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24 – 1 – 1·2 (Müller · Juri·Johannes · Miranha·Isabella)

Ω

Dr. Ludwig August von Müller
k. Staatsrath i. o. D. u. Staatsminister
des Innern für Kirchen-
und Schulangelegenheiten,
geb.19. August 1846, gest. 24. März 1895.
Dr. Wilhelm Müller
k. b. Oberstabsarzt a. D.
geb. 1. September 1839, gest. 16. April 1913.
Marie von Müller
geb. von Burchtorff – Staatsministerswitwe
geb. 8. September 1857, gest. 1. Juli 1933.
Albert von Müller
Archivvorstand
der Münchener Neuesten Nachrichten
Hauptmann d. R.
geb. 18. März 1888 in München
† 20. Oktober 1941 an der Ostfront.

R. I. P.

A. Lallinger.

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Juri/Johannes

* (Brasilien)
† 14.6.1821 (München), Opfer von Verschleppung
Kind aus Brasilien

Miranha/Isabella

* (Brasilien)
† 22.5.1822 (München), Opfer von Verschleppung
Kind aus Brasilien

Münchener Politische Zeitung (11.12.1820)

Miszellen.

München, den 10. Dezbr. Vorgestern sind endlich nach einer vierjährigen Abwesenheit die beiden Mitglieder der hiesigen Akademie der Wissenschaften, die Hrn. Doktoren Spix und Martius, nach vielfach bestandenen Mühen und Gefahren von ihrer brasilianischen Reise wieder dahier eingetroffen. Sie brachten zwey junge Wilde, beyderley Geschlechtes, mit sich.

Nach Aussage dieser beyden Reisenden sollen die Kinderblattern in den von ihnen besuchten amerikanischen Gegenden die größten Verheerungen anrichten. Es konnte bis jetzt den Bemühungen der brasil. Regierung noch nicht gelingen, den Gebrauch der Kuhpocken daselbst einzuführen. Die Wilden, unter welchen die Hrn. Spix und Martius einige Monate lebten, haben eine so harte Haut, daß die Blattern gar nicht recht herausbrechen können, daher dann die Blattern-Feuchtigkeit die innern Organe verstopft und die Unglücklichen, welche auf diese Weise zu Tausenden umkommen, erstickt.

Da wir die beyden Wilden, welche diese Herrn mitbrachten, noch nicht gesehen, so theilen wir unsern Lesern folgende Beschreibung derselben aus dem Journal de Paris vom 3. Dezbr. mit: Diese Wilden, heißt es daselbst, gehören ganz verschiedenartigen Völkerschaften an. Die des jungen Mädchens ist eine menschenfressende. Der junge Indier ist aus der Familie des Oberhauptes einer Horde, welche sich schon mehr den europäischen Besitzungen nähert. Beyde jungen Indier sind klein von Wuchs und kupferbraun; sie haben schwarze, rauhe, flatternde Haare; ihr ganzer Körperbau ist sehr materiel; ihre Gesichtszüge sind ohne Ausdruck; sie verhalten sich gleichgültig gegen alles, was sie sehen; für die Kälte sind sie äußerst empfindlich. Das junge Mädchen hat die Nasenlöcher auf beyden Seiten durchstochen, um Ringe daran hängen zu können; der Knabe hat die Lippen rings herum schwarz tatowirt.

Münchener Politische Zeitung Nro. 293. Montag, den 11. Dezember 1820.

Münchener Politische Zeitung (12.12.1820)

Miszellen.

München, den 11. Dezbr. Die Herren Akademiker Spix und Martius, welche 1817 im Gefolge der Erzherzogin Leopoldine nach Brasilien kamen, haben über zwey Jahre lang das Innere des unermeßlichen Landes, besonders die Gegenden am Amazonenstrome durchreist. Schon sind mehrere ihrer Sammlungen aus allen Fächern der Naturgeschichte in Europa angekommen und hier ausgestellt; die letzte und reichste, welche aus mehr als vierzig Kisten besieht, ist kürzlich von Lissabon zur See nach Triest abgegangen.

So wie gestern nach dem Gasthof zum goldenen Hahn, wo unsere glücklich zurückgekehrten brasilianischen Reisenden ihr Absteigquartier nahmen, begab sich heute eine große Menge der hiesigen Einwohner nach der ihnen im königlichen Max-Palais angewisenen Wohnung, wo sich beyde jungen Indianer befinden, zu denen, aus Gefälligkeit der Herren Doktoren Spix und Martius, der Zutritt Jedermann bisher gestattet war.

Wir müssen gestehen, daß die in unserer gestrigen Zeitung aus dem Journal de Paris mitgetheilte Beschreibung der beyden Indianer einiger Berichtigung bedarf. Was ihren Wuchs betrifft, so ist der Knabe, der höchstens 12 Jahre alt seyn kann und der Sohn eines im Gefechte umgekommenen Anführers einer indianischen Horde seyn soll, artig gewachsen, obgleich nicht sehr groß; die Farbe ist nicht kupferbraun, sondern mehr schwarzgelb; er ist nichts weniger als stumpfsinnig; sein Körper, zwar nicht rüstig und äußerlich stark, läßt auf Gewandtheit und Leichtigkeit bey freyer Natur-Ausbildung schließen; sein Gesicht drückt großen Hang zur Lebhaftigkeit aus. Er sieht sehr zufrieden aus, wenn man ihm Aufmerksamkeit bezeigt, aber wer es weiß, daß die Wilden selbst eine von unsrer Bedeutung der Gebehrden ganz verschiedene mimische Sprache haben, wird billig genug seyn, ein passives Verhalten in einer so isolirten Lage nicht für Stupidität zu halten. Seine Gesichtsbildung ist angenehm, nur der Umstand, daß er um den Mund herum eine sehr breite tatowirte Einfassung hat, gibt ihm natürlich ein seltsames, aber nicht zurückstoßendes Aussehen.

Das Mädchen sieht nicht so gut aus, es gleicht mehr einem blöden Kinde, das in seiner Entwickelung etwas zurückgeblieben ist. Es saß still und beynahe bewegungslos an einem Tische. Ueber seine Fähigkeiten kann, so wie über die des Knaben, der oft in ganz artigen Stellungen frey stand oder sich an das Tischchen lehnte, erst dann richtig beobachtet werden, wenn beyde sich mehr einheimisch unter uns fühlen und durch allmähliche Kenntniß der Sprache einiger Verkehr mit ihnen ausgemittelt ist.

Die Herrn Doktoren Spix und Martius haben sechs solcher Geschöpfe mit in ihr Vaterland herausbringen wollen, aber vier sind ihnen auf der Reise gestorben.

Der Knabe ist nach Art der baierischen Husaren gekleidet und seine Haare sind abgestutzt; das Mädchen trägt ein blaues weibliches Kleid und hat schwarze, flach herabfallende Haare.

Münchener Politische Zeitung Nro. 294. Dienstag, den 12. Dezember 1820.

Münchener Politische Zeitung (20.12.1820)

Von den beyden Indianern, welche die Herrn Akademiker Spix und Martius aus Brasilien hieher brachten, erzählt man, daß der Knabe die größte Abneigung gegen das Mädchen bezeige, weil er weiß, daß sie von dem Stamme der Wilden ist, welche seinen Vater im Kampfe getödtet und aufgezehrt haben.

Die Kälte bekommt beyden nicht gut; der Knabe wurde in den letzten Tagen von einer heftigen Brustentzündung befallen und schien fast verloren. Er befindet sich jezt, nachdem man ihn fünfmal zur Ader gelassen, etwas besser. Das Mädchen soll etwas den Husten haben und immer so nahe als möglich am Ofen verweilen, um sich hinlänglich zu wärmen Sie heißt Isabella und der Knabe Youry. Sie hat kürzlich die ersten Versuche im Nähen gemacht.

Münchener Politische Zeitung Nro. 301. Mittwoch, den 20. Dezember 1820.

Eos (23.1.1821)

Miszellen.

München. Die zwey jungen Indianer, Juri und Isabelle, welche die beyden Akademiker, Dr. v. Spix und Dr. v. Martius aus Brasilien mit sich nach München führten, haben bald nach ihrer Ankunft daselbst durch den Einfluß des Klimas und einer höchst ungünstigen Witterung sehr gelitten. Isabelle wurde zuerst von einem heftigen Husten mit Fieber befallen; einige angewendete Medikamente jedoch und das wärmer Halten derselben brachten sie bald wieder auf dem Wege zur Beßerung, so daß sie gegenwärtig sich wohl befindet, und nur noch ein trockener Husten zu Zeiten sich einstellt. Während ihrer Krankheit betrug sie sich kalt gegen ihre Umgebungen, gleichgültig gegen das, was man für sie that, und überhaupt im hohen Grade gefühllos. Juri nahm an ihrem Zustand wenig Antheil. Isabelle ist von einem Indierstamme, der aus Menschenfressern besteht, Juri aber aus einem Stamme, welcher mehr den Weißen dient.

Kaum als Isabellens Gesundheit sich zu bessern begann, erkrankte Juri, und die Brustkrankheit, welche ihn befiel, stieg bis zu einem Grade, daß man für sein Leben fürchtete. Eine heftige Entzündung stellte sich ein, und veranlaßte die Aerzte, ihm neunmal zur Ader zu lassen. Die größte Heftigkeit des Fiebers ist zwar vorüber, aber doch leidet Juri noch stark an Husten, verbunden mit einem leichten Fieber, so daß man die Krankheit und ihre Folgen noch nicht ganz als beseitigt betrachten kann. Als man ihm das erstemal die Ader öffnete, wurde ihm vorher eine Haube, die er auf dem Kopfe trug, über die Augen gezogen, damit die Operation vorübergieng, ohne daß er sie sah. Später, da er dieselbe mit angesehen hatte, und der Akt der Aderöffnung ihm zu oft wiederholt wurde, fieng er an, über das Benehmen der Aerzte Bedenken zu tragen, und äußerte den Verdacht, daß die Europäer wohl die Absicht haben möchten, ihm das Blut abzuzapfen, und so allmählig aus dem Leben zu schaffen; aber die Vorstellungen der beyden Akademiker, zu denen er großes Vertrauen hegt, und denen er sich in portugiesischer Sprache verständig zu machen im Stande ist, dann die große Sorgfalt, die man, wie er wohl sah, für ihn anwendete, und überhaupt das Benehmen seiner Umgebungen, vorzüglich aber das Gefühl des Besserwerdens flößten ihm Muth und Vertrauen ein. Zuletzt hielt er den Arm bey jeder Aderlässe ruhig hin, und wandte nur das Gesicht weg, um das Blut nicht laufen zu sehen. Anfangs benahm er sich etwas heftig und wild, aber bald wurde sein Betragen ruhig und freundlich, so daß ihn alle, die um ihn waren, liebgewanen. Isabelle nahm an ihm wenig Antheil, und war bey seiner Krankheit ganz gleichgültig. Indeß fangt auch diese junge Indianerinn an, an ihren Umgebungen, an kleinen ökonomischen Gegenständen und überhaupt an dem, was sie bey uns sieht und hört, Geschmack zu finden.

(Die Fortsetzung folgt.)

Eos Nr. 7. Zeitschrift zur Erheiterung und Belehrung. Dienstag, den 23. Januar 1821.

Eos (25.1.1821)

(Beschluß.)

München. Isaballe versteht Einiges von der Portugiesischen Sprache. Durch die Großmuth Sr. Majestät des Königs und Ihrer Majestät der Königin werden die beyden jungen Indianer mit Allem, was sie bedürfen, vollständig versehen, und durchaus erhalten. Viele Freude verursachen dem Knaben, wie dem Mädchen, große, vollkommen gekleidere Pupen, von denen beyde noch jetzt nicht verstehen können, daß dieselben leblos seyn. Man hört sie oft in vollem Ernste behaupten, daß sie leben.

Uebrigens sind die Charaktere der beyden Indianer sehr verschieden, so wie ihr Aeußeres. Isabelle ist von Gesicht und am Körperbau häßlich, Juri entgegen wohlgebaut mit einer nicht unangenehmen Gesichtsbildung; sie hat ein breites Gesicht mit tief liegenden Augen, und schwarze Haare, wie starke Roßhaare, er ein weniger breites Gesicht und hübsche schwarze Augen mit freundlichen Blicken; sie ist entstellt durch ihre durchlöcherte Nase, in welcher die Indianer Ringe und andere Kleinigkeiten zu hängen pflegen, er durch die Tatowirung ringsum den Mund in ansehnlicher Breite.

Isabella von einem der rohesten Urstämme der Indianer entsprossen, hat viele natürliche Anlagen und großen Scharfsinn, dabey wenig Gutmüthigkeit, vielen Widerwillen und immer etwas Unfreundliches, weßwegen dann Ernst bei ihr oftmals nöthig wird. Kleine weibliche Eitelkeiten fehlen bey ihr nicht.

Juri zeigt, daß sein Volksstamm in mehr Berührung mit den Weißen lebt. Er hat Verstand, dabey viel Gutmüthiges und äußert öfter ein Wohlwollen gegen seine Umgebungen, das bey Isabellen fremde ist. Seine Miene ist offen, auch spricht er mehr als Isabelle. Beyde haben jedoch das zusammen gemein, daß aus ihrem Benehmen unverkennbare Züge von Habsucht hervorgehen, und daß sie unter andern nicht zu bewegen sind, von dem, was sie als ihr Eigenthum erkennen, auch nur das Geringste wegzugeben. So soll Isabelle vorzüglich deßwegen an der Leinewand, welche Ihre Majestät die Königin ihr zu schenken geruhte, so fleißig arbeiten, weil sie weiß, daß das, was sie hieraus bildet, ihr Eigenthum ist.

Beyde fangen an, sich europäische Sitten und Gewohnheiten anzueignen, wohl behagt ihnen bereits Tisch und Bett. In ihnen erheben sich bereits einzelne Gefühle, die ihnen sonst ganz fremde waren. So konnte unter andern Isabelle, der Sprößling eines Volksstammes, welcher bis auf kleine Leibgürtel ganz nackt geht, vor Kurzem nur mit Mühe überredet werden, sich zu entkleiden, und dem Maler zum Modelle zu dienen, nach welchem in der Reisebeschreibung der beyden Akademiker v. Spix und von Martius einige Indierstämme abgezeichnet erscheinen werden. Ueberhaupt ist das Thun und Handeln der beyden Indianer in psychologischer Hinsicht sehr merkwürdig, und wir werden daher später in dieser Beziehung einen ausführlichen Aufsatz unsern Lesern mittheilen, welcher uns bereits durch Hrn. v. Spix und von Martius gütigst zugesichert worden ist.

Eos Nr. 8. Zeitschrift zur Erheiterung und Belehrung. Donnerstag, den 25. Januar 1821.

Eos (14.6.1821)

Am Sonntag den 11. d. M. Abends um 6 Uhr starb hier der junge Indianer Johann Jury, welchen die beyden Akademiker Dr. v. Spix und v. Martius aus der Gefangenschaft in Brassilien erlöst, und hieher gebracht hatten, an den Folgen einer kronischen Lungen-Entzündung und Lungen-Vereiterung, welche vorzüglich durch die seinem Organism fremdartigen Reitze des hiesigen Klimas hervorgebracht wurden.

Man fand bey der Sektion die Lunge ganz vereitert. Er hatte eine langdauernde Krankheit mit vieler Ruhe ertragen, wie er überhaupt einen sehr milden Charakter immer bewiesen hatte. Sanft, wie er im Leben war, ist er auch entschlafen. Von seinem Kopfe wurde ein Wachs-Abdruck genommen, welcher nun in Gyps wird abgebildet werden.

Das Mädchen Isabella befindet sich sehr wohl, und macht täglich Fortschritte in den Sprachen und der Bildung der Europäer. An dem 14. d. M war es genau ein Jahr, daß sich die beyden Indier mit den Akademikern an der brasilianischen Küste eingeschifft hatten.

Eos Nr. 48. Zeitschrift zur Erheiterung und Belehrung. Donnerstag, den 14. Juni 1821.

Das Inland (21.10.1829)

Auf dem hiesigen Gottesacker sieht man jetzt das Monument errichtet, welche Ihre Majestät die Königin Caroline den dahier gestorbenen brasilianischen Kindern errichten ließ. Beyde, der Knabe und das Mädchen sind aus Erz gebildet, in der Tracht ihres Stammes. Die Inschrift lautet: »Isabella vom Stamme der Miranhas und Johannes von dem der Juris, gestorben in München MDCCCXXII. Der Heimath entrückt, fanden sie Sorgfalt und Liebe im fernen Welttheil; jedoch unerbittlich des Nordens rauher Winter. Errichtet von Caroline, Königin von Bayern.« Die Kinder liegen entseelt am Boden, ihnen zur Seite bläst der rauhe Boreas, der ihre zarte südliche Lebensblüthe brach.

Das Inland Num. 294. 21. Oktober 1829.

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

In demselben Grab liegen die Brasilianer-Kinder
Juri Johannes († 14. VI. 1821) und Miranha Isabella (22. V. 1822); K. F. Ph. von Martius und J. B. Spix brachten aus ihrer brasilianischen Expedition als lebendige Zeugen des fremden Landes dieses Pärchen nach München; Königin Karoline umgab die indianischen Kinder mit aller Sorge, Juri, dem man den Vornamen Johannes gegeben hatte, kam in die Obhut Herzog Max’, Miranha, die nun der Vorname Isabella zierte, wurde der Hofpfistermeisterswitwe Kreszens Jakobi in der Prannerstraße 16 anvertraut; schon am 23. 1. 1821 mußte »Eos« berichten: Die zwei Indianerkinder haben bald nach ihrer Ankunft in München durch den Einfluß des Klimas und der höchst ungünstigen Witterung sehr gelitten; Isabella wurde zuerst von Fieber und Husten befallen, während ihrer Krankheit betrug sie sich kalt und gleichgültig gegen ihre Umgebung; auch Juri, der ohne Anteilnahme das Siechtum seiner Landsmännin hinnahm, erkrankte fieberhaft; als man ihm einen Aderlaß machte, bekam er vor seinem eigenen Blut Angstzustände, er starb mit 14 Jahren fast ein Jahr vor Miranha, die auch nicht älter als 14jährig werden sollte; auch dieses Grab zeugt von dem traurigen Schicksal des Todes zweier Kinder in fremdem Lande.

© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.

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Dr. jur. Ludwig August von Müller

* 19.8.1846 (Dachau/Obb.)
† 24.3.1895 (München)
Bayerischer Innen- und Kultusminister

Münchener Ratsch-Kathl (2.3.1892)

Unsere Minister

Der Herr Cultusminister Dr. von Müller.

Das ist ein liebenswürdiger Herr lauter Artigkeit und Freundlichkeit. Schon als Polizei-Präsident war er von so einer ausnehmenden Liebenswürdigkeit, daß Jeder selber in unangenehmen Sachen gern mit ihm zu thun g’habt hat. Der Herr Dr. von Müller raucht gern und gute Cigarren und Menschen die gute Cigarren rauchen, sind auch angenehme Gesellschafter und gescheidte Leut’. Das stimmt bei seiner Excellenz. Klugheit und Energie steckt in dem kleinen Mann genug und erst als Minister in der Kammer hat man erkennen können, was für Kraft in dem Herrn steckt. So ist auch seine Red’ zierlich und gewandt, regelrecht und formvollendet. Häufig läßt er den Ton fallen und spricht in einem tiefen Baß, den man in dem schmächtigen Herrn gar net suchen thät’, Gegen End verschluckt er gern die Silben und dann wird er unverständlich. Wenn er einmal in einen heftigen Redekampf kommt, was bis jetzt noch nie der Fall war, so muß das sonderbar werden. In einer Hand hält er faßt immer ein Blatt Papier, mit der anderen spielt er mit der schweren Uhrkette. Er ist sehr redelustig und ergreift immer gleich nach dem Referenten das Wort. Das macht er nämlich schlau. Dadurch schneidet er manchem Abgeordneten die Rede ab. Manchem ist das vielleicht recht; braucht er nt z’reden.

Münchener Ratsch-Kathl. Mittwoch, den 2. März 1892.

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Müller Ludwig August, Dr. jur., von, Ritter, Exzellenz, 1846 (Dachau/Obb.) – 1895, Kabinettssekretär, Polizeipräsident und bayerischer Innen- und Kultusminister; Sohn eines Beamten, besuchte M. die Volksschule in Würzburg, bestand die Reifeprüfung beim Münchner Wilhelms-Gymnasium mit Auszeichnung (goldene Medaille); seine Universitätsstudien vollendete er in München im Maximilianeum, und 1872 trat er nach dem Staatskonkurs in den bayerischen Verwaltungsdienst (Rechtspraktikant bei der Regierung von Oberbayern, Bezirksamtsassessor, Regierungsrat im Innenministerium, Vorstand des Statistischen Büros), bis er unter König Ludwig II. Kabinettssekretär, 1887 Polizeidirektor von München und 1890 als Nachfolger Lutz’ Staatsminister des Innern und für Kirchenangelegenheiten wurde; als Leiter des Statistischen Amts hat er – der Vater des 1964 † Historikers, Universitätsprofessors Dr. Karl Alexander von Müller – u. a. am Zustandekommen des Flurbereinigungsgesetzes und des Landtagswahlgesetzes mitgewirkt; er spielte auch bei der Entmündigung Ludwigs II. eine Rolle, als Polizeidirektor machte er sich durch sein liebenswürdiges und leutseliges Wesen beliebt, seiner Tätigkeit als Innen- und Kultusminister ist die Gehaltsaufbesserung der Geistlichen beider Konfessionen, die Vermehrung der Professuren und Gymnasiallehrerstellen, die Reorganisation des Lehrplans der humanistischen und realistischen Bildungsanstalten und eine neue Prüfungsordnung für das Lehramt u. a. zu verdanken; M. war auch schriftstellerisch tätig (juristische und staatsrechtliche Arbeiten, z. B. über Reichsrecht und Landrecht in Bayern – Hirths Annalen).

© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.



© Reiner Kaltenegger · Gräber des Alten Südfriedhofs München · 2007-2026


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