeit mit jener einst weltberühmten Sängerin hat. 1828 machte sie eine Kunstreise durch Deutschland, gastirte auf der Königsstädter Bühne zu Berlin, ward auf ein Jahr für dieselbe engagirt und blieb auch, bis sie sich mit jenem Bassisten Spitzeder verheirathete und mit demselben nun nach München ging, wo sie sich auch jetzt noch befindet, und einst selbst neben der Vespermann und Schechner noch vielen Beifall fand, wenn gleich ihr später meist nur zweite Rollen angewiesen wurden.
Dr. F. S. Gaßner: Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Hand-Ausgabe in einem Bande. Stuttgart, 1849.
Spitzeder (Betty), geborne Vio. Soll nach Schilling zu Lübeck geboren sein, kam früh nach Italien, und nachdem sie dort den Grund im Gesange gelegt, nach Wien, wo sie ihre Bildung vollendete. Im Jahre 1828 unternahm sie eine Kunstreise durch Deutschland, ward 1829 beim Königstädter Theater zu Berlin engagirt und debütirte den 29. April 1830 als Aschenbrödel in der Op. gl. N. Sie verheirathete sich 1831 mit dem Sänger Spitzeder, mit dem sie 1832 das Königstädter Theater verliess, ihn jedoch noch in demselben Jahre durch den Tod verlor. Später soll sie sich mit einem Herrn Maurer verheirathet haben. Ihr Bild gez. v. Stein. Berlin, Ed. Müller.
Carl Freiherr von Ledebur: Tonkünstler-Lexicon Berlin’s von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Berlin, 1861.
Frau Spitzeder, geborne Vio, die Mutter der ehemaligen Bankhalterin Adele Spitzeder, ist am vorigen Sonntag am Schlagfluße in ihrem 64. Jahre gestorben. Frau Spitzeder hinterläßt ein Vermögen von ca. 70000 Gulden, und besitzt in Niederbayern ein Herrschaftsgut. Diese Hinterlassenschaft wird wahrscheinlich den Gläubigern der Adele Spitzeder zu Gute kommen, falls nicht bereits im Voraus »anderweitige« Verfügungen durch Testirung auf andere Personen getroffen wurden.
Münchener Volks-Zeitung Nr. 15. Mittwoch, den 18. Dezember 1872.
* Laut einer bei A. Spitzeder vorgefundenen Aufzeichnung beläuft sich die Zahl ihrer Gläubiger auf 19,580.
* Es ist hier das Gerücht verbreitet, Frau Elisabeth Maurer-Spitzeder (Mutter der Adele Spitzeder) sei in Folge des Schreckens, den ihr ein wiederholter Besuch des Untersuchungsrichters verursachte, am Schlagfluße gestorben. Das ganze Gerücht ist jedoch wie so manches andere eine Erfindung alter Klatschweiber, deren es in München genug gibt.
Wie uns aus bester Quelle mitgetheilt wird, war Frau Maurer-Spitzeder am Abende des 15. Dezember vollkommen gesund mit zwei älteren ihrer Freundinen in ihrem Wohnziemer im Hause Nr. 9 in der Frühlingsstraße beisammen, als sie plötzlich unwohl wurde, sich in das Nebenzimmer begab, und dort nach wenigen Minuten am Schlagfluße verschied.
Frau Maurer-Spitzeder, war als eine der gefeiertsten Sängerinnen Deutschlands und schon in ihrem 14. Jahre, wo sie in Wien im »Donauweibchen« ihre ersten theatralischen Versuche machte, als »Wunderkind« bekannt.
Münchener Volks-Zeitung Nr. 18. Samstag, den 21. Dezember 1872.
In dieser Zeitperiode begegnen wir öfters dem Namen Spitzeder, der für das Ohr der heutigen Welt insoferne einen berüchtigten Klang hat, als vor unseren Augen die bekannte Adele Spitzeder weiland Dachauer-Bankinhaberin und Schauspielerin, ein directer Sprosse jener Künstlerfamilie, steht. Doch nicht mit dieser haben wir es zu thun, sondern mit der genialen Henriette Spitzeder, die als Gast im Jahre 1823 den »Fidelio« sang und dem vortrefflichen Joseph Spitzeder, vermählt mit der ausgezeichneten Sängerin Betty Vio. Leider ist Joseph, der am 30. Sept. 1832 in den Verband unserer Hofbühne trat, nur einmal aufgetreten und dieses einemal schon zeigte er seine vollendete Meisterschaft, wenige Tage darauf erkrankt er und starb am 13. Dezember. Betty Spitzeder dagegen gehörte bis zum Jahre 1836 noch unserer Bühne an. Ihr Abgang war jedenfalls ein großer Verlust für die Münchener Oper.
Die Scheinwelt und ihre Schicksale. Eine 127jährige Historie der Münchener kgl. Theater im populärer Form und als Jubiläums-Ausgabe. Zu Ehren des fünf und zwanzigjährigen Dienst-Jubiläums Seiner Excellenz des Herrn General-Intendanten Freiherrn von Perfall von Max Leythäuser. München; 1893.
Betty Spitzeder (Betty Vio), geb. in Lübeck 1808 als Tochter des italienischen Edelmannes Francesco Vio, der eine herrliche Baßstimme besaß die auch auf der Bühne sehr gefeiert wurde. Mit fünf Jahren wurde Sp. schon in Kinderrollen auf dem Theater in Düsseldorf verwendet. Von dort kam sie mit ihren Eltern nach Wien, wo die Emigrantenfamilie von Aristokraten reichlich unterstützt wurde. Besonders interessierte sich Fürst Dietrichstein für die junge Sängerin und ließ sie bei Salieri und Cicimara ausbilden. Kaum 17 Jahre alt, wurde sie an die Hofoper engagiert, wo sowohl ihr schauspielerisches Talent wie ihre Gesangskunst große Triumphe feierten. Ihr zierliches Figürchen sowie ihre durchgeistigten Züge übten einen besonderen Reiz auf das Publikum aus. 1829 folgte sie einem Rufe nach Berlin zu Cerf und wurde dort die Nachfolgerin von Henriette Sontag. Sie hatte schweren Stand nach dieser berühmten Sängerin, allein sie unterlag nicht. Besonders war es die lebenswahre Auffassung der Rollen, eine seltene Eigenschaft bei Sängerinnen, die ihr die allergrößten Erfolge brachte. 1831 vermählte sie sich mit Josef Sp. in München und kehrte nach dessen Tode 1832 wieder nach Berlin zurück. »Zerline«, »Don Juan« und «Alice« in »Robert der Teufel«, gehörten zu ihren bedeutendsten Rollen. Nachdem sie in Graz ein zweites Mal geheiratet hatte, nahm sie ein Engagement bei Carl am Wiedner Theater an. Sie zog sich nach dem Tode Carls von der Bühne gänzlich zurück und ist 1872 gestorben.
Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert. Leipzig, 1903.
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Vio (ps)
* 9.11.1832 (Berlin)
† 27.10.1895 (München)
Gründerin der »Dachauer Bank« und Schauspielerin
Adele Spitzeder
Im Jahre 1824 machte eine junge, aus Norddeutschland gebürtige, aber in Wien herangebildete Sängerin, Betty Vio, daselbst großes Aufsehen. Ausgezeichnet in Soubrettenrollen wurde sie, was Kehlfertigkeit und Geschmack im Vortrage betrifft, von angesehenen Kritikern mit der Sontag verglichen, der sie auch an Gestalt ähnlich war. Eine triumphierende Kunstreise führte sie einige Zeit später nach Berlin, wo Joseph Spitzeder, der vorzüglichste Baßbuffo Deutschlands, an der Königsstädter Bühne wirkte. Die Spieloper ist bekanntlich nicht die stärkste Seite der deutschen Gesangskünstler; Spitzeder aber und Fräulein Vio, die nun für die Königsstadt gewonnen wurde, bildeten ein Darstellerpaar, wie es diesseits des Rheins in der komischen Oper kaum mehr getroffen wurde. Wie gebührend vermählten sie sich auch mit einander und siedelten schon im Jahre 1829 nach München über, wo sie der Hofbühne zu einer Zeit angehörten, die als Glanzepoche dieser Kunstanstalt bezeichnet wird. Spitzeder starb leider sehr bald, aber seine Witwe, die sich später wieder verheirathete, wirkte lange neben den berühmten Sängerinnen Vespermann und Schechner fort und lebt noch in München. Aus der Ehe mit Spitzeder entsproß Adele, geboren 1832.
Neben den musikalischen Talenten gilt die darstellende Kunst als diejenige, die sich am öftesten vererbt. Wir treffen seit dem vorigen Jahrhundert förmliche Schauspieler- und Sängergeschlechter. Die Dynastien der Le Brun, Moralt, Kramer, Schröder, Devrient blühten bis in unsere Tage herein. Welche Gottheit auch diesen Segen zu spenden hat, dem Stamme Spitzeder ist er nicht zu Theil geworden. Adele sollte sich allerdings der Bübne widmen, aber Dingelstedt, durch den ungünstigen Eindruck ihrer äußeren Erscheinung abgeschreckt, verweigerte ihr seine Arena. Erst unter der folgenden Intendantur, im Jahre 1860, gelang es der Kunstnovizin, als »Deborah« einen theatralischen Versuch durchzusetzen, der aber gänzlich mißlang. Sie ist zwar von stattlichem Wuchs, aber die geschlitzten Augen, deren blaßblaue, fast farblose Pupillen nur stechende Blicke versenden, sowie auch ein unverhaltnißmäßig vorstehendes und nicht einmal dem Colorit nach bescheidenes Riechorgan hinderten sie an jeder wirksamen, zum Herzen sprechenden Mimik. Ueberhaupt zeigt die ganze Physiognomie, namentlich jetzt in ihren vorgerückten Jahren, eine Energie, daß man das Fräulein, zumal mit ihrem kurzgeschnittenen, kühn toupirten Haupthaar für einen verkleideten Mann halten könnte, wenn nicht die dünne Stimme wieder an das Weibliche erinnerte. Die Volkssage ergeht sich denn auch in den kühnsten Combinationen, die wir hier unerwähnt lassen.
Ziemlich gepäckfrei und namentlich mit Lorbeeren nicht beschwert, ging sie von München nach Zürich in’s Engagement, wo sie Schulden im Betrage von etwas über zweitausend Franken contrahirte, gewiß eine Kleinigkeit, die man einem jugendlichen Wesen, das sich mit voller Seele der Kunst hingiebt und, ohne es zu wollen, den holden Leichtsinn dieser Berufssphäre eingesogen hat, gerne verzeiht. Vielleicht in der Vorahnung ihres künftigen Sternes verließ sie die Stadt Zwingli’s ohne Gewissensbisse, überzeugt, daß ihren Gläubigern einst Alles doppelt und dreifach werde vergolten werden. Richtig soll auch ein später nach Zürich gekommener Agent sich mit denselben auf eine Zahlung von – fünfzig Procent verständigt haben.
Adele war also wieder zu Hause, in Armuth und Garderobe fast auf ihre Debütrolle Deborah zurückgekommen. Da inserirte sie eines Tages in den Münchener »Neuesten Nachrichten«, die ihr glückbringend und verhängnißvoll werden sollten, daß Jemand ein Derlehen gegen hohe Verzinsung aufzunehmen wünsche. Man nennt allgemein einen Packträger Namens Wagner, der durch eigenthümliche Inspiration sich gedrungen fühlte, der Inserentin baare fünfhundert Gulden zu bringen. Und siehe: dabei blieb es nicht! Wahrscheinlich durch das hohe Zinsenangebot gelockt, erschien ein zweiter und dritter Biedermann und eine vierte und fünfte Helferin, und so soll sich die Bedrängte innerhalb vierzehn Tagen in dem Besitze von zwanzigtausend Gulden befunden haben.
Die Schleußen des Glückes schienen geöffnet; Adelen selbst aber war plötzlich ein Licht aufgegangen über die Kunst, reich, zu werden. Mit großer Schlauheit hatte sie gleich die ersten Wechsel, die sie noch mit schüchterner Hand unterschrieb, so »auseinander datirt«, daß sie im Stande war, die hohen Interessen, sowie auch die wenigen Summen, auf deren Heimzahlung bestanden wurde, mit den in wachsender Proportion nachrückenden Einlagen zu decken. Das Wort des Zauberlehrlings war gefunden. Unaufhörlich schleppten die Eimer Geld herbei und wieder Geld, so daß die bescheidene Wohnung beim »Stangl im Thal«, einem uralten Münchener Wirthshause, in welchem viel Landvolk verkehrt, besonders aus der Gegend von Bruck und Dachau – daher der Name »Dachauer Bank« – verlassen werden mußte. Sie acquirirte das dreistöckige Haus Nr. 9 an der in die klassische Ludwigsstraße einmündenden Schönfeldstraße, sowie auch die gegenüberliegende Kneipe zum »Wilhelm Teil«, die restaurirt und, was Küche und Kellner betrifft, flott ausgestattet wurde. Eine etwas entferntere Lage, sowie der doppelte Zugang, östlich von der am englischen Garten sich hinziehenden Königinstraße und westlich vom Kriegsministerium, respective der Ludwigsstraße her, waren dem »Geschäft« nur günstig, da nicht jeder Liebhaber eines hohen Zinsfußes sich gern begaffen läßt. Auch hatten die Droschkenkutscher und Fiaker, deren immer einige entweder vor der »Bank« oder vor der Kneipe zu sehen waren, eine schöne Losung, wenn auch die meisten Bauern, an prügelartigen Stöcken ihre schweren Reisesäcke auf dem Rücken tragend, zu Fuß hinabkeuchten. Das Weibervolk trug seine Capitalien und Zinsen in Körbchen hin und her, und jeder vernünftige Vorübergehende hatte tagtäglich Gelegenheit, an dem vergnügten Lächeln dieser dummen Geschöpfe sein Aergerniß zu nehmen.
Ein stämmiger Portier, wie man sagt mit zwölhhundert Gulden jährlich besoldet, bewachte die Pforten des Wundertempels, nur immer Drei bis Vier auf einmal hineinlassend, während sich die Wartenden einstweilen im »Wilhelm Tell« vergnügen mußten, aus dessen immer gefüllten Räumen ein tolles Gesumme dem Vorübergehenden an die Ohren schlug. Hatte ja doch Jeder Grund, sich einen guten Tag aufzuthun, sowohl wer die dem eingelegten Capital fast gleichkommenden Monatszinsen erhob, als auch der Neuling, dem von seiner Opfergabe gleich die erste Rate zurückvergütet wurde. Neben den habsüchtigen Betrogenen vereinigte der »Tell« – schade um die Firma! – auch das Gaunercorps der Zutreiber und Agenten, die hier ihre Rapporte austauschten und die Pläne zu wohlstandsmörderischen Expeditionen auf das flache Land entwarfen. Unermüdlich und offenbar zum Ergötzen dieses Gesindels streifte die Gensd’armerie an der Wirtschaft wie an der Räuberhöhle selbst vorüber, eine lebendige Mahnung an die tödtende Eigenschaft des Buchstabens, der die Justiz zwang, den Geist der Gesetze unbefriedigt zu lassen und dem schändlichen Treiben müßig zuzusehen. Die Codices wurden nach allen Richtungen durchstöbert, das Strafgesetzbuch, das Wechselrecht, das Handelsgesetz, die Gewerbeordnung, der Civilprozeß – nichts bot einen Angriffspunkt, so lange Adele Spitzeder zahlte! Wechsel, welche allenfalls Akvocaten in Händen hatten, erbot sie sich wiederholt, schon vor der Verfallzeit, zu honoriren, armen Leuten aber ihr Guthaben jeden Augenblick, wenn sie es wünschten oder bedurften, zurückzubezahlen. Aus den immer neu und immer stärker zuströmenden Einlagen ließ sich ja Alles leicht machen.* Sie war so übermüthig, fällige Summen, die von mißtrauischen Bauern zur Probe verlangt wurden, aber sogleich respectvollst wieder angelegt werden wollten, unter Grobheiten zurückzuweisen, so daß die ihr unverdientes Glück gar nicht ahnenden dummen Teufel beschämt abzogen. Die ultramontanen Kreuzerblätter beeilten sich jederzeit, dabei Vorkommnnisse auszuposaunen, wodurch natürlich das Ansehen der Schwindlerin nicht wenig gehoben wurde.
Einem Bauern aus der Traunsteiner Gegend, der fünfhundert Gulden in eine Schweinsblase verpackt hatte, um sie des andern Tags zur Dachauer Bank zu befördern, nahm seine von Befürchtungen geplagte Bäuerin hundert Gulden heraus, ohne ihm etwas davon zu sagen. Der Bauer kommt nach München und wird gefragt, wie viel er bringe. »Fünfhundert Gulden!« antwortet er, worauf die ganze Blase in eine Mulde geschüttet und der Wechsel, unter Ausbezahlung der ersten Monatszinsen, ihm eingehändigt wird. Darüber stellen sich bei der Bäuerin Gewissensbisse ein, sie entdeckt ihrem Manne, was sie gethan, und dieser reist abermals nach München, um die fehlenden hundert Gulden nachträglich zu entrichten. Adele, gerührt von der Ehrlichkeit des Mannes, erläßt die Nachzahlung vollständig und schenkt ihm noch eine Hand voll Thaler dazu. Wessen Herz sollte durch solche Züge nicht vollständig gewonnen werden?
Bei günstiger Witterung pflegte die Schwindlerin häufig, ihre Cigarre rauchend und einen Zwicker auf der kartoffelförmigen Nase, vor ihrem Hause auf- und abzuspazieren. Die Gäste des »Wilhelm Tell« eilten dann heraus, ihr theils in erheuchelter, theils in aufrichtiger Unterwürfigkeit die Hand küssend. Kein bäuerliches Individuum hätte gewagt, das Haupt zu bedecken; sie acceptirte auch, im Uebrigen gnädig und herablassend, alle einer Füstlichkeit gebührenden Reverenzen. Doch war der Ton, dessen sie sich in der Conversation oder gar gegen ihre Untergebenen bediente, keineswegs fein, sondern vom gröbsten Dialectschrot und nicht selten mit Zweideutigkeiten versetzt. Das Rückgebäude ihres kleinen Industriepalastes barg einen kostbaren, bereits zur Versteigerung gekommenen Marstall, und ihre Fuhrwerke zählten zu den geschmackvollsten der Residenz. Bei Ausfahrten trug sie ein bis an den Hals geschlossenes dunkles Kleid mit kleinem umgeschlagenen Hemdkragen und eine doppelt gewundene, massive goldene Kelle mit einem ditto Kreuz, dessen sich kein Erzbischof hätte zu schämen brauchen. Wenn sie über Land ging, begleitete sie das ihr zum Gefolge dienende Industrieritterthum in mehreren Wagen, um sich draußen mit der Herrin zu einem üppigen, von Champagner überfließenden Gelage zu vereinigen Doch machte sie auch fromme Ausflüge. Eine Wallfahrt, die sie in geistlicher Begleitung und unter Verantragung eines Kreuzes zu Fuß nach Altötting unternehmen wollte, ungefähr in der Art wie die alten bairischen Kurfürsten zuweilen thaten, wurde vom Ordinariat verboten. Sie begnügte sich also, bis Neuötting auf der Eisenbahn zu fahren; das Opfer bei der schwarzen Muttergottes ist indeß nicht dürftiger und die vorgeschriebene Generalbeichte wahrscheinlich nicht weniger erbaulich ausgefallen. Aber nicht nur dem Glauben huldigte sie, sondern auch dem Aberglauben. Noch wenige Tage vor der Katastrophe wurde beobachtet, wie sie sich die Karten schlagen ließ. Sie rauchte dabei und schien von dem Orakel sehr befriedigt. Zuletzt ging die Kartenschlägerin mit vergnügtem Gesicht von dannen. Die Stümperin! von dem finstern Geiste, der bereits das Haus durchschritt, batte sie nichts bemerkt.
Zum letzten Mal zeigte sich Adele den Neugierigen am Allerheiligentage, wo sie in einem schwarzen Sammetkleid zum alten Friedhof fuhr und am Eingang desselben einen Kranz kaufte. Sie trug ihn, von einem fürchterlichen Gedränge begleitet, selbst an das Grab ihres Vaters, das sie mit einem neuen pracht- und geschmackvollen Denkmal in gothischem Styl hatte schmücken lassen. Vor dasselbe legte sie den Kranz nieder, gab Weihwasser und verweilte längerer Zeit in stillem Gebete. Wahrlich doch keine ganz schlechte Schauspielerin! Zahlreiche Weiber weinten, vernünftige Männer hätten in diesem Augenblick wobl kaum eine Bemerkung gewagt, und doch sagte, wie ich von Ohrenzeugen weiß, ein alter zerlumpter Kerl, dem der Schnaps wohl keinerlei Capitalsanlage gestattet, ganz laut: »Was will s‘ denn, die? Da herein kommt s‘ ja doch net!« Was vereinigte sich Alles an diesem Grabe: Gaunerei, Heuchelei, Dummheit und laugenartige, Alles überspritzende Bettlersatire! Armer Joseph Spitzeder, Du hättest bessere Tränen verdient, wenn auch nur vor einem hölzernen Kreuz vergossen!
Der 12. November dieses Jahres war ein düsterer Tag; zum ersten Mal hatte sich der Winter leibhaftig eingestellt. Flüchtiger, mit eisigen Flocken vermischter Regen schlug an die Fenster, machte die Wege schlüpfrig und den Aufenthalt im Freien unangenehm. Das ist der rechte Horizont für eine That, wie sie nun gleich beschrieben werden soll und wozu man warmes, wonniges Bummel- und Revolutionswetter nicht brauchen kann. Etwa um vier Uhr Nachmittags durchschlenderte ein großer Mann mit tief eingedrücktem Hut die Schönfeldstraße. Es war der königliche Polizeiassessor Ries, unser erster, sehr verdienstvoller Sicherheitsbeamter. Er hat sich offenbar nur besehen. wie die Wirtschaft beim »Wilhelm Tell« florirt und ob das Haus vis à-vis noch auf dem alten Flecke steht. Beruhigt verschwand er gegen den englischen Garten. Ueber eine kleine Weile öffnet sich am Seitenflügel des Kriegsministeriums eine Pforte und heraus marschirt eine Compagnie Soldaten, die merkwürdiger Weise Niemand hatte hineinziehen sehen; sie theilen sich links und rechts und sperren die Schönfeldstraße nach allen Seiten ab. Stehen gebliebene Vorübergehende werden ersucht, sich schleunigst davon zu machen, und die fröh1iche Kneipe verfällt plötzlich in stummes Entsetzen. Am wenigsten weiß sich der Portier am Hotel Spitzeder zu fassen, denn wie aus dem Boden gewachsen stehen etliche Gensd’armen auf seinem Posten und lassen ihn zu seiner eigenen Thür nicht mehr hinein. Inzwischen theilen sich auf einen Augenblick die militärischen Ketten an den beiden Enden der Straße, um einigen Kutschen Platz zu machen, die alle bei der Spitzeder vorfahren. Der Polizeidirector mit Assessoren und Commissären, ein Untersuchungsrichter mit den nöthigen Actuaren, der Procuraträger des Hauses Riemenschmied als Sachverständiger in der Buchführung und eine weitere Anzahl Gensd’armen steigen aus, obwohl sich das Ganze noch soeben wie ein Hochzeitszug angesehen hatte.
Ohne Zweifel ist in diesem Augenblick irgend ein vertrautes Wesen die Treppen hinangestürzt, um der Herrin das Ereigniß zu melden. Diese mußte sofort wissen, daß ihre Stunde geschlagen habe, und die Größe ihres Verbrechens und die Höhe des unmittelbar bevorstehenden Sturzes bedenkend, konnte sie wohl – gleich einer vor etlichen Jahren vom Schauplatz abgetretenen Großschwindlerin, der sogenannten Schneiderprinzessin – durch einen Schluck dem ganzen Jammer vorbeugen. Die Befürchtung wurde auch gehegt. Aber nein, zur nicht geringen Beruhigung des Herrn Polizeidirectors kam sie diesem heiter und gefaßt entgegen und empfing ebenso die zur Untersuchung der Bücher und Baarbestände eintretende Commission. Die ganze augenblickliche Bewohnerschaft der Anstalt: Stallleute, Köchinnen, Mägde, Auläufer, Buchhalter, Zahlmeister, Cassirer, Revisoren – ein ultramontaner Augsburger Advocat, der neben der Infallibilität auch das Spitzeder’sche Geschäft vertheidigt, war glücklicherweise eben weggegangen – wurde consignirt. Im Schlafzimmer, wo das Fräulein und ihre Gesellschaftsdame, respective intime Freundin, Rosa Ehinger, zwei nebeneinanderstehende prachtvolle Betten hatten, fand man gegen eine Million in Staatspapieren, welche, als sie sortirt waren, die beiden Lagerstätten vollkommen bedeckten. Baares Geld und Banknoten wurden aus allen Ecken und Enden zusammengesucht, darunter tausend Gulden Papier in einem Schürloch steckend, die aber schwerlich den Flammentod gefunden hätten, sondern wahrscheinlich, an irgend einer treuen Brust ruhend, hinausspaziert wären. Das Meublement war schön, doch nicht sehr luxuriös, nur in dem etwas stylisirten »Rittersaal« machte sich ein größerer Aufwand bemerklich. Auch fehlte es nicht an Clavieren, Polyphonien und dergleichen Instrumenten; besonders zog eine große und kostbare Spieldose die Aufmerksamkeit auf sich. Es soll oft vorkommen, daß sich unter den Effecten großer Bankerottirer oder Betrüger solche Spieluhren befinden. Ob das nicht seinen psychologischen Grund hat und diese mechanischen Dinger vielleicht im Stande sind, Verstand und Gewissen momentan einzulullen? Ein Saiten- oder Flötenspiel, in welchem menschliches Leben vibrirt, möchte diesen negativen, dem höheren Zweck der Kunst zuwiderlaufenden Erfolg wohl nicht erzielen.
In den Gängen und Geschäftslocalitäten fehlte es auch nicht an frappanten Placaten, z. B. »Thue Recht und scheue Niemand!«, unterzeichnet A. Spitzeder. Die Gemäldegalerie, von welcher die Gaunerblätter viel Rühmens machten, ist nicht der Erwähnung werth. Inzwischen war Mitternacht herangekommen und der Sachverständige hatte erklärt, daß eine Buchführung vorliege, welche das Einschreiten des Gesetzes nach allen Richtungen provocire. Das consignirte Personal wurde nun entlassen und hastig stürzte die ganze Meute die Treppen hinunter und zum Tempel hinaus. Als man darauf Adelen ankündigte, daß sie in Einzelhaft genommen würde, sank sie erblassend zurück. Ihre weitere Behauptung, sie sei so unwohl, daß sie nicht folgen könne, veranlaßte die Herbeiholung des Polizeiarztes Dr. Frank, der aber erklärte, sie sei nach kurzer Erholung transportabel.
Niemand befand sich mehr an ihrer Seite, als die treue Rosa. Diese, ein hübsches Mädchen, war bereits auf dem Hof- wie auf dem Volkstheater ohne sonderlichen Erfolg aufgetreten: ihre Beschützerin wollte mit Gewalt eine Künstlerin ersten Ranges aus ihr machen und dem Lehrer des Fräulein Ziegler, Hofschauspieler Christen, ließ sie fabelhafte Summen bieten, wenn er ihr Unterricht geben wolle, was der berechtigte Stolz dieses Künstlers natürlich zurückwies. So mußte sich Rosa, statt scenische Triumphe zu feiern, mit ihrer Stellung bei Adelen begnügen; es verdient aber Erwähnung, daß sie auch im Unglück nicht von ihr wich, sondern bat, die Herrin begleiten zu dürfen. Man willfahrte ihr. Nachts ein Uhr verließ Adele Spitzeder mit ibrer Freundin die Räume, in denen sie, scheinbar mit Glücksgütern überhäuft, zwei Jahre lang ein herrliches Leben geführt batte. Von kaltem Schneesturm umtobt, bestiegen sie, begleitet von einem Polizeicommissar, nicht ihre reizende Kalesche, sondern einen officiellen Fiaker, auf dessen Bock bereits ein Diener Platz genommen hatte, aber nicht ein Diener der Betrügerin, sondern einer der Gerechtigkeit. In der neuen Frohnveste an der Badstraße wurden den Angekommenen drei bereits hergerichtete, wohlgeheizte Zimmer angewiesen.
Vier Tage nach dieser mit großem Geschick und ohne jeden Zwischenfall ausgeführten Verhaftung waren schon 2,800,000 Fl. Wechselguthaben aus der Stadt München und den sie umgebenden Landbezirken angemeldet. Und wie viel wird aus Scham, Pessimismus und anderen Gründen verschwiegen! Und dann erst die Provinz! Der Mammon, den Adele durch Gewährung von Wucherzinsen in ihr Bereich zu locken wußte, wird eine unglaubliche Summe darstellen.
Auch in den stillen Haushalt Rosas drang inzwischen die neugierige Polizei, um Juwelen von bedeutendem Werth, Affectionsgeschenke oder Deposita der Spitzeder zu confisciren. Seitdem beeilen sich viele Leute, welche von der Heldin dieser Geschichte Präsente erhalten haben, dieselben zu Gerichts Händen zu bringen. Seit Aufhebung der Civilhaft und Einleitung des Criminalverfahrens ist übrigens Adele auch von ihrer Gefährtin getrennt und in ein weniger freundliches Zimmer gesetzt. Die Untersuchung wird eine der umfangreichsten, verwickeltsten und interessantesten werden, die sich je vor einem deutschen Forum abspielten.
Der Redacteur der hiesigen »Neuesten Nachrichten«, Herr N. Veechioni, der schon vor fast Jahr und Tag das große Publicum warnte und die Wächter des Gesetzes alarmirte, was ihm von Seiten eines Laufburschen des Gaunerinstituts sogar Mißhandlungen eintrug, hat seines Amtes treu gewartet und sich um das Volk verdient gemacht. Noch ein paar Jahre fortwuchernd, hätte die Pestbeule das ganze Land angesteckt und wahrscheinlich auch im übrigen Deutschland Nachahmung gefunden.
M. Sch.
* In welch verlockender Weise, die namentlich auf die Masse des Volks berechnet war, dies geschah, darüber werden jetzt haarsträubende Thatsachen laut. Um sich das Zuströmen der Capitalien zu sichern, gewährte sie ungeheure Zinsen und zahlte diese in dem Augenblick, wo bei ihr das Capital angelegt wurde, gleich baar aus. Zu einer Zeit, in welcher man in München zu 4½ % jährlich überall Hypotheken haben konnte, in der jede Bank nur 5% für das Jahr rechnete, gab die Spitzeder 10% monatlich. Brachte ihr also Jemand 100 fl. auf ein Jahr, so zahlte sie gleich 30 fl. = 10% Zinsen auf drei Monate im Voraus. Nach Verlauf von drei Monaten zahlte sie abermals 30 fl., nach einem Jahr hatte also der glückliche Darleiher an Zinsen schon 120 fl zurückempfangen und war außerdem noch im Besitz eines Wechsels von Fräulein Adele Spitzeder, welche Wechsel allezeit prompt honorirt wurden. Da alle ihre Wechsel nur auf sie lauteten und nicht weiter übertragen werden konnten, so war sie vor jedem äußern Eingriff in ihr »Geschäft« geschützt. Freilich sollen dieselben auch die böse Eigenthümlichkeit haben, daß die Gläubigernamen durchweg ungenau und meist ganz falsch geschrieben, ja viele Wechsel sogar mit fingirten Namen versehen, also gleich von vornherein ungültig sind. Vor der Hand genüge unsern Lesern diese Andeutung über den sogenannten Geschäftsbetrieb eines Schwindels, der zu den entsetzlichsten »besonderen Kennzeichen« unsers Jahrhunderts gehört. D. Red.
Die Gartenlaube No. 49. Illustrirtes Familienblatt. 1872.
Vorwort.
Wer in den letzten zwei Jahren auch nur vorübergehend in München sich aufhielt, mußte ebenso unvermeidlich auf den Namen Spitzeder stoßen, als der Besucher Roms auf den des Papstes. Adele Spitzeder und ihre Bank war zur hervorragendsten Merkwürdigkeit der Hauptstadt des Bayerlandes geworden, Adele Spitzeder, welche für 100 fl. Capitaleinlage monatlich 10 fl. und die ersten drei Monate sogar zum Voraus bezahlte, in deren Vorhof von Morgens bis Abends die Leute Mann an Mann und Weib an Weib sich preßten und drängten, um nach stundenlangem Warten endlich ihr Geld anbringen zu können, diese Adele Spitzeder war nicht nur die größte Merkwürdigkeit, sie war das Wunder der Stadt und deßhalb allenthalben, wo Menschen sich zusammenfanden der vielbesprochene Gegenstand der Unterhaltung.
Vor wenigen Tagen nun hat das Wunder seine Erklärung und seinen Abschluß gefunden. Was Jedermann, der seine gesunden fünf Sinne besitzt, von Anfang und fortwährend nicht bloß behauptete, sondern mit Sicherheit vorausbestimmte, ist eingetroffen. Adele Spitzeder ist wegen Ueberschuldung zuerst in Civil- und dann wegen betrügerischen Bankerotts in Criminalhaft genommen worden, ihre »Dachauer Bank« ist gebrochen und Adele, die noch vor wenigen Tagen in Gold, Silber und Banknoten förmlich watete, steht auf der Schwelle des Zuchthausthores, das sich binnen Kurzem hinter ihr schließen wird, um sich nicht sobald wieder für sie zu öffnen.
Die »Dachauer Bank« der berüchtigten Spitzeder war, wie wir sogleich veranschaulichen werden, ein so plumper, handgreiflicher und für Jedermann offen vor Augen liegender Betrug, daß die Durchführung desselben während ganzer zwei Jahre in der Hauptstadt des zweit größten Staates von Deutschland, zu den merkwürdigsten Erscheinungen gehört, welche die Culturgeschichte alter und neuer Zeit aufzuweisen hat. Zu allen Zeiten hat es hin und wieder Schwindler gegeben, welche längere oder kürzere Zeit sogar die höheren Classen der Gesellschaft auszubeuten vermochten, aber ihr Treiben beruhte in allen Fällen auf einem mit großer Sach- und Personenkenntniß, mit großer Ueberlegung und Alles berücksichtigendem Raffinement gefaßten und durchdachten Plan, dessen Durchführung in der Praxis außerdem noch einen hohen Grad von Gewandtheit und persönlicher Befähigung voraussetzte. In München aber wurde, wenn auch nicht ohne Apparat und Mitwirkung von Helfershelfern, so doch seiner ganzen Anlage nach ein so plumper und durchsichtiger Betrug ausgeführt und dieser Betrug nahm in Beziehung auf die erschwindelten Summen so colossale Dimensionen an, daß wirklich die Frage nahe gelegt ist: wie war es möglich, ganze Städte, ganze Districte, ganze Gegenden, ja das halbe Land und noch einen Theil des Auslandes so gründlich und ausgiebig, so millionenmäßig zu beschwindeln? Die Beantwortung dieser Frage bildet die Aufgabe dieser kleinen Schrift. Wir werden dem Publikum einen kleinen Einblick in die mechanischen Mittel zu verschaffen suchen, welche die Spitzeder in Anwendung brachte, wir werden aber auch die Voraussetzungen beleuchten, welche in moralischer Beziehung vorhanden sein mußten, wenn das Treiben der Spitzeder’schen Räuberbank durchgeführt werden konnte.
Zunächst aber werden wir eine Darstellung der äußeren Umstände und Thatsachen vor unseren Lesern ausbreiten.
I.
Adele Spitzeder und ihre Räuberbank.
Adele Spitzeder sei, sagt man, die natürliche Tochter eines vornehmen Herrn. Wir wollen dies als gleichgültig nicht weiter untersuchen, möglich aber ist es immerhin, daß die Pension, welche die Mutter Adelens von einem vornehmen Herrn bezog, jene in den Stand setzte, ihre Tochter in der Schauspielkunst unterrichten zu lassen. Mag dem sein, wie ihn will, so viel steht fest, daß Adele Spitzeder eine, wie man sagt, mittelmäßige, Schauspielerin war, die u. A. auch in Frankfurt auftrat und noch kurz vor ihrem Auftreten als Bankhalterin zu den Mitgliedern des Münchener Vorstadt-Theaters gehörte. Sie scheint indessen nicht blos mit den Musen, sondern auch mit Amor »dem lieblichen Knaben« geäugelt zu haben, wenigstens nennen die Annalen von Wiesbaden eine Adele Spitzeder aus München, welche vor einigen Jahren in der Schaar jener weiß oder roth angestrichenen, durchdringend duftenden Vögel gesehen worden sei, die, wie man weiß, in den Spielsälen umherflattern und schwirren und so zahm sind, daß sie sich mit der Hand greifen lassen. Und mehr als ein Vogelsteller soll am Ende wehmüthig gezwitschert haben:
»Du hast mich zu Grunde gerichtet,
Adele was willst Du noch mehr.«
Diese Tändeleien lassen sich indessen nur eine gewisse Zeit lang durchführen, denn sie verzehren das ihnen zu Grund liegende Capital der Jugend, der Frische, der Glätte uud Rundung fast ebenso schnell als die Dachauer Räuberbank, die ihr gemachten Einlagen. Wir wundern uns deßhalb nicht, wenn wir vernehmen, daß Adele Spitzeder wieder nach München zur Kunst zurückkehrte und um ihre Gage zu vervollständigen und ihren Gläubigern gerecht zu werden, auch noch auf die Geldvermittelung sich legte, indem sie, wie es dort und noch anderswo im Schwunge geht, leichtlebigen Herren, mit deren Zahlungsfähigkeit es nicht besonders gut bestellt ist und die deshalb mit Vergnügen 40, 60, 80 ja 100 pCt. bezahlen, von Solchen Geld verschaffte, welche gerne diese Procente einnehmen, durch ein gewisses Schamgefühl aber abgehalten werden, mit ihren Kunden unmittelbar zu verkehren. Seit Aufhebung der Wuchergesetze wimmelt jede Stadt von solchen Geldvermittlern, wimmeln aber auch die Gerichtsverhandlungen von Strafprocessen, in welche diese Vermittler passiv mehr oder minder vewickelt sind.
Diese Geldvermittelung scheint nun in Adelens Geist nach und nach die Idee und den Plan der später von ihr errichteten Dachauer Bank ausgebrütet zu haben. Ihr Geschäft brachte sie nach zwei Seiten hin mit geldhungrigen Leuten in Berührung. Dort waren die Schwerenöther bereit, nicht bloß 100 pCt., sondern wenn sie angenommen würde, sogar ihre arme Seele auf einen Wechsel zu verschreiben und hier standen die Fesse-Mathieus mit der gefüllten Börse in der Hand den fetten Procenten entgegenlechzend. War nun das Geschäft einmal im Gang, so lag für eine geriebene Person, wie Adele zweifelsohne eine ist, der Gedanke nahe, die Wucherprocente aus den angebotenen und einlaufenden Capitalien zu bezahlen und dadurch den Strom derselben in ihre Kasse zu lenken. Sie brauchte ja nur durch irgend einen Strohmann einen Wechsel acceptiren zu lassen und dem Käufer desselben einen Theil seines eigenen Geldes als Zins zu bezahlen. Kam der Verfalltag, so wurde der Prolongationszins oder nöthigenfalls der Betrag des Capitals selbst aus neuen Einlagen bestritten. Diesen Schritt einmal gethan und die Dachauerbank war im Kleinen fertig.
Daß Adele Spitzeder auf diese Weise in die abschüssige Bahn gedrängt wurde, von welcher sie in den letzten Tagen so rasch herabrutschte, ist historisch. Sie vermittelte eine Zeitlang Geldgeschäfte zwischen Wucherern und Bewucherten und gerieth schließlich auf den Gedanken, allein mit jenen allein zu operiren und die Zinsen aus den einlaufenden Capitalien selbst zu bezahlen.
Bald verbreitete sich in München unter der Hand das Gerücht, Adele Spitzeder zahle die höchsten Procente. Einzelne versicherten aus eigener Erfahrung, daß sie für 100 fl. monatlich 10 pCt. erhalten und außerdem sei das Capital sicher angelegt, denn sie haben dasselbe versuchsweise zurückgezogen und prompt ausbezahlt bekommen. Die Sache sei auch ganz natürlich, denn während die Spitzeder 10 pCt. zahle, verlange sie von ihren Schuldnern 15–18 pCt., so daß sie selbst immer noch ein ganz gutes Geschäft mache. Außerdem wurde herumgeflüstert, dieser oder jener Herzog oder Prinz »in Bayern« habe der Spitzeder 80 oder 100,000 oder gar noch mehr Thaler anvertraut, damit sie mit denselben den Juden und Wucherern Concurrenz mache. Ueberhaupt habe sie so hoch hinaufreichende Verbindungen, daß sie gar nicht zu ruiniren sei. Solches und Aehnliches wurde unabsichtlich von geschwätzigen, aber auch absichtlich von eigens dazu aufgestellten Leuten verbreitet und dadurch Adele Spitzeder in den Stand gesetzt, zunächst in München um sich zu fressen.
Blieb jedoch das Unternehmen auf die Stadt München beschränkt, so war seine Dauer auch nur eine beschränkte, denn sobald die in der Stadt selbst für solche Zwecke verfügbaren Capitalien aufgesaugt waren, hörte der Zufluß auf, aus welchem die 120 pCt. bezahlt werden mußten und das Geschäft konnte nicht einmal ein Jahr lang bestehen. Adele Spitzeder war deshalb, nachdem sie einmal das System, die Zinsen aus dem einlaufenden Capital zu bezahlen, angefangen hatte, nothwendig darauf angewiesen, daß Geschäft systematisch zu betreiben und demselben die größtmögliche Ausdehnung zu verschaffen. Es mußte mit Hochdruck gearbeitet, es mußten auch in weiteren Kreisen die Massen für die Sache interessirt werden.
Wer auf die Massen wirken will, der muß diejenigen für sich gewinnen, welche dieselben beeinflussen. Auf dem platten Land in Bayern beeinflußt die Massen ausschließlich oder doch fast ausschließlich, jedenfalls in hohem Grade, der Pfarrer.
Das 18. Jahrh. mit seiner kirchlichen und philosophischen Aufklärung ist an dem altbayerischen Volke und Klerus spurlos vorübergegangen. In den Augen des bayerischen Landvolkes ist der Pfarrer der Mann oder vielmehr der Herr, welcher die Schlüssel zur Pforte des Himmels bewahrt, und diese öffnen oder verschließen kann, wem er will, demjenigen sie aber jedenfalls verschließt, welcher seinen Widerwillen erregt, welcher nicht thut, was er will, welcher nicht gehorcht und sich herausnimmt, selbstständig zu raisioniren. Was der Pfarrer spricht, ist Gottes Gebot. Was er empfiehlt, das ist gut und vortreffllich, was er zurückweist, verabscheuungswürdig. Die Pfarrer in Bayern bilden somit eine Macht, wie in Frankreich, und wer auf die Massen wirken will, braucht nur die Pfarrer an sein Interesse zu ketten.
War es nun unter diesen Umständen ein Wunder, daß Adele Spitzeder ihr Auge auf die Pfarrer warf und sie als Hebel ihres Geschäfts zu benutzen suchte? Ein Wunder wäre es gewesen, wenn sie es nicht gethan hätte.
Sie fing also an, sich außerordentlich katholisch zu geberden. Auf der Brust trug sie ein um den Hals geschnalltes Kreuz von 8″ Länge und aus dickem massivem Golde gefertigt. In die Messe ging sie täglich. Prozessionen schloß sie sich an. Wallfahrten machte sie mit. Sie opferte klafterlange Kerzen. Sie machte hochwürdigen Herren, die in Verlegenheit waren, kleine Anlehen gegen billige Zinsen, sie ließ der Mutter Gottes da ein neues Kleid, dort ein Paar neue Schuhe machen. Sie schenkte diesem katholischen Verein eine Summe Geldes und half jenem katholischen Bedürfniß durch Zuschüsse ab und brachte sich durch Alles dieses sehr bald in den Geruch einer gut und eifrig katholischen Jungfrau, würdig dereinst sich jenen zwölf anzuschließen, welche das Oel in ihren Lampen gespart und den Bräutigam erwartet hatten. Das Lob der neuen Heiligen ertönte zuerst aus geistlichem Mund in der Diözese Dachau, einem einige Stunden von München entfernten bayerischen Landstädtchen und dieses Lob verwandelte sich sehr bald in klingende Münze, welche die Dachauer Bauern nach München schleppten, um sie bei der frommen Adele Spitzeder anzulegen, denn der Herr Pfarrer hatte es so gerathen. Und als die heilige Adele in Dachau und der Umgegend die Herzen der Landleute erobert und festen Fuß gefaßt hatte, war der große Wurf gelungen. Das Geschäft war gesichert, es hatte das Weichbild der Stadt München überschritten und Adele konnte nun öffentlich als Bankhalterin auftreten. Was sie trieb, nannte man und sie die Dachauer Bank, weil die Dachauer Bauern die ersten waren, welche von auswärts ihr Geld nach München trugen, um es dort für 120 pCt. wuchern zu lassen.
Von nun an nahm das Geschäft einen reißenden Aufschwung, um so mehr, als Adele Spitzeder es nicht versäumt hatte, noch eine andere das Publikum ebenfalls in hohem Grade beeinflussende Macht in ihr Interesse zu ziehen.
Wer kennt nicht die Bedeutung der Reclame in unserer Zeit, ein Verfahren, für dessen erschöpfende und umfassende Bezeichnung die deutsche Sprache gar keinen hinreichenden Ausdruck besitzt, eben weil nicht der deutsche sondern der französische Nationalcharakter das Mistbeet ist, auf welchem diese ausländische Pflanze herangezogen und cultivirt wurde. Der Franzose ist bekanntlich außerordentlich empfänglich für den Eindruck, der von außen auf ihn gemacht wird. Wer es vermag, einen Eindruck auf ihn hervorzubringen, seine Aufmerksamkeit zu fesseln, seine Gefühle zu erregen, der ist Herr seines Willens, seiner Thaten und demgemäß auch seiner Börse. Diese eigenthümliche Zugänglichkeit des Franzosen für Alles, was seine Sinne und Sinnlichkeit zu bestechen vermag, und die damit zusammenhängende Kritiklosigkeit hat in Frankreich schon längst das ganze Geschäftsleben der Reclame unterthänig gemacht und selbst den solidesten Unternehmungen die Nothwendigkeit auferlegt, durch mehr oder minder übertreibende Anpreisungen dem Publicum sich fortwährend bemerklich zu machen. Das mechanische Mittel, in dieser Weise auf die Massen zu wirken, ist die Presse und nachdem sich auch in Deutschland seit 1848 die Presse zu einer das öffentliche Leben beherrschenden Macht herangebildet hat, hielt die Reclame, oder die mehr oder minder schwindelhafte Verlockung und Bethörung des Publicums in Germaniens Gauen ebenfalls ihren Einzug und hat seither demselben Millionen entlockt, um sie in die Taschen pfiffiger Geschäftsmacher hinüberzuspielen.
Auch Adele Spitzeder machte sich dieses Werkzeug dienstbar, indem sie als gute Katholikin selbstverständlich zunächst und vorzugsweise an die katholische Presse sich hielt. Diese ist in München hauptsächlich repräsentirt durch drei Blätter oder vielmehr Blättchen, nämlich das »Bayerische Vaterland«, den »Volksboten«, den »bayerischen Kurier«. Sie arbeiteten sämmtlich im Interesse der Dachauer Bank, Angriffe abweisend, Wundermähren verbreitend, zum Schutz und Trutz für Adele einstehend. Aber auch nichtkatholische Blätter, wie z. B. der »süddeutsche Telegraph«, der »Freie Landesbote«, das »Extrablatt« öffneten der Dachauer Bank ihre Spalten, denn Adele Spitzeder verlangte nichts umsonst und zahlte mitunter sogar splendid. So hatte der Redacteur der »Volksstimme«, ein etlich und siebenzig Jahre alter abgehauster Glasmaler und Bänkelsänger einmal in seinem Blatte über die Dachauer Bank nur eine flüchtige Bemerkung hingeworfen, die zu Gunsten der Spitzeder gedeutet werden konnte – am andern Tag hatte er 60 fl. in der Tasche. Die Summen dagegen, welche die Redacteure des »Bayrischen Vaterland«, und des »Volksboten« von der Spitzeder bezogen, gingen, wie man sagt, in die Tausende und erst dieser Tage soll der Redacteur des »Vaterland« 15,000 fl., angeblich geliehene Gelder, an die Spitzeder’sche Masse zurückbezahlt haben. Für ein Institut wie die Dachauer Bank gab es überhaupt, was die Reclame anbetrifft, keinen günstigeren Boden als die Münchener Journalistik. Ausgenommen die »Süddeutsche Presse«, welche übrigens im großen Publikum nicht verbreitet ist, existirt in München, einer Stadt von 170,000 Einwohner, nicht ein einziges journalististisches Organ, das nur entfernt auf den Namen Zeitung Anspruch machen dürfte, dagegen eine Unzahl kleiner Localblättchen, die aus dem Schlamme und Auskehricht des täglichen Stadtklatsches pilzartig emporschießen und größtentheils in der Hand von Leuten sich befinden, welche als verkommene schiffbrüchige Herumtreiber, ohne alle höhere, oft selbst ohne die gewöhnlichste Elementarbildung sich als Redacteure aufwerfen, weil sie ihr Brod nicht auf ehrliche Weise zu verdienen vermögen. Solche Leute konnte und wußte Adele Spitzeder zu gebrauchen.
Ihr Geschäft nahm deßhalb auch, wie schon bemerkt, einen reißenden Aufschwung. Fässerweis schleppten die Leute vom Lande das Geld herbei, knieefällig baten sie das »Fräulein« ihr Geld anzunehmen, ein District nach dem andern wurde in den magischen Kreis des Schwindels hineingezogen, Bauern verkauften oder verschuldeten ihr Höfe und trugen den Erlös zur Spitzeder, Dienstboten und Arbeiter leerten die Sparkassen und übermachten ihr Geld der Dachauer Bank, denn mit einem Capital von 1000 fl. konnte man sich ja eine Jahresrente von 1200 fl. verschaffen und damit kann eine Familie in München, und noch mehr auf dem platten Lande ganz angenehm leben. Was auf diese Weise der Dachauer Bank im Laufe von zwei Jahren zugetragen wurde, schätzt man auf 10–12 Millionen; haben sich doch in den ersten Tagen, nachdem der Gant über die Schwindelanstalt erkannt worden, aus München allein Wechselgläubiger mit Forderungen von über 3 Millionen angemeldet.
Was das Geschäftsverfahren der Dachauer Bank anbetrifft, so wurde dasselbe sehr summarisch betrieben. Für jede Capitaleinlage stellte die Spitzeder einen Wechsel aus, an dem die Klausel: nicht an Ordre haftetete, der also nicht in Umlauf gesetzt werden konnte, somit in den Händen des Ausstellers blieb und in den meisten Fällen am Verfalltag nicht zur Zahlung, sondern zur Verlängerung präsentirt wurde. Durch diese Vorsichtsmaßregel schützte sich die Spitzeder vor einer plötzlichen Ueberrumpelung und massenhaftem Andrang solcher Wechselinhaber, welche nicht an die Solidität des Geschäftes glaubten und deßhalb den Betrag der Wechsel hätte erheben können, um ihn nicht wieder einzulegen.
Eine regelmäßige Buchführung gab es nicht, höchstens wurden die Namen der Einzahler aufgeschrieben, nebst dem Betrag des von ihnen eingelegten Capitals. In dem Geschäftszimmer des »Fräuleins« war ein in den Keller führender hölzerner Schlauch angebracht, in welchem das Gold, das Silber, die Banknoten hinabgleiteten, wie die Kartoffeln. Als später eine Hausdurchsuchung bei Adelen vorgenommen wurde, fanden die Gerichtspersonen in allen möglichen Ränmen und Behältern Geld versteckt, so z. B. in einem Ofenloch die Summe von 1000 fl., die jedenfalls von einem der Dienstleute gestohlen und dort niedergelegt waren. Der eigentliche Baarvorrath der Bank betrug etwa 70,000 fl. Verwendet wurden diese Gelder einmal zur Aufrechthaltung des Geschäfts, nämlich zur Zahlung der Procente und der etwa zurückgeforderten Capitalien. Ausgeliehen wurde nur wenig und dieses Wenige nur an besonders bevorzugte, hochadelige Herren, welche natürlich aus Dankbarkeit beliebige Summen unterschrieben und dadurch sollte einmal eine Katastrophe ausbrechen, fictive Forderungen herstellten, die als Activa der Bank vor Gericht producirt werden konnten. Dagegen kaufte Adele viele liegende Gründe und Mobilien. Sie besitzt in München allein 16 Häuser, auf dem Lande Villen, Wälder und Felder, sie besitzt eine Gemäldesammlung im Werth von so und so viel Tausenden, ferner eine Sammlung von Diamanten und andere Kostbarkeiten, die ebenfalls Hunderttausende werth sein sollen. Außerdem trieb sie einen absichtlich zur Schau getragenen Luxus, hielt sich die schönsten Pferde, die glänzendsten Equipagen, zahlreiche, in letzter Zeit 29, Livree-Bediente und andere Dienerschaft, welche bei jeder Gelegenheit durch wahnsinnige Verschwendung zeigen wollte, bei welcher Herrschaft sie angestellt sei. Kurz, Adele Spitzeder menait grand train, wie der Franzose zu sagen pflegt, lebte förmlich in Saus und Braus in den Tag hinein.
Aber der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht und der Schwindel der Dachauer Bank sollte an seinem eigenen Uebermaß noch viel früher zu Grunde gehen, als man eigentlich erwartet hatte. Die socialen Wirkungen dieser Räuberbank nahmen nämlich in neuester Zeit solche Dimensionen an, daß in den wichtigsten gesellschaftlichen Verhältnissen eine empfindliche Störung und Stockung eintrat. Da man mit einer kleinen Einlage Summen erwerben konnte, welche in normalen Zuständen nicht einmal die mühevollste Arbeit eintrug, wollte kein Mensch mehr arbeiten. Die Küchenmagd wollte nicht mehr spülen, der Droschkenkutscher nicht mehr fahren, der Ausläufer nicht mehr laufen, der Holzhacker nicht mehr spalten, denn alle schöpften aus dem goldnen Brunnen der Spitzeder und zogen es deshalb vor, zu lungern oder verlangten horrende Preise für ihre Leistungen. Zum Ueberlaufen aber wurde das Gefäß gebracht durch die Concurrenz. Es tauchten nämlich, verlockt durch die glänzenden Resultate der Dachauer Bank, in neuester Zeit noch eine Reihe Bankhalter ähnlichen Schlags auf. Da war eine Pauline Dosch, ein gewisser Herb, ein Graf Holnstein, sogar eine Wally Fischer, welche nach dem Muster der Dachauer, neue Banken eröffnten, in welchen über 100 pCt. für die Capitaleinlagen bezahlt wurden und mit welchem Erfolg diese Anstalten arbeiteten, beweist die Thatsache, daß jene Pauline Dosch im Laufe von wenigen Wochen an die 300,000 fl. eingenommen hatte, von welchen sich noch, als das Gericht einschritt, eine Bagatelle vorfand.
Als nun das Uebel so weit um sich griff, und so tief fraß, als sich im Lande allmählig die Sparkasseu leerten, um ihren Inhalt nach München abzugeben, als der Schwindel bereits eine National-Calamität geworden und Millionen und aber Millionen verschlungen hatte, fand sich die Regierung endlich veranlaßt, dagegen einzuschreiten und zwar zuerst rathend und warnend, indem sie einen Erlaß veröffentlichte, in welchem auf den nothwendig bevorstehenden Zusammensturz der Dachauer Banken hingewiesen wurde. Aber wie die Löwin ihre Jungen, so vertheidigte jetzt die katholische Presse ihre Patronin, die Spitzeder. Diese sei vollständig solvent, habe bis zur Stunde ihre Wechsel eingelöst, besitze an Mobilien und Immobilien so viel und so viel, und alle auf sie geführten Angriffe seien Ausflüsse des Neides der Juden, Freimaurer und Preußen, welche der Spitzeder ihr Verdienst nicht gönnen und nicht leiden wollen, daß die kleinen Leute auch hohe Procente verdienen, also ließ sich der Redacteur des »bayerischen Vaterland« Dr. Sigl vernehmen. Hierauf antwortete die Regierung mit einem zweiten Erlaß, in welchem vor allen Dachauer Banken ohne Ausnahme, tragen sie einen Namen, welchen sie wollen, gewarnt wurde, weil dieselben alle auf dem schwindelhaften Princip, die Zinsen mit dem einlaufenden Capital zu bezahlen beruhen, eine Thatsache, welche gewiß unbestreitbar ist, aber schon von Anfang an so bekannt war, daß man nur fragen muß, warum die Regierung so lange wartete, bis sie das Publikum darauf aufmerksam machte. In Folge dieser Bekanntmachungen und Hin- und Herreden fand sich nun doch eine Anzahl Wechselgläubiger veranlaßt, auf Vermögensuntersuchung bezüglich der Spitzeder zu dringen und so endlich die Gerichte mit ihren Formeln in Bewegung zu setzen. Die Vermögensuntersuchung fand statt und lieferte sofort solche Ergebnisse, daß über die Spitzeder Civilhaft erkannt werden konnte und wenige Tage nachher stellte sich eine solche Ueberschuldung heraus, daß ein Ganterkenntniß erlassen und Verwandlung der Civilhaft in Criminalarrest wegen betrügerischen Bankerotts verfügt werden konnte. Vergeblich hatte der Redacteur des »Bayerischen Vaterland« noch im letzten Augenblick seine Gönnerin zu retten versucht, indem er eine Revolution in Aussicht stellte, falls die »Juden, Freimaurer und Preußen« es wagen sollten, gegen Adele Spitzeder, die Wohlthäterin des Volkes, einzuschreiten. Ja so weit ging der Eifer dieses getreuen Kumpans der frommen Schwindlerin, daß er zuletzt noch das Landvolk von der Anmeldung seiner Forderungen bei Gericht abzuhalten suchte, um die Zahl der Gläubiger herabzumindern und dadurch den Nachweis der Ueberschuldung unmöglich zu machen. Aber alles ist vergebens. Der Krug ist gebrochen, der Schwindel entlarvt. Bereits sind, wie schon oben bemerkt, aus München und der nächsten Umgebung schon über 3 Millionen Forderungen angemeldet und Adele Spitzeder sitzt im Criminalgefängniß, welches sie nur verlassen wird, um es mit dem Zuchthause zu vertauschen, nachdem eine großartige Gerichtsverhandlung den Schleier über die Einzelheiten des großen Betrugs gelüftet haben wird, der mit Hülfe der Pfaffen und der vorzugsweise katholischen Presse an dem bayerischen Volke verübt worden ist.
Dies ist in allgemeinen Umrissen gezeichnet, die Geschichte der großen Räuberbank in München. Wir haben jetzt noch einen Blick auf die Mitschuldigen der Schwindlerin, die moralischen und psychologischen Bedingungen zu werfen, deren Erfüllung das Gelingen des Betrugs zur Voraussetzung hatte.
II.
Die Mitschuldigen und die Schlachtopfer.
Unter den Mitschuldigen des Spitzeder-Schwindels erblicken wir im Vordergrund Mitglieder und Wortführer der ultramontanen Partei und der ultramontanen Presse weltlichen und geistlichen Standes. Einer der Rathgeber der Spitzeder war der ultramontane Abgeordnete Carl Barth; journalistischer Helfershelfer der Spitzeder war der Redacteur des heftig ultramontanen Blattes: das »bayerische Vaterland«, Dr. Sigl, war der Redacteur des ebenso heftig ultramontanen »Volksboten«, Zander der Jüngere, war der Redacteur des weniger heftig ultramontanen »bayerischen Kuriers«, der dem Dr. Huttler gehört; die Dachauer Bank der Adele Spitzeder war die finanzielle Grundlage der katholischen Bauernvereine des erz-ultramontanen Freiherrn von Hafenbrädl, des bekannten Pfarrers Mahr und anderer hochwürdigen Herren; daß sehr viele dieser Herren ihren Bauern die Dachauer Bank empfahlen ist eine Thatsache, kurz diese Räuberbank konnte nicht existiren, konnte wenigstens ihren Schwindel nicht so großartig betreiben, wenn sie von der ultramontanen Partei nicht unterstützt wurde. Adele Spitzeder und diese Partei arbeiteten sich gegenseitig in die Hände, jene indem sie dieser die finanziellen Mittel zur Durchführung ihrer Parteizwecke und Agitationen lieferte, diese indem sie die Gelder des Landvolkes in die Dachauer Bank hineinschwatzten. Der Spitzeder-Schwindel in München charakterisiet also zugleich die ultramontane Partei und da diese in neuerer Zeit eine hervorragende Rolle in unserm Vaterland zu spielen übernommen, im Bunde mit ihren ausländischen Gesinnungsgenossen mit dem deutschen Reich einen Krieg auf Tod und Leben zu führen begonnen hat, so wird es gerechtfertigt sein, die Ursachen aufzusuchen, welche eine so scandalose Allianz moralisch ermöglichten und durch diese Untersuchung das eigentliche Wesen der ultramontanen Partei bloß zu legen.
Die Spitzedersche Bank war ein Schwindelgeschäft, dessen Verwerflichkeit und Unhaltbarkeit jedem nur einigermaßen denkenden und rechnenden Menschen schon von Anfang an klar vor Augen lag. Wie war es nun moralisch möglich, daß die Leiter und Wortführer des ultramotanen Parteiwesens mit der Spitzeder so innig sich verbinden, so tief sich einlassen konnten, wie es geschehen ist?
Wir wollen diese Frage durch einige Beispiele zu beantworten suchen.
Als verflossenen Sommer der Sage nach die Erde von einem Kometen zertrümmert werden sollte, ließ ein gläubiger Bauer im Bayerland, um dieses Uebel abzuwenden, für 1400 fl. Messen lesen und der betreffende Pfarrer nahm das Geld und las die Messen. Nun weiß selbst ein bayerischer Pfarrer und wenn er sonst noch so bäurisch ist, recht gut, daß er mit seinen Messen nicht in den Lauf der Gestirne eingreifen, und am allerwenigsten eine unter dem Namen Komet bekannte Nebelmasse abhalten kann, zertrümmernd gegen den Erdkörper anzurennen. Trotzdem nimmt er aber das Geld von dem Bauer. Er benützt somit einen Irrthum, einen Wahn, eine thörichte Vorstellung des Bauern zu seinem Vortheil, er beutet den Bauern kurz gesagt aus.
Nicht alle Pfarrer lesen übrigens Messen gegen Kometen, dagegen werden von allen katholischen Pfarrern Messen gelessen, durch welche das Braten der Seelen Verstorbener im Fegfeuer abgekürzt werden soll. Von allen diesen Pfarrern weiß kein einziger, ob die Seelen Verstorbener im Fegfeuer wirklich gebraten und geschmort werden, ja ob es überhaupt ein Fegfeuer gibt. Darüber wissen die messelesenden Pfarrer so wenig, als der Verfasser und die Leser dieser Schrift. Trotzdem lesen sie die Messen und lassen sich dafür bezahlen. Sie nehmen deßhalb für eine in ihren Erfolgen höchst illusorische Leistung den Leuten Geld ab und benützen wiederum eine lediglich persönliche ohne allen realen Grund dastehende Ueberzeugung geistig tiefstehender Menschen zu ihrem Privatvortheil.
Ebenso stößt man in katholischen Gegenden sehr häufig auf sogenannte Bittgänge, d. h. auf eine Schaar Menschen, welche mit ihrem Pfarrer an der Spitze, fortwährend Gebete murmelnd, auf den Feldern herumspazieren und den Himmel um Regen anflehen. Es ist nun nicht wohl anzunehmen, daß viele solcher bittgehenden Pfarrer wirklich überzeugt sind, daß ihre Gebete den Regen herbeiführen werden, trotzdem veranstalten sie fortwährend solche Bittgänge, denn so lange die Bauern glauben, daß man den Regen herbeibeten könne, glauben sie auch alles Andere, was sie glauben sollen und vom Glauben der Bauern lebt der Pfarrer.
Solche Beispiele könnten nach Hunderte angeführt werden, die vorstehenden werden aber für unsere Zwecke genügen. Wir wollen nämlich wissen, wie es moralisch zu erklären ist, daß so viele und so hervorragende Mitglieder der ultramontanen Partei der Spitzederei helfend unter die Arme greifen konnten? Die Antwort auf diese Frage ist in oben stehenden Beispielen enthalten.
Wer sich in diesem Falle nicht scheut, den Irrthum und den Wahn geistig armer Tröpfe zu seinem Vortheil auszubeuten, der hat überhaupt keinen innerlichen, keinen moralischen Abscheu vor der Ausbeutung des Irrthums und des Wahns, der hilft auch der Dachauer Bank wenn es vortheilhaft für ihn ist. Und hierin ist der Charakter des modernen Ultramontanismus gekennzeichnet. Vor vierzig, fünfzig Jahren, als noch der Geist Wessenbergs in der katholischen Kirche lebendig war, suchten die katholischen Geistlichen wenigstens dem crassesten Wahnglauben ihrer Beichtkinder vorzubeugen und hüteten sich sehr, demselben Vorschub zu leisten oder gar ihn auszubeuten. Seit aber der ultramontane oder was dasselbe ist, der jesuitische Geist in der katholischen Kirche wieder zur Herrschaft gelangte, erhält der Klerus eine Erziehung, welche ihn moralisch befähigt das ihm zugängliche Publikum in dem ungeheuerlichsten Glauben nicht nur zu erhalten, sondern diesen auf jede Weise zu pflegen, ja sogar auszubeuten. Ein jesuitisch so corrumpirter Priester hat dann aber auch selbstverständlich keine Scheu vor der unmittelbaren oder mittelbaren Verbindung mit der Dachauer Bank.
Dazu kommt aber noch Folgendes: Die ultramontane Partei kämpft für ganz bestimmte Zwecke und Ziele. Sie kämpft für die Wiederherstellung und Herstellung der Macht des Klerus über Staat und Volk. Sie kämpft für die Selbstständigkeit und »Freiheit« der katholischen Kirche innerhalb des Staats. Die Erreichung dieses Zieles bildet ihr höchstes Interesse, bildet für sie ein Interesse, neben dem alle anderen Interessen und Rücksichten verschwinden müssen. Nun ist es ein moralisches Grundgesetz, daß Jeder, der ein so bestimmtes Interesse in dieser Weise privilegirt, alle anderen Interessen und Rücksichten verletzen muß, selbst die der allgemeinen menschlichen Moral. Der ächte, eifrige, heftige, consequente Ultramontane muß deshalb durch seinen Ultramontanismus moralisch corrumpirt werden, denn ob eine Handlung rechtlich und moralisch erlaubt oder verwerflich sei, kommt für ihn nicht in Betracht, er hat lediglich zu fragen, ob sie den Interessen seiner Partei und seiner Kirche förderlich sei oder nicht, man hat ja Gott mehr zu gehorchen als den Menschen und der von der menschlichen Vernunft – diesem Urgrund der Sünde – ausgeheckten menschlichen Moral.
Wenn also so viele namhafte Ultramontane, ja man kann wohl sagen die ultramontane Partei, die Spitzeder-Bank unter ihre Fittiche nahm, so findet diese Thatsache ihre Erklärung in der Demoralisation und Corruption, womit jene Partei von Haus aus, programmäßig und ihrem ganzen Wesen nach behaftet ist.
Auf dieselben Resultate stoßen wir, wenn wir die pathologische Seite, des vor unsern Lesern entrollten Dramas ans Licht kehren und auf die Opfer des Spitzeder-Schwindels einen prüfenden Blick werfen, indem wir nach den inneren Bedingungen fragen, welche eigentlich die Disposition zum Beschwindeltwerden enthielten. Diese Opfer gehören größtentheils jenen Berufsklassen an, denen nur ein geringer Grad geistiger Bildung zu Theil wurde. Bauern, Taglöhner, Dienstboten, kleine Handwerker sind es hauptsächlich, die ihr Vermögen und ihre Ersparnisse in die Dachauer Bank trugen. Es ist nun nicht zu leugnen, daß an der Verlockung dieser Leute die abnorme Höhe der von Adele Spitzcder bezahlten Procente einen großen Antheil hat, allein immerhin war der aufgespielte Schwindel so plump angelegt, lag als solcher so klar vor Augen, daß auf Seiten der Schlachtopfer eine ganz eigenthümliche Vernunftbeschaffenheit, ein fast absoluter Mangel an Urtheilskraft und Prüfungsfähigkeit, und eine gänzliche Abwesenheit der allergewöhnlichsten
Rechnungskunst dazu gehörte, um sich so bethören zu lassen, wie es von der Spitzeder geschehen ist. Wo liegen aber die Ursachen dieser geistigen Verwahrlosung?
Beantworten wir diese Frage ebenfall wieder durch Beispiele:
Wenn man einen Menschen von Jugend auf, statt ihm Erkenntnisse in Beziehung auf die ihn umgebenden Verhältnisse der Natur und Gesellschaft beizubringen, und ihn dadurch aufzuklären, zu bilden, wenn man ihn statt dessen, den größten Theil der zu seinem Unterricht verwendbaren Zeit Worte wie: Abracadabra oder Schniderimautschicadummsasa auswendig lernen und hersagen ließe, so bliebe sein Geist, soweit er nicht durch die Erfahrung des täglichen Lebens geweckt wird, zum größten Theil in der Verfassung, in welcher ihn die Natur hergestellt hat. Von Natur aus aber ist der menschliche Geist nur eine Anlage oder eine Fähigkeit, die erst entwickelt und ausgebildet werden muß. Nun haben aber die religiösen Uebungen, welche in den von den ultramontanen Pfarrern geleiteten und beeinflußten katholischen Volksschulen getrieben werden und einen großen Theil der Unterrichtszeit in Anspruch nehmen, nicht mehr bildenden und didaktischen Werth, als die oben angeführten Formeln. Das unaufhörliche Messehören, das nimmer endende Auswendiglernen von Gebeten, Sprüchen, Psalmen, Litaneien, das fortwährende Ueben unverstandener Ceremonien und Bräuche läßt nicht blos den Geist wie er ist, sondern gewöhnt ihn sogar ans Nichtdenken, legt ihn somit gewissermaßen lahm. Oder wohnt z. B. jener an die allerseligste Jungfrau gerichteten Litanei, welche u. A. folgende Stellen enthält:
»O du Thurm Davids!
Du elfenbeinerner Thurm!
Du ehrwürdiges Gefäß«
wohnt, fragen wir, einer solchen Litanei nicht eine wirklich geistlähmende, ja geisttödtende Eigenschaft in? Welcher nur einigermaßen verständige Bursche würde es wagen, das gewöhnlichste Bürgers- oder Bauernmädchen, »ehrwürdiges Gefäß« oder »elfenbeinerner Thurm« zu tituliren? In Kirche und Schule aber wird er gewöhnt, solche sinnlose Worte an das höchste Ideal weiblicher Vollkommenheit zu richten, d. h. mechanisch zu murmeln und zu plappern, ohne etwas dabei zu denken.
Die mechanische Dressur des jugendlichen Geistes in den ultramontanen und eifrig katholisch geleiteten Schulen, die Gewöhnung an das In-sich-aufnehmen und Wieder-von-sich-geben von Formeln und Worten, welche theils nicht verstanden werden, theils nicht verstanden werden können, wirkt schon in passiver Beziehung sehr nachtheilig auf die Entwicklung des menschlichen Geistes, indem sie ihn an das Nichtdenken gewöhnt und die Ausbildung und Aufklärung geradezu verhindert. Die hyperkatholische Erziehung in Kirche und Schule wirkt aber auch activ schädlich, indem sie einen Zustand des Bewußtseins künstlich schafft, hegt, pflegt, in welchem dasselbe einzusehen (intelligere) gar nicht im Stande ist.
Wenn ich irgend Jemand bestimme, als Ursache einer zu erklärenden Erscheinung eine Hexe anzunehmen, so bestimme ich diesen Menschen zu – glauben, d. h. Etwas, was nicht wahr und bewiesen ist und was nicht wahr sein und bewiesen werden kann, für wahr und bewiesen zu halten. Der Glaube aber ist ein ganz bestimmter Zustand des Bewußtseins, und zwar ein Zustand, in welchem gerade das, was die menschliche Vernunft ausmacht, nämlich die Urteilskraft und die Fähigkeit einzusehen, latent ist, in welchem dagegen die Erscheinungen der Welt mit der eigenen Phantasie des Gläubigen erklärt werden. Was geglaubt wird ist vollständig gleichgültig, wesentlich ist, daß überhaupt geglaubt, daß überhaupt nicht logisch verfahren, nicht gedacht, nicht geprüft, nicht untersucht wird.
Die Erzeugung, Erhaltung und Cultivirung dieses Glaubens aber ist die höchste Aufgabe der ultramontan oder eifrig katholisch geleiteten Schule und Kirche.
Ist es nun, fragen wir, ein Wunder, wenn ein so erzogenes Volk, wenn ein Volk, das man von Jugend auf systematisch zum Glauben gewöhnt hat, das selbst in München, so oft ein Priester im Ornat vorbeigeht, auf die Kniee sich niederwirft und Kreuze zu schlagen anfängt, ist es, fragen wir, ein Wunder, wenn ein geistig so beschaffenes Volk auf so plumpe Weise sich beschwindeln läßt, wie es von der Spitzederbank geschehen ist. Auf dem platten Lande hatten die Leute bereits angefangen, mit der Spitzeder einen förmlichen Cultus zu treiben und zum »Herzen der heiligen Spitzeder« zu beten, zum Beweis, daß es höchst gleichgültig ist, was und an wen geglaubt wird, denn die Form, in welcher der Glaube sich äußert, ist zufällig, wesentlich dagegen ist die geistige Beschaffenheit, welche er voraussetzt.
Den Spitzeder-Schwindel verschuldet also zum großen Theil, die moderne katholische Erziehung des Volkes, welche systematisch darauf ausgeht das Publikum auf einer Culturstufe zu erhaltcn, auf welcher es von dem Pfarrer sich leiten läßt, von dem Pfarrer, der bei jeder Gelegenheit nicht fragt, ob Etwas rechtlich, moralisch, vernünftig und berechtigt, sondern ob es katholisch ist und der katholischen Kirche nützt oder schadet.
Und dies ist die Moral von der Geschichte.
Hiermit haben wir unsere Aufgabe beendigt, welche hauptsächlich darin bestand, klar zu machen, in wie weit unmittelbar und mittelbar der ultramontanen Partei eine Mitschuld an dem Spitzederschwindel zur Last fällt. Im Uebrigen können wir nicht schließen, ohne unsere Leser darauf aufmerksam zu machen, daß die Dachauer Bank keineswegs einzig in ihrer Art war. Es gibt noch viele Unternehmungen, bei welchen die Directoren und Verwaltungsräthe Hunderttausende, ja Millionen an Besoldungen und Geschäftsantheil jährlich verdienen, alle diese Unternehmungen sind auf das Princip basirt, Zinsen und Dividenden wenigstens theilweise aus dem Capital selbst zu bezahlen.
Reinhold Vonkirch: Die große Räuberbank in München oder Adele Spitzeder und ihre schwarzen Cumpane. Ein Beitrag zur Culturgeschichte unserer Zeit. Frankfurt am Main, 1872.
Der Neue Pitaval (1873)
Adele Spitzeder und Genossen.
(München.)
1873.
Seit geraumer Zeit hat kein Criminalfall so die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wie jener der Adele Spitzeder und Genossen, welcher im Juli 1873 vor dem Schwurgerichte in München in einer siebentägigen Verhandlung seinen Abschluß fand.
Adele Spitzeder war die Gründerin der ersten sogenannten Dachauer Bank in München. Die Entstehung dieser Bank, die unerhörte Kühnheit ihres schwindelhaften Treibens hatte allgemeine Sensation erregt, ihr Zusammenbruch dröhnte durch alle Theile des Königreiches. Die Verluste, welche dieser Zusammenbruch zur Folge hatte, waren enorme; sie berechneten sich nach Millionen; der Wohlstand ganzer Gemeinden, ganzer Gegenden wurde hierdurch empfindlich berührt; die sauer erworbenen Ersparnisse von Tausenden von Arbeitern und Dienstboten waren dahin. Und diejenige, welche dieses Unheil in der kurzen Zeit von zwei bis drei Jahren über ganze Bevölkerungsklassen gebracht hatte, war nicht etwa eine geriebene Geschäftsfrau, die sich allmählich durch praktische Erfahrung kaufmännische Kenntnisse und Routine angeeignet, sondern nur eine einfache Schauspielerin ohne Vermögen. Allein sie hatte verstanden, auf die Gewinnsucht der Menge zu speculiren. Sie hielt dem Volke das Trugbild eines andauernden hohen Wuchergewinnes mit der Perspective eines Schlaraffenthums vor die Augen, und in unglaublich kurzer Zeit stürzte sich die Menge in die hingehaltenen Netze. Sogar das bäuerliche Landvolk, dessen zähes Festhalten an den patriarchalischen Gewohnheiten in Bezug auf seine Wirtschaftsführung bekannt ist, dessen hervorragender Charakterzug darin besteht, daß er unzertrennlich am ererbten Grund und Boden hängt, vergaß, vom Fieber der Gewinnsucht erfaßt, die gewohnte Vorsicht und gab sein Hab und Gut wie ein leichtsinniger Spieler den unsichern Chancen eines Wuchergewinnes preis. So hatte sich aus diesem Treiben bald ein Bild schlimmster moderner Corruption entwickelt, in welchem Millionen zum Spielball wurden und Tausende theils bewußt, theils unbewußt als Handlanger des Betrugs und Schwindels figurirten.
Die unausbleibliche Katastrophe trat ein; der Zusammenbruch der Schwindelbank erfolgte, und nun stand die Menge, die wohlgemeinten Warnungen nur taube Ohren geliehen hatte, verblüfft vor dem Chaos der ungeheuern Zerstörung.
Adele Spitzeder, geboren zu Berlin am 9. Februar 1832, ist die Tochter des am 13. December 1832 zu München verstorbenen königlichen Hofschauspielers und Hofkapellensängers Joseph Spitzeder und dessen Gattin, der königlichen Hofsängerin Batty Spitzeder, geborenen Vio, welch letztere sich nach dem Tode ihres Gatten in Wien wieder verehlichte und, zum zweiten mal Witwe, im Jahre 1872 in München verstarb.
Adele Spitzeder zeigte schon als Kind nicht unbedeutende Anlagen. Sie wurde zu Wien im Sanct-Anna-Institut und von ihrem zehnten Lebensjahre an in einem höhern Töchterinstitut in München erzogen, wo sie insbesondere eine hervorragende Begabung für fremde Sprachen entwickelte. Allein bei allem Talent fehlte es ihr doch an Fleiß und Ausdauer. Die stille Zurückgezogenheit und Regelmäßigkeit einer der Arbeit, dem Studium, gewidmeten Lebensweise sagte ihr nicht zu. Von Natur mit dem zweifelhaften Geschenke einer leichterregbaren Phantasie ausgestattet, nicht frei von einer gewissen Ueberspanntheit, suchte sie ihre Befriedigung in der Zerstreuung und Abwechselung. Um diesen Neigungen leben zu können, bedurfte sie voller Unabhängigkeit ihrer Lage.
Sobald sie daher die Fesseln der Schule abgeworfen hatte, war sie darauf bedacht, vom Einflusse der Mutter sich zu emancipiren. Dies gelang ihr ohne große Mühe, da sich Mutter und Tochter bei dem Mangel an Berührungspunkten in ihren durchaus verschieden angelegten Charakteren ohnehin nicht zueinander hingezogen fühlten und es daher die Mutter ohne viele Ueberwindung über sich gewann, die Tochter sich selbst zu überlassen. Die Folge davon war, daß die Tochter in den Kreis eines Umgangs gerieth, welcher zwar, weil er sie mit den Lockungen und Reizen eines leichten Genußlebens bekannt machte, ihren Neigungen vollkommen entsprach, allein auf die Entwickelung ihres Charakters und ihre Lebensanschauung nicht den vortheilhaftesten Einfluß übte.
Auf Rechnung dieses Einflusses ist es wol mit zu schreiben, daß sie sich gegen den Willen ihrer Mutter für den Schauspielerberuf entschied, obgleich dieser Stand auch wegen der damit verbundenen Unabhängigkeit der Lebensstellung und der Aussicht auf glänzende Erfolge eine besondere Anziehungskraft auf sie üben mochte. Von mehrern hervorragenden Mitgliedern der münchener Hofbühne für ihren gewählten Beruf vorbereitet, betrat sie zum ersten mal in ihrem 26. Lebensjahre »die Breter, die die Welt bedeuten« und spielte in den darauffolgenden Jahren nach und nach auf 26–29 Bühnen. Allein sie hatte keinen sonderlichen Erfolg, woran übrigens weniger der Mangel an Talent als vielmehr ihre äußere Erscheinung die Schuld tragen mochte, welche für die Bühne offenbar nicht besonders geeignet war. Die Kunst, die ihr die Lorbern versagte, spendete ihr natürlich auch keine Schätze. Sie verstand es nicht, sich einzuschränken, gerieth vielfach in pecuniäre Verlegenheiten und übte schon frühzeitig die Kunst, auf Kosten ihrer Gläubiger zu leben. So contrahirte sie in Hamburg und Zürich, wo sie engagirt war, bedeutende Schulden. Die beständige Geldnoth mochte in ihr endlich den Entschluß zur Reife gebracht haben, die Bühne zu verlassen und sich in das bürgerliche Leben zurückzuziehen. In der That schloß sie im Jahre 1868 mit ihrer Künstlerlaufbahn ab und kehrte nach München, wo ihre Mutter lebte, zurück.
Am 9. September des genannten Jahres kam sie abends mit dem Bahnzuge daselbst an und stieg im damaligen Hotel Munkert, jetzt Deutsches Haus, ab, wo sie in dem zu diesem Hotel gehörigen Nebenhause, Nr. 9 in der Burggasse, und zwar wegen des Fremdenzudranges im fünften Stocke untergebracht wurde. Bei ihr befand sich die Schauspielerin Emilie Branitzka, welche sie fast auf allen ihren Schauspielerreisen begleitet hatte. Diese begab sich nach ihrer Ankunft zu ihrer Familie, die gleichfalls in München lebte.
Die Verhältnisse der Adele Spitzeder waren damals mehr als ärmlich. Ihre Garderobe bestand lediglich aus einem schwarzen Kleide, einem Matrosenhütchen und schlechten Schuhen, sodaß sie oft nicht ausgehen konnte.
Ihr Mobiliar wurde einzig und allein durch eine Kaffeemaschine repräsentirt.
Ihrer äußern Erscheinung entsprach auch ihre Lebensweise, die den unverkennbaren Stempel nothgedrungener Diät an sich trug. Die Mittel, über die sie damals zu verfügen hatte, bestanden, ihrer eigenen Aeußerung zufolge, nur in einem Monatsgeld von 50 Gulden, welches ihr ihre Mutter auszahlte. Dennoch scheint sie sich damals schon mit großen Entschlüssen getragen zu haben, denn gelegentlich eines Gesprächs mit dem Portier des Gasthauses über ihre künstlerische Laufbahn äußerte sie: »Es kommt noch der Tag, wo Adele Spitzeder eine Rolle in der Welt spielen wird.« Dem Portier kamen diese prophetischen Worte außerordentlich ergötzlich vor, weil er die Adele Spitzeder für eine unschädliche alte Jungfer hielt.
Im März 1869 wurde ihr im Hotel Munkert gekündigt, sie zog in das Gasthaus Zum goldenen Stern im Thal. Dort bewohnte sie zwar zwei möblirte Zimmer im zweiten Stock zu monatlich 15 Gulden, führte aber auch hier in den ersten Monaten ein sehr einfaches und ärmliches Leben. Nicht selten machte sie damals ihrem gepreßten Herzen durch die hingeworfene Aeußerung Luft: »Ach, wenn ich es nur einmal so weit brächte, daß ich Geldgeschäfte machen könnte.«
Bereits Mitte des Jahres 1869 hatten sich die Verhältnisse der Adele Spitzeder auffallend geändert. Sie kaufte sich und ihrer Busenfreundin Emilie Branitzka Kleider und machte überhaupt viele und theuere Einkäufe. Die heißersehnten Geldgeschäfte hatten begonnen, wurden jedoch noch sehr heimlich betrieben. Schon damals brachten indeß die Leute von den Vorstädten Münchens viel Geld zu ihr. Das empfangene Geld verzinste sie mit 10 Proc. per Monat und stellte Wechsel aus.
Gegen Weihnachten 1869 hatte sich ihr Geschäft sehr gehoben. Alte Weiber und gewöhnliche Leute aller Art gingen den ganzen Tag bei ihr aus und ein. Sie gab bereits Gelage zu 12 Personen, bei welchen der Champagner in Strömen floß.
Infolge übertriebener Ansprüche in Bezug auf Bedienung kam es mit dem Wirth Zum goldenen Stern zum Bruch, und Adele Spitzeder zog im März 1870 wieder in das Hotel Munkert, in der Dienersgasse, wo sie anfangs ein Zimmer um monatlich 10 Gulden bewohnte. Bald darauf, im Sommer desselben Jahres, zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges, nahm sie auch die unzertrennliche Freundin, Emilie Branitzka, zu sich und miethete ihr ein Zimmer. Gleichzeitig tauchte ein »Bedienter« in der Person eines gewissen Franz Silchinger auf, der übrigens schon im Goldenen Stern zu ihrer ständigen Umgebung gehört hatte. Gegen Ende des Jahres 1870 erhielt auch dieser Silchinger, der bis dahin nicht im Hotel geschlafen hatte, auf den Wunsch seiner Herrin ein Zimmer für monatlich 12 Gulden angewiesen. Allmählich kamen nun auch hier viele Leute, welche Geld zur Spitzeder brachten. Hier und da fuhren auch Personen vor, welche Darlehne bei ihr aufnahmen. Silchinger stand im Vorplatz und fungirte als Portier. Alle, die Geld brachten, wurden mit Braten, Wurst und Bier regalirt. Der Aufwand dafür stieg schnell von 5 auf durchschnittlich 10 Gulden täglich.
Zur Einzugszeit der Truppen im Juli 1871 war der Andrang der Menge so groß, daß der Wirth des Hotel Munkert genöthigt war, der Adele Spitzeder noch zwei rückwärts gelegene Zimmer zu 10–15 Fl. monatlich als förmliche Geschäftszimmer zu überlassen. Allein das Treiben wurde so stark und für die übrigen Gäste des Hotels so belästigend, daß der Besitzer des Gasthauses der Spitzeder das Quartier kündigte.
Am 1. Oktober 1871 siedelte sie in das von ihr käuflich erworbene Haus Nr. 9 an der Schönfeldstraße über. Wagen und Pferde hatte sie sich schon zuvor angeschafft. Es begann nun ein Leben im großen Stil. Auch das Geschäft nahm immer bedeutendere Dimensionen an, wozu hauptsächlich ihre wohlüberlegte Taktik beitrug, dasselbe gegenüber den Leuten als ein Unternehmen hinzustellen, welches auf den Nutzen und die Förderung der Interessen des armen und gemeinen Mannes im Gegensatz zu den Reichen berechnet sei. Ferner schuf sie sich dadurch, daß sie jedem, der Geld einlegte, ein sogenanntes »Trinkgeld« von 5 Proc. bis 7 Proc. auszahlte, eine Masse von eifrigen Agenten, welche aus eigenem Interesse den Ruhm und die Uneigennützigkeit des Dachauer Bankgeschäftes nach allen Himmelsgegenden verkündeten. Auch war sie darauf bedacht, den Kreis ihrer Anhänger durch Uebernahme zahlloser Gevatterschaften und Spendung von reichen Pathengeschenken bei Taufen und Firmungen zu erweitern. So stand sie von Ende des Jahres 1869 bis zu Ende Oktober 1872 in München allein nicht weniger als 64-mal zu Gevatter. Schon beim Einzuge in das Haus Nr. 9 an der Schönfeldstraße war ihre Popularität so groß, daß sich dieser Einzug zum Feste gestaltete, und ihre Anhänger und Anhängerinnen, Bediensteten u. s. w. ihr Ovationen und Geschenke, darunter einen silbernen Lorberkranz, darbrachten.
So kam es denn, daß der Zudrang des kleinen Kapitals zu dem Spitzeder’schen Geschäfte ein immer größerer wurde. Eine geraume Zeit hindurch mag die Summe der Einlagen täglich im Durchschnitt 50–60000 Fl., keinesfalls unter 25000 Fl. betragen haben. An einzelnen Tagen belief sich der Gesammtbetrag der Einlagen sogar auf 100000 Fl. Die Masse der Leute, welche Geld bei der Dachauer Bank anlegen wollten, war häufig so groß, daß viele tagelang auf ihre Abfertigung warten mußten. Diesen bot die unermüdliche Fürsorge der Adele Spitzeder einstweilen ein Asyl in der von ihr erworbenen Gastwirthschaft Zum Tell, wo sie auf ihre Kosten bewirthet wurden. Auch kam sie häufig abends nach Schluß der Geschäftsstunden herab und theilte an die Leute, die nicht abgefertigt worden waren, Geldgeschenke aus. Die Zahl der in dem Geschäfte angestellten und verwendeten Personen belief sich schließlich 30–40.
Um Zeugniß zu geben von dem Geiste, der angeblich im Spitzeder’schen Geschäfte waltete, waren Plakate im Hause angeheftet, auf welchen in großen Lettern gedruckt der stolze Spruch zu lesen war: »Thue recht und scheue niemand.« Sogar das Briefpapier, das sie zu ihren Correspondenzen verwendete, trug diese Devise. Sie selbst erschien nie, ohne ein großes goldenes Kreuz, das Symbol der christlichen Liebe und Duldung, um den Hals zu tragen, und die ihr dienstbaren Zeitungsblätter verfehlten nicht, den Ruf ihrer Frömmigkeit besonders unter die Kreise des leichtgläubigen Landvolkes zu verbreiten.
Mit Hülfe aller dieser Mittel hatte sich also Adele Spitzeder aus dunkler Dürftigkeit auf die Höhe des Lebens emporgeschwungen. Der Reichthum hatte seine Zauberpforten geöffnet und bot ihr in verschwenderischer Fülle die ersehnten Mittel zur Befriedigung jeder Laune und jedes Wunsches. Bisher gänzlich unbeachtet, kaum dem Namen nach bekannt, war sie plötzlich zur gefeierten Persönlichkeit geworden, welcher die niedern Volksklassen als ihrer »Wohlthäterin« huldigten. Der Gipfelpunkt ihrer geheimen Wünsche: »eine Rolle in der Welt zu spielen, Triumphe zu feiern«, war erreicht – allein auf Kosten des Ruins von Tausenden und auf Kosten ihres guten Gewissens.
Es konnte natürlich nicht fehlen, daß das unheilvolle verbrecherische Treiben der Spitzeder’schen Schwindelbank die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog und bei vielen ernstliche Besorgnisse erweckte. Zuerst wendete sich die unabhängige, ihrer sittlichen Aufgabe eingedenke Presse gegen das Spitzeder’sche Bankinstitut, suchte das Publikum über dessen schwindelhafte, betrügerische Grundlage aufzuklären und vor den unausbleiblichen Folgen des Zusammensturzes zu warnen. Allein diese Versuche scheiterten an der großen Leichtgläubigkeit und verblendeten Gewinnsucht der Masse. Insbesondere gelang es den sogenannten Dachauer Banken – denn das Beispiel der Adele Spitzeder wirkte verführerisch, und waren in kurzer Zeit in München noch weitere vier solcher Banken entstanden – mehr und mehr die Kapitalien der ländlichen Bevölkerung an sich zu ziehen. Aus den Sparkassen wurden die Einlagen, die diesen Banken zugebracht wurden, zurückgezogen, und die erstern sahen sich deshalb genöthigt, ihre meist in Hypotheken auf dem Lande angelegten Gelder in bedeutendern Beträgen zu kündigen. Hierdurch wurde in einzelnen Bezirken der Hypothekarcredit und damit der Wohlstand ganzer Gemeinden ernstlich bedroht.
Das königlich bairische Ministerium des Innern erließ zu wiederholten malen öffentlich die eindringlichsten Warnungen wider die Dachauer Banken und wies darauf hin, daß diese Banken die Zinsen von 90 und l00 Proc. jährlich natürlich nur mit Hülfe der Kapitalien bestreiten könnten, welche ihnen neu zuflössen, daß die hierdurch fortwährend entstehenden Kapitalverluste schließlich von den Einlegern selbst getragen werden müßten und daß solche Banken, wie dies ähnliche Vorgänge in Italien, Belgien und Ungarn bereits gezeigt hätten, überall mit ungeheuerm Verlust am Kapital enden müßten und zwar mit um so größerm, je länger ihre Wirksamkeit dauere.
Trotzdem blühte das Geschäft der Spitzeder nach wie vor. Erst im Herbste des Jahres 1872 brach ihre Bank plötzlich zusammen.
Am 11. November stellten mehrere Wechselgläubiger den Antrag auf Ganteröffnung. Auf Grund dieses Antrags wurde vom königlichen Bezirksgerichte München am 12. November 1872 die Beschlagnahme ihres Vermögens verfügt und die Prüfung der Vermögenslage angeordnet. Die Beschlagnahme des Vermögens und die damit inbegriffene Schließung des Geschäftes wurde noch an demselben Tage vollzogen und Adele Spitzeder in die Civilhaft abgeführt. Die dieser gerichtlichen Maßnahme zu Grunde liegende Annahme bedeutender Ueberschuldung stellte sich zufolge der spätern Erhebungen auch vollständig gerechtfertigt dar. Denn es ergab sich bei einem Aktivvermögen von 1,974008 Fl. 24 Kr. ein Schuldenbetrag von 10,099766 Fl. 50½ Kr., mithin die enorme Ueberschuldung von 8,125758 Fl. 26½ Kr.!
Einiges Mistrauen war übrigens durch das obenerwähnte warnende Auftreten der Regierung auch schon vor der gerichtlichen Einmischung und der hierauf erfolgten wirklichen Zahlungseinstellung wach gerufen worden. Der Andrang der Wechselgläubiger, welche Rückzahlung ihrer Einlagen forderten, wurde sehr bedeutend, während die Kapitalzuflüsse sich erheblich minderten. So betrugen am 8. November die Einlagen 15–1600 Fl., die Rückzahlungen an Kapitalien aber 40000 Fl.; am 9. November betrugen die Einlagen 6000 F., am 11. November 8500 Fl., dagegen die Rückzahlungen 65000 Fl. Diese für die Bankinhaberin höchst fatale Wahrnehmung hatte sie zu einigen sehr bemerkenswerthen Maßnahmen veranlaßt. Sie beschränke nämlich die Rückzahlung verfallener Wechsel auf die ungewöhnliche Morgenstunde von 6–7 Uhr und ordnete weiter an, daß an bestimmten Tagen (Mittwoch und Samstag) verfallene Wechsel gar nicht angenommen würden. Diese Anordnung wurde als durch Rücksichten auf ihre Gesundheit motivirt bezeichnet. Am 11. November kam es sogar vor, daß in der zur Zahlung festgesetzten Stunde die Zahlung der am genannten Tage fälligen Wechsel verweigert wurde, »weil der Tag noch nicht abgelaufen sei«. Diese Manöver, welche gleichsam das Vorspiel zu der bald darauf eingetretenen Zahlungseinstellung bildeten und aus dem Bewußtsein entsprangen, daß bei einem etwas lebhaftern Andrange der Wechselgläubiger die disponibeln Zahlungsmittel nicht ausreichen würden, waren alle darauf berechnet, die Rückzahlung der eingelegten Kapitalien möglichst zu erschweren und den Andrang der die Auszahlung der Wechselsumme fordernden Gläubiger zu hemmen.
Was den Geschäftsbetrieb der Adele Spitzeder anbelangt, so war derselbe trotz der großen Ausdehnung des Geschäftes ein überraschend einfacher. Den Einlegern wurden an Zinsen früher 10 Proc., seit Mitte 1871 aber regelmäßig 8 Proc. per Monat vergütet; es wurden also die eingelegten Kapitalbeträge jährlich mit 96 Proc. verzinst. Der Zins von zwei Monaten wurde sofort bei der Geldeinlage ausbezahlt und über die Einlagesumme unter Hinzurechnung eines weitern einmonatlichen Zinses ein Wechsel auf drei Monate lautend ausgestellt. Legte also jemand 1000 Fl. ein, so wurden ihm sofort 160 Fl. Zinsen auf zwei Monate vergütet und ihm ein auf den Betrag von 1080 Fl. lautender, nach drei Monaten zahlbarer Wechsel eingehändigt. Außerdem erhielt jeder Kapitalzubringer, welcher Gelder einlegte, noch ein Trinkgeld von 5 Proc. bis 7 Proc. durchschnittlich.
Adele Spitzeder bezahlte somit an Zinsen und Provisionen jährlich noch um einige Procente mehr, als die Summen der eingelegten Gelder betrugen, ein Kunststück, das eben nur dadurch zu leisten möglich wurde, daß sie ihre Verbindlichkeiten an Zinsen und Kapitalrückzahlungen immer wieder aus den neuen Einlagen deckte.
Das Bankgeschäft der Adele Spitzeder beruhte daher auf der verwerflichsten Grundlage, es war lediglich darauf berechnet, durch enorm hohe Verzinsung die Kapitalien gering Bemittelter, sowie die Ersparnisse der Arbeiter und Dienstboten an sich zu ziehen, die Zinsen, Provisionen und Kapitalrückzahlungen mit Hülfe der neu zufließenden Kapitalien zu bestreiten und dieses System des Schwindels und Betrugs dadurch zu verdecken, daß sie sich den Anschein gab, als ob alle diese Zahlungen aus dem durch den Betrieb großartiger Ausleihgeschäfte, durch Speculation in Immobiliarwerthen und dergleichen erzielten Gewinn des Geschäftes bestritten würden, auch wol, auf die Leichtgläubigkeit der Menschen pochend, hier und da in unbestimmter Weise Andeutungen machte, als ob ihr, der Adele Spitzeder, infolge geheimnißvoller Verbindungen unerschöpfliche Mittel zu Gebote ständen.
Der Zusammenbruch eines solchen Geschäftes ist natürlich unvermeidlich, denn die Möglichkeit des Fortbestandes desselben ist dadurch bedingt, daß nicht nur neue Kapitalien beständig zufließen, sondern daß dies auch in Beträgen geschieht, welche mit der in ungeheuerer Progression wachsenden Schuldenlast im entsprechenden Verhältnisse stehen.
Der Betrag der täglichen Einlagen muß sich also gleichfalls beständig erhöhen. Allein diese Steigerung der Einlagen hat eben immer ihre natürliche Grenze, und es war in dieser Beziehung nicht uninteressant, daß ein Bediensteter der Adele Spitzeder selbst angab, er habe nach gewonnenem Einblick in das Wesen dieses Geschäftes berechnet, das solches unter den günstigsten Verhältnissen nur bis ungefähr Mitte des Jahres 1873 bestehen könne, dann aber unfehlbar zusammenbrechen müsse, weil bis dahin die Schuldenlast zu einer solchen Höhe angewächsen wäre, daß sie durch die täglichen Einlagen unmöglich mehr hätte gedeckt werden können.
Von einer bankmäßigen oder überhaupt kaufmännischen Anlage und Verwendung der eingelegten Gelder war in dem Geschäfte der Adele Spitzeder keine Rede. Sie betrieb zwar ein Ausleihgeschäft, wobei sie allerdings in Bezug auf die Berechnung von Wucherzinsen das Möglichste leistete, allein dasselbe war nicht von nennenswerthem Umfang und konnte schon wegen der erfahrungsgemäß bei solcher Gattung von Geschäften häufig eintretenden Kapitalverluste nicht wohl genügend rentiren.
Sie kaufte auch Häuser und Anwesen, theils in München, theils auswärts, welche selbstverständlich gegenüber den hohen Zinsen, die für die zu dem Ankauf verwendeten Kapitalien an die Einleger von ihr bezahlt wurden, nur eine winzig kleine Rente abwarfen. Creditoperationen in größerm Maßstabe, Börsengeschäfte und dergleichen nahm sie nicht vor und war auch durch ihre gänzliche Unerfahrenheit und Unkenntniß in Sachen des Geldmarktes daran gehindert. Die bei ihr anstatt Baargeldes eingelegten Papiere wurden, insoweit sie nicht für die laufenden Ausgaben oder zur Bezahlung von Kaufschillingen verwendet und zu diesem Zwecke versilbert wurden, einfach deponirt. Brachte jemand Werthpapiere anstatt Baargeld zum Einlegen, so mußte er diese zuerst in einem gegesonderten, links von der Hausstür befindlichen Zimmer vorzeigen, worauf die Obligattonen sowie der Name des Besitzers in ein Buch (sogenanntes Obligationenbuch) eingetragen wurden und er sodann die Obligationen mit einem Zettel zurückerhielt, auf welchem die Summe, zu welcher die Obligationen angenommen wurden, die durchschnittlich l Proc. über den Tageskurs betrug, und die zur Ergänzung der Darlehns-, resp. Einlagesumme zu zahlende Differenz bemerk war.
Ob nun nach allen diesen Präliminarien die Besitzer der Obligationen dieselben auch wirklich einlegten, darum bekümmerte man sich merkwürdigerweise nicht weiter. Die Einträge in den Obligationsbüchern gewährten daher durchaus keine Bürgschaft dafür, daß die darin verzeichneten Obligationen auch wirklich in den Besitz der Adele Spitzeder gelangt waren.
Am Abend nach Schluß des Geschäftes ließ Adele Spitzeder das eingegangene Geld, die Obligationen und Banknoten in ihre Wohnung hinaufbringen und am nächsten Morgen wurde dann so viel Silber in die Geschäftslocalitäten wieder heruntergebracht, als nach dem Gange des Geschäfts muthmaßlich nöthig erschien. Die eingegangenen Obligationen, Banknoten und das Gold dagegen wurde den Friseureheleuten Speyer – Friseur Speyer war ein alter Vertrauter der Spitzeder – zur Aufbewahrung übergeben und von diesen in einem von der Spitzeder zu diesem Zwecke eigens angeschafften feuerfesten Schranke, der in der Speyer’schen Wohnung aufgestellt war, einfach deponirt, worüber die Speyer’schen Eheleute Aufzeichnungen machen mußten.
Hierbei fand man es aber nicht der Mühe werth, die Obligationen, bevor sie allabendlich dem Speyer zur Deponirung übergeben wurden, vorerst noch mit den Einträgen im Obligationenbuche zu vergleichen, obwol doch nur auf diese Weise hätte festgestellt werden können, ob in der That die im Buche als eingegangen verzeichneten Obligationen auch alle an der Kasse eingelegt worden waren.
Die Aufzeichnungen, welche Speyer über die in Empfang genommenen Obligationen machte, bestanden lediglich darin, daß er auf einen halben Bogen Papier jedesmal unter Angabe des Datums die Gesammtsumme der erhaltenen Obligationen, nach ihrem Nominalwerthe berechnet, mit Bleistift verzeichnete (also z. B.: 19./3. 72–10000 Fl. u. s. w.).
Ueber ein Depot, das im October 1872 fast die Summe von zwei Millionen erreicht hatte, fand sich daher an Aufzeichnungen weiter nichts vor, als ein Blatt Papier, auf welchem mit Bleistift verschiedene Summen untereinander geschrieben waren!
Nach den Bestimmungen des Deutschen Reichs-Strafgesetzbuches kann das Verbrechen des betrügerischen Bankrotts nur von einem »Kaufmann« begangen werden.
Daß nun mit Rücksicht auf die Beschaffenheit ihres Geschäfts Adele Spitzeder als »Kauffrau« im Sinne des Deutschen Handelsgesetzbuchs zu betrachten war, darüber lagen bereits Entscheidungen des königlichen Handelsgerichts München und des Handelsappellationsgerichts daselbst vor.
In beiden Erkenntnissen war Adele Spitzeder, weil sie gewerbsmäßig Handelsgeschäfte im Sinne des Handelsgesetzbuches treibe, angewiesen worden, ihre Firma beim königlichen Handelsgerichte München behufs Eintragung im Handelsregister anzumelden und zu zeichnen. Dieselben Gründe, auf welchen diese civilrichterlichen Entscheidungen beruhten, waren auch für den Strafrichter bestimmend, bei Adele Spitzeder die Eigenschaft einer »Kauffrau« anzunehmen.
Im Art. 272, Ziffer 2 des Handelsgesetzbuches sind nämlich Bankiergeschäfte, wenn sie gewerbsmäßig betrieben werden, als Handelsgeschäfte bezeichnet. Das Wesen des Bankiergeschäfts besteht aber in der Vermittelung des Geld- und Creditumlaufs. Alle Geschäfte, welche diesem Zwecke dienen, sind Bankiergeschäfte.
Geschäfte solcher Art sind nun die gewerbsmäßige Aufnahme von Geldern gegen Verzinsung, die Gewährung von Credit an dritte Personen durch Hingabe verzinslicher Darlehne, der gewerbsmäßige Ein- und Verkauf von Staats- und Industriepapieren, wobei die Annahme solcher Papiere an Zahlungsstatt gleichbedeutend ist mit Kauf. Daß Adele Spitzeder solche Geschäfte wirklich betrieben und daß dieselbe in dem regelmäßigen Betriebe dieses Geschäftes ihren Beruf, ihren Erwerb gesucht hatte, war durch die Untersuchung erwiesen. Sie hatte auch selbst ihren Geschäftsbetrieb in dieser Weise aufgefaßt, dies bewies ihre Geschäftsanmeldung zum Gewerbsregister vom 9. Juni 1871, worin sie behufs der Steueranlage erklärte, daß sie das Bankier- und Geldwechslergeschäft als Gewerbe betreiben wolle. Später versuchte sie allerdings aus nahe liegenden Gründen die kaufmännische Eigenschaft ihres Geschäftes in Abrede zu stellen.
Als »Kauffrau« war Adele Spitzeder nach Art. 28 des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuches verpflichtet, Handelsbücher zu führen, aus welchen sich ihre Handelsgeschäfte und die Lage ihres Vermögens vollständig ersehen ließen.
Diesen Erfordernissen zu entsprechen, mußte die Buchführung eine vollständige, klare und leicht übersichtliche Darstellung des Vermögens bei der Gründung des Geschäftes, des schließlichen Vermögensstandes und des innerhalb eines Zeitraumes von einem, längstens von zwei Jahren gemachten Gewinnes oder erlittenen Verlustes geben; es mußte daraus zu jeder Zeit die Summe des vorräthigen Geldes, der vorhandenen Werthpapiere, das Rechnungsverhältniß zu den Gläubigern und Schuldnern ersichtlich sein. Zu diesem Zwecke mußten daher nach den übereinstimmenden Gutachten der vernommenen Sachverständigen bei der in einfachster Weise geführten Buchhaltung mit Rücksicht auf die große Ausdehnung des Geschäfts folgende Bücher geführt werden:
1) ein Inventar über das bei der Gründung eingelegte Kapital;
2) ein Kassabuch, abgetheilt in Einnahmen und Ausgaben, fortlaufend addirt und jeden Monat abgeschlossen;
3) ein Scontro über gekaufte oder an Zahlungsstatt angenommene Effecten mit Columnen für das Eingangsdatum, die Benennung des Papiers, den Nennwerth, die Nummer, den Zinsfuß und Zinstermin, den Namen des Verkäufers u. s. w.;
4) ein Buch, das Verzeichniß der Gläubiger, resp. Einleger, der eingelegten Summen, der Beträge der zurückgezahlten Summen und ihrer Verfallzeiten enthaltend;
5) In Betracht der großen Anzahl von Posten und des hierdurch erwachsenen beträchtlichen Umsatzes ein chronologisches Verzeichniß ihrer Außenstände und Verbindlichkeiten, also eine Zusammenstellung, wieviel sie jeden Tag zu zahlen und andererseits einzunehmen hatte;
6) ein Verzeichniß ihrer Häuser und deren Ankaufssummen, der darauf ruhenden Hypotheken und ihre Verzinsung und der darauf geleisteten Zahlungen;
7) ein jährlich oder mindestens alle zwei Jahre aufzustellendes Inventar über das vorhandene Geld, den Geldwerth der vorräthigen Effecten und Wechsel, der Häuser und Mobilien, als Schmuck, Gemälde, Waaren, Wagen, Pferde u. s. w., und andererseits über die schuldigen Beträge.
Statt dessen wurden aber im Spitzeder’schen Geschäfte nur folgende Bücher geführt:
a) das sogenannte Obligationenbuch, in welchem die gekauften, beziehungsweise an Zahlungsstatt angenommenen Staats- und Industriepapiere verzeichnet wurden;
b) sogenannte Quittungsbücher über ausbezahlte Zinsen und zurückbezahlte Kapitalien, in welchem die Einleger ihrerseits durch die Einzeichnung ihrer Namen über den Empfang quittiren mußten;
c) sogenannte Adreßbücher, in welchen die Namen der Gläubiger (Einleger) verzeichnet wurden;
d) ein Correspondenzbuch;
e) ein Verzeichniß der zu Verlust gegangenen Wechsel.
Es wurde also in dem Geschäfte der Spitzeder trotz seines Ungeheuern Umfangs nicht einmal ein Kassabuch geführt – das unentbehrlichste aller Geschäftsbücher – von den übrigen oben aufgeführten nothwendigen Büchern, deren Führung ebenfalls unterlassen wurde, gar nicht zu sprechen. Es war beim Mangel eines Kassabuches nicht einmal möglich, die eigenen Leute zu controliren, und von einer Uebersicht über den Stand des Geschäfts konnte absolut keine Rede sein.
Einen höchst merkwürdigen Anblick gewährten übrigens die in dem Spitzeder‘ schen Geschäfte geführten Bücher. So wurden z. B. in den sogenannten Adreßbüchern die eingelegten Kapitalbeträge in der Regel nicht vorgetragen. Man beschränkte sich darauf, die Namen der Wechselgläubiger vorzumerken, weil – wie Adele Spitzeder gegenüber der Commission des Gantgerichts in außerordentlich naiver Weise bemerkte – man ja den Betrag der Schuld aus den den Gläubigern ausgestellten und ihnen behändigten Wechseln hätte entnehmen können.
Den seltsamsten Eindruck machten aber unstreitig die sogenannten Quittungsbücher. In diese Ouittungsbücher mußten, wie bemerkt, die Wechselgläubiger über empfangene Zinsen und zurückbezahlte Kapitalien quittiren. Dieses wurde so bewerkstelligt, daß in die erste Rubrik jeder Seite die Ziffer 2 oder 3 geschrieben wurde, wodurch die Zahl der Monate angedeutet werden sollte, für welche der Empfänger die Zinsen erhalten hatte. Gewöhnlich rührten diese Ziffern von der Hand der Spitzeder selber her. Unmittelbar hinter diese Ziffer in die mittlere breite Rubrik schrieb dann der Empfänger seinen Vor- und Zunamen. Stand und Wohnort wurde nicht gefordert und fand sich auch nie beigesetzt; sehr häufig war auch nur der Zuname eingeschrieben. Ueber den Betrag der gezahlten Zinsen oder des zurückgezahlten Kapitals wurde nichts bemerkt. Ob der betreffende Name leserlich geschrieben war, ob derselbe durch einen der zahlreichen Tintenkleckse, welche in jeder Gestalt und Größe die Blätter der Quittungsbücher zierten, sofort nach seinem Entstehen für immer wieder in Dunkelheit gehüllt wurde, darauf kam es nicht weiter an. Ja nicht selten trifft der Blick des Lesers auf die drei Kreuze eines Schreibunkundigen, ohne im geringsten eine Andeutung darüber zu finden, aus wessen Feder die Hieroglyphen geflossen sind. Meistens stehen die Kreuze ganz einsam und verlassen, zuweilen wird auch die Neugierde des Lesers mit einem unter den Kreuzen angebrachten kühnen Federstrich abgefertigt, der aber der Phantasie ebenso viel zu rathen übrigläßt als die drei Kreuze selbst.
Es ist absolut unverständlich, was mit einer derartigen Buchführung für ein reeller Zweck erreicht werden wollte, denn nicht einmal eine klare und vollständige Uebersicht über einzelne Zweige der Geschäftsführung, wie z. B. über die Auszahlung der Zinsen, konnten diese Bücher gewähren. Man mußte daher unwillkürlich auf den Gedanken kommen, daß es der Adele Spitzeder gar nicht eigentlich um eine Buchführung zu thun gewesen war und daß sie solche wahrscheinlich am liebsten ganz unterlassen hätte, wenn es ihr nicht darauf angekommen wäre, durch die Führung von einzelnen Büchern vor den Augen des Publikums ihrer »Bank« wenigstens den äußern Habitus eines Geschäftes zu verleihen. Die Buchführung war eben für sie nur ein leeres, aber unentbehrliches Ceremoniell, welches lediglich dazu diente, das Publikum über die wahre Natur ihres Geschäftes zu täuschen.
Die in dem Spitzeder’schen Geschäfte vorhandenen Bücher wurden selbstverständlich nicht ausschließlich von der Spitzeder selbst, sondern größtentheils von ihren Bediensteten in ihrem Aufträge geführt. Doch waren diese letztern, obgleich sie verschiedene Titulaturen, wie Kassirer, Controleur, Buchhalter u. s. w. führten, in Bezug auf die ihnen übertragene Buchführung nichts weniger als selbständig, sondern sie mußten sich durchaus den Anweisungen der Adele Spitzeder fügen. Ueberhaupt war es ein beachtenswerther Umstand sowol für die Art der Geschäftsführung als für die Beurthcilung der Persönlichkeit der Adele Spitzeder, daß sie es nicht liebte, sich von ihrer Umgebung in geschäftlicher Beziehung irgendwie beeinflussen zu lassen. Sie übertrug daher auch keinem ihrer Bediensteten eine bestimmte Geschäftsbranche zur eigenen Verantwortlichkeit, sondern sie verwendete jeden nach Gutdünken bald da, bald dort, wobei sie, wie es scheint, hauptsächlich darauf bedacht war, zu verhindern, daß ihre Bediensteten einen vollständigen Einblick in die Lage und den Betrieb des Geschäftes gewännen. Dieses eigenthümliche Abhängigkeitsverhältniß, in welchem die Adele Spitzeder ihre Bediensteten zu halten wußte, mußte auch dazu führen, in Bezug auf die unterlassene Buchführung nur sie allein als strafrechtlich haftbar zu erklären, wenn es auch nicht dem geringsten Zweifel unterlag, daß auch die Bediensteten die wahre Lage des Geschäftes und die Unvermeidlichkeit der Zahlungseinstellung wol gekannt hatten. Jedenfalls hat die Mehrzahl derselben es verstanden, sich binnen der kurzen Zeit, in welcher sie im Spitzeder’schen Geschäfte sich befanden, aus unbemittelter Lage zum Wohlstande emporzuschwingen.
Die Unterlassung der Buchführung, welche der Adele Spitzeder als Kauffrau nach Art. 28 des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuches oblag, bildete zunächst einen jener Anklagemomente, auf welche sich die Anschuldigung des Verbrechens des betrügerischen Bankrotts gründete.
Allein Adele Spitzeder war auch weiter beschuldigt, daß sie nach bereits erfolgter Zahlungseinstellung unter Beihülfe von einzelnen ihrer Bediensteten Vermögensbestandtheile beseitigt hatte.
Wie bereits oben bemerkt, übergab die Spitzeder kurze Zeit, nachdem sie in ihr Haus gezogen war, alles, was an Obligationen, Banknoten und Gold bei ihr einging und was sie nicht zu laufenden Ausgaben verwendete, den Friseureheleuten Speyer zur Aufbewahrung.
Am 24. October 1872 hatte das bei ihnen hinterlegte Depot den höchsten Stand erreicht, nämlich: 1,862862 Fl. Von da an nahm es allmählich wieder ab, indem entweder die Obligationen für die Spitzeder bei Bankers verkauft oder ihr dieselben sowie Banknoten und Gold auf ihr Verlangen wieder zurückgegeben wurden. Der Rest des Depots wurde am 8., 9. und 10. November in einigen zwanzig Päcken zu je 50000 Fl. von der Frau Speyer selbst unter Beihülfe ihrer Köchin zur Spitzeder hinuntergetragen und zwar geschah dies deshalb, weil der Besitzer des Hauses, in welchem die Speyer’schen Eheleute zur Miethe wohnten, erklärt hatte: er müsse entschieden darauf dringen, daß die der Spitzeder gehörigen Papiere aus seinem Hause entfernt würden, da er von der im Falle eines Zusammenbruches der Spitzeder-Bank zu befürchtenden Aufregung des Volkes leicht Insulten zu gewärtigen habe, wenn bekannt würde, daß in seinem Hause Papiere der Spitzeder in so hohem Werthe sich befänden – eine Ansicht, die unter den gegebenen Verhältnissen gewiß auch einiges für sich hatte.
Eine nach den Speyer’schen Aufzeichnungen über die Rückgabe des Depots und die actenmäßigen Erhebungen über die im Monate November im Besitze der Spitzeder gewesenen Werthpapiere gemachte Zusammensetzung ergab nun, daß nach dem 1. November 1872 Speyer an Werthpapieren besessen hat: 1,603722 Fl.
Hiervon wurden bei der am 12. November 1872 erfolgten gerichtlichen Beschlagnahme saisirt in 16 Päcken: 801475 Fl.
Ferner bei Bankiers verkauft, theils unmittelbar vom Speyer’schen Depot aus, theils von der Spitzeder aus, nachdem sie von Speyer zu derselben gebracht worden waren: 694108 Fl.
Summa: 1,495583 Fl.
Es fehlten sohin, wenn man einzelne unterlaufene Rechnungsverstöße des Speyer bei Berechnung des Depots in Anschlag bringt, in runder Summe 100000 Fl. oder zwei Päcke mit je 50000 Fl.
Diese 100000 Fl. wurden nachgewiesenermaßen am 12. November 1872, nachdem die gerichtliche Commission in der Spitzeder’schen Wohnung erschienen war und die Anwesenden sowie die Spitzeder selbst von der Beschlagnahme des gesammten Vermögens der letztern und von der Sperrung des Geschäftes in Kenntniß gesetzt hatte, im Auftrage der Spitzeder und mit deren Einverständniß von ihrer Gesellschafterin, der Schauspielerin Rosa Ehinger, und mehrern ihrer Bediensteten beseitigt.
Abends gegen 7 Uhr nämlich oder nach 7 Uhr, als die gerichtliche Commission noch im Hause anwesend war, kam die Rosa Ehinger in sichtlich aufgeregtem Zustande in die Küche und forderte das dort befindliche Stubenmädchen Anna Jordan auf, ihr zu helfen, es sei noch Geld da, das das Fräulein Spitzeder habe auswechseln lassen wollen und das glücklicherweise die Commission übersehen habe, sie möge ihr beistehen, dasselbe zu »retten«, indem sie es zu ihrer im andern Flügel des Hauses wohnenden Mutter, Bertha Ehinger, hinübertrage. Sie führte nun die Anna Jordan in das Lederzimmer (von den Möbeln von schwarzem Glanzleder, die in demselben sich befanden, so genannt), zog einen Schlüssel aus der Tasche, sperrte eine unter dem Bücherschranke angebrachte Schublade auf und zog einen Pack Obligationen heraus, welcher mit Bindfaden zusammengeschnürt war. Sie versuchte den Pack mit einem Spagat an den Schurz des Mädchens zu befestigen, damit sie denselben unter dem Rock versteckt forttragen könnte, ein Vorhaben, das jedoch wieder aufgegeben wurde, weil das Schurzband riß. Nun versuchte Rosa Ehinger den Pack unter dem Sofa zu verbergen und weil dies ebenfalls nicht gelingen wollte, holte sie aus ihrem Nähtische eine Schere herbei und schnitt, um die Obligationen vertheilen zu können, den Bindfaden auf.
Eine Stunde später ging die Köchin Maria Pregler an dem Zimmer der Rosa Ehinger vorüber und sah die letztere in einem solchen Zustande »der Verzweiflung« stehen, daß sie zu ihr hineinging. Die Ehinger führte sie nun in das bereits erwähnte Lederzimmer, zog unter dem Sofa einen Stoß Obligationen hervor, nahm von demselben etwa eine daumendicke Partie, faltete sie in der Mitte zusammen und gab sie der rc. Pregler mit der Bitte, dieselben zu verstecken. Sie sagte hierbei nicht, wem sie gehörten oder wohin sie dieselben tragen sollte, sondern äußerte nur: »Thun sie’s, wohin sie’s wollen.« Die rc. Pregler steckte auch die Obligationen zu sich und trug sie nach Hause in ihre Wohnung. Nach Verlauf von einigen Stunden brachte sie zwar einen Theil wieder und übergab sie dem Kammerdiener Nebel, allein 16 Stück im Nominalwerthe von 3100 Fl. behielten sie und ihr Mann, der Ausgeher Pregler, in ihrer Wohnung zurück und wurden dieselben später bei einer am 9. Januar vorgenommenen Haussuchung vorgefunden.
Inzwischen hatte sich Rosa Ehinger auch an den Kammerdiener Jakob Nebel mit der Bitte gewendet, »ihr zu helfen«. Sie führte denselben in das sogenannte Lederzimmer, zog die unten am Bücherschranke angebrachte Schublade heraus, in welcher sie die Obligationen schon das erste mal, als sie in Gegenwart der Jordan dieselbe öffnete, liegen hatte und wohin sie sie inzwischen seit der Scene mit der rc. Pregler wieder zurückgebracht haben mußte, nahm zwei nicht zusammengebundene Päcke Obligationen und ersuchte den rc. Nebel: mit ihrer Beihülfe dieselben in dem im sogenannten Eckzimmer befindlichen Pianino zu verstecken, was denn auch geschah. Nachträglich wurden in diesem Pianino vier Stück dieser Obligationen noch vorgefunden, welche offenbar bei der Wiederherausnahme der übrigen dort versteckt gewesenen in der Aufregung des Augenblicks zurückgeblieben waren.
Bezüglich dieser von ihm und der Rosa Ehinger im Pianino versteckten Obligationen gibt rc. Nebel an, daß die Spitzeder schon vorher, etwa um 9 Uhr, als sie bereits im Bette lag, zu ihm sagte: »Jakob, du bist so gut und trägst das Geld zur Frau Ehinger hinüber«, und daß sie auf seine Frage: »Was für ein Geld?« weiter erwidert habe: »Die Rosa hat es, es gehört ihr.« Nebel trug auch später – wovon noch weiter unten die Rede sein wird – diese Obligationen zur Mutter Ehinger hinüber.
Zuvor gelang es jedoch noch, einen weitern Pack Obligationen der Gerichtscommission aus den Händen zu reißen. Als sich nämlich letztere in das Schlafzimmer der Spitzeder begab, um die in dem dortigen Verschlage befindlichen Obligationenpäcke zu Gerichtshänden zu nehmen, wurde Jakob Nebel von der Spitzeder angewiesen, die Obligationenpäcke aus dem Verschlage herauszureichen. Bei dieser Gelegenheit gelang es dem Nebel, einen Pack Obligationen auf die am Verschlage stehende Kommode zu legen, woselbst sich Wäsche befand, und denselben vor den Augen der Anwesenden dadurch zu verbergen, daß er schnell ein Deckchen darüberzog.
Adele Spitzeder, der er gleich darauf den guten Erfolg seines Manövers mittheilte, äußerte ihre Zufriedenheit hiermit und wies ihn an, die Obligationen auch zur Ehinger hinüberzutragen und zu sagen, es sei der Rosa ihr Geld. Nebel brachte hierauf den Pack vorerst in das rothe Zimmer – so genannt von den rothen Möbeln, die in demselben sich befanden – wohin er auch die von ihm und der Rosa Ehinger versteckten Obligationen, nachdem er dieselben mit ihrer Beihülfe aus dem Pianino wieder herausgenommen hatte, schaffte. Hierbei forderte nun auch Rosa Ehinger ihn auf, die Papiere, die ihr von der Spitzeder »geschenkt« worden seien, zu ihrer Mutter hinüberzutragen. Jakob Nebel nahm hierauf in Gegenwart der Rosa Ehinger die in ein Packet zusammengebundenen Obligationen, sowie die aus dem Pianino genommenen nicht zusammengebundenen losen Obligationen und trug alles zusammen in sein Zimmer, wo er sie in seinem Bette versteckte. Als dies bereits geschehen war, gab ihm die Köchin Maria Pregler einen Theil jener Obligationen zurück, welche ihr die Rosa Ehinger, wie oben bereits erwähnt, zugesteckt hatte, mit dem Bemerken, Fräulein Rosa habe sie ihr gegeben, sie getraue sich aber nicht, sie zu behalten, Nebel möge sie um Gottes willen nehmen.
Ferner wendete sich in jenem Zeitpunkte auch die Theaterdirectorswitwe Betty Winter, welche in der letzten Zeit die Verwaltung der Spitzeder’schen Häuser besorgt hatte und von der Gerichtscommission zur Aufschlußertheilung gerufen worden war, an rc. Nebel mit dem Ersuchen, ihr von den Obligationen zu geben, worauf dieser sich in sein Zimmer begab und ihr sechs Stück Obligationen im Nennwerthe von 3500 Fl. einhändigte. Mit diesem Ersuchen an rc. Nebel hatte es nach Angabe der Winter folgende Bewandtniß:
Nachdem die Gerichtscommission sich schon entfernt und die Spitzeder, angegriffen von den Ereignissen des Tages, sich ins Bett gelegt hatte, sagte dieselbe zur Betty Winter, diese solle sich von Jakob Obligationen geben lassen, denn 8000 Fl. gehörten der Rosa, die sie ihr erst kurz vorher geliehen, und sie, die Winter, möchte der »armen Haut« diesen Betrag oder einen Theil desselben retten. Darauf hin ließ sich die Winter die fraglichen Obligationen von Jakob Nebel geben. Als sie dann wieder zur Spitzeder in deren Schlafzimmer kam und ihr sagte, daß sie 3500 Fl. habe, äußerte sich diese sehr befriedigt darüber. Kurz bevor die Winter in der Nacht das Haus verließ und die Spitzeder fortgebracht wurde, fragte letztere die Winter, ob Jakob das Packet schon hinübergetragen habe oder wo er es hingethan habe, worauf die Winter erwiderte, sie wisse es nicht, habe aber von Jakob gehört, daß er ein Packet zu Rosa’s Mutter hinübergetragen habe. Hierauf sagte die Spitzeder ganz ängstlich, wenn der Jakob die Sachen nur ordentlich besorgt, es handelt sich um 50000 Fl.
Jakob Nebel trug auch in der That nachts um 11 Uhr sämmtliche Obligationen, die er in seinem Bette versteckt hatte – bis auf jene der Winter gegebenen, eine fünfprocentige münchener Stadtobligation zu 100 Fl., die er sich zugestandenermaßen in unredlicher Absicht zueignete und bald darauf verkaufte, sowie zwei weitere (Bodencreditobligationen zu je 100 Fl.), welche drei Tage nach der Sperre noch im Bette des Nebel aufgefunden wurden und wahrscheinlich aus Versehen dort zurückgeblieben waren, ferner eine weitere Anzahl von in runder Summe 5400 Fl., welche sich der Hausmeister Compensis auf eine nicht bestimmt ermittelte Weise inzwischen zu verschaffen gewußt hatte – zur Mutter Ehinger hinüber, von welcher sie ein paar Tage darauf dem Gantgerichte ausgeliefert wurden.
Zu Mutter Ehinger waren übrigens schon vorher, ehe Jakob Nebel jene große Quantität Obligationen zu ihr schaffte, von der Rosa Ehinger selbst und dem Stubenmädchen ungefähr 20 alte Frauenthaler, in ein Papier gewickelt, und eine kleine Partie zusammengelegter Obligationen gebracht worden. Diese alten Frauenthaler hatte die Spitzeder sonderbarerweise aus Aberglauben sowol auf einem Betstuhle, der in ihrem Schlafzimmer stand, als an verschiedenen andern Orten vertheilt und auch paarweise unter die Blumenvasen gelegt gehabt, wo sie Rosa Ehinger, während die Spitzeder bei der Commission sich befand, hinwegräumte.
Auch das Dienstmädchen der Mutter Ehinger, Namens Katharina Fischer, welche der Rosa Ehinger einen Shawl hinübergebracht hatte, erhielt von der letztern, einen ungefähr faustgroßen Sack mit Geld mit dem Auftrag, denselben ihrer, der Rosa, Mutter, zu übergeben. Zuvor hatte sie jedoch diesen Sack mit Geld der noch im Bette liegenden Spitzeder mit den Worten gezeigt: »Adele, dies gebe ich meinem Mädchen mit«, worauf die Spitzeder mit »Ja« antwortete.
Von der Spitzeder selbst wurden ferner vor ihrer Abführung in die Civilhaft und während sie noch im Bette lag, ein großer Sack mit altem Gelde, bestehend aus sogenannten Frauenthalern, im ungefähren Betrage von 4000 Fl., theils als Bezahlung für geleistete Dienste, theils als Bezahlung noch nicht eingelöster Wechsel an die Bediensteten vertheilt. Auf diese Weise erhielt die Putzerin Anna Anger etwas, über 20 Fl., die Köchin Marie Pregler circa 70 Fl., das Stubenmädchen Anna Jordan 5 bairische Thaler, Kammerdiener Jakob Nebel 25–26 Thaler, Hausmeister Georg Compensis als Entschädigung für seine uneingelösten Wechsel eine nicht bestimmt ermittelte, aber jedenfalls sehr namhafte Partie dieser Thaler.
Dem Jakob Nebel schenkte sie weiter sieben Stück ihr gehörige zu 4 Proc. verzinsliche Pfandbriefe der Bairischen Hypothen- und Wechselbank zu je 100 Fl.
Das waren jene Vorgänge, welche sich am 12. November 1872 abends zutrugen, als die Gerichtscommission bereits in der Wohnung der Adele Spitzeder mit Inventarisirung des Vermögens beschäftigt war. Dieselbe hatte die Ausdehnung der Untersuchung auf die Bediensteten der Spitzeder, nämlich auf ihre Gesellschafterin Rosa Ehinger, ihren Kammerdiener Jakob Nebel, die Köchin Marie Pregler und deren Mann zur Folge.
Bezüglich der Adele Spitzeder selbst stand nach jenen Vorgängen fest, daß sie zur Verschleppung des einen der beiden von rc. Nebel zur Mutter der Rosa Ehinger verbrachten Packete Obligationen demselben ausdrücklich Auftrag gegeben hatte und daß sie bezüglich der andern von Rosa Ehinger zuerst versteckten und dann gleichfalls von rc. Nebel zur Mutter der Ehinger verbrachten Partie Obligationen mit der Rosa Ehinger im Einverständniß sich befunden hatte. Letztere hatte auch in einem am 21. November 1872 mit ihr vorgenommenen Verhöre eingeräumt, sie wisse zwar nicht bestimmt, sie glaube aber, daß sie, ehe Jakob Nebel auf ihr Geheiß die Obligationen zu ihrer Mutter getragen, mit Adele ein paar Worte darüber gesprochen habe.
Adele Spitzeder wollte zwar von der Beiseiteschaffung dieser Obligationen insgesammt nichts wissen und diesen Standpunkt des Leugnens hielt sie auch in der öffentlichen Verhandlung fest, doch hatte sie in ihrem zweiten Verhöre in der Voruntersuchung am 18. November 1872 angegeben, daß sie vor etwa drei Wochen, als ihre Freundin Rosa um ihretwillen ins Gerede gekommen, was dieser natürlich bei ihrer Stellung als Schauspielerin höchst unangenehm gewesen sei, ihr gleichsam als Entschädigung 50000 Fl. in Obligationen geschenkt habe. Die gleiche Behauptung stellte auch die Rosa Ehinger auf. Allein es ist klar, daß diese angebliche Schenkung nur eine Erdichtung war, mit welcher die unter Mitwirkung der Rosa Ehinger vorgenommene Verschleppung der 50000 Fl. Obligationen gerechtfertigt und womöglich diese Summe der Adele Spitzeder für die Zukunft gesichert werden sollte.
Gegen die Schenkung sprach die Höhe der angeblich geschenkten Summe, die angstvolle Hast und Heimlichkeit, mit welcher das Wegschaffen des angeblichen Geschenkes während der Anwesenheit der Gerichtscommission im Hause bewerkstelligt wurde, ferner die obenerwähnte charakteristische Aeußerung der Spitzeder gegen die Betty Winter: »letztere solle sich von Nebel Obligationen geben lassen, damit der «armen Haut», der Rosa, wenigstens ein Theil des Darlehns, das sie, die Spitzeder, von ihr erhalten habe, gerettet würde.«
Noch schlagender wurde übrigens jene Behauptung der Schenkung widerlegt durch die auffallenden Widersprüche und Schwankungen in den Angaben der Ehinger und Spitzeder über den Zeitpunkt der erfolgten Schenkung und durch eine Reihe von Thatumständen, aus denen hervorging, daß der in Frage stehende Obligationenpack zu 50000 Fl. aus Effecten bestand, welche theils erst am 9. oder 10. November aus dem Speyer’schen Depot zur Spitzeder gebracht, theils erst in den letzten Tagen vor der gerichtlichen Schließung des Geschäfts, nämlich am 11. und 12. November, eingelegt worden waren, und welche daher zur Zeit der behaupteten Schenkung noch gar nicht im Hause und resp. Besitze der Spitzeder gewesen sein konnten.
Adele Spitzeder hatte nämlich in einem Verhöre vom 18. November 1872 erklärt, daß sie die erste Schenkung ungefähr vor drei Wochen der Rosa Ehinger gemacht habe. Dies wäre also in den letzten Tagen des October gewesen. Später in einem Verhöre vom 13. December suchte sie zwar, aber offenbar nicht mit Glück, diese Angabe wieder abzuändern, indem sie sich dahin ausdrückte, daß der Schenkungsact innerhalb der Zeit vom 24. October bis 12. November erfolgt sei.
Rosa Ehinger blieb bezüglich des Zeitpunktes der angeblichen Schenkung nach mehrfachen Schwankungen endlich dabei stehen, daß sie die Obligationen schon eine Woche lang im Besitze gehabt habe, ehe Frau Speyer mit den Obligationen, die sie im Depot hatte, gekommen sei. Dieser Angabe der Ehinger trat dann auch die Spitzeder schließlich bei.
Nun hatte aber die Speyer erst am 8. November begonnen, die bei ihr deponirten Obligationen zur Spitzeder zu tragen, nachdem sie dieselben zuvor zu Hause in Packete von je 50000 Fl. zusammengebunden hatte. Vor dem 8. November 1872 befanden sich nach dem Ergebniß der Untersuchung Obligationen in dem fraglichen Betrage gar nicht in der Spitzeder’schen Wohnung.
Es konnte daher der kritische Obligationenpack von 50000 Fl. zum weitaus größten Theile wenigstens nur aus solchen Obligattonen bestehen, welche bei Speyer im Depot gewesen waren.
Die vor der gerichtlichen Schließung des Geschäfts am 11. und 12. November eingegangenen Obligationen bestanden in
A) zwei österreichischen Silberrenten à 100 Fl.
B) einer österreichischen Silberrente à 1000 Fl.
Die beiden sub A wurden im Pianino vorgefunden und daß sie mit den übrigen von Rosa Ehinger dort versteckten Werthpapieren dahin gelangt waren, ergab sich aus dem Umstande, daß neben denselben sich zwei Pfandbriefe befanden, von denen der eine C. 53603 schon am 12. August, wie der Eintrag im »Obligationenbuch« zeigte, eingegangen und daher schon längst in das Speyer’sche Depot gewandert war.
Die Silberrente sub B aber lag neben einer Bodencreditobligation der Bairischen Vereinsbank C. 1459, welche unter dem 1. Juli 1872 als eingegangen im Obligationenbuche verbucht war, demnach ebenfalls sich im Speyer’schen Depot befunden hatte.
Diese drei am 11. und 12. November bei der Spitzeder eingegangenen Papiere befanden sich am 12. November mittags auf dem Buffetschrank im Speisezimmer, von wo aus sie dann in das Schlafzimmer der Spitzeder gelangten. Denn als der damals bei der Spitzeder bedienstete Michael Kreuzer etwa um 2 Uhr in das Schlafzimmer der Spitzeder trat, um dieselbe etwas zu fragen und ihr zu sagen, daß im Speisezimmer noch Obligationen lägen, deutete Rosa Ehinger auf einen Korb, der auf dem Kasten neben dem Verschlage stand, und sagte zur Spitzeder:
»Adele, da sind die Papiere, die du im Speisezimmer gehabt hast.«
Kreuzer sah nun selbst deutlich in dem Korbe einen Geldsack, in dem zusammengefaltete Obligationen staken.
Es wurde ferner festgestellt, daß Rosa Ehinger häufig den Schlüssel zu dem im Schlafzimmer befindlichen Verschlage besaß, in welchem die von der Speyer gebrachten Obligationenpäcke aufbewahrt wurden, und daß sie insbesondere am 12. November, dem Tage der Sperre, ein paarmal in dem Verschlage gesehen wurde, das letzte mal zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags.
Demnach konnte darüber wol kaum ein Zweifel bestehen, daß der von der Rosa Ehinger versteckte und sodann von Nebel zu deren Mutter gebrachte Pack Obligationen von der erstern selbst zusammengestellt war und zwar aus Obligationen, welche aus dem Speyer’schen Depot am 9. oder 10. November von der Frau Speyer zur Spitzeder gebracht, und aus mehrern andern, die bei der Spitzeder selbst erst in den letzten Tagen (11. und 12. November) eingelegt worden waren. Die Behauptung, daß die Adele Spitzeder ihrer Freundin Rosa Ehinger die in Frage stehenden Obligationen acht Tage vor dem 8. November oder Ende Oktober geschenkt haben wollte, war somit als unwahr erwiesen. Uebrigens war es auch bezeichnend genug, daß diejenigen Bediensteten der Spitzeder, denen gegenüber sich die Rosa Ehinger über die angeblich erfolgte Schenkung geäußert hatte, übereinstimmend angaben, daß sie keinen Augenblick ernstlich an diese Schenkung geglaubt hätten.
Aus den voraufgeführten Thatsachen insgesammt ergab sich also, was zunächst die Angeklagte Adele Spitzeder anlangt, daß sie nach erfolgter gerichtlicher Beschlagnahme ihres Vermögens am 12. November vorigen Jahres abends und in den spätem Nachtstunden Vermögensstücke dadurch verheimlichte und beseitigte, daß sie
a) einen ihr gehörigen Pack von Werthpapieren und zwar mit österreichischen Papierrenten-Obligationen im Nominalbeträge zu 19050 Fl. Oesterr. W. und münchener Stadtanlehns-Obligationen zu 31000 Fl. nebst je dazu gehörigen Zinsabschnittbogen durch ihren Kammerdiener Jakob Nebel zu der in dem andern Flügel ihres Hauses wohnenden Oberpackersfrau Bertha Ehinger verbringen ließ;
b) von einem weitern, ihr gehörigen Pack mit verschiedenen Werthpapieren nebst Zinsabschnittbogen, durch ihren Kammerdiener Jakob Nebel Werthpapiere im Nominalbetrage von 3500 Fl., der Theaterdirectorswitwe Betty Winter zur spätern Auslieferung an ihre Gesellschafterin Rosa Ehinger behändigen und einen großen Theil der übrigen Papiere in einem nicht näher zu bestimmenden Werthbetrage unter dem Vorgeben, es gehörten solche der Rosa Ehinger, zu deren Mutter, der bereits genannten Bertha Ehinger, bringen ließ;
c) ihrer Gesellschafterin Rosa Ehinger gestattete, eine ihr gehörige, in einem zwillichenen Säckchen verwahrte Summe Geldes im ungefähren Betrage von 100 Fl. zu deren Mutter, Bertha Ehinger, bringen zu lassen;
d) ältere Geldmünzen, meist Frauenthaler, im ungefähren Gesammtwerthe von 4000 Fl. unter ihre Bediensteten vertheilte;
e) dem Jakob Nebel sieben Stück ihr gehörige verzinsliche Pfandbriefe der Bairischen Hypotheken- und Wechselbank zu je 100 Fl., wovon zwei ohne Zinsabschnitte, die übrigen nur mit Coupons vom 1. Juli 1873 versehen waren, schenkte.
Zum Thatbestande des betrügerischen Bankrotts wird der Nachweis erfordert, daß der Schuldner in der Absicht gehandelt hat, seine Gläubiger zu benachtheiligen. Im vorliegenden Falle ergab sich diese Absicht von selbst.
Daß ein Geschäft wie die »Dachauer Bank« der Adele Spitzeder nothwendig zu dem tragischen Abschlusse der Zahlungseinstellung führen müsse, darüber war wol jeder denkende Mensch, dessen Blick nicht durch Gewinnsucht oder politische Leidenschaft momentan geblendet war, im Klaren. Denn es gibt kein Gebiet der Speculation, auf welchem es möglich wäre, Gewinne zu erzielen, wie sie erforderlich gewesen wären, um die ungeheuere, täglich wachsende Zinsenlast des Spitzeder’schen Geschäfts, die zu zahlenden Provisionen, die rückzuzahlenden Kapitalien, die riesigen Summen zu decken, welche der luxuriöse Haushalt der Spitzeder und ihre maßlose Verschwendung verschlangen. Allein von Erzielung eines Gewinnes war bei der Art der Spitzeder’schen Geschäftsführung überhaupt keine Rede. Ja sie verschmähte es sogar, eine etwas höhere Rentabilität als gewöhnlich für die ihrer Bank anvertrauten Gelder anzustreben. Ihr Verfahren in Bezug auf die Verwendung dieser Gelder war über alle Erwartungen einfach. Was nämlich an Effecten (Staats- und Industriepapieren) und Gold einging, wurde, wie schon erwähnt, jeden Abend den Speyer’schen Eheleuten zur Aufbewahrung übergeben. Dort blieben diese Papiere in Frieden liegen, bis der Augenblick kam, wo ein Theil derselben zur Beschaffung von Baargeld für die Auszahlungen an der Bank versilbert werden mußte. Um die Cursbewegungen dieser Papiere in der Zwischenzeit bekümmerte sich niemand. Die Möglichkeit eines vortheilhaften Verkaufes infolge des Eintretens günstiger Cursverhältnisse wurde gar nicht ins Auge gefaßt, dazu hatte man offenbar gar keine Zeit.
Das eingegangene Baargeld wurde sofort wieder dazu verwendet, um die fälligen Zinsen aus frühern Kapitaleinlagen und die fälligen Kapitalien zurückzubezahlen und die Bedürfnisse des Haushaltes zu bestreiten. Was hiervon noch übrigblieb, wurde allenfalls bis auf weiteres bei einer Bank verzinslich angelegt. Außerdem erwarb Adele Spitzeder einen größern Immobiliarbesitz, indem sie nach und nach 16 Häuser in München und eine Villa in Feldaffing am Starnbergersee, von ihr später »Villa Rosa« nach dem Namen ihrer Freundin genannt, ankaufte. Allein sie kaufte diese Häuser nicht etwa, um zu speculiren, d. h. durch einen günstigern Wiederverkauf Gewinn zu ziehen, sondern sie behielt diese Häuser, welche mit wenigen Ausnahmen sogenannte Zinshäuser waren, in ihrem Besitze, weil sie sich offenbar darin gefiel, in München als Besitzerin so und so vieler Häuser genannt zu werden und weil, was wol die Hauptsache war, durch diesen Immobiliarbesitz ihrer Creditfähigkeit ein erhöhter Glanz, eine scheinbar unerschütterliche Grundlage verliehen wurde.
Adele Spitzeder lieh zwar auch Kapitalien gegen Wucherzinsen aus, und – so sehr sie oft auch Geld durch Geben von großartigen Geschenken und dergleichen massenhaft verschleuderte – hier zeigte sie sich in Bezug auf das Nehmen von Procenten durchaus nicht spröde. Allein im Verhältniß zu der Größe ihres stets in Zunahme begriffenen Passivsaldos war das Kapital, welches sie zum Betriebe ihres Ansleihgeschäftes verwendete, winzig klein. Denn nach einer im Gantverfahren aus den vorhandenen Activwechseln gemachten Zusammenstellung betrug die Gesammtsumme der Activwechselfordernngen nicht mehr als 103683 Fl.
Bei einer solchen Geschäftsführung, die mit nichts begonnen wurde, und bei welcher eigentlich mit dem Augenblicke der ersten Einlage auch schon der Zustand der Insolvenz eingetreten war, wird niemand ernstlich bezweifeln wollen, daß Adele Spitzeder über den Stand ihres Geschäftes, über die Unvermeidlichkeit der Zahlungseinstellung, die nur eine Frage der Zeit war, sowie über den schließlich eintretenden ungeheuern Schaden, den ihre Gläubigerschaft erleiden mußte, vollständig im Klaren war, daß sie ferner recht wohl einsah, daß die Ziffer dieses Schadens desto beträchtlicher werden mußte, je länger das Geschäft fortgeführt wurde. Gleichwol zögerte Adele Spitzeder keinen Augenblick, auf dem einmal betretenen Wege fortzuschreiten. Vermeiden konnte sie die unvermeidliche Katastrophe des Zusammenbruches nicht, aber dieselbe solange als möglich hinauszuziehen, dazu wurden alle ihr zu Gebote stehenden Mittel versucht.
Die Stimme des Gewissens, die ihr hätte sagen müssen, daß die verderblichen Folgen ihres Thuns gerade denjenigen Theil der Bevölkerung treffen würden, welcher Vermögensverluste am schwersten empfindet, die Armen und Unbemittelten, an deren geringen Ersparnissen der Schweiß harter Arbeit und die Bitterkeit der Entsagung haften, wurde übertäubt durch die Lockungen der Eitelkeit und den Reiz eines üppigen Genußlebens.
Adele Spitzeder hatte sich ziemlich rasch daran gewöhnt, sich von dem glänzenden Comfort des Reichthums umgeben zu sehen; ihre Zimmer waren auf das eleganteste eingerichtet; in denselben waren Spieluhren aufgestellt, um mit ihren Melodien die geladenen Gäste bei der Tafel zu ergötzen oder die Gebieterin in einsamen Stunden in süße Träumereien zu wiegen; die Wände waren bedeckt von Oelgemälden in prunkenden Rahmen, für ihre sonntäglichen Ausflüge standen drei Equipagen im Stalle bereit, ein Troß von Bedientesten harrte ihres Winkes!
Allein um die Fortdauer aller dieser Herrlichkeiten zu ermöglichen, war es nothwendig, dem Geschäfte die möglichste Ausdehnung zu geben und dadurch gegenüber der täglich zunehmenden Schuldenlast täglich höhere Kapitalzuflüsse zu erhalten. Zur Erreichung dieses Zweckes suchte sich die Spitzeder zunächst die Presse dienstbar zu machen, was ihr auch zum Theil gelang. Von der ihr ergebenen Presse, die vorzugsweise in den Kreisen der Landbevölkerung verbreitet war und unter welchen sich insbesondere die ultramontanen Blätter, das »Bayrische Vaterland« und »Der Volksbote« hervorthaten, wurde das Lob der Adele Spitzeder, ihre Uneigennützigkeit, die Solidität und Dauerhaftigkeit ihrer »Bank« in allen Tonarten gesungen. Blätter, die ihre Stimme erhoben, um den gefährlichen Schwindel der Dachauer Bank bloßzulegen und das Publikum vor einer Betheiligung zu warnen, wurden in der heftigsten Weise angegriffen, beschimpft und ihnen vorgeworfen, daß sie nur darauf ausgingen, im Interesse eines geldwuchernden liberalen Judenthums die lästige Concurrenz der gerade für die arbeitenden Klassen so wohlthätigen Dachauer Bank der Adele Spitzeder zu vernichten, und dergleichen. Unter der Hand wurde dann auch der Versuch gemacht, diese Blätter auf andere Weise, nämlich durch Bestechung, zum Schweigen zu bringen oder solche gar anzukaufen.
Adele Spitzeder gründete selbst eine Zeitung, das Münchener Tageblatt, dessen Redaction ein gewisser Dr. Faist übernahm, ein Blatt, welches unter dem Deckmantel der politischen Tendenz eines gemäßigten Ultramontanismus ausschließlich die Interessen des Spitzeder’schen Geschäfts zu vertreten hatte. Sie spielte die Wohlthäterin des Volkes, indem sie für milde Zwecke bedeutende Summen ausgab und eine Volksküche gründete, in welcher Speisen und Getränke zu außergewöhnlich billigen Preisen abgegeben wurden und an deren Wänden Devisen angebracht waren, wie: »Aus dem Volke und durch das Volk«, oder:
Wer Trank und Speise billig schafft,
Der gibt dem Volke seine Kraft.
Und in der That, alle diese Mittel waren vom besten Erfolge begleitet. Ihre Popularität wurde größer und größer, der Zudrang zu ihrem Geschäfte nahm lange Zeit von Tag zu Tag zu, und besonders die Landbevölkerung strömte massenhaft herbei, um ihre Kapitalien der neuen Wunderbank anzuvertrauen.
Gleichwol vergaß Adele Spitzeder im Taumel des Erfolges nicht, an das unvermeidliche Ende zu denken und sich, soweit eben thunlich, vor den strafbaren Folgen dieser Eventualität zu sichern. Dahin gehört vor allem ihr Bemühen, nicht als »Kauffrau« erklärt und zur Firmenzeichnnng, beziehungsweise Eintragung ihrer Firma im Handelsregister gezwungen zu werden. Der Widerstand, den sie in dieser Beziehung entwickelte, sucht an Hartnäckigkeit seinesgleichen. Die Acten des königlichen Handelsgerichts geben hierüber genügenden Aufschluß. Sie glaubte hierdurch zweierlei zu vermeiden. Einmal wollte sie der Verpflichtung zur kaufmännischen Buchführung überhoben sein, sodann glaubte sie, daß dann im Falle des Zusammenbruches die Bestimmungen des Reichs-Strafgesetzbuches – das sie nach eigenem Geständniß eifrig studirt hatte und von welchem auch ein Exemplar, auf ihrem Schreibtische liegend, vorgefunden wurde – über den kaufmännischen Bankrott nicht auf sie angewendet würden. Welch großen Werth sie darauf legte, nicht als Kauffrau erklärt zu werden, beweist unter anderm der Umstand, daß sie dem Rechtsconcipienten, welcher die Einspruchsschrift gegen die Verfügung des königlichen Handelsgerichts München vom 21. November 1871, wodurch Adele Spitzeder zur Firmenzeichnung aufgefordert wurde, verfertigt hatte, ein Geschenk von 2500 Fl. machte.
Es wurden von ihr, um die Eintragung im Handelsregister zu vermeiden, übrigens nicht blos alle zulässigen processualen Mittel erschöpft, sondern es wurden auch Aenderungen in der Geschäftsführung getroffen, welche darauf berechnet waren, dem Geschäfte den kaufmännischen Charakter zu benehmen.
So wurden im Ausleihgeschäfte die Wechsel nicht mehr auf den Namen der Adele Spitzeder als Wechselgläubigerin ausgestellt, sondern auf den Namen eines der Bediensteten, offenbar zu dem Zwecke, um vorgeben zu können, daß Adele Spitzeder gar kein Ausleihgeschäft mehr betreibe.
Auch wurde beim Eintrag in das Obligationenbuch in Bezug auf die anstatt der Baargeldeinlage an die Spitzeder verkauften Obligationen nicht mehr der Ausdruck »verkauft«, sondern »übergeben« gebraucht, damit man nicht mehr sagen könne, die Spitzeder beschäftige sich mit dem Ein- und Verkauf von Staatspapieren.
Es wird wol nicht fehlgegriffen sein, wenn man auch in diesen Aenderungen in dem Modus der Geschäftsführung die Einflüsse juristischer Rathschläge erblickt, ebenso wie es aller Wahrscheinlichkeit nach auf Rechnung juristischer Rathsertheilung zu setzen ist, daß Adele Spitzeder im Verlaufe des Sommers 1872 plötzlich anfing, in ihren Wechseln die Worte beizusetzen: »Nicht an Ordre«, wodurch bekanntermaßen die Uebertragbarkeit des Wechsels an Dritte gehindert wird.
Die Absicht war offenbar die, den großen Andrang zu vermeiden, der dadurch entstand, daß Wechsel durch Kauf an dritte Personen übergingen, die sich nicht wie die ursprünglichen Wechselgläubiger mit der bloßen Prolongation der Wechsel und Auszahlung der Zinsen begnügten, sondern die Auszahlung der Wechselsummen verlangten, denn solche gewaltsame Aderlässe mußten, um das Leben des Patienten zu fristen, womöglich vermieden werden. Daß nun gleichwol solche Wechsel auch dritten Besitzern gegenüber honorirt wurden, erklärt sich durch die grenzenlose Unordnung im Spitzeder’schen Geschäfte. Vielleicht geschah es auch aus der Besorgniß, es möchte durch die verweigerte Einlösung Mistrauen erweckt werden, weshalb man sich entschloß, lieber von den rechtlichen Wirkungen dieses »Nicht an Ordre« wieder abzusehen.
Wie aus dem vorstehend Ausgeführten zur Genüge hervorgeht, war das Geschäft der Adele Spitzeder im Grunde nichts weiter als ein großartig angelegter Betrug im vulgären Sinne des Wortes, gerichtet auf die schamloseste Ausbeutung des Publikums, eine organisirte Massenberaubung in moderner civilisirter Gestalt.
Es könnte auffallen, daß Adele Spitzeder, wenn sie sich der ganzen Tragweite ihres Handelns, der hieran sich knüpfenden unvermeidlichen tatsächlichen und rechtlichen Folgen vollkommen bewußt war, sich nicht noch zur rechten Zeit ihrer Verantwortung durch die Flucht entzogen oder wenigstens einstweilen die Vorbereitungen zur Flucht in entsprechender Weise getroffen hat.
Allein man muß eben nicht vergessen, daß sie durch die übereinstimmende Versicherung ihrer juridischen Rathgeber, daß man ihr, solange sie die Zinsen bezahle und die fälligen Wechsel einlöse, nichts anhaben könne, offenbar sicher gemacht war. Mangel an Einsicht und Ueberlegung war gewiß nicht die Ursache, denn Adele Spitzeder war eine viel zu geriebene Person, um nicht alle Eventualitäten ins Auge zu fassen und zu überdenken. Wohl aber mögen gewisse Eigenthümlichkeiten ihres Charakters mit zu dem Entschlusse beigetragen haben, vorläufig den Schauplatz ihrer Thätigkeit nicht zu verlassen, den Kampf aufzunehmen mit dem gegen sie gerichteten Theil der öffentlichen Meinung, Trotz zu bieten dem Gesetze, vor dem sie sich gesichert glaubte, ungeachtet der von der Regierung ergangenen Warnungen. Ihre Eitelkeit, ihre zum Widerstande geneigte Gemüthsart mochte darin einen gewissen Reiz, eine Art Befriedigung finden.
Uebrigens bleibt es immerhin ein beachtenswerther Umstand, daß man bei der Beschlagnahme ihres Vermögens in ihrer Wohnung Pretiosen, vorzugsweise aus Brillanten bestehend, im Werthe von 34137 Fl. vorgefunden hat. Es ist möglich, daß diese Pretiosen mit Rücksicht auf eine beabsichtigte Flucht angekauft wurden, es ist aber auch möglich, daß sie diese Kostbarkeiten nur aus Hang zur Verschwendung gekauft hat. Ihre Lust, das Geld zu vergeuden, war so maßlos, daß es nicht ohne Interesse sein wird, wenn wir noch einige Proben davon geben. Die luxuriöse, man darf sagen fürstliche Pracht ihres Hauses haben wir schon erwähnt. Aber auch die Zahl ihrer Dienerschaft war eine fürstliche zu nennen. Ihr Personal bestand aus circa 50 Personen, welche sie ohne Ausnahme verköstigte. Dasselbe aß theils in ihrer eigenen Wohnung, theils auf ihre Kosten in der von ihr käuflich erworbenen Wirthschaft Zum Tell. Die Küchenrechnung betrug per Woche 130–140 Fl., wobei die Einkäufe beim Spezerei- und Delicatessenhändler und beim Charcutier nicht eingerechnet sind; in der Wirthschaft Zum Tell betrug die Rechnung in der Woche durchschnittlich 120 Fl. Außerdem veranstaltete sie Sonntags gewöhnlich größere Gastgelage, bei denen es hoch herging. Häufig wurden auch von ihr an Sonntagen größere Partien in eigenen Equipagen und in größerer Gesellschaft unternommen, bei welchen sie alles bezahlte und eine außerordentliche Verschwendung in Bezug auf Bewirthung ihrer Gäste und Spendung von Trinkgeldern und dergleichen an den Tag legte.
Ihren Bediensteten gewährte sie außerordentlich hohe Dienstbezüge. So hatte der Buchdruckereibesitzer Napoleon Homalatsch, der bei ihr als Kassirer eintrat, obgleich er wegen gänzlichen Mangels kaufmännischer Kenntnisse nicht einmal seine eigene Buchhaltung zu führen vermochte, einen monatlichen Gehalt von 350 Fl. Einer ihrer Diener, Franz Silchinger, hatte nebenbei noch das merkwürdige Privilegium, alles Geld, welches er bei Schluß des Geschäftes in den Geschäftslocalitäten auf dem Boden liegend vorfand, für sich behalten zu dürfen. Rosa Ehinger bezog als Gesellschafterin einen Monatsgehalt von 500 Fl. Ihr Berhältniß zu Adele Spitzeder war übrigens ein sehr eigenthümliches und ist durch die Untersuchung nicht vollständig aufgehellt worden. Die Gefühle der Freundschaft zwischen beiden äußerten sich, nach den Aussagen mehrerer Zeugen, in so überschwenglicher, in so ungewöhnlich sinnlicher Weise, daß in der Umgebung der Spitzeder allerlei Combinationen über die Natur dieser Freundschaft angestellt wurden. Doch es mag dahingestellt bleiben, ob derartige Vermuthungen begründet sind. Thatsache ist, daß sie ihre Freundin königlich belohnte. Sie hat sich während ihres kurzen Aufenthaltes bei der Spitzeder von ihrem Gehalt und durch Geldgeschenke, die sie von ihrer Herrin empfing, ein Vermögen von 10000 Fl. erspart! Außerdem schenkte ihr die Spitzeder auch noch Schmuck und Brillanten im Betrage von in runder Summe 7000 Fl., darunter ein aus einem Diamant bestehendes Hemdknöpfchen im Werthe von 1000 Fl. Mit Geschenken, z. B. Brillanten, Ringen und dergleichen wurden auch die übrigen Bediensteten reichlich bedacht.
Durch eine gewisse Rosalie Rothheimer allein ließ sie seit Januar 1872 Einkäufe von Luxusgegenständen aller Art im Betrage von 50000 Fl. machen.
Welche Summen ihr der Ankauf ihrer Gemälde kostete, konnte nicht genau ermittelt werden, doch ist anzunehmen, daß sie bei ihrer gänzlichen Unerfahrenheit und Unkenntniß in Gemäldesachen enorme Preise bezahlen mußte.
In welcher Weise die Mitangeklagten der Adele Spitzeder, ihre Gesellschafterin Rosa Ehinger, ihr Kammerdiner Jakob Nebel und die Köchin Maria Pregler an der Verschleppung von Vermögensbestandtheilen theilgenommen haben, ist bereits oben ausführlich erörtert und auch erwähnt worden, daß Nebel von den durch ihn verschleppten Papieren eine fünfprocentige Obligation des münchener Stadtanlehns vom Jahre 1867 im Betrage von 100 Fl. für sich behielt, sowie ferner, daß Maria Pregler von den ihr zur Beiseiteschaffung zugestellten Papieren vier Stück Ludwigsbahn-Prioritäten à 100 Fl. und elf Stück Bankobligationen der Handelsbank in München à 500 Fl. sich zueignete und diese Papiere in die Wohnung ihres Ehemannes brachte, welcher dies nicht allein gestattete, sondern auch die Papiere zusammen mit seiner Ehefrau verheimlichte. Auf Grund dieser Thatsachen wurde Anklage erhoben 1) gegen Adele Spitzeder wegen einfachen und betrügerischen Bankrotts, 2) gegen Rosa Ehinger wegen betrügerischen Bankrotts und Beihülfe zu diesem Verbrechen, 3) gegen Jakob Nebel und Maria Pregler wegen Beihülfe zum betrügerischen Bankrott und wegen Unterschlagung, 4) gegen Georg Pregler wegen Hehlerei.
Am 14. Juli 1873 morgens 8 Uhr begann in München die öffentliche Schwurgerichtsverhandlung. Nicht nur im Schwurgerichtssaale selbst, in welchen der Eintritt nur gegen besondere Eintrittskarten gestattet war, sondern auch in den Gängen des Gerichtsgebäudes drängte sich Kopf an Kopf, denn jedermann wollte die merkwürdige Abenteurerin sehen, welche mit so unerhörter Kühnheit operirt und für Baiern nahezu eine Landescalamität heraufbeschworen hatte.
Adele Spitzeder wurde in den Saal geführt; sie, wie ihre Freundin Rosa Ehinger, erschienen in schwarzer Kleidung. Die Verhandlung begann mit den gewöhnlichen Generalfragen an die fünf Angeklagten, wobei Adele Spitzeder angab, daß sie eine jährliche Rente von 500 Fl. beziehe und daß sie zuletzt in München »ein Geldgeschäft betrieben habe«. Nun folgte die Verlesung der Anklageschrift, welche anderthalb Stunden in Anspruch nahm. Interessant war es hierbei, Adele Spitzeder zu beobachten, welche meistens unverwandt zu Boden blickte und nur zuweilen unter lebhaftem Kopfschütteln ihren Blick gegen den die Schrift verlesenden Beamten erhob; ihre Augen blieben trocken; Rosa Ehinger dagegen vergoß reichliche Thränen und war sichtlich bemüht, den Anblick ihres (hübschen) Gesichts dem anwesenden Publikum zu entziehen, indem sie dem Zuschauerraum den Rücken zuwandte.
Im ganzen waren 130 Zeugen geladen, von welchen jedoch 16 theils durch Krankheit verhindert, theils flüchtig geworden waren (meistentheils ehemalige Bedienstete der Spitzeder). Hierauf ging der Präsident zum Verhöre der Hauptangeklagten Adele Spitzeder über, welches, da es offenbar den interessantesten Punkt der Verhandlung bildete, wir hier in seinen Hauptmomenten wörtlich wiedergeben:
Präsident: Sie haben nun gehört, wessen Sie beschuldigt sind; es liegt Ihnen zur Last, daß Sie als Handelsfrau Ihre Zahlungen eingestellt und daß Sie, wie sich ergeben, während Ihres Geschäftes nicht blos keine Bücher geführt, sondern, nachdem bereits die Gerichtscommission in Ihrem Hause erschienen war und Sperre verfügt hatte, auch noch Werthpapiere entfernten und beiseiteschaffen ließen, endlich, daß Sie einen unverhältnißmäßigen Aufwand gemacht haben.
Spitzeder: Ich habe nie jemand benachtheiligen wollen. Ich bin als Schauspielerin nach München gekommen in ärmlichen Verhältnissen. Ich bin kein Kaufmann und besitze keine kaufmännischen Kenntnisse und habe darum auch immer gegen die Bezeichnung »Kauffrau« protestirt. Ich habe nur unerhörten Credit gehabt.
Präsident: Ich werde auf alle diese Einzelheiten eingehen, bitte aber, daß Sie sich vorerst näher über das Geschäft selbst äußern.
Spitzeder: Ich bin ja von den Leuten überlaufen worden. Ich habe fast jeden Tag den Leuten gesagt, daß ich keine Sicherheit bieten könne, und gefragt: Was wollt Ihr denn? Dessen rufe ich alle meine Gläubiger als Zeugen auf. Ich habe gewußt, daß ich Gelder aufnehme, dachte mir aber, daß, wenn ich unrecht thäte, das Gesetz gegen mich auftrete und mir das Unrecht verweise. Ich habe mich auch bei der Polizei angemeldet, diese wies mich an den Rechtsrath Kummer und dieser sagte: das sei ein Schmusgeschäft, das durchaus in keiner Branche anzumelden sei. Ich habe mich dann auch beim Rentamte zur Steuer angemeldet. Es kam der erste Sturm über mich und ich war in der Lage, alle meine Wechsel einzulösen. Da die Behörde weiter nichts that, so setzte ich mein Unternehmen fort. Mit den Werthpapieren habe ich keine Spekulationen getrieben, sondern sie zu meiner Sicherheit deponirt. Die Beistände, die ich gehabt habe, sind eigentlich keine Beistände gewesen, ich habe selbst alles gethan und veranlaßt.
Präsident: Sie haben protestirt gegen die Bezeichnung als »Kauffrau«, obwol Sie durch alle Instanzen hindurch als solche erklärt worden sind.
Spitzeder: Ich protestire auch jetzt noch dagegen; ich wurde als Kauffrau erklärt, obwol ich nie einen Wechsel girirt und nie Geschäfte mit Werthpapieren gemacht hatte. Wäre ich es gewesen, so hätte ich sicherlich mehr Schutz und Achtung genossen. Ich hätte auch selbst meine Zahlungen nie eingestellt noch einzustellen gebraucht, da mir ein enormer Credit zu Gebote stand. Was meine in der Anklageschrift behauptete »Arbeitsscheu« betrifft – in der Anklageschrift war nämlich gesagt: daß Adele Spitzeder in ihrer Jugend viel Talent, aber wenig Fleiß und Ausdauer gezeigt habe – so kann diese denn doch nicht so groß gewesen sein, denn ich habe sieben Sprachen sprechen und schreiben gelernt, bin musikalisch und habe mir überhaupt ein Kapital von Kenntnissen erworben, welche mich in den Stand setzen, jederzeit mein Brot auf ehrliche Weise zu verdienen. Es ist auch durchaus nicht an dem, daß ich als Schauspielerin keine Erfolge gehabt hätte. Es ist wahr, daß ich ganz dürftig nach München gekommen bin und nichts als meine Kaffeemaschine und vier Hunde besessen habe. Allein man hat mir dann Geld später förmlich aufgedrungen; hätte ich übrigens diesen Haß, diese Feindseligkeiten geahnt, so würde ich mein Geschäft gewiß nicht angefangen haben.
Präsident: Sie widersprechen also, daß Sie je bankrott geworden wären?
Spitzeder: Ich wäre es nie geworden. Ich hätte mich schließlich immer noch mit meinen Gläubigern abfinden können, ohne daß sie großen Schaden gehabt hätten. Uebrigens würde mir mein Baudevilletheater, das ich in der von mir erkauften Westendhalle errichtet hatte, eine bedeutende Rente abgeworfen haben.
Präsident: Wie hoch haben Sie die Rente von diesem Unternehmen angeschlagen?
Spitzeder: Ich glaube, daß ich eine sehr hohe Rente aus demselben erzielt hätte.
Präsident: Sie sagten, Sie hätten die Leute aus Ihrem Hause hinausgewiesen, nahmen aber doch das Geld derselben an. Wer konnte Sie denn zwingen, Geld anzunehmen?
Spitzeder: Die Leute gingen eben nicht mehr, ich habe sie oft gewaltthätig zurückgewiesen, allein ich habe mich der Hunderte von Leuten, die schrien und weinten, nicht erwehren können. Nie habe ich daran gedacht, die Leute zu betrügen.
Präsident: Mit Ihrer Weigerung war es eben nicht Ernst! Wie hoch belief sich denn die Rentabilität Ihrer Häuser und Immobilien, doch nicht über sechs bis acht Procent?
Spitzeder: Nein.
Präsident: Wie haben Sie denn die von Ihnen erkauften Werthpapiere wieder verwerthet?
Spitzeder: Die habe ich gar nicht verwerthet, sondern einfach deponirt.
Präsident: Die sind also unthätig liegen geblieben! Was haben Sie sich denn von Ihrer Volksküche versprochen?
Spitzeder: Die habe ich nur aus Dankbarkeit errichtet für das Vertrauen, das mir das Volk geschenkt hat; übrigens würde sie bei ihrem längern Bestehen unter guter Leitung wol eine Rente abgeworfen haben.
Präsident. Sonst hatten Sie also keine weitern Hülfsquellen, aus welchen Sie im Nothfalle Schulden decken konnten?
Spitzeder: Ich wollte, um endlich ein Gleichgewicht herzustellen, mit Grund und Boden und namentlich mit Häusern handeln, auch hatte ich vor, einen Holz- und Steinhandel zu betreiben.
Präsident: Die Gesellschaft, die sich in Ihrem Hause einfand, hat aber Ihren Weinvorräthen sehr stark zugesetzt?
Spitzeder: O, Herr Präsident, so arg ist es nicht, wie man es macht. Im übrigen habe ich aber auch beabsichtigt, vom 1. Januar 1873 ab monatlich nur noch 3 Fl. Zins zu bezahlen, und dieses auch Einzelnen gegenüber bereits ausgesprochen; auch hätte ich, da ich nicht kaufmännisch gebildet bin, einen Buchhalter aufgestellt und würde überhaupt mein Geschäft verkleinert haben.
Präsident. Sie wollten Ihr Geschäft verkleinern, sagen Sie? Dagegen spricht aber doch vor allem die Thatsache, daß Sie sich die Presse dienstbar machten oder zu machen suchten, um mit Hülfe derselben Ihren Credit zu erhöhen.
Spitzeder: Die Absicht, auf die Presse einzuwirken, um diese für meine Zwecke auszubeuten, stelle ich in Abrede, sie sollte nicht meinen Credit erhöhen.
Präsident: Zu welchem Zwecke haben Sie denn dann nicht blos selbst ein Blatt, das »Münchener Tageblatt«, gegründet, sondern auch verschiedene Ihr Geschäft anpreisende Artikel in andere Blätter einrücken lassen?
Spitzeder: Diese Artikel sind nicht mit meinem Wissen erschienen, sie sind nicht von mir dictirt worden; ich wollte nur persönliche Angriffe auf meine Ehre zurückweisen; ich war sehr froh, wenn sich Leute fanden, die mir Schutz angedeihen ließen, vorzüglich um meiner Mutter willen, die damals noch lebte, wünschte ich, daß der Name Spitzeder nicht verunehrt werde.
Der Präsident hielt ihr entgegen, daß noch am 9. November 1872, also nur drei Tage vor der Geschäftssperre, in ihrem Blatte, dem »Münchener Tageblatt«, ein vom königlichen Advocaten Dr. Barth in Augsburg verfaßter Artikel mit ihrer Genehmigung veröffentlicht worden sei, welcher in sehr prägnanter Weise gegen die von der königlichen Staatsregierung gegen die Spitzeder’sche Bank erlassene Warnung gerichtet gewesen sei und die Bank sehr energisch vertheidigt habe, daß ferner der bei ihr bedienstete Literat Fuchs Reclamen für ihre Bank an mehr als dreißig Provinzialblätter geschickt und hierfür von ihr 200 Fl. zur Disposition gestellt erhalten habe, worauf sie nur erwiderte: daß Fuchs für und gegen sie geschrieben habe.
Der Präsident hielt ihr ferner vor, daß sie dem Redakteur des »Freien Landesboten« in München 14000 Fl. gegen einen Revers gegeben habe, dessen Inhalt beweise, daß es ihr nicht sowol um Abwendung von Angriffen gegen ihre Person, als vielmehr um Abwendung von Angriffen gegen ihr Geschäft zu thun gewesen sei.
Dieser Revers, von der Spitzeder unterschrieben, lautete:
»Der Unterzeichnete bestätigt, am 13. December von Adele Spitzeder eine Totalsumme von 14000 Fl. erhalten zu haben, wofür sich der Unterzeichnete mit seinem Ehrenwort verpflichtet, in seinem Blatte, dem »Freien Landesboten«, wie auch in vorkommenden andern Fällen in andern Blättern nur für das Interesse der Adele Spitzeder zu wirken, niemals etwas Nachtheiliges gegen ihre Person oder ihre Unternehmungen in sein Blatt aufzunehmen oder zu schreiben, oder sich an Angriffen, wie sie in Zeitungen, Broschüren u. s. w. erscheinen, zu betheiligen. Auch macht sich Herr B. verbindlich, im Fall sein Blatt ganz an den Miteigenthümer K. oder andere Personen übergehen sollte, dieselben Verbindlichkeiten mit den Käufern einzugehen. Sollte Herr Th. B. diese Bedingungen nicht erfüllen, oder auch nur im geringsten verletzen, so ist diese Schrift als ein Schuldschein zu betrachten und hat Adele Spitzeder sofort das Recht, die 14000 Fl. von Th. B. zurückzuverlangen und muß Herr Th. B. diese 14000 Fl. sofort ohne Einrede an sie zurückbezahlen. Herr Th. B. erklärt mit eigener Unterschrift, mit dieser Schrift einverstanden zu sein.
Th. Bösl.«
Es wurde ihr ferner vorgehalten, daß sie dem Redakteur des »Volksboten« 13000 Fl. geliehen, das Miteigenthum des »Süddeutschen Telegraphen« von dem damaligen Redacteur – der hierzu übrigens nicht berechtigt war und auch gleich darauf infolge dessen flüchtig wurde – um 800 Fl. gekauft, dem Redacteur eines andern kirchlichen Blattes ein unverzinsliches Darlehn von 800 Fl. gegeben, von dem Redacteur und Verleger des »Münchener Extrablattes« das Miteigenthum an dem Blatte um 3000 Fl. erworben und ihm außerdem als Redacteur einen monatlichen Gehalt von 100 Fl. und die Hälfte der Reineinnahme des Blattes zugesichert; daß sie ferner den »Bairischen Landboten« (liberal) zu kaufen versucht und die »Neuesten Nachrichten« (das gelesenste Blatt liberaler Richtung in München) zu ihren Gunsten zu gewinnen sich bemüht, indem sie sich zur Bezahlung einer »jeden Summe, die verlangt werde«, erboten habe, wenn das Blatt seine Angriffe gegen die Dachauer Bank einstelle.
Gegenüber allen diesen Vorhalten blieb sie dabei stehen, daß sie nur ihre persönliche Ehre vor Angriffen habe schützen wollen. Bezüglich des ihr zur Last gelegten Bestechungsversuches gegenüber dem Redacteur der »Neuesten Nachrichten« bemerkte sie (wörtlich):
Spitzeder: O, Herr Präsident! das thut eine Adele Spitzeder nicht, nein! Soviel eine Adele Spitzeder auch Geld besaß, ihre Kasse würde nicht hingereicht haben, einen so hochgelobten Redacteur bestechen zu können!
Präsident: Sie haben aber doch zugegeben, daß Sie den »Bairischen Landboten« kaufen wollten, obwol er liberal ist.
Spitzeder: Es hieß, das Blatt sei zu verkaufen. Ich kümmere mich nicht darum, ob jemand liberal ist, obgleich ich gute Katholikin bin.
Präsident: Gerade die »katholische« Presse hat sich aber Ihrer besonders angenommen!
Der Präsident nahm hier Veranlassung, von dem großen goldenen Kreuze zu sprechen, welches sie beständig und bei allen Gelegenheiten an einer schweren goldenen Kette getragen habe, und bemerkte, daß es hierbei wol um eine gewisse ostensible Frömmigkeit zu thun gewesen sei.
Spitzeder: Ich bin streng katholisch; ich habe mein goldenes Kreuz nicht getragen, um zu heucheln; dasselbe ist in Rom geweiht und wurde mir von einem von dort kommenden Geistlichen geschenkt; aus religiösem Gefühle, oder, wenn man will, aus Aberglauben habe ich es getragen. Mein ganzes Wesen neigt sich eben dem religiösen Gebiete zu, es ist dies eben Sache des Gemüths.
Präsident: Ich mache Ihnen keinen Vorwurf aus Ihrer Religion, allein wahre Religiosität trägt sich nicht so zur Schau.
Die Frage des Präsidenten, warum sie denn gegenüber den fortgesetzten Angriffen der Presse auf ihr Unternehmen, anstatt so große Summen auszugeben, nicht lieber Strafantrag wegen Ehrenkränkung gestellt habe – ferner, warum sie über die Veruntreuungen, die factisch in ihrem Hause vorgekommen, nie eine Anzeige bei Gericht gemacht habe, woraus man auf eine gewisse Scheu ihrerseits, vor die Oeffentlichkeit zu treten, schließen müsse, beantwortete sie dahin, daß sie das freilich hätte thun sollen; allein sie habe den Skandal aus Schonung für ihre damals noch lebende Mutter vermeiden wollen, »bestohlen haben sie mich alle«, sagte sie, »aber was half die Anzeige, wenn ich ihnen nichts beweisen konnte«.
Den Vorwurf, daß sie Tausende von Menschen um ihr Vermögen gebracht habe, will sie nicht gelten lassen; sie habe sich stets geweigert, große Summen zu nehmen, die höchste Einlage sei 1500 Fl. gewesen; übrigens habe sie ihre Zahlungen nicht eingestellt, sondern das Gericht, sie würde noch alle ihre Wechsel eingelöst haben.
Nach einem kurzen Rückblick auf die Jugendzeit der Adele Spitzeder, wobei auch ihr Verhältniß zu Emilie Branitzka berührt wurde, welches nach dem Inhalt der vorliegenden Briefe, in denen die Branitzka von Adele Spitzeder mit »ma chére épouse« begrüßt wird, durch eine ganz ungewöhnliche Wärme und Leidenschaft ausgezeichnet war, schritt der Präsident zur Verlesung verschiedener schriftlicher und gedruckter Ovationen, mitunter von sehr komischer Art, die der Adele Spitzeder zutheil geworden waren. Unter diesm befand sich z. B. ein Gedicht des bereits oben erwähnten Redakteurs des »Münchener Extrablattes«, Namens Marchner, folgenden Inhalts:
Du bist ein wahrer Engel,
So hold, so wahr, so süß,
Es ist als ob ein Gottesengel
So süß dich duften ließ.
Charakteristisch waren auch zwei Briefe eines katholischen Geistlichen aus der Nähe von Dachau, welcher seiner Begeisterung für Adele Spitzeder unter anderm in folgender Weise Luft machte: »Als vor einigen Tagen ein Ministerialerlaß publicirt wurde gegen die Dachauer Bank, kamen die ängstlichen Seelen alle zu mir und suchten Hülfe und Trost. Ich ließ eS nicht fehlen, den Leuten die Wahrheit zu sagen und sie aufzuklären über das schändliche Treiben der »Neuesten Nachrichten«. Ich sagte den Leuten: «Vertrauen Sie auf Gott, aber auch auf Fräulein Adele» u. s. w.« In einem zweiten Briefe ladet der Herr Pfarrer das Fräulein zu einem Besuche ein, auf den er und die Seinigen sich schon lange freuten; »aber«, schreibt er: »um Eins bitte ich Sie: bringen Sie ein Kistchen Damencigarren mit, denn damit könnte ich Ihnen nicht aufwarten.« Auch mehrere Briefe des katholischen Geistlichen Dr. R., seinerzeit Mitarbeiter und später Redacteur des »Volksboten«, wurden verlesen.
In einem derselben vom 16. August 1872 versichert Dr. R. auf Ehre und Gewissen, daß er ihr aufrichtigster Freund sei und nie im geringsten gegen sie oder ihr Unternehmen agitirt habe. Er sei bereit, in persönlicher Audienz ihr mündlich seine Ergebenheit zu versichern und ermahne sie dringend, sorgfältig zu prüfen, wer ihre wahren und ihre falschen Freunde seien. Nach Verlesung des Briefes erklärt Adele Spitzeder, daß Dr. R. von ihr mehrere Darlehne bekommen habe; im übrigen stellte sie in Abrede, mit Geistlichen viel Verkehr gehabt zu haben.
In Beziehung auf ihren Verkehr mit Juristen wurde ihr vorgehalten, daß sie für ihre Vertretung vor den Handelsgerichten in der Frage nämlich, ob sie als Kauffrau zu betrachten sei und sich ins Firmenregister eintragen lassen müsse, sehr große Summen verausgabt habe, so z. B. erhielt Advocat W., der sie vor dem Reichs-Oberhandelsgericht in Leipzig vertrat, 1000 Fl. Honorar, obwol er ihr bereits 4000 Fl. auf Wechsel schuldete, ferner bezahlte sie, wie bereits oben erwähnt, dem Advocatenconcipienten Sch. für die Anfertigung einer Einspruchsschrift gegen die erste handelsgerichtliche Verfügung, wodurch sie zur Firmenzeichnung unter Strafandrohung aufgefordert worden war, die Summe von 2500 Fl. u. s. w. Außerdem hatte sie noch drei oder vier junge Juristen als sogenannte Rechtsconsulenten mit einem monatlichen Gehalt von 80–100 Fl. angestellt, welche übrigens auch noch überdies von Zeit zu Zeit namhafte Geschenke erhielten und bei ihr sehr häufig zu Mittag speisten.
Auf den Vorhalt, daß sie auch die Concurrenz anderer nach dem Vorbilde des ihrigen entstandenen Geschäfte gescheut und sie zu Hintertreiben gesucht, indem sie insbesondere einer gewissen Pauline Dosch die Summe von 15000 Fl. habe anbieten lassen, wenn sie ihr Geschäft aufgebe, erklärt sie: daß dies nicht wahr sei.
Der Präsident ging nun speciell auf die von ihr gepflogene Buchführung über, aus welcher sich auch nicht entfernt der Stand ihrer Handelsgeschäfte und die Lage ihres Vermögens habe ersehen lassen, wobei er constatirt, daß merkwürdigerweise das von der Köchin geführte Küchenbuch das einzige richtig und vollständig geführte Buch sei. Adele Spitzeder gab hierauf auch zu, daß sie selbst nicht annähernd gewußt, wieviel sie Schulden habe. Allein – meinte sie – zu einer kaufmännischen Buchführung sei sie auch nicht verpflichtet gewesen, weil sie eben keine Kauffrau gewesen sei. Die Namen der Einleger seien ja in den Adreßbüchern verzeichnet gewesen; auch hätten viele Bücher für sie eher etwas Beängstigendes gehabt. »Meine Wechsel« – schloß sie emphatisch – »waren meine Bücher.«
Auf die Frage des Präsidenten, ob sie den Geldauflegerinnen (es waren nämlich meistentheils Frauenspersonen, welche die Geldeinlagen in der Dachauer Bank vermittelten) eine bestimmte Provision gegeben habe, erklärte sie: sie hätte keine Provision, sondern nur ein Trinkgeld gegeben und zwar ganz nach ihrem Gutdünken.
Präsident: Wie ist es Ihnen denn überhaupt möglich gewesen, so hohe Zinsen, anfangs 10 Proc., später 8 Proc. monatlich zu bezahlen? Sie werden doch nicht leugnen wollen, daß dies nur dadurch möglich wurde, daß Sie von Anfang an sich vorgenommen hatten, die Zinsen immer aus den neueingelegten Kapitalien zu decken?
Spitzeder: Ich bestreite die Annahme, als ob ich die Zinsen nur von den eingelegten Kapitalien bezahlen wollte; ob ich übrigens die Leute von diesem Gelde oder von meinen Zinsen bezahlte, das blieb sich gleich, wenn sie nur Geld bekamen.
Präsident: Haben Sie aus Ihrem Ausleihgeschäft Gewinn gezogen?
Spitzeder: Das Ausleihgeschäft war unbedeutend und habe ich solches nur kurze Zeit betrieben. Nachdem mich die Urtheile des Handelsgerichts und des Handelsappellgerichts als Kauffrau erklärt hatten, habe ich überhaupt keine Geldgeschäfte mehr gemacht. Selbst die Gelder, welche ich auf Namen anderer, wie der Betty Winter und des Georg Zeitler, ausgeliehen habe, betrachtete ich nicht als Geschäftsgelder, ich habe nicht aus Gewinnsucht, sondern nur aus Gefälligkeit gehandelt, auf ihr Ansuchen habe ich diesen das Geld gegeben.
Rücksichtlich des ungewöhnlich großen Aufwandes, der bereits oben bei Darstellung des Ergebnisses der Voruntersuchung in kurzen Umrissen geschildert wurde, hob der Präsident unter anderm hervor: die enormen Ausgaben für Brillanten, das hohe Taschengeld für die Gesellschaftsdame Rosa Ehinger. Hierauf erwiderte die Angeklagte Spitzeder, daß sie für ihre Person nichts oder nur wenig verbraucht habe; sie habe allerdings Geschenke gemacht und viel an andere verschwendet aus purer Gutmüthigkeit und angeborener Freigebigkeit; ihren letzten Groschen sei sie bereit gewesen mit den Armen und Bedrängten zu theilen!
Zur Illustrirung der Summen, welche Adele Spitzeder für den Ankauf von Brillanten und Schmuckgegenständen verbrauchte, wurde den Geschworenen eine Chatoulle vorgelegt, deren glänzender Inhalt buchstäblich das Auge blendete: goldene Armreife mit Brillanten und Smaragden, Ohrringe, Broschen, eine goldene Dose mit Brillanten – ein von einem Notar zur Gantmasse freiwillig zurückgegebenes Geschenk der Adele Spitzeder – eine Unzahl von Ringen, mehrere Brillantkreuze, darunter eins im Werthe von 11000 Fl., verschiedene Damenuhren, vor allem aber das bekannte Kreuz mit goldener Kette, welchem Adele Spitzeder das Beiwort »berühmt« gab, fesselten die allgemeine Aufmerksamkeit.
Sodann wurde eine Anzahl von Rechnungen zu hohen Beträgen bekannt gegeben über bezogene Cigarren, à 9½ Kr., zu 1000 Fl., über Toilettegegenstände, Weine, Handschuhe (96 Fl.) und dergleichen, und geben einzelne dieser Rechnungen, auf welchen kurz nacheinander mehrere Schlafröcke verzeichnet waren, dem Präsidenten Veranlassung zu der Frage: »Sie sollen eine besondere Vorliebe für Schlafröcke gehabt haben?« worauf Adele Spitzeder mit einem Anflug von stolzem Selbstgefühl erwiderte: »Meine Schlafröcke waren einfach, aber sehr theuer.«
Die bekannte »Villa Rosa« in Feldafing am Starnbergersee – erklärte sie – habe sie nicht nach dem Namen ihrer Gesellschafterin Rosa Ehinger, sondern nach der nahen Roseninsel (Eigenthum Sr. Majestät des Königs von Baiern) getauft; sie habe das Anwesen mit 32000 Fl. erworben und sogleich wieder vortheilhaft vermiethet.
Bezüglich ihrer vom Ende des Jahres 1869 bis Ende Oktober 1872 übernommenen 64 Gevatterschaften gab sie auf Befragen an, daß sie als Pathengeschenk stets 5 Fl. gegeben und außerdem noch die nöthigen Tauf- und Kindbettkosten bestritten habe.
Daß sie bei ihren sonntäglichen Ausflügen großen Aufwand gemacht habe, stellte sie mit der Bemerkung in Abrede, daß eben die Wirthe, wenn sie gehört hätten, die Spitzeder sei da, viel größere Rechnungen geschrieben hätten.
Von den ihr zur Last gelegten Vermögensverschleppungen behauptete sie nicht das Geringste zu wissen; wenn von den vorhandenen Werthpapieren und Geld etwas beseitigt worden sei, so sei dies ohne ihr Wissen und Willen geschehen; nur dabei blieb sie stehen, daß sie den Pack Werthpapiere zu 50000 Fl., welchen die Rosa Ehinger durch den Kammerdiener Nebel zu ihrer Mutter Bertha Ehinger habe bringen lassen, der Rosa ungefähr vierzehn Tage vor der gerichtlichen Sperre geschenkt habe.
Am Schlusse des Verhörs angelangt, resumirte der Präsident nun noch einmal kurz die ganze Anklage und hielt ihr vor, daß alles zu dem Schlusse berechtige, sie habe von Anfang an die Absicht gehabt, ihre Gläubiger zu benachtheiligen.
Darauf erwiderte sie nochmals, daß sie niemand habe betrügen und benachtheiligen wollen; sie sei stets eine Beschützerin der Armen, eine Wohlthäterin der Nothleidenden gewesen; sie habe sich niemals als Kauffrau betrachtet und könne dies auch nicht sein, denn »wie könne man denn einen Mann für einen Schuster erklären, der keinen Schuh machen kann« (hier unterbrach sie der Präsident mit den Worten: »Dann hätten Sie eben auch nicht schustern sollen!«). Sie habe auch niemand anzulocken versucht, sondern man habe ihr das Geld aufgedrängt, die Leute hätten ihr sogar auf ihre Weigerung, das Geld zu nehmen, erklärt: »Wir wollen gar keine Wechsel, wir geben Ihnen das Geld so!« Sie habe selbst nicht beabsichtigt, so ausgebreitete Verbindungen einzugehen, es sei ihr überraschend gewesen, einen solchen Eindruck auf daa Volk zu machen, allein: »es war« – dies sind ihre eigenen Worte – »ein Märchen, es war wie Tausendundeine Nacht!« Sie gebe die Versicherung, daß ihrer Seele nichts mehr leidthue, als wenn jemand etwas an ihr verliere!
Der Eindruck, den diese Schlußentgegnung der Angeklagten machte, war nicht ohne theatralischen Beigeschmack. Sie sprach mit großer Emphase und in beständig sich steigerndem Affect, bis sie, wie plötzlich unter der Last des Schmerzes und der Aufregung erliegend, auf einmal abbrach und lautlos in ihren Stuhl zurücksank, von welchem sie sich gegen den Schluß ihrer Rede wie unwillkürlich und in scheinbar leidenschaftlicher Erregung erhoben hatte.
Wer die außerordentliche Ruhe und Sicherheit in dem bisherigen Auftreten der Angeklagten, ihre zuweilen geradezu bewundernswerthe Geistesgegenwart, die sie in ihren Antworten an den Tag legte, beobachtet hatte, der konnte sich mit diesem plötzlichen Ausbruch aufflackernder Leidenschaft nicht ganz zurechtfinden, sondern mußte wol auf den Verdacht gerathen, daß man es hier am Ende weniger mit einem Ausdruck wahren Gefühls als mit einem wohlberechneten Coulisseneffect zu thun habe.
An und für sich hätte es allerdings nicht wundernehmen dürfen, wenn auf die ungeheuere körperliche und geistige Anspannung eines fast anderthalb Tage andauernden Verhörs plötzlich eine Erschlaffung der Kräfte eingetreten wäre; allein Adele Spitzeder hatte eben gerade während dieses Verhörs bewiesen, daß ihr Kraft und Ruhe des Geistes sowie die Fähigkeit der Selbstbeherrschung in ungewöhnlichem Maße zu Gebote standen.
Der Präsident begann nun das Verhör der Rosa Ehinger mit der Eruirung der Art und Weise, wie sie mit der Spitzeder bekannt wurde. Sie sei – gab die Angeklagte vor – mit ihr durch ihre Aeltern, die im Hause der Spitzeder zur Miethe wohnten, bekannt geworden und sodann, nachdem ihr Verkehr ein sehr freundschaftlicher geworden, von ihr bewogen worden, als Gesellschaftsdame bei ihr einzutreten; sie habe zuerst ein eigenes Zimmer bewohnt, habe aber dann später mit der Spitzeder in Einem Zimmer geschlafen, weil sich letztere gefürchtet habe. Auf den Vorhalt des Präsidenten, daß nach Aussage mehrerer Leute aus der Umgebung der Spitzeder zwischen ihnen häufig auffallende Zärtlichkeiten ausgetauscht worden sein sollten, entgegnete sie: daß sie hiervon nichts wisse. Sie gab dann zu – wie dies auch schon in der Voruntersuchung von ihr geschah – daß sie einen monatlichen Gehalt von 500 Fl. bezogen habe und daß es eigentlich ihre Aufgabe gewesen sei, das Haus zu überwachen, was ihr übrigens von seiten der Bediensteten Gehässigkeiten zugezogen habe. Sie räumte ferner ein, daß sie von ihrer Freundin Spitzeder außerdem noch viele kostbare Pretiosen und prächtige Kleider bis zu 100 Fl. im Werthe geschenkt erhalten habe (diese Pretiosen, bestehend in Uhren, Ketten, Ohrgehängen, Broschen, Medaillons, Ringen, alles in Gold und mit Edelsteinen besetzt, das erwähnte kostbare Hemdknöpfchen u. s. w., von den Sachverständigen im ganzen auf 7 —8000 Fl. geschätzt, wurden den Geschworenen vorgezeigt). Bezüglich der von ihr durch den Kammerdiener Nebel zu ihrer Mutter am Abend nach erfolgter Sperre geschickten 50000 Fl. in Werthpapieren hielt sie in Uebereinstimmung mit der Spitzeder die Behauptung, daß ihr solche von der letztern geschenkt worden seien, aufrecht. Es sei diese Schenkung etwa vierzehn Tage vor der Sperre erfolgt. Anlaß hierzu seien die Verunglimpfungen ihrer, der Rosa Ehinger, Person in der Presse gewesen und weil sie ihren Beruf als Schauspielerin aufgegeben habe.
Auf die Bemerkung des Präsidenten, daß unter den verschleppten Obligationen auch solche gewesen seien, welche am Tage vorher erst eingelegt worden waren, und daß sie dieselben daher unmöglich vierzehn Tage vorher zum Geschenk erhalten haben könne, bemerkt die Angeklagte, dies nicht aufklären zu können, ebenso wenig wie den Umstand, daß unter den Obligationen auch solche gewesen seien, welche aus dem Depot der Speyer erst nach dem 8. November in die Wohnung der Spitzeder gebracht worden seien.
Der Präsident hielt ihr hierauf vor: daß sie nach der Sperre ohne Wissen der Spitzeder Werthsachen durch die Anna Jordan zu ihrer Mutter habe schaffen lassen.
Rosa Ehinger erklärte, sich daran nicht mehr zu erinnern; ebenso wenig wisse sie etwas von einem Säckchen Geld und 28 Frauenthalern, welche sie zu ihrer Mutter geschafft habm solle. Gegen den Vorwurf der Habsucht legte sie Verwahrung ein.
Es folgte sodann das Verhör mit dem Angeklagten Jakob Nebel. Derselbe räumte ein, ein Packet mit 50000 Fl., welches er aus dem Verschlage im Schlafzimmer herausgenommen hatte, um es der Gerichtscommission zu geben, beiseitegelegt und später auf Befehl von Adele Spitzeder zur Mutter der Ehinger getragen zu haben; und ferner der Rosa Ehinger beim Verstecken von Obligationen im Pianino behülflich gewesen zu sein, dieselben sodann in seinem Bette verborgen und zusammen mit Obligationen, welche ihm von der Pregler übergeben worden seien, ebenfalls zu Frau Ehinger geschafft zu haben.
Auf Vorhalten gestand Angeklagter Nebel weiter ein, eine Obligation zu 100 Fl. für sich behalten und auf Anweisung der Spitzeder ihr den Sack mit den 4000 Fl. in Frauenthalern zugetragen zu haben, welche sie dann an ihre Bediensteten vertheilte.
Die Angeklagte Maria Pregler bekannte sich schuldig, von den Obligationen, die sie von der Rosa Ehinger erhielt, um dieselben zu verbergen, mehrere nicht wieder zurückgegeben zu haben. Allein Rosa Ehinger habe zu ihr gesagt: sie dürfe einige von den Obligationen behalten, und so habe sie etwa 15–16 Stück an sich genommen.
Der Angeklagte Georg Pregler führte zu seiner Entschuldigung an, daß seine Frau ihm gesagt hätte, sie habe die Obligationen von Rosa Ehinger geschenkt erhalten, und das habe er geglaubt.
Am 15. Juli nachmittags begann das Zeugenverhör. Im ganzen spiegelte sich das Bild, welches die Anklageschrift auf Grund der Ergebnisse der Voruntersuchung entworfen hatte, auf das genaueste in den Aussagen der vernommenen Zeugen wider. Es wird daher genügen, wenn wir Folgendes hervorheben.
Den Reigen eröffnen zwei Zeugen, welche die Adele Spitzeder von ihrer frühesten Jugend an kannten. Es waren dies die beiden Hof-Solotänzerinnen Jeannette Ballogh und Angela Maier. Beide trafen in ihrem Urtheile dahin zusammen, daß Adele Spitzeder ein begabtes und in hohem Grade gutmüthiges Kind gewesen sei; doch habe sie sich nie besonders wahrheitsliebend gezeigt und sich mit ihrer Mutter bald überworfen, welche sie später Schulden halber auch einmal in den münchener »Neuesten Nachrichten« habe ausschreiben lassen. Es waren die Dispositionen dieser beiden Zeuginnen insofern interessant, als aus ihnen hervorging, daß der eigentliche Grundton des Charakters der Adele Spitzeder – schrankenloser Leichtsinn – sich schon frühzeitig entwickelt hatte.
Der Geschäftsbetrieb der Tochter machte nach der Aussage der beiden Zeuginnen der Mutter viel Kummer und Sorge, weil sie ihn für keinen ehrlichen hielt. Sie besuchte die Tochter öfter in ihrem Hause, erhielt aber von dieser immer auf ihre besorgte Frage, ob denn das Geschäft auch solid sei, eine bejahende Antwort.
Zeuge Langguth, welcher im Jahre 1869 Portier im Deutschen Hause war, wiederholte seine bereits oben angeführte, in der Voruntersuchung gemachte Angabe, wonach ihm die Spitzeder einmal vorjammerte, daß sie auf dem Theater wenig Glück gehabt hätte, hierbei aber die Hoffnung aussprach, sie werde noch einmal »groß dastehen und eine Rolle in der Welt spielen«. Der Zeuge bemerkte ferner, daß Adele Spitzeder im Hotel äußerst bescheiden gelebt habe und daß ihre einzige Leidenschaft das Cigarrenrauchen gewesen sei.
Die Zeuginnen Anna Beer, Anna Riedmaier und Anna Huber von der Au (Vorstadt von München) hatten als Auflegerinnen bei der Bank figurirt, d. h. sie hatten für andere Leute das Geld zur Bank gebracht. Ihre Aussagen waren deshalb von besonderm Interesse, weil sie einen klaren Blick in die ersten Anfänge des Spitzeder’schen Geschäftes gewährten. Alle drei kannten die Spitzeder schon seit dem Jahre 1869.
Anna Riedmaier, welche ihr regelmäßig ihren Holzbedarf lieferte, lieh ihr in verschiedenen Jahren 15 Fl., wofür die Spitzeder 3 Fl. Zinsen monatlich bezahlte. Später lieh sie ihr noch weitere 27 Fl. und erhielt hierfür 5 Fl. Zins per Monat. Als die Spitzeder vom Goldenen Stern wieder ins Deutsche Haus zog, brachte ihr die Riedmaier noch einmal 50 Fl. zu 10 Fl. Zins monatlich, sodaß also diese 50 Fl. in einem Jahre 120 Fl. Zinsen trugen. Auch bot sich die Spitzeder damals der Riedmaier für ihr zu erwartendes Kind als Taufpathe an, was natürlich dankbarst angenommen wurde.
Die Anna Huber gab der Adele Spitzeder zuerst 50 Fl. gegen einen Wechsel; 10 Fl. Zins wurden vorausbezahlt. Diese 50 Fl. blieben zwei Jahre lang stehen und haben demnach ungefähr 240 Fl. Zins getragen. Darauf wurde sie »Auflegerin«, d. h. Zubringerin fremden Geldes, wofür sie von 100 Fl. außer 10 Proc. Zinsen für die Einleger, welche für drei Monate vorausbezahlt wurden, auch noch ein Trinkgeld für diese und eins für sich selbst erhielt. Sie war es auch, die mit mehrern andern sogenannten »Zubringerinnen« auf Anregung des Franz Silchinger, damaligen Kammerdieners der Spitzeder, der letztern bei ihrer Uebersiedelung vom »Deutschen Haus« in ihr eigenes Haus in der Schönfeldstraße in München einen silbernen Lorberkranz darbrachte.
Zeuge Jos. Wagner, früher Packträger und als solcher im Jahre 1869 ausschließlich im Dienste der Spitzeder, welche damals im Gasthofe »Zum goldenen Stern« wohnte, verwendet, wurde später gleichfalls Aufleger bei der Spitzeder-Bank und »verdiente« sich hierdurch die Summe von 3000 Fl. Aus seiner Aussage sowie aus den Depositionen noch einiger anderer zur Kategorie der »Zubringer« und »Zubringerinnen« gehöriger Zeugen ging hervor, daß sich solche Zubringer oder Aufleger mit Leichtigkeit oft per Tag 40–50 Fl. verdienten.
Die Mittel, welche die Angeklagte Adele Spitzeder gebrauchte, um ihrem Bankgeschäfte Kapitalien in ununterbrochener Folge und in stets wachsenden Summen zuzuführen, bestanden allerdings in der Regel nicht in mündlichen Anpreisungen, glänzenden Versprechungen und dergleichen – in diesem Sinne hatte sie am Ende recht, wenn sie während ihres Verhörs mehreremals hervorhob: sie hätte die Leute niemals »angelockt, es sei ihr das Geld förmlich aufgedrängt worden«; allein die wirksamsten Lockungen waren eben die ungeheuern Zinsen, jene Trinkgelder, die sie in so freigebiger Weise noch außer den Zinsen an die Einleger und Zubringer bezahlte. Die Gewinnsucht der Menge, die sie hierdurch rege erhielt und immer wieder von neuem anfachte, war ihre einzige, aber auch vollkommen ausreichende Bundesgenossin!
Wie demoralisirend zugleich dieses Getriebe der Spitzeder insbesondere auf die untern Volksklassen wirkte, dies konnte man an den erwähnten Zeugen beobachten, welche trotz alles Vorangegangenen aus ihren Sympathien für die Spitzeder gar kein Hehl machten. Zeuge Wagner entblödete sich sogar nicht, auf die Frage des Staatsanwalts: »Ihnen wäre es wol lieb, wenn dieser heillose Schwindel bald wieder anginge?« zu antworten: »Von mir aus geht’s schon morgen wieder an.«
Einigermaßen gespannt war man auf das Zeugniß der folgenden Zeugin Emilie Branitzka, welche das Gerächt, ebenso wie später die Rosa Ehinger, in gewisse mysteriöse sinnliche Beziehungen zu Adele Spitzeder gebracht hatte. Dieselbe gab an, daß sie vor zwölf Jahren mit Adele Spitzeder bekannt geworden sei und daß sich ihr Verhältniß bald zu einem sehr intimen gestaltet habe. Dagegen wurde von der Zeugin der leidenschaftliche Ausdruck ihrer gegenseitigen Neigung, wie er sich in ihrer französisch geführten Correspondenz kundgab, nur als eine poetische Spielerei erklärt. Daß sie von der Spitzeder höchst werthvolle Geschenke erhalten habe, als Broschen, goldene Kreuze mit Diamanten besetzt, ein Pianino und dergleichen, stellte sie nicht in Abrede.
Von den Aussagen der ehemaligen Spitzeder’schen Bediensteten, welche in großer Anzahl vernommen wurden und von denen der Geschäftsbetrieb der Dachauer Bank in der bereits beschriebenen Weise übereinstimmend geschildert wurde, verdient nur diejenige des Literaten und ehemaligen Buchhalters der Spitzeder, Max Fuchs, noch besonders hervorgehoben zu werden. Es war dies jener Zeuge, welcher angab, daß er schon bald nach seinem Eintritte in das Geschäft sich darüber klar geworden sei, daß dasselbe nicht auf reeller Grundlage beruhe und daß, wenn die Einnahmen noch so stark fließen würden, dasselbe höchstens noch bis Mitte 1873 bestehen könne, dann aber unfehlbar zusammenbrechen müsse. Zeuge behauptete auch, daß er eine geordnete Buchführung habe einführen wollen, von der Spitzeder aber daran gehindert worden sei. Im Anschlusse an diese Zeugenaussage wurde auch der Inhalt des schriftlichen Vertrages bekannt gegeben, welchen die Spitzader mit dem Zeugen bei seinem Eintritte in das Geschäft abgeschlossen hatte. Hiernach hatte letzterer gegen einen monatlichen Gehalt von 100 Fl. die Aufsicht über das Personal zu führen und insbesondere auch dem Geschäfte seine literarische Thätigkeit zu widmen, wofür ihm übrigens noch besonderes Honorar zugesichert war.
Durch den Inhalt dieses Vertrages wurde demnach die Behauptung der Spitzeder, daß sie die für ihr Geschäft in den Zeitungen erschienenen zahlreichen Artikel nicht veranlaßt und vor ihrem Erscheinen keine Kenntniß von denselben gehabt habe, schlagend widerlegt.
Interessant war auch, was einzelne Zeugen über die Art und Weise, wie die Spitzeder mit den Leuten, die Geld bei ihr einlegen wollten, zuweilen umzugehen pflegte, mittheilten. Wenn nämlich gegen den Schluß der Geschäftsstunden noch viele Leute da waren, die ihr Geld einzulegen beabsichtigten und ob des langen Harrens ungeduldig wurden, so bediente sie dieselben oft mit den gröblichsten Ausdrücken. »Ich pfeife auf Euer Geld, tragt’s zu den Juden, die geben Euch größere Sicherheit, ich gebe Euch blos einen Wechsel.« Nicht selten fertigte sie die Leute in noch drastischerer Weise mit Redensarten ab, die sich nicht gut wiedergeben lassen. Bei dem bäuerlichen Landvolk, aus welchem insbesondere in der letztern Zeit vorzugsweise das Publikum der Spitzeder-Bank bestand, war natürlich die Schroffheit dieses Benehmens vollkommen geeignet, das Vertrauen in die Uneigennützigkeit der Bankinhaberin, welche ohnehin von ihren Agenten allerorten gepriesen wurde, nur noch mehr zu befestigen, und die Folge solcher Ansprachen von seiten der Spitzeder war auch immer die, daß die Leute schnell in einen andern Ton übergingen und sie flehentlich und in den unterwürfigsten Ausdrücken baten, sie möge sich doch ihrer erbarmen und ihr Geld annehmen!
Ueber die Beziehungen der Angeklagten Spitzeder zur Presse wurden gleichfalls eine größere Anzahl von Zeugen vernommen. Aus den Aussagen derselben ergab sich dasjenige, was der Präsident bereits zum Gegenstände eines längern und eingehenden Vorhalts bei dem Verhöre der Spitzeder gemacht hatte. Die Reihe dieser Zeugenaussagen begann mit der des nicht erschienenen Zeugen Ferdinand Fränkel, welche verlesen wurde. Er kannte Adele Spitzeder seit vielen Jahren und stand mit ihr auf kameradschaftlichem Fuße. Sie ließ bei ihm verschiedene Druckarbeiten fertigen und zahlte ein mehrjähriges Abonnement auf die von ihm herausgegebene »Stadtfraubas« im voraus. In Wien war Zeuge für das von ihr projectirte Theater thätig. Er will ihr wiederholt gute Rathschläge in Bezug auf ihr Geschäft gegeben, jedoch taube Ohren gefunden haben, indem sie beständig von geheimnißvollen Unterstützungen gesprochen, die den Fall ihres Geschäftes unmöglich machten. Ein Gedicht, welches mit dem Verse beginnt:
Du hast Diamanten und Perlen,
Von Schmeichlern und Freunden ein Heer,
Ein neues Röschen zu pflücken,
Adele, was willst du noch mehr
scheint das freundschaftliche Verhältniß zwischen ihm und Adele gestört zu haben, wenigstens machte die Angeklagte ihrer Abneigung gegen den Zeugen dadurch Luft, daß sie denselben für den größten Schmarotzer, Heuchler und Bettler erklärte.
Eine merkwürdige Rolle gegenüber der Spitzeder spielte der Zeuge Julius Marchner, Verleger der »Münchener Volkszeitung«. Er bestätigte, daß ihm die Spitzeder das Miteigenthumsrecht am »Extrablatt« um 3000 Fl. abkaufte und ihm nebenbei als Herausgeber ein monatliches Salair von 100 Fl. bestimmte. Das Wohlgefallen der Spitzeder – gibt Zeuge an – habe er dadurch auf sich gezogen, daß er einen aus dem »Volksboten« und »Vaterland« zusammengestellten Artikel: »Die Geheimnisse der Dachauer Bank«, einen »Schmarren«, wie er ihn selbst nennt, veröffentlicht habe. Der Präsident verlas sodann zwei Briefe des Zeugen an die Spitzeder; in dem einen schreibt er: »Ich würde mich gern dazu erbieten, Ihnen täglich die Schuhe zu putzen, wenn ich Ihnen damit einen Dienst erweisen könnte.« In dem andern bezeichnet sich Marchner selbst als ihr »geheimer Spitzl«.
Zeuge August Vecchioni, Redacteur der »Neuesten Nachrichten«, bestätigte, daß durch eine gewisse Weigenthaler der Versuch gemacht worden sei, ihn zu bestechen. Die Weigenthaler habe sofort 2000 Fl. baar auf den Tisch legen wollen und jede Summe versprochen, wenn die Angriffe in dem Blatte aufhören würden.
Auch sei Zeuge durch eine Mittelsperson der Spitzeder einmal gefragt worden, ob die »Neuesten Nachrichten« nicht um die Summe von 100000 Fl. zu kaufen wären.
Johann Bölster, Buchdrucker und Eigenthümer des »Bayerischen Landboten«, deponirte, daß vor anderthalb Jahren ein Bekannter zu ihm kam mit der Frage, ob er den »Bayerischen Landboten« nicht verkaufen wolle; da Zeuge auf das Offert einging unter der Bedingung, daß die liberale Richtung beibehalten bleibe, wurde ihm mitgetheilt, daß Schriftsteller Jochner sein Nachfolger werden solle. Zeuge erfuhr jedoch bald darauf, daß Jochner im Hause der Adele Spitzeder sehr häufig verkehre, und infolge dessen wurden die Verhandlungen rasch wieder abgebrochen.
Die Angeklagte Adele Spitzeder bemerkte hierauf, daß sie in der That beabsichtigt habe, verschiedene Zeitungen anzukaufen, um ein »allgemeines Zeitungsinstitut« zu gründen.
Bezeichnend für die merkwürdige Scheu der Adele Spitzeder vor der Oeffentlichkeit des Gerichtssaales war die durch mehrere Zeugenaussagen constatirte Thatsache, daß sie dem Buchhändler Stöckart in Stuttgart für das Manuscript eines gegen sie gerichteten Romans – eines elenden Machwerkes, dessen erster Theil von ihrem Vorleben, der zweite Theil von der Dachauer Bank handelte – die Summe von 6000 Fl. bezahlte, obwol der Inhalt derartig augenscheinliche Verleumdungen enthielt, daß eine Klagestellung unbedingt hätte von Erfolg begleitet sein müssen; ebenso wurde durch einen Zeugen festgestellt, daß sie dem Literaten Alfred Jochner für einen Roman, den derselbe über ihr Geschäft geschrieben, sowie dafür, daß derselbe von einer Ehrenkränkungsklage gegen sie abstand, mit welcher er ihr angeblich aus Anlaß einer ihm ihrerseits zugefügten Beleidigung gedroht hatte, 4000 Fl. gab.
Pauline Dosch, Hutmachersfrau, gleichfalls in Untersuchung wegen betrügerischen Bankrotts, deponirte als Zeugin, daß ihr erst 10000 Fl., später 15000 Fl. von Adele Spitzeder geboten worden seien, wenn sie ihr Geschäft (sie hatte nämlich als Dachauer-Bankinhaberin am 19. August 1872 ein Concurrenzgeschäft eröffnet) aufgebe, worauf sie jedoch nicht eingegangen sei.
Von den als Zeugen vernommenen Juristen (Advocaten, Advocatenconcipienten und Rechtspraktikanten) war es insbesondere Dr. Karl Barth, Advocat aus Augsburg, dessen Deposition ins Gewicht fiel. Derselbe stand in anwaltschaftlichem Verkehre mit der Spitzeder; zuerst wurde sein Rath eingeholt, als die Spitzeder die Nichtigkeitsbeschwerde betreffend die Eintragung ihres Namens ins Firmenregister erhob, später sollte er zur Ordnung ihrer Angelegenheiten überhaupt mitwirken, in Gemeinschaft mit zwei andern Anwälten. Sämmtliche Anwälte einigten sich gelegentlich einer Consultation, welche wenige Tage vor der Sperre des Geschäfts stattfand, dahin: es sei das Beste, die Eintragung ihres Namms (Firma) in das Handelsregister zu beschleunigen, wozu sich jedoch die Spitzeder auch da noch nicht verstehen wollte, obwol inzwischen die Nichtigkeitsbeschwerde vom Reichs-Oberhandelsgericht abgewiesen worden war, also hiermit rechtskräftig feststand, daß die Spitzeder als Handelsfrau zu betrachten war.
Betreffend den vom Zeugen verfaßten und im »Münchener Tageblatt«, dem Organ der Spitzeder, erschienenen Artikel, in welchem das Spitzeder-Geschäft gegenüber den amtlichen Warnungen der Regierung in Schutz genommen wurde, erklärte Zeuge, daß er diesen Aufsatz allerdings auf Aufforderung der Spitzeder, jedoch nur theilweise, gefertigt habe; er habe hierin lediglich die juristische Seite der Sache ins Auge gefaßt, während er die Besprechung der rein geschäftlichen Seite den Spitzeder’schen Bediensteten anheimgegeben habe. Er selbst habe nie einen Einblick in das Geschäftsgebaren der Spitzeder gehabt.
Ferner ist als Beleg für die außerordentliche Freigebigkeit der Adele Spitzeder gegen ihre juristischen Rathgeber die Aussage des Rechtsconcipienten Ludwig Kolb erwähnenswerth. Derselbe stand ebenfalls in geschäftlichen Beziehungen zur Spitzeder, brach jedoch später diese Verbindung wieder ab infolge der fortgesetzten Angriffe der Presse gegen seine Person. Während seines viermonatlichen Dienstverhältnisses bei der Spitzeder erhielt derselbe von ihr an Honorar und Geschenken nicht weniger als die Summe von 3000 Fl.
Es folgten nun noch eine Anzahl von Zeugen, welche über die Verschwendung der Spitzeder aussagten.
Zunächst deponirte eine gewisse Rottheim, daß sie für die Spitzeder den Ankauf von Kleidern, Schmucksachen, Spieluhren, Pianinos u. s. w. vermittelt habe und daß ihr hierfür dieselbe innerhalb Jahresfrist die Summe von 50000 Fl. schuldig geworden sei; unter den Schmucksachen befand sich auch das erwähnte Brillantkreuz von 11000 Fl.; unter den Kleidern nicht weniger als zwölf Schlafröcke im Werthe von je 30–40 Fl.
Weinhändler Smith gab an, daß er an die Spitzeder im Verlaufe eines Jahres für 11000 Fl. Wein, in- und ausländische Sorten, durch Vermittelung des herzoglichen Kellermeisters Stock geliefert habe.
Die Köchin Brauneis bemerkte, daß Adele Spitzeder für ihre Person einfach lebte; die Dienerschaft dagegen sei mit Speise und Trank reichlich versehen worden. Die Küchenrechnung habe sich täglich auf 15–20 Fl. belaufen. Im Küchenbuche, dessen Inhalt theilweise vom Präsidenten bekannt gegeben wurde, figurirt in erster Reihe das Wildpret, unter dem Geflügel Kapaunen und Indian, unter den Fischen Forellen u. s. w. Außerdem noch Caviar, Trüffeln, Gänseleber und andere Delikatessen.
Ueber ihre sonntäglichen Ausflüge wurde durch eine Anzahl von Zeugen erhoben, daß solche, wie sie auch selbst zugab, regelmäßig in zwei eigenen Equipagen und in Gesellschaft von acht bis zehn Personen gemacht wurden, wobei sie regelmäßig alles bezahlte. So machte sie im Sommer 1872 mehrere solche Partien nach Kreuth, Miesbach, Schliersee, Birkenstein, Tegernsee, und belief sich hierbei nur für einen einzigen Tag die Zeche in Miesbach auf 70 Fl., in Tegernsee auf 190 Fl. (hierunter 15 Fl. für Musik). Im September 1872 erschien sie an einem Sonntag mit Gesellschaft in Aibling und machte von dort einen Ausflug nach Schönau, woselbst sie ein Diner, bestehend aus 16 Couverts mit 8–9 Platten, bestellte und hierfür 208 Fl. Zeche bezahlte. Die Kellnerin erhielt bei dieser Gelegenheit von ihr ein Trinkgeld von 10 Fl. Die Bedienten und Kutscher zechten mit den anwesenden Bauern die ganze Nacht hindurch.
Ein Zeuge (Gensdarm Reindl) schildert die Ergebnisse eines Ausflugs der Spitzeder nach Fürstenfeldbruck, wo sie auf der Post im obern Local, im sogenannten schönen Zimmer, für 80 Fl. 30 Kr. zechte. Die Dienerschaft soll das meiste hiervon verzehrt haben; die bei dieser Gelegenheit aufspielende Musik erhielt 10 Fl., von den Hausbediensteten jeder 5 Fl. Trinkgeld.
Der Wirth Lauterbacher zu Ebenhausen berichtet von einem zweimaligen Ausfluge der Spitzeder mit Gesellschaft, wo sie im Garten immer ein treffliches Mahl zu sich nahm. Die Zeche belief sich auf je 36–60 Fl.; anwesende Bauern, die sie hoch leben ließen, wurden mit 1–2 Eimern Bier regalirt. Aehnliches bekundet der Gastwirth Riedel zu Sauerlach, bei welchem sie ungefähr viermal mit Gesellschaft Einkehr nahm und einmal die ihr Ovationen darbringenden Bauern mit 2 Eimern Bier bewirthete.
Gensdarm Fischer von Dachau gab an, daß die Spitzeder im Sommer 1872 mit Gefolge 15–20 mal in zwei Equipagen nach Dachau gekommen sei, wobei die Zeche gewöhnlich 25–40 Fl. ausgemacht habe; auch seien bei diesen Gelegenheiten Hausknecht und Kellnerinnen immer sehr reichlich mit Trinkgeldern bedacht worden.
Auch die nicht uninteressante Thatsache wurde durch die Aussage eines Zeugen erhoben, daß die Spitzeder für die Cur eines Lieblingspferdes die Summe von 800–1000 Fl. ausgab, indem sie dem Pferde einen eigenen Wärter hielt und drei bis vier Thierärzte zur Behandlung zuzog.
Zeuge Kaufmann Primavesi gab an, daß sie bei einem Ausfluge nach Bad Kreuth mit ihrer aus acht Personen bestehenden Gesellschaft sein dort befindliches Galanteriewaarenlager besucht und für ihre Begleiter, die sie aufgefordert: sich herauszusuchen, was ihnen beliebe, die Summe von 138 Fl. bezahlt und das gleiche Manöver an demselben Tage auch noch in einem andern Laden aufgeführt habe.
Es ist übrigens klar, daß solche sonntäglichen Ausflüge mit »Gefolge« nicht ausschließlich zum Vergnügen unternommen wurden. Die Spitzeder verfolgte hierbei offenbar noch den Zweck, vor den Augen des leichtgläubigen Landvolkes den ganzen Glanz ihres Reichthums zu entfalten, um so den Glauben zu verbreiten und zu befestigen, daß ihre Mittel unerschöpflich seien und die Dachauer Bank auf unerschütterlicher Grundlage stehe.
Wie hoch der Ankauf ihrer Gemälde zu stehen kam, konnte auch nicht in der öffentlichen Verhandlung ermittelt werden; es ergab sich nur so viel, daß sie nicht mehr als zwei oder drei werthvolle Bilder besaß, alle übrigen waren in Beziehung auf ihren Kunstwerth sehr gering anzuschlagen.
Am Samstag den 19. Juli vormittags 9½ Uhr begann das Plaidoyer des Staatsanwalts. Derselbe hielt in einem mehr als dreistündigen Vortrage die Anklage gegen die fünf Angeklagten aufrecht und forderte die Geschworenen auf, sämmtliche Schuldfragen zu bejahen.
Als der Staatsanwalt seine Rede begann, saß die Angeklagte Spitzeder noch mit derselben lächelnden Ruhe, mit derselben angenommenen Gleichgültigkeit da, welche sie mit wenigen Unterbrechungen während der ganzen Dauer der Verhandlung beobachtet hatte. Allein bald trat an die Stelle der Ruhe eine sichtliche Aufregung, welche sich immer höher steigerte, als der Staatsanwalt im Verlaufe seiner Rede in lebendigen Zügen die Verwerflichkeit ihres schwindelhaften Treibens schilderte, als er den widerlichen Cynismus der von ihr entwickelten Moral, die schamlose Frivolität, mit der sie ungeachtet ihrer unsinnigen Verschwendung, ungeachtet der von ihr herbeigeführten ungeheuern Verluste, sich beständig als eine Wohlthäterin der Armen, als eine Beschützerin der Noth hingestellt hatte, mit beißender Satire geiselte.
Als der Staatsanwalt auf ihre Brillanten zu sprechen kam und diese mit den Schweißtropfen des Volkes verglich, welche in ihrer gefühllosen Hand zu kalten funkelnden Steinen geworden wären, mit denen sich ihre Eitelkeit vor dem Spiegel behangen, wahrscheinlich um sich in der Glorie einer »Volkswohlthäterin« darin zu erblicken, sprengte der nur mit Mühe niedergehaltene Zorn alle Bande der Selbstbeherrschung – die Angeklagte brach in einen gewaltigen Thränenstrom aus.
Das Hauptgewicht der Anklagebegründung gegen sämmtliche Angeklagte concentrirte sich übrigens in der Beantwortung der drei Fragen: ob die Angeklagte Adele Spitzeder als Kauffrau zu betrachten sei, ob sie ihre Zahlungen eingestellt habe und ob nach dem Ergebniß der öffentlichen Verhandlung ausreichende Gründe zur Annahme gegeben seien, daß sie in der Absicht gehandelt habe, ihre Gläubiger zu benachtheiligen, und gelangte der königliche Staatsanwalt in wohlbegründeter Ausführung zur Bejahung dieser drei Fragen.
Die Vertheidigung der Angeklagten Adele Spitzeder suchte im Gegensatz zu den Ausführungen der Anklage nachzuweisen, daß gerade diese drei Fragen verneint werden müßten und daß demnach die Voraussetzungen zum Thatbestande des in Frage stehenden Verbrechens des betrügerischen Bankrotts nicht vorhanden seien. Die Spitzeder habe allerdings – so führte die Vertheidigung aus – schon im Herbste 1871 ihr Geschäft beim Rentamte als Bank- und Wechselgeschäft angezeigt, allein laut Entscheidung vom 15. December 1871 habe das Handelsgericht erklärt: daß sie keine Kauffrau sei, und zwar unter Anführung von Gründen, welche die Absicht deutlich hätten durchschimmern lassen, der Adele Spitzeder die Ehre und Rechte eines Kaufmanns nicht zu gewähren; man habe eben das Spitzeder-Unternehmen als ein einfaches Schmusgeschäft betrachtet, wie es deren in München eine Unzahl gebe; drei Monate später freilich sei das Handelsgericht anderer Ansicht geworden und zwar: weil sie mit fremdem Geld operire. Aus dem Umstande, daß die Spitzeder Darlehne angenommen habe, könne jedoch unmöglich der Begriff eines Handelsgeschäftes abgeleitet werden. Wenn sie wirklich Gelder ausgeliehen habe, so seien dies mehr Acte des Mitleids als Acte einer geschäftsmäßigen Berechnung gewesen. Es könne hier nur von einer unverantwortlichen Geldwirthschaft, nie aber von einem auf geschäftsmäßigen Gewinn berechneten kaufmännischen Gebaren die Rede sein. Die Ausübung ähnlicher Handlungen berechtige so wenig zum Prädicat »Kaufmann«, als er (Vertheidiger) schon Advocat sei, trotzdem er schon oft plaidirt habe. Wenn man ferner Obligationen im Betrage von mehr als einer Million so und so lange liegen lasse, ohne sich um die Cursbewegungen zu kümmern, wenn man auf dieselben drei Frauenthaler lege, »damit sie nicht wegkommen«, wie dies Adele Spitzeder gethan, so könne man unmöglich von kaufmännischen Geschäften sprechen. Die Spitzeder habe die stets um ein Procent über den Curswerth angenommenen Obligationen nicht als Geldpapier, sondern als Papiergeld angesehen, das man eben, wenn das kleine Geld ausgegangen, ebenso wechsele, wie man jedes größere Stück gegen kleinere Münze vertausche.
Bezüglich des Erfordernisses der Zahlungseinstellung bemerkte die Vertheidigung, daß eine solche in der gerichtlichen Sperre im vorliegenden Falle nicht gefunden werden dürfe, weil die Spitzeder zur Zeit der Sperre noch im Stande gewesen sei, alle ihre fällige« Wechsel einzulösen, und hierzu der Gerichtscommission wiederholt die nöthige Summe von 13000 Fl. offerirt habe.
Die Absicht, ihre Gläubiger zu benachtheiligen, sei bei der Spitzeder nie vorhanden gewesen. Dies gehe doch daraus hervor, daß sie zu einer Zeit, wo sie über Millionen verfügt, weder einen einzigen Gulden aus dem Lande gebracht, noch einen Versuch gemacht habe, sich zu entfernen. Daß ihr der Credit über den Kopf hinausgewachsen sei und sie sich schließlich dessen nicht habe erwehren können, wer könne ihr hieraus einen Vorwurf machen? Ihre Geldwirthschaft sei allerdings bezeichnend für den Leichtsinn einer phantastischen Schauspielerin, niemals aber könne in derselben ein Moment strafrechtlicher Verfolgung erblickt werden.
Die Vertheidigung der Rosa Ehinger sowie die der drei übrigen Angeklagten, Jakob Nebel, Marie und Georg Pregler suchte darzuthun, daß durch die öffentliche Verhandlung der zu einer Verurtheilung ihrer Clienten erforderliche Schuldbeweis weder in subjektiver noch objektiver Beziehung geliefert worden sei.
Am Sonntag den 21. Juli nachmittags war das Plaidoyer beendet.
Die Geschworenen erhielten 22 Fragen, welche sie nach 3¾stündiger Berathung, mit Ausnahme der Fragen auf mildernde Umstände, bezüglich der Adele Spitzeder, sämmtlich bejahten.
Während der Wahrspruch der Geschworenen verkündet wurde und hierauf der königliche Staatsanwalt Antrag auf Anwendung des Gesetzes stellte, welcher bezüglich der Adele Spitzeder auf vierjähriges Zuchthaus, bei den übrigen Angeklagten aber, bei welchen die Fragen auf mildernde Umstände bejaht worden waren, auf Gefängnißstrafe lautete, sank Adele Spitzeder, die bis zum letzten Augenblicke die Hoffnung auf ihre Freisprechung nicht aufgegeben zu haben scheint, wie vernichtet auf ihren Stuhl zurück, sodaß ihr der Präsident gestattete, den Saal zu verlassen. Sie verließ denselben mit schwankenden Schritten, brach jedoch unter der Thür des Saales vollständig zusammen und sank in die Arme des Gerichtsboten.
Der Schwurgerichtshof verurtheilte hierauf Adele Spitzeder zu dreijähriger Zuchthausstrafe, Rosa Ehinger und Jakob Nebel zu sechsmonatlicher, Maria Pregler zu viermonatlicher und Georg Pregler zu einmonatlicher Gefängnißstrafe: Ehinger, Nebel, Pregler und seine Frau durften den Saal frei verlassen, da ihnen nach dem Ausspruch des schwurgerichtlichen Erkenntnisses die Untersuchungshaft zur Strafe angerechnet wurde.
Adele Spitzeder legte gegen das Urtheil des Schwurgerichthofes das Rechtsmittel der Nichtigkeitsbeschwerde ein, welches jedoch durch Erkenntniß des Obersten Gerichtshofs in München am 9. September 1873 verworfen wurde. In der desfallsigen öffentlichen Verhandlung vor dem obersten Gerichtshofe hatte der Vertreter der Adele Spitzeder unter anderm geltend gemacht, daß der §. 281 (betrügerischer Bankrott) und §. 283 (einfacher Bankrott) des Deutschen Strafgesetzbuches mit Unrecht angewendet worden seien, weil die thatsächlichen Voraussetzungen, welche das Gesetz hierzu erfordere, nämlich: die Eigenschaft der Adele Spitzeder als Handelsfrau, und eine von ihr erfolgte Zahlungseinstellung nicht vorhanden gewesen seien. In Bezug auf diese beiden Beschwerdepunkte findet sich in den Entscheidungsgründen des oberstrichterlichen Erkenntnisses, welches die Nichtigkeitsbeschwerde verwarf, Folgendes ausgeführt:
»Durch die Bejahung der an die Geschworenen gestellten Fragen ist ausgesprochen, daß Adele Spitzeder vom 9. Juni 1871 an und schon vorher bis zum 12. November 1872 ein Bank- und Wechselgeschäft, daß sie solcher Art gewerbsmäßig Handelsgeschäfte betrieb, und ist dies thatsächlich damit begründet, daß sie in einer großen Anzahl von Geschäften fremde Werthe zum Zwecke verzinslicher Anlage als Darlehne annahm, wirklich gegen Verzinsung wieder auslieh, Staatsobligationen, Aktien, für den Handelsverkehr bestimmte Werthpapiere durch Annahme an Zahlungsstatt an- und theilweise wieder verkaufte.
»Hiermit sind Bankiergeschäfte, welche in Art. 272, Z. 2 des Allgemeinen Deutschen Strafgesetzbuches als Handelsgeschäfte aufgeführt sind, genugsam dargelegt. Daß unter den fremden Werthen, welche die A. Spitzeder annahm, Geld und Werthpapiere zu verstehen sind, ergibt sich aus dem angegebenen Zwecke der Erwerbung zur verzinslichen Anlage und deren Wiederausleihung gegen Verzinsung. Wenn sie Staatsobligationen, Aktien, Handelspapiere gegen Entgelt erwarb, um sie wieder zu verkaufen, so ist die Art der Erwerbung, ob sie durch Annahme an Zahlungsstatt oder durch Kauf oder ein anderes derartiges Rechtsgeschäft geschah, gleichgültig.
»Die Gewerbsmäßigkeit des Betriebes dieser Geschäfte ist damit, daß dieselben in der angegebenen längern Zeit continuirlich in großer Zahl, daß sie zur Spekulation, des Gewinnes wegen gemacht wurden, genugsam gekennzeichnet.«
»Wenn die Angeklagte angeschaffte Werthe auch zur Spekulation in Immobilien benutzte – (darauf war nämlich von seiten des Vertreters der Spitzeder zur Bestreitung ihrer Eigenschaft als Kauffrau hauptsächlich Gewicht gelegt worden) – so bilden zwar nach Art. 275 des Handelsgesetzbuchs Verträge über unbewegliche Sachen keine Handelsgeschäfte; allein durch solche Spekulation wird der übrige Geschäftsbetrieb der A. Spitzeder in seiner Eigenschaft als Handelsgeschäft nicht alterirt. Da dieselbe durch Darlehnsaufnahme und Darlehnshingabe den Creditumlauf und durch Anschaffung von Staatsobligationen, Actien, Handelspapieren und deren Wiederveräußerung den Werthumlauf vermittelte, sich dadurch Gewinn zu verschaffen suchte und dies gewerbsmäßig betrieb, so bildet ihr Geschäft ein Bankiergeschäft und wurde sie mit Recht als Handelsfrau im Sinne des Art. 4 und 6 des Handelsgesetzbuchs erklärt.«
In Bezug auf Erforderniß »der Zahlungseinstellung« heißt es:
»In dem Wahrspruch der Geschworenen ist festgestellt, daß A. Spitzeder infolge der nach Beschluß des königlichen Bezirksgerichts München vom 12. November 1872 am nämlichen Tage vollzogenen, durch die später constatirte enorme Ueberschuldung ihres Vermögens vollkommen gerechtfertigten gerichtlichen Beschlagnahme desselben ihre Zahlungen eingestellt habe.
»Adele Spitzeder hat hiernach allerdings nicht nach eigenem Entschlusse, nicht mit Willen ihre Zahlungen eingestellt, vielmehr bildet die gerichtliche Vermögensbeschlagnahme den Grund der am 12. November 1872 stattgehabten Zahlungseinstellung.
»Das Gesetz fordert aber auch nicht, daß der Bankrottirer selbst nach eigenem Entschlusse mit freiem Willen seine Zahlungen einstellt, daß er eine Insolvenzerklärung mündlich oder schriftlich abgibt oder sonst die Zahlungen verweigert. Es wird vom Gesetze nur der thatsächliche Zustand erfordert, daß die Zahlungen nicht mehr geleistet werden. Ob dies geschieht, weil der Schuldner nicht mehr zahlen will wegen fingirter Zahlungsunfähigkeit, oder weil er nicht mehr zahlen kann wegen wirklicher Ueberschuldung, oder ob es geschieht, weil die Gant mit oder gegen den Willen des Schuldners eröffnet oder sein Vermögen im Präliminar-Gantverfahren infolge von Sicherungsmaßregeln mit Beschlag belegt worden ist, ist gleichgültig.
»Der thatsächliche Zustand der Zahlungseinstellung genügt.
»Im vorliegenden Falle steht nun nach dem Wahrspruch der Geschworenen fest, daß am 12. November 1872 eine enorme Ueberschuldung der A. Spitzeder vorlag und daß infolge der auf Gantantrag von Gläubigern von dem königlichen Bezirksgericht München im Präliminar-Gantverfahren verfügten Vermögensbeschlagnahme die in der außerordentlich großen Ueberschuldung begründete Zahlungseinstellung eintrat.
»Es wurde somit auch die zweite Voraussetzung des betrüglichen und des einfachen Bankrotts mit Recht als gegeben angenommen.«
Es behielt also bei dem Urtheile des Schwurgerichtshofes sein Bewenden. Einer der denkwürdigsten Processe unserer Tage hatte seinen Abschluß gefunden, denkwürdig sowol wegen der grellen Streiflichter, welche er auf gewisse sittliche und sociale Zustände wirft, denkwürdig aber auch wegen des psychologischen Interesses, welches sich für den Criminalisten an die Person der Hauptangeklagten knüpft.
Der Neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Achter Band. Leipzig, 1873.
Spitzeder Adele, geb. am 9. Februar 1832 in Berlin (Tochter des Baß-Buffo Josef Spitzeder und Betty Spitzeder, geborene Vio). Frühzeitig machte sich bei ihr der Hang zum Theater geltend. Sie nahm Gesangslektionen bei der Sängerin Marie Henkel und schauspielerischen Unterricht bei Konstanze Dahn und Charlotte v. Hagen. Sie debütierte in Koburg am 28. Oktober 1856 als »Deborah«, am 4. November als »Maria Stuart« und war später in Mannheim, München, Brünn, Nürnberg und Frankfurt als Schauspielerin engagiert. Nachdem sie sich in Zürich als Sängerin versucht hatte, erhielt sie einen Ruf nach Karlsruhe und später nach Altona. Hier endete ihre künstlerische Laufbahn. Über ihr Talent hat sich Laube wiederholt anerkennend geäußert. In München gründete sie die zu so trauriger Berühmtheit gelangte Dachauer Bank, wodurch sie in einen außerordentliches Aufsehen erregenden Betrugsprozeß verwickelt wurde. Sie starb am 28. Oktober 1895 in München.
Ludwig Eisenberg‘s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert. Leipzig, 1903.
TONI KELLEN
ADELE SPITZEDER UND DIE DACHAUER BANKEN
Krach der Wettkonzerne bringt die Erinnerungen an ähnliche Schwindelunternehmungen, die auf der immer wieder unterschätzten Massendummheit aufgebaut sind. Die Banken der Rosa Spitzeder haben vor fünfzig Jahren das gleiche Schicksal gehabt wie heute die Unternehmungen des Max Klante.
Adele Spitzeder war ein Theaterkind. Schon ihr Großvater war Schauspieler gewesen. Ihr Vater war einer der besten Baßbuffosänger in Wien und Berlin. In zweiter Ehe war er verheiratet mit Betty Vio, der Tochter des italienischen Baßisten Franzesco Vio, die ebenfalls schon früh zur Bühne gekommen war. In Wien hatte sie Protektion bei reichen Gönnern gefunden. Fürst Dietrichstein hatte sie ausbilden lassen. Adele ist vielleicht die uneheliche Tochter ihrer Mutter und eines wohlhabenden Freundes gewesen.
Sie war 1832 in Berlin geboren und debütierte 1856 in Koburg als Deborah und als Maria Stuart. Später war sie in Mannheim, München, Brünn, Nürnberg und Frankfurt a. M. tätig. Nachdem sie sich in Zürich als Sängerin versucht hatte, ging sie nach Karlsruhe und spater nach Altona. Es war also das übliche Wanderleben einer mittelmäßigen Schauspielerin. Ihr Talent scheint nämlich nicht sehr bedeutend gewesen zu sein, wenn auch Laube sich wiederholt anerkennend darüber geäußert hat. Zuletzt gehörte sie den Münchener Vorstadt-Theatern an.
Sie führte ein galantes Leben, in einer ihr gewidmeten Broschüre schreibt Reinhold Vonkirch schon 1872: Adele Spitzeder scheint auch mit Amor, dem lieblichen Knaben, geäugelt zu haben: wenigstens nennen die Annalen von Wieshaden eine Adele Spitzeder aus München, die vor einigen Jahren in der Schar jener weiß oder rot angestrichenen durchdringend duftenden Vögel gesehen worden sei. Ja, wie man weiß, in den Spielsälen umherflattern und schwirren und so zahm sind, daß sie sich mit der Hand greifen lassen. Und mehr als ein Vogelsteller soll am Ende wehmutig gezwitschert haben:
»Du hast mich zu Grunde gerichtet.
Adele, was willst du noch mehr?«
Schon als Schauspielerin befaßte die Spitzeder sich mit allerlei Geldgeschäften und zwar hauptsächlich mit der Vermittelung von Darleben. Sie kannte zahlreiche leichtlebige Herren, mit deren Zahlungsfähigkeit es nicht besonders gut bestellt war und die deshalb gern 40, 60, 80, ja 100 Prozent Zinsen für ein Darlehen bezahlten. Andererseits erwartete sie, daß es genug Leute gibt, die gern solche Prozente einnehmen, aber durch ein gewisses Schamgefühl abgehalten werden, mit solchen Kunden unmittelbar zu verkehren. Hier schob sich die Spitzeder als Vermittlerin ein, und ihre Geldgeschäfte scheinen in ihr die Idee zu der spater von ihr errichteten Dachauer Bank geweckt zu haben. Die Darlehensgeschäfte allein hätten aber nicht einen so großen Umfang annehmen können, wie sie es bei ihrer Bank erreichte. Sie legte vielmehr den Hauptwert darauf, das Geld all jener Leute an sich zu ziehen, die auf hohe Zinsen spekulierten. War das Geschäft einmal im Gange, so lag für eine geriebene Person, wie es die Spitzeder zweifelsohne eine war, der Gedanke nahe, die Wucherprozente aus den angebotenen und einlaufenden Kapitalien zu bezahlen und dadurch den Strom derselben in ihre Kasse zu lenken. Die brauchte ja nur durch irgend einen Strohmann einen Wechsel acceptieren zu lassen und dem Käufer desselben einen Teil seines eigenen Geldes als Zins zu bezahlen. Kam der Verfalltag, so wurde der Prolongationszins oder nötigenfalls der Betrag des Kapitals selbst aus neuen Einlagen bestritten. Sobald dieser Schritt einmal getan, war die Dachauer Bank im kleinen fertig.
Die Zeit war damals für solche Geschäfte günstig. Die französischen Milliarden hatten sich nach Deutschland ergossen und die Gründertätigkeit befruchtet. Man lebte in einem Spekulationstaumel, und jeder wollte möglichst schnell reich werden. Nun verbreitete sich in München unter der Hand das Gerücht, die Adele Spitzeder zahle die höchsten Prozente, einzelne versicherten aus eigener Erfahrung, daß sie für 100 fl. monatlich 10 Prozent erhalten hätten, und außerdem sei das Kapital sicher angelegt, denn sie hatten es versuchsweise zurückgezogen und prompt ausbezahlt bekommen. Die Sache sei auch ganz natürlich, denn während die Spitzeder 10 Prozent zahle, verlange sie von ihren Schuldnern 15 bis 18 Prozent, so daß sie selbst immer noch ein gutes Geschäft mache. Außerdem wurde herumgeflüstert, dieser oder jener Herzog oder Prinz in Bayern habe der Spitzeder 100,000 Taler oder noch mehr anvertraut, damit sie den Juden Konkurrenz mache. Überhaupt habe sie so hoch hinaufreichende Verbindungen, daß sie gar nicht zu ruinieren sei.
So war es der Spitzeder möglich, 1871 eine eigene Bank in der Dachauer Straße zu gründen, und darnach wurde ihr Unternehmen die Dachauer Bank genannt. Der Name hatte aber auch noch einen anderen Sinn: Die Dachauer Bauern waren nämlich ihre ersten auswärtigen Kunden. Und das kam so: Die Spitzeder sah wohl ein, daß wenn sie einmal die in München verfügbaren Kapitalien aufgesaugt hätte, sie gar nicht mehr in der Lage wäre, jährlich 120 Prozent Zinsen zu bezahlen. Sie mußte deshalb darauf bedacht sein, ihren Betrieb auswärts zu erweitern, um immer neue Kapitalien anzuziehen. Dazu mußte sie die bayrischen Bauern für sich zu gewinnen suchen, und da diese katholisch sind, gab sie sich als besonders fromme Dame aus, obwohl sie gerade das Gegenteil einer solchen war. Sie trug um den Hals ein großes Kreuz aus massivem Golde, ging eifrig in die Kirche und nahm an allen religiösen Feiern teil. Den Geistlichen, die Geld brauchten, gab sie Darlehen zu billigsten Zinsen, schenkte den Kirchen und den frommen Vereinen Geld für ihre Bedürfnisse, und so kam sie bei den Bauern in den besten Ruf. Zuerst bearbeitete sie die Gegend von Dachau, einem einige Stunden von München entfernten Landstädtchen. Die Bauern gewannen ein solches Zutrauen zu der frommen Adele Spitzeder, daß sie willig ihr Geld nach München trugen, wo sie 120 Prozent Zinsen dafür erhielten.
Die schlaue Adele wußte sich auch die Presse dienstbar zu machen. Obschon München damals schon eine Stadt von 170,000 Einwohnern war, gab es dort wohl keine bedeutende Zeitung. Die katholischen Blätter, das »Bayrische Vaterland«, der »Volksbote« und der »Bayrische Kurier« waren so kurzsichtig, für die Dachauer Bank zu arbeiten, aber auch die nichtkatholischen Blätter wie der »Süddeutsche Telegraph«, der »Freie Landbote« und das »Extrablatt« öffneten ihr ihre Spalten, denn Spitzeder verlangte nichts umsonst. Vielleicht noch schlimmer war es bei den Lokalblättchen, die zumeist von Leuten von sehr geringer Bildung und sehr fragwürdiger Zuverlässigkeit hergestellt wurden.
Das Geschäftsverfahren der Dachauer Bank war sehr einfach. Für jede Kapitaleinlage stellte sie einen Wechsel mit der Klausel »nicht an Ordre« aus, der also nicht in Umlauf gesetzt werden konnte, und am Verfalltag in den meisten Fällen nicht zur Zahlung, sondern zur Verlängerung präsentiert wurde. Durch diese Vorsichtsmaßregel schützte sich die Spitzeder vor einer plötzlichen Überrumpelung und den massenhaften Andrang solcher Wechselinhaber, die nicht an die Solidität des Geschäftes glaubten und deshalb den Betrag der Wechsel hätten erheben können, um ihn nicht wieder einzulegen. Um andererseits im Falle eines Zusammenbruches ihren guten Glauben nachweisen zu können, gewährte sie einzelnen Herren mit vornehmen Namen, aber von sehr geringer Kreditwürdigkeit Darlehen, für die sie Schuldscheine mit außerordentlich hohen Beträgen ausstellen mußten.
Auf diese Weise glaubte die Adele Spitzeder gegen jede Gefahr gesichert zu sein. Das Publikum war übrigens so vertrauensselig, daß sie sich selbst darüber wunderte. Nicht bloß Bauern, sondern auch Arbeiter und Dienstboten leerten ihre Sparkasse, um ihr Geld nach München zu bringen. Ja, es gab Bauern, die ihre Höfe verkauften oder mit hohen Hypotheken belasteten, um der Dachauer Bank ihr Geld anzuvertrauen. Mit einem Kapital von 1000 fl. konnte man sich ja eine Jahresrente von 1200 fl. verschaffen und damit konnte damals eine Familie in München und noch mehr auf dem platten Lande ganz gut leben. Im Laufe von zwei Jahren brachten etwa 30,000 Kunden der Adele Spitzeder 8½ Million Gulden. Das Geld ging so massenhaft ein, daß die Spitzeder in ihrem Geschäftszimmer eine hölzerne Rutschbahn anbringen ließ, auf der das Gold, das Silber und Banknoten wie Kartoffeln in den Keller hinabgelassen wurden. Das imponierte natürlich den Bauern. Das Geld blieb aber nicht im Keller liegen, denn die Adele Spitzeder kaufte sich in München 16 Häuser, ferner auf dem Lande Villen, Felder und Wälder. Sie legte sich eine Gemäldesammlung zu, protzte mit Diamanten und Kostbarkeiten, hielt sich Equipagen und schöne Pferde, sowie zahlreiche Livree-Bediente.
Um ihren glänzenden Erfolg wurde sie vielfach beneidet, und so entstanden ihr bald allerlei Konkurrenten, die auf derselben Grundlage Banken errichteten. Eine Pauline Dosch z. B. nahm in wenigen Wochen 300,000 fl. ein. Als Gründer anderer Dachauer Banken erwähnt Reinhold Vonkirch einen gewissen Herb, einen Grafen Holnstein und eine Wally Fischer. Die Behörden sahen dem Treiben lange tatenlos zu. Erst als sich die öffentlichen Sparkassen immer mehr leerten und der Schwindel geradezu zu einer nationaler Kalamität geworden war, sah sich die Regierung Ende 1872 veranlaßt einzuschreiten. Zuerst erließ sie eine Warnung in einem Erlaß, in dem sie auf den bevorstehenden Zusammenbruch der Dachauer Banken hinwies. Merkwürdigerweise verteidigten einige Zeitungen die Spitzeder, indem sie erklärten, diese sei vollständig solvent, habe bis zur Stunde ihre Wechsel eingelöst, besitze an Mobilien und Immobilien so und so viel usw. Dr. Sigl behauptete in seinem »Bayrischen Vaterland«, alle Angriffe gegen die Spitzeder seien Ausflüsse des Neides der Juden, Freimaurer und Preußen, die dieser Dame ihren Verdienst nicht gönnten und die nicht leiden wollten, daß auch die kleinen Leute einmal hohe Prozente verdienten. Hierauf antwortete die Regierung mit einem zweiten Erlaß, in dem sie vor allen Dachauer Banken, welche Namen sie auch führen mochten, warnte, da die auf dem schwindelhaften Grundsatz beruhten, die Zinsen mit den einlaufenden Kapitalien zu bezahlen. Man muß sich nur wundern, daß die Regierung nicht früher einschritt, da ihr dieses bekannt war. Jetzt erst sahen sich einzelne Wechselgläubiger veranlaßt, auf eine Untersuchung des Vermögens der Spitzeder zu dringen. So mußten sich die Gerichte damit befassen, und die Vermögensuntersuchung lieferte solche Ergebnisse, daß man die Spitzeder vorläufig in Zivilhaft nehmen mußte. Schon nach wenigen Tagen wurde diese in Kriminalarrest wegen betrügerischen Bankerotts umgewandelt, weil sich eine große Überschuldung herausgestellt hatte. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, daß Dr. Sigl mit einer Revolution drohte, wenn »die Juden, Freimaurer und Preußen« es wagen sollten, gegen Adele Spitzeder, die Wohltäterin des Volkes, einzuschreiten, und daß er versuchte, die Landleute von der Anmeldung ihrer Forderungen ahzuhalten, um den Nachweis der Überschuldung unmöglich zu machen. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, daß in der Bank noch 70,000 fl. vorhanden waren. Außerdem fand man an den verschiedensten Stellen Geld, so z. B. 1000 fl. in einem Ofenloch, die jedenfalls von einem betrügerischen Bedienten dort versteckt worden waren. Die ganze Buchführung der Bank war nämlich so unordentlich, daß Veruntreuungen der Angestellten eigentlich selbstverständlich scheinen mußten!
Am 20. Juli 1873 wurde Adele Spitzeder wegen betrügerischen Bankerotte zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch einige Konkurrenzbanken waren geschlossen worden, und ihre Gründer erhielten ebenfalls Zuchthausstrafen.
Die Mutter der Adele Spitzeder war in Berlin die Nachfolgerin der Henriette Sontag gewesen. Später hatte sie in Graz ein zweites Mal geheiratet und war zuletzt in Wien noch am Theater tätig. Sie hatte noch den glanzvollen Aufstieg ihrer Tochter erlebt da sie erst 1872 starb. Adele selbst verbüßte ihre Strafe und bieb in München wohnen, trotz der schmerzlichen Erinnerungen, die sie mit dieser Stadt verknüpften. Dort starb sie am 28. Oktober 1895 im Alter von 63 Jahren.
Toni Kellen: Das Tagebuch, Heft 38. Berlin, 24. September 1921.
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* 2.9.1796 (Bonn)
† 13.12.1832 (München)
Sänger und Schauspieler
Der berühmte Komiker Spitzeder aus Berlin ist mit seiner Gattin bei dem hiesigen Hoftheater engagirt worden.
Bayerischer Volksfreund Nro. 25. München; Montag, den 13. Februar 1832.
Der Vertrag des k. Preuß. Königstädter-Theater mit Hrn. Spitzeder hat mit Ende Juni aufgehört, und Hr. Spitzeder wird mit seiner Gattin sein bereits von uns schon früher berichtetes Engagement am hiesigen k. Hof- und Nationaltheater antreten.
Der Bayerische Volksfreund Nro. 6. München; Mittwoch, den 11. Juli 1832.
Hr. Spitzeder wurde vorgestern bey seinem ersten Auftreten in dem Singspiel »Der Schatzgräber« von dem Publikum herzlich empfangen, und am Ende des Stückes eben so rauschend gerufen. Er drückte seinen einzigen Wunsch aus, »noch zweyhundert Jahre bey uns bleiben zu können.« Nächsten Sonntag wird dessen Gattin als Mira in der Oper »Das unterbrochene Opferfest« auf der k. Hofbühne erscheinen.
Münchner Tagsblatt Nro. 273. Dienstag, den 2. Oktober 1832.
Allgemein betrauert wird der für die k. Hofbühne fühlbare Verlust des Herrn Spitzeder. Derselbe war erst 37 Jahre alt. Er war seit dem Antritt seines Engagements einmal, und zwar in dem Singspiel »der Schatzgräber« aufgetreten.
Münchner Tagsblatt Nro. 348. Sonntag, den 16. Dezember 1832.
Herr Spitzeder wurde verfloßnen Sonntag Nachmittags 4 Uhr begraben. Eine Menge seiner Freunde und Verehrer begleiteten den zu früh Geschiedenen auf diesem seinen letzten Weg. Das Gerücht, als sey Herr Urban gestorben, ist gänzlich falsch, und wir dürfen hoffen, Herrn Urban bald wieder auf der Bühne mit einem rauschenden Empfang auftreten zu sehen.
Münchner Tagsblatt Nro. 350. Dienstag, den 18. Dezember 1832.
14ten December. Hr. Spitzeder ist nicht mehr unter uns! Sein erstes Debüt am 30sten September war zugleich sein letzter. Er trat an selbem Abende von der Kunst-, so wie am heutigen von der Lebensbühne ab. Ein schon mitgebrachtes Brustübel, vielleicht die Folge grosser Anstrengungen, entriss ihn uns früher, als wir hätten vermuthen können. Ein bequemes, gemächliches, nicht durch übermässige Leistungen gedrängtes Leben hatte ihn unter uns erwartet. Nicht ihm, seiner Asche nur ward so die Ruhe, die er im fremden Lande, aber nicht auf diese Weise gesucht. Er zählte nur 37 Jahre.
Allgemeine Musikalische Zeitung No. 4. 23. Januar 1833.
December. D. 13. zu München der k. Hofschauspieler und Kapellsänger Jos. Spitzeder, ausgezeichnet als Bassist und Schauspieler in heiteren, comischen Partien. Er war erst einige Monate vor seinem Tode von dem Königstädtischen Theater in Berlin, bei dem er eine Reihe von Jahren gestanden hatte, in seine Anstellung zu München übergetreten.
Neuer Nekrolog der Deutschen. Ilmenau, 1834.
Spitzeder, Joseph, einer der vorzüglichsten, wo nicht unbedingt der vorzüglichste Basso buffo, den Deutschland in dem letztvergangenen Decennium besessen hat. Er ward geboren 1797. Nachdem er eine Zeitlang in Wien gewesen war, und hier auch noch den Unterricht Weigl’s und anderer Meister empfangen hatte, ging er nach Berlin, und ward daselbst, mit Gründung des Königstädter Theaters, an demselben angestellt. Er fand einen unendlich großen Beifall, weniger indeß durch ein durchdachtes Spiel als durch seinen wahrhaft komischen Gesang und eine unversiegbare ergötzliche Laune. Nach dem Tode seiner ersten Gattin, welche ebenfalls an jenem Königsstädter Theater angestellt war, heirathete er die Sängerin Betty Vio, verließ alsdann mit derselben das Engagement in Berlin und ging nach München, wo er jedoch bald von einer schweren Krankheit befallen wurde und 1832 starb.
Dr. F. S. Gaßner: Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Hand-Ausgabe in einem Bande. Stuttgart, 1849.
Spitzeder (Joseph), Sänger beim Königstädter Theater zu Berlin. Geboren 1795 zu Bonn, wo sein Vater Bassist war. Joseph spielte bereits in früher Jugend in Kinderkomödien, die in Weimar in höhern Zirkeln aufgeführt wurden, kam später nach Bamberg und Nürnberg zum Theater, und ward 1818 beim Theater an der Wien zu Wien engagirt, wo er zuerst als Papageno auftrat und noch den Unterricht Weigl’s erhielt. Seine Glanzperiode beginnt mit seinem Engagement beim Königstädter Theater zu Berlin, wo er den 4. August 1824 als Istock (Ochsenmenuett) mit ausserordentlichem Beifalle debütirte, und auch bis zu seinem Abgange der Liebling des Publikums blieb. Seine vorzüglichsten Rollen in Berlin waren:
1824: Istock (Ochsenmenuett); Roms (d. heimliche Ehe); Stössel (Apotheker und Doktor); Rund (d. Dorfbarbier); Freidum (Fee aus Frankreich); Hyron. Knicker (Op. gl. N.); Sachini (d. Sänger u. d. Schneider); Thaddäus (Theodor).
1825: Lapalius (d. Uniform); Nitsche (d. rothe Käppchen); Wastel (Tyroler Wastel); Olivier (d. Rosenmädchen); Caspar (d. lustige Beilager); Barthel (Fest d. Winzer); Thaddäus (d. Italienerin in Algier); Fierepansen (d. Rosenhütchen); Wilhelm (d. Schnee); Magnifico (Aschenbrödel); Alfonzo (Mädchentreue); Olivier (d. Rosenmädchen); Pan Prodins (d. Rückkehr des Kosacken); Borthal (Rochus Pumpernickel); Briquet (Sieben Mädchen in Uniform).
1826: Goronio (d. Türke in Italien); Tita (Lilla); Betaille (Sargines); Scherasmin (Oberon); Emanuel (Roland’s Knappen); Hans Molkus (d. Wildfang); Bruno (d. Gasthof zum goldenen Löwen); Hahn (d. Schatzgräber).
1827: Amtmann (Ioconde); Kapellmeister (d. Corsar aus Liebe); Baptiste (d. Maurer); Macrobio (d. Probierstein); Isidoro (Corradino); Braudel (d. lustige Schuster); Petroff (d. liebenswürdige Alte); Schulmeister (d. Dorf im Gebirge).
1828: Pictro (Fiorella); Krebs (die Schwestern v. Prag); Coop (Jugendjahre Heinr. V.); Amtmann (Nachtigall u Rabe); Philipp Rüstig (d. l00jähr. Greis).
1829: Saldorf (d. Braut); Flambeau (Graf Ory); Georg (Torwaldo u. Dorliska); Simon (d. unruhige Nachbarschaft).
1830: Florbach (Dichter u. Tonsetzer); Florian (d. Diamant des Geisterkönigs); Jakemann (die 2 Nächte); Podesta (d. diebische Elster); Wurzel (d. Bauer als Millionär); Kockburn (Fra Diavolo); Faber (Gulistan); Pfau (d. Brief an sich selbst).
1831: Olearius (Brautschau auf Kronstein); Bellarosa (d. reisenden Operisten); Gamautte (Marg. v. Anjou); Christoph (Lindane); Wachtelpeter (d. Bernsteinring).
1832: Michael (die Macht kindlicher Liebe); Bartolo (der Barbier von Sevilla, v. Rossini) etc.
Im Jahre 1832 verliess er das Königstädter Theater, mit dessen Direction er in der letzten Zelt in Uneinigkeit gerathen war, auch einen Federkrieg in den Zeitungen mit derselben führte. Von Berlin ging er nach München, wo er jedoch bereits am 13. December 1832 starb. Spitzeder gilt allgemein für den grössten Buffosänger Deutschlands, er besass eine herrliche Bassstimme, von bedeutendem Umfange (Contra C bis zum hohen E), die mit schönem metallreichem Klang Kraft und Biegsamkeit verband. Sein Spiel war vortrefflich und sein Humor unerschöpflich. Obgleich er in komischen Opern bis jetzt noch nicht wieder ersetzt ist, so eignete er sich doch durchaus nicht zum Vortrage ernster Gesänge, und bei einem Kirchenconcerte, wo er mitwirkte, missfiel er. Sein Bild lith. v. Werner. Berlin, Gropius; ferner als »Aschenmann«; (Bauer als Millionär); als Isidor (Corradino), in Saphir’s Berliner Theater-Almanach auf 1828.
Carl Freiherr von Ledebur: Tonkünstler-Lexicon Berlin’s von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Berlin, 1861.
Spitzeder Josef, geb. 1796, war der Sohn eines Sängerpaares. (Sein Vater J. B. Spitzeder war ebenfalls ein sehr bekannter Bassist, dessen Name in der Theaterwelt einen sehr guten Klang hatte. Derselbe war 1769 geboren, wurde 1789 Mitglied des kurfürstlichen Nationaltheaters in Bonn, wirkte später als Bassist in Kassel »in ersten ernsthaften Baßrollen in der Oper«, und debütierte hierauf am 27. März 1799 (als »Osmin« in »Entführung«) auf Engagement in Weimar und blieb daselbst bis zum 22. Januar 1804 um ein Engagement in Wien anzunehmen, was er jedoch später bitter bereute.) Sp. widmete sich aus Neigung ebenfalls der theatralischen Laufbahn und betrat als Schauspieler die Bühne. Man entdeckte jedoch sehr bald seine herrliche Stimme, die er in Hamburg ausbilden ließ. Er nahm zuerst in Wien Engagement (empfing dort Gesangsunterricht beim Hofkapellmeister Weigl) und erregte sowohl in komischen wie in Baßbuffopartien Aufsehen. Von dort kam er an das Königstädtsche Theater nach Berlin. Hier gefiel er besonders als »Papageno« in der »Zauberflöte«. Seine unversiegbare Laune, seine selten schöne Stimme, sowie sein mimisches Talent machten ihn bald zum erklärten Liebling der Berliner. C. L. Costenoble notiert über Sp. am 15. Mai 1823 in seinen »Tagebuchblättern«: »Spitzeder adressierte alle seine Monologe, zu meinem Ärger, an das Publikum, er scheint keinen Begriff davon zu haben, daß jeder Schauspieler sich eine Scheidewand zwischen Bühne und Parterre denken muß. Das ist um so bedauernswürdiger als Spitzeder einen ungeheuren Reichtum komischer Laune in sich trägt.« Am 15. September 1832 erhielt der nun schon berühmte Baßbuffo einen Ruf ans Münchner Hoftheater. Seiner dortigen bevorzugten Stellung konnte er sich jedoch nicht lange erfreuen, denn am 13. Dezember des genannten Jahres verschied er daselbst. Kaum hatten die Münchner Sp., diesen prächtigen Bassisten gewonnen, mußten sie schon seinen Verlust beklagen. Die deutsche Bühne besaß in ihm einen der besten Baßbuffosänger.
Sp. war zweimal verheiratet. Das erste Mal mit Henriette Schüler. Seine zweite Frau war Betty Spitzeder.
Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert. Leipzig, 1903.