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GOTTFRIED MEYER,
GRÜNDER UND REDAKTEUR DES
NÜRNBERGER ANZEIGERS.
GEB. 21. MAI 1817. GEST. 21. APRIL 1876.
SEI IHM DIE ERDE LEICHT!
IHM FOLGTE SEINE GATTIN
SOPHIE WILHELMINE MEYER
GEB. 13. NOV. 1815. GEST. 19. MAI 1880.
IHNEN FOLGTE IHR ENKEL
GOTTFRIED
GEST. 22. OKT. 1881 IM ¿ ALTER
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Meyer, Gottfried; – 22.10.1881
Meyer, Sofie Wilhelmine (vw); 13.11.1815 – 19.5.1880 (München); Redakteurs-Witwe
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* 21.5.1817
† 21.4.1876
Gründer und Redakteur des Nürnberger Anzeigers
München, 21. April. Heute Morgens verstarb dahier unerwartet schnell nach kurzer Krankheit der frühere Redakteur und Eigenthümer des »Nürnberger Anzeigers« Herr Gottfried Meyer. Vom mittelfränkischen Schwurgerichte wurde er 22mal, wegen Preßvergehen angeklagt, freigesprochen. Bis zum letzten Augenblick stand er unbeirrt seinen Freunden und Gesinnungsgenossen bei.
Bamberger Neueste Nachrichten Nro. 111. Sonntag, den 23. April 1876.
Verschiedenes.
München, 21. April. Heute Morgens ist hier Gottfried Meyer gestorben, der als Herausgeber und Redakteur des Nürnberger Anzeiger, welchen er in den fünfziger Jahren gegründet hatte, sich bekannt gemacht hat. Ein treuer und konsequenter Anhänger demokratischer Ideen hat er in den Jahren der Reaktion viel zu dulden gehabt und ist wegen Preßvergehen angeklagt mehr als zwanzigmal vor dem Schwurgericht gestanden, aber immer freigesprochen worden. Vor 5 Jahren verkaufte er sein Blatt an einen anderen Verleger und lebte seitdem hier zurückgezogen.
Memminger Zeitung No. 97. Dienstag, den 25. April 1876.
Lokales und Provinzielles
München 25 April.
Auf dem südlichen Friedhofe wurde vorgestern Nachmittag 5 Uhr unter sehr großer Betheiligung seiner Freunde und Parteigenossen dahier und von Auswärts der Privatier Hr. Gottfried Meyer, Gründer und vieljähriger Redakteur des Nürnberger Anzeiger beerdigt. Da sich derselbe die Begleitung der Geistlichkeit verbeten hatte, so fand dessen Beerdigung auch ohne deren Zuziehung statt und hielt sein Parteifreund Holzhändler Kröber von hier die Grabrede. Derselbe gab ein gedrängten Lebensabriß der Schicksale des Verstorbenen und schilderte die vielfachen Widerwärtigkeiten, die ihn schließlich zur Gründung des Nürnberger Anzeigers veranlaßten. Herr Meyer gründete den Nürnberger Anzeiger im Jahre 1857 und redigirte denselben bis zum Jahre 1872.
Bayerischer Kurier No. 116. München; Mittwoch, den 26. April 1876.
† Gottfried Meyer.
Am Grabe G. Meyer's im südl. Friedhofe dahier hielt A. Kröber folgende Ansprache:
Verehrte Leidtragende, geehrte Trauerversammlung!
Wir stehen hier am Grabe eines Mannes, dessen Namen im ganzen Lande bekannt, ja weit über die Grenzen des Bayerlandes hinausgedrungen ist. War doch sein Leben ein beständiger Kampf gegen die Gewalt, für die Freiheit und für die Rechte des Volkes.
Gottfried Meyer war ein Mann der Freiheit, frei auf politischem, regilösem und socialem Gebiete, war es sein ausdrücklicher Wille, ohne Priester beerdigt zu werden. Langjährige persönliche Freundschaft, vollständige Uebereinstimmung in unserm gemeinsamen Streben nach Licht und Freiheit, verpflichtet mich, über sein Leben und Wirken hier an seinem offenen Grabe zu Ihnen zu sprechen.
Ich hätte nicht geglaubt, so bald diese traurige Pflicht erfüllen zu müssen. Noch vor wenigen Wochen, als er mir die körperlichen Leiden sagte, sagte ich scherzweise zu ihm: »Nun Gottfried, wenn Du stirbst, halte ich Dir die Grabrede.« Noch vor wenigen Tagen wandelte er unter uns. Er erlag einer Erkältung, welche er sich im Dampfbade zugezogen und ist bereits des Weges gegangen, von wannen keiner jemals rückwärts kann.
Gottfried Meyer wurde zu Ederheim bei Nördlingen im Ries geboren und starb im 59. Lebensjahre. Sein Vater war Lehrer, welcher ihn streng erzog und frühzeitig schon zu harter Arbeit anhielt. Vom Vater zum Lehrerberuf vorbereitet, besuchte er das Schullehrer–Seminar und erhielt darauf seine erste Anstellung als Schulgehilfe in Nördlingen, einige Jahre später wurde er Lehrer in Dürenzimmern bei Wallerstein, woselbst er bis Ende 1849 mit gutem Erfolg als Lehrer wirkte.
Die Zeugnisse seiner Vorgesetzten spendeten ihm das höchste Lob. Trotzdem wurde dieser Mann Ende 1849 durch Verfügung der k. Kreisregierung in Augsburg des Schuldienstes unwürdig erklärt und seines Amtes entsetzt, zu gleicher Zeit als ihn die vorgesetzte Schulbehörde für eine bessere Stelle präsentirte. Selbst das k. Landgericht Wallerstein mußte ihm bestätigen, daß er stets zur Gesetzlichkeit ermahnte. Sie werden fragen: was hatte die Regierung für einen Grund zu diesem Vorgehen. Er eiferte über die Frohnden und hohen Abgaben, welche die Gemeinde an die Patrimonialherrschaft zu leisten hatte und bekannte sich offen zur Demokratie. Mit raffinirter Bosheit wurde ihm das Absetzungsdokument am Weihnachtsabend zugestellt und mitten im Winter wurde er mit Frau und vier kleinen Kindern aus der Amtswohnung vertrieben. Getreu in Noth und Leid stand ihm seine Hausfrau, eine ächte Tochter des Rieses, zur Seite. Er fand ein Unterkommen bei der Redaktion des Fränkischen Kuriers in Nürnberg; jedoch mit einem so bescheidenen Gehalte, daß er kaum für sich und seine Familie das Nöthigste beschaffen konnte. Doch auch hier war seines Bleibens nicht, denn die Zeitung wurde unter seiner Redaktion beinahe täglich confiscirt, obwohl die Gerichte keinen genügenden Grund zur Klagestellung finden konnten.
Der geängstigte Verleger bat ihn daher, sich eine Zeit lang zurückzuziehen. Um seine Verhältnisse zu bessern, kaufte er im Jahre 1852 eine reale Bierwirthschaft, kam bei dem Magistrat um das Bürgerrecht ein. Er erhielt die Zusicherung, daß dem gegenüber kein Hinderniß, bestehe, sobald er die nöthigen Papiere aus seiner Heimat und den Kaufkontrakt vorlege. Erstere wurden ihm auf's Beste ausgestellt, jedoch auf Veranlassung des Herrn Regirungspräsidenten v. Welden in Augsburg cassirt, und der Magistrat von Nürnberg durch Drohungen eingeschüchtert, verweigerte nun die Bürgeraufnahme.
Das k. Stadtkommissariat Nürnberg beging nun eine Reihe von Gewaltthaten, von denen ich Ihnen aus den Tagebuch Meyer's aus dem Jahre 1853 einige, wie sie von seiner Hand verzeichnet wurden, vorlesen will:
»21. Juli 1853. Von der Regierung aus Nürnberg ausgewiesen. Das Stadtkommissariat sei nicht befugt, mir faktisch den Aufenthalt in Nürnberg zu gestalten. – 26. Juli. Durchs Ministerium bestätigt. – 26. August Volksfest; vom Stadtkommissariat angewiesen, augenblicklich die Stadt zu verlassen: nicht gemacht. 5. September Wirthschaft geschlossen, abermals ausgewiesen. – 10. September. Ins Ries gegangen. – 14. September. Aus Nördlingen und Gerichtsbezirk ausgewiesen. – 26. Sept. Aus meinem Haus in Nürnberg, in das ich am 22. September zurückkehrte, mit Gewalt weggerissen, in's Gefängniß geschleppt und am andern Tag per Schub nach Nördlingen gebracht. – 12. Oktober in München; 14. Okt. nach Augsburg; 15. Oktober Weiden. – 31. Oktober um 3 Tage Aufenthalt nachgesucht. (Reg. 9. Nov. publizirt 14. Nov. abgeschlagen.) – 11. Nov. In Wallerstein fl. 2. 5. vom Stadtkommissariat zu viel erhobene Taxen. – 14. Nov. Gesuch vom 31. Okt. abgeschlagen, die Polizeidiener auf meine Beschwerde vom 30. Sept. freigesprochen, die Kosten niedergeschlagen. – 31. Nov. Vom Landrichter in Nördlingen 24 Stunden Erlaubniß erhalten, meinen Vater in Ederheim zu besuchen. – 1. Dezbr. Wallerstein: Uebersiedelungsgesuch und Gesuch um Aufhebung der Ausweisung. 6. Dez. wiederholt nach Wallerstein in derselben Angelegenheit. – 8. Dezbr. Nach Gunzenhausen.«
(Schluß folgt.)
Der Zeitgeist Nro. 97. Organ des arbeitenden Volkes. München; Freitag, den 28. April 1876.
Feuilletion.
† Gottfried Meyer.
(Schluß.)
Um sein Leben zu fristen, zog er in den Wald, trieb einen kleinen Holzhandel mit Köhlerei und wurde ihm erst Ende 1854 gestattet, nach Nürnberg in sein eigenes Haus zurückzukehren. Da ihm der Fränk. Kurier, der Gewalt folgend, inzwischen in seiner Opposition zu lau geworden, strebte er darnach, ein eigenes Blatt zu gründen, welches in dieser Zeit er Reaktion das Banner der Freiheit hochhalte. Und so sehen wir den Nürnberger Anzeiger entstehen. Nur schwer gelang es ihm, für sein Blatt Boden zu gewinnen.
Sahen sich doch selbst die Abonnenten vor Gewaltmaßregeln nicht sicher. Nun erst ging die Zeit der Entbehrungen für ihn und seine Familie recht an. Kaum konnte er dieser die nöthigen Lebensmittel beschaffen, da der Rest seines Vermögens auf Papier und Druckkosten bald aufging. Nur wenige wackere Demokraten, unter ihnen Titus von Bamberg, unterstützten ihn zeitweise pekuniär. Die Regierung that ihr Möglichstes, um das Blatt zu unterdrücken, doch ihre Maßregeln dienten nur dazu, den Nürnberger Anzeiger dem Publikum bekannt zu machen. Bereits Anfang der 60er Jahre hatte er sich einen Leserkreis errungen und Meyer's pekuniäre Verhältnisse allmählich günstig gestaltet. Wie sehr seine Bestrebungen von dem Volke getragen wurden, beweist am besten, daß er 22 mal vor dem Schwurgerichte für Mittelfranken angeklagt wegen Preßvergehen, Hochverrath, Majestätsbeleidigung etc. glänzend freigesprochen wurde.
Außer dem Ansbacher Schwurgericht arbeitete das Bezirksgericht in Mainz für immer weitere Verbreitung des Nürnberger Anzeigers. War doch damals beinahe keine Tagfahrt besagten Gerichtes, in welcher nicht Gottfried Meyer zu einigen Monaten Correktionshaft verurtheilt wurde, und wurde ihm in kurzer Zeit die glänzende Aussicht eröffnet, im großherzoglich hessischen Zuchthause 10 Jahre Zündhölzer zu fabriziren. Doch Freund Gottfried fand diese Aussicht nicht allzuverlockend und hütete sich wohl, das Land Hessen zu betreten und die Entziehung des Postdebits in diesem Großstaate war nur dazu angethan, dem Anzeiger dort eine immer größere Verbreitung zu verschaffen.
Im Nürnberger Anzeiger fanden namentlich die Klagen der Lehrer, niedern Beamten und Bediensteten eine Stätte. Auch bestand er mit den Herren in Talar manch ritterlichen Strauß und zwar zu einer Zeit, wo es noch nicht Modesache war, über die Clerisei zu schimpfen und der Kampf mit diesen Herren noch gefährlich war.
Vor Allem bekämpfte er jedoch die Uebergriffe der Bureaukratie und wenn wir heute theilweise bessere Zustände haben als damals, so ist dieses den Bemühungen unseres verstorbenen Freundes mitzuverdanken.
War doch der Nürnberger Anzeiger Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre so zu sagen das einzige, wirkliche Oppositionsblatt, in welchem die Sache der Freiheit und des Rechtes mit aller Kraft und zäher Ausdauer erfochten wurde. Bis zum Jahre 1866 wuchs das Blatt mit jedem Ouartal und hatte damals die Auflage die Zahl 10,000 erreicht. Da kam jener unglückselige Bruderkrieg und mit ihm die Spaltung in der seither geschlossenen wahrhaft liberalen Partei. Meyer war es nicht gegeben, dem Erfolge zuzujubeln. Auch wies er alle Versuche, welche der damalige preußische Civilkommissär in Nürnberg machte, um den Anzeiger zu gewinnen, kurz ab.
Langjährige Freunde trennten sich von ihm, als der Anzeiger das Banner der Demokratie festhielt und getreu bei der kleinen Schaar ausharrte, welche den Idealen ihrer Jugend getreu blieb. Leider muß ich hier konstatiren, daß Meyer und sein Anzeiger nicht allein von den Regierungen und ihren Organen verfolgt wurde, erklärten ihn doch auch frühere Gesinnungsgenossen mit wahrem Fanatismus in Acht und Aberacht und der Bürgerverein in Augsburg kündigte ihm 700 Abonnements. Obwohl die Zahl der Abonnenten von nun ab sich verminderte, konnte Meyer an dem was er für Recht hielt nicht irre werden. Hatte er doch schon zu verschiedenen Malen seine Existenz seiner Überzeugung zum Opfer gebracht. Sein Gesichtspunkt überragte weit die nationalen Grenzen, stand er doch im Jahre 1867 in Genf an der Wiege der internationalen Friedens- und Freiheitsliga, die in Frieden und Freiheit vereinigten Völker Europas waren das Endziel seiner Bestrebungen.
Hoch über das Banner der Nationalität pflanzte er das Banner der Freiheit, der Menschheit. Als im Jahre 1870 die Preßverfolgungen auf’s Neue angingen und er abermals einen Kreis seitheriger Freunde scheiden sah, sehnte er sich nach Ruhe. Er überließ im Jahre 1871 den Anzeiger bewährten Freunden und zog hierher um in Ruhe den Rest seiner übrigen Tage zu verleben. Doch auch hier war er fort und fort politisch thätig, und als die Demokratie Bayerns sich aufs Neue organisirte, wurde er Mitglied des Landesausschusses der deutschen Volkspartei in Bayern; als solches war er thätig bis zu seinem letzten Athemzuge. An diesem Grabe rufe ich stolz die Worte:
»Er lebte, kämpfte und starb seiner Pflicht und der Freiheit getreu.« Er bietet uns ein Bild treuer Charakterfestigkeit in allen Lagen des menschlichen Lebens. Mögen die Ueberlebenden sich ein Beispiel an ihm nehmen und sich nicht abschrecken lassen, getreulich auszuharren im Kampfe für Freiheit, Recht und Licht. Beweist auch Meyers Leben, daß der Kampf für die Freiheit ein schwerer ist, so lasset uns kämpfen wie er, bis zum letzten Athemzuge.
Die Parteigenossen Münchens schmücken seinen Sarg mit den Farben, unter welchen er gekämpft.
Lassen Sie mich noch mit einigen Worten des Menschen, des Familienvaters gedenken. Meyer war ein offener, biederer Charakter, eine natürliche Gutmüthigkeit war der Grundzug seines Wesens. Kaum gestalteten sich seine pekuniären Verhältnisse günstiger, so hatte er auch eine offene Hand für Alle, Keiner appellirte umsonst an ihn, für menschliches Elend hatte er stets ein warmes Herz.
In treuer Liebe hing er an seiner wackern Hausfrau, die über 30 Jahre sein Geschick theilte. Außer ihr hinterläßt er zwei erwachsene Söhne und eine glücklich verheirathete Tochter. Er erzog seine Kinder in den Grundsätzen, für welche er gelebt und gewirkt.
Seine Söhne sind heute eifrige Mitglieder der Volkspartei, der wahren (?) Demokratie. Möge es ihnen vergönnt sein, das hohe Ziel zu erschauen, für das ihr Vater gelebt und gestritten.
Nun, verehrte Trauerversammlung, lassen Sie mich zum Schlusse kommen. Bewahren Sie unserem dahingeschiedenen Freunde ein warmes Andenken und lassen Sie eine Thräne auf sein Grab fließen. Seinen, unsern Parteifreunden und der deutschen Demokratie rufe ich die Dichterworte zu:
»Es starb der Freiheit ein Soldat,
Ihr Andern schließt die Glieder!«
Der Zeitgeist Nro. 98. Organ des arbeitenden Volkes. München; Samstag, den 29. April 1876.