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Hier ruhen
Alois Tambosi
geb. ¿
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Tambosi, Alois; – 28.8.1872 (München), 75 Jahre alt; Rentner
Tambosi, Alois; 1768 (Roveredo) – 17.11.1832 (München); Cafetier
Tambosi, Isabella; – 5.11.1866 (München), 65 Jahre alt; Privatiere
Tambosi, Josef; – 29.3.1872 (München), 77 Jahre alt; Pensionierter Hofkellermeister
Tambosi, Kajetan; – 25.9.1867 (München), 55 Jahre alt; Cafetier und Zuckerbäcker
Tambosi, Karolina; – 12.12.1865 (München), 60 Jahre alt; Privatiers-Tochter
Tambosi, Leopoldina (vw); – (19).6.1839 (München), 59 Jahre alt; Cafetiers-Witwe
Tambosi, Leopoldine; – (16).2.1856 (München), 9 Jahre alt; Privatiers-Tochter
Tambosi, Leopoldine (vw) / Augustini, de (gb); – (19).6.1839 (München); Cafetiers-Witwe
Tambosi, Luise; – (30).6.1852 (München), 36 Jahre alt; Cafetiers-Tochter
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* 1768 (Roveredo)
† 1832 (München)
Cafetier
»Quid hic statis otiosi?«
»Warum sitzt ihr denn nicht beim Tambosi?«
Tambosi ist der einzige öffentliche Mann in Neu-Athen; bei Tambosi ist das einzige öffentliche Leben Neuathens; um Tambosi dreht sich die ganze Lustwandlung Neuathens; in Tambosi raucht ganz Neu-Athen; zu Tambosi bestellt sich ganz Neu-Athen; von Tambosi holen die Neuathenieuser ihre Glut und die Neu-Athenieuserinnen ihr Eis; kurz Tambosi ist unser Akropolis, unser Parthenon, unser Pantheon, unser Lyceum, unser Ceramikus. Vor Tambosi sind unsere Propyläen, vor Tambosi gehen unsere Peripatetiker auf und ab, kurz es fehlte uns nicht als die Oelbäume, und – die Philosophen und Stoiker. Indessen wenn man keine Oelbäume hat so thuens auch wilde Kastanienbäume, wenn man keine Philosophen sieht, so sieht man doch Hömorrhoidal-Leidende die doch immer etwas Philosophisches an sich haben, und wenn auch keine Stoiker, so sieht man doch Kindermädchen und Gensdarms die beide zu stoischen Gedanken Anlaß geben.
Tambosi ist unser Mittel- und Schwerpunkt – zu ihm strebt die Naturkraft der Dinge; ohne Tambosi fänden sich in Neuathen nicht zwei Menschen zusammen; ohne Tambosi würden wir in Neuathen vergessen ob denn der Mensch wirklich wie Rouseau, nicht der Erredakteur der Münchner polit. Zeitung, sondern Joh. Gabbes Rousseau sagt, wirklich eine gesellige Bestie ist; ohne Tambosi wüßten 10,000 Neuathenieuser nicht was die andern Neuathenieuser eigentlich für Sprache reden, ob rein Haidhausisch oder rein Neuathenisch; Tambosi mit seinem Kaffee ist eigentlich unser Mocca-Mecca; kurz ohne Tambosi wäre das Leben in Neu-Athen nur ein halbes Leben; Tambosi ist der eigentliche Gott Neuathens denn es hängt nur von ihm ab Frühling zu machen, sobald Tambosi seine grünen Nationalbänke, d. h. seine Bänke die er der Sitzsamkeit der Nation Preis giebt, in den Hofgarten setzt, wird Frühling! Kaum setzt Hr. Tambosi seine Bänke unter die Bäume, da kommen die als Spatzen bescheiden maskirte Nachtigallen, die als wilde Kastanien maskirte Olivenbäume; die als Ammen maskirten Dryaden und Harrmadryaden und die als Betteljungen maskirten Oreaden.
Vor Tambosi ist um vier Wochen früher Frühling als in ganz Neuathen; die Bäume und die Kindermädchen blühen das viel früher, obwohl die letzten da seltner uns später ausschlagen als die erstern; und ich glaube Tambosi hat immer ein Stückchen Frühling vom vorigen Jahr in den Eiskeller gelegt, und präsentirt ihn vier Wochen früher seinen Gästen im Hofgarten.
M. G. Saphir: National-Bank-Adresse an Herrn Tambosi. Conversationsblatt für Deutschland und Bayern No. 61. München; Mittwoch, den 12. März 1834.
Ich schlug ihm vor, zu Tambosi zu fahren. »Tambosi, mein Herr Komet, ist der Rothschild unserer Conditors, Caffetiers und Chokoladiers. Sie finden hier alle Journale, die ausgenommen, welche fehlen. Ein Blatt, das in München erscheint und nicht bei Tambosi zu finden ist, wird sich nicht lange halten können. Es gibt keinen zweiten Ort in München, der tagtäglich ein so großes Publikum bei sich sieht, als Tambosi. Hier ist es, wo man, und zwar noch brühheiß, die neuesten Nachrichten des In- und Auslandes erfährt. Was die allgemeine Zeitung morgen bringt, das weiß man heute schon bei Tambosi. Um 11 Uhr 25 Minuten kommt in München eine berühmte Sängerin oder eine berüchtigte Tänzerin an, um 11 Uhr 26 Minuten weiß man es bei Tambosi. Um 12 Uhr 3 Minuten stirbt eine angesehene Person, um 12 Uhr 4 Minuten weiß man bei Tambosi, welche Farbe der letzte Hauch des Verstorbenen hatte. Ist Jemand Nachts um 1 Uhr durchgegangen, so weiß man es Morgens 7 Uhr bei Tambosi; ja, man weiß sogar schon, wie viele Kinder, wie viel Prozesse und wie viel Schulden er hinterlassen hat. Mit einem Wort: bei Tambosi erfährt man Alles.«
Münchner-Augsburger Figaro. Probeblatt. No. 10. Mittwoch, den 4. April 1838.
Wer die Eleganz der französischen oder Wiener Lokale hier suchen wollte, irrte sich. Nur Eines macht den Anspruch, in diesem Sinne fashionable zu seyn: Tambosi unter den Arkaden am Eingang des Hofgartens. Dieß ist ein von künstlerischer Hand geschmücktes Café mit allen begehrten Vorzügen. Tambosi ist das Gesellschaftshaus der jungen Leute. Dort kannst Du die ausgezeichnetsten Schauspieler und Musiker, die vorzüglichsten Maler, Literatoren, Studenten, vornehme Offiziere, interessante Fremde, die besten Karten- und Billardspieler kennen lernen. Es wird viel gespielt und kritisirt bei Tambosi. Der Ton ist frei und anständig. Aber auch flotte Burschen und schlechte Zahler fehlen nicht. Man kann gewiß seyn, jeden Abentheurer, der nach München kommt, bei Tambosi zu sehen. Vor dem Buffet unter den Kastanienbäumen des Hofgartens, wo nicht geraucht werden darf, stehen grüne Tischchen für die schöne Welt, und sie sind vorzugsweise an Sonn- oder Festtagen, so wie an Mittwochen Abends bei der vom Mai an stattfindenden Militärmusik zahlreich besetzt. (An den Sonnabenden findet dieselbe am chinesischen Thurme im Englischen Garten statt.) Tambosi hat auch eine Chocoladefabrik; aber berühmter ist die von Mayerhofer und die Saitini-Babellische.
Sebastian Franz von Daxenberger: Münchener Hundert und Eins. München, 1840.