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40 – 1 – 14 (Meggendorfer · Roedel)

Ω

Michael Roedel
* 17.VIII.1820 † 12.¿II.18¿0
Dessen Gattin
Justine Roedel
geb. Müller
* 15.IX.1813 † ¿.1872
Lothar Meggendorfer
Kunstmaler u. Illustrator
• 6.XI.1847 † 7.VII.1925
Dessen Gattin:
Elise Meggendorfer
geb. Roedel
* 28.III.1851 † 21.V.1927.

Ω

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Lothar Meggendorfer

* 6.11.1847 (München)
† 7.7.1925 (München)
Genremaler, Illustrator, Karikaturist und Schriftsteller

Generalanzeiger (6.11.1917)

Münchner Tagesneuigkeiten

München, 5. November

Lothar Meggendorfer. In voller Rüstigkeit begeht Lothar Meggendorfer, wie an anderer Stelle schon kurz mitgeteteilt, am 6. November seinen 70. Geburtstag. Von seinem unerschöpflichen Humor, seiner reichen Phantasie und seiner erstaunlichen Vielseitigkeit legen viele lustige Bilderbücher, originelle Dreh-, Verwandlungs- und Schattenbilder, unterhaltende Bilderbögen, humoristische Zeitschriften, ergötzliche Kinder- und Gesellschaftsspiele aller Art Zeugnis ab.

In München als Sohn eines Obertaxators geboren, kam Meggendorfer nach Besuch der Real- und Kunstgewerbeschule schon mit 15 Jahren an die Akademie der bildenden Künste zu dem bekannten Zeichner Professor Strähuber, dann in die Malschule von Alexander v. Wagner und in die Komponierschule von Wilhelm von Diez. Zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn war Meggendorfer neben Busch und Oberländer ein langjähriger eifriger Mitarbeiter der »Fliegenden Blätter« von Kaspar Braun, der zuerst die Bedeutung und Eigenart des Künstlers erkannte und auch viele seiner besten Bilderbücher herausgab. Die von unseren Kleinen stark begehrten Bücher »Im Winter«, »Im Sommer«, »Nimm mich mit«, »Korb voll Allerlei«, die in vielen deutschen Kinderstuben zu finden sind, fanden schon nach wenigen Monaten in großen Auflagen weiteste Verbreitung. Im ganzen hat Meggendorfer wohl über 100 Bilderbücher auf frohe Wanderschaft in die Welt geschickt.

Von periodisch erscheinenden humoristischen Zeitschriften gründete er den »Sonnenschein«, die »Lustige Woche« und die bekannten »Meggendorfer Blätter«, bei denen er aber seit langem nicht mehr tätig ist. Die vielen von ihm geschaffenen, von bodenständigem Humor erfüllten Typen erfreuen seit Jahrzehnten jung und alt. Meggendorfers Art ist im besten Sinne volkstümlich geworden. Was er besonders für unsere Kleinen geschaffen, ist von bleibendem Wert.

In letzter Zeit vertauschte Meggendorfer, der noch heute emsig schafft, häufig den Stift mit Pinsel und Palette. So vollendete er im Vorjahre im Auftrage der Stadtgemeinde im neuen Schulhaus in Bogenhausen ein größeres Wandgemälde, das den Isarlauf von der Quelle bis München — aus der Vogelperspektive gesehen — darstellt. Der Künstler ist die meiste Zeit seines Lebens seiner geliebten Vaterstadt treu geblieben. Wenige Jahre lebte er auf dem ursprünglich zum Kloster Ettal gehörigen Jägerhaus bei Kohlgrub. Aus diesem Aufenthalt ergab sich ein reger Verkehr zwischen der musikliebenden Familie Meggendorfers und dem Künstlervolk im Passionsdorf. In der ernsten Kriegszeit ließ die Sorge im engeren Familienkreis Sang und Fiedel verstummen. Zwei Söhne des Jubilars stehen im Felde. Möge dem liebenswürdigen Künstler, dessen sonniger Humor so viele Herzen erwärmte, ein schöner, sorgenfreier Lebensabend beschieden sein!

Generalanzeiger der Münchner Neuesten Nachrichten Nr. 561. Dienstag, den 6. November 1917.

Neue Freie Presse (12.7.1925)

Feuilleton.

Ein Humorist.

In einer jüngsten deutschen Literaturgeschichte, die mir kürzlich zu Gesicht gekommen und im allgemeinen und besondern eines der albernsten Erzeugnisse uneuropäischen, Vorurteile zu Urteilen stempelnden Widergeistes ist, findet sich bei Gelegenheit eines berühmten neueren Dichters die Feststellung: »Zwei unter seinen übrigen Werken sind allerdings humoristischer Natur.« In diesem unscheinbaren »allerdings« liegt eine ganze Menge. Der ganze Dünkel des zünftigen Seminaristentums gegen das Losgebundene und Beschwingte; der ganze Widerwille eines bis an die Zäbne mit völkischer Tüchtigkeit wattierten Nachtwächtertums des Tages liegt darin; die Gönnergeste des seriösen Mannes gegenüber dem Unproblematischen; die beschränkte Geringschätzung des Unschätzbaren; mit einem Worte: das krasse, hochmütige, lächerliche Unverständnis der Deutschen gegenüber dem Humor.

Das war von jeher so, und Gervinus, der es mit der »den Deutschen angebornen Schwerblütigkeit«, Carlyle, der es mit dem »Politischen in den Deutschen« erklärt, haben beide auf ihre Weise recht, indem sie den Mangel zu einem Besitz, die Untugend zu einer Tugend schminken. Den Erscheinungen nicht als Begleiter, sondern als Prüfer, dem Dasein nicht als Genießer, sondern als Kämpfer zugesellt, erheben die Deutschen die Serenität auf den Altar und weisen den Unernst aus dem Heiligtum. Der Humor bedarf bei ihnen einer Entschuldigung. So wird man in der deutschen Literatur vergebens Gestalten wie Samuel Pickwick und den alten Dorrit, Gargantua und d'Artagnan, Sancho Pansa, Boccaccio und Tom Sawyer suchen und höchstens in Nachahmungen zweiter Güte abgespiegelt sehen. Mit ganz geringfügigen Ausnahmen, zu denen etwa die verehrungswürdige Wilhelm Buschs zählt, fehlen die Thackeray und Dickens, die Rabelais und Mark Twain, fehlen die großen Humoristen in Deutschland, wie denn auch das wahre Lustspiel und der wahre humoristische Roman in Deutschland immer seltener werden. Glücklicherweise ist ein deutscher Dichter, dem man das repräsentierend Deutsche wohl ebenso wenig wie die zuchtvolle Sachhaftigkeit absprechen wird, eben im Begriffe, hierin, für seinen Teil, Wandel zu schaffen: Thomas Mann vollendet seine »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull«, aus denen in diesen Blättern vor wenigen Wochen eine kostbare Probe geboten wurde, und tut damit dar, wie klar er die Sehnsucht der Zeit zu vernehmen und wie bedeutend er ihr mit den geistigen Mitteln zu dienen vermag. Die Sehnsucht der Zeit heißt: Lachen.

Weniger mit geistigen als mit den Mitteln einer herzhaften, zähen und optimistischen Natur an der Erfüllung dieser Sehnsucht teilzuhaben, war Sache eines deutschen Mannes, der eben gestorben ist. Dieser Mann war sehr berühmt, ja er war viel mehr als das, er war populär: man kannte seinen Namen wie man eine Selbstverständlichkeit kennt. Sechs Jahrzehnte lang klang dieser Name in Deutschland, und sein Klang änderte sich nicht. Er überdauerte die absurdesten Veränderungen, die wildesten Umstürze der Politik und des Geschmacks ... unverändert. Lothar Meggendorfer, sechs Jahrzehnte lang klang das wie ein signalisierender Trompetenstoß: »Aufgepaßt! Jetzt kommt, etwas Lustiges!« Dieses Signal liebt man überall und wird es immer leidenschaftlich lieben. Es hat etwas so Hinreißendes, gibt ein so herrliches Versprechen, daß man sich ihm mit der willigsten Bereitschaft bezaubert überläßt. Gestern, heute, immer. Aufgepaßt! Jetzt kommt etwas Lustiges! Weil dieses Versprechen den Namen Lothar Meggendorfers durchklang, hat er unverändert die Revolutionen überdauert, die bloß Gesetze, nicht die Menschen ändern.

Aber wie das oft so geht, daß man einen Namen, der ein Programm ist, zum Begriff erstarren läßt, ohne seinem Träger nachzufragen, ja ohne die Wirkung an sich erprobt zu haben, um derentwillen dieser Name zum Programm wurde, so erging es auch dem deutschen Humoristen Meggendorfer. Unter den unzähligen Menschen die bei der Todesnachricht ausgerufen haben: »Meggendorfer ist gestorben«, als sagten sie: »Onkel Karl ist tot!«, wissen die wenigsten von der Person und dem Werk des Verstorbenen, dessen Name, ihnen etwas so familienhaft Bekanntes hatte, mehr als daß er der Herausgeber der »Meggendorfer«, eines Witzblattes, war. Der eine und andere mag noch im Gedächtnis haben, wie nette kleine Bilderbögen, wie schreiend bunte, komische Ziehbilderbücher er gemacht hat. Viel mehr weiß man von ihm nicht. Trotzdem war er populär, und just, da er tot ist, spricht man seinen Namen aus, als sei ein entferntes Familienmitglied gestorben.

Dieser Lothar Meggendorfer indes, über den der Verfasser jener jüngsten Literaturgeschichte gewiß kein Wort verlieren würde, war ein höchst merkwürdiger Mann, und merkwürdig nicht nur im Sinne der Literatur, in der er einen zwar bescheidenen, aber rechtmäßigen Platz einnimmt, sondern in dem die Literatur an Beziehung weit übertreffenden Sinn des Menschlichen. Dieser Lothar Meggendorfer nämlich, der, was alle wissen, ein Witzblatt herausgegeben hat, war, was die wenigsten ahnen, ein lehrender Philosoph, und hatte einen Lehrstuhl inne, der auf keiner Hochschule systemisiert ist und trotzdem auf jeder von der entscheidendsten Bedeutung wäre; sein Fach hieß: Optimismus. Erziehung zum Optimismus hieß sein Fach, und was er an jedem Tage seines nahezu achtzigjährigen Lebens lehrte, war, das Leben ist schön! Welch' grandiose Lehre lehrte dieser Mann, dem man die Etikette eines Humoristen anklebt, unerachtet er ein Weiser gewesen ist, der die Illusion über die Wahrheit, die Phantasie über die Bilanz stellte. Das Leben ist schön. Niemand, lehrte der Humorist, hat das Recht, es zu bezweifeln. Niemand, es zu verkleinern. Niemand, daran vorbeizugehen. Der Humorist lebte diese Lehre, so bewies er sie. Sein Leben war ein Roman.

Er kam aus der bittersten Not. Man aß nur einmal des Tages in seinem Münchner Vaterhaus, er hatte unablässig Hunger. Nebenan hielt eine Obsthändlerin winters Aepfel, sommers Pflaumen, Kirschen und Johannisbeeren feil. Man konnte sie nicht kaufen, man konnte sie ansehen. Sie haben prachtvolle Farben, gelb, blau, grün, blutrot. Auch das war schön. Auch die Bäume waren schön. Und der Himmel war schön, wenn er so unglaublich leicht über allem stand. Und der Schnee war schön, der langsam niederfiel und den Dingen die Härte nahm. »Alles ist schön!« hieß das erste Bild, das der dreizehnjährige Meggendorfer in dem Vaterhause zeichnete, in dem man nur einmal täglich aß.

Man wollte, daß er Mechaniker werde, denn, »das sei doch etwas Reelles«, doch er hatte zu wenig Muskeln. Nein, dieser dürre junge Mensch war zu nichts Reellem zu gebrauchen. »Da is ja nich für'n Pfennig Mark drin!« sagte Mechaniker Dähle angewidert und wies auf die schwachen Oberarme des Bewerbers, den er dem alten Obertarator Meggendorfer zuliebe aus purer Gefälligkeit ja sonst aufgenommen hätte. So gab man den Schwächling in die Gewerbeschule, aber da zeigte es sich, daß der Schüler Meggendorfer ein ganz miserabler Zeichner war. »Im übrigen,« beschied Rektor Hansmann die Mutter, »im übrigen ging's ja wohl. Bloß im Zeichnen will's partuh nich langen!« So war es nichts mit der Gewerbeschule. Man versuchte es daher mit dem Dienst beim Münchner Staatstelegraphen, was schließlich auch etwas Reelles sein konnte. Da saß der junge Meggendorfer und spulte die langen schmalen Streifen von den tickenden gelben Messingrollen ab. Und wenn das Ticken ein paar Augenblicke aufhörte, nahm er ein Blatt Papier und zeichnete. Er wußte zwar von Rektor Hansmann, daß er ganz miserabel zeichne, allein er tat es so gern und er schadete ja niemand damit. Das fand nun der Telegraphendirektor Behringer total unrichtig. »Im königlichen Dienst,« sagte er, und streckte die Hand nach dem teueren königlichen Papier aus, das dieser junge Meggendorfer wieder einmal unerlaubt beschmiert hatte, »im königlichen Dienst —« »gibt es keine Nebenschäftigung!« wollte er sagen, doch da hatte er das Papier vor seine kurzsichtigen Augen gebracht und sah, daß die Bleistiftzeichnung darauf, ein Reiter auf einem Esel, brillant war. Der Telegraphendirektor Behringer verstand sich auf Bilder, denn sein Vater war an der Pinakothek Kustos gewesen. »Sie haben ja Talent!« schrie er den neuen Postpraktikanten empört an. Talent gehörte nicht in den königlichen Telegraphendienst. Das gehörte auf die Malerakademie. Und dahin brachte er den jungen Meggendorfer, denn Ordnung mußte sein.

Der junge Akademiker wurde Schüler von Strähuber, Alexander v. Wagner und Wilhelm Dietz. Das Lernen war wundervoll. Aber er hatte keinen Pfenning Geld, denn Vater Meggendorfer fand, daß das mit der Akademie überhaupt nichts Reelles, und jemand, der dahin gerate, schon verloren und in keinem Falle zu unterstützen sei. Was zugleich väterlich und sparsam von dem alten Obertaxator gedacht war. Der Sohn ging aber nicht verloren, sondern erinnerte sich zur rechten Zeit, daß er Zither spielen könne und daß auch das schlimmstenfalls seinen Mann ernähre. Der Fall, in dem er sich befand, erschien ihm dabei alles eher als schlimm.

Man hatte nicht viel zu essen ... gut, das war man gewohnt. Man mußte da und dort, auf Atelierfesten, in Wirtshäusern, wenn es gar nicht anders ging in den Höfen anständiger Bürgerhäuser Zither spielen ... nun, man spielte ja gern, und mit einem bloßen Vergnügen Geld verdienen, das war geradezu eine Ungehörigkeit, ein splendides Geschenk des Schicksals. Und das großartige Leben in der Akademie! Dies Dasein- und Lernen- und Weiterkommendürfen! Das Leben war schön.

Das Leben war schön. Ein Mädchen verliebte sich in ihn. Ein schönes Mädchen aus ausgezeichnetem Hause. Er traute sich beinahe nicht, sie zu lieben, denn ihre Eltern waren wohlbestandene, solide Bürger. Dann warf er diese Bedenken über den Haufen, liebte und heiratete. Das Leben war schön. Die jungen Leute bauten Luftschlösser, sie begnügten sich damit nicht, sie bauten ein Haus. Aber das Haus, und das hatten sie nicht ganz bedacht, verschlang mehr Geld, als die wohlbestandenen, soliden Schwiegereltern herzugeben geneigt waren; sie bauten auf Borg, sie machten Schulden. Man mußte das Haus, kaum daß man eingezogen war, einem Metzger verkaufen, es ging nicht gut mit dem Gelde. Es ging immer schlechter. Drei Jahre Ehe, drei Kinder, es ging nicht gut. Weihnachten 1878 kam heran, und nichts, nicht das Kleinste, es den Kindern unter den Baum zu legen! Da setzte sich der junge Vater Meggendorfer mit Farbe, Pinsel, Schere, Pappendeckel und seiner Ueberzeugung vom schönen Leben hin und machte ein Weihnachtsgeschenk für seine Kinder. Es war etwas Neues, es war etwas Lustiges, denn, wenn man an Kinder dachte, mußte man lustig sein. Erst sollten es ein paar Ziehbilder werden, mit kleinen Versen darunter, Affen, die komisch mit den Ohren wackelten, wenn man an einem Pappendeckelstreifchen zog, Hunde, die Kaffee tranken, Elefanten, die in einer Sänfte hinter einer Scheibe von Marienglas saßen und den Rüssel herausstreckten, als seien sie indigniert ... mehr sollte es nicht werden. Aber dann wurde es mehr, dann wurde es ein ganzes Buch. Und die Kinder hatten eine tolle Freude an den lebenden Bildern. Und die Herren Braun und Schneider, die den »Max und Moritz« und die »Fliegenden« in ihrem Verlage hatten, freuten sich, als sie durch Zufall das Buch in die Hände bekamen, nicht weniger. Damit war Geld zu machen, der Mann konnte etwas! Die Herren Braun und Schneider kauften dem jungen Vater Meggendorfer das Buch ab und beriefen ihn als Illustrator an die »Fliegenden«. Nun hörte die Sonne gar nicht mehr zu scheinen auf.

Sie schien ein ganzes Leben. Vielmehr, dies ganze Leben vollzog sich, als ob sie immer scheine, unerachtet es sich mitunter sehr finster umwölkte. Meggendorfer wurde der beliebteste Mitarbeiter der »Fliegenden«, er begnügte sich mit der »kleinen Malerei«, unerachtet er mit der großen angefangen und mehr als vierzig große Bilder, darunter die schönen, leuchtenden Wandgemälde der Schule in Bogenhausen und des Baden-Badner Ratskellers und ein glänzendes Porträt seines Lehrers Dietz zustande gebracht hatte. Er blieb neun Jahre bei den »Fliegenden«, dann trat er aus dem Redaktionsverbande aus und gründete seine eigene Zeitschrift, die »Meggendorfer Blätter«.

Sie war ein Kind der »Fliegenden« und entwickelte sich so kräftig, daß sie heute noch besteht, obwohl ihr Erzeuger sie seit zwanzig Jahren nicht mehr betreut. Am Todestage Lothar Meggendorfers ist gerade eine neue Nimmer der Blätter seines Namens erschienen, sie trägt die Zahl 1802. Eintausendachthundertzweimal sind diese Hefte neu gemacht, neu unter die Menschen gebracht worden, man hat sie gekauft, hat über sie gelacht, hat sie am Leben erhalten. Sie haben sich freilich zuletzt modernisiert und emanzipiert. Damals aber, als Meggendorfer sie begründete, segelten sie noch durchaus im Fahrwasser der »Fliegenden«, zu denen sie sich etwa verhielten, wie ein Glas Brauselimonade zu einer Maß Münchner Bier. Blättert man heute in diesen vergilbten Jahrgängen des Humors, was einem bei Zahnärzten und anderen trüben Anlässen leicht widerfahren kann, weil man in einer unabänderlichen Verkennung des Sachverhaltes die periodischen Erscheinungen der Lust den Menschen gerade in den Perioden tiefster Unlust vorzusetzen pflegt und dadurch die letztere nur steigert, da es den Gegensatz zur ersteren so kraß macht — schlägt man heute eines dieser Hefte auf, dann weht es einen ein bißchen muffig, ein bißchen kühl, ein bißchen historisch an. Hat man über diese »Fatalen Situationen« und »Angenehme Eröffnungen«, über diese »Gut gegeben«, »Boshaft« und »Abgeblitzt« wirklich je gelacht? War die permanente Gesellschaft eines »Schlaumeiers«, eines »Schwerenöters«, eines Professors, der von seinem Schirm, eines Touristen, der von reinem steifen Kragen, eines Leutnants, der von »Kasernhofblüten« lebte, auf die Dauer nicht belästigend? Hielt man sich bei Geschichten, die uwveigerlich begannen: »Beim Grafen Kuselwitz ist große Jagdgesellschaft. Unter den Gästen befindet sich auch die alte Erzellenz von Knaksberg, die als leidenschaftlicher, aber leider schlechter Jäger bekannt ist..." nicht ängstlich die Ohren zu und behielt sie geschlossen bei jenen nur hier gedeihenden ritterlichen Poesien, die etwa anheben: »An ihrem Minnehof zu Toulouse — Saß Frau Melusine, die holde — Sie saß wie ein blitzender Diamant — In einem Ring von Golde...«? Aber es muß natürlich auch Brauselimonade geben.

Das wußte der als Humorist verkleidete Professor der Lebenskunde, der das Leben schön fand, selbst wenn es fürchterlich war. Er gab den Leuten Brauselimonade, das schäumte, hatte Farbe, schmeckte im ersten Augenblick süß, im zweiten schal..., was verschlug das? Ihm kam es immer wieder auf die ersten, auf die erfüllten Augenblicke an. So zog es ihn aus seiner ganzen an das Ja fanatisch hingegebenen Natur dahin, wo immer erste Augenblicke, wo die Erschütterungen der unbefangenen Empfängnis, die Seligkeiten des Vertrauens sind: zu den Kindern. Ihnen hat er den größten Teil seines Lebens gegeben, den besten Mehr als hundert Bilderbücher, an sechzig Kinderspiele ungezählte Tausend Reime: lustige Bilderbücher, lustige Kinderspiele, lustige Reime. Rot, gesund, pausbackig sehen diese großen und kleinen Gesichter, diese komischen Karikaturen in seinen Büchern aus, alles strotzt von Farbe, jauchzt von Unternehmungslust, sprüht von Licht, Sonne ist da, die Bäume sind grün, das Leben ist lustig. Es ist gar nicht zu sagen, wie viele Kinder dieser Tote lachen gemacht hat. Er wollte, daß die Großen nicht weinen. So lehrte er die Kinder lachen. Er war ein Humorist von Gottesgnaden, das heißt, er hatte die Höhe erreicht, von der das Schicksal winzig und das Schauen schön ist.

Ernst Lothar.

Neue Freie Presse Nr. 21848. Wien; Sonntag, den 12. Juli 1925.

Münchner Neueste Nachrichten (8.7.1925)

Münchner Teil

Lothar Meggendorfer †. Am 7. Juli ist Lothar Meggendorfer, der bekannte Humorist, Zeichner und Maler, dessen Name durch die von ihm gegründete und lange geleiteten »Meggendorfer Blätter« weit über Deutschland hinaus genannt wurde, im 78. Lebensjahre gestorben. Erst im letzten Jahre war die Schaffenskraft des Künstlers, der bettlagrig geworden war, gelähmt. Am 23. Juni 1923 hatte Meggendorfer mit seiner Gattin Elise, einer geb. Roedel. die einer alten Münchner Bürgerfamilie entstammt, noch die goldene Hochzeit begehen können. Der bekannte Illustrator war in München als Sohn eines Obertaxators geboren, der eine sehr zahlreiche Familie hinterließ. Seine Mutter war eine geb. v. Sicherer. Die heiteren Gaben zeigten sich bei ihm schon im Knabenalter, denn auf der einstigen Eichtal-Wiese an der Ecke der Klenze- und Fraunhoferstraße spielte er vor Altersgenossen Kasperltheater. Er besuchte in München einige Lateinschul- und Gewerbeschulklassen und dann die Akademie der bildenden Künste. Des Erwerbs wegen wandte sich Meggendorfer dem Zeichnen zu, zunächst im Sinne Poccis. Endlich gelang es ihm, bei den »Fliegenden Blättern« anzukommen. Der erste Bilderbogen, den er für Braun & Schneider zeichnete, Der Longinus, ließ die Verleger sein bedeutendes Talent erkennen. Nun kam Meggendorfer, der ein Schüler von Prof. Strähhuber, Alexander v. Wagner und Wilhelm v. Diez gewesen war, rasch vorwärts; es erschienen in den »Fliegenden« viele Beiträge von ihm. Er wandte sich der Welt des Kindes zu, und seine Bücher Im Winter, Im Sommer, Nimm mich mit, Korb voll Allerlei eroberten sich die Herzen der Kleinen und damit auch der Großen. Im ganzen hat Meggendorfer wohl über 100 Bilderbücher auf frohe Wanderschaft in die Welt gesandt. Er erfand auch die lustigen Drehbilder, die Ziehbilderbücher und schuf an 30 Kinderspiele. Von periodisch erscheinenden humoristischen Zeitschriften gründete er den Sonnenschein, Die lustige Woche und die schon erwähnten Meggendorfer Blätter, bei denen er aber seit langem nicht mehr tätig war.

In den letzten Jahren griff Meggendorfer wieder zu Pinsel und Palette. Im Auftrage der Stadtgemeinde schmückte er das neue Schulhaus in Bogenhausen mit einem größeren Wandgemälde, das den Isarlauf von der Quelle bis nach München, aus der Vogelschau gesehen, darstellt. Der Künstler verbrachte fast sein ganzes Leben in München, nur einige Jahre lebte er als Landwirt auf dem ursprünglich zum Kloster Ettal gehörenden Jägerhaus bei Kohlgrub, das später abbrannte. Aus jenem Aufenthalt entwickelte sich ein reger Verkehr mit dem Künstlervolk des Passionsdorfes Oberammergau. Im Hause Meggendorfer herrschte immer eine schlichte und gemütliche Geselligkeit; die Musik, die der Vater selbst übte, fand dort eifrige Pflege. Die Kriegszeit und die nachfolgende Inflation brachten schwere Sorgen in das Haus des alternden Künstlers, der von einer Witwe, zwei Söhnen, die im Felde standen, und vier Töchtern betrauert wird. Die Kunst Meggendorfers ist im besten Sinne volkstümlich geworden, und in all' dem Lustigen, was er in Vers und Bild, besonders unseren Kindern geschenkt hat, wird das Andenken an den überaus bescheidenen, liebenswürdigen Mann mit dem sonnigen Gemüt fortleben.

Münchner Neueste Nachrichten Nr. 187. Mittwoch, den 8. Juli 1925.

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Meggendorfer Lothar, 1847 (München) – 1925, Genremaler, Illustrator und Schriftsteller; M. war auf der Münchner Kunstakademie Schüler bei A. Strähuber, H. Anschütz, A. Wagner und W. von Diez; zuerst war er als Illustrator Mitarbeiter der »Fliegende Blätter«, trat aber als solcher 1905 zurück und gründete die nach ihm benannten »Meggendorfer Blätter«, er war außerdem auch bis 1908 Redakteur der »Lustige Woche«.

Hauptwerke: Etwa 100 Bilderbücher und etwa 60 Gesellschaftsspiele, 20 Genrebilder und Porträts und Zeichnungen (in der Maillinger Sammlung); M., der sich neben Kunst und Humor auch mit Gitarremusik und Landwirtschaft beschäftigte, zählt zu den beliebtesten Münchner Karikaturisten.

© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.



© Reiner Kaltenegger · Gräber des Alten Südfriedhofs München · 2007-2026


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