Ω
Dieser Stein ist gewidmet
dem
hier ruhenden
Bruno Wolfrum
Hauptmann i. k. b. Ingenieurskorps
geb. 1829, gest. 1872.
und dem Andenken
seines Sohnes
Wilhelm Wolfrum
Offizier der deutschen Schutztruppe
geb. 1866, gefallen 1892 im Gefecht bei
Mochi am Kilima-Ndscharo.
Sockel-Tafel
Dem Gatten u. Sohne folgte im Tode
Therese Wolfrum
geb. Edle von K¿
geb. 183¿, gest. 19¿
R. I. P.
Ω
Wolfrum, Bruno; 1829 – 25.5.1872 (München); Hauptmann
Wolfrum, Wilhelm [in memoriam]; 29.6.1866 (München) – 10.6.1892 (Ostafrika); Hauptmanns-Sohn / Offizier
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* 1829
† 25.5.1872 (München)
Hauptmann
Todes-Anzeige.
Heute Abends 10 Uhr verschied unser inniggeliebter Gatte, Vater, Bruder und Schwager,
Herr Bruno Wolfrum,
Hauptmann a. D.,
Lehrer an den Militär-Bildungs-Anstalten, Inhaber des Armeedenkzeichens für 1866, der Kriegsdenkmünze für 1870/71 von Stahl und des Ehrenzeichens für 24 Dienstjahre.
Er starb nach schwerem, mit Geduld ertragenem Leiden, jedoch nach nur 8 tägigem Krankenlager im Alter von 43 Jahren.
Um stille Theilnahme bittet
München, den 25. Mai 1872.
Die tieftrauernde Gattin: Therese Wolfrum, geb. von Koch,
im Namen ihrer 3 unmündigen Kinder, sowie
der übrigen Verwandten.
Augsburger Abendzeitung Nr. 146. Dienstag, den 28. Mai 1872.
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* 29.6.1866 (München)
† 10.6.1892 (Ostafrika)
Hauptmanns-Sohn / Offizier
Kilima-Ndscharo-Station, 8. Juni 1892.
Mein verehrter Freund! Endlich kann ich Dir einmal eine Nachricht von einiger Wichtigkeit geben. Morgen ziehen wir wieder in einen frisch-fromm-fröhlichen Krieg.
Die Geschichte ist so bezeichnend für die politischen Verhältnisse unter den Negern, daß ich glaube, eine ausführliche Schilderung des bisherigen Hergangs wird Dir interessant sein.
Du weißt jedenfalls, daß der mächtigste Häuptling hier am Kilima-Ndscharo, Mandara war, von dem Ehlers seiner Zeit eine Gesandtschaft mit Geschenken zum Kaiser brachte, der sie sehr gut aufnahm und dem Mandara wieder Geschenke schickte. Dieser Mandara hat sich bis zu seinem Tod als treuer Freund der Deutschen erwiesen. Ende des Jahres 1891 starb er aber und ihm folgte sein Sohn Meli, ein ganz unreifer, dummer Junge, der außerdem noch infolge von Trunksucht halb blödsinnig ist. Diesem Meli stieg seine Macht natürlich gleich zu Kopf, denn er hatte nun plötzlich über etwa 3000 Krieger zu gebieten mit wohl 1000 Gewehren.
Als anfangs April nun der größte Teil der Kompagnie mit dem Kompagnieführer Frhrn. v. Bülow und den meisten Unteroffizieren nach dem Paregebirge marschierten, um dort auf dem Berg Kunge eine Centralstation anzulegen, und ich nur mit 40 Mann hier am Kilima-Ndscharo zurückblieb, da schwoll dem Meli der Kamm übermäßig. Er ließ freche Redensarten bei anderen Stämmen gegen die Deutschen verlauten und am 26. April überfielen 40–50 seiner Leute zwei meiner Soldaten, die ich mit einem Träger zur Ablösung des Ehrenpostens zu dem deutsch-freundlichen Häuptling Sinna entsandt hatte, und erschossen einen derselben.
Freilich wollte Meli dann nichts von der Sache gewußt haben und bot Elfenbein und Ochsen an. Ich wies aber die Geschenke ab und sandte Boten zur Kompagnie um Unterstützung, da meine Mannschaft natürlich zum Kriege nicht reichte. Am 15. Mai kam Frhr. v. Bülow mit dem Hauptteile der Kompagnie hier an und nun ließen wir uns ruhig Zeit, unsere Soldaten im hiesigen Waldgefecht zu üben und die Station so zu befestigen, daß sie nun während der Abwesenheit der Truppe mit 20 Mann zu halten ist. Meli störte uns nach afrikanischer Weise in diesen Arbeiten gar nicht, obwohl er nur eine Tagereise von der Station entfernt ist. Er fuhr nur fort zu schimpfen und zu prahlen und ließ uns offiziell Krieg erklären, wobei er Frhrn. v. Bülow ankündigte, daß er ihm den Hals abschneiden wolle.
Nun sind wir fertig und haben uns mit unserm Freund Sinna verabredet, der auch so 1–2000 Krieger hat. Somit können wir morgen am 9. losziehen.
An der Boma eines benachbarten kleineren Häuptlings haben wir heute morgen noch eine Sturmübung gehalten, die prachtvoll ging. In einer Minute war die 3–4 m hohe, trockene Mauer der Befestigung von uns allen erstiegen, was den Häuptling, der sein Dorf für uneinnehmbar gehalten, einigermaßen betrübte.
Wir selbst ziehen mit 110 Soldaten los, meist Sudanesen, dazu 2 Offiziere und 5 Unteroffiziere, freilich wenig im Verhältnis, aber die Kerle sind auch dressiert, daß wir uns in jedem deutschen Manöver zeigen könnten. 1 Unteroffizier und 20 Mann bleiben auf der Station zurück.
Einem 4,7 cm Schnellfeuer-Geschütz, das wir auch mitnehmen, werde ich eine besondere Sorgfalt widmen.
Unsere Leute sind bei bestem Mut. So hoffe ich Dir denn in 5 Tagen einen schönen Sieg melden zu können.
Für heute leb' wohl!.....
Der letzte Brief Wilhelm Wolfrums vom 8. Juni 1892: Briefe und Tagebuchblätter von Wilhelm Wolfrum. München, 1893.
Ueber Lieutenant Wolfrum, der mit Chef Bülow bei der jüngsten Affaire am Kilimandscharo den Heldentod fand, erfahren wir folgende nähere Daten: Lieutenant Wilhelm Wolfrum wurde in München am 29. Juni 1866 als der Sohn des nunmehr verstorbenen kgl. bayer. Hauptmanns Bruno Wolfrum geboren. Er genoß seine militärische Erziehung im kgl. Cadettencorps hieselbst, zu dessen besten Schülern er zählte. Im Jahre 1884 trat er als Portepeefähnrich in die bayerische Artillerie ein und fand im 1. Fußartillerie-Regiment zu Ingolstadt seiner hervorragenden Charaktereigenschaften wegen die herzlichste Aufnahme. Bald nach seiner Beförderung zum Officier faßte er den Entschluß, seinem seit frühester Jugend in ihm liegenden Drange, für deutsche Cultur in fernen Gegenden seine Thatkraft einzusetzen, dadurch Ausdruck zu geben, daß er sich für den Colonialdienst des Deutschen Reiches meldete. Nach manchen fruchtlosen Bewerbungen wurde er zu seiner großen Freude unverhofft im Frühjahre 1890 in den Reichsdienst nach Ostafrika berufen. Mit größter Begeisterung, die ihn bis zu seinem Tode nicht verließ, zog er fort, glücklich, den höchsten Wunsch seines Lebens erfüllt zu sehen. Vier Tage nach seiner Ankunft in Bagamoyo hatte er bereits Gelegenheit, unter Major v. Wissmanns Führung das Gefecht bei Mlembube (Pola Makola) mitzumachen. Von da ab war er nach Herstellung der Ruhe in Ostafrika zu meist vollständig selbständigen Stellungen in Dar-es-Salaam, Lindi und Milindani commandirt, überall mit größtem Erfolge und unermüdlicher Thatkraft organisatorisch wirkend. Eiserne Gesundheit und physische Widerstandskraft, gehoben von den mächtigen idealen Impulsen, die ihn geistig zu höchster Leistungsfähigkeit anspornten, bewahrten ihn vor jedem verderblichen Einfluß des afrikanischen Klimas. Sein Enthusiasmus für die Sache, der er diente, veranlaßte ihn sogar, auf den ihn heuer treffenden Urlaub nach Europa zu verzichten und statt dessen die Expedition nach dem Kilimandscharo zu führen, von wo aus noch wenige Tage vor dem Eintreffen der Todesnachricht ein hoffnungsfreudiger Brief bei seiner nun so schwer geprüften Mutter eintraf, der nichts Schlimmes ahnen ließ. Ueberhaupt spricht aus allen seinen Briefen vom ersten bis zum letzten unentwegt seine Begeisterung für die deutsche coloniale Bewegung und der unzerstörbare Glaube an die Zukunft der deutschen Colonien in Ostafrika. Möge Deutschland niemals seine Söhne vergessen, die, wie Lieutenant Wolfrum, freudig ihr Leben einer großen nationalen Sache opferten; möge ihr Beispiel allezeit Nachahmung finden, dann wird ihr Tod auch reiche Früchte tragen. – Möge dieser Gedanke im Schmerze um ihren einzigen Sohn der gebeugten Mutter Trost und Stärke sein!
Allgemeine Zeitung Nr. 178. München; Dienstag, den 28. Juni 1892.
Deutsches Reich.
Die deutschen Unterofficiere, die sich aus dem Gefecht bei Moschi retten konnten, haben bei ihrer Vernehmung ausgesagt, sie hätten während des Kampfes die englischen Missionare vor der Station stehen sehen. Es muß hierin insofern ein Irrthum vorliegen, als nur einer der beiden dort stationirten Missionare, Hr. Stegall, anwesend war, dessen Vater jetzt einen Brief seines Sohnes über das Gefecht in der »Times« veröffentlicht hat. Viel neue Aufschlüsse sind darin nicht gegeben. Bemerkenswerth ist, daß Stegall die Niederlage einmal der Ungunst des Geländes und dem Patronenmangel der ohnehin zu schwachen deutschen Truppe zuschreibt, anderseits dem Eintreffen von Verstärkungen für die schon weichenden Moschileute und dem Ausreißen der Verbündeten der Deutschen. Nach dem Gefecht besuchte der Missionar das Kampffeld und fand dort die blutüberströmte Leiche eines deutschen Officiers, mit dem er am 18. Mai in Morang gespeist hatte. Er lag auf dem Gesicht zwischen 7–8 Sudanesen, umgeben von Patronenhülsen, einem Verbandkasten und Theilen eines Geschützes. Stegall nahm aus den Taschen des Todten einen Tabakbeutel und eine Visitenkartentasche an sich, aus deren Inhalt er den Namen des Officiers, Lieutenant Wilhelm Wolfrum, feststellte. Vergeblich versuchte er später, von dem Häuptling die Erlaubniß zu erhalten, den Todten bestatten zu dürfen, von dessen Haupt er noch eine Locke schnitt. Abergläubische Vorstellungen der Wamoschi halten sie davon ab, die Gefallenen zu bestatten, so daß ihre eigenen Todten eine Beute der Raubthiere wurden. Da das Gefecht sich in bedecktem Gelände abspielte, so werden viele Todte der Wamoschi im hohen Gras und Busch unentdeckt liegen geblieben sein und die Schätzung des Missionars, es seien 30 gefallen und 40 verwundet worden, zu gering sein. Uebrigens haben sie mehr Leute bei dem Angriff aus die zurückgehende deutsche Truppe verloren als vorher. »Sie erwarteten«, schreibt Stegall, »der Rückzug werde ungeordnet geschehen, und waren erstaunt und bewundern es jetzt noch, welche Ordnung sich zeigte. Während ein Theil abmarschirte, wurde er durch den anderen gedeckt.« Stegalls Vater verwahrt sich dagegen, daß sein Sohn den Eingeborenen Waffen und Munition geliefert habe. Er mag darin Recht haben, aber Stegall war nicht der einzige Engländer in Moschi, wie in der Zuschrift an die »Times« behauptet wird. Neben ihm war dort noch Dr. Baxter beschäftigt, und dieser Mann hat, wie Premierlieutenant Frhr. v. Pechmann aussagte, seinerzeit einen Moschimann nach der Station Taveta der Brittisch-Ostafrikanischen Gesellschaft geschickt mit einem Schreiben an den Stationschef Hamilton, in dem er diesen ersuchte, den Moschileuten bei dem Einkauf der Waffen und Munition keine Schwierigkeiten zu machen. Hamilton schickte diesen Brief und den Ueberbringer gefesselt an Dr. Peters, mit dem er in freundschaftlichen Beziehungen stand. An diese Darstellung knüpft die »Köln. Ztg.« mit Recht folgende Bemerkung: »Man mag in England jetzt sagen, was man will, die Thatsache bleibt bestehen, daß gegen die strengen Vorschriften der Brüsseler Acte durch brittische Hände den Eingeborenen Waffen und Munition geliefert worden sind. Ein Ruhmestitel für Alt-England ist das nicht.«
Allgemeine Zeitung Nr. 227. München; Dienstag, den 16. August 1892.
Deutsches Reich.
M. Berlin, 15. Aug. Aus den interessanten Berichten, die der englische Missionar Stegall als Augenzeuge des Gefechts zwischen unsrer Schutztruppe und den Moschileuten am Kilimandscharo in der »Times« veröffentlicht hat (vgl. gestriges Abendblatt), verdienen die folgenden Stellen ausführlich wiedergegeben zu werden: Von Moschi zieht sich nach Süden ein etwa zwei und eine halbe englische Meile langer Abhang hin, der am Fuß mit acht Fuß hohem Mais bestanden war, während weiter oben herauf der Boden von dichtem Gestrüpp und niedrigen Bäumen bedeckt ist, so daß gegenüberstehende Streitkräfte einander kaum sehen konnten. Der untere Theil war von den Angreifern ziemlich leicht überschritten, aber um 8 Uhr 30 Minuten schien der Kampf zu einem Stillstand gekommen zu sein. Das Gefecht fand mit größeren Pausen statt. Die ersten Zeichen eines Zusammenstoßes waren gewöhnlich einige vereinzelte Schüsse, augenscheinlich von den Wamoschi herrührend, dann folgten mehrere Salven von geschulten Soldaten. Kurz darauf ertönte wieder unregelmäßiges Gewehrfeuer und dann wurde es mehrere Minuten still. An dem Platz, wo die Angreifer zuerst aufgehalten wurden, fanden mindestens sechs solcher Zusammemlöße innerhalb zweier Stunden statt. Gegen 10 Uhr 40 machte die deutsche Truppe einen Vorstoß, drang aus dem Busch hervor und erkletterte einen steilen Abhang. Es schien, daß, als die Angreifer einen gewissen Punkt erreicht hatten, die Wamoschi den Muth verloren, denn zwei leicht verwundete Männer wurden heraufgeschickt, um den Frauen und Kindern zum Rückzug in den Busch zu rathen. Das Gewehrfeuer wurde jetzt allgemein, die Wamoschi wurden gegen elf Uhr noch durch 200 Kiroaleute verstärkt, und gegen 12 Uhr war die kleine deutsche Truppe auf allen Seiten von gedeckt stehenden Eingeborenen beschossen. Die geringe Anzahl der Angreifer wurde zum größten Theil wieder gut gemacht durch ihre bessere Bewaffnung und ihren Vorrath an Munition, während die Eingeborenen meistens mit Speeren und Pfeil und Bogen bewaffnet waren. Gegen 12 Uhr hatte sich die Tete der Deutschen ganz in den Busch zurückgezogen. Die Chagga-Jungen, welche mit dem Missionar den Vorgang beobachteten, erhoben ein Freudengeschrei, und entfernte Rufe der Eingeborenen, welche augenscheinlich verrückten, machten es wahrscheinlich, daß der Rückmarsch in der That begonnen hatte. »Zehn Minuten nachher brach ich mit einigen Burschen nach dem Schauplatz auf, um den Verwundeten zu helfen. Auf dem Wege herunter hörte ich, daß ein Europäer getödtet worden sei und eine Ansammlung von Eingeborenen zeigte uns die Stelle, wo er lag. Der Platz war buchstäblich bedeckt mit leeren Patronenhülsen. Eingeborene hatten bereits angefangen, die Todten zu plündern, und augenscheinlich nur ihre Gürtel und Patronentaschen weggenommen. Der Europäer, ein deutscher Officier, war durch den Körper geschossen, todt, und seine Kleider waren mit Blut besudelt. Ich drehte ihn herum, da er auf dem Rücken lag und erkannte in ihm einen der Beiden, mit denen ich in Morang am 18. Mai gegessen. Aus seinen Taschen zog ich einen Tabaksbeutel und ein Visitenkartentäschchen mit mehreren Karten: Wilhelm Wolfrum, Artillerie-Lieutenant, die ich an mich nahm. Einige sieben oder acht todte Nubier lagen umher, ein Lazarethkasten und Bandagen in der Nähe, leere Patronenkisten bedeckten den Boden und weiter wurde ein Theil einer Lafette gefunden. Die Eingeborenen begannen jetzt von der Verfolgung zurückzukehren, die aber immer noch fortdauerte.« Stegall ging dann nach seinem Hause zurück und schildert seine Hülfeleistung bei den zum Theil recht schwer Verwundeten. Am 11. Juni schreibt er u. a.: »Ich ging und schnitt eine Locke vom Haupte des todten Lieutenants ab, was ich gestern zu thun vergaß. Aus abergläubischen Gründen begraben die Wamoschi die in einem Kampfe Gefallenen nicht, selbst nicht ihre Leute, und die Hyänen haben bereits begonnen, die Leichen wegzuzerren, während der Himmel voll von Geiern zu sein schien. Ich hätte gerne den Deutschen beerdigt, aber konnte es nicht ohne Hülfe, da der Hügelrücken, wo er gefallen war, hartes felsiges Terrain zu sein schien. Ich ging zum Häuptling und frug ihn, ob der Weiße beerdigt würde oder lieber, ob mir Hülfe gegeben werde, ihn aus dem Land tragen zu lassen, daß ich ihn selbst beerdigen könnte. Seine Antwort war eine rohe Weigerung. Ob seine eigenen Ideen ihn dazu verleiten oder ob seine Aeltesten oder wahrscheinlicher seine jungen Genossen ihn ganz berathen, weiß ich nicht, aber Meli ist im letzten Monat sehr unfreundlich und ein großes Hinderniß für meine Arbeiten gewesen. Die Undankbarkeit, welche er für zahllose seinem Volke und ihm von der Mission seit ihrer Gründung erwiesenen Wohlthaten zeigt, ist sehr gemein. Was den Rückzug veranlaßte, kann ich nicht sagen, es scheint mir nicht unwahrscheinlich, daß Mangel an Munition daran schuld war. Aus der Kleinheit des Terrains, von dem sich während eines Gefechtsabschnittes Rauch erhob, zu schließen, denke ich, daß die angreifende Partei über die Hälfte zu klein war, wenn man die Natur des Terrains in Betracht zieht. Es ist auch wahrscheinlich, daß der Mißerfolg zum Theil dem Vertrauen auf die Wakiboscho zuzuschreiben ist, die einen Angriff westlich von Moschi begannen, aber augenscheinlich ohne Nachdruck, da sie sich zurücktreiben ließen, als sie erst zwei Leute verloren hatten. Die Wamoschi scheinen mehr Leute während des Rückzuges der Schutztruppe als während des Angriffes verloren zu haben. Sie glaubten, daß der erstere eine regellose Flucht sein würde und waren erstaunt und sind noch voll von Bewunderung über die Ordnung, daß sich immer ein Theil zurückzog, der von den Zurückbleibenden gedeckt wurde. Die Folge dieses Conflictes wird nach meiner Ansicht überall schlimm sein. Die Wamoschi sind jetzt prahlerisch und übermüthig. Sie fochten, wie sie glaubten, in einer guten Sache, und haben sicherlich keine Veranlassung zu einem Angriff auf sie gegeben. (?) Aber da ich annehme, daß sie früher oder später besiegt werden müssen, so meine ich, daß es für sie besser gewesen wäre, wenn sie jetzt eine Niederlage erlitten hätten. Ihre Häuser, Vieh und Ernten würden wahrscheinlich gelitten haben, aber der Verlust an Menschenleben würde wahrscheinlich nicht viel größer gewesen sein als jetzt. Jetzt fühle ich, daß eine Wolke zukünftiger Rache über der Stelle hängt, obwohl sie glauben, daß sie mit den Deutschen endgültig fertig sind.« Am 13. Juni schreibt er: »Die Todten sind beinahe alle verschwunden, verzehrt von wilden Thieren und Raubvögeln. Ich glaube, daß der Totalverlust der Eingeborenen nicht mehr als 30 Todte und 40 Verwundete betrug, was im Verhältniß zu dem Verbrauch der Patronen nur sehr wenig zu sein scheint. Die Eingeborenen zeigten sich nur wenig und die Speerbewaffneten nahmen an dem Kampfe nicht theil, ausgenommen, daß sie den Kriegsruf ausstießen. Der Sieg wurde durch das Schlachten von 20 Stück Rindvieh, darunter Milchkühe, am Sonnabend und heute durch ein großes Tembo-Gelage gefeiert.«
Allgemeine Zeitung Nr. 228. München; Mittwoch, den 17. August 1892.
Deutsche Colonialgesellschaft, Abtheilung München. Samstag, den 24. September findet um 11 Uhr Vormittags in der Ludwigskirche der Trauergottesdienst für den am 10. Juni bei Moschi am Kilimandscharo in heldenmüthigem Kampfe gefallenen Lieutenant der deutsch-ostafrikanischen Schutzruppe Wilhelm Wolfrum statt. Die Mitglieder der Abtheilung München der Deutschen Colonialgesellschaft werden eingeladen, der Trauerfeier beizuwohnen. Lieutenant Wolfrum gehörte früher dem k. 1. Fuß-Artillerie-Regimente an und war Mitglied der hiesigen Abtheilung der Colonialgesellschaft.
Allgemeine Zeitung Nr. 265. München; Freitag, den 23. September 1892.
Besprechung.
Briefe und Tagebuchblätter aus Ostafrika von Wilhelm Wolfrum, weiland Lieutenant der deutsch-ostafrikanischen Schutztruppe (gefallen am 10. Juni 1892 bei Moschi am Kilima-Nscharo). Mit einem Portrait, vier Illustrationen und einer Karte. München, G. Franz'sche Hofbuchhandlung. – Die frischen fröhlichen Briefe, die Lieutenant Wolfrum als Zeugen seines Glücks und Eifers der geliebten Mutter geschrieben, sind zu einem Vermächtniß geworden, das nun ad majorem patriae et auctoris gloriam Freundeshand der Oeffentlichkeit darbietet. Dem Interesse für ein unbefangenes, sach- und erfahrungsgemäßes Urtheil über das wichtigste deutsche Colonialgebiet gesellt sich der rein menschliche Antheil an dem tragischen Geschick des tapferen, tüchtigen Officiers, der inmitten einer verheißungsvollen Laufbahn seinem Thatendrang zum Opfer fiel. Im Februar 1890 trat Wolfrum, ein geborener Münchener und Sohn eines durch militärgeographische Schriften ausgezeichneten Genieofficiers, aus dem 1. bayerischen Fußartillerie-Regiment in den deutschen Colonialdienst über. Am 2. März in Sansibar angelangt, wo er von Wissmann und dem zufällig anwesenden Emin Pascha den günstigsten Eindruck gewinnt, rückt er sofort gegen den Aufstand im Hinterland zu Felde. Dann in Dar es Salaam, in Lindi und an dem äußersten südlichen Vorposten deutscher Colonisation, in Milindani stationirt, hier trotz seiner Jugend als Bana mkuwa, unumschränkter Oberbefehlshaber, ist er mit offenem Blick für die Bedürfnisse des Landes und die Vortheile des Reiches emsig um die Cultivirung und Pacificirung der deutschen Interessensphäre bemüht. »Der Suahelisprache kundig wie der schwärzeste Neger«, schließt er Frieden mit den wilden Wangoni zum Schutz und Trutz gegen die gefürchteten Magwangwara. Indem er seine »schwarzen Jungen« zu einer Art Pionierdienst ausbildet, sorgt er für Brücken, Wasserleitungen, Befestigungen. Immer wieder betont er die nach Süden noch zunehmende Fruchtbarkeit, die ihn zur Anlage der von der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft unbegreiflicherweise versäumten Zuckerpflanzungen anregt. Er baut mit Erfolg besonders Gemüse, das sonst von Südafrika bezogen werden muß, und Kaffee, Baumwolle und Zuckerrohr wächst gleich den meisten Tropenfrüchten wild. Auch das Vieh, eine zwar kleinere und schwächlichere Race als die unsrige, läuft ungezüchtet und ungemolken, des Nachts den Raubthieren zur Beute, umher. Während Dar es Salaam die schönste rothe Lehmerde zu Ziegeln, Lindi einen Reichthum an starkem hochstämmigen Bauholz bietet, verschreibt sich die Gesellschaft fertige Häuser um theures Geld aus Europa. Sein Stolz ist es, im kleinen zu zeigen, »was man im großen hätte leisten können, wären statt unfähiger Leute tüchtige charaktervolle Männer nach Ostafrika geschickt worden.« Ueberzeugt von der Zukunft der Colonie, deren einzige Bedingung das Zusammenwirken that- und capitalkräftiger Eisenbahnbau- und Pflanzergesellschaften ist, begeistert für »den wahren inneren Zweck jeder Colonialpolitik, die Ausbreitung und Geltendmachung des eigenen Volksthums,« kann er den Verlust der an England preisgegebenen afrikanischen Ländereien nicht verwinden. Dieser politische Schmerz stört ihm das reine Glück, das ihm aus freier ersprießlicher Thätigkeit erwachsen, »ein Glück, zu dem Faust erst den Teufel und dann noch den ganzen ersten und zweiten Theil gebraucht hat.« Was er auf Grund eigener Anschauung gegen den Vertrag vorbringt, der daheim gleichgültig am grünen Tisch verschenkt, was mit Blut und Schweiß dem fremden Erdtheil abgerungen worden, gerade »als hätte Bismarck nie existirt«, dürfte schwer zu widerlegen sein. Als echter Soldat hat er eine unwillkürliche Scheu »vor dem üppig ins Kraut schießenden Intriguantenthum«, und um etwaigen Ränken das unantastbare Ehrenschild kühn vollbrachter Thaten entgegenhalten zu können, verzichtet er nach zweijähriger Dienstzeit freiwillig auf den ihm rechtlich gebührenden Urlaub und tritt in zuversichtlicher Hoffnung hoher Verdienste die Expedition nach dem Kilima-Nscharo an – seinen Todesmarsch. Er »kann nicht anders«, und auch die Mutter fordert nicht, daß er ihrer Sehnsucht diesen ehrenvollen Posten opfern soll, denn nimmermehr hätte er »über seinem Streben als Mann seine Pflicht als Sohn vernachlässigt.« Am 12. März bricht er mit 19 Soldaten und 16 Lasten, die ihm wegen der immer und immer wieder entlaufenden Träger viel Beschwerde machen, von Tanga auf. Unterwegs entgeht ihm kein Culturkeim, keine landschaftliche Schönheit, kein strategisches Moment. Seine Abneigung gegen die geheimer reichsfeindlicher Umtriebe verdächtigen Engländer bekundet sich im Vergleich ihrer ziemlich verwahrlosten Negermissionen mit den gedeihlich aufblühenden katholisch-französischen, vielmehr elsässischen. Am 2. April erreicht er, von Compagniechef v. Bülow, seinem baldigen Schicksalsgenossen, mit herzgewinnender Höflichkeit empfangen, die ihm zugetheilte Kilima-Nscharo-Station. Sofort leitet er mit kleinen Versuchen seine weit sehenden Anpflanzungspläne ein, exercirte seine neu geworbenen Mannschaften und befestigte seine Station so gut, daß Anfang Juni die »Kerle eines deutschen Manövers würdig dressirt« waren und Hauptmann v. Bülow nicht zögerte, Alles für kriegsfähig zu erklären, als die deutscherseits völlig unverschuldeten Gehässigkeiten des mächtigen Häuptlings Mandara den Kampf unvermeidlich machten. Am 10. Juni kam es bei Moschi zum Treffen. »Gleich im Anfang fiel Lieutenant Wolfrum, einen Pfeilschuß in der Stirn, einen Schuß durch das Herz und einen Schuß durch den Unterleib.« Er sollte die Niederlage der Seinen, die vergebens gegen die Uebermacht des Feindes, die Ungunst des Terrains und die Untreue der Bundesgenossen ankämpften, nicht mehr sehen. Während Bülow zu Tode verwundet wenigstens noch dem Getümmel entrissen wurde, blieb Wolfrum »unbestattet, den Vögeln zum Mahle«, liegen auf dem Feld der Ehre, wo er mit seinem Blute dreifach seinen Muth besiegelt hatte. »Grablos, doch nicht unbeweint«, denn mit der Mutter und den Schwestern weiht Bayern, weiht ganz Deutschland ihm ein dankbar ehrendes Gedächtniß.
Alex Braun.
Allgemeine Zeitung Nr. 122. München; Mittwoch, den 3. Mai 1893.