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JOSEF KNABL
1819 – 1881
Linke Seite
¿ KNABL
geb. 26. Januar 1850, gest. 15. Juni 1904.
FRAU MARIA LOUISE KNABL
Academie-Professors-Wittwe,
geb. 5. Januar 1820, gest. 1. März 1885.
Rechte Seite
Max ¿
geb. 27. August 1885, gest. ¿. März 1887.
Hedwig Maria Theresia Knabl,
geb. 7. September 1886, gest. 9. Juni 1887.
Max Leo Knabl,
geb. 13. November 1889, gest. 26. November 1889.
Frau Franziska Knabl,
Kunstmalers-Wittwe
geb. 22. Januar 1855, gest. 31. Oktober 1910.
Ω
Knabl, Franziska (vw); 22.1.1855 – 31.10.1910; Kunstmalers-Witwe
Knabl, Hedwig Maria Theresia; 7.9.1886 – 9.1.1887
Knabl, Josef; 17.7.1819 (Fließ am Inn/Tirol) – 3.11.1881 (München); Akademieprofessor und Bildhauer
Knabl, Karl; 26.1.1850 (München) – 15.6.1904 (München); Bildhauer, Genremaler und Landschaftsmaler
Knabl, Maria Luise (vw); 5.1.1820 – 1.3.1885; Bildhauers-Witwe
Knabl, Max Josef; 27.8.1885 – ¿.3.1887 (München); Kunstmalers-Sohn
Knabl, Max Leo; 13.11.1889 – 26.11.1889
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* 17.7.1819 (Fließ am Inn/Tirol)
† 3.11.1881 (München)
Akademieprofessor und Bildhauer
Josef Knabl,
Bildhauer.
Der Bildhauer Josef Knabl kam den 17. Juli 1819 zu Fließ, einem Dorf im Oberinnthal, zur Welt. Seine Eltern waren schlichte Bauersleute, einfach in ihren Sitten, strenggläubig in Sachen der Religion, wie der Tyroler zu sein pflegt. Er wuchs auf nach Art aller Bauernkinder, im Sommer sich tagelang im Freien umhertummelnd, im Winter auf die Stube beschränkt, sofern nicht die Schlittenbahn manche fröhliche Stunde gab.
In Tyrol wird die Bildschnitzerei noch immer mit Vorliebe getrieben. Nicht blos im Grödener Thal und sonst im Süden, auch in den Thälern des nördlichen Theiles des schönen echtdeutschen Landes findet man Leute, welche, blos von sicherem Instinkte geleitet, mit einem schlechten Taschenmesser nicht blos Hunde, Ochsen und anderes Vieh, sondern selbst unsers Herrgotts Meisterstück aus einem Stück Holz heraus zu schnitzeln verstehen, daß man seine Freude daran hat. So ward es denn auch in Fließ gehalten, und der kleine Josef hatte nicht blos seine Lust an der Fertigkeit des einen oder andern seiner Hausgenossen und Nachbarn, sondern er versuchte sich schon im zarten Alter von fünf Jahren selber im Schnitzen.
Das war aber freilich nichts als ein Spiel und durfte auch in den nächsten zehn Jahren nur als solches getrieben werden. Für den Knaben nahm es aber von Tag zu Tag einen ernsteren Charakter an, und er träumte von dem Glück, wenn es ihm einst gegönnt sein sollte, ein Christkindlein mit seiner Mutter und liebe, schöne Heilige, wie sie auf den Altären seiner heimatlichen Dorfkirche reich in Gold und Farben gefaßt standen, zu schaffen. Wenn er aber nach wie vor das Vieh zur Weide trieb und, dem Beispiele der Eltern und Hausgenossen folgend, bei den Arbeiten in Stall und Feld mit Hand anlegte, so schien es eben doch immer nur beim Träumen bleiben zu wollen.
Doch ist, wie ein Sprüchlein sagt, aufgeschoben nicht aufgehoben. Seinen immer wiederkehrenden Bitten gelang es, die Eltern dazu zu bestimmen, daß er endlich seiner tagtäglich sich schärfer aussprechenden Neigung ganz folgen durfte. Wenn dies auch nicht mit den Absichten derselben übereinstimmen konnte, so blieb auf ihren Entschluß gerade ihr religiöses Gefühl nicht ohne Einfluß, und es liegt der Gedanke nah, daß die Hoffnung, ihr Sohn würde durch seiner Hände Arbeit den Herrn verherrlichen helfen, sie über die Vorurtheile eines engen Lebenskreises emporhob.
In früheren Jahrhunderten hatte die Bildhauerei, mehr noch die Bildschnitzerei Oberschwabens und Tyrols manch treffliches Werk geliefert. Zeugniß davon giebt manche Kirche dieser Länder, deren Vermögenslosigkeit sie glücklich vor dem Restaurationssturm der Renaissance- und Rokokozeit bewahrte. Der Tyroler, vielfach in Einzelhöfen und Einöden lebend, oft von seiner Pfarrkirche und dem öffentlichen Gottesdienste in derselben stundenweit entfernt, war und ist dadurch mehr auf häusliche Andacht angewiesen, als die Bewohner des Flachlands, in dem die einzelnen Hütten sich zu großen Dörfern anhäufen. Deshalb zeigt auch des Tyrolers Hausaltar in der Ecke der gemeinschaftlichen Stube oberhalb dem Speisetisch, der alle Hausgenossen vereinigt, eine reichere Entwickelung, und der Tyroler begnügt sich selten mit dem geschnitzten Crucifix und einem Paar Heiligenbilder in Rahmen, er stellt womöglich einige buntbemalte Figuren daneben.
Wie das Bedürfniß der religiösen Bildschnitzerei im Volke fortlebte, mußte auch diese Kunst selbst in demselben fortleben. So sehr man sich daran gewöhnt hat, darüber zu lächeln, daß sie lediglich eine zunftmäßig betriebene, der freien Entwickelung und Weiterbildung entbehrende war, so kann man bei einiger Unbefangenheit doch nicht in Abrede stellen, daß gerade hierdurch jenes typische Element, das die Kunst jener Jahrhunderte so scharf charakterisirt, bis auf unsere Zeiten in unverkennbarer Weise erhalten worden ist und auf die religiöse Plastik der Gegenwart einen nicht zu unterschätzenden Einfluß äußerte. Beispiele hierfür sind Conrad Eberhard, Josef Otto Entres und namentlich Knabl, obgleich sich jenes Element bei ihm in Folge seiner ungewöhnlichen Begabung und unter dem Einflusse der Antike, dem er sich weder entziehen wollte noch konnte, in weit höherem Grade vergeistigt zeigt als bei seinen Vorgängern.
Diese zunftmäßige Kunst hatte sich, wie gesagt, in Tyrol allenthalben erhalten und ward auch im benachbarten Marktflecken Imst von Franz Renn ausgeübt. Zu ihm kam Knabl, fünfzehn Jahre alt, in die Lehre. Was er bisher, einem unbestimmten Drange folgend, getrieben, das lernte er jetzt nach bestimmten Regeln thun, und diese Regeln fanden zunächst immer wieder ihre Basis in dem Ueberlieferten, was sich in Kirchen und anderweitig von Werken mittelalterlicher Kunst erhalten hat. Von diesen Regeln abzuweichen, verbietet die Pietät der religiösen Anschauung. So fänden wir denn hierin ein Analogon für das Festhalten der altägyptischen und griechischen Kunst am Kanon, so lange beide noch ausschließend oder vorwiegend dem Cultus dienten.
Knabl's Aufenthalt bei Renn währte indeß nicht lange. Beide Theile wurden sich bald klar, daß seines Verbleibens in Imst nicht länger sein könne, und so wanderte Knabl schon 1837, also drei Jahre später, nach München, wo er zunächst bei Josef Otto Entres, dann bei dem trefflichen Anselm Sickinger Beschäftigung fand, nebenher aber mit Fleiß und Ausdauer die Antike studirte und mit begieriger Seele eine neue Welt des Schönen in sich aufnahm, ohne darüber das einmal erfaßte Element deutscher Anschauungsweise fallen zu lassen.
Erst im Jahre 1843 gelang es Knabl, eine selbständige Stellung zu erringen, und er schritt nun seinem Ziele, Wiederbelebung der alten Holzschnitzkunst, mit immer schöneren Erfolgen entgegen.
Auf einer Reise durch sein geliebtes Heimatland, durch das an Holzsculpturen reiche Württemberg und den Rhein hinab, den er zweimal besuchte, kräftigte er sich in seinem Vorhaben und gewann einen tieferen Einblick in die Schöpfungen deutscher Kunst des Mittelalters.
Seit dem Jahre 1852 ging aus Knabl's Händen eine Reihe größerer Arbeiten hervor, welche ganz geeignet waren, dem Künstler in weitesten Kreisen die gerechteste Anerkennung zu verschaffen. Dahin gehören eine Kolossalgruppe, »die Taufe des Herrn«, für die ehemalige Deutschherrnkirche zu Mergentheim in Württemberg (1852), mehrere Heiligenstatuen für einen Altar im Dome zu Augsburg (1854), eine Gruppe von dreizehn lebensgroßen Figuren, »Christus und die Apostel,« für den Hauptaltar der Stadtpfarrkirche zu Velden bei Landshut in Niederbayern (1855), »eine Anbetung der Könige« für die fürstl. von der Leyensche Kapelle zu Weel (1856).
Bis dahin war er noch immer für Sickinger beschäftigt gewesen; nun übertrug ihm der Verein für Ausbildung der Gewerke in München den Modellirunterricht in der mit dein Verein verbundenen Schule. Knabl nahm diese Stelle um so lieber an, als sie ihm größere Selbständigkeit gewährte und zugleich einen schönen Wirkungskreis eröffnete. Noch im selben Jahre schuf er eine treffliche Statue der Maria in Lebensgröße, welche die Sammlung des Lord Acton in England schmückt. Die Kirche in Seifriedsberg in der Nähe der von Augsburg nach Ulm führenden Eisenbahn enthält eine gleichfalls im Jahre 1856 vollendete Marienstatue. Der kais. Kämmerer Graf Falkenstein erwarb von dem Künstler eine sehr schöne Maria in carrarischem Marmor, dessen erste größere Arbeit aus diesem Materiale. Zwei Jahre später wurden in der Kirche Marienberg im Vintschgau die lebensgroßen Statuen des heil. Benedict und der unbefleckten Empfängniß, aus Knabl's kunstreicher Hand hervorgegangen, aufgestellt und im nemlichen Jahre vollendete er eine heilige Anna für den Dom in Eichstedt. Eine »Krönung der Maria« für den Bischof Heinrich v. Hofstetter in Passau, welche sich des allgemeinsten und ungetheiltesten Beifalls aller Kenner erfreute, war gewissermaßen der Vorläufer seines großen Werkes für die restaurirte Frauenkirche in München.
Knabl betheiligte sich an der großen deutschen und historischen Ausstellung des Jahres 1858 daselbst, und die Akademie der bildenden Künste ehrte den bescheidenen Künstler durch die Wahl zu ihrem Ehrenmitgliede. Die Ausfertigungs-Urkunde nennt Knabl einen den alten deutschen Meistern verwandten und ebenbürtigen Künstler. Ein schöneres und besser begründetes Lob konnte ihm nicht zu Theil werden, keines konnte ihm nach seiner ganzen Richtung erwünschter sein.
Kurz darauf begann der wackere Berger die Restauration des Doms. Sollte das Werk ein harmonisches werden, so mußte es aus der Seele eines Einzigen hervorgehen, und wo nach der Natur der Sache dessen Kräfte nicht zureichen konnten, mußte es ihm überlassen bleiben, verwandte beizuziehen. Der Hochaltar der Kirche sollte, den besten Mustern nachgebildet, Malerei und Sculptur vereinigen, und Berger konnte Angesichts der Meisterwerke Knabl's keinen Augenblick zögern, dahin zu wirken, daß diesem der plastische Haupttheil desselben übertragen ward. Jede andere Wahl wäre ein entschiedener Mißgriff gewesen.
Durch seine »Krönung Mariä« hat sich der Künstler auf die höchsten Stufen der Kunst geschwungen und unsterblichen Ruhm erworben. Vor der aus lebensgroßen, rund gearbeiteten Figuren bestehenden Gruppe in Betrachtung versunken stehend, überkommt den Beschauer jene heilige stille Andacht, welche nicht nach Worten sucht, weil sie deren nicht bedarf, und mit seinem ganzen Gefühle eins ist. Die Madonna kniet, ihr Haupt voll unsäglicher Anmuth gesenkt, zu Füßen ihres göttlichen Sohnes und des Vaters. Beide sind im Begriff, ihr die himmlische Krone vereint auf's Haupt zu setzen, während der heilige Geist als Taube über ihnen schwebt. Selbst die principiellen Gegner seiner Richtung stimmen darin überein, daß selten etwas geschaffen worden, was der überirdischen Anmuth der Züge der Madonna gleichkäme und immer kehrt das Auge selbst von dem hohen Adel der Gestalt Christi und der milden und doch gewaltigen Kraft des Vaters zu der wunderbaren Schönheit und Demuth der Himmelskönigin zurück. Eine so kühn angelegte Gruppe von nicht weniger als vier unten schwebenden Engeln hat noch kein Bildhauer vor ihm zu schaffen gewagt, und wie verstand er es, das Charakteristische des Schwebens bis in die kleinste Einzelnheit dieser Gestalten durchzubilden! Sein Werk ist in jedem Zoll ein echt deutsches. Es erinnert und muß dies um der künftigen Umgebung willen thun, an das deutsche Mittelalter, aber der Künstler vermied, indem er einerseits die ganze, im festen Glauben jener Zeit wurzelnde Innigkeit und die heilige Einfalt eines über dem wüsten Treiben der Welt erhabenen, kindlich reinen und gottbegeisterten Sinnes wiedergab, andrerseits alle die Härten und Ecken, das Steife und Unbeholfene der Bewegung, das Kleinliche und Knitterige des Faltenwurfs. Er zeigt uns, was vielleicht die Begabtesten jener Kunstperiode geschaffen haben würden, wenn sich ihnen der Adel und die Feinheit der classischen Welt schon erschlossen gehabt, und er steht deshalb um so viel höher als sie, weil er beide Elemente vereinigt.
Das Altarwerk im Münchener Dom wird wohl Knabl's bedeutendstes Werk bleiben, wenigstens hat er bisher nichts mehr geschaffen, was demselben gleichgestellt werden könnte. Knabl ist Miteigenthümer der Mayer'schen Kunstanstalt in München geworden und entwickelte für sie eine sehr bedeutende Thätigkeit, doch, wie Manche behaupten wollen, nicht ganz zum Vortheile seiner Kunst. Sein in Marmor ausgeführtes Altarbild für die von Berger erbaute Pfarrkirche in der Münchener Vorstadt Haidhausen, welches sich in der internationalen Kunstausstellung zu München 1860 befand, wird jenem ersteren ähnlichen Werke entschieden nachgesetzt.
Knabl ist Ritter des bayerischen Michael-Ordens.
Carl Albert Regnet: Münchener Künstlerbilder. Ein Beitrag zur Geschichte der Münchener Kunstschule in Biographien und Charakteristiken. Leipzig, 1871.
Verschiedenes.
(Todesfälle). Der kgl. Professor der Akademie der bildenden Künste und Bildhauer Joseph Knabl in München ist am 3 November nach längerem schweren Leiden im Alter von 62 Jahren in München gestorben. Knabl wurde am 17 Juli 1819 zu Fließ im Oberinnthal (Tirol) als Sohn von Landleuten geboren. 1834 kam er zum Bildschnitzer Renn zu Imst, 1837 wendete er sich nach München, woselbst er bis 1843 in den Ateliers von Entres und Sickinger, dem Kunststudium obliegend, thätig war. Von 1843 an arbeitete er selbständig. Nach verschiedenen Reisen durch Deutschland begann er eine sehr umfassende Wirksamkeit, welche sich vornehmlich auf Bildwerke in Holz und in Stein für Kirchen erstreckte. Zahlreiche Gotteshäuser haben Schöpfungen seines Talentes als ihren Schmuck aufzuweisen. Den Dom zu München schmückte er durch sein Hauptwerk, den prachtvollen Hochaltar mit der Krönung der Maria. Ihm folgte dann der Hochaltar mit der Taufe Christi für die neue Pfarrkirche in der Vorstadt Haidhausen – und an deren Außenseite in Marmor eine Kreuzigung des Heilandes mit Maria und Johannes. Seit 1862 war er Professor an der königl. bayerischen Kunstakademie zu München, nachdem ein eigener Lehrstuhl für christliche Skulptur für ihn an derselben gegründet worden war, und erhielt dann das Ritterkreuz des königl. bayerischen Verdienstordens vom heiligen Michael verliehen. Seit Jahren war der Verstorbene der artistische Leiter der G. Mayr'schen Kunstanstalt zu München.
Allgemeine Zeitung Nr. 309. Augsburg; Samstag, den 5. November 1881.
Verschiedenes.
München, 6 Nov. Bei der Bestattung von Prof. Knabl sprach M. Carriers als Sprecher der Akademie nachfolgende Worte: »Tieferschüttert stehen wir Mitglieder der Kunstakademie, Lehrer wie Schüler, an der offenen Gruft, die einen edlen Mann aus unserer Mitte nimmt, welchen wir achtzehn Jahre lang mit Stolz und Freude den Unsrigen genannt. Joseph Knabl, schon als Hirtenknabe wie einst Giotto der Kunst beflissen, bewahrte sein reines natürliches Gefühl, als er durch tirolische Schulen und Münchener Werkstätten ging, so daß es ihm gelang, für christliches Empfinden und Leben die ausdrucksvollen Formen zu finden, die er in hervorragenden Werken ausprägte und als der geistige tonangebende Leiter einer großen Kunstanstalt in Deutschland und Frankreich, ja über den Ocean hinaus, verbreitete. So schuf er den Hochaltar unserer Frauenkirche, und wie wir ihn noch ohne die Uebermalung und Vergoldung im schlichten Holztone bewunderten, da gemahnte er uns an die deutschen Werke eines Schonhofer und Vischer, die italienischen eines Andrea Pisano und Ghiberti, so waren die überlieferten Typen mit frischer Lebenswärme erfüllt und zu idealer Schönheit durchgebildet. Männer wie Kaulbach und Schwind, wie Widenmann und Piloty, glaubten in einmüthiger Anerkennung sich selbst zu ehren, wenn sie ihn zum Ehrenmitgliede der Akademie erwählten, und hochwillkommen war es uns, ihn bald darauf zum Lehrer der religiösen Plastik an die Akademie berufen zu sehen. Als echtem Künstler lag es ihm fern, nach fertiger Schablone arbeiten zu lassen; er suchte vielmehr die Eigenart seiner Schüler zu erwecken und zu entwickeln, und so sahen wir, wie sie nicht minder an Scenen des täglichen Lebens oder der antiken Heldensage, wie an Gestalten der biblischen Geschichte und der Heiligenlegende ihre Kraft übten und erprobten. War er selber, der treue Sohn seiner Kirche, doch jedem engherzigen Zelotismus fremd und reichte er gern auch dem Bekenner eines anderen Glaubens die Hand, so wie er den Bergen, wo er geboren, seine Anhänglichkeit bewahrte und zugleich unter uns heimisch die Siege und die Einigung des neuen Vaterlandes mit herzlicher Theilnahme begrüßte. Seine menschliche Tüchtigkeit war die Grundlage der künstlerischen, sein milder, liebevoller Sinn, der ihn zum Freund der Kinder, zum Väterlichen Berather der Schüler, zum Tröster und Helfer der Nothleidenden machte, spiegelte sich in der Innigkeit und seelenvollen Anmuth seiner Gebilde, die Pflichttreue im Leben setzte sich fort in dem unablässigen Studium der Natur und der alten Meister, wie in der Sorgfalt, mit welcher er seine Arbeiten ausführte. So bleibt sein Andenken ein gesegnetes, und so möge sein Vorbild fortwirken in der nachstrebenden Künstlerjugend, so möge es der Akademie vergönnt sein, daß der Zweig der Kunst, den er gepflegt, in seinem Geist fortwachse und gedeihe zur Ehre Münchens, zur Erhebung und Veredelung des Volksgemüths!«
Allgemeine Zeitung Nr. 313. Augsburg; Mittwoch, den 9. November 1881.
Nekrologe Münchener Künstler.
XX. Joseph Knabl.
Joseph Knabl wurde am 17 Juli 1819 zu Fließ bei Landeck in Tirol geboren. Seine Eltern waren arm, der spärliche Unterricht auf die kleine Schule beschränkt. Ein drohendes Gehörleiden curirte der wackere, weit und breit auch als Heilkünstler verehrte Pfarrer Alois Mooser, welcher dem Patienten lange Zeit täglich frische Milch in das kranke Ohr melken ließ, bis das Uebel verschwand. Als Hirtenjunge that er die ersten Dienste, übte sich dabei im sicheren Wurf in die Weite, im Springen und instinktiv im Holzschnitzen. Roß und Reiter und anderes Spielzeug für sein Schwesterlein lieferte das Taschenmesser, natürlich in jenem archäistischen Style, welcher schon jene phönicischen Industrie-Erzeugnisse auszeichnete, womit die klugen Händler an der Ostsee der germanischen Jugend den Bernstein-Tausch bezahlten. Einen großen Eindruck machte es auf den aufgeweckten neunjährigen Knaben, als der blinde Bildhauer Jos. Kleinhans (Joseph Kleinhans, geboren 24 Sept. 1774 zu Nauders, gestorben 9 Juli 1853 ebendaselbst. Vgl. über diesen merkwürdigen Künstler die Artikel in Wurzbachs Lexikon, 1864 XII. 62 und im neuesten Bande von Liliencrons »Allg. Deut. Biographie.«) auf einer »Kunstreise« auch in das nahe Fließ kam und ein selbstgefertigtes lebensgroßes Crucifix, woran der Heiland im Augenblicke des Verscheidens das Haupt neigte, vorwies und explicirte. Knabl bot Alles auf und bestürmte das väterliche Herz mit Bitten, bis er den zum Entrée benöthigten Kupferkreuzer erhielt, welcher auch der Schwester den Anblick des Wunderwerkes eröffnete, welches alsbald, selbstverständlich mit bedeutender Verbesserung des Mechanismus, im Kleinen nachgeahmt wurde. Dergleichen Arbeiten weckten die Aufmerksamkeit des braven Pfarrers, welcher endlich mit der Ansicht durchdrang, das offenbare Talent des zur schweren Feldarbeit untauglichen Knaben bei dem in ganz Tirol und weit über dessen Gränzen hinaus wohlbekannten Meister Franz Xaver Renn (Der aus einer alten Künstler-Familie stammende Franz Xaver Renn wurde am 16 October 1784 zu Imst geboren und starb am 5 September 1875.) in Imst ausbilden zu lassen. Renn war kein »Schnitzler,« womit in Tirol überhaupt nur die Spielwaaren- und Herrgottsfabricanten im Grödener Thale bezeichnet werden, sondern gleich seinem Vater, dem angesehenen Joseph Chrysostomus Renn († 1806), ein kunstgerechter und auf der k. k. Wiener Akademie unter Käßmann und Professor Zauner 1800–1806 geschulter Bildhauer, welcher in seiner Heimath zu Imst ein großes Atelier eröffnete, aus welchem wohl an 6000 Statuetten, eine Menge Altarwerke und außerdem 35 Schüler hervorgingen, welche ihrem Lehrer, größtentheils als namhafte Holzbildhauer, zur Ehre gereichten. Joseph Knabl wurde, der Reihe nach als der zwölfte, am 8 October 1833, und zwar »mit einer Lehrzeit von drei Jahren« aufgenommen. Der im Wachsthum sehr zurückgebliebene und äußerst schwächliche jüngste Schüler, welcher später jedoch Alles nachholte, erhielt seiner kleinen Gestalt wegen, um die Werkbank zu erreichen, einen eigenen, später lange noch mit dessen Namen belegten Stuhl. Mit Feuereifer und im edelsten Wettkampfe rivalisirte Knabl mit seinen Mitschülern; es gab Dissidien, so zwar daß Knabl noch vor Ablauf der Lehrzeit seinen Meister am 3 November 1835 verlassen mußte. Muthig wagte er im Geleite seines Mitschülers, des sogenannten »langen« Joseph Müller aus Pettnau, einer wahren Reckengestalt wie aus den Tagen des sagenberühmten Ostgothenhelden Dietrich von Bern, den Weg nach München, wo die bitterste Enttäuschung seiner harrte. So mochte seiner Zeit wohl auch Pietro Vanucci aus Perugia vertrauensselig nach Florenz gewandert sein. Beide Künstler bieten in ihren äußeren Erlebnissen und ihrem Bildungsgang überhaupt viele Aehnlichkeit. Jeder, der eine aus der Umbrischen Mark, der andere aus den oberinnthaler Geländen, kam aus der Schule eines Lehrherrn, von welchem die großen Meister an der Isar fast ebenso wenig wußten, wie die berühmten Collegen am Arno ehedem von Niccolo Alunno. Beide waren arm, wirklich blutarm, und brachten nichts mit als eine ursprüngliche Frische und tiefe Innerlichkeit. Erstere sah man ihnen auf den ersten Blick an, letztere zu beweisen ergab sich lange keine Gelegenheit. Knabl litt, in elenden Kleidern und im jammerwürdigsten Schuhzeug, den Winter hindurch die bitterste Noth, schlief wie der Peruginer in einem alten Kasten auf Stroh, und sah sich endlich gezwungen, überall wo er um »Condition« frug beharrlich abgewiesen, gleich einem Schiffbrüchigen in seine Heimath zurückzuwandern, da er in Imst nimmer anzuklopfen wagte. Enttäuscht, aber nicht entmuthigt, sann der wie jedes echte Naturkind damals schon vielen praktischen Sinn entwickelnde Kunstjünger darauf, durch kleine Arbeiten die Mittel für einen neuen besseren Erfolg zu gewinnen, schnitt allerlei nettes und handsames Hausgeräth, namentlich aber eine Anzahl von Pfeifenköpfen, worauf er Gemsen, Hirsche und anderes Wild und Gethier im Relief anbrachte. Mit zwei Prachtexemplaren dieser Art, einen mächtigen Sechzehnender und eine Jagd darstellend, wagte er nach Jahresfrist denselben Weg, und wirklich glückte es ihm zu München, seine originellen Arbeiten um etliche Kronenthaler bei einem Drechslermeister zu versilbern. Nun, wie er wähnte, im Besitz einer sicheren Erwerbsquelle, glaubte er den Schritt wagen zu dürfen, an der Aakdemie um Aufnahme zu bitten. Als Probearbeit wurde die Aufgabe gestellt, eine Statue zu copiren und zwar in Gyps. Knabl hätte in Wachs oder in Holz, was seine Concurrenten gewiß nicht vermochten, sein Pensum glänzend gelöst und jedes Vorbild in beliebiger Größe nachgeschnitten, aber in dem ihm völlig fremden Material mußte seine Hand unterliegen. Unbekannt mit dem dazu nöthigen inneren Gerüst und Aufbau, quälte er sich, auf Essen und Trinken vergessend, den ganzen lieben langen Tag, ebenso wie ehedem der kleine und später so große Ernst Rietschel, in die immer wieder zusammensinkende Masse eine bleibende Form und Gestalt zu bringen. Als dann schließlich der betreffende Classen-Professor kam, blieb derselbe überrascht vor dem mehr in die Breite verrinnenden Monstrum stehen und rief die übrigen Scholaren zusammen mit den Worten: »Den schaut an, der will ein Bildhauer werden!« Schlug die allgemein losplatzende Heiterkeit den armen Jungen gänzlich zu Boden, so vernichtete der darauf folgende Rath: »lieber ein Faßbinder zu werden,« die letzte Erwartung des Aermsten, welcher in seinem elenden Dachkämmerchen eine qualvolle Nacht verwälzte, und nur durch seinen festen Glauben an Gott – das einzige Gut, welches die Eltern ihm in die Fremde mitzugeben vermochten – abgehalten wurde, das brennende Weh in den nahen Fluthen der Isar zu begraben. Sein Entschluß stand fest: sich durchzureißen um jeden Preis! Wie? das wußte er freilich nicht. Alle Kraft seines Willens zusammennehmend, und das Maß seiner Bedürfnisse fast auf das Unmögliche reducirend, bloß um in der schönen Stadt bleiben zu können und seine neue Niederlage nicht wieder in die Heimath tragen zu müssen, schnitt er mit wochenlangen Mühen neue, wo möglich noch schönerere Pfeifenköpfe, welche er den verschiedenen Drechslern um geringen Lohn verkaufte, froh sein kümmerliches Dasein weiter zu fristen. Kein Wunder daß der ohnehin schon schwächliche, schlecht genährte und gegen die Unbilden des Klima's nicht geschützte, von Sorgen und Noth zerfolterte Jüngling in ein Nervenfieber verfiel; gute Leute brachten ihn nach dem allgemeinen Krankenhause, wo der durch seine virtuose Behandlung des Typhus damals berühmte Ringseis täglich dreimal am Lager erschien und seinen Schülern alle Stadien des in voller Wuth rasenden Fiebers demonstrirte. Er genas, und wurde als hungernder Reconvalescent und zu einem völligen Gerippe abgezehrt aus der Anstalt entlassen. Nun glückte es bei dem Bildhauer J. O. Entres (Joseph Otto Entres, geb. 13 März 1804 in Fürth, gest. 14 Mai 1870 zu München. Vgl. Beil. Nr. 141 zur »Allg. Ztg.« vom 21 Mai 1870.), wo der »lange Müller« in Arbeit stand, warme Aufnahme und einen guten Lehrer zu finden. Er hätte in keine besseren Hände gelangen können. Entres war einer der Vorkämpfer, welcher, den Kunsthistorikern Bahn brechend, die Erzeugnisse der mittelalterlichen Plastik wieder zu verdienten Ehren brachte; ausgerüstet mit einem fast instinktiven Kennerblick, getragen von einer gründlichen Begeisterung, hatte er mit beinahe leidenschaftlichem Sammeleifer eine große Anzahl ganz vorzüglicher Holz-Sculpturen zusammengebracht, welche er immerdar seinen Schülern erläuterte und als mustergültige Vorbilder empfahl. Diese mußten sie copiren, ihre virtuose Technik und Schönheit ergründen und sich aneignen, um dann aus dem gleichen Geiste heraus mit gleicher Wahrheit und Liebe zu schaffen. Während Knabl mit brennendem Lerneifer tagsüber hinter seinen alten Modellen saß und sich bald an eigene Schöpfungen wagte, da Entres auf Konrad Eberhards Empfehlung viele schöne Aufträge erhielt, zu deren Vollführung er mancherlei helfende Kräfte und Mitarbeiter bedurfte, benützte der unermüdliche Schüler auch noch die langen Winterabende, um auf eigene Faust und als weise Ergänzung der Tagesarbeit nach der Natur zu studieren. Erst construirte er sich eine wirksame Lampenbeleuchtung, zeichnete mit einigen Genossen, darunter der vorgenannte »lange Müller« und der wackere Triendl (aus Hall), schön gelegte Draperien nach feinen Wollenstoffen, ging dann zur Natur über, wobei sie sich wechselseitig Modell standen, bis ihre allmählich verbesserten Finanzen auch den Luxus eigener Acte erlaubten. So gestaltete Knabl seinen charakteristischen Styl, indem er die in scharf accentuirter Innerlichkeit ausgesprochene knappe Form der alten Meister mit dem Schönheitsgefühle der Gegenwart verband. Die nicht genug empfehlenswerthe Sitte, jeden Abend nach dem lebenden Modell zu zeichnen, behielt er lange Zeit bei, selbst als sein Name und seine Werke schon eine gefeierte Aufmerksamkeit erworben hatten, und genoß hiedurch den Vortheil bei dem eigenen Schaffen, vollständig der Natur sicher, nie durch den Zufall eines Vorbildes bestimmt und eingeengt zu werden. Ebenso beobachtete er die vom alten Renn vererbte Methode, zu keinem Werk ein gleich großes Thonmodell anzulegen, sondern begnügte sich mit einer kleinen, aber sorgfältigst ausgeführten Skizze, oft nur eines genauen, wie von einem Kupferstecher mit dem Bleistift oder der Feder gezeichneten »Handrisses,« wonach er unmittelbar in der bestimmten Größe an die Herstellung des verlangten Originals ging und dabei jede Handreichung eines Gehülfen zurückwies.
Es wird sich wohl schwerlich mehr die Reihe der Arbeiten, welche aus dem Entres'schen Atelier hervorgingen, und wie weit Knabl dabei als intellectueller Urheber oder als ausführende Hand betheiligt war, festsetzen lassen. Gleichviel; die Tradition bringt seinen Namen mit dem der Kanzel gegenüberstehenden lebensgroßen Crucifix in der Auer-Kirche in Verbindung, ebenso mit den Reliefs an den Thüren der Münchener Peterskirche. Sie tragen indessen mit vorwiegend malerischer Wirkung den peruginesken Ton des alten Konrad Eberhard, welchen auch Johann Petz (Johann Petz, geb. 16 Mai 1818 zu Leermoor, gest. 7 März 1880 zu München.) theilte. Als letzterer von Entres wegging, um sich selbständig zu machen, folgte ihm Knabl nach. Beide associirten sich und lieferten gemeinsame Altarbauten, bis Knabl von Anselm Sickinger (Vergl. den Nekrolog auf A. Sickinger in Nr. 293 der »Allg. Ztg.« vom 20 October 1873.) engagirt wurde und um den höchsten Lohn, welchen Sickinger bezahlte (er honorirte jeden Arbeitstag mit einem Kronenthaler, eine damals ganz unerhörte und vielbeneidete Leistung), bei diesem »in Condition trat.« Hier im gewaltigen Schaffen großer Werke, welche er vom rohen Baumstamm bis zur letzten Vollendung durch seine Hand gehen ließ – sie wanderten alle unter Sickingers Firma in die Welt – fand Knabl sich selbst, nachdem kurz vorher noch ein Dämon ihm eingeblasen hatte, ob er nicht eigentlich doch mehr zum Maler berufen sei – eine unbegreifliche Verirrung, welche ihn beinahe ein Jahr lang verfolgte; er griff nach Pinsel und Palette und malte einige Portraits und eigene Compositionen, copirte einige breite Zopfstücke aus der Blüthezeit dieser geschickten Techniker, bis endlich sein richtiger Beruf wieder die Oberhand errang. Mit Feuereifer kehrte er zur Plastik zurück. Es konnte nicht fehlen, daß seine originellen Leistungen die öffentliche Aufmerksamkeit beschäftigten. Insbesondere waren es die Sculpturen für den Hochaltar in der Domkirche zu Augsburg, welche Knabls Namen rasch in Umlauf brachten, darunter die Gruppe mit der hl. Afra, die des Künstlers Ruhm begründete: ein krausköpfiger wilder Scherge bindet die auf dem Holzstoße stehende Heilige fest; er verrichtet sein Amt mit solcher Kraft und Wuth, daß er, um die Schleife möglichst fest zu ziehen, den Strang noch mit den Zähnen faßt, indeß der Andere mit der Fackel die Scheiter anzündet; inmitten dieser stark realistisch ausgeprägten Gestalten steht nun die hohe Märtyrin, mit einem wirklich classischen Adel und einer göttlichen Ruhe und Verklärung; schöne Draperien umschließen den holden, anmuthvollen Leib – eine höchst dramatische, von den größten Gegensätzen belebte und gehobene Scene. Den anderen Seitenflügel nimmt St. Ulrich ein: ein Engel bringt ihm das Kreuz herab; im Hintergrund ist die Lechfeldschlacht angedeutet. Das Mittelbild stellt das Abendmahl dar. Eine andere gewaltige Arbeit, die »Verleihung der Schlüsselgewalt an Petrus,« mit dreizehn lebensgroßen Figuren, lieferte Knabl für Sickingers Altar nach Velden (in Niederbayern). Da sein »Lohnherr« dem Künstler hartnäckig die Anbringung seines Namens verweigerte, kam es zu Erörterungen, worauf Knabl um 1854 dieses Atelier verließ, um sich jetzt auf eigene Füße zu stellen, wozu Bestellungen alsbald von allen Seiten einliefen. Er hatte genug für Fremde gearbeitet. So lieferte er schon seit Jahren für einen schwäbischen Bildhauer einen ganzen Wald der originellsten Skizzen, jede (einen Schuh hoch aus Lindenholz rund geschnitten) die Arbeit eines Feiertages, wofür er den ärmlichen Sold eines Louisd'or empfing. Sie kamen fast insgesammt und leicht begreiflich ohne den Geist des Urhebers unter fremdem Namen zur Ausführung.
Zu den eigenen Schöpfungen Knabls gehörten z. B. die Figuren eines heil. Martinus (für Bamberg) und Benedict (für Marienberg im Vintschgau), ein großes Crucifix, mehrere »Madonnen,« darunter auch eine für Lord Acton, dann die Reliefs an den Thüren zu dem von Ludwig Lange erbauten Neuen Museum in Leipzig (darstellend die allegorischen Frauengestalten der Skulptur, Malerei und Architektur, wozu Schwind die Zeichnung entwarf) u. s. w., als deren Folge der Künstler 1856 eine Professur an der »Modellirschule des Vereins zur Hebung der Gewerke« erhielt, eine Stelle, welche er aber nach wenigen Semestern an seinen Landsmann Triendl übergab, da er sich im freien Schaffen doch zu sehr beschränkt fühlte. Die Statue einer »heil. Anna« (für den Dom zu Eichstätt) erregte auf der Münchener Kunstausstellung 1858 durch die Virtuosität in Behandlung der Gewänder (darunter auch ein fliegender Schleier) allgemeine Bewunderung, so daß die Akademie der Künste den bescheidenen Mann zum Ehrenmitglied ernannte, welcher indessen mit Aufträgen, insbesondere durch den kunstsinnigen Bischof Heinrich Hofstetter von Passau († 12 Mai 1875), förmlich überladen wurde. Für diesen Prälaten, dessen Augenmerk durch Knabls Vermittelung auch auf den bisher unbegreiflicherweise zurückgesetzten Historienmaler Joseph Anton Fischer (gest. 20 März 1859) und den Glasmaler Joseph Scherer gewendet wurde, schuf Knabl unter anderem das große »die Krönung Mariens« vorstellende Hochaltarwerk für die Passauer Votivkirche, (Vgl. Jakob Lettner: »Die Votivkirche in Passau.« Ebendas. 1864, und die Schrift desselben Verfassers über die Heil. Geistkirche daselbst, 1865.) von so durchgebildeter formgewandter Technik, daß ihm auch bei der folgenden Restauration der Münchener Frauenkirche das Mittelbild des großen Altarschreines übertragen wurde, wozu Meister Moriz v. Schwind seine herrlichen Compositionen malte. (Vgl. die ausführliche Schilderung in Anton Mayers »Monographie der Münchener Frauenkirche.« 1868. S. 295 ff. Für den genannten Dom lieferte Knabl noch eine Statue des heil. Antonius von Padua, dann im Auftrage des Reichsraths Joseph Anton Ritter v. Maffei den figurenreichen Bartholomäus-Altar (1865) und den Trinitätsaltar. Vgl. übrigens Wurzbachs Lexikon. 1884. XII, 133 ff., und Regnets »Münchener Künstlerbilder.« 1871. I. 325 ff. Eine ganz vorzügliche Schilderung von Knabls Gruppe »die Krönung der Madonna« gab Julius Grosse in Nr. 269 Abendblatt zur »Neuen Münchener Ztg.« vom 18 Nov. 1860, August Lewald in Nr. 59 Abendblatt der »Wiener Ztg.« vom 16 Juni 18608, Friedr. Pecht in Nr. 333 der »Süddeutschen Zeitung« vom 3 Juli 1861.) Nach dessen Vollendung wurde Knabl (1863), welcher kurz vorher eine glänzende Berufung nach Düsseldorf erhalten aber dankend abgelehnt hatte, für die Münchener Akademie gewonnen. Nachdem hier früher für die Bildhauerschule nur ein Professor, der echt hellenisch gebildete, feinfühlige Max Widnmann, angestellt war und schon öfter den Wunsch nach einer Lehrkraft zur Pflege der specifisch religiösen Bildnerei, insbesondere der Holzskulptur, verlautet hatte, übertrug man jetzt diesen neuerrichteten Posten, und zwar nach dem einstimmigen Antrag des gesammten Collegiums, an Joseph Knabl. Traun, eine höchst ehrenvolle Auszeichnung! Daß die Stelle wirklich einem Bedürfnisse entsprach, beweist der Umstand, daß die Schülerzahl alsbald um das Doppelte stieg und sich seither in derselben Höhe erhielt. Es lag eine erhebende Genugthuung darin, als angesehener Lehrer geliebt und geehrt, an derselben Anstalt zu wirken, welche ihm vor fünfundzwanzig Jahren als unbefähigt und ganz talentlos unter Spott und Hohn die Aufnahme als Lehrling verweigert hatte. Knabl rächte sich an dem Urheber seiner Verweisung niemals, ehrte denselben nach Verdienst, nahm ihn sogar gegen ungerechte Angriffe in Schutz, wies aber die spätere Einladung Schwanthalers, in dessen Werkstätte einzutreten, jedesmal standhaft zurück.
Schon im Jahr 1859 trat Knabl in die von Joseph Gabriel Mayer begründete und nach ihm benannte »Kunstanstalt für kirchliche Arbeiten« (am Stiegelmayer-Platz) und entfaltete, da er nichts halb that, bald eine energische Thätigkeit, fertigte Hunderte von Zeichnungen und Skizzen, corrigirte die Arbeiten der zahlreich um ihn gesammelten Schüler und jüngeren Künstler, darunter auch Joseph Leonhard Mayer, der begabte Sohn des Vorstandes, welcher später als Subdirector sich dem Meister unterordnete und gleichstellte und nach dessen Tod nun die ganze artistische Führung in seine Hände nahm. Darüber erhob sich nun eine Fluth von Klagen und Vorwürfen gegen Knabl. Die Wenigsten ahnten und wußten, daß in dem ebenso unnöthig verhimmelten wie ungerecht bescholtenen Mittelalter, abgesehen von den sogenannten Bauhütten, auch ähnliche »Fabriken« – wir bitten das Wort im richtigen Sinne als Daktylus zu betonen – existirten und erinnern z. B. nur an Michel Wohlgemuths Vorbild und Beispiel. Thatsache ist und bleibt, daß Knabl eine bewundernswerths Kraft und Originalität bewährte, und sein bestes Wissen und Können seinen Eleven vermittelte. Wenn auch manche mindere Waare eines Anfängers und eine weniger glückliche Copie oder vielfache Wiederholungen die Anstalt verließen, so steht doch fest, daß kein Stück dem Meister zur Unehre gereichte, welcher an strenger Kritik, stetem Beirath und täglicher Controle sein Bestes that. Auch lehrt die tägliche Erfahrung, daß mancher Gemeinde mit einem vollendeten Mustergebilde ersten Rangs weder nach Maßgabe des Kostenpunktes, noch des Geschmackes geholfen wäre, und daß die Meinungen der Besteller von den Ansichten der wirklichen oder eingebildeten Kunstverständigen oft himmelweit verschieden sind. Ein Tiroler Blatt glaubte neuerlich sogar mit frommem Ausblick dem todten Künstler mit echt tirolischer Lieblichkeit die Distel ins Grab werfen zu müssen, daß Knabls Genius mit dessen Eintritt in die genannte Anstalt zu sinken begann. Der süße Mob dachte indessen nicht daran, daß gerade während dieser Zeit seine edelsten Schöpfungen entstanden: all die vorgenannten Bildwerke für die Münchener Frauenkirche; die Statue des Welterlösers für den Innsbrucker Friedhof (Diese in Carrara-Marmor, eben wie alle Sculpturen in Haidhausen und eine frühere »Madonna« für den kais. Kämmerer Grafen v. Falkenstein, als stattlicher Beleg, daß Knabl auch in Behandlung dieses Malerials excellirte.); die Hochaltarbilder für die von Matthias Berger neu erbaute Pfarrkiche in der damaligen Vorstadt Haidhausen; dazu die vierzehn kolossalen Statuen an der Facade dieses edel erdachten Münsters; dann die neuen Seitenaltäre im Dom zu Augsburg, wozu Jos. Scherer die Flügelbilder malte. (Der »Kreuzweg« daselbst ist in die Hände von Jos. Beyrer gelegt, gleichfalls ein Schüler des alten Renn, und in seiner Manier vielfach an Knabls Vorbild gemahnend, ohne jedoch dessen Leitung je genossen zu haben); ferner die Hochreliefgruppe für die Afra-Capelle bei Friedberg; das von Sr. Maj. König Ludwig II allerhuldvollst in die Capelle der Landshuter Trausnitz gestiftete Votivbild; die mit Beiträgen von Sommerfrischlern und Eingebornen in Tutzing errichtete »Mariensäule;« die Gruppe mit der hl. Lucia in Metz; drei Statuen in Stein für die Stuttgarter Marienkirche; die Arbeiten für St. Jodok in Landshut. Das Alles und unzählige andere Compositionen (Ein großer Theil derselben ist durch Albert v. Hanfstängl in guten Photographien verbreitet.) ersann und vollendete in unermüdlicher Frisch dieser unverwüstliche Genius, welcher, wenn die besagte Tiroler Fabel seines »Sinkens« nur ein Körnlein Wahrheit enthalten hätte, von der Münchener Akademie weder zu ihrem Mitglied erwählt, noch fortwährend zu ihren Zierden gerechnet worden wäre. Die Akademien in Düsseldorf und Wien ernannten ihn zu ihrem Ehrenmitglied, und zwar mit den rühmlichsten Diplomen. Andere hohe Auszeichnungen und Ordensverleihungen erfolgten von Bayern, Preußen und Oesterreich. Die einzig zulässige Frage bliebe vielleicht, welch weitere Entwicklung sein Styl etwa bei einer geringeren Ueberbürdung von Aufträgen noch eingeschlagen hätte; die Lösung dürfte jedoch schwerlich nach Sinn und Wunsch der besagten Nergler und Naderer ausgefallen sein.
Eine gleichfalls über der offenen Bahre aus Tirol wieder aufgewärmte und herübergeschleuderte Neidrede behauptete, Knabl sei seinen Collegen und insbesondere seinen Landsleuten niemals hold gewesen, und kaum einer habe ihm seine Hülfe zu verdanken gehabt. Möglich, daß Knabl, wie Mancher, der bitterliche Erfahrungen durchzukosten hatte, vielleicht allzu ängstlich auf Erwerb bedacht war – aber den in allen Gestalten auf ihn einrückenden Forderungen hätte auch kein Anderer zu genügen vermocht. Doch reicht von seinem Jugend- und Leidgenossen Triendl wohl eine schöne Kette von Wackeren, welche in Rath und That seine Hülfe erprobten. Collegialen Neid kannte er nicht. Daß er seinen Landsleuten nach Möglichkeit gerecht wurde, ist mit Zahlen zu beweisen, da fünfunddreißig Tiroler Künstler unter ihm in der Mayer'schen Anstalt Verwendung fanden. Daß vielleicht mancher Jüngling mit größeren Erwartungen kam und in seinen Hoffnungen enttäuscht wurde, ist leicht möglich; ebenso, daß Knabl vielleicht in manchem Urtheil irrte. Aber böswillige Absicht unterlief gewiß keine, denn sein Wille war immer gerade und ehrlich und ohne voreingenommene Engherzigkeit. Der Local-Patriotismus mißt immer ungleich, verhimmelt das Kleine und verhimmelt das Große.
Mit dem vollen Bewußtsein seines Könnens hielt Knabls große Bescheidenheit jedoch gleichen Schritt, alles Gute anerkennend und fördernd, ohne Kleinlichkeit und Neid. Ein abgesagter Feind aller, von vielen Künstlern nur zu gern gehegten Reclame und Lobhudelei, erkaufte er von einem schnöden Literalen, welcher ihm seine gewandte Feder antrug, dessen – Schweigen mit schwerem Gelde, weil er von einem Robert Lecke nicht gelobt sein wollte. Tiefer Ernst bildete den Grundzug seines Wesens, welches jedoch bei rechter Temperatur zu herzlicher Fröhlichkeit sich öffnete; dann erschloß er auch die Schatzkammer seiner humoristischen Erzählungen, welche, von mimischer Beweglichkeit begleitet, immer eine zwerchfellerschütternde Lustigkeit entzündeten. Oefters, nach schwerer, mühevoller Arbeit, verwandelte sich sein momentan ausgeräumtes Atelier in eine behagliche Stätte heiterer Geselligkeit. Da gab es Weihnacht-Picknicks mit christbäumlichen Freuden, wobei einmal auch zwei arme armenische Priester gasteten, welche damals milde Gaben um Gotteslohn in München sammelten. Die beiden machten große Augen über der glitzernden Pracht, noch mehr aber als nach dem Vorgange des Hausvaters auf einmal die ganze Gesellschaft in einen wahren Paroxismus von Edelmuth ausbrach und mit einer improvisirten Auction zum Besten dieser ehrwürdigen Brüder alles entbehrlichen Metalls sich entäußerte. Dann folgte später eine »Hebwein-Feier,« wobei ein früherer, sehr behäbiger Schüler Knabls, welcher der Kunst entsagte, um seine Weinberggüter zu bewirthschaften, die ersten Proben seiner Cultur-Verbesserung producirte, und insbesondere Meister Moriz v. Schwind als önologischer Kenner sich entpuppte, und ebenso durch den gründlichen Umfang seines Wissens, wie durch das Feuer und die gleichmäßige Ruhe und Klarheit seines humoristischen Vortrags bewährte. Später vereinte der Sport des Kegelns eine ganze Maler- und Bildhauer-Colonie in dem benachbarten Garten, wo die mit dem Alter wetteifernde Jugend dieser urgermanische Göttergymnastik mit titanischer Kraft oblag. Bei einem der früheren Atelier-Feste gab ein aus Ungarn angekommener wuchtiger Kalksteinblock – welcher vielleicht heute noch seiner Bestimmung entgegenharrt, obwohl der Meister ganz außergewöhnliche Tugenden in diesem Material gefunden haben wollte – plötzlich die Idee, neuen lebenden Portrait-Statuen aus der Gegenwart zu dienen: jeder der Anwesenden mußte hinauf, stellte sich mittelst allerlei Atelier-Apparats in selbsteigene Positur, während die übrigen als charakteristische Karyatiden oder in figurenreichen Gruppen den Sockel schmückten. Die Tollheit ging bald in Methode über und forderte unwillkürlich die Kritik heraus, welche den pausbackigen Redefluß eines schöngeistigen Poeten prächtig persiflirte. Den Schluß dieser schönen, unter lieben edlen Menschen in einmüthiger Freude verbrachten, nur allzu schnell verrauschten Stunden bildete 1879 die Hochzeit seines einzigen Sohnes. Dabei ergab sich die für die glückliche Jugend freilich nicht bemerkte Wahrnehmung, daß die Zahl der »Freunde aus den alten Tagen« schon stark gelichtet war, als die Stützen der Neuzeit ihr trautes Heim gründeten. Ein feuchter Blick und ein bedeutungsvolles Wort aus dem Munde des Vaters gab der tiefsten Regung Ausdruck, welcher jedoch bald wieder über dem leuchtenden Glück des jungen Paares verschwand. Karl Knabl (geb. 26 Jan. 1850) verrieth frühzeitig gleiche Begabung zur Ton- wie zur Farbenkunst; beide Fähigkeiten wurden gehörig ausgebildet, wobei die Neigung zur Palette bald überwiegend hervortrat. Er entwickelte seine schönen Kräfte und ging aus Piloty's Schule als selbständiger achtenswerther Genremaler hervor. Der brave Sohn war der Trost, der Stolz der glücklichen Eltern, welche auch die weitere Freude erlebten, die Ankunft zweier Enkelchen feiern zu können.
Dem Mangel einer früher versäumten Bildung suchte unser Künstler standhaft abzuhelfen; im schlimmsten Fall gelang es ihm aber auch denselben klug zu bergen. Sein von keinem Geringeren als dem jetzt so geachteten Kunsthistoriker Cavalcasella erlerntes Italienisch brachte ihn oftmals nach dem Süden, zuletzt noch auf längere Zeit, mit dem Historienmaler A. Scherer, nach Rom und Neapel; durch Schwaben führte ihn eine frühzeitige Studienreise an den Rhein, dann nach Belgien, wiederholt kam er nach Oesterreich; bei verschiedenen Ausstellungen, wo er als Jurymitglied berufen ward, ging er auch nach Paris und London, wo ihm insbesondere die altenglische Glasmalerei imponirte, so zwar, daß er die Mayer-Anstalt in ihren Plänen zur Errichtung eines ähnlichen Etablissements lebhaft bestärkte.
In hohem Grade, ebenso wie Moriz v. Schwind und Franz Pocci, besaß Knabl die vielen Fachgenossen ganz unbegreiflicherweise fehlende Gabe des künstlerischen Sehens und eines unverwischbaren Gedächtnisses. Jede Physiognomie, welche ihm, wenn auch nur vorübergehend, einigen Eindruck gemacht hatte, vermochte er nach Jahrzehnten mit frappanter Wahrheit aus der Erinnerung zu zeichnen. Ebenso faßte sein scharfes Auge jede Licht- und Schattenseite eines Charakters. Seine Hand wäre deßhalb auch ganz für die Carricatur geschaffen gewesen; öfters bot ein liebenswürdiger Schalk ihm auch den Stift. Den spielenden Humor künstlerisch zu bannen, ergriff er einmal auf den Wunsch eines großen Mäcen die Gelegenheit, ein Buffet mit den vier Jahreszeiten und allerlei Schnickschnack auszuführen; sein Eifer aber erkaltete über der Arbeit, die trotz dem Widerstreben des Künstlers vom Besteller angenommen wurde. Mit Allegorien und ästhetischen Spielereien konnte sein ernster Geist sich nicht befreunden; alle seine Schöpfungen kamen aus einem tiefgläubigen Gemüthe und ergriffen deßhalb auch den verwandten Beschauer. So blieb seine Kunst vorzüglich auf das religiöse Fach beschränkt, und das mit Recht. Hier war er ganz in seinem Element. Dazu paßte sein Styl. Es gibt wenige Menschen, welche sich rühmen können, ein neues Gepräge ihrer Sprache aufgedrückt zu haben. Knabl hat dieß in epochemachender Weise gethan. Welch' Nutz oder Lehre dis Zukunft daraus zu ziehen vermag, wird sich zeigen, da es eine trostreiche Wahrheit ist und bleibt, daß ein edler Mensch nicht umsonst gelebt und gewirkt hat. Seine Werke folgen ihm nach. Vor dem höchsten Tribunal der ewigen Schönheit wird ihn keines anklagen.
Im Sommer des laufenden Jahres erkrankte Knabl an einer imaginären Vergiftung; er schrieb sein Leiden einer in einem Gasthause genossenen übelbereiteten Speise zu. Wie dem auch sei, er litt schwer darunter und sah bald abgezehrt und gebeugt aus. Im hochgelegenen Obladis erholte er sich nur langsam; die Nachcur in der Heimath wirkte. Er kam wohlgemuth zurück, aber seine kräftige Natur hatte sichtbar doch einen Treff: er war ein gebrochener Mann. Seine projectirten Arbeiten rückten vor, griffen ihn aber an. Er docterte vielfach. In der zweiten Hälfte des Oktober packte ihn die Krankheit wieder, deren Ende ihm klar vor Augen stand. Mit Mannesmuth ordnete er Alles, nahm Abschied von seiner Familie – er hatte dreiunddreißig Jahre in glücklicher Ehe gelebt. Noch einmal schien eine trügerische Hoffnung auf Besserung aufzutauchen, dann folgten zehn lange Tage in großen Schmerzen, die er gefaßt und ergeben mit vollem Bewußtsein ertrug, bis ihn am 3 November der Tod erlöste.
Der schöne, beinahe südländische Kopf Knabls erinnerte auffällig an den von Holbein auf dem sogenannten Solothurner Madonnenbilde dargestellten »heil. Ursus.« Seine Schüler, darunter viele Namen von gutem Klang, gaben ihm nach der reichgeschmückten Gruft ein stattliches Ehrengeleite; eine Menge theilnehmender Freunde folgten und zahlloses Volk. (Vgl. Carriere's Grabrede in Nr. 313 der »Allg. Ztg.« vom 9 Nov. 1881.) Kränze und Palmen wurden über dem Sarge gehäuft. Und das Alles galt einem Manne, der keine andere Gewalt hatte als über den Meißel, welchen er aber auch handhabte und regierte gleich einem der Besten aller Zeiten.
Allgemeine Zeitung Nr. 351. Augsburg; Samstag, den 17. Dezember 1881.
Knabl: Joseph K., Bildhauer, geb. am 17. Juli 1819 zu Fließ bei Landes in Tirol; stammte von armen Landleuten, that Hirtendienste in seiner Jugend und schnitzte aus eigenem Antrieb, kam dadurch 1833–35 zu dem Bildhauer Franz Xaver Renn in Imst, wo er eine gute Grundlage erhielt, welche darauf zu München bei Jof. Otto Entres durch das Studium der altdeutschen Holzsculptur wesentlich gefördert wurde. Darüber vernachlässigte K. ebensowenig das Studium der Natur, wie der Antike und bildete so mit überraschender Begabung für schöne, großartige Formgebung seinen eigenen originellen Stil aus, welcher beiläufig um 1853, während K. in A. Sickinger's Atelier arbeitete, zum Durchbruch kam und große, ungetheilte Bewunderung fand, insbesondere durch eine den Martyrtod der hl. Afra darstellende Gruppe (im Dom zu Augsburg), welche an die besten Werke Tilman Riemenschneider's erinnert. K. etablirte sich nun selbständig und schuf eine stattliche Reihe von Sculpturen in Holz und Marmor, welche seinen Namen glänzend begründeten, z. B. ein lebensgroßes Crucifix, mehrere Madonnen, darunter eine für Lord Acton etc., in deren Folge der Künstler 1856 eine Professur an der »Modellirschule des Vereins zur Hebung der Gewerke« erhielt, welche er jedoch bald wieder, sich allzusehr im eigenen Schaffen beengt fühlend, an seinen gleichfalls reich begabten, leider bald darauf verstorbenen Landsmann Trientl abtrat. – Auf der Münchener Kunstausstellung 1858 erregte eine lebensgroße Statue der »Hl. Anna« durch die virtuose Behandlung der Gewänder allgemeine Bewunderung, sodaß K. zum Ehrenmitglied der Akademie der Künste ernannt wurde; gleichzeitig betraute ihn Bischof Heinrich Hofstetter in Passau mit mehreren großen Altarwerken, dabei auch eine »Krönung Mariens«, welch letzteres Thema K. für den Hochaltar der neurestaurirten Münchener Frauenkirche so glücklich wieder in Anwendung brachte, daß die Akademie der Künste den genialen Meister zu ihrem wirklichen Mitgliede ernannte und für K. eine eigene Professur zur Pflege der religiösen Bildnerei, insbesondere der Holzsculptur, errichtet wurde (1863). Inzwischen trat K. 1859 in die von Jos. Gabriel Mayer begründete und nach ihm benannte »Kunstanstalt für kirchliche Arbeiten« (am Stiegelmayer-Platz), wo er für sein unermüdliches Schaffen eine erwünschte Thätigkeit fand, hunderte von Zeichnungen und Skizzen schuf, die Arbeiten der zahlreich um ihn gesammelten Schüler und jüngeren Künstler corrigirte und so eine vielbeneidete Wirksamkeit begründete. Zu Knabl's edelsten Schöpfungen zählen die Arbeiten für die Münchener Frauenkirche; die Altarbilder für die Kirche zu Haidhausen und alle Statuen an der Facade dieses von M. Berger erbauten Münsters; die neuen Seitenaltäre im Dom zu Augsburg; die Hochreliefgruppe für die Afrakapelle bei Friedberg; das von Sr. Maj. König Ludwig II. in die Kapelle der Trausnitz (bei Landshut) gestiftete Votivbild; die Gruppe mit der hl. Lucia in Metz; drei Statuen für die Stuttgarter Marienkirche; die Arbeiten für St. Jodok in Landshut und unzählige andere. Es gibt nur wenige Menschen, welche sich rühmen können, ihrer Sprache ein neues Gepräge aufgedrückt zu haben; K. that dieses mit seiner Kunst in epochemachender Weise. Seine originelle Erfindung und sein ächt deutscher Stil sichern ihm eine bleibende Stelle neben den Besten aller Zeiten. K. starb, vielfach ausgezeichnet, z. B. als Ehrenmitglied der Akademieen zu Düsseldorf und Wien, nachdem er eine zahlreiche Schule begründet hatte, am 3. Novbr. 1881 zu München.
Vgl. Wurzbach, 1864, XII, 133 ff. Regnet, Münchener Künstler, 1871, I, 325 ff. Seubert, 1879, II. 350. Beil. 351 Allg. Ztg., 17. Dec. 1881.
Hyac. Holland.
Dr. phil. Hyazinth Holland: Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig, 1882.
Knabl Josef, 1819 (Fließ am Inn/Tirol) – 1881, Bildhauer, Akademieprofessor und Ehrenmitglied der Akademien von Düsseldorf und Wien; K. hat als Tiroler Hirtenbub aus eigenem Antrieb geschnitzt, hat später bei Renn in Imst und in München bei K. Eberhard, J. D. Entres und A. Sickenberger gelernt; seine Kunst fußt ganz im Geist des Mittelalters und zeichnet sich durch Natürlichkeit und religiöse Innigkeit des Ausdrucks aus.
Hauptwerke: Krönung Mariens auf dem Hochaltar der 1868 neugotisierten Münchner Frauenkirche, Taufe Christi in der Deutschordenskirche zu Bad Mergentheim, Anna Selbdritt im Dom zu Eichstätt (1858 bei der Münchner Kunstausstellung preisgekrönt), Figuren in vielen bayerischen neugotisierten und neugotischen Kirchen und in der St.-Johannes-Pfarrkirche in Haidhausen-München; Ks. Werke sind im Geiste der seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts so beliebten Neugotik, die der Gegenwart süßlich-unnatürlich gilt.
© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.
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* 26.1.1850 (München)
† 15.6.1904 (München)
Bildhauer, Genremaler und Landschaftsmaler
Münchener Rundschau.
Aus dem Münchener Kunstleben.
Todesfall. Am 15. d. M. starb nach längerer Krankheit der durch seine aus dem Tiroler und altbayerischen Volksleben genommenen Stoffe wohlbekannte Münchener Genremaler Karl Knabl. Geboren am 26. Januar 1850 als der Sohn des nachmals so berühmten Plastikers und Alademieprofessors Joseph Knabl (1819–1881), wendete er sich anfangs gleichfalls zur Skulptur, ging aber bald, seinem eminenten Farbensinn folgend, ganz zur Malerei über, die er dann unter Pilotys Leitung kultivierte. Zuerst brachte Knabl den »Bestohlenen Geizhals«, welchem die Diebe – man denkt unwillkürlich an Lessings darauf bezügliche Fabel – einen »verdammten Stein« an die Stelle seines Schatzes legten. Dann kam eine »Schusterwerkstätte«, ein »Junger Zitherspieler« und das »Verborgene Genie« eines in seine Schnitzerei ganz versunkenen Hirtenknaben; die »Fingerhackler«, der im Ringkampf mit Tiroler Robblern »Besiegte Herkules«, eine stürmische »Eifersuchtsszene«, »Steierische Flößer auf der Mur«, ein Thema, das er schliesslich in einer »Floßfahrt ans der Isar« wiederholte, eine wahre altbayerische Idylle, welche sich gerade auf der Weltexposition zu St. Louis befindet. Verschmitzte »Wilderer«, ein Tiroler »Heuschlitten« und andere Arbeiten brachte Knabl noch im vorigen Jahre zum Abschluß. In unermüdlicher Weise tat er sich nimmer genug und ging nie an die Arbeit, ohne zuerst in einer Unzahl von Studien geschwelgt zu haben. Dabei zog er auch das Porträt und insbesondere die Landschaft in den Bereich seiner artistischen Tätigkeit. So durchzog er das ganze Gebiet des »Wilden Kaiser«, ebenso die Salzach- und Inn-Gelände und viele von Touristen nicht allzu häufig besuchte Ferner- und Gletscher-Gegenden. Als emsiger Radler durchstreifte er ganz Italien, wobei er mit einem Trio von gleichgemuteten Freunden den erstaunt aufhorchenden Bewohnern der Romagna, Apuliens und Calabriens altbayerische Weisen, Schnaderhüpfel und Jodler zum besten gab. Hierbei begleitete ihn immer die Zither, während in der Heimat, insbesondere bei Künstlerfesten, die Freude an der Harfe überwog, die er mit einer mehr als dilettantischen Bravour zu seinem Lieblingsinstrument erwählte. Nächtelang die Freunde durch sein tiefgefühltes Spiel zu fesseln und zu entzücken, gehörte zu seinen stillen Freuden. Seit 1879 glücklich verheiratet, tröstete er sich, seine beiden Töchter das artistische Ingenium teilten, während sein einziger Sohn zum Eintritt in die kaiserliche Marine sich vorbereitete. Nun hat der weitgewanderte, vielseitig begabte Künstler in den Arkaden des südlichen Camposanto, unter der von Freundeshand errichteten imposanten Statue seines berühmten Vaters, die letzte stille Rast gefunden. Wir hätten dem stillen, völlig anspruchslosen Mann noch viele Dezennien seiner erfreulichen Wirksamkeit gewünscht und gegönnt!
Allgemeine Zeitung Nr. 276. Dienstag, den 21. Juni 1904.