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Ernst Riepolt
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Maria Riepolt
geb. Weigl
1858 – 1936
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* 28.3.1800 (Nürnberg)
† 23.8.1832 (München), Tod durch Jagdunfall
Zoologe
II. Vermischte Nachrichten.
(Nekrolog.) Dr. J. G. Wagler hieß der als Mensch, wie als Gelehrter ausgezeichnete Naturforscher, den jetzt ein stilles Grab bedeckt. Wagler, schon von frühester Jugend besondere Geistesanlagen und Geistesthätigkeiten verrathend, bereicherte sich schnell mit den schönsten Schätzen moralischer und intellektueller Ausbildung, so daß er schon in seinem 19ten Jahre als Assistent und später als Adjunkt der k. Akademie dahier beigegeben, und nach mehreren wissenschaftlichen Reisen durch Europa bei Verlegung der Universität nach München daselbst als außerordentlicher Professor der Zoologie angestellt und als Mitglied mehrerer gelehrten Gesellschaften anerkannt wurde. Aber wo die Freude am unschuldigsten winkt, waltet die Gefahr oft am drohendsten, und so hat leider die eiserne Hand des Schicksals zu frühe in die Lebenssaiten Waglers eingegriffen. Es war im Dorfe Moosach, wo Wagler am 15. d. in Begleitung seiner liebenden und geliebten Gattin sich dem Jagdvergnügen hingab, und durch das verunglückte Losschlagen eines Schießgewehres nach einem neuntägigen Krankenlager sein theueres Leben verlor. Er soll bei wachsender Gefahr dringend gebeten haben, ihm den Arm abzunehmen, damit sein Leben ihm und der Familie gerettet würde; warum es nicht geschah, ist uns nicht bekannt. Wenn seine Freunde einen geehrten Biedermann, seine Schüler einen hochgestellten Lehrer, und die gelehrte Welt einen thätig forschenden Mann verloren, um wie viel schmerzlicher muß der Verlust um ihn seine Gattin und seine Brüder, die von weiter Ferne kamen, und seine Angehörigen überwältigen, denen er mit aller Gluth seiner Seele und mit aller Innigkeit seiner Gefühle ergeben war. Der höchsten Vollkommenheit, der Dr. Wagler während seiner schön bezeichneten edelbenützten Tage immer eifriger zugestrebt, ist er jetzt anheim gegeben, dort in jener höchsten Himmelsstätte, von wo die Sterne des ewigen Lichtes tröstend auf uns herableuchten, und wo sich die irdischen Nebel des Wissens und der Liebe in lauterster Verklärung lösen. Dr. Wagler hinterließ uns mehrere Werke als hochgeschätztes immerbleibendes Andenken an seinen verklärten Geist, aus denen der Saame des Wissens auf viele studierende Geister empfänglich übergehen und neue Blüthen entwickeln wird. Wagler starb in seinem 32sten Jahre, tief betrauert von Allen, die ihn kannten. Die Sonne seines Sommers ist untergegangen, aber durch düstre Grabesnacht lächelt das Morgenroth der ewigen Lust. Er wurde am Sonnabend zur Erde bestattet; die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften, die Herren Universitäts-Professoren im Ornate, und zahlreiche Freunde folgten trauernd dem Leichenzuge; herzliche Grabreden lockten Thränen in viele Augen. – Se. Hochw. Herr Pfarrer Beck und der Naturforscher Hr. Dr. Joh. Gistl, hielten ergreifende Gedächtnißreden. Der Vorfall wegen der Armverletzung des Hrn. Prof. Dr. Wagler ist kürzlich dieser: Am Maria Himmelfahrtstage waren in dem Fasanerie-Häuschen, dicht bei dem Dorfe Moosach, (1½ Stunden von München) einige Gäste versammelt, um sich da gütlich zu thun, worunter Wagler nebst Familie und drei andere Gäste, welche nicht zu Waglers Gesellschaft gehörten. Mittlerweile entspann sich ein heftiger Streit unter letztern drei Gästen, eine besoffene Mette, die hauptsächlich von einem Schlemmer herrührte. Ein sehr beleidigtes Individuum war im Hergange des Streites, um allen Gemeinheiten auszuweichen, in ein anderes Zimmer gegangen und hatte die Thüre hinter sich zugemacht. Da öffnete der Betrunkene die Thüre und drohte unter höchst beleidigenden Ausdrücken, den Herrn hinauszuwerfen. Dieser, durch die ehrenrührischen Schimpfworte auf das Höchste gereizt, griff nach einer, an der Wand hängenden, Flinte und drohte, den Elenden zu erschießen. Jener that das Nämliche, und Beide hätten sich in der Hitze ohne Zweifel das Leben genommen, wäre nicht Wagler als freundlicher Vermittler zwischen Beide getreten. Er nahm Beiden die Gewehre ab und versteckte sie in der Fasanerie in eine Dornenstaude, jedes fernere Unglück zu verhüten. Zufällig endigte sich der ganze Streit und die Opponenten verließen das Fasanerie-Häuschen. Wagler ging nun mit einem Jägerburschen hinaus, um die Flinten wieder zu holen. Er wollte die eine, mit Hühnerschroten geladene, aus der Staude ziehen und faßte selbe mit der rechten Hand vorne an der Mündung des Laufes, der Hahn des Perkussionsgewehres blieb wahrscheinlich an einem Dorn hängen, der Schuß ging los und Hrn. Prof. Wagler gerade in den Unter- und Oberarm. Wagler ging unter ungeheurem Blutverluste noch bis zur Thüre der Fasanerie, eine lange Strecke, dann stürzte er wie ohnmächtig zu Boden, gerade auf seinen durchschossenen Arm. Da lag der unglückliche Gelehrte unter furchtbaren Schmerzen im Fasanerie-Häuschen, bis der Tod seinen Qualen ein Ende machte.
(Münchn. Conv. Bl.)
Bayerischer National-Korrespondent Nr. 70. Samstag, den 1. September 1832.
Wagler: Johann Georg W. wurde am 28. März 1800 in Nürnberg geboren. Schon als Kind zeigte er große Liebe für die Natur und beschäftigte sich in seiner freien Zeit mit dem Sammeln der verschiedensten Naturgegenstände. Nachdem er das Gymnasium seiner Vaterstadt absolvirt hatte, bezog er die Universität Erlangen, um seiner Neigung folgend Medicin und Naturwissenschaften zu studiren. Nach seiner Promotion zum Doctor der Philosophie und Medicin wurde er 1819 Assistent an dem zoologischen Museum in München. In dieser Stellung veröffentlichte er sein erstes größeres Werk, eine Beschreibung der von J. v. Spix in Brasilien gesammelten Amphibien mit diesem zusammen: »Serpentium brasilianarum icones et descriptiones« (München 1824). Als Anerkennung wurde er zum Mitgliede der königlichen Akademie der Wissenschaften ernannt. Im J. 1825 unternahm W. im Auftrage des Königs Maximilian von Baiern eine wissenschaftliche Reise nach Frankreich, England und den Niederlanden. Nach seiner Rückkehr wurde er 1827 zum Professor der Zoologie in München ernannt und veröffentlichte bald darauf: »Systema avium« (Stuttgart 1827). Bedeutender waren seine Werke über die Amphibien: »Natürliches System der Amphibien« (Stuttgart 1830) und »Icones et descriptiones amphibiorum« (Stuttgart 1831). Sein System der Amphibien vereinigt die Reptilien und Amphibien, trennt die Krokodille von den Eidechsen, erkennt jedoch noch nicht den Zusammenhang der Blindschleichen mit den Eidechsen, sondern führt erstere als eigene Ordnung auf. Von seinen Werken ist noch zu nennen: »Monographia Psittacorum«, welche in den Denkschriften der Münchener Akademie 1832 erschien. Kleinere Aufsätze finden sich im Ausland und der Isis. W. war ein tüchtiger Herpetologe und Systematiker. Leider wurde er der Wissenschaft zu früh entrissen. Er starb am 23. August 1832 in seinem 32 Lebensjahr an einer Schußwunde, die er durch eigene Unvorsichtigkeit erhalten hatte.
W. Heß.
W. Heß: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1896.