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Dr. FRIEDRICH ¿ v. HERMANN.
K. B. Staatsrath im ¿dentl. Dienste,
ordl. öffentl. Prof. d. Staatswirthschaft an der Universität München, Vorstand d. K. statistisch.
Bureau u. ordl. Mitglied d. K. Akademie d. Wissenschaften, Comthur d. Verdienstord. d. b. Krone u. v. hl.
Michael, Ritter d. Maximiliansord. d. K. pr. Ord. pour le merite für Wissenschaft u. Kunst, Ritter d. K. russ.
Stanislausord. 2. Cl. m. d. Stern, Comthur d. K. K. österr. Leopoldord. u. Ritter 2. Cl. d. K. K. Ord. d. eisern. Krone, Ritter d. K. pr. roth. Adlerord. 2. Cl. Comthur d. K. sächs. Albrechtord. 2. Cl. Comandeur I. Cl. d.
K. württ. Friedrichsord. Comandeur d. K. ital. S¿ Maurizius ¿ Lazarusord. Offizier d. K. franz. Ord.
d. Ehrenlegion u. d. K. belg. Leopoldord. Ritter d. K. sächs. Civilverdienstord. d. Kais. russischen
Wladimirord. 4. Cl. u. d. K. portug. Christusord.
Geb. d. 5. Dez. 1795. Gest. d. 23. Nov. 1868.
Seine Gattin WILHELMINA v. HERMANN, geb. Rochho¿
Geb. d. 16. April 1810. Gest. d. 16. Februar 1898.
Christus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn.
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Hermann, Friedrich Benedikt Wilhelm von, Dr. jur.; 5.12.1795 (Dinkelsbühl) – 23.11.1868 (München); Staatsrat
Hermann, Maria (vh); – 1886
Hermann, Wilhelmina von (vh) / Rochholz (gb); 16.4.1810 – 16.2.1898; Staatsrats-Witwe
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* 5.12.1795 (Dinkelsbühl)
† 23.11.1868 (München)
Staatsrat
Grabrede
gesprochen
bei der Beerdigung des vollendeten Herrn Staatsraths
Dr. Friedrich Benedikt Wilhelm von Hermann
auf dem Friedhofe zu München
am 25. November 1868
vom Dekan Dr. Meyer.
Gelobet sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wieder geboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Todten, zu einem unvergänglichen, unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das behalten wird im Himmel! Amen.
Noch vor wenigen Tagen konnte man den Vollendeten, dessen entseelte Hülle wir hier zur Ruhe gebracht haben, obwohl Er bereits um drei Schritte die in der heiligen Schrift bezeichnet Grenze des menschlichen Lebens überschritten hatte, in voller Kraft und Frische schauen; und wer Ihn sah und mit Ihm sprach, mochte urtheilen: hier ist noch Kraft des Leibes und des Geistes für mehr denn ein Jahrzehnt. Die Gedanken Gottes sind anders, denn unsere Gedanken, und Seine Wege sind anders, denn unsere Wege. Eine scheinbar geringfügige Erkrankung hat in zwei Tagen die große Kraft gebrochen!
Wer weiß, wie nahe mir mein Ende,
Hin geht die Zeit, her kommt der Tod!
Ach wie geschwinde und behende
Kann kommen meine Todesnoth!
Mein Gott ich bitt' durch Christi Blut
Mach's nur mit meinem Ende gut!
Das Hinscheiden des Entschlafenen ist ein schwerer Verlust nach verschiedenen Richtungen; zunächst für Seine Familie, deren Stolz und Ruhm, und mit Recht, Er gewesen war, und die sich stets Seiner treuen Liebe und Fürsorge erfreut hatte; dann für den Staat, dem Er viele Jahre mit der größten Hingebung und mit rastlosem Fleiße gedient und große Dienste geleistet hat; Er hat kein Opfer in Seinem Dienste gescheut, und Sich in Seinem Dienste nie genug thun können; ein schwerer Verlust für die hiesige Universität und überhaupt für die Wissenschaft. Eine lange Reihe von Jahren hat Er als eine allgemein anerkannte Zierde der Universität geglänzt, und wie Sein Ruf als Lehrer, so ist Sein Ruf als Gelehrter und Schriftsteller; Sein Name ist bei Seinen vielen Schülern und Verehrern, und weit über die Grenzen unseres Landes hinaus, ein gerühmter und gefeierter. Bei einem solchen Manne, wenn man Ihn in Seiner großartigen Thätigkeit schaut, drängt sich unwillkürlich der Wunsch auf, Gott wolle die Kraft erhalten und das Leben verlängern. Wir Menschenkinder denken und urtheilen und wünschen, aber Gott lenkt und beschließt. »Der Herr Zebaoth hat's beschlossen, wer will's wehren?« An dieses Wort der Propheten werden wir an diesem Grabe erinnert und in diesem Worte wollen wir Trost suchen.
Wer will's wehren? Das heißt zunächst, wer kann's wehren? Der Herr Zebaoth ist der Herr des Himmels und der Erde, der Herr über Leben und Tod; Er spricht, so geschieht's, Er gebeut, so steht's da. Ihm kann Niemand wehren, und wenn die ganze Welt zusammenstünde mit all' ihrer Weisheit und mit all' ihrer Kraft und wollte wehren, sie müßte zu Schanden werden, Ein Wort aus dem Munde des Allmächtigen zernichtet alle Macht der Widerstreben. Wer will's wehren, das bedeutet aber auch, wer möchte Ihm wehren wollen? Wenn es auch in unserer Macht stünde, dem Herrn zu wehren, wie es denn unmöglich ist, wir könnten's und dürften's nicht thun, weil wir aus oftmaliger seliger Erfahrung wissen, daß von Gott nur gute und vollkommene Gaben kommen und kommen können, und daß Er uns lieb hat, und daß Er Gedanken des Friedens über uns hat und nicht Gedanken des Leides, und daß Er Alles wohl macht. So wollen wir uns denn auch hier mit innerster Ergebung beugen unter die Allmächtige Hand Gottes und vor Ihm sprechen das Wort, das uns unser Heiland gelehrt und zu beten geboten hat: »Dein Wille geschehe!« Es ist dem Vollendeten in den letzten Tagen nicht verborgen geblieben, daß Sein Ende nahe sei; Er hat sich mit aller Geduld dem Willen Seines Gottes ergeben, kein Wort der Ungeduld oder der Klage oder des Zagens ist über Seine Lippen gekommen; im letzten Augenblicke hat Er noch den Namen Deß ausgerufen, in Dem allein all' unser Trost und unsere Hilfe zu finden ist. Mögen die gebeugten Hinterbliebenen in ihrem großen Schmerze nicht vergessen, daß der Gott, dessen Güte über dem theuren Gatten und Vater in seinem langen Leben groß gewesen ist, und der durch den Gatten und Vater ihnen große Wohlthaten erwiesen hat, den Theuern abgerufen hat, daß Gottes Güte und Treue nicht aufhören kann, und daß auch in den schwersten Heimsuchungen, und in ihnen besonders, sich Seine Liebe uns mittheilt; und so mögen auch Sie, wenn auch unter Thränen, ihre eigenen Gedanken den Gottesgedanken opfern und anbeten: Deiner Führung halt' ich still, wie Du willst, nicht wie ich will!
Zur dankbaren Erinnerung an den theuren Vollendeten vernehme noch eine christliche Trauerversammlung eine Schilderung seiner äußeren Lebensverhältnisse in gedrängter Kürze. Herr Dr. Friedrich Benedikt Wilhelm von Hermann, K. Staatsrath im ordentlichen Dienste und Professor an der hiesigen Universität, wurde am 5. Dezember 1795 zu Dinkelsbühl geboren. Die Anfänge seines Lebens zeigen beschränkte, um nicht zu sagen dürftige Verhältnisse. Wie nicht selten großen Männern, so ward auch Ihm das Loos, sich durch eigene Kraft aus geringeren Verhältnissen heraus und empor arbeiten zu müssen. Der Vater, der eine geringere Bedienstung bei einem Amte seiner Vaterstadt bekleidete, konnte dem Sohne nichts weiter gewähren, als den Besuch der Volksschule und der Lateinschule für ein oder zwei Jahre. Nach der Confirmation wurde der Knabe in eine Kanzlei zur Erlernung des Schreiberdienstes gegeben. Dem strebsamen Knaben und Jüngling war der Aufenthalt in der Schreibstube gleich wie in einem Kerker und Er fühlte sich wie mit schweren Ketten beladen. Wenn Gott einem Menschen einen regen Geist geschenkt und Verlangen und Hunger nach höherer Bildung in ihm geweckt hat, so gibt Er auch zu Seiner Zeit Erfüllung und Stillung des Hungers. So auch hier. Nach fünfjährigem geduldigen Harren kam Errettung durch Versetzung des Vaters nach Erlangen. Er benützte die Gelegenheit für Gymnasialstudien, wie man sie nicht besser benützen kann. Im Laufe eines Jahres wurden wie im Sturme alle die Kenntnisse errungen, für deren Aneignung sonst gewöhnlich 8 bis 10 Jahre verwendet werden. Drei Jahre darnach promovirte Er als Doctor philosophiae und im nächstfolgenden Jahre habilitirte Er sich als Privatdozent an der Universität Erlangen. Nach nicht sehr langer Zeit wurde Ihm eine Professur der Mathematik in Nürnberg übertragen. War Er schon in der Zeit der Vorbereitung eifrig und strebsam gewesen, wie nur Wenige, so begann doch, wie ich einmal aus Seinem eigenen Munde vernahm, in Nürnberg und München erst recht das Arbeiten. »Ich hatte mich verehelicht, sprach Er, meine Familie ist schnell gewachsen, mein Einkommen war schmal, und reichte für Weib und Kinder und eine alte Mutter weit nicht aus, darum mußte ich durch Ertheilung von Privatstunden Nebenverdienst suchen; den ganzen Tag über ertheilte ich Unterricht, die Abende aber lebte ich meinem Vergnügen; vorerst wurden römische Classiker gelesen, und in nicht sehr langer Zeit hatte ich alle bedeutenderen studirt, ich habe sie, wie alle Bücher, mit der Feder in der Hand gelesen; dann kamen mathematische, dann geschichtliche Studien, und zuletzt der Hauptgenuß, staatswirthschaftliche Untersuchungen. Jahre lang habe ich niemals vor Mitternacht, oft erst bei grauendem Tage, die Ruhe gesucht; nach wenigen Stunden Schlafs ging's wieder fröhlich an die Tagesarbeit.« Sein Lehrbuch über Algebra, das Er bald nach Uebernahme der Mathematik-Lehrstelle erscheinen ließ, hat große Anerkennung und weite Verbreitung gefunden. »Die staatswirthschaftlichen Untersuchungen«, die Frucht der Mitternachtsstudien, haben Ihm einen großen Namen gemacht und Seine Berufung an hiesige Universität veranlaßt. Einundvierzig Jahre großartiger Lehrtätigkeit stehen in Verbindung mit vielseitigen anderweitigen Geschäften, welche die Stellungen als Mitglied des obersten Kirchen- und Schulraths, als Ministerialrath, als Staatsrath, als Vorstand der General-Bergwerks- und Salinen-Administration, als Vorstand des statistischen Bureaus forderten. Nur ein Mann von ganz außerordentlicher Arbeitskraft konnte Alles das leisten, was von Ihm gefordert war; Er hat es geleistet und hat in allen Stellungen die Erwartungen übertroffen. Es ist hier nicht der Ort, des Weiteren von Seinen Verdiensten als Lehrer und Gelehrter und Staatsbeamter zu reden, nur so viel soll gesagt werden, Er hatte ein großes Pfund geistiger Gaben von Gott empfangen und hat mit diesem Pfunde eifrigst gewuchert. Er kannte Nichts als angestrengte Arbeit; in letzter Zeit sprach Er wohl davon, Er wolle einmal einen längeren Ruheaufenthalt in Italien, durch dessen herrlichen Himmel und köstliches Clima Er bei einem letzten Besuche entzückt worden war, suchen, aber der Gedanke daran weckte nur die neue Thätigkeit, daß Er in seinem 73. Lebensjahre sich an die Erlernung der italienischen Sprache machte. Mitten in diese große Thätigkeit herein erging des Herrn Wort: Bis hieher und nicht weiter! Letztvergangenen Donnerstag besuchte Er Vormittags eine Sitzung, kehrte aber unwohl heim. Tags darauf erklärten die Aerzte, daß alle Hoffnung auf Wiedergenesung dahin, der Tod nahe sei. Welch' eine Nachricht für die Familie, die sich in dem Besitze des Gatten und Vaters noch für Jahre so sicher geglaubt hatte! Er selbst fühlte sein nahes Ende und sprach mit großer Ruhe: »Ich habe abgeschlossen.« Jüngst hatte er die Überarbeitung Seiner staatswirthschaftlichen Untersuchungen begonnen, Er konnte von der Arbeit, die Er mit großer Freude und wie im Gefühle jugendlicher Kraft begonnen hatte, nicht ablassen. Es mußte Ihm das in den letztvergangenen Tagen Niedergeschriebene vorgelesen werden, Er verbesserte, machte Zusätze, und diktirte Neues mit voller Klarheit und Bestimmtheit unter schmerzhaften Brustbeklemmungen bis zwei Stunden vor Seinem Tode. Da forderte die Natur ihre Rechte; ermattet sank Er zurück, dankte noch einmal der Gattin und dem jüngsten Sohne, die nicht von Seiner Seite gewichen waren, für ihre treue Liebe, und im letzten Augenblicke sprach Er zweimal: Ach mein Herr Jesu! Das Leben ist geendigt, nein nicht das Leben, nur ein Abschnitt des Lebens; der Tod hat ja keine Macht an unser Leben, nur an das Leben des Leibes, und auch diesen Raub muß der Tod herausgeben, kraft der Auferstehung des Herrn Jesu; wir glauben, das ist unser Trost und unsere Hoffnung, eine Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Er ist nicht gestorben, der Geist von Gott gekommen ist zu Gott zurückgekehrt, und bei Gott ist Freude und Friede und ewiges Leben.
Der Herr Zebaoth hat's beschlossen, wer will's wehren? Wir wollen Ihm nicht wehren, wir wollen Ihm niemals wehren in unserem ganzen Leben. Gehorsam im Leben schafft freudigen Gehorsam im Sterben. Wir wollen Den Namen fleißig anrufen, den unser Vollendeter angerufen hat, damit wir das Größte vermögen, Ihm zu leben, und das Beste gewinnen, einst Ihm zu sterben. Wer aber Ihm stirbt, der wird Ihm leben in alle Ewigkeit. Amen.
Dekan Dr. Meyer: Grabrede gesprochen bei der Beerdigung des vollendeten Herrn Staatsraths Dr. Friedrich Benedikt Wilhelm von Hermann auf dem Friedhofe zu München am 25. November 1868.
Hermann Friedrich Benedikt Wilhelm, Dr. jur., von, 1796 (Dinkelsbühl) – 1868, Nationalökonom, Staatsrat und Universitätsprofessor; er wurde anfangs als Gehilfe in einer Rechnungskanzlei verwendet, erwarb sich später in Erlangen humanistische Bildung, trieb dort und in Würzburg mathematische und kameralistische Studien, leitete 1817 in Nürnberg eine Privatanstalt, wurde 1821 Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik in Erlangen, wo er sich habilitierte; seit 1827 Universitätsprofessor zu München, wurde H. 1835 Mitglied der BAkdw, 1845 Ministerialrat, 1850 Vorstand des Statistischen Bureaus, 1852 Vertreter Bayerns auf der Wiener Zollkonferenz und 1855 Staatsrat; er ist der Gründer der Großdeutschen Partei und war Mitglied des Großdeutschen Verfassungsausschusses, ein hervorragender Statistiker, gemäßigter Schutzzöllner, scharfsinniger Denker (deduktive Methode), zeichnete sich auch durch klare Begriffsentwicklung (Preis, Kosten usw.) aus; dieser bedeutende Schüler von Adam Smith hat die Entstehung des deutschen Zollvereins gefördert.
Hauptwerke: Industrieausstellung zu Paris 1839, Staatswirtschaftliche Untersuchungen, Beiträge zur Statistik des Königreichs Baiern, Lehrbuch der Algebra und Arithmetik.
© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.