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Dr. Ludwig Knorr
1859 – 1921
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Knorr, Angelo; 19.5.1820 (München) – 19.3.1872 (München); Kaufmanns-Sohn / Kaufmann
Knorr, Ludwig, Dr. rer. nat.; 2.12.1859 (München) – 4.6.1921 (Jena); Chemiker
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* 19.5.1820 (München)
† 19.3.1872 (München)
Kaufmanns-Sohn / Kaufmann
† Angelo Knorr.
Der Träger dieses Namens war wohl kein »berühmter Mann,« noch besass er je den Ehrgeiz, sich mit dem Glanze äusserer Würden zu umgeben; aber er war einer von den seltenen Menschen, die, ohne es zu wollen, vielleicht mit innerem Widerstreben, lediglich durch ihre geistige Ueberlegenheit, durch das Gewicht ihres Charakters, durch den Ernst ihres Strebens über ihre Familie hinaus auf immer weitere Kreise eine unbedingte Anziehungskraft ausüben, die immer mehr gesucht, endlich unentbehrlich und zuletzt schmerzlich vermisst werden; einer jener Menschen von unmittelbarer persönlicher Bedeutung, deren Tod eine Lücke reisst in das Gemeinwesen, dem ihr segensreiches Wirken zu Gute kam. So konnte man denn aus Mienen und Worten der Tausendo vernehmen, die sich am Nachmittage des 22. März d. Js. auf dem alten Kirchhofe der Stadt München eingefunden hatten: »Wir haben einen unserer besten Bürger verloren!«
Angelo Knorr wurde am 19. Mai 1820 geboren. Er war der älteste Sohn des Kaufmanns Ludwig Knorr und Enkel Angelo Sabbadini's, dessen Handelshaus zu übernehmen er schon als Kind bestimmt war. Wäre nicht diese frühe Bestimmung für den kaufmännischen Beruf gewesen, der er mit schuldiger Pietät nachkam, vielleicht wäre der talentvolle Angelo ein tüchtiger Künstler oder Gelehrter geworden; denn er war eine durchaus ideal angelegte Natur, die über die Kleinlichkeiten des Alltagslebens hinaus sich immer den freiesten Ausblick nach höheren Zielen bewahrte, die dieses Erdenwallen selbst zu einem reichen Quell reiner Freuden zu gestalten wusste. Von Jugend auf strebsam und unermüdlich im Erfassen des Wahren und Schönen – von ihm konnte man mit Recht sagen: nulla dies sine linea; begabt mit feinem Verständniss und warmer Begeisterung für die schönen Künste und Wissenschaften, mit klarem Blick für die politischen und sozialen Fragen der Zeit, mit einem edlen, allezeit hülfebereiten Herzen – so war er gerade in den Kreisen, deren Interessen diese Blätter gewidmet sind, eine bedeutsame und segenbringende Erscheinung.
Es konnte nicht fehlen, dass dem geistvollen und hochgebildeten Chef des Hauses Sabbadini mit der persönlichen Achtung aller Gebildeten Münchens vor allem auch das Vertrauen seiner engeren Berufsgenossen in reichem Maasse zu Theil wurde. So sehen wir ihn in die Verwaltung fast aller bedeutenden commerciellen und industriellen Unternehmungen berufen, die in den letzten Jahrzehnten in München entstanden und zur Blüthe gekommen sind. Die Bayer. Hypotheken- und Wechselbank und die k. priv. Ostbahngesellschaft namentlich haben seinem sachkundigen Rath und seiner eifrigen Mitarbeit viel zu verdanken. Die Fortentwicklung der Dampfschifffahrt auf dem Starnberger See, an dessen Ufern sein Kunstsinn in einer eben so schönen als originellen landschaftlichen Schöpfung sich erwies, ist hauptsächlich sein Werk. Die Handels- und Gewerbekammer für Oberbayern zählte ihn zu ihren tüchtigsten Mitgliedern. Was er im Dienste seiner Vaterstadt selbst geleistet hat, davon zeugen die ehrenden Nachrufe, die ihm in den städtischen Körperschaften gewidmet worden sind.
Selten aber haben öffentliches Verdienst und häusliche Tugenden einen so innigen Bund geschlossen wie bei ihm: wem es vergönnt war, als willkommener Gast in den Kreis seiner Familie einzutreten, der nahm sicherlich die schönsten Anregungen, das nachahmenswertheste Vorbild deutschen Familienglückes mit hinweg – kein Wunder daher, dass sein Haus der beliebte Sammelplatz zahlreicher Strebensgenossen war. Möge es seiner Wittwe gelingen, das Erziehungswerk an den fünf Söhnen, die er hinterlassen, im hohen Sinne des Verblichenen zu vollenden, und mögen diese Söhne der Stadt München ebenso zur Ehre und zum Segen gereichen wie der Vater!
Angelo Knorr war einer der besten Repräsentanten Jung-Münchens. Wenn dereinst ein Berufener die Culturarbeit schildert, welche dem grossen Aufschwunge der deutschen Nation voraufgegangen ist, dann wird ein ehrendes Denkmal auch jenem Häuflein charakterfester und thatkräftiger Patrioten werden, welche in den Zeiten unserer deutschen Trübsal in Bayerns Hauptstadt einen sicheren Hort deutscher Denkungsart begründet haben. Zu ihnen gehörte der zu früh Dahingeschiedene; seiner Familie aber und seinen Freunden bleibt der nicht geringe Trost, dass es ihm beschieden war, die Verwirklichung des liebsten Ideals seiner Jugend, die staatliche Einigung des grossen Vaterlandes, zu erleben.
Ehre dem Andenken dieses wackeren deutschen Mannes!
Bayerische Handelszeitung Nr. 65. Organ für die Interessen des Handels, des Verkehrs und der Industrie. Samstag, den 30. März 1872.
Nekrolog.
Der polytechnische Verein dahier hat durch den am 19. März erfolgten Tod des
Herrn Kaufmann
Angelo Knorr
dahier
eines seiner eifrigsten Mitglieder verloren und es kann nur als eine Pflicht der Dankbarkeit erscheinen, wenn wir ihm einen kurzen Rückblick auf sein Leben widmen.
Angelo Knorr ward am 19. Mai 1820 dem damaligen Inhaber des von dessen Schwiegervater, Angelo Sabbadini, gegründeten Handlung-Hauses dahier, Herrn Ludwig Knorr als Erstling geboren.
Von vornherein zum Nachfolger in diesem ausgebreiteten und vielverzweigten Geschäfte bestimmt, mußte es nach den nöthigen allgemeinen Vorstudien vor Allem seine Aufgabe sein, sich für seinen künftigen Beruf auszubilden, wozu ihm namentlich ein mehrjähriger Aufenthalt an Hauptverkehrspunkten der maßgebenden Handelsstaaten diente.
Seinem regen Geiste genügte aber die gleichmäßige Förmlichkeit seines Geschäftes nicht allein, er suchte vielmehr die Grenzen der Ausbildung zu erweitern und sich sonst von Wissenschaft und Kunst anzueignen, was und wo es ihm nur möglich war. Es lag daher nahe, daß er schon im Jahre 1852 auch Mitglied des polytechnischen Vereins wurde, welchem er seitdem ununterbrochen als Mitglied und seit dem Jahre 1867 auch als aktives Ausschußmitglied fast bis zu seinem Tode angehörte.
Wie Angelo Knorr den Sinn für Familienleben und stille Häuslichkeit, für specielle Interessen seiner Vaterstadt, für die engeren Beziehungen der Freundschaft und die fröhlichen Anklänge des geselligen Lebens mit der glühendsten Begeisterung für das allgemeine deutsche Vaterland, für alles Schöne und Gute und dessen fortschreitende Beförderung durch Erfahrung und Aufklärung, sowie mit dem tiefsten Ernste der strengen Forderungen seiner Zeit zu vereinigen wußte, so war auch sein Verhalten im Rathe des polytechnischen Vereins ein solches, daß er als hingebender Verehrer der allgemeinen Wahrheit erschien, ohne dabei die besondere Nutzbarkeit derselben für das Wohl und Gedeihen seines Berufes, Standes und seiner Vaterstadt aus dem Auge zu verlieren. Im Leben mit Glücksgütern gesegnet, vielfach geehrt und ausgezeichnet, von der bayerischen Hypotheken- und Wechselbank in ihr Direktorium, von der Ostbahngesellschaft in ihren Verwaltungrath aufgenommen, – immer aber schlicht und einfach, immer treu und recht geblieben, läßt Angelo Knorr ein Andenken zurück, das nicht so bald erlöschen wird und das weder von dem Irrwahne des Unverstandes, noch von der selbstsüchtigen Bosheit des Fanatismus befleckt zu werden vermag.
Bayerisches Industrie- und Gewerbe-Blatt. München; Aprl 1872.
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* 2.12.1859 (München)
† 4.6.1921 (Jena)
Chemiker
Knorr Ludwig, Dr. rer. nat., 1859 (München) – 1921, Chemiker und Universitätsprofessor; er stammt aus der bekannten Münchner Großkaufmannsfamilie Knorr-Sabbadini und war Schwiegersohn des Historienmalers K. von Piloty; nach Studien zu München, Heidelberg und Erlangen wurde K. 1888 Universitätsprofessor der Chemie in Würzburg und 1889 zu Jena sowie Direktor des dortigen Universitätslaboratoriums; K. lieferte Synthesen von Chinolin- und Pyrrolderivaten und entdeckte 1884 durch synthetische Versuche mit dem Acetessigester die Pyrazolverbindungen, unter denen das Antipyrin von großer Bedeutung ist; hervorzuheben sind seine »Studien über Tautomerie« und seine Forschungen zur Aufklärung der Konstitution der »Morphiumalkaloide«, die Forschungen und Entdeckungen Ks. sind auch noch für die heutige Pharmazie eine wichtige Grundlage.
© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.