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ARTHUR MÜLLER
* 1830 † 1873
DICHTER UND
SCHRIFTSTELLER
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Müller, Arthur; 1830 (Breslau) – 11.4.1873 (München), Tod durch Selbstmord; Schauspieler, Schriftsteller und Theaterschriftsteller
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* 1830 (Breslau)
† 11.4.1873 (München), Tod durch Selbstmord
Schauspieler, Schriftsteller und Theaterschriftsteller
Arthur Müller’s letztes Gedicht.
Die letzte poetische Schöpfung des Dichters Arthur Müller, welche dieser vor seinem Tode zu Papier gebracht und einem Schreiben an seinen Freund Possart beigelegt hat, lautet:
»Allmutter Erde – Deinen Sohn nimm auf!
Aus all dem Elend, der engherzigen Kleinheit,
Der außen mich umkriechenden Gemeinheit,
Wie sehn‘ ich mich zu enden meinen Lauf!
Allmächtig zieht es mich hinaus, hinauf,
Mein Ich will lösen sich in der Alleinheit,
Und für den frischen Odem der Allreinheit
Schlag‘ ich – wie gern! – Dies Dasein in den Kauf!
Ich that mein Tagewerk! Ich hab gestritten
Für Schönheit, Wahrheit, Freiheit, und gelitten!
Was dieser wundenreiche Kampf mir läßt,
Ist einst’ger Kraft doch nur ein schaler Rest.
Allmutter Erde gib dem Müden Ruh
Und laß ihn endlich wieder werden – Du!«
Unterhaltungs-Blatt der Memminger Zeitung No. 26. 1873.
Arthur Müller †.
Durch das »Journal« haben unsere Leser bereits die Trauerkunde von dem Ableben unseres geschätzten Mitarbeiters Arthur Müller erfahren. Die Gerüchte, welche über die Art seines plötzlich im besten Mannesalter erfolgten Todes und über Umstände, welche damit zusammenhängen sollen, umlaufen, sind, auch insoweit sie durch den Polizeibericht bestätigt scheinen, mit Vorsicht aufzunehmen. Ueber den Lebenslauf und die literarische Thätigkeit des Verstorbenen geben wir unseren Lesern folgende Notizen:
Arthur Müller war geboren im Jahre 1829 zu Ramslau in Schlesien, bezog nach Vollendung seiner Gymnasialstudien die Universität Breslau und begann daselbst auch seine Thätigkeit als Bühnen-Schriftsteller. Sein erstes Stück »Wie geht’s dem König?« wurde zu Berlin am Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater aufgeführt. Seitdem hat er eine Reihe effectvoller Dramen und Volksstücke geschaffen. Durch alle seine Dichtungen geht ein eben so patriotischer als freiheitlicher Zug; er war ein echt deutscher Dichter, was sich schon dadurch bekundet, daß er alle Stoffe zu seinen Dramen der deutschen Geschichte entnommen hat. Hievon geben Zeugniß: »Die Kaiserglocke von Speier« und sein »Otto der Große, oder: Geächtet«, beide am Münchener Hoftheater mit großem Erfolge aufgeführt, dann sein »Gute Nacht, Hänschen«, das die Runde über alle deutschen Bühnen und in unserer Nachbarstadt Mainz einen so unvergeßlichen Effect gemacht hat, und sein »Eine feste Burg ist unser Gott«. Zumal in den beiden letzteren Stücken ist der Autor dem orthodoxen Katholicismus scharf zu Leibe gegangen. Die ultramontanen Blätter haben also die schönste Gelegenheit, wieder einmal auf den bekannten »Finger Gottes« hinzuweisen.
Diaskalia. Belletristisches Beiblatt des Frankfurter Journals No. 107. Freitag, den 18. April 1873.
Straubing, 19. April. Das Straub. Tagblatt (Nr. 91) vom Heutigen, dieses Giftfläschchen, ist wiederum einmal recht grauenhaft in seinem Glaubenseifer! Man lese nur den in dessen erster Columne enthaltenen Bericht über den vor einigen Tagen zu München erfolgten Tod des Theaterdichters Arthur Müller. »Er hat«, sagt es, »sein Leben auf liberal würdige Weise beschlossen. Beim Morgengrauen des 11. d. Mts. griff dieser Mann nach dem Giftfläschchen, um im Bewußtsein, die Kirche Gottes unsäglich geschmäht und verläumdet zu haben, wie ein Verbrecher Hand an sich zu legen und neuerdings für die Wahrheit ein Exempel zu statuiren, daß die Glaubensspötter ein kurzes Brod essen.«
Wie erbaulich solche Worte in dem Munde eines vom Bischofe zu Regensburg mit der Redaktion einer Zeitung betrauten jungen katholischen Geistlichen klingen! O Giftfläschchen, Giftfläschchen! hast du denn nie von dem »de mortuis nil nisi bene« etwas gehört? Oder soll dieser Grundsatz bloß bei gewissen Leuten, wenn sie todt sind, nach Lehre der »Kirche Gottes« Anwendung finden? Uns will es freilich scheinen, diese Leute machen noch einen Leichnam mit häßlich verzerrten Zügen daraus, der ihre Phrasen am Ende doch noch Lügen strafen wird. Gute Nacht Hännschen!
»Wie glücklich war doch Eurypides! ihn haben nur Hunde zerrissen; mich aber haben die Menschen zu Tode, gehetzt.« So schrieb Arthur Müller in seinem letzten Briefe.
Straubinger Zeitung No. 91. Sonntag, den 20. April 1873.
Zum Andenken an Arthur Müller.
M. Nicht leicht noch hat eine Kunde mehr Aufsehen und ein unglückseliger Vorfall mehr Theilnahme erregt als die Nachricht von dem so tragischen Ende Arthur Müllers, dieses echt deutschen Dichters; nicht leicht noch hat aber auch ein ergreifenderer und rührenderer Akt stattgefunden, als das Begräbniß dieses Mannes im hiesigen Friedhofe. Wir glauben den vielen Verehrern und Freunden des geschiedenen Dichters und allen Jenen, die sich an seinen zahlreichen und gediegenen Werken erfreuten, kaum eine bessere Charakterisirung seiner Persönlichkeit, kaum eine trefflichere Würdigung seines Werthes als Dichter geben zu können, als durch die vollständige Mittheilung der Rede, welche der k. Hofschauspieler und Regisseur am k. Hof- und Nationaltheater dahier, Herr Ernst Possart am Grabe desselben gehalten hat. Sie lautet:
»Ein trüber Himmel schaut herab auf diese offene Gruft – ein stürmischer, friedloser Tag, so friedlos und unstät, wie es das ganze Leben des Mannes war. dessen jähen Tod wir heute betrauern. Und dennoch – beugen wir und in Ehrfurcht! Wir stehen vor dem Grabe eines Unsterblichen! Es ist nicht Freundeswort, nicht Ueberschwänglichkeit, wenn wir an dieser Bahre bekennen: das Jahrhundert gebar keinen dramatischen Dichter, dem sich der Genius Arthur Müllers nicht ebenbürtig an die Seite stellen könnte. Die Prophetie seines Geistes, welche Decenien voraus die religiösen und politischen Kämpfe verkündete, in welche das deutsche Volk nun eingetreten ist, vereint mit seiner hohen dichterischen Eigenart stempelte ihn zu den Berufenen.
Wie durch Lessing’s Werke der erklärende Zug der Wahrheit, durch Goethe’s Poesieen der Odem der Schönheit, wie durch Schillers Dichtungen der überwältigende Geist der Freiheit weht, so durchglühte das Gefühl einer starken, heiligen Vaterlandsliebe die Werke unseres großen Todten! Dem erhabenen Bunde der beiden vaterländischen Sänger Heinrich v. Kleist und Theodor Körner wird die gerechte Nachwelt einst als den würdigsten Dritten ihn zugesellen – ihn Arthur Müller!
Und nicht das Streben des dichterischen Genius allein verbrüderte ihn seinen beiden Vorkämpfern – Eines noch hatte er mit ihnen gemein: das Unglück – Wie Theodor Körner in der Blüthe seines Schaffens dahingerafft, geschieden von uns in der Vollkraft seiner Jahre, wie Heinrich von Kleist beschlich auch ihn, gleich dem unglückseligen Dichter der Penthesilea schon allzufrüh jener rastlos unstäte Geist des Mißtrauens und der Unzufriedenheit, der sein Leben verdüstern und ihm das menschliche Dasein verbittern sollte. Nicht weltgewandt und lebensklug, nur allzusehr pochend auf seine dichterische Mission und sein Menschenrecht vermochte er nicht immer die glänzenden Erfolge, welche seine Phantasie sich ausmalte, in der Wirklichkeit zu erreichen. Dann brach, von Jahr zu Jahr sich mehrend, jene herbe Bitterkeit, jene trotzige Verachtung der bestehenden Formen, jener schonungslose Groll selbst gegen seine hingebensten Freunde durch, dann brütete er sich hinein in Schwermuth und Menschenhaß, die die letzten Jahre seines Lebens umnachteten.
Das Goethe’sche Wort:
»Die Menschen meidet nur, wer sie nicht kennt,
Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen!«
sollte an ihm mit erdrückender Schwere zur Wahrheit werden. »Wenn ich einmal todt sein werde,« sprach er oft, »dann werden sie mich anerkennen. Dem Lebenden gönnen die Lebenden keinen Raum.« Klingt es nicht herzzerreißend, wenn er in seinem letzten Briefe schreibt: »Wie glücklich war doch Eurypides! ihn haben nur Hunde zerrissen. Mich haben die Menschen zu Tode gehetzt.« Und doch hatte selten ein Mensch treuere, aufopferndere Freunde, als er.
Und wie groß war sein Freundeskreis! Ganz München nahm an seinen Gefolgen Theil. Ja, es gereicht unserem Hoftheater zum unwandelbaren Ruhme, den Namen Arthur Müller’s von dem Vorwurfe befreit zu haben, nur ein sogenanter »Volksdichter« gewesen zu sein.
Die Münchener Hofbühne war es, welche ihm die Bahn zu höherem Schaffen eröffnete und welche die glänzendsten Erfolge seiner Muse zu verzeichnen hat. Wenn dann solch‘ ein Sonnenstrahl des Ruhmes das verdüsterte Leben unseres Freundes erhellte, dann war er auch ganz wieder der warmfühlende, liebe, treuherzige Mensch, kann brachen die hochgehenden Gefühle seiner Jugendzeit mit Macht durch, dann begeisterte er sich zu neuem Schaffen! »O, noch einen Friedrich Barbarossa möchte ich schreiben« rief er einst in solchem Augenblicke aus, »dann will ich gern zu Grabe geh’n« Es sollte ihm nicht mehr vergönnt sein, seinen Lieblingswunsch erfüllt zu sehen.
Zwei dramatische Dichtungen noch hat er der deutschen Literatur zu Füßen gelegt, von denen die eine wenigstens den Ruhm eines vollendeten Dramas von der Nachwelt fordern wird. »Die Veilchen« betitelt er das erste dieser Stücke, »Gelbe Rosen« das andere.
»Veilchen und gelbe Rosen« – er wird sie nicht mehr blühen sehen. Doch von seinem Grabe wird der Duft dieser Dichterblumen hinausströmen über das deutsche Land und den Ruhm seines Namens verbreiten von Generation zu Generation. Und die Enkel noch werden sich laben an dem Geiste des großen Todten, sie werden erzählen von seinem Genius, von seines Herzensgüte, seiner ewig offenen Hand, und so wird auch das andere Wort des Meisters Goethe zur Wahrheit werten an ihm:
»Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
Sein Wort und seine That dem Enkel wieder.«
Arthur Müller, theurer Freund! fahre wohl, Unsterblicher, zu den Unsterblichen in Deine wahre Heimath! Fahre wohl und Friede Deiner Asche!«
Soweit die Worte des Herrn Possart, welche wohl den schönsten Kranz von »Veilchen« und »Rosen« bildeten, der je auf das Grab eines deutschen Dichters niedergelegt wurde.
Wie sehr das tragische Ende Arthur Müllers die allgemeine Theilnahme erregte, beweisen auch die verschiedenen poetischen Nachrufe, die uns über denselben zur Veröffentlichung zugesandt wurden; wir wählen hievon die beste Blume aus und legen sie zu den übrigen Veilchen und Rosen, welche bereits über seinem Grabe duften. Das betreffende Gedicht, welches nur mit dem Namenschiffer A unterzeichnet war, lautet:
Dem todten Dichter.
Du armes Herz, jetzt hast Du ausgeschlagen,
Jetzt hast Du Raum, den man Dir oft mißgönnt
Jetzt sind verschollen Deine leisen Klagen,
Du bist am Ziel – mit Lorbeer reich gekrönt.
Jetzt hast Du Ruhe, die Du oft ersehnet,
Nun stört Dich Keiner mehr in Deinem Schlaf,
Jetzt bist Du wohl mit dieser Welt versöhnet
Die oft verwundend Deine Seele traf.
Frei bist Du nun, Du hast Dich aufgeschwungen
Zu jenen fernen, unbekannten Höh’n,
Du bist dahin, doch das, was Du gesungen
Das wird trotz allen Feinden doch besteh’n.
Die Bilder, die Du schufest werden leben,
Sie haben sich die Bahn längst frei gemacht.
Dein Körper starb – Dein Geist wird uns umschweben
Der trotz der Qualen – Großes hat vollbracht.
So laß uns jetzt ein Lebewohl Dir sagen
Du deutscher Dichter, edel, groß und treu!
Du hattest wohl zu viel des Grams ertragen,
D’rum brach die Leier und das Herz entzwei.
Walhalla. Kunst-, Literatur- und Unterhaltungsblatt Nr. 16. München, den 20. April 1873.
Kirchliche Nachrichten.
Arthur Müller, der Verfasser vieler Bühnenschandstücke, ein Liberaler vom reinsten Wasser, hat sich selbst vergiftet. Da er fast die ganze weibliche Jugend eines Pfarrdorfes am Chiemsee verführt hat, ist gegen ihn ein Prozeß eingeleitet worden, dem er sich durch Selbstmord entzog. Bezeichnend für die liberalen Blätter ist es, daß sie einen Jugendverführer und Selbstmörder verherrlichen.
Der katholische Volksfreund Nro. 18. Regensburg; Donnerstag, den 1. Mai 1873.
Müller Arthur, 1830 (Breslau) – 1873, Dichter und Schriftsteller; er trat nach seinen Studien in Breslau als Schauspieler auf, ging aber dann nach Süddeutschland, wo er teils in München, teils als Sommerfrischler im Gebirge und auf Frauenchiemsee, teils auch in Wien als »Theaterdichter« lebte; M. hatte sich als Lyriker und Novellist bekannt gemacht, besonders aber durch seine Dramen, die Beweglichkeit, Frische und Volkstümlichkeit nebst einer gewissen Derbheit auszeichnen; seine Tragödien waren weniger glücklich, im Lustspiel zeigte M. eine Vorliebe für grelle Lichter und scharfe Konturen; er endete durch Selbstmord.
Hauptwerke: Geächtet, Kaiserglocke zu Speyer, Das Haberfeldtreiben, Johannisfeuer, Auf der Gant; M. besaß ungewöhnliche Talente, die jedoch nicht zur vollen Entwicklung reiften.
© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.