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Das Grab ist nicht erhalten
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Bonnet zu Meautry, August Freiherr von; 17.11.1869 – 25.6.1899 (Ackerlspitze/Kaisergebirge); Tod durch Bergunfall; Kammerjunker und Oberleutnant
Bonnet zu Meautry, Eugen Freiherr von; 13.7.1833 – 5.10.1912 (Ansbach); Oberleutnant a. D.
Bonnet zu Meautry, Marie Freiin von; 4.10.1866 – 1.9.1879
Bonnet zu Meautry, Mathilde Freifrau von (vh) / Pfetten-Füll, Freiin von (gb); 16.11.1833 – 5.11.1893 (München)
Bonnet zu Meautry, Otto Freiherr von; 3.11.1835 – 3.2.1894 (München); Oberlandesgerichtsrat
Bonnet zu Meautry, Wilhelmine Freifrau von (vh) / Pfetten-Füll, Freiin von (gb); 26.7.1845 – 8.11.1888; Oberlandesgerichtsrats-Gattin
Godin, Maria Freifrau von (vh) / Pfetten-Füll, Freiin von (gb); 8.11.1836 – 20.1.1874 (München); Majors-Gattin
Pfetten-Füll, Ignaz Freiherr von; 25.6.1801 – 2.8.1886; Kämmerer und Forstmeister
Pfetten-Füll, Josef Freiherr von; – 1885; Oberpostmeister
Pfetten-Füll, Josef Freiherr von; 3.1.1848 – 12.6.1881; Rittmeister
Pfetten-Füll, Therese Freifrau von (vw) / Godin, Freiin von (gb); 4.11.1815 – 4.9.1890; Forstmeisters-Witwe
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* 17.11.1869
† 25.6.1899 (Ackerlspitze/Kaisergebirge); Tod durch Bergunfall
Kammerjunker und Oberleutnant
Bayerische Chronik.
München, 27. Juni.
Absturz. Aus Kufstein kommt nach der »M. Z.« die traurige Kunde, daß am Sonntag der Oberleutnant des Inf.-Leib-Regts. Frhr. v. Bonnet zu Meautry und dessen Vetter, der Leutnant im 1. Feld-Art.-Regt. Christoph Frhr. v. Godin von der Ackerlspitze im Kaisergebirge abgestürzt sind. Frhr. v. Bonnet ist todt, Frhr. v. Godin, schwer verletzt. Ersterer war 30 Jahre alt, Letzterer steht im 22. Lebensjahr. Beide waren als tüchtige und zugleich wohlgeschulte Hochtouristen bekannt. Ihr trauriges Geschick wird daher um so größere Theilnahme erregen.
Allgemeine Zeitung Nr. 176. München; Dienstag, den 27. Juni 1899.
Bayerische Chronik.
München, 27. Juni.
Absturz. Zu dem bereits im Abendblatt gemeldeten Unglück im Kaisergebirge ist leider nachzutragen, daß nicht nur der Oberleutnant im Inf.-Leib-Regt. August Frhr. v. Bonnet zu Meautry, sondern auch dessen Vetter, der Leutnant im 1. Feld-Art.-Regt. Christoph Frhr. v. Godin, todt aufgefunden wurde. Leutnant v. Godin stand im 26. Lebensjahre. Eine Kommission von Offizieren der beiden genannten Regimenter hat sich heute Nachmittag nach Hinterbärenbad begeben, wohin die Leichen gebracht worden waren. Von dem Vorsitzenden der alpinen Rettungsstation, Abtheilung München, Hrn. Apotheker Hans Rehm, geht uns noch folgende gefällige Mittheilung zu: »Oskar Schuster aus Dresden mit Führer Straßer von Kufstein, von Elmau über Ackerlspitze kommend, fand am 26. Juni im Griesnerkar zwei abgestürzte Touristen als Leichen. Heute, Dienstag, wurde unter Leitung des Genannten und einigen Herren des Akademischen Alpenvereins München und der Sektion Bayerland eine große Expedition ins Griesnerkar unternommen. Der eine Verunglückte wurde als der kgl. Kammerjunker und Oberleutnant im Inf.-Leib-Regt. August Frhr. v. Bonnet zu Meautry, Mitglied der Sektion München, sein Begleiter als der Leutnant im 1. Feld-Art.-Regt. Christoph Frhr. v. Godin, ebenfalls der Alpenvereinssektion München angehörig, erkannt. Die Leichen wurden noch am selben Tage nach Hinterbärenbad gebracht und zur Beisetzung nach München überführt. Nach ärztlichem Befund war der Tod bei Beiden sofort eingetreten.« Die Ackerlspitze im Kaisergebirge, 2331 m hoch, von der der Absturz erfolgte, ist der zweithöchste Gipfel des Wilden Kaisers und ein für Hochtouristen sehr gefährlicher Punkt, der nicht ohne Führer bestiegen werden sollte. Die beiden Verunglückten, die ebenso liebenswürdige wie tüchtige Offiziere waren, werden in allen Kreisen, denen sie näher getreten, auf das tiefste betrauert.
Allgemeine Zeitung Nr. 177. München; Mittwoch, den 28. Juni 1899.
Bayern und Süddeutschland.
Rosenheim, 28. Juni. Im Kaisergebirge sind am Sonntag der Oberleutnant des Infanterieleibregiments August Freiherr von Bonnet zu Meautrie und der Kammerjunker Christof Freiherr von Godin, Leutnant im 1. Feldartillerieregiment von der sog. Ackerlspitze abgestürzt und wurden von einem Touristen Namens Oskar Schuster aus Dresden mit dem Führer Straßer im Griesenerker todt aufsgefunden. – Die Ackerlspitze, 2331 Meter (Kaisergebirge), von der vermuthlich der Absturz erfolgte, ist der zweithöchste Gipfel des Wilden Kaisers, schwieriger als die Elmauer Haltspitze – höchster Gipfel des Wilden (Vorderen) Kaisers –, aber auch lohnender, sechs Stunden von der Grieseneralm, nur mit Führer zu machen; sehr schwierig ist der Abstieg nach Elmau, aber wegen der großartigen Aussicht dort so auf die hohen Tauern, dann auf die ganze Gletscherkette der Alpen bis zur Ferwallgruppe, ferner auf die Siemberge, die Berchtesgadener Alpen, die Chiemgau-Alpen, das bayrische Hochland und die Nordtiroler Kalkalpen, nicht minder aber auch wegen des herrlichen Einblicks in's Griesenerkar, den Glanzpunkt des wilden Kaisers, besonders verlockend.
Der Wendelstein Nr. 145. Katholisches Volksblatt für bayerische Oberland. Rosenheim; Donnerstag, den 29. Juni 1899.
Bayerische Chronik.
München, 28. Juni.
Absturz. Heute Abend gegen 7 Uhr wurden mit dem Kufstein-Rosenheimer Personenzug die Leichen der im Kaisergebirge abgestürzten Offiziere Oberleutnant v. Bonnet zu Meautry und Leutnant Frhr. v. Godin nach hieher gebracht, geleitet von einigen Offizieren ihrer Regimenter, welche bis Kufstein entgegengefahren waren. Die Särge wurden im Zentralbahnhof an der Rampe an der Grasserstraße außerhalb der Hackerbrücke aus den Wagen herabgenommen. Hier hatten sich zahlreiche Offiziere vom Infanterie-Leib-Regiment und vom 1. Feld-Artillerie-Regiment, sowie Alpenvereinsmitglieder eingefunden. Die Geistlichkeit vollzog die Einsegnung und die Särge wurden sodann auf vierspännige, von Artilleristen geführte Leichenwagen gebracht und unter Vorantritt der Geistlichkeit und dem Geleit von Offizieren etc. nach den Friedhöfen überführt, und zwar der Sarg v. Bonnets nach dem südlichen, der Sarg des Frhrn. v. Godin nach dem nördlichen Friedhof. Die Beisetzung findet morgen Nachmittag um 4, bezw. 5 Uhr, auf dem nördlichen, bezw. südlichen Friedhof statt.
Allgemeine Zeitung Nr. 178. München; Donnerstag, den 29. Juni 1899.
Abgestürzt im Kaiserthale.
K. Kufstein, 28. Juni.
Die ersten Nachrichten lauten: Am Sonntag, 25. Juni sind zwei bayerische Offziere im Kaisergebirge, an der bekannten und berüchtigten Ackerlspitze verunglückt. Sie sind beide in das Kar am Fuße des Ackerlspitz abgestürzt.
Die zweite Kunde meldet: Als der Tourist mit dem Führer Straßer von der Ackerlspitze in den wilden Kaiser kam, stieß er im Griesener Kar unvermuthet auf zwei Leichen.
Der Thatbestand des Unglückes ist folgender: Samstag Nachmittags begaben sich die beiden Offiziere August Freiherr von Bonnet zu Meautry im Infanterie-Leibregiment und dessen Vetter, der Leutnant im 1. Feldartillerie-Regiment Christof Freiherr v. Godin in das Kaisergebirge, um die Ackerlspitze zu ersteigen. Beide Offiziere hatten am genannten Tage eine geringe Lust, eine Bergparthie zu unternehmen, entschlossen sich aber trotz der schlechten Witterung zu derselben. Die Offiziere sind ins Kar am Fuße der Ackerlspitze abgestürzt und blieben leider sofort todt. Die Verunglückten waren angeseilt. Leutnant Frhr. v. Bonnet war 30 Jahre alt, Leutnant Christof v. Godin war 26 Jahre alt. Beide Offiziere waren als tüchtige und zugleich vorsichtige, wohlgeschulte Sportsleute bekannt, weshalb ihr furchtbares Schicksal umsomehr bedauert wird.
Eine dritte Mittheilung meldet: Dienstag wurde unter Leitung einiger Herren des Akademischen Alpenvereins und der Sektion Bayerland in München eine große Expedition ins Griesnerkar unternommen. Der eine Verunglückte wurde als der kgl. Kammerjunker und Oberleutnant im Infanterie-Leib-Regiment August Frhr. v. Bonnet zu Meautry, Mitglied der Sektion München, sein Begleiter als der Leutnant im 1. Feld-Artillerie-Regiment Christoph Frhr. v. Godin, ebenfalls der Alpenvereinssektion München angehörig, erkannt. Die Leichen wurden noch am selben Tage nach Hinterbärenbad gebracht und zur Beisetzung nach München überführt. Nach ärztlichem Befund war der Tod bei Beiden sofort eingetreten. Die Ackerlspitze im Kaiserthale, 2331 Meter hoch, von der der Absturz erfolgte, ist der zweithöchste Gipfel des Wilden Kaisers und ein für Hochtouristen sehr gefährlicher Punkt, der nicht ohne Führer bestiegen werden sollte. Die beiden Verunglückten, die ebenso liebenswürdige wie tüchtige Offiziere waren, werden in allen Kreisen, denen sie näher getreten, auf das Tiefste bedauert.
Rosenheimer Anzeiger No. 145. Tagblatt für Stadt und Land. Donnerstag, den 29. Juni 1899.
Der Transport der Verunglückten aus dem Kaiserthale.
K. Kufstein, 29. Juni.
Am Dienstag, den 27. Juni brach unter der Leitung des bekannten Kaisergebirgtouristen Oskar Schuster-Dresden eine Expedition in der Stärke von 14 Mann, worunter Dr. Hamm und der Gendarmeriepostenführer von Kufstein und 5 Führer, Früh 5 Uhr 10 Min. von Hinterbärenbad auf und begab sich zur Unglücksstätte.
Am Fundort angelangt, konstatirte Dr. Hamm auf Veranlassung des Gendarmeriepostenführers die äußerlichen Verletzungen. Unterdessen hatten die Führer Tragbahren zusammengestellt, auf welchem die Leichen wohlverwahrt zum Weg hinabgeführt wurden, der von der Griesener Alpe zum Stripsenjoch hinanleitet. Dort wurden sie auf Maulthiere geladen und bei strömendem Regen gelangte um 3 Uhr Nachmittag der Zug nach Hinterbärenbad zurück. Hier übernahm der Vorstand der Sektion Kufstein Anton Karg den weiteren Transport und die Leichen gelangten noch am Abend nach Kufstein.
Es war ein tief ergreifender Anblick, als der kleine Leichenzug durch die rauschenden Tannen hoch über der Geisterschmiedwand sichtbar wurde und sich langsam über die Felsen zu Thal bewegte. Voraus schritt die sehnige Gestalt des Bergführers Tavernaro, der in einer Laterne die brennende Todtenkerze trug, dann folgten, von den Führern Schweighofer Toni und Sepp, sowie Kaindl begleitet, die beiden kleinen, von je einem Muli gezogenen Bergwagen, in denen unter grünem Gezweig die Leichen der Verunglückten gebettet waren. Einige Touristen und Herren aus Kufstein bildeten den Schluß des Trauerzuges inmitten hochalpiner Landschaft.
Um halb 7 Uhr Abends gelangte die Expedition in Sparchen zu Thal, allwo einige Vertreter der Stadt und eine Abordnung des k. k. Offizierscorps der Garnison Innsbruck, je drei verschiedene Chargen der Kaiserjäger und der Artillerie den Trauerzug erwarteten und über die grüne Thalflur geleitete, auf dem er um 7 Uhr eintraf.
Kurz vorher waren bereits mehrere Offiziere des kgl. bayr. Infanterie-Leibregiments und des 1. Feldartillerie-Regiments eingetroffen, um die todten Kameraden zu agnosziren.
Mittwoch Vormittags wurden die beiden Todten, welche die Nacht über in der Leichenkammer des Friedhofes ruhten und einige Kufsteiner Bürger die Todtenwacht hielten, eingesargt und von ihren Kameraden, wie der k. k. Beamtenschaft und vielen Bürgern begleitet mit dem Postzuge 3 Uhr 50 Min. der Heimath zugeführt. Die Theilnahme der Bevölkerung Kufsteins bei diesem neuen Unglücksfall in dem Kaisergebirge ist tiefgehend und allgemein.
Aus München wird gemeldet, daß die Leichen der beiden Verunglückten Mittwoch Abend mit dem fahrplanmäßigen Personenzug von Kufstein um 6 Uhr 50 Min. angekommen sind. Dieselben wurden dem Leichentransport-Reglement der k. bayr. Staatsbahnen entsprechend, in einem Packwagen untergebracht, die Särge je in einer rohen Holzkiste eingeschlossen. Bei der Hackerbrücke wurden die Leichen ausgeladen und nach Einsegnung durch die Geistlichkeit auf den südlichen bezw. nördlichen Friedhofe verbracht. Die Beerdigung fand heute Nachmittag 4 Uhr bezw. 5 Uhr in den jeweiligen Friedhöfen unter militärischen Ehren wie einer großer Antheilnahme des Publikums statt.
Unter ganz ungewöhnlicher Betheiligung aller Schichten der Bevölkerung der Residenz wurden heute die beiden auf der Ackerlspitze verunglückten Offiziere zu Grabe getragen. Es war nicht eine vom Feiertag begünstigte Schaulust der Menge, die gekommen, um das militärische Gepränge auf den Friedhöfen zu sehen, es war herzliche und innige Antheilnahme an dem herben Schicksal zweier idealer, naturbegeisterter junger Leute, die dem Zauber der Gebirgswelt sich nicht entziehen konnten. Daß trotz aller Vorsicht, trotz aller Uebung das unerbittliche Geschick die jungen Offiziere ereilt, das war es, was das Mitleid und die Antheilnahme hervorrief, die der Regent des Landes selbst am offenen Grabe der Verunglückten aussprechen ließ, die die Mitglieder des königlichen Hauses veranlaßte, den Verunglückten das Ehrengeleite zu geben, die schließlich außer den Kameraden auch alle Classen der Bevölkerung trotz des strömenden Regens an die offenen Gräber führte.
Se. kgl. Hoheit der Prinz-Regent, Allerhöchst welcher an dem tragischen Unglückfalle der beiden im Kaisergebirge abgestürzten Offiziere Oberleutnant Frhr. von Bonnet zu Meautry vom Infanterie-Leibregiment, k. Kammerjunker, und Leutnant Frhr. von Godin vom 1. Feldartillerie-Regiment, k. Kammerjunker, ganz besonderen Antheil genommen haben, ließen durch die betreffenden Regiments-Commandeure Kränze an den Gräbern der beiden Offiziere niederlegen und durch die kgl. Adjutanten den Offizierscorps der beiden Regimenter Allerhöchst ihr innigstes Beileid zum Ausdrucke bringen.
Rosenheimer Anzeiger No. 146. Tagblatt für Stadt und Land. Samstag, den 1. Juli 1899.
Bayerische Chronik.
München, 17. Juli.
Zur Aufklärung des Unglücks an der Ackerlspitze am 25. Juni d. J. erhält der Alpine Rettungsausschuß München von den HH. F. v. Cube, cand. med., L. L. Kleintjes, cand. med., F. A. Meyer, cand. chem., sämmtlich Mitglieder des Akademischen Alpenvereins München, folgenden authentischen Bericht: Bei Gelegenheit unsres Aufstieges auf die Ackerlspitze am 9. Juli 1899 fanden wir die beiden Pickel der am 25. Juni d. J. abgestürzten Herren v. Godin und v. Bonnet, und zwar an einem Orte, der die ganze Sachlage wesentlich anders erscheinen läßt, als diese bisher allgemein angenommen wurde. Jenes kleine, meist schneeerfüllte Kar, an dessen unterem Ende die beiden Leichen am 26. Juni von Hrn. Oskar Schuster aus Dresden und Führer Alois Straßer gefunden worden sind, weist zwei Einschnitte in die Nordwand der Ackerlspitze auf. In den östlichen dieser Einschnitte mündet eine von mehreren Wandabsätzen unterbrochene Rinne, die die ganze Nordwand des Berges durchsetzt und in der westlich der Ackerlspitze eingeschnittenen Scharte beginnt. Den einen der beiden Pickel fanden wir zirka 30 m unter der vorerwähnten Scharte, 6 m weiter aufwärts die dazugehörige Pickelschlinge, den anderen Pickel etwa 80 m tiefer, beide in der Schneerinne. Die Sachlage ist nun durch das Auffinden der Pickel klargestellt. Der Absturz erfolgte demnach ganz oben, kaum 100 m unter dem Gipfel, beim Betreten der Rinne und durch diese hinab in das Schneekar. Die beiden Herren hatten den Abstieg durch die schneeerfüllte Rinne versucht, wahrscheinlich da ihnen diese in Anbetracht der damaligen ungünstigen Witterungsverhältnisse weniger exponirt und günstiger erschien, als die übliche Route. Hr. Oskar Schuster, der erst beim Abstieg auf die beiden Leichen stieß, konnte allerdings aus allen Anzeichen nicht anders schließen, als daß der Absturz im oberen Theile des Schneekars erfolgte, umsomehr, als der starke, unausgesetzte Regen alle Aufschlagseindrücke im Schnee verwischt hatte.
Allgemeine Zeitung Nr. 196. München; Montag, den 17. Juli 1899.
Denkmal-Enthüllung
im Kaiserbachthal.
Wenn der Sommer in den stillen Thälern glänzt, erneut sich der Wanderdrang in der Brust des Alpenfreundes und vielfach ist es das Kaisergebirge mit seinen wildromantischen Felsthürmen und Zinnen, welche zu froher Bergfahrt locken. Lange Tage müssen aber zuerst die kalte Felsbrust erwärmen, ihr das Eis wegküssen, ihr Almrosen und Almrausch zum Schmucke richten; dann erst ist der kurze, schöne Sommer da und die Fee der Felsen hält Empfangstag ab und freut sich kühne Anbeter zu locken.
Am Abend des 24. Juni im vorigen Jahre, als im Kaiserbachthal die Nebel giengen und die Abendsonne schmeichelnde Lichter über die Bergriesen Predigtstuhl, Mitterkaiser und Ackerlspitze steckte, das Abendroth an den nackten mächtigen Felsen hinaufglühte, da übten die wilden Höhen ihre Unwiderstehlichkeit an zwei Touristen, welche in die Unterkunftshütte der Grieseneralpe gekommen waren. Anderntags, die Felsen waren noch trotzig in Nebel gehüllt und starrten finster und unnahbar vom Himmelsblau, da brachten schon der Hochtourist Oskar Schuster mit seinem Führer Straßer die Schreckensnachricht, daß der unwiderstehliche Zauber der Alpenwelt jene zwei blühenden Menschenleben vorzeitig in das Grab gestoßen.
Schmerzliche Trauer hatte ihr Tod hervorgerufen bei allen, die sie kannten. Die dumpfe Empfindung, in welche alle das erschütternde Ereignis ihres Heimganges versetzt hatte, war bald dem klaren Bewußtsein der Pflicht gewichen, das Andenken von Männern mit so schätzbaren Verdiensten in besonderer Weise zu ehren und den verunglückten Kameraden ein Denkmal zu widmen, als sichtbares Gedenkzeichen treuergebener Freundschaft.
Auf einem Felsen in einer kleinen Thalweitung von Griesenau, welche einen prächtigen Ausblick gegen die Abstürze des Mitter-Kaiser und der Lärcheckspitze, Predigtstuhl und Ackerlspitze bietet, inmitten eines Hochwaldes in idyllischer Ruhe wurde eine Gedenksäule in frühgothischem Style – von der Marmorindustrie Kiefersfelden ausgeführt – errichtet, welche auf einer Broncetafel folgende Inschrift trägt:
Dem Andenken unserer Kameraden
der Herren
Aug. Freiherr v. Bonnet z. Meautry
Oberlieutenant im k. bayr. Infanterie-Leib-Regiment
und
Christoph Freiherr v. Godin
Lieutenant im k. bayr. I. Feldartillerie-Regiment
»Prinz-Regent Luitpold«.
Beide commandirt zur Kriegsacademie.
Verunglückt am 25. Juni 1899 beim Abstieg
von der Ackerlspitze.
Gewidmet von dem Officier-Corps des k. b. Inf.-Leib-Reg. und k. b. I. Feldartillerie-Regiments sowie den Officieren und Lehrern der k. bayr. Kriegs-Academie.
Die Enthüllung dieses Denkmales wurde nun am Freitag den 15. ds. bei ziemlich günstiger Witterung vollzogen und gestaltete sich zu einer weihevollen, gemütherhebenden Feier, die jedem Theilnehmer unvergeßlich bleiben wird.
Zur Einweihung hatten sich die Officiercorps des Infanterie-Leib-Regiments, des 1. Feld-Artillerie-Regiments, sowie die Officiere der Kriegsacademie eingefunden, an ihrer Spitze deren Commandeure Oberst Graf v. Dürckheim zu Montmartin, Oberst Streck und Oberst v. Zwehl, Generallieutenant v. Keller als früherer Kommandeur des 1. Feld-Artillerie-Regiments, der k. k. Bezirkshauptmann von Kitzbühel Graf Wolkenstein-Rodenegg, der Präsident des Centralausschusses des D. u. Oe. Alpenvereins Ministerialrath Burkhard, sowie Vertreter der Sektionen des Alpenvereins München, Bayerland, Kufstein u. Kitzbühel, als Vertreter der Marmor-Industrie Kiefer Herr Direktor Böhme. Nachdem Herr Dekan Grander von St. Johann, ein 72jähriger, doch noch rüstiger Mann, die kirchliche Weihe vorgenommen, ergriff Herr Oberst Graf Dürckheim das Wort zu nachstehenden Trauerrede:
»Bald jährt sich der Tag, an dem plötzlich die Schreckenskunde sich verbreitete, zwei unserer Kameraden seien auf einer Tour im Kaisergebirge abgestürzt. Einem Jeden von uns ist noch das Entsetzen frisch im Gedächtnisse, das ihn bei dieser Kunde durchzitterte. In der Blüthe der Jahre waren mit den beiden Genannten zwei Officiere dahingerafft, denen eine glänzende militärische Laufbahn winkte, denen bei ihren seltenen Eigenschaften des Geistes wie des Herzens die treue Freundschaft und Zuneigung aller Kameraden in besonders hohem Maße zu eigen war. Wie das Unglück sich ereignete, das ist eines jener Geheimnisse, die der wilde Fels dort oben in seinem Schoße birgt; das Eine aber möchte ich gerade am heutigen Tage sagen: es ist nicht etwa der frevelhafte Leichtsinn gewesen, der so oft auf Bergeshöhen Opfer fordert, der die beiden Verunglückten antrieb, sich an eine Aufgabe zu wagen, der sie nicht gewachsen waren; nein, sie waren Beide erfahrene Alpinisten, die schwierigsten Touren hatten sie schon bewältigt; so oft der Dienst es ihnen gestattete, eilten sie hinaus und was sie dort hinzog, war der ideale Sinn in ihrer Brust, war die Begeisterung für den stillen, großen, geheimnisvollen Zauber des Hochgebirges! Und es stand ihnen dabei jener frische Wagemuth zur Seite, der sich stützt auf die Kenntnis der Gefahr und der durch eine reiche Erfahrung in Bezug auf die Mittel zu ihrer Ueberwindung seine volle Berechtigung aus diesem Wissen schöpft.
Treue Kameradschaft hat uns heute in so großer Zahl hieher geführt. Allen Denen aber, welche sonst noch gekommen sind zu dieser Feier, namentlich dem Herrn Bezirkshauptmann von Kitzbühel und dem Herrn Präsidenten des D. u. Oe. Alpenvereins, sowie den Vertretern der anwesenden Sektionen dieses Vereins spreche ich in unser Aller Namen herzlichen Dank aus. – Ich bitte nun die k. k. Bezirkshauptmannschaft Kitzbühel, dieses Denkmal ihrer Obhut übergeben zu dürfen; ich übergebe dasselbe auch der Obhut der Sektion Kitzbühel des D. u. Oe. Alpenvereins, ich übergebe es der Bevölkerung dieses schönen Landstriches, auf daß es erhalten bleibe und Allen dieses Weges Kommenden Kunde gebe von dem Verhängnis, welches dort oben zwei unserer Kameraden betroffen, und von unserer Trauer und unserer Treue, die in unserem Herzen wurzelt und dort stets fortleben wird. – Im Namen der Officiere des Infanterie-Leib-Regiments lege ich diesen Kranz nieder für die beiden verunglückten Kameraden.«
Mit tiefgefühlten warmen Worten wurden auch Kränze niedergelegt von Herrn Oberst Streck und v. Zwehl im Namen der Officiercorps, von Herrn k. k. Bezirkshauptmann Graf Wolkenstein, der auch die Theilnahme des Statthalters Herrn Grafen Merveldt kundgab, von Herrn Ministerialrath Burkhard im Namen des Centralausschusses des D. u. Oe. Alpenvereins und der Sektion München, und von Herrn Rehm im Namen der Sektionen Bayerland und Kufstein.
Nach der Enthüllungsfeier versammelten sich die Festtheilnehmer in der gastlichen Unterkunftshütte der Grieseneralpe zu gemeinsamem Frühstück und traten von da ihren Heimweg an entweder über das Stripsenjoch nach Kufstein oder durch das Kaiserbachthal nach St. Johann i. T.
Während der Enthüllungsfeier war einige Augenblicke das wunderbare wildromantische Hochgebirgsbild, das sich vom Denkmal aus bietet, bei vollkommener Klarheit von hinreißender Schönheit. Bald verschlang aber eine dichte Nebelmasse die Ackerlspitze mit ihren wilden Abstürzen, den Mitter-Kaiser und dann weiter einen Gipfel nach dem andern wie ein unersättlicher Drache, aus dessen Glutaugen die Strahlen der Sonne hindurchbrechen, die erhabene Stimmung in der Hochgebirgslandschaft erhöhend und die Feier zu einer unvergeßlichen gestaltend.
Tiroler Grenzbote No. 25. Kufstein; Sonntag, den 24. Juni 1900.