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42 – 8 – 15* (Aigner)

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Das Grab ist nicht erhalten

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Max Aigner

† 26.2.1860 (München), 35 Jahre alt, Tod durch öffentliche Hinrichtung
Knecht, Todesurteil wegen Mordes an dem Bauern Westner bei Oberhofen

Der Bayerische Landbote (27.9.1859)

München. III. ordentliche Schwurgerichtssitzung von Oberbayern. 11te Verhandlung am 24. Sept. u. folgende Tage gegen Maria Westner, Bauerswittwe von Jedling, Max Aigner und Georg Aigner, led. Dienstknechte von Sinnertsbüchl, und Elise Niedermaier, led. Dienstmagd von Tuntenhausen – wegen Mordes und Meineides.

Staatsanwalt: v. Reichert; Vertheidiger: Sensburg, Dr. Rau, Rothmüller; Geschworne: Lex, Geyer, Sedlmayer, Estermann, Mayer, Merk, Bedall, Knorr, Lachmaier, Schwarzmann, Münsterer, Attenberger; Bronberger, Ersatzgeschworner.

Im Jahre 1849 starb zu Unteratting, Ldg. Trostberg, der Schobersöderbauer Joseph Mödler und hinterließ eine Frau mit vier Kindern, die aber über den Tod ihres Mannes nicht besonders betrübt seyn mochte, denn schon nach vierwöchentlichem Wittwenstande heirathete die Maria Modler den Bauernssohn Ignaz Westner von Schalkham. Sechs Jahre später, im Jahre 1855 kauften die Westner'schen Eheleute das Melcherbauernanwesen zu Jedling, Gemeinde Irschenberg, Ldg. Miesbach, ohne die Ansässigkeit zu erlangen; der Mann beschäftigte sich nämlich lieber mit dem Steinkohlenfuhrwerk von Miesbach nach Rosenheim, als mit ökonomischen Arbeiten, während die Frau als eine sehr fleißige Bäuerin, aber auch leider als eine sehr ausschweifende Person geschildert wird. Das im November 1857 ihr von der Gemeinde Irschenberg ausgestellte Leumundszeugniß lautete deshalb auch folgendermassen: »Maria Westner wurde nicht nur erwachsenen Personen, welche sie näher zu kennen Gelegenheit hatten, sondern auch ihren eigenen vier Kindern sowohl in Wort als That zum Aergerniß, da sie den Keim alles Guten in den letzteren gleichsam erstickte und ihnen als Muster der Liederlichkeit und Ausschweifung ein schlechtes Beispiel gab.« Vom Landgerichte bereits wegen unsittlichen Betragens mit ihrem Knechte Andr. Hauser und unerlaubter Beherbergung bestraft, ertappte sie der Ehemann selbst mehrmals mit demselben, der deshalb auch den Dienst verlassen mußte, wie noch viele andere Knechte, da es allgemein bekannt war, daß die Westner es lieber mit diesen als mit ihrem Ehemanne hielt. Dieses vorausgeschickt, wird es Niemand Wunder nehmen, daß es zwischen diesen Eheleuten zu vielfachem Zank und Streit kam, und Ign. Westner seine Frau öfters mit Faustschlägen traktirte. So äußerte der erst zehnjährige Sohn der Westner im Frühjahre 1857 in der benachbarten Schmiede zu Wollkam naiverweise: »Sein Vater erschlage die Mutter noch, weil sie immer beim Knechte schlafe, aber die Mutter habe gesagt, daß der Vater noch eher erschlagen werde, das sei auch besser für die Kinder, weil sie dann leichter die Aufnahme in die Gemeinde bekämen, denn den Vater mögen die Leute nicht.« Die Prophezeiung sollte nun schon in der darauffolgenden Nacht beinahe in Erfüllung gehen. Ig. Westner fuhr nämlich am Donnerstag den 30. April 1857 Morgens 2 Uhr mit seinem Knechte Mart. Huber auf die Schranne nach Rosenheim, war aber noch nicht weit von Jedling entfernt, im sogenannten Schinderhölzchen, als plötzlich auf ihn, der links auf dem Wagen saß, mit einem Prügel und zwar so heftig auf den Kopf eingeschlagen wurde, daß er das Bewußtsein verlor. Es war damals auch so dunkel, daß weder Westner noch Huber sehen konnten, von wem die Schläge kamen und ob es nur ein Angreifer war oder ihrer mehrere. Während der ganzen Affaire wurde kein Wort gesprochen und auch nicht der leiseste Versuch gemacht, aus dem man schließen könnte, es wäre auf einen Raub abgesehen gewesen. Wegen dieser That fiel alsbald der Verdacht auf den früheren Liebhaber der Westner, Andr. Hauser, der damals in Sturzelham diente und ein ziemlich genügendes Alibi nachweisen konnte. Ein anderer Knecht, Max Aigner, der vom Ziel Georgi 1856 bis Lichtmeß 1857 bei Westner im Dienst und mit der Frau in ehebrecherischem Verhältniß gestanden, arbeitete zu dieser Zeit am Wasserbau in Miesbach und schlief bei dem Kistler Auer dort auf dem Heu. Dieser Max Aigner kam gerade in der Nacht des Ueberfalles in das Bett des Knechtes Xav. Unsinn, unter dem Vorgeben, daß ihn so friere. Als sich unter Tags in Miesbach die Kunde verbreitete, daß der Melcherbauer Westner so geschlagen worden sei in der vorigen Nacht, äußerte Aigner zu den Kistlersleuten: »Bin auch schon einmal bei ihm im Dienste gewesen und so mittelmäßig weggekommen; da könnte man auch oft hinein kommen; ist gut, daß ich heute Nacht bei dem Knecht geschlafen, ihr wißt dann gleich, was ihr zu sagen habt, wenn ihr einmal deßhalb gefragt werdet.« (Forts. folgt.)

Der Bayerische Landbote No. 270. München; Dienstag, den 27. September 1859.

Der Bayerische Landbote (28.9.1859)

München. III. ordentliche Schwurgerichtssitzung von Oberbayern. 11te Verhandlung am 24. Sept. u. folgende Tage gegen Maria Westner, Bauerswittwe von Jedling, Max Aigner und Georg Aigner, led. Dienstknechte von Sinnertsbüchl, und Elise Niedermaier, led. Dienstmagd von Tuntenhausen – wegen Mordes und Meineides.

(Fortsetzung.) Auf Jakobi 1857 trat Max Aigner in Jedling selbst wieder in Dienst beim Blasibauern Thomas Kirchberger und setzte sein ehebrecherisches Verhältniß mit der Westner in der schamlosesten Weise fort. In diese Zeit fallen auch zwei gewichtige Aeußerungen von Seite der Westner, welche bei der Heuarbeit den Max Aigner auf die Kirchweih einlud, die auf Ende August fällt, worauf Aigner entgegnete: »Ja, wenn der Eure nicht wäre!« und die Westner erwiederte: »Bis dahin wird's schon anders werden.« Zu der Schmiedin Baumann sagte sie aber zur selben Zeit auf dem Wege nach Miesbach: »Du wirst sehen, mein Mann wird noch einmal recht erschlagen, und sag' dann, daß ich Dir das gesagt habe. Von welcher Seite dem Westner aber die Schläge zugedacht wurden, darüber täuschte er sich selbst gar nicht, denn zu dem Bauern Guggenbichler sagte er noch am Sonntag den 9. August, daß er seine Frau mit dem Max Aigner im Bette betreten habe, und fügte hinzu, daß sich sein Weib wohl irgendwohin verlobt haben werde, daß er ein anderesmal ganz erschlagen werde. Diese Ahnung sollte in der schrecklichsten Weise in Erfüllung gehen, denn schon in der darauffolgenden Nacht wurde der Melcherbauer Gg. Westner erschlagen aufgefunden.

In der Nacht vom 9. auf den 10. August gegen 2 Uhr Morgens wurde der Großbauer Xav. Hörmann von Oberhof durch einen Schrei aus dem Schlafe geweckt und sah deßhalb zum Fenster hinaus, konnte jedoch, weil es noch ganz dunkle Nacht war, nichts weiter wahrnehmen. Als er aber Morgens um 5 Uhr aus dem Hause trat, fand er in einer Entfernung von beiläufig 30 Schritten den Melcherbauern Westner todt daliegen, mit dem Gesichte gegen den Grasboden gekehrt, während dessen mit zwei Pferden bespannter, mit Steinkohlen schwer beladener Wagen etwas weiter rückwärts auf der Straße gerade an der Stelle stand, wo sie eine kleine Erhöhung hat und Westner immer einige Augenblicke anzuhalten pflegte, um die Pferde verschnaufen zu lassen. Zunächst des Wagens fand sich das 2½ Schuh lange Stück einer abgebrochenen Wagenstange, und 10 Schritte davon entfernt nach vorwärts das größere 6½ Schuh lange Stück dieser 2½ bis 3 Zoll im Durchmesser dicken Stange. Bei der Obduktion ergab sich, daß der Schädel einen vollständigen Bruch erlitten und die Zersprengung bis auf dessen Grund gedrungen war, so daß der k. Gerichtsarzt Dr. Beck versicherte, während einer 23jährigen Praxis noch keine größere absichtliche Körperverletzung gesehen zu haben. Während der Melcherbauer Westner in dieser Nacht zu Oberhof ermordet wurde, schlief die Maria Westner bei dessen Mutter zu Schalkham, wohin sie sich mit ihrer Tochter Maria Mödler zur Kirchweih begeben hatte, in derselben Kammer. Morgens um 4 Uhr, also beiläufig zwei Stunden nach dem Tode ihres Mannes, erzählte sie ihr, es habe ihr geträumt, daß ihr Mann todtgeschossen worden sei und daß sie deßhalb so viel geweint habe. Die alte Frau konnte hievon wohl nichts mehr bemerken, doch war ihr aufgefallen, daß die Mar. Westner am Tage vorher ungemein still war, sehr wenig aß und von den andern Kirchweihgästen entfernt sich allein auf den Anger legte, was sie jedoch der Ermüdung von der Reise zuschrieb. Dafür drängte die Mar. Westner am Montag früh nach Hause und entfernte sich mit ihrer Tochter schon Morgens zwischen 5 und 6 Uhr. Diesen Traum erzählte sie unterwegs auch ihrer Tochter Maria, so wie dem Gendarmen Ant. Zepf, der sie schon Abends 5 Uhr auf dem Heimwege in Au arretirte. Zu diesem äußerte sie sich weiter, daß sie zu ihrer Tochter, weil die Elstern immer so auf ihrem Wege schrieen, gleich gesagt habe: »Heute ist gewiß etwas besonderes, ein Unglück bei uns vorgefallen.« Nachdem sie den Tod ihres Mannes erfahren, sagte sie, sie habe deßhalb schon eine Ahnung gehabt, übrigens sei sie nur froh, daß sie keinen Rückfall hinausbezahlen dürfe, weil ihr Mann ihre Kinder als seine eigenen einkommen ließ; sie habe sich erst kürzlich erkundigt, daß sie nichts hinausbezahlen dürfe, das sei ihr noch das Liebste. Am 11. Aug. zur Leiche ihres Mannes geführt, ging sie festen Schrittes und mit kecker Miene an den Sarg hin, und erst als man sie auf das verstellte Gesicht der Leiche aufmerksam machte, fing sie zu weinen an, was jedoch nur so lange dauerte, als sie die Leiche sah; alsdann entfernte sie sich trockenen Auges und sprach, als ob nichts vorgefallen wäre. Zwei Tage später wurde im Melcherbauernhof der Dienstknecht Max Aigner arretirt, wo er gerade aushilfsweise arbeitete, und war darüber sehr betroffen. In seinem ersten Verhöre läugnete er jede Bekanntschaft mit der Mar. Westner, zu der er seit seinem Dienstesaustritte nicht mehr in das Haus gekommen seyn will. In der Mordnacht sei er um 10 Uhr zu Bette gegangen, das er die ganze Nacht nicht mehr verlassen habe. Mit einem starken Brustleiden behaftet, habe er von 11 bis 1 Uhr mehrfach husten müssen, dies habe die in der Nähe befindliche Dirne Elisabeth Niedermaier gehört, welche er deßhalb auch als Zeugin benannte. Diese Elise Niedermaier bestätigte in ihrer eidlichen Vernehmung Folgendes: Alle Hausangehörigen seien am Sonntag, den 9. August Abends 10 Uhr in das Bett gegangen, mit Ausnahme des Georg Aigner, eines Bruders des Max Aigner, der sich damals gleichfalls im Scheindienste beim Blasibauern zu Jedling aufhielt, aber sich nur mit Kohlenfuhrwerk beschäftigte. Da damals eine Kuh am Kälbern war, fährt die Niedermaier fort, so sei sie um ¾11 Uhr wieder in den Stall gegangen, um nachzusehen. Da sei gerade der Georg Aigner heimgekommen; sie habe auf sein Klopfen die Thüre geöffnet und ihm in die Schlafkammer hinaufgeleuchtet, wo er seinen Bruder Max weckte und sich von diesem die Stiefel ausziehen ließ. Als es in Frauenried Nachts 1 Uhr schlug, sei sie wieder in den Stall und habe da an der Schlafkammer der Brüder Aigner vorübergehend, sie miteinander plaudern gehört und zwar darüber, daß wegen des starken Regens das Wasser durch das Dach eindringe. Ebenso habe sie den M. Aigner mehrfach bis gegen 2 Uhr, das letztemal um 2½ Uhr husten gehört. In gleicher Weise deponirte der als verdächtiger Zeuge vernommene Georg Aigner, und da auch der der That verdächtige A. Hauser ein genügendes Alibi nachgewiesen hatte, so wurde durch Erkenntniß des Bezirksgerichts Traunstein gegen diese drei Personen sowie gegen die Maria Westner das Strafverfahren eingestellt und Max Aigner und Mar. Westner am 27. März 1858 aus der Untersuchungshaft entlassen. (Forts. folgt.)

Der Bayerische Landbote No. 271. München; Mittwoch, den 28. September 1859.

Der Bayerische Landbote (29.9.1859)

München. III. ordentliche Schwurgerichtssitzung von Oberbayern. 11te Verhandlung am 24. Sept. u. folgende Tage gegen Maria Westner, Bauerswittwe von Jedling, Max Aigner und Georg Aigner, led. Dienstknechte von Sinnertsbüchl, und Elise Niedermaier, led. Dienstmagd von Tuntenhausen – wegen Mordes und Meineides.

(Fortsetzung.) Nachdem Mar. Westner aus der Untersuchungshaft entlassen war, konnte sie um so leichter ihren Lüsten fröhnen, als sie nicht mehr von einem mit Recht eifersüchtigen Mann genirt war. In dieser Beziehung gab Kaspar Greißl, der bei der Westner zu Georgi 1858 in Dienst trat, an, daß er noch nicht lange im Hause gewesen sei, als er einmal Nachts schwere Tritte auf dem Hausboden hörte. Er ging deßhalb hinauf und traf einen ihm fremden Burschen, der sich als einen Knecht, der früher im Hause diente, zu erkennen gab und zur Bäuerin verlangte. Greißl führte ihn auch zu ihr und fragte sie, ob sie diesen Menschen kenne? Nach einigem Zögern erhielt er zur Antwort: Es sei der Max Aigner, von welchem man sage, daß er ihren Mann erschlagen habe. Am andern Tage fragte Greißl die Bäuerin, was denn dieser Mensch wollte, und sie sagte dann daraus: »ich sollte ihn alleweil heirathen und dies thut kein gut, sonst kommen wir gleich auf.« Auch in Miesbach sah sie Greißl miteinander gehen und zwar am Frohnleichnamstage den 8. Juni 1858, während noch im selben Monate, am Tage vor Johanni, der frühere Liebhaber Andr. Huber die Melcherbäuerin besuchte und Greißl ihn am folgenden Morgen in der Schlafkammer der Bäuerin antraf, wo er mit dieser und der 16jährigen Tochter Anna in einem Bette lag! Aus diesem liederlichen Leben wurden aber die Maria Westner und Max Aigner plötzlich durch den Arm der Gerechtigkeit gerissen und die eine am 1. Juli und der andere am 3. Juli 1858 wieder verhaftet. Im Arbeitshause zu Kaisheim hatte der zu 6 Jahren Strafe verurtheilte Bruder der M. Westner, der Dienstknecht Mich. Manhart von Hochschätzen, ziemlich glaubwürdige Angaben über die Ermordung des Melcherbauern gemacht, welche dessen Ablieferung an das Landgericht Rosenheim zur Folge hatte. Dort angekommen, nahm aber Manhart sein in Kaisheim gemachtes Geständniß, soweit es seine Betheiligung am Morde betrifft, als gänzlich unwahr zurück und erklärte sich dahin, daß er seine ganze Wissenschaft von der Sache lediglich von der Dienstmagd Elis. Niedermaier habe, mit welcher er, als er Mitte August 1857 zur Aushilfe nach Jedling kam, sofort ein Liebesverhältniß angefangen, obwohl sie damals noch einen andern Liebhaber, den Dienstknecht Martin Stock hatte. Diese habe ihm nun erzählt, daß sie schon acht Tage vor der Ermordung des Westner von dessen Frau und dem Max Aigner angegangen worden sei, dem Letztern für die Nacht des 9/10. August zu bestätigen, daß er nicht aus dem Hause gekommen sei und daß ihr hiefür 600 fl. versprochen worden seien; daß neben dem sogenannten »starken Hans«, einem Zimmermann Namens Johann Seidl aus dem Ldg. Wolfratshausen, auch Georg Aigner von der Sache gewußt habe, und daß die Maria Westner, um den Verdacht von sich abzulenken, deßhalb eigens auf die Kirchweih nach Schalkham gegangen sei, endlich daß die That von Max Aigner und dem starken Hans verübt worden sei, während Georg Aigner mit seinem Fuhrwerke auf der Lauer gestanden sei und den andern Beiden das Zeichen gegeben habe. Manhart behauptete auch, daß er zu seiner Schwester, seit sie den Westner geheirathet hatte, gar nicht mehr in deren Haus gekommen sei, und daß er den starken Hans und den Max Aigner von Person gar nicht kenne, was sich später auch als so ziemlich glaubwürdig herausgestellt hat. Auf diese Angaben hin wurden auch Georg Aigner und Elis. Niedermaier verhaftet. Die letztere blieb aber bei ihren früheren, eidlich gemachten Aussagen im ersten Verhöre stehen, und bezeichnte die ganze Erzählung des Mannhart als völlig unwahr, nur fügte sie bei, daß in der Nacht vom 9. Aug. ihr Geliebter Martin Stock bei ihr in der Kammer gewesen sei. Diese Bemerkung gab der Sache eine überraschende Wendung, es wurde Martin Stock jetzt als Zeuge vernommen, allein dieser wollte weder gehört haben, daß Georg Aigner mit der Niedermaier heraufkam, als diese vom Stall zurückkehrte, noch daß die Brüder Aigner miteinander sprachen, noch daß Max Aigner hustete, überhaupt von Alledem nichts, was die Niedermaier bekundet hatte. Jetzt ging auch die Elis. Niedermaier in sich und in einem selbst erbetenen Verhör vom 2. Oktober nahm sie alle ihre Angaben als völlig unwahr zurück, und sagte, sie wolle nun ihr Gewissen, das sich schon lange wegen des abgelegten falschen Eides gedrückt fühle, erleichtern und sagen, was sie von der Sache wisse.

Die neuen Angaben der Elis. Niedermaier sind nun folgende: Max Aigner sei allerdings am 9. Aug. mit den übrigen Hausgenossen schlafen gegangen, allein sie habe in der fraglichen Nacht ihn weder husten gehört, noch habe sie dem Georg Aigner hinaufgeleuchtet; sie habe lediglich glaublich Nachts um 1 Uhr auf der Stiege ein Geräusch gehört, als wenn Jemand heraufschleiche, den Georg Aigner aber gar nicht zu Gesicht bekommen. Am Montag den 10. Aug. sei sie schon Morgens 6 Uhr nach Glon geschickt worden, wovon sie erst am Dienstag Vormittags zurückgekommen und von Max Aigner nun erfahren habe, daß der Melcherbauer erschlagen worden sei. Von diesem Augenblicke an begannen die Bemühungen der Brüder Aigner, sie zu dem falschen Zeugnisse zu bestimmen, denn es falle Verdacht auf den Max Aigner, und den könne man doch nicht unschuldig einsperren lassen. Als dieser bereits verhaftet war, setzte Georg Aigner die Ueberredung fort, indem er ihr mehrmals genau vorsagte, was sie alles bei Gericht anzugeben hätte. Sie habe sich nun durch dieses Zureden wirklich verführen lasten, in Miesbach falsche Angaben zu machen. Ende Oktober v. Js. ließ sich die Elis. Niedermaier wieder znm Verhöre melden und gab da an, daß sie den starken Hans (Seidl) vor und nach der Ermordung des Westner zwar einigemal in Jedling gesehen habe, daß sie ihn aber nicht näher kenne. Ferner, daß sie einmal 2 oder 3 Wochen vor dem Tode des Westner zu Max Aigner, der über ihn schimpfte, gesagt habe: »der Melcherbauer ist noch gut genug für seine Frau,« worauf Max Aigner antwortete: »Du sagst so, und die Melcherbäuerin hat mir 900 fl. versprochen, wenn der Melcherbauer nicht mehr heimkomme.« Max Aigner habe ihr übrigens nach der Hand 5 bis 600 fl. für ihr Zeugniß versprochen, nur müsse zuvor die Maria Westner aus dem Arrest herauskommen, denn er selbst habe nicht so viel Geld. Einige Wochen später, am 3. Dez. v. J., ließ die Niedermaier sich wieder zum Verhör melden und erzählte nun, daß ihr am Montag früh, ehe sie nach Glon ging, Georg Aigner ein seinem Bruder Max gehöriges blutiges Hemd zum Auswaschen gegeben habe, und dieser sagte ihr am Dienstag, daß er sich an der rechten Hand gerissen habe, wovon sie aber nichts bemerkte. Als sie erfuhr, daß der Verdacht auf Max Aigner falle, machte sie ihm deßhalb Vorhalt, wobei derselbe ganz blaß wurde, aber nichts sagte, und als sie dies dem Georg Aigner erzählte, äußerte dieser, sie solle nur sagen, wie es ausgemacht sei, sonst gehe es ihr wie dem Melcherbauern. Endlich, nachdem Max Aigner schon verhaftet war, habe ihr der Georg gestanden, daß er und der Max den Westner erschlagen hätten. Die Elis. Niedermaier gab dann weiters an, daß Georg Aigner zwar am fraglichen Sonntag Abends gegen 11 Uhr nach Hause gekommen, daß er aber gar nicht in seine Schlafkammer hinaufgegangen, sondern ein Pferd einspannte, um dem Westner Vorspann zu leisten. Zur selben Zeit sei auch Max Aigner zum Tennenthor hinausgegangen in der Richtung nach Oberhofen. Georg Aigner habe dem Westner schon am Samstag vorher versprochen, ihm in der Nacht vom Sonntag auf Montag Vorspann zu leisten und habe deßhalb dieser am Sonntag Nachmittags zweimal gefragt, ob der Georg noch nicht nach Hause gekommen sei. Alles dieses habe sie dem Mich. Manhart erzählt, als sie mit ihm Bekanntschaft angefangen habe, dagegen müsse sie in Abrede stellen, dem Manhart auch gesagt zu haben, daß der starke Hans dabei gewesen sei, sie habe nur gesagt, daß dieser wohl auch etwas davon wissen könne, weil er öfters nach den Brüdern Aigner gefragt und sie ihn auch mehrmals in der Nähe des Melcherbauernanwesens gesehen habe. Schließlich bemerkte die Niedermaier, daß sie wegen Krankheit erst kürzlich gebeichtet und nun Alles angegeben habe, um ihr Gewissen zu entlasten, und daß sie nur noch angeben müsse, daß der Vater des von ihr am 8. Mai v. J. gebornen Kindes nicht der Mart. Stock, sonder Mich. Manhart sei, was dem Landgericht Aibling mitgetheilt werden möge. In Folge dieser Angaben und weil Joh. Seidl zudem einen genügenden Alibibeweis geführt hatte, wurde das Strafverfahren gegen diesen, sowie gegen Manhart eingestellt, und die Anklage wegen Ermordung des Melcherbauern gegen die Brüder Aigner und Mar. Westner festgestellt. (Schluß folgt.)

Der Bayerische Landbote No. 272. München; Donnerstag, den 29. September 1859.

Der Bayerische Landbote (30.9.1859)

München. ILI. ordentliche Schwurgerichtssitzung von Oberbayern. 11te Verhandlung am 24. Sept. u. folgende Tage gegen Maria Westner, Bauerswittwe von Jedling, Max Aigner und Georg Aigner, led. Dienstknechte von Sinnertsbüchl, und Elise Niedermaier, led. Dienstmagd von Tuntenhausen – wegen Mordes und Meineides.

(Schluß.) Außerdem ist Maria Westner noch des Verbrechens des Meineides angeklagt, welches sie dadurch begangen haben soll, daß sie in der Untersuchungssache gegen den Dienstknecht Rupert Greißl dessen Anwesenheit am 29. März v. Js. im Melcherbauernhofe behauptete und eidlich bekräftigte, während sie in ihrer ersten Aussage das Gegentheil ebenfalls eidlich behauptete, und somit wissentlich die Wahrheit in Lüge verwandelte. – Die Angeklagten behaupteten fort und fort ihre Unschuld und kamen durch das von der Elis. Niedermaier unter vielen Thränen wiederholte Geständniß in die unangenehme Lage, die Glaubwürdigkeit dieser von ihnen anfangs selbst vorgeschlagenen Zeugin so viel als möglich herabzusetzen, wobei ihnen die von derselben mit dem sicherheitsgefährlichen Mich. Manhart eingegangene Verbindung sehr zu statten kam. Die Bäuerin Maria Westner stellte ebenfalls jede Betheiligung an der That direkt in Abrede und will mit keinem Worte je dem Max Aigner die Ehe versprochen oder sonst ihm oder ihrem Bruder Anschläge gegen ihren Mann angestiftet zu haben. Der unbeeidigt vernommene Mich. Manhart wiederholte seine in der Voruntersuchung gemachten Aussagen, die nicht immer, wie bereits bekannt, mit denen der Elis. Niedermaier übereinstimmen, wie überhaupt diese Persönlichkeit nicht dazu angethan war, der Anklage eine bessere Stütze zu verleihen.

Die k. Staatsbehörde begründete die Anklage auf das Verbrechen des qualifizirten Mordes und das Verbrechen des Meineides in einem sehr ausführlichen Vortrag und trug auf ein Schuldig sämmtlicher Angeklagten an. Die Vertheidigung plaidirte hingegen auf Freisprechung, weil sowohl bezüglich der Maria Westner die intellectuelle Urheberschaft zum Verbrechen des Mordes nichts weniger als erwiesen, und ebenso wegen der Thäterschaft der Brüder Max und Georg Aigner keine feste und volle Ueberzeugung sich gewinnen lasse. Die Schuld der Elis. Niedermaier betreffend, machte die Vertheidigung geltend, daß diese unter dem Eindrucke von Drohungen zu ihrer falschen Aussage verleitet worden sei und fortwährend in Furcht und Angst vor dem Aigner'schen Brüderpaar habe leben müssen, weshalb auch bei dieser auf Freisprechung angetragen wird. Den Geschwornen wurden sieben Fragen vorgelegt, von den drei auf Mord, bezüglich der Westner auf intellectuelle Urheberschaft und auf Thäterschaft im Complott in Bezug der Aigner, gingen, während die übrigen auf Verleitung zum Meineid und den Meineid der Niedermaier und der Westner betreffend gerichtet waren. Nach dreistündiger Abwesenheit, während welcher Zeit das sehr zahlreich versammelte Publikum sich nicht entfernte, erschienen die Geschwornen, welche sämmtliche Fragen bejahten. Der k. Staatsanwalt stellte hierauf den Antrag, die Maria Westner, den Max und Georg Aigner zur Todesstrafe und die Elis. Niedermaier zu einer 4jährigen Arbeitshausstrafe zu verurtheilen; der Gerichtshof verkündete aber nach halbstündiger Berathung das Erkenntniß dahin, daß sich die Geschwornen nach einstimmigem Urtheil des Gerichtshofes in der Hauptsache geirrt und daher nach Art. 212 der Strafprozeßordnung, die Untersuchungssache unter Zugrundelegung des Verweisungserkenntnisses an ein anderes Schwurgericht zur wiederholten Aburtheilung zu verweisen sei.

Der Bayerische Landbote No. 273. München; Freitag, den 30. September 1859.

Der Bayerische Landbote (6.12.1859)

München. IV. ordentliche Schwurgerichtssitzung für Oberbayern. 4te Verhandlung am 5. Dezbr. u. folg. Tage gegen Maria Westner, Bauerswittwe von Jedling, Max Aigner und Georg Aigner, led. Dienstknechte von Sinnertsbüchl und Elisabeth Niedermaier, led. Dienstmagd von Tuntenhausen – wegen Mordes und Meineides.

Oberstaatsanwalt: v. Schab; Vertheidiger: Dietherr, Aub, Rau, Rothmüller. Geschworne: Ettlinger, Graf Hundt, Villgradter, Höllmaier, Braun, Bittel, Herold, Jank, Kotz, Niederer, Daxenberger, Uhland; v. Barth, Ersatz-Geschworner.

Mit ungewöhnlicher Spannung wurde nicht blos in juridischen Kreisen der heutigen Verhandlung entgegengesehen, welche das Loos dreier Menschen entgiltig feststellen soll, über welche bereits in der vorigen Saison die Geschwornen ein »Schuldig« gefällt, der Gerichtshof aber den überraschenden Beschluß gefaßt hatte, daß die Geschwornen sich in der Hauptsache geirrt haben. In Folge dessen kommt jetzt die Sache neuerdings zur Verhandlung und das Interesse hiefür ist demnach hinlänglich begründet.

Aus der Voruntersuchung geht nun Folgendes hervor: Im Jahre 1849 starb zu Unteratting, Ldg. Trostberg, der Schobersöderbauer Jos. Mödler und hinlerließ eine Frau (mit vier Kindern), die aber über den Tod ihres Mannes nicht besonders betrübt seyn mochte, denn schon nach vierwöchentlichem Wittwenstande heirathete die Maria Mödler den Bauernssohn Ignaz Westner von Schalkham. Sechs Jahre später, im Jahre 1855 kauften die Westner'schen Eheleute das Melcherbauernanwesen zu Jedling, Gemeinde Irschenberg, Ldg. Miesbach, ohne die Ansässigkeit zu erlangen; der Mann beschäftigte sich nämlich lieber mit dem Steinkohlenfuhrwerk von Miesbach nach Rosenheim, als mit ökonomischen Arbeiten, während die Frau als eine sehr fleißige Bäuerin, aber auch leider als eine sehr ausschweifende Person geschildert wird. Das im Novbr. 1857 ihr von der Gemeinde Irschenberg ausgestellte Leumundszeugniß lautete deßhalb auch folgendermaßen: »Maria Westner wurde nicht nur erwachsenen Personen, welche sie näher zu kennen Gelegenheit hatten, sondern auch ihren eigenen vier Kinder sowohl in Wort als That zum Aergerniß, da sie den Keim alles Guten in den letzteren gleichsam erstickte und ihnen als Muster der Liederlichkeit und Ausschweifung ein schlechtes Beispiel gab.« Vom Landgerichte bereits wegen unsittlichen Betragens mit ihrem Knechte Andr. Hauser und unerlaubter Beherbergung bestraft, ertappte sie der Ehemann selbst mehrmals mit demselben, der deßhelb auch den Dienst verlassen mußte, wie noch viele andere Knechte, da es allgemein bekannt war, daß die Westner es lieber mit diesen als mit ihrem Ehemanne hielt. Dieses vorausgeschickt, wird es Niemand Wunder nehmen, daß es zwischen diesen Eheleuten zu vielfachem Zank und Streit kam, und Ign. Westner seine Frau öfters mit Faustschlägen traktirte. So äußerte der erst zehnjährige Sohn der Westner im Frühjahre 1857 in der benachbarten Schmiede zu Wollkam naiverweise: »Sein Vater erschlage die Mutter noch, weil sie immer beim Knechte schlafe, aber die Mutter habe gesagt, daß der Vater noch eher erschlagen werde, das sei auch besser für die Kinder, weil sie da leichter die Aufnahme in die Gemeinde bekämen, denn den Vater mögen die Leute nicht.« Die Prophezeiung sollte nun schon in der darauffolgenden Nacht beinahe in Erfüllung gehen. Ign. Westner fuhr nämlich am Donnerstag den 30. April 1857, Morgens 2 Uhr, mit seinem Knechte, Martin Huber, auf die Schranne nach Rosenheim, war aber noch nicht weit von Jedling entfernt, im sogenannten Schinderhölzchen, als plötzlich auf ihn, der links auf dem Wagen saß, mit einem Prügel und zwar so heftig auf den Kopf eingeschlagen wurde, daß er das Bewußtsein verlor. Es war damals auch so dunkel, daß weder Westner noch Huber sehen konnten, von wem die Schläge kamen und ob es nur ein Angreifer war oder ihrer mehrere. Während der ganzen Affaire wurde kein Wort gesprochen und auch nicht der leiseste Versuch gemacht, aus dem man schließen könnte, es wäre auf einen Raub abgesehen gewesen. Wegen dieser That fiel alsbald der Verdacht auf den früheren Liebhaber der Westner, Andr. Hauser, der damals in Sturzelham diente, jedoch ein ziemlich genügendes Alibi nachweisen konnte.

Der Bayerische Landbote No. 340. München; Dienstag, den 6. Dezember 1859.

Der Bayerische Landbote (7.12.1859)

München. IV. ordentliche Schwurgerichtssitzung für Oberbayern. 4te Verhandlung am 5. Dezbr. u. folg. Tage gegen Maria Westner, Bauerswittwe von Jedling, Max Aigner und Georg Aigner, led. Dienstknechte von Sinnertsbüchl und Elisabeth Niedermaier, led. Dienstmagd von Tuntenhausen – wegen Mordes und Meineides.

(Forts.) Ein anderer Knecht, Max Aigner, der von Georgi 1856 bis Lichtmeß 1857 bei Westner im Dienst und mit der Frau in ehebrecherischem Verhältniß gestanden, arbeitete zu dieser Zeit am Wasserbau in Miesbach und schlief bei dem Kistler Auer dort auf dem Heu. Dieser Max Aigner kam gerade in der Nacht des Ueberfalles in das Bett des Knechtes Xav. Unsinn, unter dem Vorgeben, daß ihn so friere. Als sich unter Tags in Miesbach die Kunde verbreitete, daß der Melcherbauer Westner so geschlagen worden sei in der vorigen Nacht, äußerte Aigner zu den Kistlersleuten: »Bin auch schon einmal bei ihm im Dienste gewesen und so mittelmäßig weggekommen; da könnte man auch oft hineinkommen; ist gut, daß ich heute Nacht bei dem Knecht geschlafen, ihr wißt dann gleich, was ihr zu sagen habt, wenn ihr einmal deßhalb gefragt werdet.«

Auf Jakobi 1857 trat Max Aigner in Jedling selbst wieder in Dienst beim Blasibauern Thom. Kirchberger und setzte sein ehebrecherisches Verhältniß mit der Westner in der schamlosesten Weise fort. In diese Zeit fallen auch zwei gewichtige Aeußerungen von Seite der Westner, welche bei der Heuarbeit den Max Aigner auf die Kirchweih einlud, die auf Ende August fällt, worauf Aigner entgegnete: »Ja, wenn der Eure nicht wäre!« und die Westner erwiederte: »Bis dahin wird's schon anders werden.« Zu der Schmiedin Baumann sagte sie aber zur selben Zeit auf dem Wege nach Miesbach: »Du wirst sehen, mein Mann wird noch einmal recht erschlagen, und sag' dann, daß ich Dir das gesagt habe.« Von welcher Seite dem Westner aber die Schläge zugedacht wurden, darüber täuschte er sich selbst gar nicht; denn zu dem Bauern Guggenbichler sagte er noch am Sonntag den 9. Aug., daß er seine Frau mit dem Max Aigner im Bette betreten habe, und fügte hinzu, daß sich sein Weib wohl irgendwohin verlobt haben werde, daß er ein andersmal ganz erschlagen werde. Diese Ahnung sollte in der schrecklichsten Weise in Erfüllung gehen, denn schon in der darauffolgenden Nacht wurde der Melcherbauer Ign. Westner erschlagen aufgefunden. In der Nacht vom 9. auf den 10. Aug. gegen 2 Uhr Morgens wurde der Großbauer Xv. Hörmann von Oberhof durch einen Schrei auS dem Schlafe geweckt und sah deßhalb zum Fenster hinaus, konnte jedoch, weil es noch ganz dunkle Nacht war, nichts weiter wahrnehmen. Als er aber Morgens um 5 Uhr aus dem Hause trat, fand er in der Entfernung von beiläufig 30 Schritten den Melcherbauern Westner todt daliegen, mit dem Gesichte gegen den Grasboden gekehrt, während dessen mit zwei Pferden bespannter und mit Steinkohlen schwer beladener Wagen etwas weiter rückwärts auf der Straße gerade an der Stelle stand, wo sie eine kleine Erhöhung hat und Westner immer einige Augenblicke anzuhalten pflegte, um die Pferde verschnaufen zu lassen. Zunächst des Wagens fand sich das 2½ Schuh lange Stück einer abgebrochenen Wagenstange, und zehn Schritte davon entfernt nach vorwärts das größere 6½ Schuh lange Stück dieser 2½ bis 3 Zoll im Durchmesser dicken Stange. Bei der Obduktion ergab sich, daß der Schädel einen vollständigen Bruch erlitten und die Zersprengung bis auf dessen Grund gedrungen war, so daß der k. Gerichtsarzt Dr. Beck versicherte, während einer 23jährigen Praxis noch keine größere absichtliche Körperverletzung gesehen zu haben. Während der Melcherbauer Westner in dieser Nacht ermordet wurde, schlief die Maria Westner bei dessen Mutter zu Schalkham, wohin sie sich mit ihrer Tochter Maria Mödler zur Kirchweih begeben hatte, in derselben Kammer. Morgens um 4 Uhr, also beiläufig zwei Stunden nach dem Tode ihres Mannes, erzählte sie ihr (Westner's Mutter), es habe ihr geträumt, daß ihr Mann todtgeschossen worden sei und daß sie deßhalb so viel geweint habe. Die alte Frau konnte hievon wohl nichts bemerken, doch war ihr aufgefallen, daß die Maria Westner am Tage vorher ungemein still war, sehr wenig aß und von den andern Kirchweihgästen entfernt sich allem auf den Anger legte, was sie jedoch der Ermüdung von der Reise zuschrieb. Dafür drängle die Maria Westner am Montag früh nach Hause und entfernte sich mit ihrer Tochter schon Morgens zwischen 5 und 6 Uhr.

(Fortsetzung folgt.)

Der Bayerische Landbote No. 341. München; Mittwoch, den 7. Dezember 1859.

Der Bayerische Landbote (8.12.1859)

München. IV. ordentliche Schwurgerichtssitzung für Oberbayern. 4te Verhandlung am 5. Dezbr. u. folg. Tage gegen Maria Westner, Bauerswittwe von Jedling, Max Aigner und Georg Aigner, led. Dienstknechte von Sinnertsbüchl und Elisabeth Niedermaier, led. Dienstmagd von Tuntenhausen – wegen Mordes und Meineides.

(Forts.) Diesen Traum erzählte die Maria Westner unterwegs auch ihrer Tochter Maria, so wie dem Gendarmen Ant. Zepf, der sie schon Abends 5 Uhr auf dem Heimwege in Au arretirte. Zu diesem äußerte sie sich weiter, daß sie zu ihrer Tochter, weil die Elstern immer so auf ihrem Wege schrieen, gleich gesagt habe: »Heute ist gewiß etwas besonderes, ein Unglück bei uns vorgefallen.« Nachdem sie den Tod ihres Mannes erfahren, sagte sie, sie habe deßhalb schon eine Ahnung gehabt, übrigens sei sie nur froh, daß sie keinen Rückfall hinausbezahlen dürfe, weil ihr Mann ihre Kinder als seine eigenen einkommen ließ; sie habe sich erst kürzlich erkundigt, daß sie nichts hinausbezahlen dürfe, das sei ihr noch das Liebste. Am 11. Aug. zur Leiche ihres Mannes geführt, ging sie festen Schrittes und mit kecker Miene an den Sarg hin, und erst als man sie auf das verstellte Gesicht der Leiche aufmerksam machte, fing sie zu weinen an, was jedoch nur so lange dauerte, als sie die Leiche sah, alsdann entfernte sie sich trockenen Auges und sprach, als ob nichts vorgefallen wäre.

Zwei Tage später, am 13. Aug., wurde im Melcherbauernhof der Dienstknecht Max Aigner arretirt, wo er gerade aushilfsweise arbeitete, und war darüber sehr betroffen. In seinem ersten Verhöre leugnete er jede Bekanntschaft mit der Mar. Westner, zu der er seit seinem Dienstesaustritte nicht mehr in das Haus gekommen seyn will. In der Mordnacht sei er um 10 Uhr zu Bette gegangen, das er die ganze Nacht nicht mehr verlassen habe. Mit einem starken Brustleiden behaftet, habe er von 11 bis 1 Uhr mehrfach husten müssen, dieß habe die in der Nähe befindliche Dirne Elisab. Niedermaier gehört, welche er deßhalb auch als Zeugin benannte. Diese Elis. Niedermaier bestätigte in ihrer eidlichen Vernehmung Folgendes: Alle Hausangehörigen seien am Sonntag den 9. August Abends 10 Uhr in das Bett gegangen, mit Ausnahme des Georg Aigner, eines Bruders des M. Aigner, der sich damals gleichfalls im Scheindienste beim Blasibauern zu Jedling aufhielt, aber sich nur mit Kohlenfuhrwerk beschäftigte. Da damals eine Kuh am Kälbern war, fährt die Niedermaier fort, so sei sie um ¾11 Uhr wieder in den Stall gegangen, um nachzusehen. Da sei gerade der Georg Aigner heimgekommen; sie habe auf sein Klopfen die Thüre geöffnet und ihm in die Schlafkammer hinaufgeleuchtet, wo er seinen Bruder Max weckte und sich von diesem die Stiefel ausziehen ließ. Als es in Frauenried Nachts 1 Uhr schlug, sei sie wieder in den Stall und habe da an der Schlafkammer der Brüder Aigner vorübergehend, sie miteinander plaudern gehört und zwar darüber, daß wegen des starken Regens das Wasser durch das Dach eindringe. Ebenso habe sie den Max Aigner mehrfach bis gegen 2 Uhr, das letztemal um 2½ Uhr husten gehört. In gleicher Weise deponirte der als verdächtiger Zeuge vernommene Georg Aigner, und da auch der der That verdächtige A. Hauser ein genügendes Alibi nachgewiesen hatte, so wurde durch Erkenntniß des Bezirksgerichts Traunstein gegen diese drei Personen, sowie gegen die Maria Westner das Strafverfahren eingestellt und Max Aigner und Mar. Westner am 27. März 1858 aus der Untersuchungshaft entlassen. Mar. Westner konnte nun um so leichter ihren Lüsten fröhnen, als sie nicht mehr von einem mit Recht eifersüchtigen Manne genirt war. In dieser Beziehung gab Kasp. Greißl, der bei der Wester zu Georgi 1858 in Dienst trat, an, daß er noch nicht lange im Hause gewesen sei, als er einmal Nachts schwere Tritte auf dem Hausboden hörte. Er ging deßhalb hinauf und traf einen ihm fremden Burschen, der sich als einen Knecht, der früher im Hause diente, zu erkennen gab und zur Bäuerin verlangte. Greißl führte ihn auch zu ihr und fragte sie, ob sie diesen Menschen kenne? Nach einigem Zögern erhielt er zur Antwort: Es sei der Max Aigner, von welchem man sage, daß er ihren Mann erschlagen habe. Am andern Tage fragte Greißl die Bäuerin, was denn dieser Mensch wollte, und sie sagte dann darauf: »ich sollte ihn alleweil heirathen und dieß thut kein gut, sonst kommen wir gleich auf.« Auch in Miesbach sah sie Greißl miteinander gehen und zwar am Frohnleichnamstage den 3. Juni 1858, während noch im selben Monate, am Tage vor Johanni, der frühere Liebhaber Andr. Huber die Melcherbäuerin besuchte und Greißl ihn am folgenden Morgen in der Schlafkammer der Bäuerin antraf, wo er mit dieser und der 16jährigen Tochter Anna in einem Bette lag! Aus diesem liederlichen Leben wurden aber die Mar. Westner und Max Aigner plötzlich durch den Arm der Gerechtigkeit gerissen, und die eine am 1. Juli und der andere am 3. Juli wieder verhaftet. Im Arbeitshause zu Kaisheim hatte der zu 6 Jahren Strafe verurtheilte Bruder der M. Westner, der Dienstknecht Mich. Mannhart von Hochschützen, ziemlich glaubwürdige Angaben über die Ermordung des Melcherbauern gemacht, welche dessen Ablieferung an das Landgericht Rosenheim zur Folge hatte. Dort angekommen, nahm aber Mannhart sein in Kaisheim gemachtes Geständniß, soweit es seine Betheiligung am Morde betrifft, als gänzlich unwahr zurück und erklärte sich dahin, daß er seine ganze Wissenschaft von der Sache lediglich von der Dienstmagd Elis. Niedermaier habe, mit welcher er, als er Mitte August 1857 zur Aushilfe nach Jedling kam, sofort ein Liebesverhältniß angefangen, obwohl sie damals noch einen anderen Liebhaber, den Dienstknecht Mart. Stock hatte.

Der Bayerische Landbote No. 342. München; Donnerstag, den 8. Dezember 1859.

Der Bayerische Landbote (9.12.1859)

München. IV. ordentliche Schwurgerichtssitzung für Oberbayern. 4te Verhandlung am 5. Dezbr. u. folg. Tage gegen Maria Westner, Bauerswittwe von Jedling, Max Aigner und Georg Aigner, led. Dienstknechte von Sinnertsbüchl und Elisabeth Niedermaier, led. Dienstmagd von Tuntenhausen – wegen Mordes und Meineides.

(Forts.) Die Elise Niedermaier, gab Mannhart an, habe ihm erzählt, daß sie schon 8 Tage vor der Ermordung des Westner von dessen Frau und dem Max Aigner angegangen worden sei, dem Letzteren für die Nacht des 9/10. August zu bestätigen, daß er nicht aus dem Hause gekommen wäre und daß ihr hiefür 600 fl. versprochen worden seien; daß neben dem sog. »starken Hans«, einem Zimmermann Namens Johann Seidl aus dem Ldg. Wolfratshausen, auch Gg. Aigner von der Sache gewußt habe, und daß die Maria Westner, um den Verdacht von sich abzulenken, deßhalb eigens auf die Kirchweih nach Schalkham gegangen sei, endlich daß die That von Max Aigner und dem starken Hans verübt worden sei, während Gg. Aigner mit seinem Fuhrwerk auf der Lauer gestanden und den andern Beiden das Zeichen gegeben habe. Mannhart behauptete auch, daß er zu seiner Schwester, seit sie den Westner geheirathet hatte, gar nicht mehr in das Haus gekommen sei, und daß er den starken Hans und den Max Aigner von Person gar nicht kenne, was sich später auch als so ziemlich glaubwürdig herausgestellt hat. Auf diese Angaben hin wurden auch Gg. Aigner und Elise Niedermaier verhaftet. Die Letztere blieb aber bei ihren früheren eidlich gemachten Aussagen im ersten Verhöre stehen und bezeichnete die ganze Erzählung des Mannhart als völlig unwahr, nur fügte sie bei, daß in der Nacht vom 9. August ihr Geliebter Martin Stock bei ihr in der Kammer gewesen sei. Diese Bemerkung gab der Sache eine überraschende Wendung, es wurde Martin Stock jetzt als Zeuge vernommen, allein dieser wollte weder gehört haben, daß Gg. Aigner mit der Niedermaier heraufkam, als diese vom Stadel zurückkehrte, noch daß die Brüder Aigner mit einander sprachen, noch daß Max Aigner hustete, überhaupt von alle dem nichts, was die Niedermaier bekundet hatte. Jetzt ging auch die Elise Niedermaier in sich und in einem selbst erbetenen Verhöre vom 2. Okt. nahm sie alle ihre Angaben als völlig unwahr zurück, und sagte, sie wolle nun ihr Gewissen, das sich schon lange wegen des abgelegten falschen Eides gedrückt fühle, erleichtern und sagen, was sie von der Sache wisse. Die neueren Angaben derselben waren nun folgende: Max Aigner sei allerdings am 9. Aug. mit den übrigen Hausgenossen schlafen gegangen, allein sie habe in der fraglichen Nacht ihn weder husten gehört, noch habe sie dem Georg Aigner hinaufgeleuchtet, sie habe lediglich, glaublich Nachts um 1 Uhr, auf der Stiege ein Geräusch gehört, als wenn Jemand heraufschleiche, ihn, den Gg. Aigner, aber gar nicht zu Gesicht bekommen. Am Montag den 10. Aug. sei sie schon Morgens 6 Uhr nach Glon geschickt worden, woher sie erst am Dienstag Vormittags zurückgekehrt, und von Max Aigner nun erfahren habe, daß der Melcherbauer erschlagen worden sei. Von diesem Augenblicke an begannen die Bemühungen der Brüder Aigner, sie zu dem falschen Zeugnisse zu bestimmen, denn es falle Verdacht auf den Max Aigner, und den könne man doch nicht unschuldig einsperren lassen. Als dieser bereits verhaftet war, setzte Gg. Aigner die Ueberredung fort, indem er ihr mehrmals genau vorsagte, was sie alles bei Gericht anzugeben hätte. Sie habe sich nun durch dieses Zureden verführen lassen, in Miesbach falsche Angaben zu machen. Ende Oktober vor. Js. ließ sich die Niedermaier wieder zum Verhöre melden und gab da an, daß sie den starken Hans (Seidl) vor und nach der Ermordung des Westner zwar einigemal in Jedling gesehen habe, daß sie ihn aber nicht näher kenne. Ferner, daß sie einmal zwei oder drei Wochen vor dem Tode des Westner zu Max Aigner, der über ihn schimpfte, gesagt habe: »der Melcherbauer ist noch gut genug für seine Frau«, worauf Max Aigner antwortete: »Du sagst so, und die Melcherbäuerin hat mir 900 fl. versprochen, wenn der Melcherbauer nicht mehr heimkommt.« Max Aigner habe ihr übrigens nach der Hand 5 bis 600 fl. für ihr Zeugniß versprochen, nur müsse zuvor die Mar. Westner aus dem Arrest herauskommen, denn er selbst habe nicht so viel Geld. Einige Wochen später, am 3. Dez. v. J., ließ die Niedermaier sich wieder zum Verhöre melden und erzählte nun, daß ihr am Montag früh, ehe sie nach Glon ging, Georg Aigner ein seinem Bruder Max gehöriges blutiges Hemd zum Auswaschen gegeben habe, und dieser sagte ihr am Dienstag, daß er sich an der rechten Hand gerissen habe, wovon sie aber nichts bemerkte. Als sie erfuhr, daß der Verdacht auf Max Aigner falle, machte sie ihm deßhalb Vorhalt, wobei derselbe ganz blaß wurde, aber nichts sagte, und als sie dies dem Georg Aigner erzählte, äußerte dieser, sie solle nur sagen, wie es ausgemacht sei, sonst gehe es ihr wie dem Melcherbauern. Endlich, nachdem Max Aigner schon verhaftet war, habe ihr der Georg gestanden, daß er und der Max den Westner erschlagen hätten. Die Elis. Niedermaier gab dann weiters an, daß Georg Aigner zwar am fraglichen Sonntag Abends gegen 11 Uhr nach Hause gekommen, daß er aber gar nicht in seine Schlafkammer hinaufgegangen, sondern ein Pferd einspannte, um dem Westner Vorspann zu leisten. Zur selben Zeit sei auch Max Aigner zum Tennenthor hinausgegangen in der Richtung nach Oberhofen. Gg. Aigner habe dem Westner schon am Samstag vorher versprochen, ihm in der Nacht vom Sonntag auf Montag Vorspann zu leisten und habe deßhalb dieser am Sonntag Nachmittags zweimal gefragt, ob der Georg noch nicht nach Hause gekommen sei. Alles dieses habe sie dem Mich. Mannhart erzählt, als sie mit ihm Bekanntschaft angefangen habe, dagegen müsse sie in Abrede stellen, dem Mannhart auch gesagt zu haben, daß der starke Hans dabei gewesen sei; sie habe nur gesagt, daß dieser wohl auch etwas davon wissen könne, weil er öfters nach den Brüdern Aigner gefragt und sie ihn auch mehrmals in der Nähe des Melcherbauernanwesens gesehen habe. Schließlich bemerkte die Niedermaier, daß sie wegen Krankheit erst kürzlich gebeichtet und nun Alles angegeben habe, um ihr Gewissen zu entlasten, und daß sie nur noch angeben müsse, daß der Vater des von ihr am 8. Mai gebornen Kindes nicht der Mart. Stock, sondern Mich. Mannhart sei, was dem Landgericht Aibling mitgetheilt werden möge. In Folge dieser Angaben und weil Joh. Seidl zudem einen genügenden Alibibeweis geführt hatte, wurde das Strafverfahren gegen diesen sowie gegen Mannhart eingestellt, und die Anklage wegen Ermordung des Melcherbauern nur gegen die Brüder Aigner und Mar. Westner fortgeführt. (Schluß folgt.)

Der Bayerische Landbote No. 343. München; Freitag, den 9. Dezember 1859.

Der Bayerische Landbote (10.12.1859)

München. IV. ordentliche Schwurgerichtssitzung für Oberbayern. 4te Verhandlung am 5. Dezbr. u. folg. Tage gegen Maria Westner, Bauerswittwe von Jedling, Max Aigner und Georg Aigner, led. Dienstknechte von Sinnertsbüchl und Elisabeth Niedermaier, led. Dienstmagd von Tuntenhausen – wegen Mordes und Meineides.

(Schluß.) In der öffentlichen Sitzung, in welche eine Reihe von Zeugen geladen wurde, die bei der ersten Verhandlung noch nicht aufgetreten, wurden die Ergebnisse der Voruntersuchung größtentheils bestätigt. Die Elis. Niedermaier wiederholte ihr Geständniß von dem falschen Zeugniß, während die Maria Westner, Max und Georg Aigner jede Schuld an dem Morde des Melcherbauern durchweg in Abrede stellten. Mar. Westner ist nur des Meineides geständig, den sie in der Untersuchungssache gegen Greißl wissentlich geschworen. Die Gebrüder Aigner beharren fortwährend auf der ersten Angabe der Elis. Niedermaier, als der reinen Wahrheit, und bezeichnen ihre späteren Depositionen als ein Lügengewebe, das durch die Einwirkung des Mich. Mannhart entstanden sei. Aus der weitläufigen Erzählung der Elis. Niedermaier ergaben sich aber noch mehrere wichtige Momente, wie daß während der Zeit, als Max Aigner und Mar. Westner das erstemal im Arreste in Aibling saßen, Georg Aigner Zettelchen geschrieben habe, auf welchen stand: »sie sollen nur getrost seyn, es fehle nichts, die Zeugen halten schon her!« Diese Zettel seien in Nudeln eingebacken worden, so daß sie ganz an den Rand gekommen seien, und sie habe dann dieselben der Mar. Westner und dem Max Aigner in die Frohnveste gebracht. Bezüglich dieses Punktes versucht Georg Aigner die Unwahrheit dadurch zu beweisen, daß er behauptet, er könne gar nicht schreiben, worauf es sich aber doch herausstellt, daß er wirklich einmal ein Dienstbüchl unterschrieben hat. Die Behauptung des Georg Aigner wird jedoch unterstützt durch die eidliche Aussage der Köchin seines Dienstherrn, welche niemals solche Nudeln mit Zetteln gebacken haben will, so wie durch die Gerichtsdienerseheleute von Aibling, welche die Nudeln untersucht und nichts darin gefunden hatten, die überdies nur an den Max Aigner und nicht an die Mar. Westner geschickt worden waren. Elis. Niedermaier gab ferner noch an, daß ihr Georg Aigner mitgetheilt habe, es wäre besser gewesen, wenn sie den Westner statt zu erschlagen unter den Wagen gebracht hätten, damit es ausgesehen hätte, als wäre ihm ein Unglück zugestoßen. Diese Aeußerung findet einen seltsamen Wiederhall in der Deposition des Stationskommandanten Zepf, welcher die Mar. Westner alsbald in Au arretirte, denn hier fragte sie ihn schon, ob man denn wisse, daß ihr Mann erschlagen worden sei, er könne ja auch unter den Wagen gekommen seyn. Georg Aigner leugnet natürlich, je eine solche Aeußerung gegenüber der Niedermaier gemacht zu haben. Ein Widerspruch dieser Angeklagten ergibt sich ferner aus deren Behauptung, daß sie erst am Dienstag nach der That, nach ihrer Rückkehr von Glon, zwei blutbefleckte Hemden gewaschen haben will, während eine Nachbarin des Melcherbauern angibt, sie habe am Montag Morgen schon zwei Hemden auf der Laube des Blasibauern hängen sehen und es sei ihr auffallend gewesen, daß diese schon nach zwei Stunden wieder verschwunden waren. In dem ganzen Getriebe der gegenwärtigen Untersuchung ist es aber weitaus die Persönlichkeit des Mich. Mannhart, des Bruders der Mar. Westner, welche die gründlichste Verachtung und Abscheu erwecken muß, indem er, um aus dem Arbeitshaus zu kommen, nicht bloß dem dortigen Funktionär Ranft seine Mitschuld an diesem Morde vorspiegelte, sondern auch sogar seinen Beichtvater anlog, während er spater erklärte, daß seine Wissenschaft von dem Verbrechen nur von der Elis. Niedermaier herrühre. Dieser Mich. Mannhart sagt nun, daß er von Georg Aigner selbst auf einer Fahrt nach Rosenheim erfahren habe, wo der Melcherbauer erschlagen worden und daß Max Aigner der Thäter gewesen sei. Eben so soll auf die weitere Bemerkung Mannhart's, daß die Niedermaier nach Aibling gehen und Anzeige machen wolle, Georg Aigner geantwortet haben, indem er die Faust ballte: »das soll sie nur thun, dann darf sie Reu und Leid machen!« Georg Aigner erklärt dies Alles für falsch, aber auch die Niedermaier wiederholt, daß sie sich nur aus Furcht vor den Brüdern Aigner zu ihrer falschen Angabe habe hinreissen lassen, weil sie ihr drohten: »sie bekomme kaltes Eisen vor den Mund.« Zur Charakteristik des Mich. Mannhart wurde endlich noch ein früherer Sträfling Namens Schmidbauer vorgeführt, welcher auf seinen Eid hin angab, daß Mannhart ihm mitgetheilt habe, er habe aus Rache seine Schwester denuncirt; weil diese ihn in's Arbeitshaus gebracht habe, dafür bringe, er sie in's Zuchthaus. »Wenn's schön geht, bring' ich sie um den Kopf, und wenn's gut geht, kommen noch zwei hinein!« Deßgleichen bekundet der Funktionär Ranft, daß Mannhart bei seiner Ablieferung zur gegenwärtigen Schwurgerichtsverhandlung geäußert habe: »es thut mir nur leid, daß einer unschuldig dabei ist,« welches Wort Mannhart jetzt also deuten will, daß es sich auf den starken Hans bezogen habe, der, nach seiner Meinung, wieder verhaftet worden seyn soll.

Nach diesen Ergebungen begann das Plaidoyer, das, obwohl am dritten Tage bis Nachts 11 Uhr fortgesetzt, doch noch den ganzen nächsten Tag in Anspruch nahm und eines der glänzendsten genannt werden muß, das je in einem Gerichtssaal geführt, wie denn auch das Publikum alle Räume bis zum Schluss dicht besetzt hatte. Von der k. Staatsbehörde, wie von Seite der Vertheidigung wurde mit allem Aufwande von Scharfsinn und Beredsamkeit der schwierige Fall beleuchtet, und es muß als ein nicht kleiner Verlust betrachtet werden, daß diese sämmtlich gediegenen Reden verhallt sind und nicht in weitere Kreise dringen können. Hr. Oberstaatsanwalt v. Schab hielt sich auf Grund der gegenwärtigen Verhandlung für berechtigt, auf ein Schuldig aller Angeklagten antragen zu können, während die Vertheidigung durchweg auf Freisprechung plaidirte, weil einestheils die Angaben der Elis. Niedermaier und Mannhart's durchaus keinen Glauben verdienen und unmöglich eine feste Ueberzeugung gewinnen zu können geeignet erscheinen, und anderntheils eben für die Angeklagte Niedermaier die volle Glaubwürdigkeit beansprucht werden mußte, die deßhalb keinen Meineid begangen, weil sie ihre falsche eidliche Aussage noch rechtzeitig, vor Einleitung einer Untersuchung wegen Meineids zurückgenommen und überdieß die Handlung in Folge der Drohungen in einem nicht willensfreien Zustande verübt habe.

Den Geschwornen wurden dießmal 16 Fragen vorgelegt, welche vollständigen Spielraum gewährten und die persönliche Schuld in verschiedenen Abstufungen getrennt vorführten, um nicht in den früher gemachten Fehler zu verfallen. Nach 2½stündiger Berathung erklärten die Geschwornen durch ihren Obmann, Hrn. Kaufmann Riederer, bezüglich des Mordes den Max Aigner als physischen Urheber und die Maria Westner als intellectuelle Urheberin schuldig und verneinten alle den Gg. Aigner (vertheidigt von Hrn. Conc. Aub) betreffenden Fragen; bezüglich des Meineides und der Verleitung hiezu wurde Elis. Niedermaier (von Hrn. Conc. Rothmüller vertheidigt) freigesprochen und deßhalb die beiden Aigner nur des nächsten Versuches zu diesem Verbrechen für schuldig befunden; ebenso wurde die auf Meineid gerichtete Frage bezüglich der Westner bejaht. Nachdem der k. Oberstaatsanwalt die Strafanträge gestellt und der Gerichtshof sich zur Fällung des Urtheils zurückgezogen hatte, machte sich bei Max Aigner immer mehr eine heftige innere Bewegung geltend, die bald völlig zum Ausbruch kam. Er warf den HH. Geschwornen fein Miesbacherhütl zweimal vor die Füße und äußerte sich zornig: »Dös wär' mir die rechte Verhandlung, ich käm' unschuldig hinein und die da (auf Niedermaier deutend) wird frei, Dir g'hört was mir g'schieht; da habt's mein Hütl, den Kopf könnt's morgen auch haben!« Augenblicklich abgeführt, erlangte Max Aigner bis zur Verkündigung des Urtheils seine Ruhe wieder und hörte den Spruch gelassen an, der für ihn wie für die Maria Westner auf Todesstrafe lautet; Georg Aigner wurde zu 2½ Jahren Arbeitshaus verurtheilt und Elis. Niedermaier freigesprochen. Schluß der Sitzung um 11 Uhr Nachts.

Der Bayerische Landbote No. 344. München; Samstag, den 10. Dezember 1859.

Der Bayerische Landbote (26.2.1860)

München, 25. Febr. Schon am frühen Morgen hatte sich heute ungeachtet der großen Kälte eine zahlreiche Menge Neugieriger vor der Frohnveste eingefunden, um der nochmaligen Publikation des Todesurtheils und der Ausführung der beiden Delinquenten beizuwohnen. Auf der Richtstätte selbst war die Volksmenge weit zahlreicher als bei den in der letzten Zeit stattgehabten Hinrichtungen. Beide Delinquenten, Max Aigner, 35 Jahre alt, led. Dienstknecht von Sinnertsbichl, k. Ldg. Miesbach, und Michael Klotz, 27 Jahre alt, led. Schneidergeselle von Thierham, k. Ldg. Schrobenhausen, waren die letzten drei Tage vor ihrer Hinrichtung in ein und demselben Lokale vereinigt und empfingen daselbst gemeinschaftlich geistlichen Zuspruch, dem sich auch beide mit Reue und Andacht hingaben. Sie waren äußerst gefaßt und blieben standhaft bis zum letzten Augenblick. Max Aigner wurde zuerst enthauptet, derselbe weinte beim Auskleiden unter dem Schaffot noch bitterlich. Der andere Delinquent wurde zwischen die Salzstädel gefahren, und hatte daselbst zu verbleiben bis die Hinrichtung des erstern vollzogen war, was eine ziemlich lange, für den letztern Delinquenten wohl schreckliche Zeit in Anspruch nahm.

Mich. Klotz betrat mit festem Schritt das Schaffot und rief noch in dem Augenblick als er auf das Brett gelegt wurde, mit lauter, weithin gehörter Stimme die Gnade des Erlösers an. Von Seite ihrer Verwandten erhielt weder der Eine, noch der Andere in den letzten drei Tagen einen Besuch.

Der Bayerische Landbote No. 57. München; Sonntag, den 26. Februar 1860.

Bayerischer Kurier (26.2.1860)

Die Vollstreckung der vom Schwurgerichtshofe von Oberbayern ausgesprochenen, durch allerh. Signat vom 18. d. Mts. bestätigten Todesurtheile hat heute Morgens zwischen 7 und 8 Uhr an dem 27 Jahre alten Mich. Klotz und an dem 35 Jahre alten Dienstknecht Max Aigner öffentlich mittelst des Fallbeiles stattgefunden. Die beiden Delinquenten benahmen sich auf dem Weg zur Richtstätte äußerst zerknirscht und beteten laut mit den sie begleitenden Geistlichen. Klotz hätte ohne Unterstützung der Spitzwürfel die Stufen des Schaffots nicht ersteigen können, Aigner dagegen bestieg festen Schrittes das schauerliche Gerüst. Die Exekutionen, denen eine zahllose Menschenmenge trotz der großen Kälte beiwohnte, gingen rasch und sicher vorüber. Die Delinquenten waren wegen der Kälte mit Mänteln bekleidet und legten diese erst im Armensünderstübchen unter dem Schaffot ab. Ein stilles Gebet schloß jeden der traurigen Acte. Aus den geschichtlichen Darstellungen der Verbrechen beider Delinquenten theilen wir mit, daß Klotz und Aigner von frühester Jugend an arbeitsscheue und liederliche Burschen waren und daß Klotz den ebenfalls schlechtbeleumindeten 22 Jahre alten Mich. Münzhuber am 20. Juli v. Js. in einem Wald bei Thierham mittelst einer Holzaxt ermordet, May Aigner aber den Bauern Westner in der Nacht vom 10. auf 11. August 1857 mit einer 9 Schuh langen, armsdicken Wagenstange auf der Strasse bei Oberhofen erschlug. Am Tage nach der Verkündung des schwurgerichtlichen Urtheils ließ sich Aigner, der bis dahin gleich der Maria Westner fortwährend seine Unschuld betheuert hatte, zum Verhöre melden und legte nun das Bekenntniß ab, daß er nicht nur den früheren Anfall auf Westner ausgeführt, sondern denselben auch in Folge vorbedachten Entschlusses in der Nacht vom 10. auf den 11. Aug. 1857 auf die oben bezeichnete Weise erschlagen habe. Dabei erklärte er indeß, daß er die That aus eigenem Antriebe verübt habe,ohne von der Bäuerin Maria Westner hiezu verleitet worden zu sein. – Letztere wurde auch zur Kettentrafe begnadigt.

Bayerischer Kurier Nr. 56. München; Sonntag, den 26. Februar 1860.



© Reiner Kaltenegger · Gräber des Alten Südfriedhofs München · 2007-2026


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