Inhalt | Register | |



33 – 3 – 15 (Schmid)

Ω

Hier ruhen:
Frau Cäzilia Schmid,
Aktuars-Gattin,
geb. d. 21. Febr. 1816, gest. d. 18. Febr. 1890.
Ihr folgte
unser lieber Vater
Herr
Josef Leonhard Schmid
pens. Vereins-Aktuar und Gründer
des J. Schmidschen Marionettentheaters
Inhaber des Verdienstkreuzes v. hl. Michael
und der Luitpold-Verdienst-Medaille,
geb. zu Amberg 29. Jan. 1822.
gest. zu München 31. Dez. 1912

Familien-Grab

Josef, geb. d. 24. März 1851, gest. d. 4. Juli 1851.
Maria, geb. d. 16. August 1848, gest. d. 19. März 1853.
Franziska, geb. d. 6. Dez. 1854, gest. d. 10. Febr. 1855.
Rosa, geb. d. 4. Oktbr. 1852, gest. d. 2. August 1857.

Zwei Portraits-Medaillons

Warum bist gute Mutter Du gegangen
Von uns, die wir so treu an Dir gehangen.
Was ließest Du verwaist uns hier zurück
O möchtest Du herab aus jenen Höhen
Auf unsre Trauer, unsre Thränen sehen
Umschließt doch dieses Grab all unser Glück.

Ω

|||

Josef Leonhard Schmid

Papa Schmid (ps)

* 29.1.1822 (Amberg/Oberpfalz)
† 31.12.1912 (München)
Gründer des Marionettentheaters an der Blumenstraße

Münchener Anzeiger (25.11.1858)

München, 24. Nov. Wir verkünden somit den guten Münchnern, Groß und Klein, Alt und Jung, daß ihnen Gelegenheit geboten wird, bisweilen ein Stündchen fröhlich um wohlfeilen Preis zuzubringen. Nämlich: Nächsten Sonntag Nachm. 4 Uhr wird ein neues großes Marionetten-Theater (Lokal: Prannersstraße Nr. 11) eröffnet und zwar kein gewöhnliches oder von ordinärer Facon. Ueber 50 der herrlichsten Dekorationen von einem wirklichen Künstler gemalt, mehr als 80 kostbare Figuren, ein Repertoire ausgezeichneter Stücke zur Erbauung und Belustigung, wozu, ganz namhafte Schriftsteller Beiträge geliefert und stets liefern werden! Ein überaus begabter Casperl wird sich bei aller Lustbarkeit stets in den Schranken des Anstandes zu halten wissen. Auch in kulturhistorischer und literärgeschichtlicher Hinsicht wird das Marionettentheater von Interesse sein, weil wir von den alten, originellen Puppen spielen (wie z. B. den ächten Doktor Faust u. a. m.) zu sehen bekommen werden, versteht sich: mit Hinweglassung dessen, was man sich dermalen nicht mehr vorzuführen erlauben dürfte. Also kommt und urtheilt selbst! Der Zettel wird das Nähere bekannt geben.

Münchener Anzeiger Nr. 327. Beilage zu den neuesten Nachrichten. Donnerstag, den 25. November 1858.

Landshuter Zeitung (7.12.1858)

Zur Eröffnung der Marionetten-Theaters in der Prannersgasse strömte heute eine solche Menge, jung und alt, herbei, daß Hunderte aus Mangel an Platz abgewiesen werden mußten. Leider befand sich unter diesen auch Ihr Correspondent, so daß derselbe außer Stand ist, Ihnen über diese neue Unternehmung etwas näheres mitttheilen zu können, als daß nach dem Vorstehenden das Marionetten-Theater sicher etwas sehr »zeitgemäßes« sein muß. Doch darüber ein andermal mehr.

Landshuter Zeitung Nr. 279. Dienstag, den 7. Dezember 1858.

Landshuter Zeitung (11.12.1858)

Das Münchner Marionettentheater – eine zeitgemäße Unternehmung.

München, 8. Dezbr. Gelegentlich der Eröffnung des Marionettentheaters haben wir diese Art kindlicher Unterhaltung eine zeitgemäße genannt, was wohl draußen in den kleinen Städten und auf dem Lande als Ironie aufgefaßt werden ist. Und doch ist es uns vollkommen Ernst damit!

Die Kinder in einer großen Stadt haben heutzutage eigentlich keine Jugend mehr. Sie werden gemeinlich unter Aufsicht von Hofmeistern und Gouvernanten gehalten, denen – letztere sind meist Französinen – die eigene Kindheit selbst längst verloren gegangen ist. Der junge »Herr« und das junge »Fräulein« vom dritten Jahre an dürfen beileibe keinen Luftsprung mehr machen oder nach Kinderart sich tüchtig austollen! Fi donc! heißt es da gleich, mon cher, oder ma chère, c’est tout à fait à l’ordinaire ce que vous faitez! Aber sein gerade halten, die Füße ordentlich setzen, nicht links und nicht rechts schauen, die kostbaren Kleidchen nicht beschmutzen, die »Fräuleins« tragen natürlich bereits einen verhältnißmäßigen Reifrock, das ist die erste und höchste Aufgabe, die sich das Kind einprägen muß.

Wohl kaum ist diese Erziehungsweise drastischer dargestellt worden, als auf einem kleinen Gemälde, das hier im Kunstverein ausgestellt war, wo ein eifriger Hofmeister Mühe hat, das Gelüsten seiner beiden jungen Zöglinge zu bemeistern, sich unter die seitwärts vom Wege im kühlen Schatten erlustigende Dorfjugend zu mischen und da nach Herzenslust Purzelbäume zu machen! Die Lust, sich körperlich zu ermüden steckt in der Jugend und auch die besten jungen »Herren« schlagen über die Stränge, wenn sie sich unbeachtet fühlen, nur – arten sie dann aus, denn sie verfallen gewöhnlich ins Extrem.

Sind nun die armen Dingerchen erst sechs Jahre alt geworden, so kommt die gelehrte Dressur bei den Knaben, die Institutsdressur bei den Mädchen, und da wird in den meisten noch der letzte Rest kindlicher Natürlichkeit hinausdressirt!

Diese Kinder großer Städte haben keine Jugend, ihre Jugendfreuden verhalten sich zu denen anderer Kinder wie künstliche Blumen zu natürlichen. Was wissen sie denn von dem seligen Herumstreifen in Flur und Wald, was vom Baumklettern, vom Beerensuchen u. s. w. u. s. w.? Nichts, rein gar nichts! Die Heiterkeit naht sich ihnen stets nur im bordirten Kleide, sie salvirt ängstlich alle Dehors, und ehe sie recht da gewesen, ist sie auch schon wieder fort!

Für diese Jugend ist ein wohlgeleitetes Marionettentheater mit seinen köstlichen Späßen ein wahrer Segen! Da athmen sie andere Luft und die steifen Körper recken sich aus und durch die jugendliche Seele weht ein seltener Frühlingshauch, eine ganz andere Luft, wie sie in die Salons und Instituts-Lehrzimmer nie eindringen kann und auch nie eindringen mag. Die armen Kleinen können und dürfen hier doch einmal recht von Herzen lachen, was sonst gewöhnlich auch für sie ein verboten Ding und sehr à l’ordinaire ist! Der Humor, welcher in dem Puppenspiele herrscht, theilt sich dann auch der dressirten Kinderseele mit und hindert so deren ganz einseitiges Auswachsen.

Es hat uns immer in die tiefste Seele weh gethan, bei der Aufführung von Possen und Balletten Kinder im Hoftheater zu sehen! Um wieviel besser ist ihr Platz im Marionettentheater! Da hören und sehen sie doch nichts wirklich Unanständiges und verwöhnen nicht frühzeitig Aug und Ohr. Attitüden kommen da schon gar nicht vor und um die Erklärung von Zweideutigkeiten, und weshalb die Leute darüber lachen, haben sie hier nicht nöthig, die verehrlichen Eltern fragen zu müssen, denn in unserm Marionettentheater kommen zwar Späße, aber keine Zweideutigkeiten vor.

Der große Zudrang zu dem neuen, und wie man uns versichert, allerliebst ausgestatteten Theaterchen beweist, daß der Zweck seiner Gründung vom Publikum verstanden und gewürdigt wird. Für die Jugend kann es nur gut wirken, und darum und aus den angeführten Gründen haben wir es eine zeitgemäße Unternehmung genannt.

Landshuter Zeitung Nr. 282. Samstag, den 11. Dezember 1858.

Augsburger Abendzeitung (23.11.1876)

München. Das Münchener Marionettentheater bringt am künftigen Sonntag »Prinz Rosenroth« zur Aufführung. Es ist dieses das erste Stück, welches der verlebte geniale Jugendschriftsteller Graf Pocci für Schmids Marionettentheater geschrieben hat und womit dasselbe im Jahre 1858 eröffnet worden ist. Die hiezu nöthigen Dekorationen wurden damals von dem als Künstler bekannten General Heideck gemalt. Das Interesse für Pocci’s originelle Dichtungen, sowie für dieses niedliche Theater war so groß, daß das oben erwähnte Stück in Privatvorstellungen Sr. Majestät dem König Ludwig I. und den Prinzen des K. Hauses, sowie der Aristokratie vorgeführt werden mußte.

Augsburger Abendzeitung Nr. 325. Donnerstag, den 23. November 1876.

Allgemeine Zeitung (4.12.1898)

Ein Jubiläum. An jedem Sonntag Nachmittag eilen Schaaren von Kindern, aber auch zahlreiche Erwachsene einem einfachen Gebäude am Maffei-Anger zu, drinnen nehmen sie in einem bescheidenen Raume Platz, der sich durch eine Bühne als Theatersaal kennzeichnet. Weist er auch nichts von modernem Prunke, ja von irgendwelchm Schmucke auf, so birgt er doch ein wahres Kleinod: J. Schmids Marionettentheater hat hier sein Heim aufgeschlagen. Morgen feiert es sein 40jähriges Jubiläum. Einer solch eigenartigen und einzigartigen Schöpfung, wie diese Bühne sie darstellt, muß an solchem Tage wohl gedacht werden.

Uralt ist das Puppenspiel. Bei allen Kulturvölkern findet es sich auch heute noch vor, aber die Derbheit drückt ihm seinen Stempel auf. Einem großen Kinderfreunde, einem echten Dichter und Münchener, dem unvergeßlichen Grafen Pocci, war es vorbehalten, dem Puppenspiel die poetische Weihe zu geben. In sechs Bänden hat er seine »Dramatischen Spiele« für Kinder herausgegeben und wieder in sechs Bänden speziell für das Münchener Marionettentheater, das heute noch das alleinige Aufführungsrecht besitzt, sein »Lustiges Komodienbüchlein«.

Der eigentliche Schöpfer unsres Jubeltheaters war aber der bayerische Generalmajor v. Heydeck, der 1861 in München gestorben ist. In Spanien und in Griechenland hat er das Schwert, in seinen Mußestunden den Pinsel des Malers geführt. Für sich und seine Freunde schuf er ein reizendes Marionettentheater. Im Jahre 1858 wurde dasselbe durch Vermittlung des Grafen Pocci an Hrn. Joseph Schmid verkauft, der seitdem das Theater unter unsäglichen Mühen erhalten und verbessert hat und seitdem die Hauptrolle, den Kasperl, mit Hingebung und mit rauschendem Erfolg spricht. Vor 2 Jahren, als »Papa Schmid« seinen 75. Geburtstag feierte, hat es sich gezeigt, wie sehr er sich die Dankbarkeit der Münchener erworben hat.

Am 5. Dezember 1858 nun wurde das Theater im Haus des Schlossermeisters Kölbl in der Prannerstraße eröffnet. Graf Pocci hatte einen Prolog und ein Zauberspiel besonders gedichtet: »Prinz Rosenroth und Prinzessin Edelweiß«. Der Erfolg blieb nicht aus. Der große Förderer wahrer Kunst, in welchem Gewände sie auch auftrat, König Ludwig I., verschmähte es nicht, das Theater zu besuchen. Dieses mußte im Lauf der Jahre, nachdem es auch kurze Zeit im kgl. Odeon gehaust, eine häufige Wanderung antreten, bis es 1885 am Maffeianger seine dauernde Stätte fand.

So bescheiden auch der Zuschauerraum ist, so prächtig wirkt der Anblick der Bühne, wenn sich der Vorhang hebt. Verfügt doch die Regie über 300 brillante Dekorationen und mehr als 1000 reizend kostümirte Figuren, wahre Kunstwerke. Das ist nicht zu viel, wenn man weiß, daß das Repertoire mehr als 200 Stücke enthält. Bald vergißt man, daß man Puppen vor sich hat, von solcher Meisterhand werden sie geleitet, von solch tüchtigen schauspielerischen Kräften, die alle seit langen Jahren aus Lust und Liebe zur Sache thätig sind, werden die Rollen gesprochen.

Wir müssen es uns leider versagen, alle Namen hier aufzuführen, so verdient es auch wäre. Nur von den Dichtern und Künstlern, die am schönen Werke in selbstlosester Weise mitgeholfen, seien einige genannt. Der Universitätsprofessor Dr. Harleß, Franz v. Kobell, Hofmedikus Koch, Frhr. v. Gumppenberg haben Märchen und Schwänke für das Theater geschrieben, Otto v. Prätorius, Georg Krempelsetzer, Heinrich Schönchen haben die Musik zu den Zauberspielen komponirt, Bildhauer Kolp und Professor Knabel Hunderte von Figuren geschaffen. Keine Geringeren als Habenschaden und Simon Ouaglio lieferten die Dekorationen. Die Genannten weilen alle nicht mehr unter den Lebenden. Aber neue Gönner sind dem Theater erstanden, selbst in der Schweiz, im hohen Norden, in Holland. In München z. B. hat Papa Schmids Sohn, Karl Maria Schmid, zu manchem Zauberstück die hübsche Musik geschrieben und Prof. Karl Dietl und Hoftheatermaler Mettenleitner sind stets dazu bereit, ihre künstlerische Kraft zur Verfügung zu stellen.

So ist es möglich geworden und geblieben, in dem J. Schmid’schen Marionettentheater ein Unikum zu erhalten und einen nirgends sonst vorhandenen Quell voll herzerfreuender Frische. Das gereicht den Schöpfern und Gönnern, dem Leiter und der Münchener Bevölkerung zur gleichen Ehre. Möge diese »Spezialität« Münchens auch in der Zukunft erhalten bleiben! Sie ist weit weniger bekannt als andere, aber sie ist nicht die schlechteste. Denn sie gewährt einen Blick in Münchener Eigenart, in die Volksseele und Gemüthstiefe, die manchen Spötter verstummen lassen wird.

Allgemeine Zeitung Nr. 336. München; Sonntag, den 4. Dezember 1898.

Über Land und Meer (1901)

Das Marionettentheater in München

Zwischen dem alten, vielumstrittenen Sendlingerthor und der mächtigen Schrannenhalle in München liegt ein dicht mit Bäumen und Strauchwerk bepflanzter Anlagenplatz, der mit seinem künstlichen kleinen Teich und dem daraus abfließenden Bächlein eine ziemlich bescheidene Rolle unter den grünenden Oasen der Stadt einnimmt; er ist deshalb auch zumeist von Kindern und deren Hüterinnen beschlagnahmt. Eines schönen Tages kam nun eine hohe Magistratskommission des Weges und besichtigte besagte Anlagen in recht verdächtiger Weise. Nach einigen Monden begann eine Schar von Arbeitern ihre Thätigkeit; ein Teil der Bäume und des Gesträuches wurde entfernt, und allmählich wuchsen an deren Stellen massive Mauern aus dem Boden heraus, die sich gar bald zu dem eigenartigen Bau gestalteten, der sich heute als das Münchener Marionettentheater präsentiert.

Die bescheidene Äußerlichkeit des Gebäudes, das eine halbvergessene Stilart aufweist, hat natürlich dem Volkswitz verschiedentlich Anlaß gegeben, sich an der magistratischen Schöpfung zu erproben; als aber der ganze Bau, ein derbes Mauerviereck mit hohem Ziegeldach, vollendet dastand, zeigten sich die Leute schon zufriedener, und als der Giebelschmuck des Säulenportals, der die Figur des lustigen Helden Kasperl an der Hand einer Altmünchnerin und geleitet von einer allegorischen Frauengestalt zeigte, farbenprächtig auf die Passanten herabblickte, da war man zufrieden, und heute freut sich jedermann über den kleinen Musentempel, den der städtische Architekt, Bauamtmann Fischer, mit so richtigem Verständnis hergestellt hat. Das hübsche Giebelbild ist von Hans Beatus Wieland flott gezeichnet und gemalt.

Die innere Ausstattung des Theaterchens ist durchweg den praktischen Anforderungen entsprechend, im großen ganzen aber ziemlich einfach gehalten. Die Bühnenöffnung ist mit einer dekorativen Wandmalerei umgeben, die nach innen zu zwei kleine Porträtmedaillons, darstellend die seitherigen Direktoren der Bühne – von Heydeck und J. Schmid – zeigt. Im Zuschauerraum, dessen Sitzplätze sich in starker Steigung amphitheatralisch erheben, sind als einziger Wandschmuck sechs Medaillons mit in Sepiamanier ausgeführten Bildern aus der deutschen Märchenwelt zu ersehen. Münchener Künstler haben der Sache zuliebe freiwillig die diesbezügliche Arbeit übernommen, und zwar A. Balmer Dornröschen und Rotkäppchen, Otto Tragy den Gestiefelten Kater und die Sieben Raben, Adelbert Niemeyer Hansl und Gretl und Schneewittchen.

Ueber dem Bühneneingang ist ein beinahe lebensgroßes Porträt des berühmten Marionettentheaterdichters und Kinderfreundes Franz Grafen von Pocci, gemalt von seiner in München weilenden Tochter, angebracht. Elektrische Beleuchtung und zweckmäßige Beheizung fehlen in dem für etwa dreihundert Personen berechneten Raume natürlich nicht.

Von den Geheimnissen des Bühnenraumes soll nicht mehr verraten werden, als daß auch hier Vorsorge getroffen wurde, den sprechenden Künstlern Luft, Licht und Platz in ausreichender Weise zu bieten. Die Darsteller müssen sich freilich eine andre Behandlung gefallen lassen. Kein Theater der Welt kann sich rühmen, eine so große Anzahl ständigen Personals zur Verfügung zu haben. Es sind über tausend vortrefflich, teilweise künstlerisch geschnitzte und mit peinlichster Sorgfalt kostümierte Figuren vorhanden, die über dem Bühnenraum, in Säckchen verpackt und numeriert, gebrauchsbereit aufgehängt sind und zwar ohne Unterschied ihrer Stellung und ihres Charakters. König und Handwerksbursche, Engel und Teufel, Kasperl und sein Weib müssen sich da vertragen, bis die Direktion ihnen gestattet, in ihren Wirkungskreis einzutreten. Es existiert bereits eine Menge von »Theaterstücken«, die für die Zwecke dieses Bühne teils neu geschaffen, teils entsprechend bearbeitet wurden.

Der Ursprung des Marionetten- und Puppenspiels reicht bekanntlich bis in die fernsten Zeiten zurück, und sowohl die Franzosen als auch die Italiener haben seit mehr als einem Jahrhundert dasselbe in größerem Maßstabe betrieben. In München wurde das erste derartige Marionettentheater durch den damaligen Generalmajor von Heydeck Ende der vierziger Jahre eingeführt, der alles hierzu Gehörige eigenhändig angefertigt hatte. Im Jahre 1858 wurde dasselbe von dem derzeitigen Leiter Joseph Schmid übernommen.

Einen unermüdlichen Förderer und Protektor hatte die Sache seinerzeit an dem obenerwähnten Grafen Franz von Pocci – gestorben im Jahre 1876 – gewonnen. Dieser, einer der höchsten Kronbeamten des Landes, versorgte die kleine Bühne mit über fünfzig lustigen und gemütvollen Dramen, wie sie kindlicher Anschauung und Auffassung entsprechen; neben ihm findet man aber in der Theaterbibliothek hervorragende Schriftsteller- und Komponistennamen vertreten; bedeutende Künstler haben sich zeitweise an der Gestaltung und Kostümierung der Figuren und an der Ausschmückung der Bühne beteiligt.

Das Theaterunternehmen, solchermaßen trefflich organisiert und ausgestattet, untersteht auch in seiner neuen Gestalt der bewährten Leitung des »Papa Schmid«, der sich dem achtzigsten Lebensjahre nähert, auf eine zweiundvierzigjährige »Direktionsführung« zurückblicken kann und endlich den langgehegten Wunsch nach einem eignen Haus erfüllt sieht.

Am 4. November wurde das Theater für die kleine Welt eröffnet. Es kamen hierbei zur Aufführung ein Festspiel von B. Rauchenegger, »Das Glück ist blind«, Zaubermärchen von Pocci, und »Des Kinderfreundes Huldigung« von E. von Destouches. In dichten Scharen drängt sich jetzt wieder alt und jung durch die Pforte des Hauses. Der laute Jubel der Kleinen zeigt deutlich, welche Fülle von Vergnügen ihnen aus den Bühnenvorgängen erwächst; aber auch die großen »Kinder«, deren Zahl eine nicht geringe ist, verraten durch ihre zufriedenen Mienen, wie sehr es ihrem Gemüte wohlthut, sich nach Kinderart freuen und sich an der Freude der Kinder ergötzen zu können. B. R.

Über Land und Meer. Das Marionettentheater in München. Stuttgart, 1901.

Spemanns goldenes Buch des Theaters (1902)

Münchener Marionettentheater. Eine seit langen Jahren berühmte Heimstätte hat das Marionettentheater in München, wo es durch den bayrischen Generalmajor Karl Wilhelm v. Heydeck, einen hervorragenden Maler, begründet worden ist. Zuerst als Liebhaberei geschaffen, wurde es bald ein starkwirkendes Moment im Volks- und Kunstleben von Isar-Athen. Dies geschah, als der Aktuar Josef Schmid das zierliche Miniaturtheater übernahm, das über allerlei technischer Wunder, Requisiten, Fugwerke und Versenkungen verfügte.

Seine Stücke schrieb zuerst der phantasiereiche Dichter und Schriftsteller Franz Graf v. Pocci, ein in vielen Künsten bewanderter trefflicher Mann. Sein erstes Stücklein hieß: Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß; hiermit wurde das Marionettentheater am 5. Dezember 1858 eröffnet, vorher gab es einen gleichfalls von Pocci verfaßten Prolog. König Ludwig I. interessierte sich lebhaft für die wieder einmal neue Kunst und überließ ihr wiederholt einen Saal des Odeon zu den Aufführungen.

Nachdem die Schmidschen Puppenspieler wie eine echte Schauspielergesellschaft in München von Ort zu Ort wandern mußten, erhielten sie seit dem Jahre 1885, (wie uns Arthur Roeßler in der vortrefflichen Theaterzeitschrift »Bühne und Welt« erzählt), endlich ein eigenes Heim, das erste und einzige ständige Puppenspieltheater Deutschlands. Es ist im Biedermeierstil erbaut und sein »Fundus«, wie man in der Theatersprache sagt, ist ein wahrhaftes Archiv von Künstlerreliquien.

Größen der Münchener Universität, wie der Philosoph Prantl, der Theologe Ringseis, der große Mineralog und Dialektdichter Franz v. Kobell u. a. dichteten Zauberstücklein für die kleine Bühne, Musiker wie Lachner und Krempelsetzer lieferten die Musik dazu und erste Künstler schnitzten für Papa Schmid die darstellenden Puppen, wie auch erste Maler den kleinen Theatersaal mit ihren Zeichnungen schmückten.

Es ist ein Universalkunstwerk, diese Münchener Marionettenbühne, an der alles Grazie und Eleganz ist, an der alle Effekte der modernen Bühnentechnik mit Fixigkeit von statten gehen, wie denn mehrere von Schmids Mitarbeitern bereits seit über 30 Jahren an dem kleinen Werke thätig sind. Die Puppen sind künstlerische Meisterwerke in der Charakteristik, diese behäbigen Wirte, Bürgermeister mit Zipfelmützen, Dirndln, Handwerksburschen und Soldaten, Könige und Nachtwächter, Geister, Feen und Bürger – über 1200 Figuren enthält Papa Schmids feine Truppe.

Das Repertoire besteht außer den über 50 Stücken des Grafen Pocci, auch aus altüberlieferten Puppenspielen und aus Bearbeitungen moderner Bühnenwerke, »Afrikanerin«, »Freischütz«, »Walküre« – natürlich wirkt in allen der liebe, lustige Kasperle mit, der noch ebenso hungrig und durstig ist, wie sein Ahnherr im Mittelalter.

Spemanns goldenes Buch des Theaters. Berlin & Stuttgart, 1902.

Münchner Neueste Nachrichten (1.1.1913)

Lokales

München, 30. Dezember

Papa Schmid †

Zwei Tage, nachdem man seine treue Lebensgefährtin zur letzten Ruhe bestattet, ist auch Papa Schmid, der ewigjunge Direktor des Münchner Marionettentheaters, der in einem Monat seinen 91. Geburtstag feiern sollte, gestorben. Am Sonntag traf ihn zur Stunde, da seine Gattin beerdigt wurde, in seiner Wohnung am Unteranger der Schlag; seit dieser Stunde kam er, den der Tod seiner Frau so tief gebeugt hatte, nicht mehr zum Bewußtsein; er entschlief am Dienstag nachmittags 2 Uhr.

Mit Papa Schmid verschwindet vom Theater der Lebenden eine der markantesten Figuren des alten Münchens, der auch das neue München seine volle Sympathie bewahrt hat. Erst vor wenigen Monaten hatte er die Leitung seines Marionettentheaters mit Genehmigung des Magistrats, dem der kleine Kunsttempel in den Anlagen an dar Blumenstraße gehört, an seine langjährige Mitarbeiterin und an seine Tochter abgegeben.

Joseph Schmid war früher Vereinsaktuar. Durch General v. Haudeck wurde der Oberstzeremonienmeister Graf Pocci im Jahre 1838 auf ihn aufmerksam und übergab ihm sein Marionettentheater.

Am 5. Dezember wurde in der Prannerstraße Schmids Theater mit »Prinz Rosenroth und Prinzessin Lilienweiß« eröffnet. Siebenmal im Laufe der Jahre mußte das kleine Theater umziehen. Das 40jährige Jubiläum als Kasperldirektor feierte Papa Schmid noch am 4. Dezember 1898 im alten Hause, in einer Holzbaracke am Maffeianger; dieser Bau war in den 80er Jahren ihm vom Magistrat überlassen worden. Die Eröffnung des neuen Theaters in den Anlagen an der Blumenstraße fand am 4. November 1900 statt.

Manches Jubiläum, wie sein 50. Bühnenjubiläum, seinen 90. Geburtstag, durfte der alte Schmid noch in voller Rüstigkeit feiern; er blieb ein Liebling von alt und jung, von hoch und nieder, und jedes Kind kannte den großen, hageren, glattrasierten Mann mit den grauen Koteletten, mit den hohen Vatermördern, ein richtiger, lieber Typus aus dem alten München.

Papa Schmid hat seine Miniaturbühne trotz aller Volkstümlichkeit als eine Stätte der Kunst und der reinsten Freude für die Jugend geführt. Trotz mancher schweren Zeiten hat er tapfer zu seinen Puppen gehalten und die alte Tradition des Puppenspiels so über die kritische Zeit hinaus in die neue geführt, die sich dieser alten Kunst mit Begeisterung annahm. Selbst die modernen Versuche, das Marionettentheater raffiniert auszugestalten, hat der Volkskunst des Papa Schmid nicht geschadet. Im Gegenteil, sie hat gezeigt, daß sie dank ihres urwüchsigen Humors auch da den Sieg davontrug. Sein klassisch zu nennendes Repertoire, das er nur selten mit neuen Stücken versetzt, hat ihn und seine Kunst hochgehalten. Graf Poccis liebenswürdiger, gutmütig-derber, echt-münchnerischer Kasperl war der Schutzgeist seines Lebens und seines Hauses.

Tausendemal hat er mit dem Grundbaß seines Humors den Kasperl Larifari bis zu seinem 90. Geburtstag gesprochen. Nun ruht er aus für immer, aber im Herzen vieler Münchner wird er weiterleben, weiterleben solange die von ihm hochgehaltene volkstümliche Kunst im Tempel an der Blumenstraße wachbleibt.

Münchner Neueste Nachrichten No. 2. Mittwoch, den 1. Januar 1913.

Generalanzeiger (3.1.1913)

Bei Papa Schmid

Ein Leser schreibt uns: Papa Lang! Papa Geis! Papa Schmid! Drei Namen von vertrautem Klang für jeden Münchener. Des ersteren wird sich freilich nur noch die ältere Generation erinnern können. Mir war es noch vergönnt, ihn als köstlichen »Staberl« zu bewundern. Papa Geis, der Unverwüstliche, der nicht im Ostfriedhof begraben sein wollte, »weils da zu arg ziagt«, ragt noch mehr in die Gegenwart herein: sind doch erst ein paar Jahre verflossen, seit er »zur himmlischen Volkssängerschar« abberufen wurde. Und nun ist auch Papa Schmid dahingegangen! Wie der Schreiber dieser Zeilen einmal zu dem liebenswürdigen alten Herrn Direktor in ganz persönliche Berührung getreten ist, soll nachstehend erzählt werden.

Es war anfangs der achtziger Jahre. Als junger Mensch war ich zur Erlernung eines Metiers nach München gekommem Vas mich hier von Anfang an am meisten anzog, war das Theater. Die Vorliebe für dieses brachte ich schon mit, denn ich kam von einem Dörflein, wo fleißig »Komedie« gespielt wurde, wie das daselbst auch heute noch geschieht. Hier in München waren die ersten Stationen das Thaliatheater, das damals noch bestand, und Binders Volkstheater – der Billigkeit halber natürlich, denn das schmale Portemonnaie eines armen Lehrlings gestattete höhere Genüsse nicht. Ein »Zwanzgerl« aber ließ sich schon alle Sonntage erübrigen und dafür konnte man sich Dramen leisten wie »Der Gang zum Eisenhammer« oder »Hinko, der Freiknecht« oder »Der bayrische Hiesl.« Auch die »Räuber« habe ich sogar einmal für diesen geringen Obolus im Thaliatheater genießen können. Hie und da wurde auch die Sonntagsschule geschwänzt, die es damals noch gab, nur um ins Theater gehen zu können. Hin und wieder ging's dann auch ins Marionettentheater des guten Papa Schmid, das damals sein Standquartier in der Klenzestraße hatte. Dieser kleine Kunsttempel gemahnte mich ganz besonders an meine Heimats-»Komediehütten«, denn wie diese war auch das damalige Marionettentheater ein einfacher Bretterbau. Und in der amphi-theatralischen Anordnung der Zuschauerplätze im Innern glichen sie sich auch. Aber die Bühnenausstattung war natürlich bei Papa Schmid unvergleichlich besser und die geradezu fabelhaften Ausstattungseffekte und Zaubereien, die auf dem kleinen Theater vorgeführt wurden, nötigten uns Buben selbstverständlich die höchste Bewunderung ab.

Wohl jeder hatte den Wunsch, einmal einen Blick tun zu dürfen hinter die Kulissen, um zu sehen, wie das nun alles eigentlich gemacht wird. Und dieses Verlangen wurde eines Tages bei mir so stark, daß ich mutig einen Entschluß faßte: ich ging zu Papa Schmid und bat ihn, mich zum Rollensprechen in seine Künstlerschar aufzunehmen. Und noch heute ist mir in lebhafter Erinnerung, wie ich da zum ersten Male vor dem lieben Papa Schmid stand, der mit gütigem Lächeln, aber mit einem undefinierbaren, ein bißchen spöttischen Zug um den Mund, wie mir's später scheinen wollte, meiner Bitte Gewähr schenkte und mich »engagierte«. Und am nächsten Sonntag schon trat ich erwartungsvoll an und alle Buben, die wie gewöhnlich an der Tür zum dritten Platz sich stauten, blickten voll Neid auf mich, da ich durch die geheimnisvolle, für Nichtmitwirkende verbotene Pforte in das Haus treten durfte, um die Wunder alle ganz aus der Nähe zu schauen. Wenn ich aber geglaubt hatte, nun gleich zum Rollensprechen verwendet zu werden, so sah ich mich hierin freilich getäuscht. So schnell gehe das nicht, meinte Papa Schmid, erst müsse man da verschiedene niedere Dienste verrichten, dann erst könne man höher steigen. Er wolle mich erst einmal beim »Donner«-Apparat verwenden, das wäre schon ein ganz hervorragend ehrenvoller Dienst für einen Anfänger. Mein Künstlerstolz erlitt da freilich schon einen gelinden Stoß. Aber trotzdem »donnerte« ich ein paar Sonntage hindurch mit Eifer und Geschick, wie Papa Schmid anerkennend sagte. Aber da ereilte mich bei der nächsten Vorstellung mein Schicksal. Meine Gedanken waren gerade wo anders und ich überhörte das Stichwort, wo nach einem grellen Blitz ein krachender Donnerschlag einzusetzen hatte. Die ganze Wirkung der Szene war dadurch beim Teufel. Und als der Vorhang fiel, entlud sich, und zwar ganz ohne Apparat, ein gewaltiges Donnerwetter über mich Unglücklichen. Und da merkte ich, daß der gütige Papa Schmid gelegentlich auch ganz gehörig grob werden konnte. Er tröstete mich ja hinterher wohl gleich wieder und meinte, ich würde mit der Zeit die Sache schon besser verstehen. Aber mein Künstlerselbstgefühl war durch diesen »vor versammelter Mannschaft« erlittenen »sanften Anhaucher« geknickt. Ich schämte mich und blieb am nächsten Sonntag aus. Papa Schmid sah ich nicht wieder.

Aber eine liebe Erinnerung blieben mir die glücklichen Stunden doch immer, in denen ich damals als begeisterungsfähiger Junge einen Blick tun durfte in die Kulissengeheimnisse des Marionettentheaters des guten, lieben, alten Papa Schmid. J. B.

Generalanzeiger der »Münchner Neuesten Nachrichten« Nr. 5. Freitag, den 3. Januar 1913.

Münchner Neueste Nachrichten (3.1.1913)

Lokales
Hof- und Personalnachrichten

München, 2. Januar
Papa Schmid †. Am Donnerstag nachmittag wurde im Südlichen Friedhof Papa Schmid, der greise Gründer des Münchner Marionettentheaters, zu Grabe getragen. Eine mehr als tausendköpfige Menge bildete von der Aussegnungshalle bis zum kranzgeschmückten Grabe Spalier, namentlich waren auch viele Kinder unter der Menge zu sehen. Die Münchener Schuljugend war auf Veranlassung der Schulbehörde offiziell am Leichenbegängnis vertreten: die Oberklassen der Schule an der Blumenstraße schritten vor dem Sarge, zu dessen Seiten weißgekleidete Mädchen mit Blumenkörben gingen. Dem Sarge folgten mit den Angehörigen und vielen Freunden des Verstorbenen und seiner volkstümlichen Kunst, Stadtschulrat Oberstudienrat Dr. Kerschensteiner, als Vertreter der Stadt Magistratsrat Ed. Schmid, Vorstand Schwarz des Gemeindekollegiums, Oberstzeremonienmeister Graf Moy, Jos. Ruederer, P. Expeditus Schmidt, Prof. v. Hauberisser, Kapellmeister Horak u. v. a. Stadtpfarrkooperator Neureuther von St. Peter nahm die Einsegnung vor und hielt die Gedächtnisrede, in der er des Verstorbenen goldenes Herz und goldenen Humor pries, mit dem er Jung und Alt beglückt und vor allem Tausende und Abertausende von Kinderherzen höher schlagen machte und für alles Edle und Schöne zu begeistern verstand. Dann widmete Kunstmaler Leutner namens der Mitglieder des Marionettentheaters als deren ältestes »dem lieben, teuren Papa Schmid« Kranz und Nachruf. Hierauf traten die vier weißgekleideten Mädchen ans Grab und streuten aus ihren Körben Blumen auf den Sarg. Dazu sprach Oberstudienrat Dr. Kerschensteiner die schlichten Worte: »Die Münchner Schuljugend sendet ihren letzten Gruß dem alten Freund, der sie seit fünfzig Jahren beglückte.« Eine Musikkapelle beschloß die eindrucksvolle Trauerfeier mit dem Vortrag ernster Weisen. Von der Fülle der schon vor der Trauerfeier niedergelegten Kranzwidmungen seien hier noch erwähnt, die der Stadtgemeinde München (»dem edlen Jugendfreund«), Gabriel v. Seidls (»dem Beglücker der Jugend«) und der Mitglieder der von dem Sohn des Verstorbenen, Karl Maria Schmid, geleiteten Kapelle à la Gungl.

Münchner Neueste Nachrichten No. 5. Freitag, den 3. Januar 1913.

Generalanzeiger (3.2.1922)

Marionetten in München

Zu Papa Schmids 100. Geburtstag

Münchens älteste Kleinbühne, das Schmidsche Marionettentheater an der Blumenstraße, konnte am 29. Januar den hundertsten Geburtstag ihres Gründers Josef Leonhard Schmid festlich begehen. Ein treuer Mitarbeiter des Unternehmens, A. Riedelsheimer, hat aus diesem Anlaß eine »Geschichte des Münchener Marionettentheaters« geschrieben, dem wir folgende Angaben entnehmen.

In Bayern haben in verschiedenen Städten schon im 16. Jahrhundert Marionettenbühnen bestanden. Im 18. Jahrhundert fanden sich auf der Münchener Dult häufig Puppenspieler ein. Einer von ihnen, namens Mang-Hage, erschien 44 Jahre hindurch. Um 1840 bereiste der Mechaniker und Marionettenspieler Paul Bramer mit seinen 34 Zoll großen Figuren Südbayern und gab auch in München Vorstellungen. Einer seiner Theaterzettel, mit Zeichnungen fein säuberlich ausgestattet, ist in der Jubiläumsschrift wiedergegeben. Er kündigte die Aufführung der »unglücklichen Wildschützen« oder »Das lustige Elend« an, eines Lustspiels, das vom bayerischen Hiesl handelt, dessen Geschicke damals noch aller Gemüter bewegten.

Allen diesen Puppentheatern fehlten geeignete, einem feineren Geschmack und kindlichem Empfinden entsprechende Stücke. Pocci hatte schon einige geschrieben, aber sie kamen über Privattheaterchen nicht hinaus. In jungen Jahren war Josef Leonhard Schmid nach München gewandert. Der Sohn des Stadtorganisten in Amberg war als Singknabe ausgebildet worden, hatte die Buchbinderei erlernt und bei einem Vetter, der ein öffentliches Marionettentheater besaß, sich schon allerlei Kenntnisse für seinen späteren Beruf erworben. In München fand Schmid eine Stelle als Kanzlist mit einem Tagesverdienst von vierzig Kreuzern und hatte sogar den Mut, darauf seinen eigenen Hausstand zu gründen. Ein Bastler, befaßte er sich in seiner freien Zeit mit der Aufstellung von Krippen und eines kleinen Puppentheaters; viele Bekannte kamen in seine Wohnung im Deiglmayerhaus in der Dultgasse. So reifte in ihm der Gedanke, in München, das damals, 1858, 137,000 Einwohner besaß, ein öffentliches Marionettentheater zu errichten. Aber mit was? Stücke fehlten vor allem. Ein befreundeter Rechtsanwalt namens Kolb wies Schmid an den als Jugendschriftsteller schon bestens bekannten Grafen Franz von Pocci. An ihn richtete Schmid ein Gesuch. Der Graf schrieb an Schmid zurück: »Meine geringen Kräfte stehen zu Ihren Diensten. Jedenfalls dürfte es darauf ankommen, der Jugend nur Gesundes und Frisches zu bieten, da eine etwa superfeine Sentimentalität ebenso schädlich auf die Gemüter wirkt als die Roheit des Dultkasperl, dem ich aber stets selbst als der aufmerksamste und teilnehmendste Zuschauer angehöre.« Einige Tage später kam Pocci von Ammerland nach München und Schmid konnte ihm sein Anliegen selbst vortragen. Zunächst hatte aber Schmid noch wenig Aussichten. Sein Gesuch an die Polizeidirektion wurde als nicht spruchreif der Regierung überwiesen. Schmid mußte warten. Inzwischen hatte er erfahren, daß General Heideck sein allerliebstes Privatmarionettentheater, das auch König Ludwig I. und die Königin wiederholt besucht hatten, abzugeben bereit wäre, »wenn der richtige Mann käme«. Pocci empfahl Schmid aufs beste, und der General war bereit, ihm für 300 Gulden das Theaterchen zu überlassen. Für Schmid waren 300 Gulden ein Vermögen. Er fand indessen einen Geldgeber und auch ein Lokal im Hause des Schlossermeisters Kölbl an der Prannergasse 11, das um 300 Gulden gemietet und um weitere 160 Gulden ausgestattet wurde. Am 5. Dezember 1858 erfolgte die Eröffnungsvorstellung des großen Marionettentheaters, zu der Schmids hoher Gönner einen Prolog und ein Zauberspiel in drei Akten mit Gesang geschrieben hatte, »Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß«.

Graf Pocci sagt in seiner empfehlenden Ankündigung: »Wenn auch die Welt, wie man zu sagen pflegt, in ihrem Umschwung zeitweise anders wird, so bleibt dennoch eine Wahrheit, daß die Menschen immer dieselben sind. Die Jungen bleiben die Jungen, die Alten – die Alten und alles geht den althergebrachten Weg, wenn auch in wechselnder Form. Laufs der letzten Jahrzehnte läßt sich aber nicht selten die Klage vernehmen, daß die jungen nicht mehr jung sein wollen und selbst die Kleinen ihre Köpflein höher recken möchten als geziemend ist. Woher mag's aber kommen? Die Superklugheit möchte allüberall das Regiment führen und Einfalt oder Naivität scheint wirklich als ein altmodisches Möbel in die pädagogische Rumpelkammer gestellt worden zu sein.« Bald erwies sich das Lokal als unzureichend; durch das Entgegenkommen des Königs wurde dem Theater ein Saal im Odeon überlassen. Nachdem die Englische Gemeinde diesen Raum für ihre Gottesdienste zu erhalten wußte, begann eine Wanderschaft durch verschiedene Lokale, bis das Theater im Klenzegarten ein Jahrzehnt bleiben konnte. Als Papa Schmid auch von hier wieder vertrieben wurde, verlor er fast die Lust zur Fortführung. Da fand 1888 Baurat von Zenetti am Maffeianger für das Schmidsche Marionettentheater einen Platz, bis strengere Verordnungen für Feuersicherheit auch dieses Paradies der Jugend trafen, das sich nach vierzig Jahren abermals obdachlos sah. Nun traten aber gute Freunde, unter ihnen Stadtschulrat Dr. Kerschensteiner, tatkräftig für Schmid ein, und es wurde von Magistrat und Gemeindekollegium, bei denen das Jugendunternehrnen ebenfalls warme Fürsprecher fand – vor allem den Oberbürgermeister Dr. von Borscht –, der eigene Neubau an der Blumenstraße genehmigt. Seine Eröffnung hat am 3. November 1900 stattgefunden.

Zweimal hat die Stadt München, so hob Graf Franz von Pocci in seiner Gedenkrede am 30. Januar hervor, sich des kleinen Theaters angenommen, ein dritesmal hätte sie es tun sollen, statt ein anderes, an sich ja verdienstliches Unternehmen ins Leben zu rufen und damit sich selbst Konkurrenz zu machen. Die neuere Geschichte des kleinen Theaters, in dem auch Prinzregent Luitpold bei einer Kindervorstellung zu Gast war, viele Berühmte einkehrten, manche Festvorstellungen und Jubeläumsfeiern gegeben wurden, ist bekannt. Zu früheren Schriftstellern und Musikern gesellten sich neue und bereicherten den Spielplan dieser Bühne, der heute nahezu 300 Stücke umfaßt, mit dem alleinigen Aufführungsrecht für 53 Poccidichtungen. Was ging aber auch nicht alles hinter den Kulissen dieses Theaters vor, in dem über vierzig Jahre lang Adolf Lentner den Kasperl lenkte, die Gattin Schmids und seine Tochter die Puppen stilecht kostümierten und all die Gegenstände einer naturgetreuen Ausstattung geschaffen werden mußten!

Diese Klein-Kunst ist eine große Kunst, sie ist erzieherisch wertvoll, sie schenkt alt und jung das befreiende, göttliche Lachen, und so kann man nur aufrichtig wünschen, daß das Werk seinen Schöpfer noch lang überdauern möge. H. R.

Generalanzeiger der »Münchner Neuesten Nachrichten« Nr. 49. Freitag, den 3. Februar 1922.

Illustrierter Sonntag (12.1.1930)

Papa Schmid! Der unvergeßliche, gute Papa Schmid. Für die Alten eine unvergeßliche, reiche Erinnerung, für die Jugend eine fast sagenhafte Persönlichkeit, die heute noch in seinem Werk, dem Marionettentheater an der Blumenstraße, weiterlebt. Frau Klinger, die Tochter dieses feinsinnigen Mannes, verwaltet treu das Erbe. Kürzlich sahen wir uns das »Nußzweiglein« nach den Grimmschen Märchen in der Bearbeitung von Frau Klinger an und können aus voller Überzeugung allen Eltern den Besuch dieses reizvollen Marionettentheaters für ihre Kinder empfehlen. Hier blüht noch ein Lachen und ein Fröhlichsein, das unsere Kinderwelt in seinen besten Tiefen erfaßt. Der Beginn ist Mittwoch auf 4 Uhr, Samstag auf 3 Uhr festgesetzt.

Illustrierter Sonntag Nr. 2. München, den 12. Januar 1930.

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Schmid Josef Leonhard, genannt »Papa Schmid«, 1821 (Amberg/Oberpfalz) – 1912, Vereinsaktuar und Begründer des Münchner Marionettentheaters; als 16jähriger Buchbinderlehrling war Sch. Ende 1837 nach München gekommen, wo er schließlich Aktuar des Unterstützungsvereins für das Amts- und Kanzleipersonal wurde; 1858 machte er dem bekannten Jugendschriftsteller Graf Franz von Pocci den Vorschlag, »ein Marionettentheater für Kinder zu errichten und auf demselben (im Gegensatz zu den damals beliebten rohen Hanswurstiaden) nur solche Stücke zur Aufführung zu bringen, die dieselben nicht bloß unterhalten, sondern auch Sittlichkeit und Religiosität mehr und mehr in den Kinderherzen erwecken und erstarken machen sollten«; von Graf Pocci stammen 53 Stücke, für die das Münchner Marionettentheater das Alleinaufführungsrecht besitzt; nachdem Sch. auch das Miniaturtheater des Generals von Heideck erworben hatte, fand am 5. März 1858 die Erstvorstellung mit »Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß« von Pocci statt; trotz großer Erfolge hatte er einen schweren Existenzkampf um sein Theater, das vielfach wandern mußte, zu bestehen, bis im Herbst 1900 das heutige Marionettentheater an der Blumenstraße eröffnet wurde; 55 Jahre hat Sch. der Jugend und den Erwachsenen als humorvoller Darsteller des lustigen Kasperls gedient, er wurde von den Kindern als »Papa Schmid« verehrt, und sein Grab wird heute noch von den Kindern gern besucht.

© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.



© Reiner Kaltenegger · Gräber des Alten Südfriedhofs München · 2007-2026


Erstellt mit jutoh digital publishing software (Anthemion Software Ltd.)